Perfekt gezögert – oder: Wie falscher Perfektionismus Sie am Schreiben hindern kann

Perfektionismus ist eine der größten Gefahren für Schriftsteller. Nichts gegen einen hohen Anspruch an die eigenen Manuskripte und Texte, aber Perfektion kann und wird es niemals geben – und allein der Anspruch, „perfekte“ Texte abzuliefern, sorgt dafür, dass man niemals damit fertig wird.

Es gibt immer einen Punkt, an dem unser Text „gut genug“ ist und an dem wir ihn nur noch anders, aber nicht mehr besser machen können. Zumindest nicht mit den Kenntnissen und Fertigkeiten, die wir heute besitzen.

Doch Perfektionismus kann sogar dazu führen, dass wir gar nicht erst mit dem Schreiben anfangen.

Wir warten darauf, dass alles perfekt ist, um mit dem Schreiben zu beginnen.

  • Wir warten mit dem Schreiben unseres Romans, bis unsere Planung für die Handlung absolut lückenlos ist, das Worldbuilding bis ins letzte Detail ausgefeilt ist und wir jede auch nur halbwegs interessante Nebenfigur mindestens ebenso gut kennen wie einen guten Freund oder nahen Verwandten.
  • Wir warten mit unserem Sachbuch, bis wir alles recherchiert haben, was wir jemals beim Schreiben an Informationen brauchen könnten.
  • Wir warten mit dem Schreiben, bis wir viel Zeit am Stück haben. Ungestörte Zeit in einer perfekten, ruhigen und inspirierenden Umgebung.

Diese Form des Perfektionismus ist nichts anderes als Aufschieberitis, fehlender Mut zur Lücke. Setzen Sie sich ein Zeitlimit für die Planung und Vorbereitung jenes Buchs, das Sie schon seit Monaten oder Jahren vor sich her schieben – eine feste Deadline. Noch einen Monat, dann legen Sie los. Es ist wie beim Verstecken: „Fertig oder nicht – ich komme!“

Paretos Regel hilft Ihnen, den Sprung ins kalte Wasser unbeschadet zu überstehen: 80% der Ergebnisse lassen sich in 20% jener Zeit erzielen, die wir für „fast perfekte“ Ergebnisse brauchen würden. Fangen Sie mit der groben Struktur an und verfeinern Sie diese Schritt für Schritt immer weiter, solange Sie noch Zeit übrig haben. Und wenn die Zeit um ist, beginnen Sie einfach mit dem Schreiben. Auch wenn Sie vielleicht nicht jedes Detail aus der tausendjährigen Geschichte Ihrer fiktionalen Welt kennen. Auch wenn Sie noch nicht der weltweit größte Experte für das Thema Ihres Sachbuchs sind. Es spielt keine Rolle. Auch hier gilt: Gut genug ist gut genug – Perfektion ist ein rein theoretisches Ideal, das es in der Praxis niemals geben kann. Also legen Sie einfach los.

Dasselbe gilt für Ihre Arbeitsbedingungen und Ihre Umwelt. Sie werden vermutlich nur äußerst selten viel ungestörte Zeit am Stück in einer perfekten Schreibumgebung haben. Wenn Sie nur auf diese seltenen Augenblicke warten (und diese dann womöglich noch verstreichen lassen, da Sie sich gerade nicht „inspiriert“ fühlen), werden Sie im Laufe Ihres Lebens vermutlich herzlich wenig zum Schreiben kommen.

Ich kenne eine Autorin, die sich immer wieder aufs Neue vornimmt, abends von sechs bis acht Uhr zu schreiben. Doch in den meisten Fällen kommt ihr etwas dazwischen. Entweder kommt sie später als geplant nach Hause oder muss erst noch ein wichtiges Telefonat führen, eine Mail beantworten oder sonst etwas klären. Ehe sie sich versieht, ist es kurz vor sieben und die Hälfte der Zeit, die sie eigentlich zum Schreiben eingeplant hatten, ist verstrichen. Man kann darüber streiten, ob diese Dinge vielleicht noch Zeit bis später gehabt hätten – aber der kristische Punkt kommt erst: Denn häufig ist es so, dass sie das Schreiben für diesen Tag gleich ganz lässt – frei nach dem Motto „Heute schaffe ich ohnehin keine zwei Stunden mehr wie geplant, also mache ich das morgen.“

Begehen Sie nicht denselben Fehler. Auch wenn Sie heute vielleicht weniger Zeit zum Schreiben haben, als Sie geplant hatten, ist das dennoch immer noch besser als nichts. Selbst zehn Minuten sind besser als nichts – auch wenn zwei Stunden natürlich schöner wären.

Fangen Sie einfach an und machen Sie sich das Gesetz der Eigendynamik zu Nutze. Genau wie die natürliche Trägheit (also der innere Schweinehund) einen in Versuchung führt, gar nicht erst anzufangen und es auf ein andermal zu verschieben, sorgt die Eigendynamik dafür, dass wir dran bleiben, wenn wir erst einmal mit einer Sache begonnen haben.

Niemand weiß, was morgen sein wird und was uns morgen dazwischen kommen wird. Es wird fast immer etwas geben, das dafür sorgt, dass alles in der Praxis nicht so perfekt kommt, wie wir das geplant und erhofft haben.

Geben wir uns daher mit dem zufrieden, was wir haben – auch wenn es keine perfekten Startbedingungen sind. Lieber hundertmal eine halbe Stunde schreiben als ein halbes Dutzend Mal vier Stunden am Stück. Unterm Strich hat man so immer noch mehr als das Doppelte geschafft und sorgt zugleich dafür, dass der kreative Motor ständig in Bewegung bleibt.

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4 Gedanken zu “Perfekt gezögert – oder: Wie falscher Perfektionismus Sie am Schreiben hindern kann

  1. Oh ja, wie wahr! Dieses Vertrödeln von Zeit kenne ich leider zu gut und tritt phasenweise bei mir auf. Meistens dann, wenn ein wichtiger Schitt kurz vor seinem Abschluss steht oder ein ganz neuer Schritt getan werden muss. Hatte jedes Mal Sorge, dass eine üble Schreibblockade daraus entsteht, aber zum Glück bin ich bisher noch immer von selbst aus dem Perfektionsloch herausgekommen und konnte weiterschreiben. Trotzdem ärgerlich, wenn aufgrund der eigenen Perfektionsansprüche mehrere Tage sinnlos ins Land ziehen…
    Grüße aus dem Norden! :-)

    • Mir hilft es immer, wenn ich mich schon 1-2 Wochen vor dem Abschluss der aktuellen Phase gedanklich sehr intensiv mit der nächsten Phase und ihren Herausforderungen beschäftige. Bis es dann so weit ist, ist meine gedankliche „Feder“ schon so weit aufgezogen und gespannt, dass ich es kaum erwarten kann, endlich damit loslegen zu dürfen.

  2. Das Problem kenn ich leider nur zu gut. Als wir mit Clue Writing begonnen haben, dachte ich naiverweise, dieser verzögernde Perfektionismus würde sich irgendwann legen – Immerhin ist unsere Schreib-Frequenz so hoch, dass man sich diesen Mist nicht durchgehen lassen darf. Aber, nein… Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich am vorletzten Tag vor unserer internen Deadline mit dem Schreiben beginne, weil ich mir davor immer selbst einrede, dass meine Ideen noch nicht gut genug, meine Vorbereitungen noch nicht sorgfältig genug sind… Tja, wenn nichts anderes, kann ich wenigstens behaupten, dass ich es dennoch immer rechtzeitig geschafft habe, nur könnte ich mir all den Schweiss ersparen.

    Liebe Grüsse von der, die stur am Wunder der eingehämmerten Selbstdisziplin glaubt ;)
    Eure Clue Writer
    Rahel

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