Von Charakter-Fragebögen, Charakter-Dossiers und Casting für Charaktere…

Wenn es um den Entwurf von Romanfiguren (und ganz speziell Protagonisten) geht, liest man häufig den Tipp, zu dieser Figur einen Charakter-Fragebogen auszufüllen, um sie besser kennenzulernen. Der dahinter liegende Gedanke ist zwar richtig, doch der Ansatz mit dem Charakter-Fragebogen zäumt das Pferd leider von hinten auf.

Natürlich ist es richtig, dass man als Schriftsteller seine Romanfiguren und speziell seinen Protagonisten sehr gut kennen muss – sogar besser, als man die meisten ‘realen’ Personen im eigenen Umfeld kennt. Denn wie will man glaubwürdig aus der Perspektive einer Person schreiben und eine Handlung entwickeln, die der Leser später als realistisch und plausibel empfindet, wenn man sich nicht gut genug in die Gedanken, Motive und Pläne dieser fiktionalen Person hineinversetzen kann, um sie realistisch handeln zu lassen?

Doch mit dem Ausfüllen eines Charakter-Fragebogens zu beginnen ist, so logisch und sinnvoll er einem auch auf den ersten Blick erscheinen mag, dennoch der falsche Ansatz.

Ich möchte hier ganz bewusst zwischen einem Charakter-Bogen (oder auch ‘Charakter-Dossier’) und einem Charakter-Fragebogen differenzieren. Auch wenn beide in ausgefülltem Zustand gar nicht so unähnlich aussehen, handelt es sich dennoch um einen völlig anderen Ansatz. Während man beim Charakter-Fragebogen (von dem ich persönlich nicht allzu viel halte) den Fragebogen der Reihe nach mit Daten füllt und hofft, dadurch einen abgerundeten Romancharakter zu erhalten, dient der Charakter-Bogen (bzw. das ‘Charakter-Dossier’) dazu, alles festzuhalten, was man als Schriftsteller bereits über eine bestimmte Romanfigur weiß. Um Verwechslungen zu vermeiden, werde ich diese Variante im Rest des Artikels als ‘Charakter-Dossier’ bezeichnen.

Charakter-Dossiers sind eine feine Sache, auf die man als Schriftsteller kaum verzichten kann. Sie sorgen dafür, dass man beim Schreiben stets die Übersicht behält und nicht Gefahr läuft, sich im Laufe der Romanhandlung durch vergessene oder verwechselte Details selbst zu widersprechen. Selbst bekannten Schriftstellern passiert es gelegentlich, dass eine Person im Laufe des Romans beispielsweise ihre Augenfarbe wechselt oder dass ihr Name ab einer bestimmten Stelle des Romans auf einmal anders geschrieben wird. Solche ärgerlichen Detailfehler entgehen leider viel zu häufig sogar den Lektoren klassischer Verlage, so dass sie es bis ins gedruckte Buch schaffen und dann für negative Rezensionen durch ebenso aufmerksame wie kritische Leser sorgen.

Charakter-Dossiers verhindern, dass man auf Seite 10 eine Figur mit schütterem Haar schildert und diese Person sich dann auf Seite 90 mit den Händen nervös durch ihre dicken Locken fährt. Alles, was man über eine Romanfigur, ihre Eigenschaften, Kenntnisse, Vorlieben und Vergangenheit auf den Seiten des Romans bereits erwähnt hat, gehört definitiv in das Charakter-Dossier dieser Figur – ob es nun die Tatsache ist, dass die Person Linkshänder ist, dass sie einen auffälligen Siegelring trägt oder dass, wie Sie sich beim Schreiben einer Dialogszene überlegt haben, die Eltern der Romanfigur 1993 bei einem Autounfall mit Fahrerflucht ums Leben gekommen sind.

Doch während ein solches Dossier während der Entstehung eines Romans erst nach und nach wächst, da man als Schriftsteller während des Schreibens seine Romancharaktere immer besser kennen lernt und neue Details über sie entdeckt, erfindet und einfließen lässt, erinnert der ‘Charakter-Fragebogen’ mehr an eine ‘Lego-Bauanleitung für Romanfiguren’.

Bei dem an sich löblichen Versuch, den Schriftsteller beim Entwurf abgerundeter und realistischer Charaktere zu unterstützen, fangen solche Fragebögen (was einem ja auch an sich durchaus logisch erscheint) üblicherweise mit den ‘Eckdaten’ einer Figur an, die man auch auf einem Steckbrief finden könnte (Name, Alter, Größe, Haar- und Augenfarbe…), und gehen dann mehr ins Detail, indem man oft mehrere Seiten lang Angaben wie Beruf, Familie, Kleidungsstil, Lieblingsfarbe und Lieblingsessen ausfüllt.

Ich habe überhaupt nichts gegen die Fragen aus diesen Fragebögen. Solche Details über die Figuren und speziell den eigenen Protagonisten zu wissen, ist selbstverständlich nützlich, da man sie bei verschiedenen Gelegenheiten in die Handlung einstreuen und so den Eindruck eines realen Menschen erzeugen kann.

Das Ausfüllen eines solchen Fragebogens ist allerdings der komplett falsche Ansatz, um mit dem Entwurf einer wichtigen Romanfigur wie des Protagonisten zu beginnen. Wenn Sie beispielsweise überlegen, sich ein neues Auto zu kaufen, würden Sie vermutlich auch erst einmal abwägen, ob Sie einen wendigen Kleinwagen, einen geräumigen Kombi, ein sportliches Cabrio oder ein bulliges SUV mit Allrad brauchen, welche Marken in Frage kommen und auf welche Leistungsmerkmale Sie Wert legen, bevor Sie sich über Details wie das Textilmuster der Sitze oder die passenden Alu-Felgen Gedanken machen.

Einen interessanten Protagonisten, dem der Leser auf seinem Abenteuer folgen möchte, kann man nicht nach Schema F innerhalb weniger Minuten durch das Ausfüllen eines standardisierten Fragebogens entwerfen.

So etwas kann man für unwichtige Nebenfiguren im Roman machen, aber nicht für die wirklich wichtigen Rollen innerhalb des Romans wie den Protagonisten oder den Antagonisten.

Der bessere Ansatz ist, mit dem Entwurf des Protagonisten von innen nach außen anzufangen und Details wie Name, Aussehen oder auch den Beruf erst später zu ergänzen.

Wenn Sie auch nur zu früh den Namen einer Figur festlegen (üblicherweise ist das bereits die erste Frage eines solchen Charakter-Fragebogens!), beschneiden Sie sich selbst in Ihren Möglichkeiten und schließen Optionen aus, die vielleicht die weitaus bessere Wahl gewesen wären.

Wenn Sie beispielsweise damit anfangen, dass Sie über einen Polizisten schreiben wollen, und diesen Frank Weller nennen, haben Sie den größten Teil Ihrer Optionen bereits von vorneherein ausgeschlossen. Vielleicht würde Ihre Story noch viel besser, wenn Ihr Protagonist kein Polizist, sondern eine Polizistin wäre. Oder kein Deutscher, sondern ein Italiener oder Tunesier. Je nachdem, welche Ideen Sie bereits für Ihre Handlung haben, kann eine andere Nationalität, eine andere Religion oder ein anderes Geschlecht der Hauptfigur ganz neue Konflikte aufwerfen und Ihnen neue dramatische Möglichkeiten erschließen.

Der beste Ansatz ist daher, zu Beginn lediglich die Eckdaten festzulegen, die von entscheidender Bedeutung für Ihre geplante Romanhandlung sind. Wenn Sie also eine Geschichte über einen einbeinigen Bergsteiger schreiben, der sich aufmacht, den Mount Everest zu besteigen, spielt es zunächst einmal keine Rolle, wie dieser Bergsteiger heißt, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, welche Nationalität er besitzt oder ob es das linke oder das rechte Bein ist, das ihm fehlt.

Solange Sie selbst nur ganz abstrakt als “der einbeinige Bergsteiger” von Ihrem Protagonisten denken und nicht der Versuchung nachgeben, ihm einen Namen und ein Gesicht zu verpassen, halten Sie sich alle Möglichkeiten offen.

Um einen Protagonisten “von innen nach außen” zu entwickeln, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die wir uns in den nächsten Wochen noch näher anschauen werden.

“Protagonist gesucht. Voraussetzungen sind…”

Eine bewährte Methode für die “Besetzung der Hauptrolle” ist ein virtuelles Casting für die Rolle des Protagonisten. Formulieren Sie dafür anhand der Eckdaten, die Sie für Ihren Protagonisten festgelegt haben, eine fiktionale Stellenbeschreibung. Diese sollte alle Merkmale und Qualifikationen umfassen, die Sie für Ihre Handlung als wichtig bzw. unabdingbar betrachten, sowie unter “wünschenswert” die Eigenschaften oder Fähigkeiten, die zwar erwünscht, aber nicht zwingend erforderlich sind.

Erstellen Sie nun drei bis fünf Charakterprofile von Personen, die sich auf diesen “Job” als Protagonist bewerben könnten. Achten Sie darauf, dass diese Personen innerhalb des Rahmens der gesteckten Eckdaten so unterschiedlich wie möglich sind.

Für die Stellenbeschreibung “Gesucht: einbeiniger Bergsteiger (m/w), der den Mount Everest besteigen will. Wünschenswert wären Sprachkenntniss in Nepali und/oder Chinesisch sowie Survival-Kenntnisse” könnten sich z.B. folgende Charaktere bewerben:

  1. Chuck Jones, 32 Jahre, USA: ehemaliger Stuntman, der bei Dreharbeiten schwer verletzt wurde und sein Bein verloren hat. Drehte oft mit asiatischen Schauspielern und Stuntleuten bei Martial-Arts-Filmen und spricht daher gebrochen Chinesisch. Durch die Besteigung des Mount Everest will Chuck die Aufmerksamkeit von Filmproduzenten auf sich lenken, um so seine Rückkehr ins Filmgeschäft zu erreichen.
  2. Sandrine Dubois, 38 Jahre, Kanada: erfahrene Bergsteigerin, die bei einem Autounfall ihr Bein verloren hat. Sie will sich und anderen beweisen, dass eine solche Behinderung sie nicht daran hindern kann, alle sieben Berge der “Seven Summits” zu besteigen.
  3. Gunnar Hendriksen, 46 Jahre, Norwegen: Survival-Experte und Naturfilmer. Hendriksen hatte seine eigene Fernsehsendung, in der er von seinen abenteuerlichen Wildnis-Expeditionen in Afrika und Südamerika berichtete. Nachdem er beim Angriff eines Löwen schwer verletzt wurde und monatelang ausfiel, verlor er seine Sendung. Hendriksen plant die Besteigung des Mount Everest mit seinem Kameramann Trond und will so Material für eine atemberaubende neue Doku-TV-Serie über seine Besteigung des Mount Everest sammeln.

Diese Charakterentwürfe habe ich innerhalb von ein paar Minuten rasch heruntergeschrieben. Mit etwas Zeit und Mühe kann man hier natürlich noch weitaus bessere und ungewöhnlichere Charaktere entwerfen.

Sobald Sie mindestens fünf mögliche Kandidaten zusammen haben, nehmen Sie diese bei einem virtuellen Casting der Reihe nach unter die Lupe. Jeder der Entwürfe hat sein ganz eigenes Potential und erschließt einem ganz andere Optionen für die Handlung, die anderen Figuren nicht offen stehen.

Als Stuntman dürfte Chuck gefährliche Situationen gut einschätzen können und ist vermutlich in der Lage, durch jahrelang geübte Fall-Techniken Stürze mit nicht mehr als ein paar Schrammen zu überstehen, bei denen manch anderer sich üble Prellungen oder gar Knochenbrüche zugezogen hätte. Dies könnte helfen, seine fehlenden Survival-Erfahrungen auszugleichen.

Sandrine hat durch ihre bisherige Erfahrung als Bergsteigerin die beste Qualifikation. Sie weiß, was sie bei einer solchen Expedition erwartet und kann diese Erfahrungen nutzen, um eine speziell auf sie zugeschnittene flexible Metallprothese mit Steigeisen zu entwickeln, die ihr Handicap so weit wie möglich ausgleicht.

Gunnar und sein Kameramann könnten hingegen in eine gefährliche Situation geraten, als Trond mit seiner Filmkamera unwissentlich etwas aufnimmt, was unentdeckt bleiben sollte. Und ehe er sich versieht, verwandelt sich die Expedition in ein tödliches Katz- und Maus-Spiel mit einem gefährlichen, gut ausgerüsteten und zu allem entschlossenen Gegner.

Nehmen Sie sich die Zeit, die Motivation, die Fähigkeiten, die Schwächen und die Handicaps der unterschiedlichen Charaktere abzuklopfen und gegeneinander abzuwägen. Sammeln Sie Ideen für Plot-Wendungen und Komplikationen, die nur mit dieser Person als Protagonist möglich wären.

Sobald Sie sich für einen der ‘Bewerber’ entschieden haben, sind Sie einen großen Schritt weiter: nicht nur, weil Sie sich für einen Protagonisten entschieden haben, sondern auch, weil Sie ganz genau wissen, warum Sie sich gerade für diesen Kandidaten entschieden haben.

Von diesem ersten Entwurf ausgehend können Sie Ihren Protagonisten dann weiter bearbeiten und verfeinern. Die besten Techniken dafür schauen wir uns ab der kommenden Woche an.


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8 Gedanken zu „Von Charakter-Fragebögen, Charakter-Dossiers und Casting für Charaktere…

  1. Dass sich ein Charakter besser von innen heraus entwickeln lässt, kann ich nur unterschreiben. Ich habe meist zuerst eine (grobe) Vorstellung von der Geschichte und veranstalte dann ein Casting der Charaktere anhand ihres Charakters, d. h. die Hauptfrage ist immer, welche Eigenschaften ein Charakter mitbringen muss, um diese Geschichte glaubhaft erleben zu können.
    Alles weitere wächst der Figur mit der Zeit von alleine zu (und überrascht mich oft selber).

  2. Vor allen Dingen sollten Männer nicht aus der Perspektive einer Frau schreiben und Frauen nicht aus der Perspektive eines Mannes. Denn weder verstehen Männer etwas davon, wie Frauen denken und fühlen, noch Frauen etwas davon, wie Männer denken und fühlen (fühlen Männer überhaupt? Ich weiß es nicht. Oft kommt es mir nicht so vor).

    Schon allein hier in diesem Artikel sieht man, dass ein Mann – Richard Norden – sich im Grunde genommen keine Frau als Protagonistin vorstellen kann (was allerdings auch schwierig ist, wenn man nur von „dem Protagonisten“ spricht. Selbst mir kommen bei dieser Bezeichnung ausschließlich Männer in den Sinn), obwohl ich diese „genderneutralen“ Bezeichnungen auch mühsam finde und nicht mag.

    Was jedoch hier ganz eindeutig ist: Richard Norden hat hier brav und pflichtschuldig eine Frau mit in die Liste aufgenommen, ein einbeiniger Stuntman, eine einbeinige Bergsteigerin und ein einbeiniger Abenteuerfilmer, aber als es dann dazu kommt, jeweils ein Beispiel für seine einbeinigen Bergsteiger zu finden, ist die Frau plötzlich verschwunden. Er kann sich nur vorstellen, was der Stuntman und der Dokumentarfilmer machen, für die Frau – die ohnehin von Anfang an die uninteressanteste Perspektive hat, sie ist eine Bergsteigerin und will Berge besteigen – sehr einfallsreich :) – fällt ihm nichts ein, also lässt er sich gleich ganz weg. Woran man merkt, dass die Einbeziehung einer Frau in die Prota-Liste nur ein Feigenblatt war, nicht ernstgemeint.

    Für die beiden Männer sind ihm sofort Szenen eingefallen, was genau sie tun könnten, aber für die Frau nicht. Mir ginge es umgekehrt. Ich wüsste sofort ein Beispiel, was die Frau für Schwierigkeiten zu bestehen haben würde (da fiele mir zuallererst ihre Mutter ein, die nicht will, dass ihre Tochter nach ihrem Unfall so ein Risiko eingeht und alles tut, um sie daran zu hindern, oder dass ihr Freund, der sie vor dem Unfall heiraten wollte, nun nicht mehr so sicher ist, ob er eine einbeinige Frau will. Deshalb will sie beweisen, dass sie immer noch eine „vollwertige“ Frau ist), bei den Männern fielen mir nicht direkt Sachen ein, weil Männer sich wenig Gedanken über Gefühle oder gefühlsmäßige Probleme machen oder über Beziehungen zu ihrer Mutter oder zu der Frau, die sie heiraten wollten. Abgesehen davon sind Männer viel mehr auf Äußerlichkeiten fixiert. Eine Frau könnte sich sicherlich vorstellen, einen einbeinigen Mann zu heiraten, die würde ihn nicht im Stich lassen, aber kann ein Mann sich vorstellen, eine einbeinige Frau zu heiraten? Er würde sie sofort im Stich lassen und sich eine neue suchen, eine „vollständige“ Frau, am besten noch mit großen Brüsten.

    Es ist schwierig, eine Protagonistin zu entwickeln, wenn man ein Mann ist und nicht weiß, wie eine Frau lebt, wie sie sozialisiert wurde, gegen was sie anzukämpfen hat. Umgekehrt dasselbe: Frauen denken oft, sie wüssten, wie Männer sind und wie sie denken, aber das stimmt nicht. Deshalb sind Protagonisten von Autorinnen oft so gefühlsbetont. Weil Frauen sich nicht vorstellen können, dass ein Mann keine Gefühle hat. Jedenfalls nicht in der Art, wie Frauen sie haben.

    Und wie ich schon am Anfang dachte: Wenn ein Mann Protagonisten erfindet, geht es immer um Action, um konkrete Handlungen, die zu konkreten Ergebnissen führen sollen, Abenteuer, Kraftaufwand, körperliche Dinge, nicht um Abenteuer, die im Kopf stattfinden, um Dinge, die keine Kraft oder keine außergewöhnlichen Mittel erfordern, Gefühle. Gefühle sind das größte Abenteuer überhaupt. Sie sind gefährlich, sie können tödlich sein, sie können ein ganzes Leben zerstören. Aber sie haben oft nichts mit Action zu tun, mit äußerlichen Abenteuern.

    Wenn man also glaubwürdig Protagonistinnen erfinden will, muss man wissen, dass Kraftmeierei mit Frauen nicht funktioniert. Keine Frau würde sich etwas darauf einbilden, dass sie körperlich stärker ist als eine andere Frau, dass sie mit ihren Muskeln etwas bewältigen kann, was andere nicht bewältigen können. Muskeln und körperliche Erfolge sind völlig unwichtig. Wichtig wäre, was die Protagonisten gefühlsmäßig erreichen. Wie sie in Herzensangelegenheiten wachsen, welche Wandlung sie innerlich durchmachen. Egal, ob sie äußerlich etwas erreichen oder sich auch nur von der Stelle bewegen.

    Das ist immer das Problem mit diesen Anleitungen: Sie beziehen sich auf Aktionen, nicht auf innerliche Entwicklungen. Wie soll man da einen wirklich interessanten Protagonisten oder eine wirklich interessante Protagonistin entwickeln? Wenn sie immer etwas TUN muss? So lenken die Aktionen immer vom Innenleben ab.

    Was ist mit Liebe? Wo kommt die in diesem Charakterbogen vor? Diese Anleitung funktioniert nicht für alle Genres, nur für Genres, in denen es um Taten geht, nicht um Gefühle.

    • Liebe Liz,
      Ihre subjektiven Eindrücke in allen Ehren; Sie haben Recht, dass dieses unfassbare Schubladendenken viel zu weit verbreitet ist. Jedoch möchte ich Ihrem Subtext mit ähnlicher Vehemenz begegnen: stellen Sie sich vor, es gibt sogar Frauen, die sich prügeln, weil sie ihre Überlegenheit ausdrücken wollen – Männer, die schluchzen und heulen, wenn sie von der Frau ihres Lebens verlassen wurden – Schwule, die gerne Bier trinken und Fußball schauen. Nehmen Sie es nicht persönlich, aber die entsprechende Horizonterweiterung blieb in Ihrem sonst sehr ansprechenden Text aus. Es gibt Stereotype – und es gibt die weitaus größere Anzahl an Menschen, auf die diese nicht zutreffen. Sie unterstellen Herr Norden etwas, das er sicherlich niemals so beabsichtigt hat.

      • Sie beschränken sich selbst extrem stark Liz….
        Im Ansatz gebe ich Ihnen zwar Recht, aber alles was sie beschreiben sind stereotypen die sogar meine 4 jährige Nichte beschreiben und ausarbeiten könnte.
        Sie denken sehr stark in Klisches und machen die Unterschiede zwischen Männern und Frauen viel zu groß, in dem sie mit dem Brustton der Überzeugung behaupten Männer hätten keine Gefühle, oder würden diese zumindest nie zeigen, und Frauen sind die sensibelchen.
        Ich kenne weitaus mehr Junge Frauen die von Bett zu Bett hüpfen und jedes Wochenende in Ihre Wohnung getragen werden müssen als Männer.
        Ich würde ihnen dringend raten generell keine vielschichtigen Charaktere entwerfen zu wollen, Sie werden immer in einer Schublade landen.
        Auch ist es nur im Ansatz richtig dass Männer besser Männer und Frauen besser Frauen schreiben können. Es ist einzig und allein eine Frage des Interesses, wie weit man sich mit dem anderen Geschlecht befassen möchte! Ähnlich wie ein Autor von Tierbüchern. Man studiert alles wissenswerte über die völlig fremde Spezies und lässt vieles davon in sein Buch fließen. Oftmals ist dieser Blick von außen sogar sehr hilfreich weil dann die Gefahr auch kleiner wird allzu positiv vom eigenen Geschlecht zu schreiben. Ich habe schon einige Bücher gelesen in denen Eine Frau einen Mann/Jungen oder ein Mann eine Frau/Mädchen großartig geschrieben hat.
        2 ziemlich berühmte Beispiele dazu wären Harry Potter von J.K.Rowling der zugegebenermaßen ziemlich leicht in eine Schublade zu stecken ist. Aber wenn man darauf achtet sind in den Büchern weitaus mehr Jungs als Mädchen charakterisiert. Und zwar ziemlich unterschiedlichee und gut ausgearbeite Jungs!
        Auf der anderen Seite steht Schwert der Wahrheit von Terry Goodkind, der in seinem 12(!) teiler sowohl eine Männliche als auch eine Weibliche Hauptfigur hat. Er springt sehr oft in die Köpfe von Frauen und beschreibt auch diese Eindrucksvoll unterschiedlich und realitätsnah! Kahlan, Cara und auch Nicci sind wirklich gute Figuren mit denen man sich gut identifizieren kann.

        Grundsätzlich spielt das Geschlecht überhaupt keine Rolle für eine Figur, sondern der Inhalt! Wie gut kenne ich als Autor meine Figur? wie sehr mag ich sie? was soll ihr zustoßen und wie reagiert sie darauf? Für diese Fragen ist das Geschlecht (sowohl des AUtors, als auch der Figur) vollkommen Irrelevant. Klar kann man einen Konflikt der sich z.B. aus einer Vergewaltigung ergibt viel einfacher mit einer Frau schreiben, doch es tun sich ganz andere Abgründe auf wenn man die Figur männlich macht. Sowohl für Männer als auch für Frauen ist es leichter eine weibliche Figur zum Vergewaltigungsopfer zu machen. Einfach weil man es “gewohnter” ist und viele Beispiele im Kopf hat wie sie damit umgeht.
        Während es gerade für einen männlichen Autor zu einer wirklichen Herausforderung wird eine männliche Figur für dieses Szenario zu benutzen weil man dafür keine wirkliche Vorlage im Kopf hat und sich nicht wirklich vorstellen kann, was das in einem Mann alles anrichten kann und warum ein Täter überhaupt darauf kommt einen jungen Mann zu vergewaltigen.

        Und was soll überhaupt die Aussage, dass Kraftmaierei mit Frauen nicht funktioniert? diese Aussage ist ähnlich Sinnvoll wie “Frauen haben in der Armee nichts verloren” Bloß weil Sie sich nur gefühlsbetonte Figuren vorstellen können die alles in frage stellen und komplett emotional durchs Leben wandeln heißt das nciht dass das andere nicht möglich ist… Sie mögen das andere schlicht und ergreifend nicht, dass ist alles und sie sind nicht in der Lage dort den unterschied zu machen!
        Was halten sie z.B. von dem Plot einer Frau, die sich unsterblich in einen Ritter verliebt, von kleinauf aber Kriegerin werden will, weil sie mit einem alleinerziehenden Schmied aufgewachsen und von Anfang an von Waffen umgeben ist? zu stumpf? zu uninteressant? Gut dann die Vita einer Frau die sich in einen Psychologen verliebt aber schon immer Soldatin werden will weil Ihre Mutter gestorben und sie mit Ihrem Vater aufgewachsen ist, der Soldat war. Sie war von kleinauf von Waffen umgeben und landet am Ende im Gaza Streifen Recherchieren Sie mal ich wette, das ist in der REALITÄT passiert und demnach plausibel!
        Oder die Lebensgeschichte einer Frau aus den IS Gebieten, die als 14 jährige Vergewaltigt und deren Familie vor ihren augen abgeschlachtet wurde. Hat diese Frau keine Rachegefühle? Ist es so abwegig ihr einen Plot zu geben in dem sie den Rest ihres Lebens mit dem gewehr in der Hand gegen das Terror Regime kämpft? Falls ja, warum gibt es dann genau diese Frau unten in Syrien, Irak, Afghanistan? Man findet unter den Menschen jedes nur denkbare Individuum, vom gefühlskalten Mörder zum emotionalen weichling der bei einem Sonnanuntergang anfängt zu heulen.

        Think outside of the box würde der Engländer sagen. Und genau deswegen schreibe ich und liebe es zu lesen. Einfach weil Bücher einem genau diese Gelegenheit bieten! Nur sind da draußen viel zu viele Leute wie Sie, die rumrennen und immer nur denken “nein so kann man das nicht machen” und “ich kann doch jetzt keinen Mann charakterisieren” etc. etc. In einem Buch ist ALLES möglich. wenn die Geschichte gut, der Plot interessant und allgemein viel Liebe und Mühe in das Werk fließt können sie einen Roman über Regenbogenfurzende Zebras schreiben, die sich mit den Straßenhunden Griechenlands anlegen.
        ALLES KANN NICHTS MUSS!

  3. Egal ob eine Mann einen weibliche Protagonisten oder eine Frau einen männlichen Protagonisten mit alle ihrer/seiner Vielschichtigkeit entwickeln möchte, jeder/jede bedient nur das Bild, was sie sich von dem anderen Geschlecht geschaffen hat. Warum sollte Männer nicht gefühlsbetont sein? Oder Frauen den Kampf suchen? Und das im wahren Leben… Wir erschaffen eine Geschichte. Es ist deine Figur und du kannst sie machen lassen, was immer sie will. Warum nur Klischees bedienen?

  4. Pingback: Der Protagonist – das Herzstück Ihres Romans | Richard Norden

  5. Wow! Das war mal hilfreich.
    Mit der Charakterentwicklung habe ich immer so meine Schwierigkeiten, da mir diese Steckbriefe auch zu profan sind. Irgendwie bescheuert, weil ich durch das Wissen über Alter und Größe und Körperfülle zwar sportliche Eigenschaften ableiten kann, aber nicht weiß, wie der Charakter reagiert, wenn ihm eine Pistole an den Kopf gehalten wird oder sowas.
    Daher entwickeln sich meine Charaktere oft beim Schreiben, was natürlich oft zu der Problematik führt, dass sie nicht richtig passen oder sogar den Plot verändern. Ärgerlich.
    Das Charakter-Dossier samt Casting werde ich ausprobieren und so sicherlich die Charaktere besser ausarbeiten können.

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