Hindernisse auf dem Weg Ihres Protagonisten: Schwächen und Handicaps

In der vorletzten Woche der Artikelserie über Protagonisten haben wir uns mit dem Thema „Der kompetente Protagonist: Superheld oder Alltagsheld“ beschäftigt.

Dazu gehört auch das Thema „Schwächen und Handicaps“.

Als Schriftsteller sollten Sie sich davor hüten, einen ‚perfekten‘ Protagonisten ohne Schwächen zu erschaffen. Protagonisten ohne Schwächen haben gleich mehrere gravierende Nachteile.

Schwächen erleichtern die Identifikation

‚Perfekte‘ Romanfiguren ohne Schwächen wirken (ebenso wie reale Personen, die scheinbar keine Schwächen haben), alles andere als sympathisch. Wir selbst sind auch nicht perfekt. Selbst wenn wir gewohnheitsmäßig unsere Schwächen in der Öffentlichkeit verbergen und kaschieren, können wir uns mit den Schwächen eines Protagonisten weit eher identifizieren als mit seiner vermeintlichen Perfektion.

Vielleicht erinnern Sie sich aus Ihrer eigenen Schulzeit auch an einen Musterschüler / Klassenstreber, der Ihnen und Ihren Klassenkameraden von den Lehrern und vielleicht sogar den eigenen Eltern als leuchtendes Beispiel vorgehalten wurde – frei nach dem Motto: „Von dem kannst du dir mal eine Scheibe abschneiden“. Und es gibt immer genug frustrierte Mitschüler, die diese Aufforderung nur allzu gerne wörtlich genommen hätten. ;-)

Nein, es sind die Schwächen eines Protagonisten, die ihn in den Augen des Lesers erst menschlich erscheinen lassen – egal, ob wir diese Schwäche aus eigener Erfahrung kennen oder ob wir uns lediglich in jemanden mit dieser Schwäche (und den daraus resultierenden Schwierigkeiten und inneren Konflikten) hinein versetzen können.

Schwächen erlauben dem Protagonisten, über sich hinaus zu wachsen

Schwächen sind ein wichtiger Punkt im Charakterwachstum des Protagonisten. Zu einer spannenden Romanhandlung gehört dazu, dass der Protagonist sich verändert und über sich hinaus wächst. Anfängliche Schwächen erlauben ihm dieses Wachstum. Während ein von Anfang an ‚perfekter‘ Protagonist keine Gelegenheit hat, noch besser zu werden (was ebenso unrealistisch wie langweilig wäre), kann ein Protagonist mit einer Schwäche daran arbeiten, diese zu überwinden.

Schwächen oder Handicaps: Was ist der Unterschied?

Um dem Protagonisten im Laufe der Handlung Schwierigkeiten zu bereiten und ihm Steine in den Weg zu legen, kann man als Autor sowohl mit Schwächen als auch mit Handicaps arbeiten. Wichtig ist lediglich, dass man den Unterschied zwischen beiden kennt und diese entsprechend einsetzt.

Ein Beispiel, an dem man ‚Schwäche‘ und ‚Handicap‘ gut differenzieren kann, ist ein einarmiger Protagonist. Hierbei handelt es sich nicht um eine ‚Schwäche‘, sondern um ein ‚Handicap‘. Schwächen haben etwas mit der Person des Protagonisten zu tun, können aber dadurch, dass der Protagonist an sich selbst arbeitet, überwunden werden.

Schwächen können sowohl psychologischer als auch physischer Natur sein. Ein Protagonist mit einem Alkoholproblem, Spielsucht, Höhenangst, krankhafter Eifersucht oder einem Minderwertigkeitskomplex hat ebenso eine Schwäche wie ein Protagonist, der körperlich schwach und untrainiert ist oder dem es an Beweglichkeit und Geschicklichkeit fehlt.

Jede Schwäche, die wir uns für einen Protagonisten ausdenken, kann mit Entschlossenheit und Training überwunden werden – was für den fehlenden Arm unseres einarmigen Protagonisten ganz klar nicht zutrifft. Egal, wie sehr er an sich arbeitet – ihm wird mit Sicherheit kein neuer Arm wachsen. Obwohl der fehlende Arm mit dem Protagonisten selbst und nicht mit seiner Umwelt oder den Rahmenbedingungen für die Lösung des zentralen Konflikts zu tun hat, handelt es sich hier also ganz klar nicht um eine Schwäche, sondern um ein Handicap.

Handicaps sind im Gegensatz zu Schwächen etwas, das man nicht überwinden kann, sondern mit dem man sich arrangieren muss. Ein Handicap fordert den Erfindungsreichtum und die Phantasie des Protagonisten heraus, um trotz dieses Handicaps am Ende zu gewinnen.

Wenn Keanu Reeves in ‚Speed‘ dafür sorgen muss, dass der Bus nicht langsamer als 50 Meilen pro Stunde fährt, da sonst die Bombe explodiert, ist dies ein klares Handicap. Wenn Sie einem Boxer vor einem Kampf einen Arm hinter den Rücken binden, ist das ein Handicap. Und wenn der Agent nur 60 Minuten hat, um den Standort der von Terroristen versteckten Atombombe zu finden und sie zu entschärfen, bevor diese explodiert, ist das ebenfalls ein Handicap.

Handicaps sind ein bewährtes Mittel, um besonders starke Protagonisten vor zusätzliche Schwierigkeiten zu stellen. Nehmen wir die klassischen Superhelden aus den Comics von Marvel und DC und deren Verfilmungen. Wie oft ist es so, dass die Schurken den Helden erpressen oder in eine Falle locken, indem sie die Personen bedrohen oder entführen, die dem Helden besonders nahe stehen? Während der Held gut auf sich selbst aufpassen kann und dem Schurken in einer direkten Konfrontation vielleicht sogar überlegen ist, sind seine Freunde und seine Familie das Handicap des Helden. Er muss seine wahre Identität verbergen, um sie nicht zu gefähren, oder sich Hals über Kopf in gefährliche Situationen begeben, um sie zu retten – selbst wenn er ahnt, dass es sich um eine Falle handelt.

Die Auswahl der richtigen Schwäche

Die Auswahl der richtigen Schwäche für den eigenen Protagonisten ist nichts, was man übers Knie brechen sollte. Es ist eine Entscheidung, die Zug um Zug während des Entwurfs der Handlung getroffen werden muss.

Zunächst einmal gilt: Wenn eine Schwäche keinen Einfluss auf die Romanhandlung hat, ist sie keine Schwäche, sondern Kosmetik. Wenn Ihr Protagonist nachtblind ist, die ganze Handlung (oder zumindest alle relevanten Szenen) jedoch bei hellichtem Tag spielen, ist die Nachtblindheit irrelevant. Ebenso spielt es keine Rolle, dass Ihr Protagonist Höhenangst hat, wenn Sie ihn im Laufe der Handlung nicht zwingen, sich in eine gefährliche Situation in schwindelnder Höhe zu begeben.

Egal, wie sehr Sie vielleicht einen Ihrer Entwürfe für einen (realistisch betrachtet) ‚zu perfekten‘ Protagonisten lieben – widerstehen Sie der Versuchung, ihn mit für die Handlung irrelevanten Alibi-Schwächen menschlicher zu machen. Leser sind nicht dumm. Wenn Sie etwas auf den Seiten Ihres Romans schildern, geht der Leser davon aus, dass dies für den weiteren Verlauf der Handlung noch von Bedeutung sein wird.

Man spricht hier von „Chekhovs Gun“, angelehnt an ein Zitat des russischen Schriftstellers Anton Chekhov: „Entfernen Sie alles, das keine Bedeutung für die Handlung hat. Wenn Sie im ersten Kapitel erwähnen, dass ein Gewehr an der Wand hängt, muss dieses Gewehr im zweiten oder dritten Kapitel abgefeuert werden. Wenn es nicht abgefeuert werden soll, sollte es nicht dort hängen.“

Wenn Sie also erwähnen, dass Ihre Protagonistin Angst vor Spinnen hat, wird der Leser sich das merken und auf die Szene warten, in der sie ihre Angst vor Spinnen überwinden muss, um beispielsweise mit bloßen Händen den Schlüssel für die Handschellen ihres Freundes aus einem Terrarium voller giftiger Spinnen zu holen. Wenn bis zum Ende des Buchs keine einzige Spinne an einer bedeutsamen Stelle vorkommt, wird der Leser sich entweder verladen vorkommen oder zu dem Schluss kommen, dass der Autor nicht weiß, was er tut.

Der zweite Punkt, den man beachten sollte, ist Stärken und Schwächen auszugleichen. Stellen Sie sich eine altmodische Waage vor – eine von diesen Apothekerwaagen, bei denen man auf die eine Waagschale kleine Gewichte legt und dann die Zutat abwiegt, indem man so lange dazu schüttet, bis die Waagschalen im Gleichgewicht sind. Auf dieselbe Weise sollten Sie die Stärken und die Schwächen Ihres Protagonisten ausgleichen: Je mehr Stärken er besitzt und je ausgeprägter diese sind, desto schwerer wiegen wieder und müssen auf der anderen Seite durch ebenso ’schwere‘ Schwächen ausgeglichen werden, um am Ende einen ‚ausgewogenen‘ Charakter zu erhalten.

Dieses Prinzip finden Sie in vielen Roman- und Film-Charakteren wieder. Denken Sie beispielsweise an die Figur des Adrian Monk aus der Fernsehserie „Monk“: Adrian Monk ist ein genialer Ermittler, dem jedes noch so kleine Detail am Schauplatz eines Verbrechens auffällt und dem es stets gelingt, die einzelnen Puzzlesteinchen zu einem passenden Motiv zusammenzufügen und so den Täter zu überführen. Doch auf der anderen Seite ist Monk von derart vielen Phobien geplagt, dass er selbst ganz normale Alltagssituationen nur mit Hilfe seiner Assistentin überstehen kann.

Der dritte Punkt ist, bei der Auswahl der Schwächen die Sympathien der Leser nicht zu verspielen. Es gibt Schwächen, die Leser Romancharakteren gerne verzeihen. Ob Sie Ihren Protagonisten nun schüchtern machen oder ihn mit irgendwelchen Phobien plagen – so etwas wird kein Leser einem Protagonisten übel nehmen.

Wenn Sie aus Ihrem Protagonisten einen Trinker, einen Spieler, der das Geld seiner Familie verzockt oder einen Kleptomanen machen, sieht die Sache schon etwas anders aus. Je gravierender die Schwäche Ihres Protagonisten ist und je weniger diese sozial anerkannt ist, desto mehr müssen Sie zeigen, wie sehr Ihr Protagonist unter seiner eigenen Schwäche leidet und dagegen ankämpft, um die Sympathien der Leser für Ihren Protagonisten nicht aufs Spiel zu setzen.

Je extremer die Schwächen werden und je mehr bereits die Erwähnung einer solchen Schwäche auf Ablehnung stößt, desto schwerer wird es, so eine Schwäche für einen Protagonisten zu verwenden. Abhängigkeit von harten Drogen, Sadismus, Rassismus oder Aggression gegenüber Schwächeren sind etwas, das dem Leser relativ schwer zu ‚verkaufen‘ ist. Nur ein sehr guter und erfahrener Schriftsteller sollte sich an einen Protagonisten wie Humbert Humbert aus Nabokovs Roman ‚Lolita‘ oder Dexter Morgan aus den Romanen von Jeff Lindsay heranwagen. Aber das ist in der Praxis auch gar nicht nötig.

Die Auswahl der ‚passenden‘ Schwäche für einen Protagonisten ist meist gar nicht so schwer. Überlegen Sie einfach, welche Schwächen Ihren Protagonisten beim Erreichen seines großen Ziels am meisten behindern würden. Welche das sind, hängt sowohl vom Ziel ab als auch von den Hindernissen, die Sie Ihrem Protagonisten auf dem Weg dorthin zwischen die Beine werfen wollen.

Schwächen oder Handicaps – was ist die bessere Wahl?

Glücklicherweise gibt es beim Schreiben keine Entweder-oder-Entscheidung zwischen Schwächen und Handicaps. Schwächen sind wichtig, da sie dem Protagonisten erlauben, zu wachsen und besser zu werden, doch natürlich sollte man es damit nicht übertreiben. Eine oder zwei Schwächen, die der Protagonist im Laufe der Handlung überwinden muss, sind gut – doch wenn der Protagonist im Laufe eines einzigen Romans gleich ein halbes Dutzend Schwächen überwinden soll, ist das definitiv zu viel des Guten. Denn erstens wirkt ein Protagonist mit zu vielen Schwächen auch nicht mehr sympathisch, und zweitens würde die Überwindung derart vieler Schwächen wohl den Rahmen jedes Romans sprengen – jedenfalls, wenn man halbwegs realistisch bleiben will.

Die beste Methode ist daher, zunächst mit den 1-2 Schwächen des Protagonisten zu beginnen, die dieser im Laufe der Romanhandlung überwinden muss, um am Ende den zentralen Konflikt für sich entscheiden zu können. Wenn Sie dann noch mehr Hindernisse brauchen, können Sie passende Handicaps zum Auffüllen verwenden.

Auch Handicaps sollte man nicht willkürlich auswählen, sondern diese nach Möglichkeit auf die Schwächen des Protagonisten abstimmen. Wenn die Schwäche des Protagonisten es ihm zusätzlich erschwert, mit dem Handicap zu leben oder es zu umgehen, bekommen Sie im Sinne einer spannenden Romanhandlung dafür Sonderpunkte. ;-)