In Medias Res: Warum Sie Ihren Protagonisten und Ihren Leser ins kalte Wasser werfen sollten

Als Schriftsteller hat man heutzutage nicht allzu viel Zeit, um in einem Roman den Haken auszuwerfen und den Leser „an Land zu ziehen“. Eine Seite, maximal. Eher weniger.

Wenn ein Leser, der in das Buch hinein blättert und testweise die ersten Absätze liest, nicht spätestens bis zum Ende der ersten Seite am Haken hängt und neugierig ist, wie es weiter geht, ist die Wahrscheinlichkeit recht gering, dass er weiter liest oder gar das Buch kauft.

Das sind schlechte Karten, denn schließlich teilt die klassische Romanstruktur die Handlung eines Romans ja in drei Akte auf: Einleitung, Mittelteil und Ende, wobei der Mittelteil üblicherweise so lang wie Einleitung und Ende zusammen ist.

Auch für den ersten Akt (also das erste Viertel des Romans) gibt es Empfehlungen: Zu Beginn führt man den Protagonisten in seinem bisherigen Alltag ein, der dann ungefähr in der Mitte des ersten Akts durch das „auslösende Ereignis“ aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Während des Rests des ersten Akts versucht der Protagonist, auf die geänderte Situation (auch bekannt als „das Problem“) zu reagieren, was ihn gegen Ende des ersten Akts an den „Punkt ohne Wiederkehr“ bringt – jene Stelle, an der es für ihn kein Zurück mehr gibt und an der er bereits bis zu den Hüften im Abenteuer steckt.

Die meisten Klassiker der Weltliteratur bauen auf diesem Schema auf und führen erst langsam den Protagonisten mit seiner Vorgeschichte ein, bevor sich am Horizont der zentrale Konflikt des Romans abzeichnet. Da gehen schnell mal 10.000 Wörter oder mehr ins Land, bevor es wirklich spannend wird.

Natürlich gibt es auch heute noch literarische Romane, deren Handlung einfach vor sich hin plätschert und die der Leser allein wegen ihres Stils, der Dialoge oder der ungewöhnlichen Charaktere liest, doch die meisten Leser wollen unterhalten werden. Sie wollen Spannung und Konflikt – wenn nicht gar handfeste Action.

Wenn man hier wie anno dazumal Charles Dickens mit einer langatmigen Vorgeschichte und einer akribischen Beschreibung der Lebensumstände aller wichtigen Personen beginnt, hat man die meisten potentiellen Leser schon lange verloren, bevor es wirklich spannend wird.

Das Gegenmittel ist im Prinzip ganz einfach: Starten Sie „in medias res“ – lateinisch für „mitten im Geschehen“. Im Klartext: Bereits die erste Szene Ihres Romans sollte Ihren Protagonisten mitten in einer spannenden oder sogar dramatischen Szene zeigen, die den Leser direkt in die Handlung hinein zieht.

Sie lassen Ihren Protagonisten also nicht langsam ins Wasser waten und sich behutsam akklimatisieren, sondern werfen ihn direkt ins kalte Wasser und setzen mit Ihrer ersten Szene dort an, wo die Wellen über ihm zusammen schlagen.

Bezogen auf die klassische Romanstruktur streichen Sie also die erste Hälfte des ersten Aktes komplett und beginnen entweder mit oder sogar kurz nach dem „auslösenden Ereignis“.

Dafür brauchen Sie allerdings ein wenig Fingerspitzengefühl. Wenn Sie das „mitten im Geschehen“ zu wörtlich nehmen und Ihre erste Szene beispielsweise mitten in einer Verfolgungsjagd oder während des Angriffs der Barbarenhorde auf das friedliche Dorf des Protagonisten beginnen, besteht die Gefahr, dass Sie Ihre Leser überrumpeln und überfordern.

Sie als Autor wissen natürlich genau, was gerade passiert und wer wer ist – doch Ihr Leser muss sich erst einmal einen Überblick über die Situation verschaffen und herauslesen, um wen es hier eigentlich geht und was auf dem Spiel steht.

Sie müssen also in diese spannende Szene immer noch so viele Hintergrundinformationen einfließen lassen, dass der Leser weiß, was Sache ist. Je rasanter und actionlastiger die Szene ist, desto schwieriger gestaltet sich das. Absätzelange Infodumps oder gar Rückblenden sind hier natürlich tabu.

Als Faustformel kann man sagen, dass Sie bei einem Einstieg „in medias res“ dem Leser genau so viele Informationen geben sollten, dass er die Szene verstehen kann – und kein bisschen mehr. Manche Dinge brauchen Sie nicht explizit zu erwähnen, da der Leser sie sich anhand der Bröckchen, die Sie ihm hinwerfen, zusammenreimen kann. Sie sollten allerdings achtgeben, dass das sich daraus ergebende Bild dennoch so eindeutig ist, dass der Leser die Puzzlestücke nicht völlig falsch interpretiert und sich eine ganz andere Handlung zusammenreimt.

Wenn beim Leser einige Fragen offen bleiben (die ihn aber nicht daran hindern, die Handlung weiter zu verfolgen), ist das sogar gut. Offene Fragen, Rätsel und Geheimnisse sorgen dafür, dass der Leser weiter liest. Schließlich will er nicht nur erfahren, wie es weiter geht, sondern er will auch Antworten auf seine offenen Fragen. Und die können Sie ihm nach und nach in mundgerechten Häppchen servieren – spätestens dann, wenn er diese Information braucht, um die aktuelle Szene oder die Handlungen und Entscheidungen der Charaktere zu verstehen.

Bei einem Romananfang „in medias res“ haben Sie hauptsächlich zwei Handicaps. Zunächst einmal besteht die Gefahr, dass sich der Leser ein paar Seiten braucht, um sich nach und nach zusammenzureimen, wer alles in der Szene vorkommt, in welcher Beziehung diese Charaktere zueinander stehen und worum es hier eigentlich geht.

Wenn der Einstieg zu unübersichtlich und verwirrend ist, nützt auch die spannendste und dramatischste Handlung nichts. Wenn der Leser nicht gespannt und neugierig, sondern völlig verwirrt ist, wird er kaum weiter lesen, sondern das Buch frustriert und genervt zur Seite legen. Und das ist natürlich das Letzte, was man als Autor will.

Doch selbst wenn Sie Ihre spannende und dramatische Einstiegsszene noch so gekonnt strukturieren, haben Sie immer noch ein weiteres Problem: Der Leser kennt Ihren Protagonisten noch nicht und tut sich daher naturgemäß eher schwer damit, bereits von der ersten Seite an mitzufiebern und ihm begeistert die Daumen zu drücken.

Diese Einführung des Protagonisten, die zu einer Identifikation des Lesers mit ihm führen soll, ist normalerweise die Aufgabe der ersten Hälfte des ersten Akts – und auf die müssen wir ja verzichten, wenn wir direkt „mitten im Geschehen“ beginnen wollen.

Was also tun, wenn Sie feststellen, dass Sie Ihre Leser mit einem zu rasanten Einstieg überfordern und sie damit schon auf den ersten Seiten zu verlieren drohen?

In diesem Fall schalten Sie einen Gang zurück – genauer gesagt, eine Szene. Beginnen Sie kurz vor dem Punkt, an dem es so richtig rasant und damit für Außenstehende unübersichtlich wird.

Statt mitten in der Verfolgungsjagd zwischen Polizei und Gangstern durch den dichten Großstadtverkehr zu beginnen, starten Sie mit den beiden Polizisten, die per Funkspruch zum Ort des Banküberfalls gerufen werden. Die Fahrt zum Bankgebäude gibt Ihnen genügend Gelegenheit, die beiden Polizisten genauer einzuführen und dem Leser zu zeigen, was für sie auf dem Spiel steht.

Optimal ist, wenn Sie den Protagonisten eine verhängnisvolle Entscheidung fällen lassen, die für den Leser glaubwürdig und unvermeidbar wirkt, aber die Handlung in ihrer späteren Form erst so richtig in Gang bringt.

Im Fall der beiden Polizisten, die zum Ort des Banküberfalls gerufen werden, könnte das so aussehen: Die Polizisten wissen, dass ihr Streifenwagen der einzige in der Nähe der Bank ist und dass sie wohl mehrere Minuten vor den anderen Wagen dort eintreffen werden. Der erfahrene, besonnene Partner des Protagonisten gibt zu bedenken, dass sie vielleicht doch besser auf Verstärkung warten sollten, bevor sie sich den bewaffneten und vermutlich zahlenmäßig überlegenen Bankräubern in den Weg stellen. Doch dem Protagonisten ist bereits bei dem Funkspruch ein eisiger Schauer über den Rücken gelaufen – denn er weiß genau, dass seine Frau heute mit seinem kleinen Sohn zu genau dieser Bank wollte, um dort ein Sparbuch für den Jungen einzurichten. Er weiß zwar nicht, ob seine Familie sich tatsächlich als Geiseln in der Gewalt der Bankräuber befindet, aber er weiß genau, dass er es sich niemals verzeihen kann, wenn er durch sein Zögern das Leben seiner Familie gefährdet.

Wenn Sie jetzt die beiden Polizisten genau zu dem Zeitpunkt die Bank erreichen lassen, zu dem die bewaffneten Bankräuber mit mehreren Geiseln die Bank verlassen und in einem Transporter fliehen, ist dem Leser klar, was auf dem Spiel steht.

Der Protagonist konnte einen flüchtigen Blick auf die Geiseln werfen, bevor diese in den Transporter getrieben wurden und die Bankräuber mit quietschenden Reifen davon rasten und glaubt, seine Familie unter ihnen erkannt zu haben.

Er kann die Gangster keinesfalls entkommen lassen, da er befürchten muss, dass sie ihre Geiseln kaltblütig erschießen, sobald sie in Sicherheit sind – schließlich werden sie keine Zeugen am Leben lassen, die sie später bei einer Gegenüberstellung identifizieren könnten. Aber er weiß auch, dass er nicht einfach das Feuer auf den Wagen mit den flüchtenden Gangstern eröffnen kann, ohne damit zugleich das Leben der Geiseln zu gefährden.

Sie sehen, was dieser kleine Schritt zurück für Ihre Handlung tut: Auf einmal sind es für den Leser nicht mehr zwei namenlose Polizisten, die ein paar ebenso namen- und gesichtslose Bankräuber durch das Straßengewühl verfolgen, sondern jetzt fiebert er mit einem Vater mit, der seine Frau und seinen Sohn aus den Händen eiskalter Verbrecher befreien will.

Probieren Sie diese Technik selbst einmal aus, wenn Sie eine Romanhandlung haben, die sich zu langsam anlässt und auf den ersten Seiten Probleme hat, so richtig in Schwung zu kommen. Vielleicht ist ein Start „in medias res“ in diesem Fall genau der richtige Ansatz.



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