Patchwork-Tutorial: Die Timeline II

Gastartikel von Martin Danesch

PatchworkDie Timeline + Clips = organisches Plotten

Vor der Lektüre dieses Tutorials empfehle ich, sich das erste Timeline-Tutorial einzuverleiben, weil dieses hier Kenntnisse von der Timeline voraussetzt. In dem ersten haben wir erfahren, wie wir eine Timeline anlegen, den Zeitrahmen des gesamten Projekts festlegen, den Szenen ihre eigenen Zeitabschnitte zuweisen, was die Symbole bei den Szenenzellen bedeuten und wie man mit dem Datumspflücker effizient Daten ändert.

Nun soll es um ein wichtiges weiteres Instrument der Timeline gehen, eine große Hilfestellung für das Herstellen eines plastischen Gerüsts zu einem Projekt.

Vermutlich haben Sie zum Thema Timeline bisher allgemein, beziehungsweise aus dem Tutorial ›Timeline I‹, erfahren, dass man Szenen ein Datum und eine Zeit verpassen kann, wodurch diese dann in einer Zeit-Erzählstrang-Matrix dargestellt werden. Man erhält somit eine Übersicht zur zeitlichen Abfolge, sowie eine Gegenüberstellung der Aktionen in den einzelnen Erzählsträngen. Diese Zeitzuordnung geschieht üblicherweise während der Entstehung bis zur Fertigstellung der Geschichte und hat Kontrollfunktion, dient gewöhnlich weniger dem Entwurf.

Bei Patchwork lässt sich die Timeline aber bereits zum Plotten einsetzen, also bevor ein einziges Wort des eigentlichen Texts geschrieben wurde. Man kann so ein Werk bereits im abstrakten Planungsstadium mehrdimensional vor sich sehen.

Screenshot PatchworkErinnern wir uns an einen idealen Entwurfsablauf einer Geschichte mit Patchwork und komplettieren wir ihn nun um den Zeitaspekt:

Wir beginnen ganz vorne bei der Ideensammlung. Um unseren zentralen Begriff (in der Mitte) gruppieren zuerst die einzelnen Akte der Geschichte – drei, fünf oder mehr, je nach Umfang, Thematik und Komplexität. Um diese Planeten, die um das zentrale Thema kreisen, ordnen wir anschließend die Assoziationen an. Das geschieht im Clustering (Brainstorming) (1) und der Kreativmatrix (Auswertung der generierten Ideenpaare), wozu es auch ein eigenes Tutorial gibt.

Aus den so entstandenen Bildern lassen wir uns das Kreativboard bestücken (2), auf dem nun die einzelnen Geschichtenhäppchen auf Weiterverarbeitung warten. Hier wird nach Herzenslust ergänzt, erweitert, gelöscht, verschoben. Figuren gesellen sich dazu, ebenso Schauplätze und wichtige Objekte. Für diesen Prozess sollte man sich ausreichend Zeit lassen.

Nun lernen Sie etwas Neues kennen: Bereits hier kann ein weiteres Instrument ins Spiel kommen, der sogenannte ›Clip‹. Dabei handelt es sich um eine Art dritter Dimension zu den zwei bekannten: ›Szene‹ und ›Zeit‹.

Einen Clip können wir als Klammer betrachten, die  wir an unsere Szenen klemmen. Nehmen wir an, in unserer Geschichte ginge es unter anderem um ein geheimnisvolles Buch. Dieses Buch wird in einer Szene erstmals erwähnt, wird in einer anderen gesucht, wieder wo anders gefunden, geht verloren, wird wiedergefunden, gestohlen und so weiter. An jede Szene, in der etwas zum Buch geschieht, klemmen wir einen solchen Clip und schreiben darauf, was damit passiert. Weil wir jedoch nicht nur das Thema ›Buch‹ in unserer Geschichte haben, wird es eine ganze Menge Clips geben, die Personen repräsentieren, sich wiederholende Rituale, Orte, Gegenstände, ja sogar das Wetter, wenn es eine besondere Rolle spielt.

Wir haben also eine Anzahl verschiedener Clip-Themen, die wir verfolgen wollen: das Buch, Mister X, ein Voodoo-Ritual und so weiter. Weiter hinten werden Sie sehen, wie wir jedem dieser Themen eine unterschiedliche Farbe zuweisen, die sie uns auseinanderhalten lässt.

Nun zurück zum Kreativboard (2): Bereits hier können wir die Clips in den Text einflechten, denn wir wissen ja, wann der Leser von dem Buch erfährt und wann dazu die weiteren Ereignisse stattfinden.

Das Einfügen eines Clips in den Text erledigen wir, indem wir es irgendwo im Text innerhalb einer geschweiften Klammer notieren. Hier die Syntax dazu: {Buch: erstmals erwähnt}. Dabei spielt die Form eine Rolle: Thema – Doppelpunkt – Ereignis.

Der Text eines Elements im Kreativboard, in dem sich ja auch der Clip aufhält, wird beim Erstellen von Szenen an diese weitergereicht. Wenn wir also aus dem Kreativboard Szenen generieren lassen, finden wir bei ihnen im Pitch, dem Szeneninhalt, diesen Text wieder vor – mitsamt den darin eingestreuten Clips. Ab diesem Zeitpunkt werden der Szenenpitch und der Text im Element des Kreativboards beim Bearbeiten wechselseitig synchronisiert, es kann daher der Clip an beiden Orten bearbeitet (dazuerfasst, geändert, gelöscht) werden.

Zum Tragen kommen die Clips dann in der Timeline (4). Dort werden sie rechts an die Szenen angehängt (5).

In der Timeline weisen wir den Szenen, die zu Beginn noch alle am Startdatum hängen, ihre Zeitfenster zu und verlinken sie mit dem passenden Erzählstrang, woraus sich die klassische Timeline ergibt. Treu wandern die Clips mit ihrer Szene in jede Zeit mit, wohin Sie sie beordern.  Im Gegensatz zu Volltextprogrammen (wie Word, OpenOffice, LibreOffice, Papyrus, Textmaker) kann man sehr elegant mit Szenen arbeiten, ohne dass sie noch ein einziges Wort Text enthalten müssen. Und: Später, wenn wir dann schreiben, bleibt der Pitch erhalten und wir können kontrollieren und regulieren. Das ermöglicht uns, auf abstrakter Ebene ein detailliertes Projektgerüst zu bauen und es erst danach mit Fleisch zu füllen. Aber auch später liefern uns Timeline und Clips eine perfekte Übersicht.

Screenshot PatchworkHier sehen Sie die Zusammenhänge mit Bildausschnitten aus den betreffenden Programmbereichen:

Optional entwerfen wir unsere Geschichte im Kreativboard (1), aus dem wir automatisch Szenen generieren lassen können. Natürlich kann man auch direkt bei den Szenen beginnen; das Kreativboard ist aber flexibler, außerdem kann man dort auch Figuren, Schauplätze und Objekte einbeziehen, sowie derer aller Beziehungen visualisieren.

In der Kapitelübersicht verschieben wir sie dann beliebig, dem Ablauf angepasst. Zu jeder Szene gehört (rechts oben im Schreibfenster) der sogenannte Pitch (2), also eine straffe Zusammenfassung des Szeneninhalts. Dort taucht der Text aus dem Kreativboard-Element wieder auf. Wir können ihn hier ebenfalls bearbeiten. Beim Aufbau der Timeline pickt Patchwork die Clips heraus und klammert sie rechts an die jeweilige Szene (3), was im Detail so aussieht (4). Es können pro Szene auch mehrere Clips eingefügt werden (aber immer nur im Pitch-Text, nicht im eigentlichen Szenentext).

Wie wir dieser Grafik entnehmen können, gibt es drei Orte, an denen wir Clips bearbeiten können: im Kreativboard-Element (1), im Pitch der Szene (2) und im Datumspflücker in der Timeline (5), den wir schon aus dem ersten Timeline-Tutorial kennen. Ein Clipthema springt durch seine Farbgebung sofort ins Auge: Mamma im Demoprojekt zum Beispiel in Rot. Sehen wir uns an, wie die Clipthemen zu ihrer individuellen Farbe kommen.

Rechts oben in der Timeline-Werkzeugleiste finden wir eine Schaltfläche mit einem runden Farbsymbol (1). Ein Klick darauf öffnet das Fenster für die Farbzuweisung (2). Die Themen, die wir hier antreffen, wurden automatisch aus den Clips gebildet. Würde man sich dort einmal bei der Themenbezeichnung vertippen, gäbe es hier beim nächsten Aufruf zwei Themeneinträge, etwa ›Mamma‹ und ›Mama‹.

Screenshot PatchworkBei erstmaligem Betreten des Fensters waren alle vier Clipthemen (3) weiß wie hier Olga. Mit einem Doppelklick auf ein Thema öffnen wir die Farbtabelle (6). Dort stehen zwei Farbpaletten zur Verfügung. Die Standardpalette (7) und die Patchwork-Empfehlung (8), die auf Clips abgestimmt ist; die sollten nicht zu hell sein, um sich von den Pastellfarben der Timeline abzuheben.

Mit der Leertaste auf ein Clipthema lässt es sich deaktivieren – der Haken verschwindet (4); es werden in der Folge in der Timeline alle Clips zu diesem Thema nicht mehr angezeigt. Mit der Checkbox alle (5) können sämtliche Clipthemen aktiviert oder deaktiviert werden. Beide Funktionen kombiniert erlauben es schnell, nur ein bestimmtes Thema in der Timeline verfolgen zu können: alle wegschalten und ein bestimmtes wieder anzeigen lassen.

Da es möglich ist, bei einer Szene mehrere Clips einzutragen, kann es zu Bündeln kommen wie hier (9). Die Pfeile links dokumentieren die Zugehörigkeit. Liegen Szenen nahe beisammen, kann dadurch ein Clip oder eine benachbarte Szenenbezeichnung verdeckt werden. Um trotzdem nachlesen zu können, was dort steht, kann man Clips mit der Maus beiseiteziehen. Lässt man sie los, schnappen sie wieder an ihren angestammten Platz zurück.

Clips sind ein Missing Link zur professionellen Storyplanung. Sie erlauben Ihnen bereits auf der abstrakten Ebene des Konzipierens eine umfassende Sicht auf Ihr zukünftiges Werk: die Bausteine des Inhalts (Szenen), deren zeitliches Zusammenspiel (Timeline mit Erzählsträngen) und nun auch das Erscheinen wichtiger Figuren, Schauplätze, Gegenstände und Zustände durch die Clips.

Es lohnt sich, in diese Materie einzusteigen – ganz abgesehen davon, dass es Spaß macht!

Link zum Video

Martin Danesch


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Ein Gedanke zu „Patchwork-Tutorial: Die Timeline II

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