Bastei Lübbe kauft Bookrix – Symbiose aus Verlagsgeschäft und Selfpublishing?

Wenn man die Selfpublishing-Landschaft beobachtet, bemerkt man in letzter Zeit einen deutlichen Wandel. Das neueste Signal dieses Wandels ist die kürzlich bekannt gegebene Mehrheitsbeteiligung von Bastei Lübbe am Selfpublishing-Anbieter Bookrix.

Ereignisse wie dieses zeigen, dass die früher unüberwindlich erscheinende Kluft zwischen klassischen Verlagen und dem alternativen Weg des Selfpublisings sich mehr und mehr schließt. Stattdessen entwickelt sich eine Symbiose zwischen dem Knowhow der Verlagshäuser und den flexiblen Möglichkeiten der Selfpublisher.

Noch vor einigen Jahren wurde das Selfpublishing von Büchern von den meisten Menschen eher mitleidig belächelt. Erzählte man damals als Autor jemandem, dass man sein Buch im Selbstverlag veröffenticht, musste man mit süffisanten Bemerkungen im Sinne von „Wenn es gut wäre, hätte es auch ein richtiger Verlag genommen“ rechnen.

Verlage waren das inoffizielle Qualitätssiegel. Was von einem Verlag akzeptiert und veröffentlicht wurde, war gut, und selbstverlegte Bücher standen unter pauschalem „Schundverdacht“.

Heutzutage hat sich das Blatt gewendet. Selfpublishing ist immer verbreiteter, komfortabler und durch seine Flexibilität und höheren Tantiemen auch für etablierte Autoren immer interessanter geworden. Mehr und mehr ehemalige Verlagsautoren veröffentlichen sowohl ihre älteren Titel als auch Neuveröffentlichungen im Selbstverlag – die sogenannten „Hybrid-Autoren“, die beiden Welten angehören und deren Vorteile strategisch für sich nutzen.

Im selben Zuge bemerkt man einen unaufhaltsamen Wandel in den Bestsellercharts von Amazon, die mehr und mehr von Selfpublishern dominiert werden. So waren am 29.01.2014 erstmals die gesamten Top-10 von Amazon von Selfpublishern belegt – und mittlerweile kann man fast generell davon ausgehen, dass die absolute Mehrheit der Titel in den Top-100 von Amazon nicht aus klassischen Verlagen, sondern von Selfpublishern stammen.

Es sind nicht nur die verglichen mit den stolzen eBook-Preisen der meisten klassischen Verlage deutliche günstigeren Preise, die für den Aufwind selbstverlegter eBooks in den Charts verantwortlich sind. Es ist auch die Qualität, die stimmt.

Natürlich kommen immer wieder grottenschlechte eBooks von Selfpublishern auf den Markt – z.B. vollautomatische (und damit unlesbare bis unfreiwillig komische) Übersetzungen englischsprachiger eBooks oder unzureichend überarbeitete Erstlingswerke unerfahrener Schreibanfänger. Doch diese versinken durch schlechte Rezensionen und mangelnde Verkäufe ebenso rasch wie spurlos in den unendlichen Tiefen des Marktes, während auf der anderen Seite die Werke talentierter Selfpublisher ihren Weg in die Verkaufscharts antreten.

Durch den Vormarsch der eBooks und des Selfpublishings ist für Autoren ebenso wie für Verlage ein neues Zeitalter angebrochen – nur wer sich anpasst und lernt, seine Stärken unter neuen Bedingungen auszuspielen, wird langfristig Erfolg haben.

Dass auch die Verlage dieser Auffassung sind, erkennt man daran, dass diese nach und nach entweder ihren eigenen Selfpublishing-Zweig gründen (wie die Holtzbrinck-Tochter epubli), sich in bestehende Firmen einkaufen (wie jetzt bei Bastei Lübbe und Bookrix) oder Kooperationen eingehen (wie die Zusammenarbeit von Rowohlt mit Neobooks).

Eine solche Verbindung zwischen klassischem Verlag und Selfpublishing hat (mal ganz abgesehen von der zusätzlichen Einnahmequelle) für die Verlage gleich mehrere Vorteile: Über ihre angegliederten Selfpublishing-Anbieter können sie nach neuen Talenten Ausschau halten und diesen ggf. einen interessanten Verlagsvertrag anbieten, bevor die Konkurrenz ihnen zuvor kommt. Und verkauft sich ein selbstveröffentlichtes eBook besonders gut, könnte es für beide Seiten durchaus lohnend sein, wenn der Verlag diesen Titel in sein Print-Verlagsprogramm aufnimmt und Buch und Autor so einen neuen Markt erschließt.

Die zunehmende Verschmelzung von Verlagsgeschäft und Selfpublishing ist eine interessante Entwicklung, von der unterm Strich alle profitieren: Verlage sichern sich ihre Marktposition und erschließen sich neue Einnahmequellen, Autoren haben mehr Optionen und Möglichkeiten als jemals zuvor in der Geschichte des Buchs und Leser haben immer mehr Möglichkeiten, guten und zugleich günstigen Lesestoff zu bekommen.


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