Casting für Ihren Roman

Gute Geschichten – und ganz besonders Romane – leben von ihren Charakteren. Selbst die beste Handlung kann Leser nur selten fesseln, wenn die Charaktere nicht kompetent, motiviert und charismatisch sind.

Dennoch stoße ich beim Lesen von Romanen immer wieder auf Geschichten, bei denen ich mir sage: Da wäre doch mehr drin gewesen. Oft ist die dem Roman zugrunde liegende Idee erfrischend neu und interessant präsentiert – aber dann wird die Handlung leider durch schablonenartige Charaktere in die Grauzone des Mittelmaßes herunter gezogen.

Um das zu vermeiden, sollten Sie die Charaktere für Ihren nächsten Roman äußerst sorgfältig casten. Casten wie in den berüchtigten Casting-Shows, an denen man in den Privatsendern kaum noch vorbei zappen kann? Zumindest so ähnlich – allerdings nicht “Deutschland sucht den Superstar”, sondern eher “Mein Roman sucht den Superschurken” ;-)

Die auslösende Idee für eine Romanhandlung kann ganz unterschiedlich sein. Manchmal ist es ein Bericht, den man irgendwo gelesen hat, eine Reportage im Fernsehen oder ein ungewöhnliches Erlebnis – und manchmal ist es auch eine Idee für eine ganz bestimmte Romanfigur, die einen einfach nicht mehr loslässt, bis sich vor unserem geistigen Auge nach und nach das Gerüst einer Romanhandlung um diese Figur herum aufbaut.

Manchmal haben Sie also bereits eine zentrale Figur – in den meisten Fällen den Protagonisten. Gerade wenn man Fortsetzungen zu bestehenden Romanen oder gar ganze Serien schreibt, kann man den Protagonisten als “gesetzt” annehmen. Doch alle anderen wichtigen Rollen in Ihrem Roman sollten Sie mit einem zünftigen “Casting” besetzen.

Dazu legen Sie zunächst einmal fest, welche “Rollen” Sie noch zu besetzen haben. Protagonist und Antagonist (also “Held” und “Schurke”), der Mentor, der Sidekick /  beste Freund des Helden und eventuell noch eine Liebesbeziehung.

Legen Sie nun für jede dieser Rollen ein “Anforderungsprofil” fest, das die Idealbesetzung für diese Rolle erfüllen müsste – ähnlich wie bei einer Stellenbeschreibung.

Sagen wir, Sie wollen einen Agententhriller im Stil der James-Bond-Romane schreiben und suchen einen würdigen Gegenspieler für Ihren Top-Agenten. Welche Eigenschaften müsste ein solcher Superschurke mitbringen? Er sollte äußerst intelligent sein, dabei skrupellos, mit ausgeprägtem Machthunger und einem diabolischen Plan, den es zu vereiteln gilt. Und natürlich braucht er ein gutes, plausibles Motiv für diesen Plan – nicht nur das typisch melodramatische “die Weltherrschaft” oder gar “die Welt vernichten”. Darüber hinaus braucht Ihr Schurke Macht, Geld, Einfluss und eine Organisation, um diesen Plan umzusetzen. Und vielleicht noch die Fähigkeiten, es im großen Finale sogar in einem direkten Showdown mit Ihrem Protagonisten aufnehmen zu können.

Stellen Sie zunächst eine Liste mit fünf bis zehn möglichst unterschiedlichen Kandidaten für diesen “Job” auf. Wählen Sie dabei möglichst unterschiedliche Kandidaten. Wer sagt z.B., dass der Gegenspieler ein Mann sein muss? Wählen Sie Kandidaten mit unterschiedlicher Herkunft/Nationalität, unterschiedlichem sozialem und beruflichem Hintergrund. Ziehen Sie ebenso junge wie alte Kandidaten in die engere Wahl. Geben Sie ihnen ganz unterschiedliche Ziele und ebenso unterschiedliche Motive, warum sie dieses Ziel unbedingt erreichen wollen.

Dann loten Sie aus, wie weit diese die von Ihnen gesetzten Kriterien erfüllen. Sie können in dieser Phase durchaus noch nachbessern und überlegen, wie Sie die jeweilige Figur verändern/optimieren könnten, um sie zu einem besseren Kandidaten für die Rolle zu machen – aber genauso können Sie Ihre Handlungsidee anpassen, um einen besonders interessanten Kandidaten darin unterbringen zu können.

Wenn Sie sich am Ende nicht zwischen zwei oder drei Kandidaten entscheiden können, haben SIe mehrere Möglichkeiten:

1. Sie können Ihre zweite/dritte Wahl für eine Fortsetzung oder einen anderen Roman aufheben. Dafür hat man als Schriftsteller schließlich ein Ideenarchiv, in dem solche Figurenideen auf ihre große Stunde warten.

2. Sie können versuchen, die beiden Charaktere zu einem zu verschmelzen – also die Eigenschaften Ihres “B-Kandidaten”, die Sie besonders faszinieren, auf Ihren A-Kandidaten zu übertragen und so einen noch stärkeren, noch besser geeigneten “Top-Kandidaten” zu kreieren.

…oder Sie bringen einfach beide Charaktere in die Handlung ein. Das funktioniert für Protagonisten wie für Antagonisten.

Das Prinzip mit den zwei Antagonisten kennt man aus vielen Filmen und Romanen. Sie können diese entweder unabhängig voneinander agieren lassen (z.B. in zwei getrennten Handlungssträngen) und so Ihren Protagonisten an zwei Fronten in Kämpfe verwickeln (eine ideale Quelle für das eine oder andere Dilemma…) oder Sie sorgen dafür, dass Ihre beiden Schurken sich in einer strategischen Allianz verbünden und Ihren Helden gemeinsam in die Zange nehmen. Wie heißt es so schön: Viel Feind, viel Ehr!

Zwei Protagonisten in einem Roman unterzubringen ist in der Umsetzung oft etwas schwieriger, da man meist dem Leser einen “echten” Protagonisten als Identifikationsfigur zu geben, mit der er mitfiebert und mitleidet, statt seine Sympathie zwischen mehreren “gleichberechtigten” Helden aufzuteilen.

Wenn man es dennoch versuchen möchte, ist eine gute Möglichkeit das aus dem Kino bekannte Prinzip des “Buddy-Movies”, bei dem sich zwei sehr gegensätzliche Charaktere erst zusammenraufen müssen, um schließlich gemeinsam dem übermächtig starken gemeinsamen Feind Paroli bieten zu können.

Falls Sie hingegen in Ihrem Roman keine zwei gleichstarken Protagonisten haben wollen, können Sie auch überlegen, Ihrer “zweiten Wahl” eine andere Rolle zuzuteilen – z.B. die des Sidekicks/Helfers oder des Mentors.

Dabei können Sie auch Sidekick und Mentor zu einer einzigen Rolle verschmelzen und diese mit Ihrem zweitliebsten Kandidaten besetzen. Wenn Sie Ihren Krimi doch lieber aus der Perspektive des jungen, engagierten Polizisten als aus der des harten, erfahren und desillusionierten Kommissars schreiben wollen, gäbe dieser doch einen perfekten Mentor ab, der sogar aktiv eingreifen könnte, wenn es später hart auf hart kommt.

Sie können auch zu einem fiesen Trick greifen, der allerdings nicht unbedingt jedermanns Sache ist: Was wäre, wenn Ihre “zweite Wahl” für die Rolle des Protagonisten in Wirklichkeit auf der anderen Seite stünde? Machen Sie aus ihm einen weiteren Gegenspieler für Ihren Protagonisten – ob offen oder verdeckt.

Offene Feindschaft zwischen zwei eigentlich “guten” Charakteren kann durch Rivalität, Eifersucht, ungelöste frühere Konflikte oder auch durch tragische Missverständnisse entstehen. Solche offenen Konflikte können ihren eigenen Handlungsstrang bekommen, sind aber für den Leser nicht so überraschend wie eine heimliche, verborgene Feindschaft, die erst am Ende des Romans aufgedeckt wird.

Bei offenen Konflikten zwischen zwei “guten” Charakteren wird der Leser meist davon ausgehen, dass diese bis zum Ende des Romans beigelegt werden und dass am Ende beide doch an einem Strang ziehen werden. Mit dieser Erwartungshaltung können Sie spielen und diese ganz gezielt zerstören, indem Sie Ihren “guten” Gegenspieler durch seinen Hass im Laufe der Zeit immer unmoralischer und skrupelloser handeln lassen, bis dieser schließlich ebenso weit auf der “dunklen” Seite wie der eigentliche Antagonist Ihres Romans steht und daher keine Chance mehr auf Verständnis und Vergebung hat.

Verdeckte Feindschaft hat weitaus größeres Potential. Was wäre, wenn der nur scheinbar “gute” Zweitcharakter sich als Freund, Sidekick oder gar als wohlmeinender Mentor tarnt und in Wahrheit jede Gelegenheit nutzt, um die Pläne des Helden (in die dieser ihn vertrauensselig einweiht) zum Scheitern zu bringen?

Dabei bleibt es Ihnen überlassen, ob Sie den scheinbaren Freund zu einem Verbündeten Ihres Antagonisten machen oder ihm ein ganz eigenes Motiv mit einem völlig unterschiedlichen Handlungsstrang geben.

Auch für ein Bündnis mit dem “Bösen” gibt es immer genug scheinbar gute Motive. Denken Sie nur an Charaktere wie Saruman aus “Der Herr der Ringe”, der sich mit Sauron verbündete, da er glaubte, dass das Gute Saurons mächtige Armeen niemals schlagen könne. Oder an Agentenfilme wie “Mission Impossible” oder “Der Einsatz”, bei denen desillusionierte frühere Helden zu Antagonisten werden, weil sie sich von ihren Regierungen verraten und ausgenutzt fühlen.

Ein solcher Kniff hat das Zeug dazu, den Protagonisten z.B. im großen Finale gegen seinen früheren Lehrmeister antreten zu lassen, der mittlerweile auf der bösen Seite steht oder sich gar als der eigentliche Antagonist entpuppt.

Sie sehen, welche interessanten Möglichkeiten sich aus einer solchen “Casting-Aktion” ergeben können. Lassen Sie es einfach mal auf einen Versuch ankommen und starten Sie Ihren nächsten Roman mit einem zünftigen Casting, um die perfekte Besetzung für die wichtigen Rollen in Ihrer Handlung zu finden.

Sie werden sehen, dass es nicht nur Spaß macht, sondern das Potential Ihrer Romanidee nochmal deutlich steigert.


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Ein Gedanke zu „Casting für Ihren Roman

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