Der Wert von eBooks – oder: Realitäts-Check für Autoren

Die Schriftstellerin Arwyn Yale hat in ihrem Blog einen sehr guten Beitrag veröffentlicht: Sind E-Books nichts wert?

Ich finde, dass dieser Beitrag die Sitation auf dem Buchmarkt sehr gut auf den Punkt bringt. Viele Leser nehmen nur mit, was gratis ist – alles andere, egal wie billig, ist ihnen schon zu teuer. Gerade bei eBooks herrscht oft die Meinung, dass der Autor ja keine Kosten für Druck und Vertrieb hat – insofern dürfe ein eBook ja auch nichts (oder zumindest kaum etwas) kosten.

Die meisten Leser machen sich dabei nicht die geringsten Gedanken darüber, wie viel Zeit, Arbeit und auch Geld im Schreiben eines Buchs steckt und dass viele Autoren, wenn man die durch Buchverkäufe erzielten Tantiemen auf diese Arbeitszeit umlegt, pro Stunde sogar noch deutlich weniger als den viel diskutierten Mindestlohn erzielen.

Was bleibt unterm Strich pro verkauftem Exemplar übrig?

Um diese Aussage zu präzisieren, sollte man zunächst einmal durchrechnen, was ein Autor pro verkauftem eBook überhaupt verdient: Die besten Tantiemen bekommt man als Autor, wenn man sein Buch direkt über Amazons KDP-Programm veröffentlicht: 70% vom Netto-Verkaufspreis (also abzüglich der anzuwendenden Mehrwertsteuer). Aktuell wären das bei einem eBook für 2,99 ca. 1,75 Euro.

Verkauft man hingegen über einen deutschen Anbieter wie Neobooks, liegt die Messlatte noch höher, denn hier erhält man als Autor zwar auch 70% Tantiemen, jedoch nur von den 70%, die Amazon an die Verlage ausschüttet. Macht unterm Strich 49%, wovon noch die Mehrwertsteuer abgeht. Von 2,99 Euro bleiben damit für den Autor nur noch 1,23 Euro.

Und bei dieser Kalkulation bin ich bisher nur von „Vollpreis-Verkäufen“ für günstige 2,99 Euro ausgegangen. Jene Autoren, die wie von Arwyn Yale erwähnt ihr Buch zum Schleuderpreis von 99 Cent anbieten, erhalten von Amazon nur 35% Tantiemen. Macht (abzüglich Mehrwertsteuer) netto gerade mal 29 Cent.

Die festen Kosten

Rechnen wir die Kosten für Lektorat, Korrektorat, Coverdesign u.ä. einmal sehr vorsichtig und sparsam, kommt man hier vielleicht mit 500 Euro hin, wobei viele Autoren deutlich mehr in jeden ihrer Romane investieren. So schreibt Marah Woolf beispielsweise in einem Interview, dass sie bei jedem ihrer Romane runde 4.000 Euro in das Cover, das Lektorat und das Korrektorat investiert.

Rechnen wir mal nur mit 500 Euro – einem Betrag, den kaum ein Autor für einen kompletten Roman unterschreiten kann. Natürlich sind diese 500 (bis 4.000) Euro nicht alles, was ein Roman wieder einbringen muss. Das wäre nur der absolute Nullpunkt: Einnahmen gleich Ausgaben – außer Spesen nichts gewesen.

Aber schauen wir doch einfach mal, wie viele Bücher ein Autor verkaufen muss, um auch nur diese Fixkosten wieder einzunehmen:

  • Verkauf direkt über KDP für 2,99 Euro: 290 Exemplare
  • Verkauf über deutschen Distributor für 2,99 Euro: 410 Exemplare
  • Verkauf über KDP für 0,99 Euro: 1.730 Exemplare
  • Verkauf über deutschen Distributor für 0,99 Euro: 1.250 Exemplare

Beim Preis von 99 Cent ist, wie man sieht, der Verkauf über bestimmte Distributoren günstiger als über Amazon direkt, da die hier unterm Strich ausgeschütteten 49% immer noch mehr als die direkt über Amazon erzielbaren 35% sind.

Fazit: Als Faustformel kann man davon ausgehen, dass man für jeden in Lektorat, Korrektorat und Coverdesign investierten Euro selbst unter den günstigsten Voraussetzungen (2,99 € VK, 70% Tantiemen) mindestens 0,6 Exemplare verkaufen muss, um keinen Verlust zu machen. Bei 500 Euro wären das 300 Exemplare, bei 4.000 Euro, wie von Marah Woolf angesetzt, 2.400 Exemplare.

Schriftsteller-Arbeit zum Mindestlohn

Natürlich darf man bei seiner Kalkulation auch die Zeit nicht außen vor lassen, die man als Schriftsteller in die Entwicklung eines solchen Romans steckt. Vorsichtig kalkuliert muss man pro fertiger Buchseite von der ersten Idee bis zum fertig überarbeiteten Roman meiner Erfahrung nach zwischen einer und zwei Stunden Arbeit ansetzen. Für einen Roman von 300 Seiten wären das zwischen 300 und 600 Stunden Arbeit. Rechnen wir mit dem Mittelwert, kämen wir auf 450 Stunden für die Entwicklung eines kompletten Romans von 300 Seiten.

Bewerten wir diese mit dem angepeilten Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde, entsprächen diese 450 Arbeitsstunden einem Soll-Verdienst von 3.825 Euro.

Rechnen wir auch diesen Betrag mal auf zu verkaufende Exemplare um:

  • Verkauf direkt über KDP für 2,99 Euro: 2.190 Exemplare
  • Verkauf über deutschen Distributor für 2,99 Euro: 3.110 Exemplare
  • Verkauf über KDP für 0,99 Euro: 13.190 Exemplare
  • Verkauf über deutschen Distributor für 0,99 Euro: 9.570 Exemplare

Addieren wir diese Zahlen zu den Mindest-Verkäufen, die man zur Deckung der Kosten für Coverdesign, Lektorat und Korrektorat (in unserem Beispiel 500 Euro) benötigt, ergibt sich folgendes Bild:

  • Verkauf direkt über KDP für 2,99 Euro: 2.470 Exemplare
  • Verkauf über deutschen Distributor für 2,99 Euro: 3.520 Exemplare
  • Verkauf über KDP für 0,99 Euro: 14.920 Exemplare
  • Verkauf über deutschen Distributor für 0,99 Euro: 10.820 Exemplare

Die Realität

Natürlich gibt es eBooks, die in weit höheren Stückzahlen über die virtuelle Ladentheke gehen und ihren Autoren so ein solides Einkommen bescheren.

Doch für die meisten selbstveröffentlichenden Autoren sieht die Wahrheit ganz anders aus als die schönen Bestseller-Stories von Amanda Hocking oder John Locke, die von der Presse so gerne in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gezogen werden: Statistisch verkaufen sich die meisten eBooks nur ein paar hundert mal (siehe diese Erkenntnis von Falko Löffler). Selbst ohne Gratis-Aktionen und Dumpingpreise von 99 Cent wären somit die meisten Autoren (rein wirtschaftlich betrachtet) besser beraten, ihre Zeit statt zum Schreiben dafür zu verwenden, beim Discounter um die Ecke Dosen ins Regal zu räumen.

Dass diese etwas zynisch klingende Aussage nicht unrealistisch pessimistisch ist, beweisen auch die Ergebnisse der Selfpublishing-Studie 2014: Obwohl mehr als die Hälfte aller befragten Autoren bereits drei oder mehr Bücher veröffentlicht haben, liegen die Einnahmen bei fast der Hälfte aller befragten Autoren unter 50 Euro im Monat.

Natürlich schreibt man als Autor nicht wegen des Geldes, sondern in erster Linie weil es einem Spaß macht und es das eigene Leben bereichert – aber dennoch möchte man nicht unbedingt Geld drauf legen, indem man sein Buch veröffentlicht.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis von eBooks

Ein Leser, der sich über eBook-Preise von 2,99 Euro oder gar 0,99 Euro mokiert, da ihm dies zu teuer sei, sollte sich diese kleine Kalkulation mal durch den Kopf gehen lassen und überlegen, was er selbst pro Stunde mindestens für seine Arbeit verlangen würde.

Außerdem sollte man das Preis-Leistungs-Verhältnis von eBooks einfach mal mit anderen Formen der Unterhaltung vergleichen, statt über absolute Preise zu diskutieren:

  • Ein MP3-Track, den man sich vielleicht zwanzigmal anhört, bevor er einem zu den Ohren heraus kommt, kostet 99 Cent – macht umgerechnet ungefähr einen Euro pro Stunde.
  • Eine Kinokarte kostet zwischen sechs und zwölf Euro – macht mindestens drei Euro pro Stunde. Eine DVD oder BluRay-Disc desselben Films kostet 10-15 Euro – dafür kann man sich den Film natürlich auch mehrfach ansehen. Doch selbst wenn man sich den Film mindestens fünfmal ansieht, kommt man immer noch auf mehr als einen Euro pro Stunde.
  • An einem eBook-Roman mit 300 Seiten, der für 2,99 Euro verkauft wird, liest man zwischen sechs und zehn Stunden. Selbst bei nur sechs Stunden Lesezeit wären das gerade mal 50 Cent pro Stunde – und damit nicht einmal die Hälfte dessen, was man für andere Formen der Unterhaltung zahlt.

Darüber sollte man einmal nachdenken, bevor man das nächste Mal ein eBook als „zu teuer“ bezeichnet.


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