1 x wöchentlich: Rezept für Schriftsteller

Wann darf man sich eigentlich als Schriftsteller bezeichnen? Wenn man ein Buch veröffentlicht hat – oder zehn? Wenn man eine bestimmte Anzahl Bücher verkauft hat? Wenn man es mit einem seiner Bücher in die Bestsellerlisten geschafft hat? Oder gar erst dann, wenn man ausschließlich vom Schreiben leben kann?

Gerade in der heutigen Zeit, in der Verlage ihre Funktion als „Torwächter“ vor einer erfolgreichen Veröffentlichung eingebüßt haben und jeder seine Bücher und Geschichten kurzerhand per Print-on-Demand, als eBook, über Portale wie Wattpad oder über die eigene Autorenhomepage selbst veröffentlichen kann, tun sich viele schwer damit, diese Frage für sich selbst zu beantworten.

Denn wenn vorher eine Veröffentlichung in einem klassischen Publikumsverlag ein Zeichen dafür war, dass man „es geschafft hat“ und sich nun mit Fug und Recht als Schriftsteller bezeichnen darf, leben wir heute in einer Zeit, in der sich sogar frühere Verlagsautoren bei ihren neuen Werken ganz bewusst für die Veröffentlichung im Selbstverlag entscheiden und erfolgreiche Selfpublisher teils sogar Verlagsverträge ausschlagen, da sie ihnen finanziell nicht mehr als lohnend erscheinen.

Was wiederum dazu führt, dass klassische Verlage sich mit erfahrenen Dienstleistern im Selfpublishing-Segment zusammentun, um besser mit den Selfpublishern zusammenarbeiten zu können. So kaufte Bastei Lübbe Mitte letzten Jahres Bookrix auf und erst kürzlich haben BoD und die Verlagsgruppe Random House den gemeinsamen Verlag Twentysix vorgestellt – einen Verlag ohne Schwellen, über den jeder Selfpublisher seine Werke veröffentlichen kann.

Das Kriterium der Veröffentlichung, auch in Zusammenarbeit mit einem klassischen Verlagshaus, ist also auch keine feste Größe mehr, wenn es darum geht, die Frage zu beantworten, ab wann man sich als Schriftsteller bezeichnen darf – und zwar weder in die eine noch in die andere Richtung.

Wenn auch Sie sich diese Frage schon gestellt haben, kann ich Ihnen nur einen Tipp geben: Legen Sie die Messlatte nicht unnötig hoch. Machen Sie es sich selbst einfach, zu gewinnen.

Nutzen Sie die einfachste Definition: Ein Schriftsteller ist jemand, der schreibt – und zwar regelmäßig. Das ist für mich der große Unterschied zwischen Schriftsteller und Autor. Ein Autor ist jemand, der ein oder mehrere Werke verfasst hat – ein „Autor von Spionagethrillern“ oder die „Autorin von ‚Der Weg der schwarzen Steine‘„.

Es kann allerdings durchaus sein, dass ein solcher Autor schon lange nichts Neues mehr veröffentlicht hat und sogar seit geraumer Zeit nichts mehr geschrieben hat – vielleicht schon seit einigen Jahren. Natürlich bleibt so jemand ein Autor – die Zuordnung Autor zu geschriebenem Werk geht ja nicht irgendwann verloren.

Doch ist jemand wirklich immer noch ein Schriftsteller, wenn er nichts mehr schreibt? Es geht mir dabei nicht um die Schriftsteller, die zehn oder  zwanzig Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung immer noch im stillen Kämmerlein zumindest gelegentlich an ihrem Magnus Opus weiter schreiben, sondern um die, die das Schreiben wirklich an den Nagel gehängt haben oder bei denen es seit Jahren so in den Hintergrund geraten ist, dass sie schon ewig lange nichts mehr geschrieben haben.

Auch wenn es vielleicht ein wenig provokativ klingen mag: für mich ist so jemand ein ehemaliger Schriftsteller. Das ist aus meiner Sicht dasselbe wie bei Sportlern: Wenn ein Boxer seit zehn Jahren nicht mehr in den Ring gestiegen ist und auch nicht mehr trainiert, sondern nur noch von seinem früheren Ruhm lebt, ist er ein Ex-Boxer. Wenn jemand seinen Beruf (egal, ob er Koch, Steinmetz oder Steuerberater war) an den Nagel gehängt oder in den Ruhestand gegangen ist, ist er ein ehemaliger Koch, ehemaliger Steinmetz oder ehemaliger Steuerberater. Und wenn ein Schriftsteller nichts Neues mehr schreibt, ist er eben ein ehemaliger Schriftsteller. Das bedeutet nicht, dass er nicht wieder zum Schreiben zurückkehren könnte – George Foreman war ja auch nach zehn  Jahren im Ruhestand wieder zum Boxen zurückgekehrt und schaffte es 1994 sogar, sich nach 20 Jahren seinen Weltmeistertitel zurück zu holen. Aber solange ein früherer Schriftsteller nicht zum Schreiben zurückkehrt, ist und bleibt er ein ‚ehemaliger‘ Schriftsteller. Das ist absolut nichts Unrühmliches – es bedeutet lediglich, dass er nichts Neues mehr schreibt.

Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass man ein Schriftsteller ist, sobald man regelmäßig schreibt. Im Prinzip ist diese Aussage gar nicht so verkehrt, doch ich würde sie gerne noch etwas präzisieren. Für mich ist ein Schriftsteller jemand, der mit dem Ziel schreibt, das Geschriebene zu veröffentlichen. In welcher Form er das tut, spielt eine untergeordnete Rolle.

Die Möglichkeiten dafür sind gerade heute quasi unbegrenzt: Ob Veröffentlichung über einen klassischen Publiskumsverlag, per Print-on-Demand oder als eBook im Selbstverlag, ob über Zeitungen und Zeitschriften, über Literaturportale oder über die eigene Autorenhomepage.

Wenn Sie sich selbst als Schriftsteller fühlen wollen – unabhängig davon, ob Sie bereits Autor eines oder mehrerer Werke sind – würde ich Ihnen daher eine zweistufige Herausforderung empfehlen:

1. Schreiben Sie täglich

Ich weiß nicht, wie Ihr Tagesablauf aussieht. Vermutlich ziemlich stressig, aber das ist er bei anderen auch. Benutzen Sie Ihren stressigen Alltag daher nicht als Ausrede, warum Sie nicht zum Schreiben kommen und es immer wieder auf „später“ verschieben.

„Später“ neigt ebenso wie „morgen“ dazu, sich zur konstanten Größe zur entwickeln: Wir reden heute davon, „morgen“ zu schreiben, und morgen und übermorgen werden wir uns ebenfalls wieder vornehmen, „morgen“ endlich wieder ans Schreiben zu gehen. In Spanien gibt es eine schöne Redensart, die die Sache auf den Punkt bringt: „‚Morgen‘ ist meist der stressigste Tag der Woche.

Gewöhnen Sie sich daher an, jeden Tag zumindest ein bisschen zu schreiben. Ich rede nicht von festen Quoten, sondern lediglich davon, dass Sie keinen Tag verstreichen lassen, ohne zumindest einen Satz an Ihrem aktuellen Projekt weiter zu schreiben. Egal, wie stressig und anstrengend der Tag war, wie müde wir sind und wie spät es schon ist – einen Satz kann man immer schreiben. Man kann zwar vielleicht nicht jeden Tag Bäume ausreißen, aber Gras geht immer. ;-)

Dafür müssen Sie nicht einmal Ihren PC hochfahren, wenn Ihnen das zu viel Arbeit ist. Schreiben Sie den Satz in das Email-Programm auf Ihrem Smartphone und schicken Sie ihn sich selbst zu, damit Sie ihn am nächsten Tag in Ihr Manuskript übernehmen können, oder lassen Sie an Ihrem Tablet stets eine Schreib-App wie JotterPad geöffnet, die dann mit einem Knopfdruck einsatzbereit ist.

Natürlich werden Sie meist in der Praxis nicht nur einen Satz schreiben. Wenn Sie sich erst einmal zum Schreiben hingesetzt haben, werden es oft mehrere Seiten, bevor Sie sich wieder von Ihrem Text losreißen können. Aber wenn die Zeit wirklich mal nur für einen oder zwei Sätze reicht, ist es eben auch nicht schlimm. Hauptsache, Sie haben heute zumindest ein bisschen was geschrieben.

Wenn Sie wollen, können Sie zur Selbstmotiviation auch denselben Trick verwenden, den Comedian Jerry Seinfeld benutzte, um zu einem der erfolgreichsten TV-Comedians aller Zeiten zu werden: Seinfeld fasste den festen Vorsatz, jeden Tag mindestens einen neuen Gag zu schreiben. Sobald er das geschafft hatte, machte er ein rotes Kreuz unter dem jeweiligen Tag auf seinem Wandkalender. Und ab dann versuchte er nur noch, die Kette der roten Kreuze niemals abreißen zu lassen.

Probieren Sie es ruhig selbst einmal aus: ein rotes Kreuz für jeden Tag, an dem Sie zumindest einen Satz an Ihrem aktuellen Projekt geschrieben haben. Schreiben Sie die Anzahl der Tage darunter, die Sie bereits durchgehalten haben – ähnlich wie die Schilder, die man oft der Fertigung sieht: „Seit 117 Tagen unfallfrei“. Je höher die Zahl wird, desto mehr sind alle motiviert, nicht wieder auf Null zurück zu fallen. Das klappt auch fürs Schreiben.

2. Veröffentlichen Sie wöchentlich

Der zweite Teil der Herausforderung klingt schon etwas schwieriger: jede Woche etwas veröffentlichen. Aber keine Sorge: ich rede nicht davon, dass Sie jede Woche ein Buch oder ein ähnlich umfangreiches Werk veröffentlichen sollen. Nur davon, dass Sie jede Woche „etwas“ veröffentlichen sollen.

Veröffentlichen ist dabei ein relativer Begriff. Alles, was Sie nicht ausschließlich für sich selbst bzw. „für die Schublade“ geschrieben haben, sondern das Sie „öffentlich machen“, also anderen zum Lesen zur Verfügung stellen, gilt bei dieser Herausforderung als Veröffentlichung.

Das kann alles Mögliche sein:

  • Die Veröffentlichung eines neuen Blogposts in Ihrem Autorenblog
  • Eine Kurzgeschichte, die Sie als eBook oder in Ihrem Blog veröffentlichen oder die Sie für einen Wettbewerb / eine Anthologie einsenden. Einsendungen für Wettbewerbe o.ä. gelten nach dieser Regel als „Veröffentlichung“ – egal, ob die Geschichte bei dem Wettbewerb einen der Preise gewinnt oder in der Anthologie veröffentlicht wird. Sie haben es der Jury zum Lesen geschickt und damit „öffentlich gemacht“.
  • Die Veröffentlichung eines neuen Kapitels einer Fortsetzungsgeschichte über Wattpad.

Es gibt bei diesem Teil der Herausforderung keine Mindestlänge und keine Vorgaben, was Sie veröffentlichen. Wichtig ist nur, dass Sie etwas veröffentlichen, das von Fremden (also nicht nur von wohlmeinenden Familienangehörigen und guten Freunden, die ohnehin alles über den grünen Klee loben, was man schreibt) gelesen und ggf. kommentiert werden kann.

Natürlich setzen Sie sich damit möglicher Kritik aus – ob in Form von Kommentaren unter einem Blogpost, Bewertungen und Feedback bei Wattpad oder Ablehnungsschreiben. Aber gerade das ist wichtig, da man sich nur so im Laufe der Zeit ein dickes Fell antrainieren und die Angst vor Kritik ablegen kann. Erstens sind die Kommentare oft positiv und motivieren einen dazu, weiter zu machen. Und selbst an kritischen Kommentaren kann man wachsen. Manche von ihnen sind berechtigt und bieten einem Ansatzpunkte, wie man zukünftig noch besser werden kann – also eine nützliche Hilfestellung, die man niemals erhalten hätte, wenn man nicht veröffentlicht hätte. Und sogar aus unsachlichen, rein destruktiven Kommentaren kann man etwas lernen: Nur ein toter Hund wird nicht getreten – und jeder Nadelstich und jeder Nackenschlag sorgen nur dafür, dass wir im Laufe der Zeit eine Hornhaut entwickeln, auf die so manches Nashorn stolz wäre. ;-)

Solange Sie diese zweiteilige Herausforderung für sich persönlich annehmen und meistern, können Sie sich meiner Auffassung nach mit Fug und Recht als „Schriftsteller“ bezeichnen – unabhängig davon, was Sie bereits an Büchern veröffentlicht haben und ob Sie bereits kommerzielle Erfolge vorzuweisen haben.

Was denken Sie über diese Thematik? Was bedeutet es für Sie, ein Schriftsteller zu sein und was sehen Sie als die Kriterien, die man dafür erfüllen muss? Es würde mich freuen, Ihre Ansichten in den Kommentaren zu lesen.


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