Kennen Sie die “Minus-Seiten” in Ihrem Roman?

Sicher kennen auch Sie Romane, die zumindest anfangs einfach nicht in die Gänge kommen. Sie verschwenden die ersten Kapitel damit, das alltägliche Leben des Protagonisten vor dem Eintritt der dramatischen Ereignisse der Romanhandlung zu schildern. Bis die Handlung erst einmal so weit in Schwung gekommen ist, dass sie einen wirklich mitreißt und man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann, haben diese Autoren auf den ersten Seiten bereits viele Leser verloren, die während der gemächlichen Anfangsphase doch noch ausgestiegen sind und das Buch niemals zu Ende lesen.

Das Problem dieser Autoren ist, dass sie nie gelernt haben, sich von ihren “Minus-Seiten” zu trennen.

Die amerikanische Autorin Barbara Kingsolver sagte einmal: “Einen Roman zu beginnen ist immer schwer. Man hat das Gefühl, nach nirgendwo unterwegs zu sein. Ich muss immer mindestens 100 Seiten schreiben, die am Ende im Papierkorb landen, bis es endlich funktioniert. Es ist entmutigend aber notwendig, diese Seiten zu schreiben. Ich versuche, sie als die Seiten –100 bis 0 des Romans zu betrachten.”

Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder planen Sie Ihre Handlung exakt durch, bevor Sie auch nur “Kapitel 1” über die erste Seite schreiben (und steigen konsequent erst an jener Stelle in die Handlung ein, an der die wirklich dramatischen Ereignisse einsetzen) oder Sie finden sich damit ab, dass Sie Ihre Minus-Seiten schreiben müssen.

Wenn Sie zu jenen Autoren gehören, die ihre Romane nicht im Voraus planen, sondern gerne wie ein Spurenleser der sich entwickelnden Handlung folgen und letzten Endes oft selbst überrascht sind, in welche Richtung sich alles entwickelt, gibt es kaum einen Weg daran vorbei. Betrachten Sie diese Seiten als Fingerübungen, genau wie ein Maler erst Dutzende von Blättern mit groben Skizzen und Entwürfen füllt, bevor er wirklich seine Ölfarben anmischt und sich an die Staffelei stellt.

Betrachten Sie es als etwas, das einfach zur Entstehung eines Romans dazu gehört – aber keinesfalls als etwas, das auch in den fertigen Roman hinein gehört. Als Koch würden Sie Ihren Gästen zum Essen ja auch nicht als Beilage ein Schälchen der Marinade servieren, die Sie für die Zubereitung der Steaks benötigt hatten – egal, wie viel Mühe Sie sich mit dem Würzen der Marinade gegeben haben.

Verlieben Sie sich niemals in Ihre “Minus-Seiten”, sondern kürzen Sie sie gnadenlos heraus, bevor Sie das Manuskript auch nur einem ersten Testleser in die Hand geben. Wenn Ihre Minus-Seiten tatsächlich wichtige Informationen enthielten, die der Leser zum Verständnis der Handlung benötigt, können Sie diese in Form von kurzen Rückblenden, Erinnerungen oder Erwähnungen scheibchenweise an verschiedenen anderen Stellen unauffällig in die Handlung einfließen lassen.

Achten Sie unbedingt darauf, dass Ihr fertiger Roman erst mit jener Szene beginnt, ab der der Leser durch die dramatischen Ereignisse und die sich daraus ergebenden spannenden Fragen tief in die Handlung hinein gezogen wird und Ihr Buch bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen will. Denn wenn Sie das schaffen, hat sich das Schreiben Ihrer “Minus-Seiten” letzten Endes doch noch gelohnt.


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5 Gedanken zu „Kennen Sie die “Minus-Seiten” in Ihrem Roman?

  1. Manchmal braucht man Menschen, die einem das Offensichtliche erklären. :) Danke dafür.
    Der Artikel nimmt mir gerade meine Bedenken. Seit einer Weile wollte ich mal wieder einen Roman ohne Plot schreiben, wusste aber auch nicht, wo anfangen. Da das aber scheinbar eh egal ist, hat sich das Problem gerade verflüchtigt.

    Hinzufügen wollte ich auch, dass es einem auch beim Plotten ereilen kann, nicht den richtigen Zeitpunkt für den Einstieg abzupassen. Zumindest habe ich so ein Dauerprojekt, bei dem mir diese Erkenntnis auch irgendwann kam, wohl besser später einzusteigen. Weiß nicht, ob das anderen Plottern auch schon so ergangen ist?

    • Bei der Planung für einen Roman gilt das alte Zitat von General Eisenhower, der bezogen auf die Landung in der Normandie sagte: “Der Plan erwies sich als nutzlos, aber die Planung war unverzichtbar.”
      Egal wie gut die eigene Vorplanung war – es kann immer sein, dass man im Verlauf des Schreibens feststellt, dass es doch noch eine bessere Stelle für den Einstieg in die Handlung gegeben hätte. Aber ohne diese Vorplanung hätte man mit Sicherheit einen noch deutlich schlechteren Einstiegspunkt gefunden und müsste bei der Revision noch größere Passagen streichen oder überarbeiten. Insofern hat sich die Planung unterm Strich dennoch gelohnt…

  2. “Verlieben Sie sich niemals in Ihre “Minus-Seiten” … Ertappt. Bei jedem meiner Romane ist mir das passiert und ich gestehe, nicht immer habe ich mich radikal von ihnen getrennt. Danke für den Finger in “meiner Wunde”

  3. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man selbst beim exakten Planen immer noch seine Minus-Seiten haben wird. Doch ist deren Anzahl wesentlich geringer als beim Schreiben ohne Plan. In Abhängigkeit davon, in welchem Stadium man sich gerade befindet (sind erst nur die Titel einer Szene vorhanden, bereits ihre Zusammenfassung oder schon die Beats) sind das wenige Zeilen, Paragraphen oder Seiten pro verworfene Szene. Außerdem macht es geradezu Spaß, diese Szenen rauszuwerfen, da man sofort sieht, wie viel mehr man für die Tonne sonst geschrieben hätte.
    Mag sein, dass ich mit der Einstellung zum Töten meiner Lieblinge eher in der Minderheit bin ;)

    • Ganz meine Meinung. Solange sich eine Szene noch auf ein grobes Planungsgerüst beschränkt, kann man sie leicht und ohne Bedauern komplett rauswerfen oder ggf. durch etwas Besseres ersetzen. Selbst bei einer hastig heruntergeschriebenen Rohfassung ist das Bedauern deutlich größer – geschweige denn bei einer bereits komplett überarbeiteten und auf Hochglanz polierten Szene.

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