Freewrite – das perfekte Schreibtool für Schriftsteller?

Die meisten Schriftsteller sind stets auf der Suche nach dem perfekten Schreibwerkzeug. Nicht nur nach der besten Schreibsoftware, sondern auch nach dem besten Schreibcomputer. Portabel wie ein Laptop sollte er sein, damit man nicht nur zuhause, sondern überall an seinen Manuskripten arbeiten kann. Eine mechanische Tastatur wäre natürlich klasse, doch der einzige aktuelle Laptop mit mechanischer Tastatur ist leider ein 5-Kilo-Brocken, der zudem auch noch über 4.000 € kostet – also weit jenseits von Gut und Böse. Natürlich sollte der Bildschirm blendfrei sein, damit man auch im Freien damit arbeiten kann. Und die Akkulaufzeit sollte ausreichen, dass man mindestens einen ganzen Tag abseits der Steckdose damit arbeiten kann, besser sogar ein ganzes Wochenende.

Ein solcher Wunschzettel scheint fast unerfüllbar – ähnlich wie die Gedankenspielereien, wie „die perfekte Frau“ (oder „der perfekte Mann“) aussehen müsste. Doch die Firma Astrohaus hat sich das Ziel gesetzt, Schriftstellern einen Schreibcomputer anzubieten, der all das und noch mehr kann.

Ende 2014 wurde ein neues Projekt über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter gestartet: Unter dem Namen „Hemingwrite“ sollte ein portabler Schreibcomputer mit mechanischer Tastatur entstehen, der mit einer einzigen Akkuladung wochenlang auskommt und dank eines blendunempfindlichen monochromen Displays das Arbeiten überall ermöglicht.

Das Projekt schaffte es, insgesamt über 340.000 Dollar einzuspielen – deutlich mehr als das ursprünglich anvisierte Ziel von 250.000 Dollar. Während diejenigen, die ihren Hemingwrite über die Finanzierung von Kickstarter vorbestellt hatten, ihr Gerät bereits bekommen haben, geht der Hemingwrite jetzt in den offiziellen Verkauf – allerdings unter einem neuen Namen: Freewrite.

Doch lohnt es sich für Schriftsteller wirklich, sich einen Hemingwrite, äh, Freewrite zu bestellen?

Eines vorab: der Freewrite ist nicht gerade ein billiges Spielzeug. Mit 499 Dollar zzgl. Umsatzsteuer und Versand nach Deutschland kommt man auf 628,81 Dollar, also umgerechnet gute 570 Euro.

Dafür bekommt man einen recht klobigen Schreibcomputer mit der Optik einer klassischen Schreibmaschine und dem Charme eines Heimcomputers aus den 80er Jahren wie des C64, der aufgrund seines Aussehens von seinen Besitzern damals oft liebevoll als ‚Brotbox‘ tituliert wurde.

Auch der Freewrite mit seinem glänzend schwarzen Alu-Gehäuse, den retromäßigen Bedienungshebeln für die WLAN-Steuerung und die Auswahl der Speicherordner dürfte für irritierte Blicke sorgen, wenn man das Gerät als „Schlepptop“ an seinem ausklappbaren Tragegriff mit sich herum trägt. Uneingeweihte dürften den Freewrite von der Optik her eher für einen Vtech Kinder-Lerncomputer als für das hochpreisige Arbeitswerkzeug eines Schriftstellers halten – man sollte also schon ein dickes Fell haben, wenn man mit einem solchen Gerät herumlaufen will. ;-)

Tastaturbelegung

Das Wichtigste vorab: Den Freewrite gibt es nur mit einer einzigen Tastaturvariante – dem amerikanischen Layout, bei dem Y und Z vertauscht sind und die Umlaute fehlen.

Zwar soll man am Gerät auch auf ein anderes Layout (z.B. die deutsche Tastenbelegung) umstellen können, doch die Beschriftung der Tasten ändert sich hierdurch natürlich nicht.

Hier empfehlen die Entwickler handelsübliche Tastaturaufkleber für Laptops, mit denen man die ‚richtigen‘ Tastenbelegungen einfach auf die Tasten aufkleben kann. Das ist eine pragmatische und sicher auch funktionale Lösung, wenngleich sie natürlich ein wenig zu Lasten der Optik geht.

Aber immerhin: man kann mit dem Freewrite mit deutscher Tastaturbelegung schreiben, und das ist ja die Hauptsache.

WLAN-Synchronisierung

Ein nettes Feature des Freewrite ist, dass man das Gerät mit dem WLAN verbinden kann und so seine Texte ohne lästige Kabel direkt in die Dropbox hochladen oder mit Evernote synchronisieren kann.

Da der Freewrite aber in erster Linie für das Arbeiten unterwegs gedacht ist, wo man üblicherweise kein WLAN hat (und zum Schreiben auch nicht braucht), ist ein solches Feature aus meiner Sicht eher nebensächlich. Die Daten sind im Flash-Speicher des Geräts gesichert, und um ein fertiges Manuskript auf den PC zu übertragen, könnte man theoretisch auch ein USB-Kabel verwenden. Die WLAN-Anbindung würde ich daher eher als Gimmick denn als wirklich tolles Feature bewerten.

Monochromer Bildschirm

Der Hemingwrite hat kein farbiges LCD- oder IPS-Display wie Laptops, Tablets oder Smartphones, sondern ein hinterleuchtetes 5,5″-E-Ink-Display (ähnlich wie der Kindle Paperwhite oder der Tolino Vision, nur etwas kleiner).

Der Vorteil ist, dass diese Displays nicht viel Strom brauchen (was sich positiv auf die Akkulaufzeit des Freewrite auswirkt) und dass sie auch bei greller Sonneneinstrahlung im Freien noch gut lesbar sind.

Ein Handicap des Freewrite ist, dass der recht klein geratene Bildschirm nur Platz für wenig Text bietet und daher verglichen mit dem Bildschirm eines Netbooks oder Laptops recht wenig Übersicht bietet.

Da es sich zudem nicht um einen Touchscreen handelt und man auch keine Maus und kein Touchpad zur Cursorsteuerung zur Verfügung hat, ist der Freewrite wirklich eher zum Schreiben einer Rohfassung als zum Überarbeiten eines Manuskripts geeignet. Denn den Cursor kann man nur eher umständlich per Tastatur an die gewünschte Position manövrieren.

Akkulaufzeit

Mit einer angegebenen Akkulaufzeit von runden vier Wochen ist der Freewrite der ideale Begleiter für jeden Urlaub. Selbst wenn man gerade irgendwo in der Pampa weitab jeder Steckdose ist, bleibt der Freewrite wochenlang einsatzbereit.

Das ist etwas, von dem Laptop- oder Tablet-Benutzer natürlich nur träumen können, aber für mich passt es nicht so richtig mit der WLAN-Synchronisation des Freewrite zusammen: Wenn ich schon keine Steckdose zum Aufladen habe, habe ich üblicherweise erst recht keinen WLAN-Zugriff. ;-)

Die Alternative

Wer keine 570 Euro ausgeben will, aber dennoch ein ähnliches Schreibgefühl mit einer eleganteren Optik genießen möchte, sollte die Augen nach einem gebrauchten „Alphasmart NEO“ offen halten.

Der NEO, der gebraucht schon deutlich unter 100 Euro erhältlich ist, hat wie der Freewrite ein monochromes Display, das je nach eingestellter Textgröße Platz für bis zu 6 Zeilen Text bietet. Auch beim NEO ist das Display blendfrei und auch im Freien problemlos abzulesen. Zwar handelt es sich hier nicht um ein beleuchtetes E-Ink-Display, sondern nur um ein LCD-Display, doch das spielt lediglich dann eine Rolle, wenn man im Dunkeln schreiben will.

Die Tastatur des NEO ist zwar nicht mechanisch, hat aber eine sehr gute Qualität und ein exzellentes Tippgefühl, das mit den meisten teuren Laptops mithalten kann. Auch hier hat man zwar nur das englische QWERTY-Layout, doch deutsche Umlaute können über Tastenkombinationen eingegeben werden, die einem beim Schreiben schnell in Fleisch und Blut übergehen. Spätestens nach ein paar Stunden kann man auf der englischen NEO-Tastatur fast genauso schnell und fehlerfrei schreiben wie mit einer klassischen deutschen PC-Tastatur.

Eine WLAN-Funktion zum Hochladen der Dateien wie beim Freewrite sucht man beim Alphasmart NEO vergeblich: hier kommt noch das klassische USB-Kabel zum Einsatz: Man schließt den NEO per Kabel an, öffnet sein favorisiertes Schreibprogramm und sendet sein Manuskript per Knopfdruck an den PC. Nicht ganz so komfortabel wie beim Freewrite, aber meines Erachtens völlig ausreichend.

Doch wenn es um die Akkulaufzeit geht, hängt der Alphasmart NEO den Freewrite meilenweit ab. Während der Akku des Freewrite vier Wochen lang halten soll, läuft der NEO mit drei normalen Mignon-Zellen stolze 700 (!) Stunden lang.

Nein, das ist kein Tippfehler. Wenn Sie täglich zwei Stunden mit dem Alphasmart NEO schreiben, brauchen Sie nur einmal im Jahr (!) die Batterien zu wechseln.

Mit gerade mal 900 Gramm wiegt der NEO übrigens nur ziemlich genau die Hälfte des Freewrite, der 1,8 Kilo auf die Waage bringt – mehr als eine volle 1,5-Liter-Wasserflasche. Wenn man das Gerät ständig dabei haben will, macht das schon einen Unterschied.

Leider ist der Alphasmart NEO nicht mehr neu erhältlich, da der Hersteller (http://www.renlearn.co.uk/neo-2/) die Produktion leider eingestellt hat. Doch auf dem internationalen Gebrauchtmarkt bekommt man die Geräte noch zuhauf – und das meist für Preise unter 50 Euro.

Fazit:

Wenn einem das Geld nicht weh tut und es einen in den Fingern juckt, ist der Freewrite mit seiner mechanischen Tastatur sicher ein gutes Schreibgerät, das man immer und überall einsetzen kann.

Die meisten Schriftsteller dürften jedoch mit einem normalen Laptop, auf dem Scrivener läuft, besser beraten sein, da dieser schlicht und einfach vielseitiger ist und man meistens nicht Tage oder gar Wochen von der nächsten Steckdose entfernt ist. Mein Windows-10-Netbook hat eine Akkulaufzeit von ca. 5-6 Stunden (reine Nutzung) und verbraucht nur minimal Strom, wenn ich es tagsüber im Standby-Modus habe – dafür ist es aber innerhalb einer Sekunde einsatzbereit. Für einen normalen Tag reicht das locker aus – und abends kann das Gerät wieder ans Netz.

Für den mobilen Einsatz empfehle ich als Ergänzung zum Laptop einen gebrauchten Alphasmart NEO: schlanker, leichter und eleganter als der klobige Freewrite mit seiner ‚Spielzeug-Optik‘ und gebraucht für gerade mal 10% des Preises des Freewrite zu bekommen.

Ich habe unterwegs auch immer meinen NEO dabei. Wenn ich ihn mal brauche, ist er stets einsatzbereit – und zuhause kann ich die Texte schnell und einfach auf meinen PC übertragen. Zwar ohne WLAN, aber für meine Bedürfnisse völlig ausreichend.

Sollte der Freewrite irgendwann mal auf unter 300 Euro inkl. Steuern und Versand sinken, könnte ich eventuell schwach werden. Aber zum jetzigen Preis finde ich das Gerät für die gebotene Leistung schlicht und einfach zu teuer.


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3 Gedanken zu „Freewrite – das perfekte Schreibtool für Schriftsteller?

  1. Lieber Herr Norden,
    vielan Dank für Ihren Beitrag. Ich fand die Idee von Hemingwrite sehr charmant, ablenkungsfrei zu schreiben. Ich wusste gar nicht, dass es dafür eine günstigere und vielleicht auch besser Lösung schon gibt. Ich werde nach einer Alphasmart suchen, auch wenn sie in Deutschland nicht so häufig angeboten wird. Halten sie es für sinnvoll üer EBay eine aus Amerika zu bestellen?
    Ciao Ingo

    • Hallo Herr Hampe,

      da der NEO kein Netzteil o.ä. hat, sondern mit Batterien läuft, spielt es keine Rolle, ob Sie sich ein englisches oder amerikanisches Modell kaufen. Bei einer Bestellung aus den USA sollten Sie natürlich die recht hohen Versandkosten und eventuell beim Import anfallende Zollabgaben berücksichtigen. Wenn Sie irgendwo in England einen Alphasmart auftreiben können, fahren Sie meist günstiger und besser.

      Über Amazon.com finden Sie auch etliche gebrauchte Alphasmart NEO angeboten, doch werden diese von den Verkäufern meist nur innerhalb der USA und nicht nach Übersee versendet. Die beste Option dürfte sein, bei eBay international nach einem Alphasmart NEO zu suchen und diese Suche zu speichern, damit Sie automatisch über neu eingestellte Auktionen per Email benachrichtigt werden.

      Mit freundlichem Gruß

      Richard Norden

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