Charakterdesign von innen nach außen: Dreidimensionale Protagonisten nach Lajos Egri

In der vergangenen Woche hatten wir uns mit dem Unterschied zwischen Charakter-Fragebögen, die die Protagonisten “von außen nach innen” entwerfen, und dem Entwurf eines Protagonisten “von innen nach außen” beschäftigt.

Ein guter Ansatz hierfür ist der des Schriftstellers und Schreiblehrers Lajos Egri, der in seinem Buch “Literarisches Schreiben” von ‘dreidimensionalen’ Charakteren spricht. Diese haben nach Egris Definition eine physiologische, eine soziologische und eine psychologische Dimension, die sich gegenseitig beeinflussen und erst durch ihr Zusammenspiel eine realistische Romanfigur ergeben.

Die physiologische Dimension umfasst alle körperlichen Aspekte der Figur. Es ist klar, dass ein gutaussehender, hünenhafter junger Mann mit athletischem Körperbau ein ganz anderes Leben führt als jemand, der von Natur aus klein, eher schwächlich oder zu Übergewicht neigend ist oder dessen Aussehen ziemlich weit von der klassischen Definition von ‘gutaussehend’ abweicht. Auch Behinderungen und andere Handicaps wie Narben oder chronische Erkrankungen gehören mit zur physiologischen Dimension der Figur.

Die soziologische Dimension umfasst das Umfeld der Romanfigur. In was für einem sozialen Umfeld und in was für einer Familie ist sie aufgewachsen? Ein Mädchen, das in der Großstadt bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufwächst, die von Männern die Nase voll hat und kein gutes Haar an ihnen lässt, und die durch die Berufstätigkeit ihrer Mutter den größten Teil des Tages sich selbst überlassen ist, wird sich durch dieses Umfeld anders entwickeln als ein Mädchen, das in einer glücklichen Familie mit mehreren Geschwistern in einer ländlichen Gegend aufwächst und die immer das Gefühl hatte, dass ihre Eltern stets Zeit für sie haben und für sie da sind. Zur soziologischen Dimension gehört auch der Freundes- bzw. Bekanntenkreis und später das berufliche Umfeld mit Kollegen.

Viele Psychologen vertreten heutzutage den Standpunkt, dass wir uns in vielen Aspekten unseres Lebens an die drei Personen annähern, mit denen wir die meiste Zeit verbringen. Sind diese Personen beispielsweise sportlich aktiv und fitnessbewusst, wird man selbst auch eher zu einem solchen Leben animiert, während man sich damit schwer tun wird, wenn man die meiste Zeit mit übergewichtigen Couch-Potatos verbringt. Hier gilt nicht die alte Redensart “gleich zu gleich gesellt sich gern”, sondern die Auswahl der Leute, mit denen wir den größten Teil unserer Zeit verbringen, beeinflusst sehr stark, in welche Richtung wir selbst uns entwickeln.

Das ist auch einer der Gründe, warum Geschichten so erfolgreich sind, in denen der Protagonist des Romans aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen und einer völlig neuen Umgebung mit anderen Konventionen ausgesetzt wird. In welchen Aspekten wird die Figur sich an das neue Umfeld anpassen und sich dadurch verändern – zum Guten oder auch zum Schlechten? Denken Sie beispielsweise an Harry Potter, der an seinem 11. Geburtstag aus seinem gewohnten Umfeld (gehässige Familie, ein kleiner Verschlag unter der Treppe als Kinderzimmer) herausgerissen wird und nun als Zauberlehrling auf einer magischen Schule erfährt, dass nicht nur Magie existiert, sondern dass er selbst auch etwas ganz Besonderes ist.

Die dritte Dimension nach Lajos Egri ist die psychologische Dimension, die sich auch den anderen beiden Dimensionen ergibt bzw. entwickelt. Jemand, der groß, gutaussehend und intelligent ist und dem seine Eltern und sein Umfeld stets zu verstehen gegeben haben, dass er etwas Besonderes ist und in seinem Leben noch Großes erreichen wird, entwickelt eine ganz andere Sicht der Welt und des Lebens als jemand, der in Armut aufgewachsen ist und von seinem arbeitslosen, trunksüchtigen und gewalttätigen Vater seit frühester Kindheit ständig schikaniert und als dummer Nichtsnutz bezeichnet wurde.

Gut, das war jetzt ein verdammt tiefer Griff in die Klischeekiste, aber es geht ja auch nur darum, das Konzept zu verdeutlichen. ;-)

Lajos Egris Konzept hat einen ganz besonderen Charme, da es dynamisch ist und die Möglichkeit von Veränderungen berücksichtigt. Man kann sich das ähnlich wie bei einem dreibeinigen Hocker vorstellen: verändert man die Länge eines der Beine, ändert sich dadurch automatisch die Neigung und Ausrichtung der Sitzfläche, die anschließend entweder waagerechter als zuvor ist oder aber durch die Änderung in Schieflage gerät.

Wenn man einen glaubwürdigen ‘dreidimensionalen’ Protagonisten nach Lajos Egri entwirft (egal, in welcher Lebensphase sich dieser bisher befindet), kann schon die Veränderung der physiologischen oder der soziologischen Dimension den Stoff für eine interessante Romanhandlung bieten.

Veränderungen der physiologischen Dimension sind meist Verschlechterungen: Erkrankungen, Unfälle, Behinderungen oder Alterserscheinungen. Ein erfolgreicher Geschäftsmann, der durch eine lebensbedrohliche Krankheit dazu gezwungen wird, sein Leben und seine Prioritäten zu überdenken. Ein Berufssportler, der bei einem Autounfall ein Bein verliert oder gar im Rollstuhl landet. Eine Schauspielerin, die gegen das Alter ankämpft und fürchtet, keine großen Rollen mehr zu bekommen, wenn sie nicht mehr jugendlich schön und faltenfrei ist. Alles Stoff, aus dem man interessante Protagonisten und Geschichten entwickeln könnte.

Auch Verbesserungen der physiologischen Dimension sind im Rahmen einer Romanhandlung möglich, wie beispielsweise im Thriller “Johnny Handsome – Der schöne Johnny” mit Mickey Rourke. Oder denken Sie an die schon hundertfach in den unterschiedlichsten Varianten erzählte Geschichte, in denen jemand, der früher in der Schule dick, von Akne geplagt o.ä. war oder eine dicke Brille trug, nach Jahren anlässlich eines Klassentreffens zurückkehrt und (mittlerweile schlank, sportlich, gutaussehend und erfolgreich) auf seine ehemaligen Klassenkameraden trifft, die sich damals über ihn lustig gemacht oder ihn gar gemobbt hatten. Auch solche Veränderungen haben jede Menge Potential für eine spannende Romanhandlung.

Veränderungen der soziologischen Dimension können gut, schlecht oder einfach nur anders sein. Ein kleiner Angestellter soll das Erbe seines verstorbenen Onkels antreten und dessen Firma übernehmen. Ein erfolgreicher Hedgefond-Manager muss, nachdem er durch eine Fehlspekulation sowohl seinen Job als auch sein privates Vermögen verloren hat, in eine heruntergekommene Gegend ziehen. Ein amerikanischer Geschäftsmann muss für ein Jahr mit seiner Familie nach Korea, um die dortige Niederlassung seiner Firma zu leiten.

Auch hier kann jede Änderung, die das bisherige Gleichgewicht in eine Schieflage bringt, den Grundstock für eine interessante Handlung darstellen. Welchen Einfluss haben die Änderungen auf den Protagonisten? Gelingt es ihm, sich an die neue Umgebung anzupassen? Welche Überzeugungen, Gewohnheiten oder Vorurteile muss er überdenken oder über Bord werfen, um sich mit der veränderten Situation zu arrangieren und den zentralen Konflikt zu lösen?

Die psychologische Dimension ergibt sich zu einem guten Teil aus der physiologischen und der soziologischen Dimension der Figur. Bestimmte Aspekte wie Intelligenz sind zwar zumindest teilweise angeboren, doch der größte Teil der psychologischen Dimension ist von der physiologischen und der soziologischen Dimension abhängig.

Stellen Sie sich einen hageren jungen Mann mit abstehenden Ohren und einer auffälligen Adlernase vor, die fast schon an die einer geschnitzten Kasper-Figur erinnert. Was sich aus dieser physiologischen Dimension für ein Charakter (psychologische Dimension) entwickelt, hängt zu einem guten Teil von der soziologischen Dimension seiner Figur ab: Wenn dieser Junge der Sohn einer Arbeiterfamilie ist, der in der Schule wegen seines Aussehens gehänselt wird, wird er vielleicht sehr schüchtern sein, einen Minderwertigkeitskomplex entwickeln und zum Stottern neigen.

Stellen Sie sich auf der anderen Seite vor, dieser Junge wäre der einzige Sohn eines millionenschweren Industriellen. Die auffällige Nase, die bei dem Arbeiterkind für Komplexe gesorgt hätte, sieht er als besonderes Familienmerkmal, da er diese auch bei seinem Vater und auf den Gemälden seiner Ahnen sieht, die überall in der Industriellenvilla hängen. Wenn andere Kinder ihn wegen seines Aussehens ablehnen würden, würde dies bei ihm vermutlich eher zur Ausprägung einer kalten, arroganten Schale führen, nicht jedoch zu einem Minderwertigkeitskomplex oder einem Stottern.

Die Umgebung, in der wir aufwachsen, die politischen Einstellungen und ethischen und moralischen Werte, die wir von unseren Eltern vermittelt bekommen, die Glaubenssätze, die wir in unserer Kindheit und Jugend über Dinge wie Geld und Familie vermittelt bekommen und die Freunde, mit denen wir uns in unserer Jugend umgeben, haben maßgeblichen Einfluss darauf, zu was für einem Charakter wir uns entwickeln – und genau dasselbe gilt auch für Romanfiguren wie unseren Protagonisten.

Wenn Sie die Vorgeschichte Ihres Protagonisten entwerfen und ihn so zu einer abgerundeten, dreidimensionalen Figur nach Lajos Egri entwickeln, können Sie weit besser einschätzen, wie dieser Protagonist sich in einer bestimmten Situation entscheiden und handeln würde. Auch wenn diese Informationen es vielleicht niemals auf die Seiten Ihres Romans schaffen, wird der Leser dennoch spüren, dass Ihr Protagonist eine echte, abgerundete Persönlichkeit ist. Und das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass der Leser auch die Romanhandlung als plausibel und glaubwürdig empfindet.

Von Charakter-Fragebögen, Charakter-Dossiers und Casting für Charaktere…

Wenn es um den Entwurf von Romanfiguren (und ganz speziell Protagonisten) geht, liest man häufig den Tipp, zu dieser Figur einen Charakter-Fragebogen auszufüllen, um sie besser kennenzulernen. Der dahinter liegende Gedanke ist zwar richtig, doch der Ansatz mit dem Charakter-Fragebogen zäumt das Pferd leider von hinten auf.

Natürlich ist es richtig, dass man als Schriftsteller seine Romanfiguren und speziell seinen Protagonisten sehr gut kennen muss – sogar besser, als man die meisten ‘realen’ Personen im eigenen Umfeld kennt. Denn wie will man glaubwürdig aus der Perspektive einer Person schreiben und eine Handlung entwickeln, die der Leser später als realistisch und plausibel empfindet, wenn man sich nicht gut genug in die Gedanken, Motive und Pläne dieser fiktionalen Person hineinversetzen kann, um sie realistisch handeln zu lassen?

Doch mit dem Ausfüllen eines Charakter-Fragebogens zu beginnen ist, so logisch und sinnvoll er einem auch auf den ersten Blick erscheinen mag, dennoch der falsche Ansatz.

Ich möchte hier ganz bewusst zwischen einem Charakter-Bogen (oder auch ‘Charakter-Dossier’) und einem Charakter-Fragebogen differenzieren. Auch wenn beide in ausgefülltem Zustand gar nicht so unähnlich aussehen, handelt es sich dennoch um einen völlig anderen Ansatz. Während man beim Charakter-Fragebogen (von dem ich persönlich nicht allzu viel halte) den Fragebogen der Reihe nach mit Daten füllt und hofft, dadurch einen abgerundeten Romancharakter zu erhalten, dient der Charakter-Bogen (bzw. das ‘Charakter-Dossier’) dazu, alles festzuhalten, was man als Schriftsteller bereits über eine bestimmte Romanfigur weiß. Um Verwechslungen zu vermeiden, werde ich diese Variante im Rest des Artikels als ‘Charakter-Dossier’ bezeichnen.

Charakter-Dossiers sind eine feine Sache, auf die man als Schriftsteller kaum verzichten kann. Sie sorgen dafür, dass man beim Schreiben stets die Übersicht behält und nicht Gefahr läuft, sich im Laufe der Romanhandlung durch vergessene oder verwechselte Details selbst zu widersprechen. Selbst bekannten Schriftstellern passiert es gelegentlich, dass eine Person im Laufe des Romans beispielsweise ihre Augenfarbe wechselt oder dass ihr Name ab einer bestimmten Stelle des Romans auf einmal anders geschrieben wird. Solche ärgerlichen Detailfehler entgehen leider viel zu häufig sogar den Lektoren klassischer Verlage, so dass sie es bis ins gedruckte Buch schaffen und dann für negative Rezensionen durch ebenso aufmerksame wie kritische Leser sorgen.

Charakter-Dossiers verhindern, dass man auf Seite 10 eine Figur mit schütterem Haar schildert und diese Person sich dann auf Seite 90 mit den Händen nervös durch ihre dicken Locken fährt. Alles, was man über eine Romanfigur, ihre Eigenschaften, Kenntnisse, Vorlieben und Vergangenheit auf den Seiten des Romans bereits erwähnt hat, gehört definitiv in das Charakter-Dossier dieser Figur – ob es nun die Tatsache ist, dass die Person Linkshänder ist, dass sie einen auffälligen Siegelring trägt oder dass, wie Sie sich beim Schreiben einer Dialogszene überlegt haben, die Eltern der Romanfigur 1993 bei einem Autounfall mit Fahrerflucht ums Leben gekommen sind.

Doch während ein solches Dossier während der Entstehung eines Romans erst nach und nach wächst, da man als Schriftsteller während des Schreibens seine Romancharaktere immer besser kennen lernt und neue Details über sie entdeckt, erfindet und einfließen lässt, erinnert der ‘Charakter-Fragebogen’ mehr an eine ‘Lego-Bauanleitung für Romanfiguren’.

Bei dem an sich löblichen Versuch, den Schriftsteller beim Entwurf abgerundeter und realistischer Charaktere zu unterstützen, fangen solche Fragebögen (was einem ja auch an sich durchaus logisch erscheint) üblicherweise mit den ‘Eckdaten’ einer Figur an, die man auch auf einem Steckbrief finden könnte (Name, Alter, Größe, Haar- und Augenfarbe…), und gehen dann mehr ins Detail, indem man oft mehrere Seiten lang Angaben wie Beruf, Familie, Kleidungsstil, Lieblingsfarbe und Lieblingsessen ausfüllt.

Ich habe überhaupt nichts gegen die Fragen aus diesen Fragebögen. Solche Details über die Figuren und speziell den eigenen Protagonisten zu wissen, ist selbstverständlich nützlich, da man sie bei verschiedenen Gelegenheiten in die Handlung einstreuen und so den Eindruck eines realen Menschen erzeugen kann.

Das Ausfüllen eines solchen Fragebogens ist allerdings der komplett falsche Ansatz, um mit dem Entwurf einer wichtigen Romanfigur wie des Protagonisten zu beginnen. Wenn Sie beispielsweise überlegen, sich ein neues Auto zu kaufen, würden Sie vermutlich auch erst einmal abwägen, ob Sie einen wendigen Kleinwagen, einen geräumigen Kombi, ein sportliches Cabrio oder ein bulliges SUV mit Allrad brauchen, welche Marken in Frage kommen und auf welche Leistungsmerkmale Sie Wert legen, bevor Sie sich über Details wie das Textilmuster der Sitze oder die passenden Alu-Felgen Gedanken machen.

Einen interessanten Protagonisten, dem der Leser auf seinem Abenteuer folgen möchte, kann man nicht nach Schema F innerhalb weniger Minuten durch das Ausfüllen eines standardisierten Fragebogens entwerfen.

So etwas kann man für unwichtige Nebenfiguren im Roman machen, aber nicht für die wirklich wichtigen Rollen innerhalb des Romans wie den Protagonisten oder den Antagonisten.

Der bessere Ansatz ist, mit dem Entwurf des Protagonisten von innen nach außen anzufangen und Details wie Name, Aussehen oder auch den Beruf erst später zu ergänzen.

Wenn Sie auch nur zu früh den Namen einer Figur festlegen (üblicherweise ist das bereits die erste Frage eines solchen Charakter-Fragebogens!), beschneiden Sie sich selbst in Ihren Möglichkeiten und schließen Optionen aus, die vielleicht die weitaus bessere Wahl gewesen wären.

Wenn Sie beispielsweise damit anfangen, dass Sie über einen Polizisten schreiben wollen, und diesen Frank Weller nennen, haben Sie den größten Teil Ihrer Optionen bereits von vorneherein ausgeschlossen. Vielleicht würde Ihre Story noch viel besser, wenn Ihr Protagonist kein Polizist, sondern eine Polizistin wäre. Oder kein Deutscher, sondern ein Italiener oder Tunesier. Je nachdem, welche Ideen Sie bereits für Ihre Handlung haben, kann eine andere Nationalität, eine andere Religion oder ein anderes Geschlecht der Hauptfigur ganz neue Konflikte aufwerfen und Ihnen neue dramatische Möglichkeiten erschließen.

Der beste Ansatz ist daher, zu Beginn lediglich die Eckdaten festzulegen, die von entscheidender Bedeutung für Ihre geplante Romanhandlung sind. Wenn Sie also eine Geschichte über einen einbeinigen Bergsteiger schreiben, der sich aufmacht, den Mount Everest zu besteigen, spielt es zunächst einmal keine Rolle, wie dieser Bergsteiger heißt, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, welche Nationalität er besitzt oder ob es das linke oder das rechte Bein ist, das ihm fehlt.

Solange Sie selbst nur ganz abstrakt als “der einbeinige Bergsteiger” von Ihrem Protagonisten denken und nicht der Versuchung nachgeben, ihm einen Namen und ein Gesicht zu verpassen, halten Sie sich alle Möglichkeiten offen.

Um einen Protagonisten “von innen nach außen” zu entwickeln, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die wir uns in den nächsten Wochen noch näher anschauen werden.

“Protagonist gesucht. Voraussetzungen sind…”

Eine bewährte Methode für die “Besetzung der Hauptrolle” ist ein virtuelles Casting für die Rolle des Protagonisten. Formulieren Sie dafür anhand der Eckdaten, die Sie für Ihren Protagonisten festgelegt haben, eine fiktionale Stellenbeschreibung. Diese sollte alle Merkmale und Qualifikationen umfassen, die Sie für Ihre Handlung als wichtig bzw. unabdingbar betrachten, sowie unter “wünschenswert” die Eigenschaften oder Fähigkeiten, die zwar erwünscht, aber nicht zwingend erforderlich sind.

Erstellen Sie nun drei bis fünf Charakterprofile von Personen, die sich auf diesen “Job” als Protagonist bewerben könnten. Achten Sie darauf, dass diese Personen innerhalb des Rahmens der gesteckten Eckdaten so unterschiedlich wie möglich sind.

Für die Stellenbeschreibung “Gesucht: einbeiniger Bergsteiger (m/w), der den Mount Everest besteigen will. Wünschenswert wären Sprachkenntniss in Nepali und/oder Chinesisch sowie Survival-Kenntnisse” könnten sich z.B. folgende Charaktere bewerben:

  1. Chuck Jones, 32 Jahre, USA: ehemaliger Stuntman, der bei Dreharbeiten schwer verletzt wurde und sein Bein verloren hat. Drehte oft mit asiatischen Schauspielern und Stuntleuten bei Martial-Arts-Filmen und spricht daher gebrochen Chinesisch. Durch die Besteigung des Mount Everest will Chuck die Aufmerksamkeit von Filmproduzenten auf sich lenken, um so seine Rückkehr ins Filmgeschäft zu erreichen.
  2. Sandrine Dubois, 38 Jahre, Kanada: erfahrene Bergsteigerin, die bei einem Autounfall ihr Bein verloren hat. Sie will sich und anderen beweisen, dass eine solche Behinderung sie nicht daran hindern kann, alle sieben Berge der “Seven Summits” zu besteigen.
  3. Gunnar Hendriksen, 46 Jahre, Norwegen: Survival-Experte und Naturfilmer. Hendriksen hatte seine eigene Fernsehsendung, in der er von seinen abenteuerlichen Wildnis-Expeditionen in Afrika und Südamerika berichtete. Nachdem er beim Angriff eines Löwen schwer verletzt wurde und monatelang ausfiel, verlor er seine Sendung. Hendriksen plant die Besteigung des Mount Everest mit seinem Kameramann Trond und will so Material für eine atemberaubende neue Doku-TV-Serie über seine Besteigung des Mount Everest sammeln.

Diese Charakterentwürfe habe ich innerhalb von ein paar Minuten rasch heruntergeschrieben. Mit etwas Zeit und Mühe kann man hier natürlich noch weitaus bessere und ungewöhnlichere Charaktere entwerfen.

Sobald Sie mindestens fünf mögliche Kandidaten zusammen haben, nehmen Sie diese bei einem virtuellen Casting der Reihe nach unter die Lupe. Jeder der Entwürfe hat sein ganz eigenes Potential und erschließt einem ganz andere Optionen für die Handlung, die anderen Figuren nicht offen stehen.

Als Stuntman dürfte Chuck gefährliche Situationen gut einschätzen können und ist vermutlich in der Lage, durch jahrelang geübte Fall-Techniken Stürze mit nicht mehr als ein paar Schrammen zu überstehen, bei denen manch anderer sich üble Prellungen oder gar Knochenbrüche zugezogen hätte. Dies könnte helfen, seine fehlenden Survival-Erfahrungen auszugleichen.

Sandrine hat durch ihre bisherige Erfahrung als Bergsteigerin die beste Qualifikation. Sie weiß, was sie bei einer solchen Expedition erwartet und kann diese Erfahrungen nutzen, um eine speziell auf sie zugeschnittene flexible Metallprothese mit Steigeisen zu entwickeln, die ihr Handicap so weit wie möglich ausgleicht.

Gunnar und sein Kameramann könnten hingegen in eine gefährliche Situation geraten, als Trond mit seiner Filmkamera unwissentlich etwas aufnimmt, was unentdeckt bleiben sollte. Und ehe er sich versieht, verwandelt sich die Expedition in ein tödliches Katz- und Maus-Spiel mit einem gefährlichen, gut ausgerüsteten und zu allem entschlossenen Gegner.

Nehmen Sie sich die Zeit, die Motivation, die Fähigkeiten, die Schwächen und die Handicaps der unterschiedlichen Charaktere abzuklopfen und gegeneinander abzuwägen. Sammeln Sie Ideen für Plot-Wendungen und Komplikationen, die nur mit dieser Person als Protagonist möglich wären.

Sobald Sie sich für einen der ‘Bewerber’ entschieden haben, sind Sie einen großen Schritt weiter: nicht nur, weil Sie sich für einen Protagonisten entschieden haben, sondern auch, weil Sie ganz genau wissen, warum Sie sich gerade für diesen Kandidaten entschieden haben.

Von diesem ersten Entwurf ausgehend können Sie Ihren Protagonisten dann weiter bearbeiten und verfeinern. Die besten Techniken dafür schauen wir uns ab der kommenden Woche an.


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Statische und dynamische Protagonisten

Wie bereits mehrfach in der Artikelreihe über Protagonisten erwähnt ist es üblicherweise so, dass der Protagonist im Laufe der Romanhandlung eine Veränderung durchmacht. Er muss wachsen und, wie vorletzte Woche erwähnt, seine Schwäche überwinden, um am Ende den zentralen Konflikt zu seinen Gunsten entscheiden zu können.

Bei dieser Art von Protagonisten spricht man auch von ‘dynamischen’ Protagonisten, da sie sich im Laufe der Handlung verändern. Allerdings ist dies nicht die einzige Art von Protagonisten, mit denen man es als Autor beim Schreiben von Romanen zu tun bekommt, denn neben diesen gibt es auch noch die ‘statischen’ Protagonisten, die sich im Laufe der Romanhandlung nicht oder nur unwesentlich verändern.

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Patchwork-Tutorial: Outline – Die Projektübersicht

Gastartikel von Martin Danesch

PatchworkZweck der Outline-Ansicht ist eine bessere Übersicht über die Szenen eines Werks.

Screenshot Patchwork

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Es wird dafür kein eigenes Fenster geöffnet, sondern die Kapitelübersicht erweitert und zwar – außer man gibt es in den Einstellungen anders an – zu Ungunsten der Reiter mit Text, Timelines und Kreativboard.

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Hindernisse auf dem Weg Ihres Protagonisten: Schwächen und Handicaps

In der vorletzten Woche der Artikelserie über Protagonisten haben wir uns mit dem Thema “Der kompetente Protagonist: Superheld oder Alltagsheld” beschäftigt.

Dazu gehört auch das Thema “Schwächen und Handicaps”.

Als Schriftsteller sollten Sie sich davor hüten, einen ‘perfekten’ Protagonisten ohne Schwächen zu erschaffen. Protagonisten ohne Schwächen haben gleich mehrere gravierende Nachteile.

Schwächen erleichtern die Identifikation

‘Perfekte’ Romanfiguren ohne Schwächen wirken (ebenso wie reale Personen, die scheinbar keine Schwächen haben), alles andere als sympathisch. Wir selbst sind auch nicht perfekt. Selbst wenn wir gewohnheitsmäßig unsere Schwächen in der Öffentlichkeit verbergen und kaschieren, können wir uns mit den Schwächen eines Protagonisten weit eher identifizieren als mit seiner vermeintlichen Perfektion. Weiterlesen

Wie viele Protagonisten kann ein Roman vertragen?

Eine der häufigsten Fragen rund um Protagonisten ist, wie man Romane mit mehreren Protagonisten schreibt. Die Antwort auf diese Frage gefällt den meisten allerdings nicht: “Nach Möglichkeit gar nicht.”

Diese etwas launisch klingende Antwort hat einen Grund. Die meisten Romane werden besser und stärker, wenn man sich auf einen einzigen Protagonisten beschränkt.

Aber wird das nicht langweilig? Man braucht doch eine große Besetzung, um eine spannende und abwechslungsreiche Romanhandlung zu schreiben, oder etwa nicht? Eher “etwa nicht”. Auf je weniger zentrale Charaktere (wir reden hier also nicht über Nebenfiguren oder gar Statisten, sondern nur über Protagonisten und Antagonisten!) man sich beschränkt, desto intensiver kann man sich innerhalb seines Romans mit diesen Charakteren beschäftigen. Ein Protagonist und ein Antagonist, die durch einen packenden zentralen Konflikt aneinander gebunden sind – das ist alles, was wir im Normalfall brauchen. Weiterlesen

Der kompetente Protagonist: Superheld oder Alltagsheld?

Eine der wichtigsten Eigenschaften des Protagonisten ist, dass er kompetent ist – also besonders gut in einer ganz bestimmten Sache. Auch im wahren Leben lieben wir es, echten Könnern ihres Fachs bei der Arbeit zuzusehen – egal, ob es sich um Jongleure und andere Artisten, Maler wie Bob Ross, die innerhalb weniger Minuten beeindruckende Kunstwerke erschaffen, Meisterköche, Musiker oder um Zauberkünstler handelt.

Wir schätzen und honorieren Kompetenz, und darum ist es eine bewährte Taktik, den Protagonisten eines Romans in einer bestimmten Sache besonders kompetent zu machen. Die Frage ist nur, was für eine Art von Protagonist wir erschaffen wollen: einen ‘Superhelden’ oder einen ‘Alltagshelden’?

Wer bei ‘Superheld’ direkt an diverse maskierte/kostümierte Comichelden denkt, die durch die Comics und deren Verfilmungen von Marvel und DC fliegen, schweben oder schwingen – keine Sorge: das ist nicht das, was ich mit einem ‘Superhelden’ meine.

Ein ‘Superheld’ ist nach meiner Definition jemand, der für die Lösung eines Problem prädestiniert ist und die passenden Fähigkeiten, Kenntnisse und Ausrüstungsgegenstände gleich mitbringt.

Ihm gegenüber steht als Kontrast der ‘Alltagsheld’, der zwar ebenfalls kompetent ist – nur eben nicht in den Dingen, die man üblicherweise für die Lösung eines solchen Problems benötigen würde. Weiterlesen

Der Protagonist – das Herzstück Ihres Romans

In dieser Woche startet, wie bereits angekündigt, die neue Artikelserie zum Schwerpunktthema “Protagonisten” – also rund um alles, was einen guten Protagonisten (auch gern als “Hauptheld” bezeichnet) ausmacht und welche Punkte man als Schriftsteller beim Entwurf eines solchen Protagonisten beachten sollte.

Diese Artikelserie versteht sich natürlich keinesfalls als “Regelwerk”. Gerade beim kreativen Schreiben gibt es für jede vermeintliche Regel zahllose Beispiele aus der Literatur, bei denen diese Regel nicht nur missachtet, sondern geradezu in ihr Gegenteil verkehrt wurde – und das, ohne die Wirkung und den Erfolg des Romans dadurch zu schmälern.

Betrachten Sie die Artikel dieser Serie lieber als eine Art Werkzeugkasten, dessen einzelne Werkzeuge Sie in Ihr Repertoire aufnehmen und bei Bedarf einsetzen können. Sie müssen keinesfalls bei jeden Roman (bzw. bei jedem Protagonisten, den Sie entwerfen) jedes Werkzeug einsetzen – in der Praxis wird es eher so sein, dass Sie bestimmte “Lieblingswerkzeuge” besonders häufig verwenden, während andere weitgehend ungenutzt in der Ecke verstauben.

Wie in sehr vielen Bereichen des kreativen Schreibens ist auch hier weniger wichtig, WAS man tut, sondern eher, dass man sehr genau weiß, WARUM man sich dafür entschieden hat, es genau so zu machen. Und je größer Ihr Werkzeugkasten ist, desto mehr Möglichkeiten haben Sie, abwechslungsreiche und bemerkenswerte Protagonisten zu erschaffen. Oder um es mit den Worten von Abraham Maslow zu sagen: “Wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.” ;-) Weiterlesen

Patchwork-Tutorial: Szenencheck, -typ und Spannungskurve

Gastartikel von Martin Danesch

PatchworkMit diesem Tutorial begeben wir uns ein wenig in die Lüfte. So, als ob wir, wie von einer Wolke aus, die Landschaft unseres Texts betrachten würden. Die drei in der Überschrift erwähnten Fähigkeiten sind über ein einziges Fenster zugänglich. Doch es handelt sich um zwei Themen: den Szenentyp mit der daraus resultierenden Spannungskurve hier und den Szenencheck dort.

Die Funktionen Szenencheck, -typ und Spannungskurve sind nicht nur ein reizvolles Feature, sondern sie bringen uns dazu, uns auf einer anderen Ebene mit den Szenen zu beschäftigen – und das, ohne dass es groß auffällt. In der Folge tragen sie erheblich dazu bei, den zukünftigen Leser besser an die Szenen zu binden, was wiederum stark zum Erfolg unseres Werks beiträgt. Dies sind Funktionen in Patchwork, die zu Unrecht ihr Dasein meist unerkannt oder doch nur im Verborgenen fristen. Weiterlesen

Blendfrei schreiben im Freien

Schreiben Sie gerne im Freien? Egal ob im Garten, auf der Terrasse oder im Biergarten – im Sommer macht es auch mal Spaß, das gute Wetter zu nutzen und zur Abwechslung öfter mal im Freien zu schreiben. Schließlich will man sich nicht zwischen dem Schreiben und der Möglichkeit, das schöne Wetter draußen genießen zu können, entscheiden müssen.

Die Werbung zeigt einem gerne, wie mobil man mit modernen Laptops oder Netbooks ist: zufriedene Menschen, die mit ihrem Laptop auf dem Schoß auf einer Parkbank sitzen und ganz entspannt daran schreiben oder arbeiten. Mit Akkulaufzeiten von oft deutlich über fünf Stunden und (wenn man es mal braucht) WLAN via Smartphone scheinen die Voraussetzungen dafür ja geradezu perfekt zu sein.

Doch wer in der Praxis schon einmal versucht hat, mit seinem Laptop oder Netbook im Freien zu schreiben, weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr die Werbung lügt. In vielen Fällen kann man im Freien auf dem Bildschirm seines Laptops kaum etwas erkennen. Der in geschlossenen Räumen so gut ausgeleuchtete Bildschirm wirkt im Freien selbst bei diffusem Licht dunkel und kontrastarm, so dass man nur mit Anstrengung erkennen kann, was auf dem Bildschirm steht – also muss man die Bildschirmhelligkeit auf Maximum hochregeln (was zu Lasten der Akkulaufzeit geht) und/oder in den Windows-Einstellungen die Darstellung auf ein Theme mit hohem Kontrast umschalten.

Die Alternative zu einer solchen Quälerei ist Weiterlesen