Der Protagonist – das Herzstück Ihres Romans

In dieser Woche startet, wie bereits angekündigt, die neue Artikelserie zum Schwerpunktthema „Protagonisten“ – also rund um alles, was einen guten Protagonisten (auch gern als „Hauptheld“ bezeichnet) ausmacht und welche Punkte man als Schriftsteller beim Entwurf eines solchen Protagonisten beachten sollte.

Diese Artikelserie versteht sich natürlich keinesfalls als „Regelwerk“. Gerade beim kreativen Schreiben gibt es für jede vermeintliche Regel zahllose Beispiele aus der Literatur, bei denen diese Regel nicht nur missachtet, sondern geradezu in ihr Gegenteil verkehrt wurde – und das, ohne die Wirkung und den Erfolg des Romans dadurch zu schmälern.

Betrachten Sie die Artikel dieser Serie lieber als eine Art Werkzeugkasten, dessen einzelne Werkzeuge Sie in Ihr Repertoire aufnehmen und bei Bedarf einsetzen können. Sie müssen keinesfalls bei jeden Roman (bzw. bei jedem Protagonisten, den Sie entwerfen) jedes Werkzeug einsetzen – in der Praxis wird es eher so sein, dass Sie bestimmte „Lieblingswerkzeuge“ besonders häufig verwenden, während andere weitgehend ungenutzt in der Ecke verstauben.

Wie in sehr vielen Bereichen des kreativen Schreibens ist auch hier weniger wichtig, WAS man tut, sondern eher, dass man sehr genau weiß, WARUM man sich dafür entschieden hat, es genau so zu machen. Und je größer Ihr Werkzeugkasten ist, desto mehr Möglichkeiten haben Sie, abwechslungsreiche und bemerkenswerte Protagonisten zu erschaffen. Oder um es mit den Worten von Abraham Maslow zu sagen: „Wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.“ ;-)

Aber zurück zum Protagonisten…

Wenn es um das Schreiben von Romanen geht, steht und fällt alles mit dem Protagonisten, dem “Helden“ des Romans, dessen Schicksal den Leser so sehr fesseln und mitreißen soll, dass er das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mag.

Leser greifen zu Romanen, um die Erlebnisse und Abenteuer interessanter Personen mitzuerleben und so eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Ein interessanter Plot oder ein gut formulierter Klappentext können einen Leser dazu bringen, ein Buch zur Hand zu nehmen und es vielleicht sogar zu kaufen, doch ohne einen interessanten Protagonisten wird er das Buch kaum zu Ende lesen.

Wenn Plot und Protagonist die beiden Seiten einer Medaille sind, ist der Protagonist die “Butterseite“. Ein guter Protagonist kann zwar durchaus einen seichten oder schwächelnden Plot vor der Belanglosigkeit retten, aber selbst der beste Plot wird kaum einen Leser dazu bringen können, ein Buch mit einem flachen, unglaubwürdigen und uninteressanten Protagonisten zu Ende zu lesen. Ein guter Protagonist hat daher meist einen wesentlich größeren Anteil am Erfolg eines Romans als der eigentliche Plot.

Doch welche Punkte sollte man beim Entwurf eines Protagonisten beachten? Muss er sympathisch sein? Und wenn ja – woher kommt dann der Erfolg von Antihelden wie Dexter Morgan oder Walter White? Muss er smart und intelligent sein? Aber was ist dann mit Figuren wie Forrest Gump?

In den nächsten Wochen werden wir uns mit den unterschiedlichen Techniken, Tricks und Kniffen beschäftigen, mit deren Hilfe wir Protagonisten entwerfen können, die unsere Leser in ihren Bann ziehen und ihnen auch über die letzte Seite des Romans hinaus noch in Erinnerung bleiben werden.

Vorab nur kurz zu den Begrifflichkeiten: In dieser Artikelserie verwende ich durchgängig die Bezeichnung “der Protagonist“, obwohl das Gesagte natürlich ebenso für weibliche Protagonisten gilt. Ich will damit ‚politisch korrekte‘, aber in der Praxis fürchterlich verschwurbelte Konstruktionen wie “der Protagonist / die Protagonistin“ oder gar “der/die ProtagonistIn“ vermeiden, die jeden Text zur Unlesbarkeit verdammen. Ebenso wenig will ich wie manche Autoren in bemühtem Gleichberechtigungsdenken von vorneherein nur noch von „der Protagonistin“ reden, sondern bleibe beim klassischen „der Protagonist“ – egal ob die Hauptfigur des Romans „der Concierge Marc“, „die Fotografin Petra“ oder „das Schnabeltier Henry“ ist. ;-)

Die Bezeichnung Protagonist ist allgemeiner und treffender als gerne verwendete Bezeichnungen wie “Held“ oder “Hauptheld“. Ein Protagonist muss nicht notwendigerweise heldenhaft sein. Er ist lediglich die Figur, um deren Problem es innerhalb des Romans geht – nicht mehr und nicht weniger.

Wie einem Wikipedia verrät, stammt der Begriff „Protagonist“ aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie „der Erst-Handelnde“ – im Gegensatz zu seinem Widersacher, dem „Antagonisten“ (= „der Gegen-Handelnde“), was auch ein allgemeinerer und gerade dadurch treffenderer Begriff als das gern verwendete „Schurke“ ist.

Protagonisten müssen nicht zwangsläufig gut sein, Antagonisten nicht zwangsläufig böse. Die besten Geschichten entstehen, wenn beide Seiten aus ihrer Sicht im Recht sind und es allein die Entscheidung des Autors ist, auf wessen Seite er sich schlägt und wen er dadurch zum „Protagonisten“ macht.

Aber springen wir noch einen Schritt zurück – zu einer Formulierung, über die Sie vielleicht beim Lesen gedanklich gestolpert sind: Der Protagonist ist „die Figur, um deren Problem es innerhalb des Romans geht“.

Das hört sich für die meisten von uns zunächst einmal gar nicht positiv an. Niemand hat gerne Probleme, und wenn man von jemandem sagt, dass derjenige „ein Problem“ oder gar „Probleme“ hat, meinen wir meist damit, dass das Leben dieser Person mehr oder weniger stark aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Und genau das ist die erste Voraussetzung für einen guten Protagonisten: sein Leben muss entweder bereits zu Beginn der Handlung im Ungleichgewicht sein oder aber zu Beginn des Romans durch ein einschneidendes Ereignis aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Zufriedene, glückliche Menschen, deren Leben sich in perfekter Balance befindet, geben lausige Protagonisten ab. Wo sollen Spannung und Konflikt herkommen, wenn alles eitel Freude und Sonnenschein ist?

Nein, wir brauchen Protagonisten, deren Leben im Ungleichgewicht ist und für die eine Menge auf dem Spiel steht – je mehr, desto besser! Entweder ist der Protagonist zu Beginn der Handlung mit seiner aktuellen Situation unzufrieden und beschließt, etwas daran zu ändern (proaktiver Protagonist), oder aber sein Leben wird von einem unerwarteten Ereignis aus dem Gleichgewicht gebracht und er muss nun versuchen, alles wieder ins Lot zu bringen (reaktiver Protagonist). Die Frage ist lediglich, wer mit seinem Plan die Lawine ins Rutschen bringt: der Protagonist oder der Antagonist.

Der Protagonist ist jemand, der etwas erreichen, verhindern, erlangen oder loswerden will – und das gestaltet sich für ihn alles andere als einfach. Da wäre der Antagonist, dessen Ziel sich mit dem unseres Protagonisten absolut nicht unter einen Hut bringen lässt, die Schwäche des Protagonisten, die er im Laufe des Romans überwinden muss, eventuell noch das ein oder andere Handicap, um das er herum planen oder mit dem er sich arrangieren muss, und vieles mehr. Ja, man kann wohl wirklich ohne Übertreibung sagen, dass der typische Protagonist ein ziemliches Problem hat. Mindestens eines. Und auch wenn das aus der Sicht des Protagonisten eine äußerst unangenehme Sache ist – für den Roman ist es umso besser, je mehr Steine, Stöcke und rotierende Kettensägen Sie als Autor ihm auf dem Weg zum ersehnten Ziel in den Weg werfen. Hiob lässt grüßen. ;-)

Aber keine Sorge – auf all diese Punkte werden wir in den nächsten Wochen noch wesentlich ausführlicher eingehen…

Das ganze Spektrum der Protagonisten

Der Begriff des „Protagonisten“ lässt eine wesentlich größere Bandbreite zu als der des „Helden“. Jeder vom kleinen Kind bis zum alten Mann kann ein Problem haben, das sich nicht ohne weiteres lösen lässt und das das Zeug dazu hat, daraus einen Roman zu machen.

Wir müssen uns mit dem „Protagonisten“ nicht einmal auf Menschen beschränken. Auch ein Alien, eine Möwe oder eine künstliche Intelligenz kann zum Protagonisten werden – auch wenn dies den Autor meist vor größere Herausforderungen als ein menschlicher Protagonist stellen dürfte. Dass es dennoch möglich ist, sehen wir an bekannten Beispielen wie Willam Kotzwinkles „E.T. – Der Außerirdische“, „Die Möwe Jonathan“ von Richard Bach oder „Supertoys Last All Summer Long“ (der Vorlage für den Film „A.I. – Künstliche Intelligenz“) von Brian Aldiss.

Wenn Sie gedanklich einmal diverse Romane, die Sie im Laufe der Jahre gelesen haben, vor Ihrem geistigen Auge Revue passieren lassen, sehen Sie, was für ein breites Spektrum an völlig unterschiedlichen Charakteren der Begriff des Protagonisten abdeckt – von klassischen Helden bis hin zu (zumindest anfangs) herrlich unsympathischen Charakteren wie Ebenezer Scrooge aus der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens.

Das Medium ist für diese Betrachtung zunächst einmal zweitrangig. Es spielt für unsere Zwecke keine große Rolle, ob wir den Protagonisten eines Romans, eines Kinofilms, eines Comics oder einer Fernsehserie betrachten. Je weniger wir uns bei unserer Betrachtung auf ein bestimmtes Medium oder gar ein bestimmtes Genre beschränken, desto mehr sehen wir, was alles machbar ist – und auch schon gemacht worden ist.

Überlegen Sie sich daher ruhig einmal, was Ihre persönlichen Lieblings-“Helden“ aus Literatur und Film sind. Welche Charaktere gehen Ihnen auch nach Jahren nicht aus dem Kopf und würden Sie gegebenenfalls mühelos dazu verleiten können, zu einer Fortsetzung ihrer Abenteuer zu greifen?

Mögen Sie eher die kleine Mathilda aus Roald Dahls gleichnamigem Roman oder die durchtriebene Emily Thorne aus der Serie „Revenge“? Daryl Dixon aus „Walking Dead“ oder Sherlock Holmes? Jane Eyre oder Katniss Everdeen aus „Die Tribute von Panem“? Richard Sharpe aus den Scharfschützen-Romanen von Bernard Cornwell oder Dexter Morgan aus Jeff Lindsays Romanen? Bella Swan aus „Twilight“ oder doch eher Sydney Bristow aus der „Alias“-Serie? Frank Slade aus „Der Duft der Frauen“ oder Walter White aus „Breaking Bad“?

Die kontrastreich zusammengestellten „Paare“ mögen Sie vielleicht stutzen lassen – aber das ist genau die Absicht. Überlegen Sie, welche ‚Helden‘ Ihr Herz gewinnen konnten und Sie mitfiebern ließen, und welche Sie eher kalt ließen. Schreiben Sie die Eigenschaften dieser Protagonisten auf: ihre Stärken, ihre Schwächen, ihre Ziele und die Probleme, mit denen sie zu kämpfen hatten. Je mehr Ihre Liste wächst, desto mehr werden Sie merken, dass sich trotz der vermutlich recht großen Bandbreite scheinbar ganz unterschiedlicher Charaktere bestimmte Muster abzuzeichnen beginnen.

Markieren Sie diese Punkte und Gemeinsamkeiten und überlegen Sie, warum gerade dieser Aspekt eine Saite in Ihrem Inneren berührt und zum Klingen bringt. Die „gemeinsamen Nenner“ zu finden, die viele Ihrer Lieblingsfiguren miteinander teilen, hilft Ihnen dabei, Protagonisten zu entwickeln und zu schreiben, die nicht nur Ihre Leser, sondern auch Sie selbst wirklich faszinieren.

Die Gedanken, die Sie sich hier machen, sind das Rohmaterial, auf dem Sie in den nächsten Wochen aufbauen können, wenn wir uns der Reihe nach mit den einzelnen Aspekten (bzw. Werkzeugen) beschäftigen, die zur Konstruktion eines Protagonisten beitragen, den unsere Leser auch nach der letzten Seite des Romans nicht mehr aus dem Kopf bekommen können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gutes Vorankommen bei Ihrer „Bestandsaufnahme“ und verabschiede mich bis zur nächsten Woche!

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