Gratis-Aktionen bei Amazon: Sinnvolles Marketing-Instrument oder gefährliches Eigentor?

Noch nie war es so einfach wie heute für Autoren, ihre Bücher zu veröffentlichen und so einer breiten Allgemeinheit zugänglich zu machen. Hohe Tantiemen im eBook-Bereich (bis zu 70% des Netto-Verkaufspreises) wirken auf den ersten Blick wie ein wahres Schlaraffenland für Autoren – denn von solchen Tantiemen können Schriftsteller, die bei einem klassischen Publikumsverlag unter Vertrag sind, nur träumen.

Doch mit der Flut an neuen Titeln, die gerade in Amazons Kindle-Shop täglich herauskommt, wird es immer schwieriger, mit seinem Buch aus der Masse herauszustechen und Käufer zu finden.

Viele Autoren melden daher ihr Buch für Amazons KDP-Select-Programm an. Hierbei dürfen sie ihr eBook ausschließlich über Amazon anbieten (also nicht parallel auch noch über andere Shops oder die eigene Autorenhomepage), haben dafür aber z.B. die Möglichkeit, ihr Buch zeitweise als Werbeaktion kostenlos anzubieten. Doch lohnt sich das wirklich?

Wer als Autor überlegt, sein Buch bei Amazon an einzelnen Tagen kostenlos anzubieten, sollte schon im Vorfeld sehrgenau darüber nachdenken, was er damit beabsichtigt.

Bringen Gratis-Aktionen positive Rezensionen?

Der Vorteil einer Gratisaktion (besonders, wenn man diese auch noch über Twitter, Facebook oder andere Medien aktiv bewirbt) ist, dass das Buch mit Sicherheit ziemlich häufig heruntergeladen wird. Je mehr Leute das Buch herunterladen und lesen, umso größer sind natürlich auch die Chancen, dass einzelne dieser Leser bei Amazon eine Rezension abgeben. Und je mehr positive Rezensionen ein Buch vorzuweisen hat, umso eher werden andere Interessenten bereit sein, das Buch zu kaufen.

Doch der Knackpunkt ist natürlich das Wort “positive”. Negative Rezensionen und Verrisse können rasch alles wieder kaputt machen, was mit ein paar guten Rezensionen so erfolgversprechend begonnen hat. Und mit einer Gratis-Aktion erhöht man leider das Risiko negativer Rezensionen überproportional. Warum das?

Wenn ein Buch Geld kostet, wird es in erster Linie von der Zielgruppe des Autors gekauft, die tatsächlich genau solche Bücher gerne liest. Diese werden, wenn das Buch gut geschrieben ist, sehr zufrieden damit sein und mit etwas Glück auch eine (dann natürlich positive) Rezension auf Amazon abgeben.

Doch bei Gratisaktionen greifen auch viele Leser zu, die eigentlich überhaupt nicht zur Zielgruppe des Autors gehören. Sie nehmen einfach alles mit, was nichts kostet. Viele von ihnen werden das Buch niemals lesen, sondern nur in ihrem Kindle “hamstern” und digitalen Staub ansetzen lassen – und das ist ein Glück.

Denn wenn sie es tatsächlich lesen und (da es eigentlich für eine ganz andere Zielgruppe geschrieben wurde) nichts damit anfangen können, ist die Gefahr recht groß, dass sie anschließend eine negative Rezension bei Amazon abgeben, weil ihnen das Buch nicht gefallen hat. Diese Negativrezensionen schrecken dann wiederum Leser ab, die wirklich zur Zielgruppe gehören und denen das Buch höchstwahrscheinlich gut gefallen würde.

Sie sehen: Auch gut gemeinte Geschenke können Risiken und unerwünschte Nebenwirkungen haben. ;-)

Würden Sie alles verschenken, was Sie besitzen?

Das zweite Problem bei einer Gratisaktion ist, dass sehr viele Autoren, die ihr Buch als Gratisdownload anbieten, bisher nur dieses eine Buch veröffentlicht haben. Wenn also ein neuer Interessent über die Gratisaktion auf ihr Buch stößt, es herunterlädt und tatsächlich begeistert ist, gibt es keine weiteren Bücher desselben Autors, die er sich kaufen könnte.

Und bis irgendwann das nächste Buch dieses Autors herauskommt, hat der Leser ihn aufgrund der stetigen Flut kostenloser Kindle-Bücher höchstwahrscheinlich längst wieder vergessen. Insofern kann eine Gratisaktion auch hier nicht den Buchumsatz ankurbeln.

Wesentlich effektiver ist eine Gratisaktion, wenn man bereits eine ganze, aufeinander aufbauende Serie von Büchern veröffentlicht hat und dann den ersten Band der Serie im Rahmen einer Werbeaktion vorübergehend kostenlos anbietet. Wenn dem Leser der erste Band gefällt, wird er sich entweder nach und nach oder – wenn man sehr viel Glück hat – direkt auf einen Schlag auch noch alle anderen Bücher der Serie bestellen.

“Teile und herrsche!”  – oder auch nicht…

Manche Ein-Buch-Autoren versuchen, auf dieser Welle mit zu schwimmen: Sie zergliedern kurzerhand den einen Roman, den sie geschrieben haben, in seine einzelnen Kapitel und veröffentlichen ihn dann als Fortsetzungsgeschichte (oder neudeutsch “Serial”) in ebenso vielen Bänden. Jeder dieser Bände hat dann natürlich eine sehr geringe Seitenzahl (oft nur 20-30 Seiten) und wird für 99 Cent angeboten.

Auch dies ist darauf angelegt, dass man den ersten Band kostenlos abgibt und so interessierte Leser findet, die dann die Bände 2-10 kaufen, um zu erfahren, wie die Handlung weiter geht. Diese mittlerweile überstrapazierte Methode ist allerdings nicht sonderlich erfolgversprechend. Leser lassen sich nicht so einfach ködern. Sie sehen auf einen Blick, dass sie insgesamt knapp zehn Euro hinlegen müssen, um in der Summe einen Roman von ca. 200-300 Seiten zu bekommen. Für so viel Geld bekommen sie auch einen Top-Bestseller eines bekannten Autors.

Da sie direkt sehen, dass der erste Band nur ein “Appetithappen” ohne in sich abgeschlossene Handlung ist, werden sie diesen höchstwahrscheinlich nicht einmal geschenkt haben wollen – geschweige denn, außerhalb einer solchen Gratisaktion 99 Cent dafür ausgeben.

Nichts gegen echte Serials, die bereits bei ihrer Planung wie eine Fernsehserie auf einzelne Episoden angelegt wurden, die sich dann irgendwann zu einer ganzen Staffel zusammenfügen. Gute Serial-Autoren können meisterlich mit Cliffhangern und ineinander verschachtelten Spannungsbögen arbeiten, um ihre Leser bei der Stange zu halten.

Doch ein zerstückelter Roman wird durch das Aufteilen in mehrere Bände genausowenig zum echten Serial, wie ein Spielfilm durch nervige Werbeunterbrechungen zum TV-Mehrteiler wird. Daher sollte man von dieser zweifelhaften Strategie lieber die Finger lassen, wenn man seine mühsam gewonnenen Leser nicht verärgern möchte.

Das “Prequel” als Appetithappen

Die beste Lösung ist meist Werbung über eine speziell zu diesem Zweck geschriebene Kurzgeschichte. Dafür schreiben Sie zusätzlich zu Ihrem Roman noch eine Kurzgeschichte desselben Genres, in der ebenfalls der Protagonist Ihres Romans die Hauptrolle spielt.

Bei dieser Kurzgeschichte kann es sich um eine völlig unabhängige Handlung oder auch um die Vorgeschichte (also ein “Prequel”) zu Ihrem Roman handeln – aber niemals um eine Fortsetzung, die nach der Handlung des Romans spielt. Der Leser muss die Geschichte genießen können, ohne den Roman zu kennen – und natürlich darf die Kurzgeschichte auch keinesfalls irgendwelche ‘rückblickenden’ Spoiler enthalten, die zu viel über die Handlung oder gar das Ende des Romans verraten.

Das Ziel ist, dass der Leser (und damit potentielle Käufer Ihres Romans) die Gelegenheit hat, anhand der Kurzgeschichte Ihren Schreibstil, das Setting Ihres Romans und die wichtigsten Figuren des Romans (oder zumindest den Protagonisten) kennenzulernen.

Diese Kurzgeschichte schreiben Sie nur, um diese kostenlos über so viele Quellen wie möglich zu veröffentlichen und zu verteilen – natürlich jeweils mit einem Link zu Ihrer Homepage und der Seite, über die man Ihren Roman bei Amazon & Co. bestellen kann.

Veröffentlichen Sie Ihre Kurzgeschichte daher beispielsweise über BoD E-Short. Das kostet Sie als Autor keinen Cent und ermöglicht es Ihnen, Ihre Geschichte auf einen Schlag über eine Vielzahl von eBook-Shops kostenlos anzubieten.

Solange die Vertragsbedingungen des Anbieters, über den Sie veröffentlichen, dies nicht untersagen, spricht natürlich nichts dagegen, Ihre Geschichte parallel auch noch über andere Kanäle wie Scribd, Noisetrade, Ihre eigene Autorenhomepage et cetera zu veröffentlichen. Hauptsache, dass jedes Exemplars den Link zu Ihrem kompletten Roman enthält – und vielleicht noch eine Leseprobe zum Anködern.

Machen Sie anschließend über Twitter, Facebook und andere Soziale Netzwerke in regelmäßigen Abständen immer wieder mal Werbung für Ihre kostenlose Kurzgeschichte, um möglichst viele potentielle Leser zum Download zu motivieren.

Die Gefahr und die Tragweite von negativen Rezensionen ist bei solchen Kurzgeschichten relativ gering. Sie wollen ohnehin kein Geld durch den Verkauf der Kurzgeschichte verdienen, sondern sie nur gratis verteilen, um so das Interesse für Ihren Roman anzukurbeln. Insofern kann selbst eine negative Rezension keine Käufer abschrecken.

Wenn der Funke bei der Kurzgeschichte hingegen überspringt, ist die Wahrscheinlichkeit recht gut, dass der Leser daraufhin Ihren Roman bestellt, um ein weiteres, größeres Abenteuer mit dem Helden Ihrer Kurzgeschichte zu erleben.

Unterm Strich ist dies daher gerade für Autoren, die erst einen Roman veröffentlicht haben, die beste und effektivste Methode, um mit einer Gratis-Aktion die Umsätze ihres Buchs anzukurbeln.


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2 Gedanken zu „Gratis-Aktionen bei Amazon: Sinnvolles Marketing-Instrument oder gefährliches Eigentor?

  1. Pingback: Leseflatrates – schöne neue eBook-Welt? | Richard Norden

  2. Danke, Herr Norden. Dies ist ein guter und kritischer Artikel zu einem Thema, das uns alle beschäftigt, das Marketing. Ich stimme dem Autor in allem zu, möchte hier von meinen eigenen, geringen Erfahrungen mit gratis angebotenen Kurzgeschichten berichten.
    Ich habe zwei Kurzgeschichtenbände veröffentlicht und bin genau den beschriebenen Weg gegangen, nämlich über drei gesondert geschriebene Geschichten Werbung für die Bücher zu machen. Zwei Geschichten wurden so gut wie gar nicht beachtet, auch nicht als Gratisangebot. Die letzte Geschichte wurde insgesamt 77 mal heruntergeladen. Der Grund dafür dürfte der Titel gewesen sein: “Die Antänzer”. Dieser Begriff geistert ständig durch die Medien und dürfte von daher Neugierde geweckt haben. Verkauft habe ich in dem Zeitraum 1 einziges E-Book. Warum der geringe Erfolg? Einerseits kann meine Geschichte schwach sein. Ich kann dies selbst am wenigsten beurteilen. Andererseits sind Kurzgeschichten eine von “intellektuellen Literaten” derartig verdorbene Prosaform, dass sie niemand mehr lesen mag, auch dann nicht, wenn die Geschichten kostenlos angeboten werden. Hinzu kommt, dass ich einen engen Adressatenkreis habe, nämlich die Generation 50+, eine Generation die nicht für ihre Affinität zum E-Book bekannt ist.
    Da ich aber die Geschichte ohnedies geschrieben hatte und mich die Aktion nichts gekostet hat, habe ich es nicht bereut und werde wieder Gratisaktionen mit Kurzgeschichten machen. Es ist durchaus möglich, dass die Erfahrungen mit gut geschriebener Fantasy oder Krimis völlig anders ist. Und nicht vergessen: Die Hoffnung stirbt zuletzt …

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