Prologe und Epiloge – Vabanque-Spiel oder nützliches Werkzeug?

Ein sehr häufig diskutiertes Thema, wenn es um die Struktur von Romanen geht, ist der Einsatz von Prologen und Epilogen. Während manche Autoren sie gerne einsetzen, lehnen andere sie rundheraus ab.

Was sind also Prologe und Epiloge? Was unterscheidet sie von normalen Kapiteln und in welchen Fällen sollte man sie trotz der damit verbundenen Risiken einsetzen?

Das Wort Prolog kommt vom Griechischen pro-logos (Vorwort; pro = vor, logos = Wort) und ist die Einleitung oder Vorgeschichte); dementsprechend ist der Epilog das Nachwort.

Der Prolog ist abgesetzt vom eigentlichen Roman – daher auch die Bezeichnung als „Prolog“ und nicht als „Kapitel 1“. Diese Abgrenzung endet meist nicht mit der Überschrift. Meist ist der Prolog zeitlich und/oder räumlich von der eigentlichen Haupthandlung abgesetzt und wird häufig aus der Sicht von Charakteren geschildert, die in der eigentlichen Handlung zumindest in dieser Form nicht mehr vorkommen.

Der Prolog als Alternative zur Rückblende

Es müssen nicht völlig unbekannte Charaktere sein – manchmal handelt es sich beim Prolog auch um eine Episode aus der Vergangenheit des Protagonisten, die bis in seine Kindheit oder Jugend zurück gehen kann und damit einen ähnlichen Zweck wie eine Rückblende erfüllt.

Mir persönlich ist ein guter Prolog, der eine wichtige Episode aus der Vergangenheit des Helden erzählt, weitaus lieber als eine Rückblende, die einen genau dann mitten aus der spannenden Handlung reißt, wenn man dann eigentlich nur erfahren will, wie es jetzt weiter geht.

Der Prolog für einen spannenden Einstieg

Einer der häufigsten Gründe für den Einsatz eines Prologs ist, die Schwächen eines zu langsam ansteigenden Spannungsbogens auszugleichen. Der Prolog gibt dem Autor die Möglichkeit, den Roman direkt auf der ersten Seite spannend zu beginnen. Während bei der eigentlichen Handlung der Spannungsbogen oft relativ weit unten beginnt (Einführung des Helden in seiner alltäglichen Welt, bevor das Chaos über ihn herein bricht und seine Probleme beginnen), kann der Prolog dem Leser direkt zeigen, was er vom weiteren Verlauf des Romans erwarten darf.

Ein gerne herangezogenes Beispiel dafür ist der Beginn von „Die Herren von Winterfell“, dem ersten Band der Fantasy-Saga „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R.R. Martin: Da der eigentliche Roman sich auf den ersten paar hundert Seiten eher gemächlich anlässt, nutzt George R.R. Martin den Prolog, um dem Leser zu zeigen, dass er im weiteren Verlauf der Saga durchaus eine Menge Magie und brachiale Action erwarten darf.

Der Prolog als Einstieg im Krimi und Thriller

Auch in Film und Fernsehen wird diese Variante gerne verwendet. Denken Sie nur an die Columbo-Krimis, die zuerst mit dem dramatischen Mord beginnen, bevor der liebenswert-schusselige Inspektor mit seinen eher gemächlichen Ermittlungen beginnt.

Häufig ist es gerade bei Krimis und Thrillern so, dass der Prolog ganz gezielt eingesetzt wird, um den Schurken in Aktion zu zeigen – z.B. bei jenem Mord, der dann später in der eigentlichen Romanhandlung aufgeklärt werden muss.

Oft wird hierbei eine andere Erzählperspektive als im Rest des Romans verwendet. Auch wenn die Haupthandlung primär aus der Perspektive des Protagonisten erzählt wird, schlüpft der Autor im Prolog nicht unbedingt in die Haut des Schurken. Stattdessen wird hier auf eine neutrale Perspektive zurückgegriffen, die lediglich die Ereignisse schildert, ohne in die Gedanken, Emotionen und Wahrnehmungen des Perspektivcharakters einzutauchen.

Dafür gibt es zwei Gründe. Zunächst mal bestünde ansonsten die Gefahr, dass der Leser bereits im Prolog zu viel über die Identität des Antagonisten und seine Motive erfährt – Dinge, die zunächst noch verborgen bleiben sollen und erst später vom Protagonisten aufgeklärt werden müssen. Der zweite Grund ist, dass der Leser gar nicht unbedingt in die Gedankenwelt des Schurken eintauchen soll. Gerade Psychopathen, Soziopathen und Monster wirken umso furchterregender, unheimlicher und unberechenbarer, je weniger man sich als Leser in ihre Gedanken einfühlen kann.

Halten Sie Ihre Versprechen!

Wichtig ist, dass der Roman die Versprechungen erfüllen muss, die der Prolog macht. Wenn Sie einen Roman mit einer rasanten Actionszene beginnen, um den Leser „an den Haken zu bekommen“, der Rest der Handlung sich aber zu einer beschaulichen Liebesgeschichte entwickelt, wird der Leser sich vera…, äh, veralbert vorkommen.

Spätestens nach einer legitimen „Aufwärmphase“ muss Ihre eigentliche Romanhandlung daher in den Schienen rollen, für die der Prolog bereits die Weichen gestellt hat.

Der Prolog als Basis für das überraschende Finale

Ein weiterer sinnvoller Einsatz für den Prolog ist, das Fundament für die große Überraschung im Finale zu legen. Wenn Ihr Protagonist am Ende genau im richtigen Moment eine Waffe findet, um den Schurken zur Strecke zu bringen, ist das der berüchtigte und zurecht geächtete „Deus ex machina“ – der „Gott aus der Maschine“.

Dieser Ausdruck stammt aus dem griechischen Theater, bei dem am Ende des Stücks, wenn bereits alles völlig hoffnungslos für den Protagonisten aussah, eine Gottheit von oben herab schwebte und für göttliche Gerechtigkeit sorgte. Da der Schauspieler, der diese Gottheit verkörperte, an mechanischen Seilzügen herabgelassen wurde, bezeichnete man diese Technik als den „Gott aus der Maschine“.

Auch heute noch wird dieser Begriff verwendet, um Enden von Romanen oder Filmen zu bezeichnen, bei denen dem Autor nichts Besseres eingefallen ist, als den Zufall oder bisher völlig unbekannte Charaktere zur Auflösung des Konflikts ins Spiel zu bringen. Im klassischen Western waren das immer die Filme, bei denen in der aussichtslosesten Situation plötzlich die Kavallierie auftauchte, um die bedrängten Helden vor der Übermacht der Indianer zu retten.

Wenn Ihr Held also am Ende des Romans besagte Waffe finden soll, kann der Prolog schildern, wie die Waffe dorthin gekommen ist. Wenn Sie es geschickt genug anstellen, wird der Leser bis zum Finale die Ereignisse des Prologs fast vergessen haben – doch wenn Ihr Held die Waffe dann findet, wird er sich sagen: „Natürlich! Ich hätte es wissen müssen!“

Ein gutes Beispiel für diese Art des gezielten Einsatzes von Prologen sind die Dirk-Pitt-Romane von Clive Cussler: Hier werden im Prolog oft weit zurückliegende historische Ereignisse geschildert, die jedoch spätestens bis zum großen Finale gekonnt mit der Haupthandlung verknüpft werden. Der Sinn und die wahre Bedeutung des Prologs erschließen sich dem Leser erst kurz vor dem Ende des Romans – doch wer die Bücher von Clive Cussler kennt, ahnt natürlich schon beim Prolog, worauf es hinaus laufen könnte.

Damit haben wir auch schon einen weiteren wichtigen Faktor eines guten Prologs: er muss nicht nur zur Haupthandlung des Romans passen, sondern untrennbar dazu gehören – auch wenn der Leser die Art dieser Verbindung erst später verstehen kann.

Ein Beispiel: Der Prolog eines Science-Fiction-Thrillers schildert, wie gefährliche Aliens, die später innerhalb der Haupthandlung die größte Bedrohung darstellen werden, ein Raumschiff überfallen, dass daraufhin über einem unbewohnten Planeten abstürzt. Ein solcher Prolog ist natürlich gut geeignet, um die Aliens direkt zu Beginn einzuführen, obwohl sie in der eigentlichen Haupthandlung erst wesentlich später zum ersten Mal auftauchen würden. Wirklich gekonnt und überzeugend wirkt der Prolog allerdings erst, wenn der Protagonist des Romans in einer späteren Szene auf das abgestürzte Wrack aus dem Prolog stößt und sich jetzt erst herausstellt, wie wichtig dieses Schiffswrack (oder etwas, was sich darauf befindet) für die eigentliche Handlung ist.

Zwei Fliegen mit einer Klappe…

Ein gutes Beispiel dafür, wie man beide Varianten unter einen Hut bringt, sind die Prologe der neueren Bond-Filme. Während es bei den älteren Filmen noch so war, dass der Prolog den Helden  mitten im actionlastigen Abschluss seiner letzten Mission zeigt, bevor es dann im Hauptteil mit seiner neuen Mission los geht, wurde in den neueren Filmen die Handlung des Prologs gezielt mit der Handlung des neuen Falls vernetzt.

Risiken des Prologs

Ganz abgesehen davon, dass der Roman wie bereits erwähnt die Versprechen erfüllen muss, die der Prolog dem Leser gemacht hat, gibt es noch zwei weitere Gründe, die gegen den Einsatz eines Prologs sprechen.

Zunächst mal gibt es viele Leser, die keine Prologe mögen und diese am liebsten überblättern. Wenn sie den Prolog überblättern können, ohne dadurch die Handlung (und speziell das Finale) nicht mehr zu verstehen, ist der Prolog überflüssig wie ein Kropf und sollte ohnehin entfallen. Und wenn der Leser die Handlung nicht versteht, weil er den Prolog überblättert hat, waren Sie zwar im Nachhinein mit Ihrem Prolog im Recht – den Leser haben Sie aber trotzdem verloren.

Das zweite Argument gegen Prologe ist, dass man nach Möglichkeit den Protagonisten des Romans bereits in der ersten Szene einführen soll. Der Leser sollte wissen, wer die Hauptfigur ist, mit der er mitfiebern und der er die Daumen drücken soll. Ein Prolog, der mit einer Nebenfigur beginnt (die vielleicht am Ende des Prologs auch noch auf dramatische Weise ums Leben kommt), weckt auf den ersten Seiten beim Leser falsche Erwartungen und zerstört so die mühsam aufgebaute Bindung des Lesers wieder.

Sie sollten sich daher sehr genau überlegen, ob Ihr Roman wirklich einen Prolog benötigt.

Der Epilog

Genau wie der Prolog die Vorgeschichte eines Romans darstellt, ist der Epilog die Nachgeschichte – sozusagen der Ausklang.

Ein häufiges Argument gegen die Verwendung eines Epilogs ist, dass der Autor doch bitteschön die Handlungsstränge spätestens im letzten Kapitel auflösen soll – und nicht erst in einem nachgeschalteten Epilog.

Doch für den Epilog gibt es ähnliche Argumente wie für den Prolog. Auch er ist oft zeitlich von der eigentlichen Romanhandlung abgesetzt und spielt mehrere Monate oder gar Jahre nach der eigentlichen Handlung.

Häufig ist es so, dass es in einem Roman bestimmte Handlungsstränge gibt, die sich innerhalb der Haupthandlung nicht zu einem echten Abschluss bringen lassen, ohne dass es nach einem aufgesetzten, unechten Zuckerguss-Hollywood-Ende wirkt: Die Versöhnung zwischen lange verfeindeten Menschen oder Gruppierungen braucht in der Realität ebenso viel Zeit, wie Ihr Held braucht, um von seinen im finalen Kampf gegen den Schurken davongetragenen nahezu tödlichen Verwundungen wieder zu genesen.

Der Epilog spult also ein paar Wochen oder Monate vor und schildert, was seit den Ereignissen des letzten Kapitels aus den Hauptcharakteren geworden ist – meist nicht in Form einer summarischen Zusammenfassung wie im Abspann eines Hollywood-Films, sondern als separate Szene, die ebenso wie die Haupthandlung aus der Perspektive des Protagonisten geschildert wird.

Das wohl bekannteste Beispiel hierfür ist das Ende des letzten Bandes der Harry-Potter-Reihe, in dem der Leser erfährt, was in den Jahren nach der Vernichtung Voldemorts aus Harry, Ron, Hermine und Ginny geworden ist.

Mein Lieblings-Epilog stammt allerdings aus dem brillanten Thriller „Der Schacht“ von Joseph Garber. Das ganze Buch ist genial konstruiert und mörderisch spannend geschrieben – doch der Epilog kehrt das melancholische Ende des letzten Kapitels ins Gegenteil um und lässt den Leser mit einen breiten, zufriedenen Grinsen zurück.

Auch hier baut die überraschende Offenbarung des Epilogs auf Fakten auf, die Garber mehrfach sehr dezent im Verlauf der Handlung eingestreut hat, deren wahre Bedeutung und Tragweite der Leser aber erst jetzt verstehen kann und die das Ende absolut logisch erscheinen lassen. Mission erfolgreich.

Eine weitere beliebte Variante des Epilogs ist, den vermeintlichen Abschluss, der im großen Finale erreicht wurde, zu relativieren oder komplett in Frage zu stellen, indem man im Epilog ein offenes Ende nachschießt. Ein beliebtes Beispiel sind die Monstereier, die man in der letzten Szene (oder oft auch erst nach dem Abspann) zahlreicher B-Movies von Godzilla über Critters bis hin zum Monster-Alligator findet – frei nach dem Motto: Fortsetzung folgt!

Das funktioniert natürlich in leicht abgewandelter Form auch als Epilog für einen Thriller: Man sieht in der Kneipe einen unbekannten Mann, der einen Drink bestellt. Als der Nebenmann am Tresen den Mann nach der Uhrzeit fragt und dieser den Ärmel seines Mantels zurückstreift, wird die Hand des Mannes mit einer charakteristischen Narbe und einem Siegelring beschrieben. Der Leser weiß sofort, dass es sich um den bereits totgeglaubten Oberschurken handelt, der aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz überlebt hat und höchstwahrscheinlich in einer Fortsetzung zurückkehren wird.

Risiken des Epilogs

Die wichtigste Frage bei einem Epilog ist natürlich (ebenso wie bei einem Prolog), ob Sie einen brauchen. Wenn Sie alle offenen Fragen im letzten Kapitel zu einem befriedigenden Abschluss bringen und somit auf einen Epilog verzichten können, sollten Sie das tun.

Denken Sie daran: Genau wie man im wahren Leben nur eine Chance hat, einen ersten Eindruck zu hinterlassen, ist die letzte Szene Ihres Romans das, was dem Leser in Erinnerung bleibt. Wenn Sie im Restaurant nach einem hervorragenden Essen vom Kellner noch einen ganz und gar widerlichen Likör zum Abschluss serviert bekommen, kann Ihnen das den ganzen guten Nachgeschmack des Essens verderben – ebenso wie man oft Bücher liest, die einem bis kurz vor Schluss sehr gut gefallen, dann aber durch ein schwaches Ende verdorben werden.

Betrachten Sie das Ende Ihres Romans wie den großen Paukenschlag, der die Symphonie beendet und noch lange im Ohr des Zuhörers nachhallt. Es ist Ihre Entscheidung als Autor, ob Sie diesen Paukenschlag im letzten Kapitel unterbringen oder in einem Epilog.


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