Müssen Protagonisten sympathisch sein?

„Protagonisten müssen sympathisch sein, damit der Leser bereit ist, sich mit ihnen zu identifizieren, während der Antagonist (also sein Gegenspieler) möglichst unsympathisch dargestellt werden sollte – also jemand, bei dem der Leser es liebt, ihn zu hassen.“ Diesen Tipp dürfte so ziemlich jeder Schriftsteller in dieser oder ähnlicher Form schon einmal gelesen haben. Doch ist das wirklich so?

Das unbedingte Bestreben, den Protagonisten um jeden Preis sympathisch wirken zu lassen, führt in vielen Fällen zu unnatürlich gut aussehenden, adrett gekleideten, stets freundlich lächelnden Charakteren, die so verdammt perfekt sind, dass sie wie eher wie Roboter aus „Die Frauen von Stepford“ wirken.

Okay, Sarkasmus aus. Aber ganz im Ernst: beim Bemühen, den Protagonisten „sympathisch“ wirken zu lassen, kann man schnell übers Ziel hinaus schießen.

Die Sympathie des Lesers muss sich der Protagonist erst verdienen. Und dazu gehört mehr als ein nettes Äußeres.

Unabhängig davon ist es allerdings eine Tatsache, dass Sympathie überbewertet wird – jedenfalls, wenn es um Protagonisten von Romanen geht. Damit wir dem Protagonisten die Daumen drücken, muss er uns nicht zwangsläufig sympathisch sein – auch wenn ein wenig Sympathie natürlich niemals schaden kann.

Standardmäßig hat die Figur, die wir dem Leser als Protagonisten vorstellen, allein dadurch schon einen kräftigen Startbonus. Das ist auch der Grund, warum man seinen Protagonisten nach Möglichkeit bereits in der ersten Szene seines Romans einführen sollte. Der Leser muss wissen, wer die Hauptfigur des Romans ist, der er die Daumen drücken soll. Wenn er dies noch nicht (z.B. vom Klappentext bzw. der Buchbeschreibung her) weiß und Sie Ihren Roman beispielsweise mit einer Nebenfigur in einem Prolog eröffnen, besteht die Gefahr, dass Ihr Leser diesen Startbonus auf die falsche Figur setzt – ein Fehler, den man als Schriftsteller nur schwer wiedergutmachen kann.

Nein, um den Leser auf die Seite Ihres Protagonisten zu bringen und dafür zu sorgen, dass er ihm während der nächsten paar hundert Seiten die Daumen drückt, gibt es bessere Techniken als den Versuch, einen Vorzeige-Protagonisten zu entwerfen, der so perfekt ist, dass ihn einfach jeder mögen muss. Und diese Techniken kann man in der Praxis wunderbar miteinander kombinieren, um einen noch größeren Effekt zu erzielen.

Das hehre Ziel

Die erste (und wirkungsvollste) Technik ist, dass Sie Ihrem Protagonisten ein Ziel geben, von dem der Leser hofft, dass er es erreichen wird. Bonuspunkte gibt es, wenn dieses Ziel nicht in erster Linie zum Nutzen des Protagonisten selbst ist, sondern „größer als er selbst“ ist.

Wenn Ihr Protagonist eine Million Dollar verdienen will, bedeutet das noch lange nicht, dass der Leser ihm dafür die Daumen drückt. Alles kommt darauf an, warum er das möchte. Wenn er das Geld für kühle Drinks und heiße Partys ausgeben will, bringt ihm das nicht unbedingt Sympathiepunkte ein. Will er mit dem Geld hingegen die Operation seiner kranken Mutter finanzieren oder ein von der Schließung bedrohtes Waisenhaus retten (um mal verdammt tief in die Klischee-Kiste zu greifen), sieht die Sache schon ganz anders aus.

Je mehr der Leser das eigentliche Ziel, also die Motivation des Protagonisten, gutheißt und unterstützt, desto nebensächlicher wird es, den Protagonisten im klassischen Sinne „sympathisch“ darzustellen.

Nehmen wir beispielsweise einen Mann, der bei einem mit seinen Komplizen verübten Bankraub durch einen Querschläger den Tod eines Wachmanns verschuldet hat. Als er vor seinen Komplizen aus dem Gefängnis kommt, will er die von der Polizei niemals gefundene Beute bergen, um mit dem Geld der Familie des getöteten Wachmanns zu helfen. Da die Frau trotz ihrer schwierigen Lage niemals die Hilfe des Mannes annehmen würde, der ihren Mann auf dem Gewissen hat, nimmt er eine falsche Identität an. Als seine früheren Komplizen aus dem Gefängnis entkommen, gerät nicht nur er, sondern auch die Familie des toten Wachmanns in tödliche Gefahr.

Obwohl in diesem Beispiel der Protagonist ein Verbrecher ist, der sich auch nach seiner Gefängnisstrafe nicht ans Gesetz hält, wird der Leser ihm die Daumen drücken – einem typischen „Antihelden“.

Der Underdog

Die zweite Technik ist, dass Sie Ihren Protagonisten zu einem Außenseiter machen. Sorgen Sie dafür, dass er nicht auf der Sonnenseite des Lebens steht, sondern sich in einer ziemlich perspektivlosen Situation befindet.

Er ist derjenige, dem niemand etwas zutraut oder der von anderen ausgegrenzt wird. Machen Sie ihm das Leben durch Vorurteile und Ungerechtigkeiten schwer. Je weniger er selbst für seine Situation und die ungerechten Ereignisse kann, desto mehr bringt dies die Leser auf seine Seite.

Geben Sie ihm Gegner und Feinde, die ihm unverdienterweise das Leben schwer machen. Gegner, die am längeren Hebel sitzen und es lieben, ihre Macht auszuspielen. Feinde, die ihm aufgrund von Vorurteilen oder zur Stärkung ihrer eigenen Situation das Leben schwer machen.

Und natürlich sorgen Sie dafür, dass Ihr Protagonist sich trotz dieser Ereignisse nicht unterkriegen lässt, sondern versucht, trotz aller Schwierigkeiten das Beste aus seiner Situation zu machen bzw. diese zu verbessern.

Leser halten gern zum Schwächeren – besonders dann, wenn er ungerecht und unfair behandelt wird. Wir drücken nicht dem hünenhaften und schwer gepanzerten Goliath die Daumen, sondern dem scheinbar unterlegenen David mit seiner lächerlichen kleinen Steinschleuder.

Hilfsbereitschaft

Die dritte Technik ist, dass Sie Ihren Protagonisten hilfsbereit machen. Das geht in eine ähnliche Richtung wie das „hehre Ziel“, ist aber nicht dasselbe. Hier geht es darum, dass Ihr Protagonist anderen hilft, denen es (noch) schlechter als ihm selbst geht.

Viele Menschen helfen anderen nur, weil sie in der einen oder anderen Form eine Gegenleistung oder Kompensation erwarten. Sie helfen anderen, damit diese in ihrer Schuld stehen und sich später dafür revanchieren können – ganz nach dem Motto „eine Hand wäscht die andere“.

Lassen Sie Ihren Protagonist darum uneigennützig helfen, also Leuten, von denen er niemals erwarten würde, dass diese irgendwann in der Lage sein könnten, sich für den erwiesenen Gefallen zu revanchieren.

Hierunter fallen die sogenannten „Save the cat“-Szenen, wie sie gerne von Drehbuchautoren bezeichnet werden: Der Protagonist rettet beispielsweise eine hilflose Katze vom Baum oder vor einem aggressiven Hund und zeigt damit, dass er ein netter Kerl ist, der für andere da ist. Auch andere gute Taten wie jemand, der einen durchgefrorenen Obdachlosen zu einem Mittagessen ins Restaurant einlädt und ihm bessere Schuhe und einen dicken Mantel kauft, fallen in diese Kategorie.

Die Wirkung solcher Szenen lässt sich noch deutlich steigern, wenn Ihr Protagonist mit seiner Hilfsbereitschaft ein echtes Opfer bringt oder ein persönliches Risiko eingeht:

Wenn Ihr Protagonist dem Obdachlosen wie Sankt Martin seinen eigenen Mantel überlässt, weil dieser ihn dringender braucht, hat das eine weit größere Wirkung, als wenn er mit seiner Platin-Kreditkarte ins nächste Geschäft geht und dort einen Mantel für den Obdachlosen kauft.

Wenn Ihr Protagonist einer jungen Frau gegen ein paar aggressiv pöbelnde Jugendliche hilft, ist das wesentlich wirkungsvoller, wenn er dazwischen geht, obwohl die Rowdys ihm körperlich überlegen sind, als wenn er (um nochmal ganz tief in die Klischee-Kiste zu greifen) über einen schwarzen Gürtel in Karate und/oder jahrelange Kampferfahrung als Elite-Soldat verfügt.

Diese Technik lässt sich wunderbar mit der „Underdog-Technik“ kombinieren: Obwohl Ihr Protagonist in einer Situation ist, in der er selbst genug Sorgen und Probleme hat, hilft er dennoch uneigennützig anderen, denen es noch schlechter als ihm selbst geht.

Diese Hilfsbereitschaft Ihres Protagonisten können Sie natürlich auch für einen netten Plot-Twist verwenden, indem gerade die Person, der Ihr Protagonist anfangs ganz uneigennützig geholfen hat, sich gegen Ende in einer entscheidenden Situation völlig unerwartet revanchieren kann. Damit schließt sich dann der Kreis und gibt der Szene vom Anfang rückblickend noch eine ganz andere Bedeutung als nur die, Ihren Protagonisten sympathisch rüberkommen zu lassen.