Wie viele Protagonisten kann ein Roman vertragen?

Eine der häufigsten Fragen rund um Protagonisten ist, wie man Romane mit mehreren Protagonisten schreibt. Die Antwort auf diese Frage gefällt den meisten allerdings nicht: „Nach Möglichkeit gar nicht.“

Diese etwas launisch klingende Antwort hat einen Grund. Die meisten Romane werden besser und stärker, wenn man sich auf einen einzigen Protagonisten beschränkt.

Aber wird das nicht langweilig? Man braucht doch eine große Besetzung, um eine spannende und abwechslungsreiche Romanhandlung zu schreiben, oder etwa nicht? Eher „etwa nicht“. Auf je weniger zentrale Charaktere (wir reden hier also nicht über Nebenfiguren oder gar Statisten, sondern nur über Protagonisten und Antagonisten!) man sich beschränkt, desto intensiver kann man sich innerhalb seines Romans mit diesen Charakteren beschäftigen. Ein Protagonist und ein Antagonist, die durch einen packenden zentralen Konflikt aneinander gebunden sind – das ist alles, was wir im Normalfall brauchen.

Buddy-Teams und Heldengruppen

Aber was ist mit den berühmten Buddy-Filmen, in denen es meist um zwei ungleiche Charaktere geht, die sich im Laufe der Handlung erst zusammen raufen müssen, um dann gemeinsam mit vereinten Kräften das Problem zu lösen oder den gemeinsamen Feind zu besiegen? Denken Sie beispielsweise an „Rush Hour“, „Lethal Weapon“, „Nur 48 Stunden“ oder auch „Shanghai Noon“. Haben diese Filme etwa nicht zwei Protagonisten?

Eigentlich nicht. Bei genauerer Betrachtung der Handlungen solcher Filme (oder Romane) wird man meist feststellen, dass es einen ‚echten‘ Protagonisten und einen Partner/Sidekick gibt.

Die beste Methode, den wahren Protagonisten eines Romans oder Films zu identifizieren, ist die Frage, wessen Geschichte hier erzählt wird. Dazu muss man zunächst Plot und Geschichte voneinander trennen. Der Plot ist, was passiert – die äußerlichen Ereignisse. Die Geschichte ist, was mit dem Protagonisten passiert und wie er sich dadurch verändert. Erst wenn man beides zusammen betrachtet, wird daraus eine vollständige Handlung.

Wenn Sie versuchen, die Geschichte eines Romans oder Films für jemanden zusammenzufassen, der diesen noch nicht kennt, werden Sie vermutlich kaum sagen: „Es ist die Geschichte von einem Vulkanausbruch, bei dem eine halbe Stadt verwüstet wird und viele Menschen umkommen“, sondern eher: „Es ist die Geschichte eines Mannes, der erst durch eine Naturkatastrophe erkennt, was ihm im Leben wirklich wichtig ist, und so wieder mit der Frau zusammen kommt, deren Liebe er vor Jahren durch eine falsche Entscheidung verloren hatte.“

Wie heißt es so schön: Wir können nicht immer kontrollieren oder auch nur beeinflussen, was geschieht, aber wir haben jederzeit die Kontrolle darüber, wie wir die Ereignisse interpretieren und wie wir darauf reagieren. Jemand, der seinen Job verliert, kann zu dem Schluss kommen, dass er ruiniert ist, da er in seinem Alter keinen neuen Job mehr finden wird. Er verliert sich in Selbstmitleid, beginnt zu viel zu trinken und seine Probleme werden immer größer. Eine andere Person in derselben Situation kann das eigentlich negative Ereignis des Jobverlusts als Fingerzeig und Chance interpretieren und beschließen, sich endlich selbstständig zu machen.

Die Differenzierung zwischen dem Ereignis und unserer Interpretation/Reaktion hierauf bringt die Sache recht gut auf den Punkt. Der Plot ist, was passiert. Die Geschichte ist, wie der Protagonist diese Ereignisse interpretiert, wie er darauf reagiert und wie er sich hierdurch im Laufe der Handlung verändert.

Auch wenn es in einem Roman natürlich durchaus mehrere Charaktere geben kann, die sich aufgrund der Ereignisse (also des Plots) verändern, sollten wir uns im Normalfall immer für eine einzige Person entscheiden, deren Geschichte wir erzählen wollen.

Alle anderen Figuren sollten wir zunächst einmal als „zweite Garde“ betrachten. Dazu gehören Archetypen wie der Mentor, der Sidekick oder die Liebesbeziehung des Protagonisten. Sie sind durchaus wichtig für die Handlung, aber sie sind keine Protagonisten.

Bei den oben erwähnten Buddy-Stories ist es meist so, dass einer der beiden Partner der Protagonist ist, während der andere entweder die Rolle des Mentors oder des Sidekicks annimmt – je nachdem, was eher gebraucht wird, um die Geschichte des Protagonisten (also seine Veränderung / sein Wachstum im Laufe der Handlung) zu erzählen.

Auch bei ganzen Heldengruppen („Die Kanonen von Navarone“, „Der Herr der Ringe“…) gibt es üblicherweise einen Protagonisten, dem die zentrale Rolle zukommt, während die anderen Angehörigen der Gruppe sich auf „zweite Garde“ und „Nebenfiguren“ verteilen. Der Protagonist muss dabei nicht zwangsläufig der Anführer der Gruppe sein, auch wenn dies in relativ vielen Handlungen so ist. Manchmal startet der Protagonist als normales Mitglied einer Gruppe und muss im Laufe der Handlung erst zum ‚Helden‘ heran reifen, wobei in solchen Handlungen der Anführer der Gruppe oft die Rolle des Mentors übernimmt. Denken Sie beispielsweise an die Abenteurergruppe aus „Der Hobbit“ und den Einfluss, den die beiden Anführer der Gruppe, Gandalf und Thorin, im Laufe der Handlung auf Bilbos Charakterwachstum haben.

Sonderfall Liebesgeschichten

Liebesgeschichten sind ein Sonderfall. Hier hat man scheinbar zwei Protagonisten (nämlich die beiden Liebenden, die zueinander finden müssen), doch meist ist es auch hier nur eine der Personen, die sich wirklich ändern muss, damit es zum „Happy End“ kommen kann – und diese ist dann der Protagonist, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt werden sollte.

Filme sind hier für eine Analyse weniger geeignet als Romane, da es dort weniger einfach ist, den Haupt-Perspektivcharakter zu erkennen. Da im Film in erster Linie die Ereignisse gezeigt werden, während man im Roman auch die Gedanken (und damit die Entwicklung) der Charaktere mitbekommt, ist die Differenzierung, wer nun der Protagonist ist, oft nicht ganz so einfach.

Nehmen wir als Beispiel den Film „Pretty Woman“: Wessen Geschichte ist es – die der Prostituierten Vivian Ward oder die des Corporate Raiders Edward Lewis? Beide verändern sich im Laufe der Handlung: Vivian wird zur selbstbewussten, weltgewandten Frau und Edward krempelt sein Leben um, trennt sich von seinem unsympathischen Geschäftspartner, verarbeitet seine traumatische Beziehung zu seinem Vater und setzt sein Geld produktiv ein, um eine Firma zu retten, statt sie zu zerschlagen und in Teilen zu verkaufen.

Wenngleich Vivian, die titelgebende „Pretty Woman“ auch durch die Präsenz ihres Mentors (des Hotelmanagers Bernard Thompson) als Protagonistin in den Mittelpunkt gerückt wird, sehe ich in der Figur des Edward Lewis die größere charakterliche Veränderung. Wäre „Pretty Woman“ ein Roman, hätte sich der Autor entscheiden müssen, wessen Geschichte er wirklich schreiben will: die von Edward, dessen Leben durch eine außergewöhnliche Frau verändert wird, oder die Aschenputtel-Geschichte von Vivian.

Dennoch sieht man an diesem Beispiel, dass Liebesgeschichten auch mit zwei ‚echten‘ Protagonisten funktionieren, wenn beide sich im Laufe der Handlung verändern, um am Ende zusammenkommen zu können.

Epische Romane mit mehreren Protagonisten

Natürlich gibt es auch Romane mit mehreren ‚echten‘ Protagonisten, doch hierbei handelt es sich meist um wahrhaft epische Geschichten wie beispielsweise „Game of Thrones“ (eigentlich: „Das Lied von Eis und Feuer“) von George R. R. Martin. Je mehr ‚echte‘ Protagonisten man in einer Romanhandlung hat, desto mehr Platz braucht man als Schriftsteller, um die Geschichte jedes dieser Protagonisten (also ihre persönliche Heldenreise bzw. Entwicklung) in der angemessenen Ausführlichkeit zu erzählen.

Solche epischen Handlungen sind meist mehrere Geschichten in einem, die lediglich dadurch miteinander verbunden sind, dass sie sich parallel zueinander ereignen und dass die Schicksale der einzelnen Protagonisten durch gemeinsame Handlungsstränge und oft entgegengesetzte Ziele miteinander verknüpft sind.

Handlungen mit mehreren Protagonisten haben sowohl Vor- als auch Nachteile. Ob man den großen Umfang, den eine solche Story erfordert, als Vor- oder Nachteil betrachtet, muss jeder Schriftsteller für sich entscheiden. Manche Autoren lieben es, epische Geschichten zu erzählen, doch läuft man dabei leicht Gefahr, sich zu verzetteln. Gerade, wenn man wie George R. R. Martin nicht alles im Voraus plant, sondern die Handlung erst während des Schreibens entdeckt, entwickeln derartige Handlungen oft ihre Eigendynamik: neue Protagonisten tauchen auf (oft, indem bisherige Nebenfiguren plötzlich ihren eigenen Handlungsstrang und ihre eigene ‚Geschichte‘ bekommen) und ehe man sich versieht, steckt man mitten in einer mehrbändigen Romanserie, die zur Lebensaufgabe mutiert.

Wenn Sie mir nicht glauben, denken Sie nur an das bereits erwähnte „Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin. Als er 1991 (also vor einem Vierteljahrhundert!) mit dem Schreiben des ersten Bandes begann, plante er die Handlung als Trilogie. Mittlerweile ist er bereits bei fünf Bänden (von denen jedes so umfangreich ist, dass sie in Deutschland jeweils aufgeteilt auf zwei Bücher veröffentlicht wurden) und geht mittlerweile davon aus, dass er noch mindestens zwei weitere Bücher brauchen wird, um seine Romanserie abzuschließen. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass Martin an jeden Band über fünf Jahre schreibt und mit Jahrgang 1948 auch nicht mehr der Jüngste ist, kann man hier wirklich ohne Übertreibung von einer Lebensaufgabe sprechen.

Natürlich hat ein Epos mit zahlreichen ‚echten‘ Protagonisten auch Vorteile. Es ist leichter, den Leser bei der Stange zu halten, indem man immer an den spannendsten Stellen, an denen der Leser unbedingt erfahren möchte, wie es weiter geht, auf den Handlungsstrang eines anderen Protagonisten umschaltet und auch diesen bis zu einer besonders dramatischen Stelle weiter schreibt, bevor man das Spielchen wiederholt. Wer also gerne mit Cliffhangern arbeitet, wird Romane mit mehreren Protagonisten lieben. ;-)

Der zweite Vorteil ist, dass man bei mehreren Protagonisten nicht unbedingt jede der Geschichten gut enden lassen muss – auch wenn man nicht gleich wie George R. R. Martin regelmäßig die durch neue Charaktere und ‚aufgewertete‘ Nebencharaktere anwachsende Protagonisten-Garde auf bitterböse und für den Leser meist völlig unerwartete Weise ausdünnen muss. Wenn man in einer epischen Handlung mehrere Protagonisten hat, kann man durchaus eine oder mehrere davon tragisch enden lassen. Solange es für andere Protagonisten ein positives Ende gibt, werden Leser dies meist eher akzeptieren, als wenn der eine ‚echte‘ Protagonist des Romans am Ende scheitert oder stirbt.

Fazit

Versuchen Sie nach Möglichkeit, sich bei der Planung Ihres Romans auf einen einzigen Protagonisten festzulegen, dessen Geschichte Sie erzählen wollen. Nehmen Sie nur dann weitere Protagonisten dazu, wenn Ihre Handlung so komplex ist, dass Sie diese beschädigen würden, indem Sie diese Figur in die ‚zweite Garde‘ herunter stufen.

Jeder weitere Protagonist braucht ausreichend Platz auf den Seiten Ihres Romans, um seine Geschichte in der angebrachten Ausführlichkeit zu erzählen, und bringt die Gefahr mit sich, den Leser zu verwirren. Die meisten Leser bevorzugen einen klar definierten Protagonisten, dem sie die Daumen drücken und mit dem sie mitfiebern können. Aber letztendlich ist es natürlich allein Ihre Entscheidung, wie viele ‚echte‘ Protagonisten Sie für Ihre Handlung brauchen.

Der kompetente Protagonist: Superheld oder Alltagsheld?

Eine der wichtigsten Eigenschaften des Protagonisten ist, dass er kompetent ist – also besonders gut in einer ganz bestimmten Sache. Auch im wahren Leben lieben wir es, echten Könnern ihres Fachs bei der Arbeit zuzusehen – egal, ob es sich um Jongleure und andere Artisten, Maler wie Bob Ross, die innerhalb weniger Minuten beeindruckende Kunstwerke erschaffen, Meisterköche, Musiker oder um Zauberkünstler handelt.

Wir schätzen und honorieren Kompetenz, und darum ist es eine bewährte Taktik, den Protagonisten eines Romans in einer bestimmten Sache besonders kompetent zu machen. Die Frage ist nur, was für eine Art von Protagonist wir erschaffen wollen: einen ‚Superhelden‘ oder einen ‚Alltagshelden‘?

Wer bei ‚Superheld‘ direkt an diverse maskierte/kostümierte Comichelden denkt, die durch die Comics und deren Verfilmungen von Marvel und DC fliegen, schweben oder schwingen – keine Sorge: das ist nicht das, was ich mit einem ‚Superhelden‘ meine.

Ein ‚Superheld‘ ist nach meiner Definition jemand, der für die Lösung eines Problem prädestiniert ist und die passenden Fähigkeiten, Kenntnisse und Ausrüstungsgegenstände gleich mitbringt.

Ihm gegenüber steht als Kontrast der ‚Alltagsheld‘, der zwar ebenfalls kompetent ist – nur eben nicht in den Dingen, die man üblicherweise für die Lösung eines solchen Problems benötigen würde.

Für so ziemlich jedes Problem, das man in einem Roman thematisieren könnte, können wir uns den passenden ‚Superhelden‘ vorstellen:

Ein megalomanischer Verbrecherboss versucht, die Welt mit gestohlenen Atombomben zu erpressen? Wer wäre besser geeignet, sich hierum zu kümmern, als ein Agent vom Schlage eines James Bond, der jeden Gegner mühelos ausschalten, jedes Flugzeug fliegen, jeden noch so neuen und geheimen Computer bedienen und jede verschlüsselte Botschaft mühelos entschlüsseln kann?

Oder nehmen wir ein Atomkraftwerk, das von Terroristen besetzt wird, ein Eishockeystadion, das während des großen Finalspiels von Gangstern überfallen wird oder einen Flugzeugträger, der von feindlichen Streitkräften überfallen wird. Nach der Hollywood-08/15-Formel hat garantiert entweder der Koch oder der Hausmeister eine Vergangenheit als Agent oder als Navy Seal, die es ihm ermöglicht, die Gegner einen nach dem anderen auszuschalten und am Ende die tickende Bombe wenige Sekunden vor der Explosion zu entschärfen.

Manchmal sind Superhelden-Romane wie diese spannend zu lesen. Doch für den Autor haben sie den Nachteil, dass auch die antagonistischen Kräfte überproportional hochskaliert werden müssen, um dem Superhelden-Protagonisten noch eine echte Herausforderung zu bieten. Ein gutes Beispiel dafür sind die Romane von Matthew Reilly: In den Abenteuern seines wahrhaft superheldenhaften Protagonisten Shane ‚Scarecrow‘ Schofield wird die Action derart aufgepumpt, dass einem ein handelsüblicher Bond-Film dagegen wie ein dröges Kammerspiel vorkommt: Ständig tickt irgendwo ein Countdown, während Schofield es gleich mit mehreren auch untereinander verfeindeten und zahlenmäßig weit überlegenen feindlichen Gruppierungen zu tun bekommt – dazu kommen noch feindliche Helikopter und Atom-U-Boote sowie diverse lebensgefährliche Vertreter der jeweils heimischen Tierwelt – von Killerwalen über Eisbären bis hin zu genmanipulierten Gorillas. Ich liebe diese Romane, genau wie ich gut gemachte Hollywood-Blockbuster liebe, aber trotz allem steht hier der Plot im Vordergrund, nicht die Entwicklung der Charaktere – und außerdem dürfte Reilly sich schwer tun, nach „Arctic Fire“ von 2013 die mittlerweile schon verdammt hoch liegende Action-Messlatte mit dem nächsten Schofield-Roman noch einmal ein Stück anzuheben.

Wenn wir also einen ‚Superhelden‘ als Protagonisten haben, liegt der Fokus der Handlung meist darauf, ihn mit immer mehr und immer größeren Problemen und Widersachern zu konfrontieren, mit denen er unter teils enormem Zeitdruck fertig werden muss. Für den Leser ist die zentrale Frage: Womit wird der Autor den Helden als nächstes herausfordern / in Zugzwang bringen?

Beim ‚Alltagshelden‘ ist der Protagonist zwar ebenfalls äußerst kompetent, aber nicht einmal der Leser kann sich vorstellen, wie ihm seine besondere Fähigkeit bei der Lösung des zentralen Problems des Romans helfen könnte. Wenn also eine Seuche in Rio de Janeiro ausbricht, wäre ein Experte für Quipus und Maya-Schriften, dessen Tochter in der unter Quarantäne gestellten Stadt fest sitzt, nicht gerade der wahrscheinlichste Kandidat, um die Situation zu retten.

Das macht den Roman natürlich gleich wesentlich spannender, als wenn wir einen berühmten Epidemiologen in dieselbe Situation bringen. Während bei dem Epidemiologen als Protagonist schon ziemlich klar ist, worauf die Handlung hinaus laufen wird, wirft der Experte für Quipus und Maya-Schriften deutlich mehr Fragen beim Leser auf: Wird er nur versuchen, seine Tochter aus der Stadt heraus zu holen, bevor auch sie infiziert wird? Aber was ist, wenn auch bei ihr die Krankheit bereits ausgebrochen ist? Vielleicht stellt sich heraus, dass die Seuche von einem Forscher eingeschleppt wurde, der erst vor wenigen Tagen von einer Expedition zu einem kürzlich im Urwald entdeckten Maya-Tempel zurückgekehrt ist, und irgendwo in den alten Tempelanlagen die Formel für ein Gegenmittel ruht – nur dass diese noch in der Schrift der Maya verfasst wurde, so dass die Expedition zur Maya-Tempelruine die Hilfe des Experten benötigt.

Generell kann man sagen, dass um so mehr Action und Schwierigkeiten erforderlich sind, je mehr man beim Entwurf seines Protagonisten in Richtung „Superheld“ tendiert: Der Protagonist muss im Laufe der Handlung wachsen, um letztendlich Schwierigkeiten zu überwinden, mit denen er zu Beginn des Romans noch überfordert gewesen wäre – entweder, indem er neue Fähigkeiten erwirbt, sich seiner wahren Stärken bewusst wird oder seine Schwächen überwindet. Das ist ein bisschen wie beim Muskelaufbau durch Gewichtheben: je stärker jemand bereits ist, desto mehr Gewichte muss man auflegen, damit derjenige auch nur einen leichten Muskelkater bekommt. Die Gewichte, die einem Anfänger unüberwindbar erscheinen, würden einem geübten Bodybuilder nur ein müdes Lächeln entlocken.

Mit einem ‚Superhelden‘ als Protagonisten müssen Sie also allein darum schon für viel größere, dramatischere und schwerere Probleme und Komplikationen sorgen – schließlich würden sich Ihre Leser langweilen, wenn Sie Ihren Protagonisten unterfordern und er seine Probleme mit Leichtigkeit lösen kann.

Stellen Sie sich vor, dass Ihr Protagonist von einer Bande jugendlicher Schläger bedroht wird. Wenn Ihr Protagonist ein unsportlicher, introvertierter Schüler oder eine alleinerziehende Mutter mit kleinen Kindern ist, ist das eine echte Herausforderung, die den Leser mitfiebern lässt.

Stellen Sie sich auf der anderen Seite vor, dass die jugendlichen Schläger sich mit jemandem anlegen, der sich als meisterlicher Kampfsportler, als übellauniger Hells-Angels-Motorradrocker oder als ehemaliger Elitesoldat herausstellt. So etwas wäre vielleicht Stoff für eine einzelne Szene, die für den einen oder anderen Lacher gut ist, aber keinesfalls für einen ganzen Roman – schlicht und einfach, weil es keine Herausforderung wäre und damit auch kein Problem gäbe. Und ohne ein echtes Problem haben wir nun mal keine Handlung für einen spannenden Roman.

Pauschal kann man sagen: bei ‚Superhelden‘ liegt der Fokus darauf, diese mit immer mehr Problemen, Komplikationen, Zeitdruck und ständig steigenden Einsätzen zu überhäufen. Als Autor legen Sie sozusagen immer wieder zusätzliche Gewichte auf, so dass sich der Leser fragt: kann er auch das noch stemmen?

Beim ‚Alltagshelden‘ liegt der Fokus hingegen darauf, wie sich der Protagonist streckt und wächst, wie er daran arbeitet, seine Schwächen zu überwinden und neue Fertigkeiten zu entwickeln, um das anfangs unüberwindlich erscheinende Problem zu bewältigen – und natürlich auf seiner Kreativität. Während der ‚Superheld‘ bestens für eine derartige Herausforderung ausgebildet und gerüstet ist, muss der ‚Alltagsheld‘ improvisieren und überlegen, wie er seine persönlichen Stärken und Fähigkeiten einsetzen kann, um das Problem zu lösen.

Nehmen wir als Beispiel eine Geschichte über eine Frau, die nach fünf Jahren Ehe von ihrem Mann verlassen und mit einem Haufen Schulden zurückgelassen wird, sodass nun ihr Haus kurz vor der Zwangsversteigerung steht.

Wenn diese Frau so attraktiv und talentiert ist, dass sie prompt einen hochbezahlten Job als Model oder Schauspielerin findet, ist sie eine ‚Superheldin‘. Dasselbe gilt, wenn sie vor ihrer Ehe als Wissenschaftlerin gearbeitet hat und nun im heimischen Hobbykeller eine geniale Erfindung macht, die sie finanziell saniert. Egal, mit welchen Problemen man als Autor eine solche ‚Superhelden‘-Protagonistin im weiteren Verlauf einer solchen Handlung überschüttet: diese haben vermutlich mehr mit dem eingeschlagenen Weg als mit dem anfänglichen Problem (verlassen und pleite) zu tun.

Mit einer ‚Alltagsheldin‘ muss man weniger neue Probleme aus dem Ärmel schütteln: das anfängliche Problem ist bereits groß genug. Wenn Ihre Protagonistin nur eine Ausbildung als Maßschneiderin hat und sich zusätzlich auch noch um ihre beiden kleinen Kinder kümmern muss, ist es nicht nur realistischer, sondern auch für den Leser wesentlich spannender, wenn die Protagonistin es am Schluss schafft, mit ihrer eigenen Kreativität und der Hilfe ein paar guter Freunde ihr eigenes Modelabel aufzubauen und dabei vielleicht auch mit einem ihrer Freunde, der schon immer heimlich für sie geschwärmt hatte, einen neuen und besseren Mann zu finden.

Natürlich gibt es auch Romanhandlungen, die geradezu prädestiniert für einen ‚Superhelden‘ sind. Wenn die Herausforderung von Anfang an so groß ist, dass sie von einem normalen ‚Alltagshelden‘ realistisch gesehen überhaupt nicht bewältigt werden könnte, können Sie auch zu einem ‚Superhelden‘ greifen, ohne dass die Handlung allein dadurch schon langweilig würde.

Wenn das Problem darin besteht, einen einzelnen Mann tief ins Feindesland zu schicken, um eine gut bewachte und schwer befestigte feindliche Basis zu zerstören, die Nachschublinien des Feindes zu unterbrechen und die gefangenen Kameraden aus einem Gefangenenlager zu befreien, wird man natürlich keinen Klempner oder Architekten schicken, sondern einen erfahrenen Agenten oder Elite-Soldaten. Aber wer als Leser zu einem Roman mit einer solchen Handlung greift, erwartet auch einen ‚Superhelden‘ als Protagonisten – und die Erwartungen des Lesers sollte man natürlich nicht enttäuschen, wenn man möchte, dass die eigenen Bücher auch in Zukunft noch gelesen werden. ;-)

Überlegen Sie sich daher genau, welche Art von Protagonist für Sie und Ihren Roman am besten geeignet ist: ein ‚Superheld“ – oder doch lieber ein ‚Alltagsheld‘?

Der Protagonist – das Herzstück Ihres Romans

In dieser Woche startet, wie bereits angekündigt, die neue Artikelserie zum Schwerpunktthema „Protagonisten“ – also rund um alles, was einen guten Protagonisten (auch gern als „Hauptheld“ bezeichnet) ausmacht und welche Punkte man als Schriftsteller beim Entwurf eines solchen Protagonisten beachten sollte.

Diese Artikelserie versteht sich natürlich keinesfalls als „Regelwerk“. Gerade beim kreativen Schreiben gibt es für jede vermeintliche Regel zahllose Beispiele aus der Literatur, bei denen diese Regel nicht nur missachtet, sondern geradezu in ihr Gegenteil verkehrt wurde – und das, ohne die Wirkung und den Erfolg des Romans dadurch zu schmälern.

Betrachten Sie die Artikel dieser Serie lieber als eine Art Werkzeugkasten, dessen einzelne Werkzeuge Sie in Ihr Repertoire aufnehmen und bei Bedarf einsetzen können. Sie müssen keinesfalls bei jeden Roman (bzw. bei jedem Protagonisten, den Sie entwerfen) jedes Werkzeug einsetzen – in der Praxis wird es eher so sein, dass Sie bestimmte „Lieblingswerkzeuge“ besonders häufig verwenden, während andere weitgehend ungenutzt in der Ecke verstauben.

Wie in sehr vielen Bereichen des kreativen Schreibens ist auch hier weniger wichtig, WAS man tut, sondern eher, dass man sehr genau weiß, WARUM man sich dafür entschieden hat, es genau so zu machen. Und je größer Ihr Werkzeugkasten ist, desto mehr Möglichkeiten haben Sie, abwechslungsreiche und bemerkenswerte Protagonisten zu erschaffen. Oder um es mit den Worten von Abraham Maslow zu sagen: „Wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.“ ;-)

Aber zurück zum Protagonisten…

Wenn es um das Schreiben von Romanen geht, steht und fällt alles mit dem Protagonisten, dem “Helden“ des Romans, dessen Schicksal den Leser so sehr fesseln und mitreißen soll, dass er das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mag.

Leser greifen zu Romanen, um die Erlebnisse und Abenteuer interessanter Personen mitzuerleben und so eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Ein interessanter Plot oder ein gut formulierter Klappentext können einen Leser dazu bringen, ein Buch zur Hand zu nehmen und es vielleicht sogar zu kaufen, doch ohne einen interessanten Protagonisten wird er das Buch kaum zu Ende lesen.

Wenn Plot und Protagonist die beiden Seiten einer Medaille sind, ist der Protagonist die “Butterseite“. Ein guter Protagonist kann zwar durchaus einen seichten oder schwächelnden Plot vor der Belanglosigkeit retten, aber selbst der beste Plot wird kaum einen Leser dazu bringen können, ein Buch mit einem flachen, unglaubwürdigen und uninteressanten Protagonisten zu Ende zu lesen. Ein guter Protagonist hat daher meist einen wesentlich größeren Anteil am Erfolg eines Romans als der eigentliche Plot.

Doch welche Punkte sollte man beim Entwurf eines Protagonisten beachten? Muss er sympathisch sein? Und wenn ja – woher kommt dann der Erfolg von Antihelden wie Dexter Morgan oder Walter White? Muss er smart und intelligent sein? Aber was ist dann mit Figuren wie Forrest Gump?

In den nächsten Wochen werden wir uns mit den unterschiedlichen Techniken, Tricks und Kniffen beschäftigen, mit deren Hilfe wir Protagonisten entwerfen können, die unsere Leser in ihren Bann ziehen und ihnen auch über die letzte Seite des Romans hinaus noch in Erinnerung bleiben werden.

Vorab nur kurz zu den Begrifflichkeiten: In dieser Artikelserie verwende ich durchgängig die Bezeichnung “der Protagonist“, obwohl das Gesagte natürlich ebenso für weibliche Protagonisten gilt. Ich will damit ‚politisch korrekte‘, aber in der Praxis fürchterlich verschwurbelte Konstruktionen wie “der Protagonist / die Protagonistin“ oder gar “der/die ProtagonistIn“ vermeiden, die jeden Text zur Unlesbarkeit verdammen. Ebenso wenig will ich wie manche Autoren in bemühtem Gleichberechtigungsdenken von vorneherein nur noch von „der Protagonistin“ reden, sondern bleibe beim klassischen „der Protagonist“ – egal ob die Hauptfigur des Romans „der Concierge Marc“, „die Fotografin Petra“ oder „das Schnabeltier Henry“ ist. ;-)

Die Bezeichnung Protagonist ist allgemeiner und treffender als gerne verwendete Bezeichnungen wie “Held“ oder “Hauptheld“. Ein Protagonist muss nicht notwendigerweise heldenhaft sein. Er ist lediglich die Figur, um deren Problem es innerhalb des Romans geht – nicht mehr und nicht weniger.

Wie einem Wikipedia verrät, stammt der Begriff „Protagonist“ aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie „der Erst-Handelnde“ – im Gegensatz zu seinem Widersacher, dem „Antagonisten“ (= „der Gegen-Handelnde“), was auch ein allgemeinerer und gerade dadurch treffenderer Begriff als das gern verwendete „Schurke“ ist.

Protagonisten müssen nicht zwangsläufig gut sein, Antagonisten nicht zwangsläufig böse. Die besten Geschichten entstehen, wenn beide Seiten aus ihrer Sicht im Recht sind und es allein die Entscheidung des Autors ist, auf wessen Seite er sich schlägt und wen er dadurch zum „Protagonisten“ macht.

Aber springen wir noch einen Schritt zurück – zu einer Formulierung, über die Sie vielleicht beim Lesen gedanklich gestolpert sind: Der Protagonist ist „die Figur, um deren Problem es innerhalb des Romans geht“.

Das hört sich für die meisten von uns zunächst einmal gar nicht positiv an. Niemand hat gerne Probleme, und wenn man von jemandem sagt, dass derjenige „ein Problem“ oder gar „Probleme“ hat, meinen wir meist damit, dass das Leben dieser Person mehr oder weniger stark aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Und genau das ist die erste Voraussetzung für einen guten Protagonisten: sein Leben muss entweder bereits zu Beginn der Handlung im Ungleichgewicht sein oder aber zu Beginn des Romans durch ein einschneidendes Ereignis aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Zufriedene, glückliche Menschen, deren Leben sich in perfekter Balance befindet, geben lausige Protagonisten ab. Wo sollen Spannung und Konflikt herkommen, wenn alles eitel Freude und Sonnenschein ist?

Nein, wir brauchen Protagonisten, deren Leben im Ungleichgewicht ist und für die eine Menge auf dem Spiel steht – je mehr, desto besser! Entweder ist der Protagonist zu Beginn der Handlung mit seiner aktuellen Situation unzufrieden und beschließt, etwas daran zu ändern (proaktiver Protagonist), oder aber sein Leben wird von einem unerwarteten Ereignis aus dem Gleichgewicht gebracht und er muss nun versuchen, alles wieder ins Lot zu bringen (reaktiver Protagonist). Die Frage ist lediglich, wer mit seinem Plan die Lawine ins Rutschen bringt: der Protagonist oder der Antagonist.

Der Protagonist ist jemand, der etwas erreichen, verhindern, erlangen oder loswerden will – und das gestaltet sich für ihn alles andere als einfach. Da wäre der Antagonist, dessen Ziel sich mit dem unseres Protagonisten absolut nicht unter einen Hut bringen lässt, die Schwäche des Protagonisten, die er im Laufe des Romans überwinden muss, eventuell noch das ein oder andere Handicap, um das er herum planen oder mit dem er sich arrangieren muss, und vieles mehr. Ja, man kann wohl wirklich ohne Übertreibung sagen, dass der typische Protagonist ein ziemliches Problem hat. Mindestens eines. Und auch wenn das aus der Sicht des Protagonisten eine äußerst unangenehme Sache ist – für den Roman ist es umso besser, je mehr Steine, Stöcke und rotierende Kettensägen Sie als Autor ihm auf dem Weg zum ersehnten Ziel in den Weg werfen. Hiob lässt grüßen. ;-)

Aber keine Sorge – auf all diese Punkte werden wir in den nächsten Wochen noch wesentlich ausführlicher eingehen…

Das ganze Spektrum der Protagonisten

Der Begriff des „Protagonisten“ lässt eine wesentlich größere Bandbreite zu als der des „Helden“. Jeder vom kleinen Kind bis zum alten Mann kann ein Problem haben, das sich nicht ohne weiteres lösen lässt und das das Zeug dazu hat, daraus einen Roman zu machen.

Wir müssen uns mit dem „Protagonisten“ nicht einmal auf Menschen beschränken. Auch ein Alien, eine Möwe oder eine künstliche Intelligenz kann zum Protagonisten werden – auch wenn dies den Autor meist vor größere Herausforderungen als ein menschlicher Protagonist stellen dürfte. Dass es dennoch möglich ist, sehen wir an bekannten Beispielen wie Willam Kotzwinkles „E.T. – Der Außerirdische“, „Die Möwe Jonathan“ von Richard Bach oder „Supertoys Last All Summer Long“ (der Vorlage für den Film „A.I. – Künstliche Intelligenz“) von Brian Aldiss.

Wenn Sie gedanklich einmal diverse Romane, die Sie im Laufe der Jahre gelesen haben, vor Ihrem geistigen Auge Revue passieren lassen, sehen Sie, was für ein breites Spektrum an völlig unterschiedlichen Charakteren der Begriff des Protagonisten abdeckt – von klassischen Helden bis hin zu (zumindest anfangs) herrlich unsympathischen Charakteren wie Ebenezer Scrooge aus der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens.

Das Medium ist für diese Betrachtung zunächst einmal zweitrangig. Es spielt für unsere Zwecke keine große Rolle, ob wir den Protagonisten eines Romans, eines Kinofilms, eines Comics oder einer Fernsehserie betrachten. Je weniger wir uns bei unserer Betrachtung auf ein bestimmtes Medium oder gar ein bestimmtes Genre beschränken, desto mehr sehen wir, was alles machbar ist – und auch schon gemacht worden ist.

Überlegen Sie sich daher ruhig einmal, was Ihre persönlichen Lieblings-“Helden“ aus Literatur und Film sind. Welche Charaktere gehen Ihnen auch nach Jahren nicht aus dem Kopf und würden Sie gegebenenfalls mühelos dazu verleiten können, zu einer Fortsetzung ihrer Abenteuer zu greifen?

Mögen Sie eher die kleine Mathilda aus Roald Dahls gleichnamigem Roman oder die durchtriebene Emily Thorne aus der Serie „Revenge“? Daryl Dixon aus „Walking Dead“ oder Sherlock Holmes? Jane Eyre oder Katniss Everdeen aus „Die Tribute von Panem“? Richard Sharpe aus den Scharfschützen-Romanen von Bernard Cornwell oder Dexter Morgan aus Jeff Lindsays Romanen? Bella Swan aus „Twilight“ oder doch eher Sydney Bristow aus der „Alias“-Serie? Frank Slade aus „Der Duft der Frauen“ oder Walter White aus „Breaking Bad“?

Die kontrastreich zusammengestellten „Paare“ mögen Sie vielleicht stutzen lassen – aber das ist genau die Absicht. Überlegen Sie, welche ‚Helden‘ Ihr Herz gewinnen konnten und Sie mitfiebern ließen, und welche Sie eher kalt ließen. Schreiben Sie die Eigenschaften dieser Protagonisten auf: ihre Stärken, ihre Schwächen, ihre Ziele und die Probleme, mit denen sie zu kämpfen hatten. Je mehr Ihre Liste wächst, desto mehr werden Sie merken, dass sich trotz der vermutlich recht großen Bandbreite scheinbar ganz unterschiedlicher Charaktere bestimmte Muster abzuzeichnen beginnen.

Markieren Sie diese Punkte und Gemeinsamkeiten und überlegen Sie, warum gerade dieser Aspekt eine Saite in Ihrem Inneren berührt und zum Klingen bringt. Die „gemeinsamen Nenner“ zu finden, die viele Ihrer Lieblingsfiguren miteinander teilen, hilft Ihnen dabei, Protagonisten zu entwickeln und zu schreiben, die nicht nur Ihre Leser, sondern auch Sie selbst wirklich faszinieren.

Die Gedanken, die Sie sich hier machen, sind das Rohmaterial, auf dem Sie in den nächsten Wochen aufbauen können, wenn wir uns der Reihe nach mit den einzelnen Aspekten (bzw. Werkzeugen) beschäftigen, die zur Konstruktion eines Protagonisten beitragen, den unsere Leser auch nach der letzten Seite des Romans nicht mehr aus dem Kopf bekommen können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gutes Vorankommen bei Ihrer „Bestandsaufnahme“ und verabschiede mich bis zur nächsten Woche!

Patchwork-Tutorial: Szenencheck, -typ und Spannungskurve

Gastartikel von Martin Danesch

PatchworkMit diesem Tutorial begeben wir uns ein wenig in die Lüfte. So, als ob wir, wie von einer Wolke aus, die Landschaft unseres Texts betrachten würden. Die drei in der Überschrift erwähnten Fähigkeiten sind über ein einziges Fenster zugänglich. Doch es handelt sich um zwei Themen: den Szenentyp mit der daraus resultierenden Spannungskurve hier und den Szenencheck dort.

Die Funktionen Szenencheck, -typ und Spannungskurve sind nicht nur ein reizvolles Feature, sondern sie bringen uns dazu, uns auf einer anderen Ebene mit den Szenen zu beschäftigen – und das, ohne dass es groß auffällt. In der Folge tragen sie erheblich dazu bei, den zukünftigen Leser besser an die Szenen zu binden, was wiederum stark zum Erfolg unseres Werks beiträgt. Dies sind Funktionen in Patchwork, die zu Unrecht ihr Dasein meist unerkannt oder doch nur im Verborgenen fristen.

Szenentyp und Spannungskurve

Wir beginnen mit dem Szenentyp deshalb, weil der bereits während des Schreibens hilfreich ist, hingegen der Szenencheck erst in der Überarbeitungsphase zum Tragen kommt. Aus dem Szenentyp ergibt sich auch die Spannungskurve.

(Klick auf das Bild zum Vergrößern)

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Das Fenster, um das es diesmal geht, erreichen wir über die Schaltfläche (1). In diesem ersten Abschnitt geht es uns um den unteren Bereich des Fensters (2).

Hier können wir jede Szene einem Typ zuordnen (3). Die sechs Schaltflächen für die Spannungsstufen zeigen auf ihrer Oberfläche einen Begriff. Wenn wir mit der Maus über eine der Schaltflächen fahren, wird in der Zeile darunter eine erweiterte Beschreibung angezeigt. Sowohl Schaltflächenbezeichnung als auch Mouse-over-Beschreibung sind aber nicht als zwingende Zuordnung zu werten. Es geht primär um eines: ganz links ist am wenigsten Spannung, ganz rechts am meisten. Also eine Spannungsskala von 1 bis 6. Die sechs Begriffe und Beschreibungen sind lediglich Anregung zu den Stufen.

Die Aufgabe bei der Verwendung der sechs Schaltflächen besteht vielmehr darin, der Szene – relativ in unserem aktuellen Werk – eine Spannungsstufe zuzuweisen.

Wir gehen also links in der Kapitelübersicht Szene für Szene durch und weisen ihr eine der sechs Spannungsstufen, sprich Szenentypen zu.

Ist der Schalter (4) gedrückt, dann wird in der jeweils aktuellen ganz rechten Spalte der Kapitelübersicht die Typ-Farbe angezeigt (5).

Drückt man zusätzlich die Schaltfläche ›Chart‹ (6), dann wird in derselben Spalte stattdessen eine Spannungskurve angezeigt (7).

Szenencheck

Der Szenencheck ist ein Werkzeug für die Überarbeitung. Das heißt, Sie verwenden es erst, wenn die Rohfassung fertig ist.

(Klick auf das Bild zum Vergrößern)

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Hierfür ist dasselbe Fenster zuständig (1) wie für die Szenentypen, nur benutzen wir nun den oberen Teil. Wieder gehen wir Szene für Szene durch – natürlich nur jene, die auch Text enthalten.

Abgesehen davon, dass man an bestimmte Kriterien erinnert wird, erleichtert dieses Tool, dranzubleiben und nicht zu flüchtig vorzugehen; denn Überarbeitung ist nicht jedermanns Sache. Zur Motivation: Es macht Spaß und liefert ein eindeutiges Erfolgserlebnis.

Diesmal arbeiten wir eine Checkliste ab, mittels derer wir daran erinnert werden, welche Kriterien bei einer Szene üblicherweise beachtet sein wollen. Natürlich sind hier nicht alle für eine Szene möglichen Merkmale angeführt. Man kann ja gedanklich weitere anstelle der orthografischen Prüfung und des handwerklichen Checks ansiedeln.

Wenn wir einen der Punkte links (2) geprüft haben, tippen wir bei der betreffenden Zeile auf die Leertaste. Damit wird dieser Punkt für diese Szene als erledigt eingetragen und ausgegraut. Gleichzeitig wächst in der Spalte ›Perspektive‹ in der Kapitelübersicht (5) der etwas hellere Balken von links nach rechts.

Durch den Balken können wir jederzeit unterbrechen und sehen beim Neueinstieg sofort, wo noch etwas offen ist.

Zu jedem der sieben Punkte steht rechts (3) eine kurze Liste von Kriterien. Ein paar Bemerkungen zu ihnen:

  1. Szeneneinführung
    Hier geht es darum, sicher zu sein, dass der Leser bei einem Szenenwechsel auch weiß, wo er sich befindet – außer man möchte das bewusst verhindern; dann soll das aber auch bewusst der Fall sein.
    Speziell bei einem Perspektivwechsel ist es wichtig, dem Leser möglichst bald bekanntzugeben, durch wessen Augen er die Geschichte nun erlebt.
  2. Perspektive
    Wohl das meistdiskutierte Thema beim Schreiben. Deshalb möchte ich hier nicht näher darauf eingehen.
  3. Figurenverankerung
    Mich stört es immer wieder beim Lesen von Romanen, wenn ich einerseits erst irgendwann erfahre, um welche Figur es geht oder wenn der Name einmal und dann nie wieder erwähnt wird. Speziell zu Beginn einer Geschichte empfiehlt es sich, immer wieder einmal nicht die Namen lediglich zu nennen, sondern die Figur auch mit bestimmten Eigenschaften zu verknüpfen: die quirlige Emma, die zurückhaltende Klara, der blonde Julius, oder überhaupt – in Maßen – einprägsame Synonyme zu wählen wie ›der Rotschopf‹, ›der Hastige‹ oder ›die Hängeschulter‹.
    Randfiguren hingegen muss, beziehungsweise sollte man oft nicht einmal mit einem Namen beehren. Denn die Vergabe eines Namens signalisiert dem Leser: ›das ist ein Wichtiger, der kommt noch, den musst du dir merken.‹ Ist also überdenkenswert.
  4. Handwerklicher Check
    Der sollte erst beim Überarbeiten drankommen. Mit anderen Worten: Bei der Rohschrift einfach schreiben (Ausnahmen bestätigen natürlich immer die Regel).
    Dieser Punkt kann gedanklich für Eigenes verwendet werden.
  5. Orthografieprüfung
    So weit klar. Auch dieser Punkt kann gedanklich für Eigenes umgepolt werden.
  6. Zeitprüfung
    Damit sind wir wieder bei einem wichtigen Kriterium angelangt. Denn beim Thema Zeit geschehen gerne Schnitzer. Es lohnt sich, in dieses Thema näher einzusteigen.
  7. Dialoge
    Viele Dialoge könnten spritzig und originell sein, wenn der Autor nicht versuchte, dem Leser – zum Beispiel mit Adjektiven – alles zu erklären. Die angeführten Punkte reichen bei Weitem nicht aus, sollen nur einen Denkanstoß liefern.

Das war jetzt einmal nicht nur Programmbeschreibung, sondern auch ein paar Worte zum Handwerk, wie sie in Patchwork vermehrt kommen werden. Denn Handwerkszeug und Handwerk sind nun einmal zwei Komponenten, die eng miteinander verwoben sind. Mit Patchwork werden wir zunehmend diese zwei Komponenten miteinander verbinden.

Link zum Video

Martin Danesch

Blendfrei schreiben im Freien

Schreiben Sie gerne im Freien? Egal ob im Garten, auf der Terrasse oder im Biergarten – im Sommer macht es auch mal Spaß, das gute Wetter zu nutzen und zur Abwechslung öfter mal im Freien zu schreiben. Schließlich will man sich nicht zwischen dem Schreiben und der Möglichkeit, das schöne Wetter draußen genießen zu können, entscheiden müssen.

Die Werbung zeigt einem gerne, wie mobil man mit modernen Laptops oder Netbooks ist: zufriedene Menschen, die mit ihrem Laptop auf dem Schoß auf einer Parkbank sitzen und ganz entspannt daran schreiben oder arbeiten. Mit Akkulaufzeiten von oft deutlich über fünf Stunden und (wenn man es mal braucht) WLAN via Smartphone scheinen die Voraussetzungen dafür ja geradezu perfekt zu sein.

Doch wer in der Praxis schon einmal versucht hat, mit seinem Laptop oder Netbook im Freien zu schreiben, weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr die Werbung lügt. In vielen Fällen kann man im Freien auf dem Bildschirm seines Laptops kaum etwas erkennen. Der in geschlossenen Räumen so gut ausgeleuchtete Bildschirm wirkt im Freien selbst bei diffusem Licht dunkel und kontrastarm, so dass man nur mit Anstrengung erkennen kann, was auf dem Bildschirm steht – also muss man die Bildschirmhelligkeit auf Maximum hochregeln (was zu Lasten der Akkulaufzeit geht) und/oder in den Windows-Einstellungen die Darstellung auf ein Theme mit hohem Kontrast umschalten.

Die Alternative zu einer solchen Quälerei ist ein Blendschutz für den Laptop: Für 50-60 Euro erhält man beispielsweise hier einen aufklappbaren Kasten, in den man den Laptop hinein stellen kann und der das Display von oben und den Seiten vor Lichteinfall schützt. Offen bleibt nur die vordere Seite, so dass man weiterhin bequem davor sitzen und die Tastatur bedienen kann.

Wer allerdings unterwegs bzw. draußen nicht an einem großen Laptop (15″ aufwärts), sondern an einem kleineren Gerät mit maximal 14″-Bildschirm arbeiten möchte, kann zu einer deutlich günstigeren und ebenso guten Alternative greifen – und zwar von IKEA. Dort bekommt man für gerade mal 4,99 € die Klappbox „Dröna“ in schwarz (http://www.ikea.com/de/de/catalog/products/30219281/) – und diese ist (auch wenn die Produktentwickler von IKEA diese Verwendung ihrer Box wohl nie vorausgesehen hätten) ein exzellenter Ersatz für einen teuren Blendschutz. Gegenüber einem teuren Klapp-Blendschutz für über 50 Euro spart man über 90%, ohne dabei Abstriche bei der Qualität machen zu müssen.

Ob Ihr Laptop in einer Dröna-Box ausreichend Platz findet, können Sie leicht nachmessen. Die Box hat aufgestellt eine Breite von 38 cm – wenn Ihr Laptop also schmaler als 38 cm ist, passt es (wobei es beim Schreiben etwas eng werden könnte, wenn Ihr Laptop fast die gesamte Breite der Box ausfüllt).

Im Gegensatz zu vielen billigen Klappboxen, die oft recht schlabbrig und instabil wirken, hat die Dröna-Box stabile, mit Stoff bezogene Wände, die keinen Lichtstrahl durchlassen, und wirkt von der ganzen Verarbeitung her sehr hochwertig. Auch der Aufbau geht schön schnell: aufklappen, den diagonalen Reißverschluss an der Rückseite zuziehen und die Rückwand hochklappen – und schon kann man seinen Laptop in die aufgestellte Box hinein stellen und ohne blendende Lichtreflexe los schreiben.

Dröna-Box als BlendschutzIch selbst habe meine „Dröna“-Box im Sommer stets griffbereit und lasse sie meist sogar aufgebaut, so dass ich sie rasch mitnehmen kann, wenn ich mich mal wieder mit meinem Netbook zum Schreiben auf die Terrasse oder in den Garten setzen möchte.

Gerade aufgrund des günstigen Preises und der sehr guten Qualität kann ich der „Dröna“-Box als Laptop-Blendschutz eine uneingeschränkte Kaufempfehlung geben – aus meiner Sicht die am besten angelegten 5 Euro dieses Sommers. ;-)

Kindle Storyteller Award 2016: 30.000 Euro für das beste Manuskript

Schreibwettbewerbe gibt es viele, die meisten davon für Kurzgeschichten. Schreibwettbewerbe für komplette Romane sind da schon seltener – und erst recht solche, bei denen sich das Gewinnen so richtig lohnt.

In diese seltene Kategorie fällt der Kindle Storyteller Award, der zur Zeit wie bereits im vergangenen Jahr von Amazon in Zusammenarbeit mit Focus und dem Freien Deutschen Autorenverband organisiert wird.

Noch bis zum 15.09.2016 haben ambitionierte Selfpublisher die Möglichkeit, ihr Manuskript über Amazon KDP zu veröffentlichen und damit gleichzeitig am diesjährigen Kindle Storyteller Wettbewerb teilzunehmen.

Die Teilnahmevoraussetzungen, die man hier im Detail nachlesen kann, sind recht einfach: Teilnehmen kann man, etwas vereinfacht ausgedrückt, wenn man mindestens 18 Jahre alt ist und eine bislang unveröffentlichte Geschichte einreichen kann. Im Gegensatz zum letzten Jahr gibt es diesmal keine Mindestlänge – wer möchte, kann also auch eine Novelle oder einen Kurzroman für den Wettbewerb anmelden.

Um sein bis zum Teilnahmeschluss hochgeladenes Buch für den Storyteller Award anzumelden, muss man einfach beim Hochladen des Manuskripts im Feld „Suchstichwörter“ das Schlagwort „kindlestoryteller2016“ angeben – und natürlich den Einsende- (bzw. Hochlade-)Schluss nicht verpassen. ;-)

Der Autor des von der Jury (Schauspieler Christian Ulmen, die Autorinnen Astrid Korten und Poppy J. Anderson sowie Dr. Uwe Kullnick (Präsident des Freien Deutschen Autorenverbandes), Jobst-Ulrich Brand (Focus) und Andreas von der Heydt (Amazon)) zum Sieger gekürten Manuskripts darf sich über ein üppiges Preis-Paket freuen: 10.000 Euro als Preisgeld sowie ein Amazon-Marketing-Paket im Wert von weiteren 20.000 Euro – womit man in der Summe auf den von Amazon als Wert des Hauptpreises genannten 30.000 Euro kommt.

Als kleines Sahnehäubchen wird der Siegertitel auch noch von HarperCollins Germany als gedrucktes Buch im deutschsprachigen Raum verlegt und vertrieben – also ein wirklich lohnender Gewinn.

Doch es gibt nicht nur einen Gewinner, sondern die Bücher aller fünf Finalisten, die es in die Endrunde geschafft haben, werden in Zusammenarbeit mit der Amazon-Tochter Audible als Hörbuch veröffentlicht.

Wenn Sie also ein noch unveröffentlichtes Roman-Manuskript in der Schublade haben (vielleicht vom letzten NaNoWriMo im November?), haben Sie noch fast drei Monate Zeit, um Ihr Manuskript auf Hochglanz zu polieren und es veröffentlichungsreif zu machen. Das lässt sich manchmal sogar ganz gut mit dem ohnehin geplanten Sommerurlaub kombinieren.

Natürlich ist bei einem solchen Wettbewerb mit einem enormen Andrang zu rechnen, so dass selbst mit einem wirklich guten Manuskript die Chancen auf den Hauptgewinn äußerst gering sind. Man sollte sich hier also eher den olympischen Gedanken aneignen: dabei sein ist alles. Denn selbst wenn man beim eigentlichen Wettbewerb mit seinem Manuskript in der Masse der Einsendungen untergeht, ist man mit einer Teilnahme am Wettbewerb dennoch einen großen Schritt näher am potentiellen Bestseller. Denn nun ist das Buch veröffentlicht und kann Leser (und Käufer) finden – etwas, das man definitv nicht erreicht hatte, wenn das Manuskript weiterhin in der Schublade bzw. in einem Verzeichnis auf der Festplatte vor sich hin schlummern würde.

Selbst wenn der Storyteller-Wettbewerb einen nur dazu motiviert, den eigenen inneren Schweinehund zu bändigen und die Geschichte endlich fertig zu überarbeiten und zu veröffentlichen, hat es sich allein dafür schon gelohnt. Und ein bisschen hofft man insgeheim natürlich doch auf einen Überraschungserfolg – ähnlich wie man bei der Ziehung der Lottozahlen mitfiebert, obwohl man die Wahrscheinlichkeiten nur zu gut kennt.

Wenn Sie am Wettbewerb teilnehmen, drücke ich Ihnen die Daumen. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie mit Ihrem Manuskript den Kindle-Storyteller-Award gewinnen würden – oder wenn Ihr für den Wettbewerb hochgeladenes Manuskript es auch ohne den prestigeträchtigen Titel weit nach oben in die Amazon-Bestsellerlisten schafft.

Fragen und Themenvorschläge

Wie letzte Woche angekündigt werde ich Anfang Juli mit der neuen Artikelserie zum Thema „Protagonisten“ starten. Wer also noch Fragen und/oder Anregungen rund ums Thema Protagonisten hat, kann mir diese noch über mein Konktaktformular schicken. Am kommenden Freitag, dem 24.06.16, ist Einsendeschluss für Fragen zum Thema „Protagonisten“, da ich nächstes Wochenende endgültig die Struktur und die Inhalte für die Artikelserie festlegen muss.

Gleichzeitig können Sie natürlich (ebenfalls über mein Konktaktformular) immer noch mit abstimmen, mit welchem Thema es nach der Artikelserie zu den Protagonisten weiter gehen soll.

Nach einer Woche mit reger Leserbeteiligung (dafür vielen Dank!) liegen momentan folgende Themen vorne:

  1. Wie plottet man einen Roman?
  2. Recherche für Romanautoren
  3. Die Erzählperspektive
  4. Überarbeitung eines Romans
  5. Worldbuilding
  6. Fantasy-Romane planen und schreiben

(Statt einer Top-5 ist es eine Top-6, da die Plätze 5 und 6 nach heutigem Stand mit gleicher Stimmenzahl Kopf an Kopf liegen…)

Ob Sie nun ein ganz anderes Thema vorschlagen möchten oder einen der Vorschläge von der Liste mit Ihrer Stimme „nach vorne pushen“ wollen – ich freue mich über Ihre Mails (gerne auch mit ganz konkreten Fragen zu dem Thema, das Sie besonders interessiert).

Ende des Monats wird das Thema mit den meisten Stimmen für die nächste Artikelserie ausgewählt, alle anderen Themenvorschläge bleiben (mit den dafür abgegebenen Stimmen) für die nächste Abstimmungsrunde erhalten.

In diesem Sinne hoffe ich weiterhin auf rege Beteiligung und einen interessanten Gedankenaustausch.

Fokus-Artikel: Schreibratgeber „scheibchenweise“

Ich habe mir in letzter Zeit verstärkt Gedanken über die zukünftige Ausrichtung des WritersWorkshop Autorennewsletters gemacht. In den letzten Jahren habe schon alle möglichen Themen rund ums Schreiben behandelt – doch allmählich komme ich damit an einen Punkt, an dem das Hin- und Herspringen zwischen unterschiedlichen Themen in dieser Form immer schwieriger wird.

Kurze, wöchentliche Artikel (wobei meine Artikel mit meist über 1.000 Wörtern schon im längeren Bereich liegen), können ein etwas komplexeres, umfangreicheres Thema niemals erschöpfend behandeln – jedenfalls nicht, wenn man nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern etwas mehr in die Tiefe gehen möchte.

Ein in einem Artikel angerissenes Thema später noch einmal aufzugreifen und auf einen anderen Aspekt einzugehen, ist auch nicht ganz unproblematisch: Wenn man direkt wieder in der „Tiefe“ einsteigt, bis zu der man beim letzten Mal gekommen war, hängt man diejenigen Leser ab, die den früheren Artikel entweder gar nicht gelesen hatten oder ihn zumindest nicht mehr im Detail in Erinnerung haben. Wiederholt man hingegen erst noch einmal die Grundlagen, um diesen Lesern einen leichteren Einstieg zu ermöglichen, langweilt man diejenigen, die den ursprünglichen Artikel noch sehr gut in Erinnerung haben.

Ich habe mich daher entschieden, ab Anfang Juli längere Serien von Blogposts zu ein- und demselben Thema zu bringen, die dann wie die Kapitel eines Schreibratgebers die einzelnen Aspekte dieses Themas im Detail behandeln. Jede solche Artikelserie läuft dann (je nachdem, wie umfangreich/komplex das Thema ist) zwischen 4 und 10 Wochen, bevor es dann mit der nächsten Artikelserie zu einem ganz anderen Thema weiter geht.

Natürlich wird es trotzdem weiterhin immer wieder Gastartikel wie die beliebten Patchwork-Tutorials von Martin Danesch, Berichte zu aktuellen Themen oder auch Software-Tipps für Schriftsteller geben – lediglich die gewohnten Artikel rund ums Schreiben werden sich jeweils über einen Zeitraum von einigen Wochen im Detail mit dem aktuellen „Fokus-Thema“ beschäftigen.

Das mag zwar etwas weniger abwechslungsreich als die bisherigen Artikel klingen, aber dafür geht es auch mehr in die Tiefe. Die einzelnen wöchentlichen Artikel rund um das jeweilige „Fokus-Thema“ entsprechen eher den Kapiteln eines Schreibratgebers rund ums Thema – und genau das ist auch der Gedanke, der dahinter steht. Denn wenn eine Artikelserie abgeschlossen ist, wird anschließend auch noch eine überarbeitete und erweiterte Zusammenfassung der Artikelserie als kompletter Schreibratgeber für Kindle, Tolino etc. erscheinen. Abonnenten des WritersWorkshop Autorennewsletters erhalten die einzelnen Kapitel also vorab im Wochenrhythmus per Email und haben somit die Gelegenheit, den Inhalt meines nächsten Schreibratgebers schon vor allen anderen zu lesen.

Jetzt ist Ihre Meinung gefragt!

Natürlich möchte ich, dass diese Artikelserien für Sie als Leser einen maximalen Nutzen bieten. Daher würde ich mich freuen, wenn Sie mir über mein Konktaktformular Themenvorschläge nennen, über die Sie gerne mehr lesen möchten (z.B. Worldbuilding, Dialoge, Plotting oder das Entwerfen glaubwürdiger, vielschichtiger Romancharaktere…). Ich sammele alle Vorschläge und werde die Themen, die besonders häufig vorgeschlagen wurden, natürlich als erste angehen.

Der zweite Punkt, an dem Sie mitwirken können, sind Fragen zum Thema. Ich werde jedes kommende Fokus-Thema rechtzeitig ankündigen (diesmal ist es vielleicht etwas kurzfristig, aber zukünftig werde ich die kommenden Themen jeweils mindestens einen Monat im Voraus ankündigen), so dass Sie mir über mein Konktaktformular Ihre Fragen und Probleme rund um dieses Thema schicken können. Das ermöglicht es mir, diese Punkte bei der Planung meiner Artikelserie zu berücksichtigen und gezielt darauf einzugehen kann (natürlich anonymisiert – ich werde selbstverständlich weder aus Ihren Mails zitieren noch Namen nennen!). Auch Tipps und Erkenntnisse aus Ihren eigenen Erfahrungen, die Sie auf diesem Wege weitergeben möchten, sind als Anregungen gerne willkommen.

Und last not least haben Sie natürlich als Leser auch die Möglichkeit, mir über die Kommentarfunktion zum jeweiligen Artikel Anregungen und ergänzende Hinweise zu geben, die ich dann ggf. bei der Umwandlung der Artikelserie in einen kompletten Schreibratgeber mit einfließen lassen kann.

Mitmachen lohnt sich

Wer mir über mein Konktaktformular, per Email oder über die Kommentarfunktion zum Artikel gute Anregungen gibt, die tatsächlich ins fertige Buch einfließen, bekommt von mir kurz vor der Veröffentichung als kleines Dankeschön ein persönliches Vorab-Exemplar des fertigen Schreibratgebers per Mail gesendet.

Erstes Fokus-Thema: Protagonisten

Als erstes „Fokus-Thema“, mit dem es Anfang Juli losgehen soll, habe ich „Protagonisten“ geplant – also die Hauptfiguren des Romans. Wenn Ihnen Fragen zum Thema einfallen oder wichtige Punkte, auf die man eingehen sollte, können Sie mir diese gerne mit dem Stichwort „Protagonisten“ über mein Konktaktformular oder per Mail an „richard PUNKTnordenATrichardnordenPUNKTde“ (PUNKT und AT natürlich durch die jeweiligen Zeichen ersetzen) senden. Abonnenten des WritersWorkshop Autorennewsletters können auch einfach auf die Mail antworten, mit der sie den aktuellen Newsletter erhalten haben.

Wenn Sie Anregungen für zukünftige Fokus-Themen geben möchten, können Sie diese auf demselben Wege (also per Kontaktformular oder per Email) mit dem Betreff „Themenvorschlag“ senden. Der Betreff ist natürlich nicht zwingend, aber er erleichtert es mir, die Mails vorzusortieren und einfacher auszuwerten. ;-)

Ich würde mich über eine rege Beteiligung sehr freuen – schließlich sollen die Artikelserien für alle Leser den größtmöglichen Nutzen bieten.

Patchwork-Tutorial: Kontexte und Figurenwissen

Gastartikel von Martin Danesch

PatchworkKontexte und Figurenwissen – den Durchblick behalten

Kontexte – was ist das denn?

Die Küche ist zum Tatort geworden. Nicht für einen Apfelstrudel oder ein Curryhühnchen, sondern Bruno liegt am Boden, das Tranchiermesser in der Brust, eine Lache Blutes ist von dem Fleckerlteppich aufgesogen worden und mittlerweile dunkelrot geronnenen.

Der Frau des Hauses scheinen die Nerven durchgegangen zu sein ob der Ignoranz ihres seit dreißig Jahren Angetrauten – und das bei all ihren hingebungsvollen Bemühungen.

Dieser Entladung im Affekt gehen einige Szenen voran, in denen der Leser das Zunehmen des Innendrucks Adelheid Kruses miterleben kann. Doch so einfach der Fall auf den ersten Blick scheint, als so verworren wird er sich im Verlauf der Geschichte herausstellen. Denn Adelheid schien gar nicht zu Hause gewesen zu sein. Auch stand ein Gericht auf dem Herd, das nicht zu ihrem Repertoire gehört. Eine Trittbrettköchin? Brunos Geliebte? Die Nachbarin, die Zugleich Brunos Ex ist? Tja …

Egal, auf jeden Fall wird viel um den Tatort geschehen. Die Nachbarn werden befragt, der Kommissar wird ein paar Mal dort sein, die Küche wird amtlich versiegelt, das Siegel wird aufgebrochen und eine Bombe wird in der Küche explodieren.

Nicht nur Krimileser denken mit, glaube ich. Wenn bei der ersten Szene Küchentür und Fenster gegenüber liegen und beim Kommissarbesuch über Eck, wenn es bei der ersten Auseinandersetzung eine Anrichte dort gab, wo später der Kühlschrank steht oder wenn der Fleckerlteppich im Laufe der Geschichte einmal blau, einmal gestreift und dann wieder beige ist – das alles sind Sachen, die den Leser zu einem ungewollten Stirnrunzeln verleiten. So etwas sollte nicht passieren.

Tut es auch nicht, denn als gewissenhafte Autorin blättern wir immer wieder brav zurück und suchen, wie wir den Tatort beschrieben haben. Nur – auf welcher Seite stand das? War das beim ersten Streit? Oder beim Besuch von Schöttlers, die schon damals den Kopf schüttelten wegen Bruno Kruses Reaktion auf die süßsauren Nieren, die doch sein Lieblingsgericht waren?

Speziell wenn man ein Buch nicht in einem Rutsch durchschreibt, hat man nicht mehr alles im Kopf, was wann wie aussah, geschah, gesagt oder verstanden worden war. Bei mir hilft selbst der Rutsch nicht, denn ich bin mir auch so mitunter nicht mehr ganz sicher.

Fazit: Um sicherzugehen, was wann, wie, wo und warum geschah, muss man immer wieder nachschlagen. Und das ist lästig und eigentlich sinnlose Zeitverschwendung.

Und genau hier kommen, nach langer Einleitung, die Kontexte ins Spiel.

Nehmen wir die Krusesche Küche als Beispiel. Wir legen einen Kontext an mit der Bezeichnung ›Küche Kruse‹. Ein Kontext ist sozusagen eine Schachtel, in die wir Zettelchen sammeln, die damit zusammenhängen. Dank IT geht das aber einfacher. Wir brauchen lediglich im Text überall dort eine Nadel einpieksen, wo die Küche zur Sprache kommt. Ergänzen kann man den Link idealerweise mit einem Hinweis, was gerade geschieht: ›Erstmals‹, ›Erste Auseinandersetzung‹, › Schöttlers Besuch‹, ›Der Tote wird entdeckt‹, ›Kommissar Hagedorn am Tatort‹, ›Tatort versiegelt‹ und so weiter. Einfach bei jedem Vorkommen des Tatorts, an dem es Beschreibungen geben kann, fügen wir eine Kontextverknüpfung ein. Entweder gleich beim Schreiben – wenn wir den Nerv dazu haben – oder beim ersten Durchgehen.

In Patchwork einen Kontext anlegen

Konkret können wir das im Demoprojekt verfolgen. Dabei handelt es sich um eine Geschichte, die aus einer flachen Patchwork-Beschreibung steigt und zu einem kleinen realen Krimi wird. An einigen Stellen merkt man, dass mit der flachen Story vom Anfang etwas nicht ganz mit rechten Dingen zugeht. Hätte man die Möglichkeit der Kontexte nicht, müsste man an jede dieser Stellen eine Notiz einfügen. Nur fehlte dann trotzdem der Zusammenhang.

Screenshot Patchwork 1

(Klick auf das Bild zum Vergrößern)

»Ich verrate Ihnen etwas …«, (1) sagt Figlia Due in der Geschichte und das ist einer dieser Momente.  Wir wollen uns diese Stelle merken. Also positionieren wir den Cursor dort im Text und klicken auf den Button für die Kontexte (2). Das Kontextfenster (3) öffnet sich, beim ersten Mal ist es leer.

Ein Kontext (4) ist ein Überbegriff für zusammenhängende Geschichtenteile, sozusagen ein Ordner, wie vorhin gesagt eine Sammelschachtel. Bevor wir ihm unseren Textteil zuordnen können, müssen wir diesen Kontextordner anlegen. Wir klicken also auf den dafür vorgesehenen Knopf (5) und geben in dem folgenden Dialog ›Vorahnungen‹ ein, womit der Ordner angelegt und auch gleich beschriftet wird. Ist der Ordner schon vorhanden, können wir bei einem weiteren Mal mit dem nächsten Schritt fortfahren:

Wir ordnen unsere Textstelle dem Kontext Vorahnungen zu. Ein Klick auf den Button (6) und der Eingabedialog (7) öffnet sich. Spätestens jetzt taucht der Cursor-Marker (das rote Plus neben (1)) auf, damit wir sehen, wo wir den Kontextbezug im Text verankern. Gleichzeitg ist die neue Kontextzeile (8) bereits angelegt worden, die in der Spalte Kontext/Fundort auf die Szene verweist, in der sich der Text befindet. In dem Dialog geben wir einen kurzen (!) Kommentar ein, worum es geht. Hier plaudert Figlia Due etwas zur Vorahnung aus. Mit [Enter] oder Klick auf [Ok] wird die Zeile vervollständigt (8).

Der Umgang mit Kontexten

… ist simpel: Das Fenster lässt sich jederzeit über die Schaltfläche (2) abrufen; man kann aber auch im Text einfach auf den Pin klicken, womit man sogar direkt zu diesem Kontextverweis gelangt.

Kontextreferenzen lassen sich mit der Maus verschieben, um die Reihenfolge zu verändern. Mit einem Doppelklick auf die Kontextzeile (8) gelangt man direkt zu dieser Textstelle. Den Infotext kann man jederzeit ändern, indem man ihn überschreibt.

Rechts neben Knopf (6) ist die Schaltfläche zum Löschen von Kontextzuordnung und, wenn der Ordner leer ist, auch des Kontexts selbst. Der Pfeil daneben bewirkt dasselbe wie ein Doppelklick auf die Kontextzeile: in den Text springen. Und mit der Schaltfläche mit den Linien kann man sich auch mehrzeilige Kontext-Infotexte anzeigen lassen. Lange Infotexte sollte man aber vermeiden, in der Kürze liegt die Würze – auch wenn man etwas nachdenken muss, immer eine gute Übung.

Figurenwissen

Auf die Idee zu dieser Erweiterung brachte mich Richard Nordens Artikel »Wer darf was wann wissen – und was weiß der Leser?« Schon während des Lesens wurde ich mir dieser praktischen Erweiterung der Kontexte bewusst. Bereits in Version 1.63 gab es deshalb das ›Figurenwissen‹. Diese Kontexterweiterung ermöglicht die Angabe, wann wer von dem Kontext erfährt. Dabei kann ›wer‹ jede angelegte Figur sein und auch der Leser.

Auf diese Weise kann man eben mal nachsehen, wer bereits schon von etwas wusste oder wann jemand davon erfährt. Wer bereits etwas wusste bezieht sich auf den Anfang der Geschichte. So weiß zum Beispiel die Mutter von der Geburt ihrer Tochter und der Freund vom aktuellen Wohnort des Protagonisten. Der Leser hingegen weiß noch gar nichts, wenn er das Buch zur Hand nimmt. Aber auch Figuren erfahren vieles erst im Verlauf der Geschichte und es ist oft ausschlaggebend, wann eine Figur davon erfährt. Speziell bei kniffligen Geschichten wie Krimis spielt das eine große Rolle.

Screenshot Patchwork 2

(Klick auf das Bild zum Vergrößern)

Los geht es, indem man mindestens eine Figur in den Kontextbereich zieht; einfach links in der Figurenliste nehmen und irgendwo im Kontextfenster fallen lassen (1). Die Spalte ›Leser‹ (2) wird mit der ersten Figurenspalte automatisch miterzeugt. Jede Figur, die man so herüberzieht, erhält ihre eigene Spalte. Wir ziehen aber nur die Figuren in die Kontexte, die für diese Übersicht infrage kommen.

Für die Arbeit ist es übersichtlicher, alle Kontexte zuzuklappen (ein + vor jedem Kontext). Denn die Angaben betreffen üblicherweise den Kontext selbst und nur selten die Referenzzeilen, wie bei unserem Tatort-Beispiel.

Nun geht es um zwei Aspekte:

  1. Weiß eine Figur bereits von dem Kontext (vor der Geschichte?)
  2. In welcher Szene erfährt die Figur (der Leser) davon?

Der Leser wird immer nur durch die Geschichte davon erfahren, für ihn kommt a) nie in Betracht.

Die Durchführung selbst der zwei Kennzeichnungen ist einfach. Wenn eine Figur bereits zu Beginn der Geschichte davon weiß, dann stellen wir uns auf diese Zelle in der Matrix Kontext/Figur und drücken auf die Leertaste. Damit wird ein Haken in der Zelle eingetragen (3). Auf die gleiche Weise machen wir eine Zelle auch wieder leer.

Wenn eine Figur / der Leser erst im Lauf der Geschichte davon erfährt, dann ziehen wir diese betreffende Szene aus der Kapitelübersicht auf die Zelle (4). Da in einer Zelle wenig Platz zur Verfügung steht, kann man, um einen ausführlicheren Hinweis zu erhalten, auf die Zelle klicken. Dann wird in der nun erschienenen zweiten Fußzeile die ganze Herkunft angezeigt (5). Im konkreten Fall ist es das Kapitel ›3D‹ und darin das Unterkapitel ›Frühstück‹.

Wenn in einer Zelle ein solcher Szenenverweis steht, kann man durch Doppelklick zur dazugehörenden Szene springen.

Kontexte waren für mich eine der wichtigsten Erweiterungen gegenüber allen anderen Textprogrammen, weshalb sie bereits in Version 1.20 zum Einsatz kamen. Sie werden begeistert sein, wie Kontexte die Sucherei vereinfachen und das Figurenwissen Logikfehler verhindern hilft!

Link zum Video

Martin Danesch

Warum man als Schriftsteller ein Erfolgstagebuch führen sollte

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin ein ziemlich ungeduldiger Mensch. Wenn ich etwas angehe, möchte ich möglichst schnell damit Erfolg haben. Dass ich mit dieser Ungeduld nicht alleine bin, sehe ich an den vielen Schriftstellern, die auf halbem Wege aufgeben, obwohl sie eigentlich das Potential gehabt hätten, wesentlich mehr aus sich zu machen.

Doch Erfolg als Schriftsteller ist nichts, was sich innerhalb weniger Monate oder auch nur weniger Jahre erreichen lässt. Als Schriftsteller muss man über Jahrzehnte immer weiter an seinen Fähigkeiten arbeiten und an jedem neuen Projekt wachsen. Dieser Prozess ist niemals abgeschlossen.

Die beste Methode, um den dafür notwendigen langen Atem zu entwickeln, ist, den Weg als das Ziel zu betrachten. Es geht nicht darum, möglichst schnell ein bestimmtes Ziel (z.B. eine Platzierung in den Top-10 der Bestsellerlisten oder gar den Punkt, an dem man ausschließlich vom Schreiben leben kann) zu erreichen, sondern in erster Linie darum, den Weg in Richtung dieses Ziels zu genießen – egal, wie lang er auch sein mag.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man trödelt und sich unnötig viel Zeit lässt – aber es bedeutet auch nicht, dass man sich abhetzt und wie mit Scheuklappen den Blick starr auf das weit entfernte Ziel gerichtet hält.

Eine verkrampfte Fokussierung auf ein Ziel, auf dessen Erreichung wir nur sehr begrenzten Einfluss haben, ist ein sicheres Rezept für Frustration und Verbitterung. Nichts, was wir tun, kann garantieren, dass wir irgendwann mal mit einem unserer Bücher ganz oben in den Bestseller-Listen stehen oder gar, dass wir irgendwann unseren Brotjob aufgeben und einzig und allein vom Schreiben leben können.

Das einzige, worauf wir als Schriftsteller Einfluss haben, ist, dass jeder unserer Schritte uns nach Möglichkeit in die richtige Richtung führt: dass wir die Projekte in Angriff nehmen, die uns unseren Zielen näher bringen, und konsequent daran arbeiten, jeden Tag ein bisschen besser zu werden.

Es sind nicht die großen Quantensprünge, die uns zum Erfolg bringen, sondern das langsame, aber stetige Wachstum. Sie kennen bestimmt die Auswirkung von Zins und Zinseszins in der Finanzwelt, die selbst relativ kleine Beträge im Laufe der Jahre durch kontinuierliche Verzinsung zu einem beträchtlichen Vermögen anwachsen lassen. Doch die wenigsten von uns sind sich darüber im Klaren, dass dasselbe auch für das eigene Wachstum in den unterschiedlichsten Bereichen gilt – auch beim Schreiben.

Setzen wir unsere Erwartungen bewusst niedrig an: Stellen Sie sich vor, dass Sie jeden Tag nur 1 Promille besser werden als am Vortag. Kein ganzes Prozent, nur ein Promille – ein Tausendstel. Eine solche Veränderung ist doch so marginal, dass sie eigentlich überhaupt keine Auswirkungen haben kann – oder doch?

Wenn Sie konsequent an Ihren eigenen Fähigkeiten und Projekten arbeiten und tatsächlich jeden Tag ein Tausendstel besser werden als am Vortag, haben Sie nach einem Jahr Ihre Fähigkeiten bereits um 44% gesteigert.

Das wirkt nach relativ wenig und in der Praxis sind gerade zu Beginn auch deutlich größere Steigerungen möglich. Anfangs haben Sie so viele Möglichkeiten, zu wachsen und besser zu werden, dass Sie durch konsequente Weiterentwicklung Ihrer Fähigkeiten enorme Fortschritte machen können. Doch genau wie beim Abnehmen kann man diese Geschwindigkeit auf lange Sicht nicht durchhalten. Auch beim Abnehmen purzeln die ersten Pfunde schnell, doch danach verlangsamt sich der Fortschritt so stark, dass viele frustriert aufgeben. Doch ein Wachstum von einem lächerlichen Promille pro Tag ist etwas, das man auch auf lange Sicht durchhalten kann.

Schon nach wenigen Jahren hat das eine, scheinbar lächerliche Promille pro Tag zu unübersehbaren Fortschritten geführt: nach zwei Jahren haben sich Ihre Fähigkeiten mehr als verdoppelt, nach fünf Jahren versechsfacht und nach zehn Jahren sind Sie fast 40mal so gut wie damals, als Sie begonnen haben.

Das Problem dabei ist, dass Sie selbst es nicht mehr merken. Genau wie nur Verwandte, die nur einmal im Jahr während der Feiertage zu Besuch kommen, jedes Mal erstaunt bemerken, wie sehr die Kinder gewachsen sind, während es den Eltern, die ihre Kinder tagtäglich sehen, kaum auffällt, fällt auch uns das Wachstum unserer eigenen Fähigkeiten überhaupt nicht auf.

Als Schriftsteller haben wir das Gefühl, auf der Stelle zu treten und unserem immer noch weit entfernten Ziel kaum einen Schritt näher gekommen zu sein, während unbeteiligte Zuschauer vielleicht den berechtigten Eindruck haben, dass wir bereits enorme Fortschritte und Erfolge erzielt haben.

Das beste Motivationstool, das ich jedem Schriftsteller empfehlen kann, ist ein Erfolgstagebuch – eine chronologische Aufzeichnung aller kleinen und großen Erfolge, auf die Sie stolz sein können.

Je früher Sie mit dem Führen eines solchen Erfolgstagebuchs anfangen, umso besser. Anfangs notieren Sie vielleicht als Erfolg, dass Sie Ihre erste Kurzgeschichte fertig geschrieben haben, auch wenn diese noch nicht gut genug war, um irgendwo veröffentlicht zu werden. Im Laufe der Zeit werden die Erfolge größer: Kurzgeschichten, die in Anthologien abgedruckt werden, die Wettbewerbe gewinnen oder fürs Radio als Hörspiele adaptiert werden. Die Fertigstellung des ersten Romans. Die Veröffentlichung des ersten eigenen Buchs, egal ob über einen Verlag oder als Selfpublisher. Die ersten Einnahmen aus der Tätigkeit als Schriftsteller. Die erste Bestseller-Platzierung eines eigenen Buchs in einer bestimmten Kategorie bei Amazon.

Wenn wir konsequent an unseren eigenen Fähigkeiten arbeiten, unsere Projekte fertigstellen und anschließend immer ehrgeizigere Projekte in Angriff nehmen, die unseren mittlerweile gestiegenen Fähigkeiten gerecht werden, werden auch die Erfolge, die wir in unserem Buch notieren können, im Laufe der Jahre immer größer.

Wenn man dann doch einmal demotiviert ist und das Gefühl hat, seit Jahren auf der Stelle zu treten und seinen Zielen keinen Schritt näher zu kommen, ist es extrem motivierend und hilfreich, in seinem eigenen Erfolgstagebuch zu blättern.

Nicht nur, weil man sich so vor Augen führt, was man in den letzten Jahren schon alles erreicht hat, sondern auch, weil man sieht, auf was für kleine, aus heutiger Sicht fast schon lächerlich wirkende Erfolgserlebnisse man in der Anfangsphase schon stolz war. Genau wie man an seinen eigenen Kinderbildern sieht, wie sehr man seitdem gewachsen ist und sich verändert hat, hilft einem das Erfolgstagebuch, den eigenen Fortschritt realistisch zu betrachten und zu erkennen, wie weit man bereits gekommen ist.

Ein weiteres wirksames Motivationstool ist, größere Erfolge, die man zu diesem Zeitpunkt für sich selbst als Meilenstein betrachtet, als Jahrestage in den eigenen elektronischen Kalender einzutragen. So werden Sie im Kalender Ihres Smartphones immer wieder an frühere Erfolge erinnert – zum Beispiel, dass Sie heute vor drei Jahren bei einem renommierten Schreibwettbewerb einen der ersten Plätze belegt haben, oder dass Sie heute vor X Jahren Ihr erstes Buch veröffentlicht haben. Das motiviert nicht nur, sondern ist in vielen Fällen auch ein Grund zum Feiern, genau wie man die Jahrestage anderer bedeutsamer Ereignisse feiert.

Wenn Sie noch kein Erfolgstagebuch haben, sollten Sie sich unbedingt eines anlegen. Versuchen Sie, rückblickend die bisher wichtigsten Etappen zu rekonstruieren und tragen Sie diese dann mit dem jeweiligen Datum chronologisch in Ihr Erfolgstagebuch ein, bis Sie beim heutigen Datum angekommen sind. Notieren Sie am besten alle Erfolge, die Ihnen einfallen, zunächst auf Karteikarten oder losen Zetteln, da Sie diese später einfach chronologisch sortieren können, bevor Sie alles in Ihr Erfolgstagebuch übertragen.

Gewöhnen Sie sich ab jetzt an, jeden kleinen Erfolg einzutragen: die Fertigstellung eines neuen Manuskripts bzw. dessen Veröffentlichung, einen Blogpost mit extrem vielen positiven Kommentaren, eine besonders hohe Tantiemenabrechnung oder eine gute Platzierung eines Ihrer Bücher in den Amazon-Bestsellerlisten.

Je mehr solche kleinen und größeren Erfolge Sie im Laufe der Zeit zusammentragen, desto besser kann das Blättern in diesem Erfolgsbuch Sie motivieren, wenn Sie wieder mal das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten und Ihren Zielen nicht wirklich näher zu kommen. Probieren Sie es einfach einmal aus – es lohnt sich.


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