Scapple – Freiheit für Ihre Gedanken

In der August-Ausgabe des WritersWorkshop E-Zines hatte ich die Beta-Version von Scapple vorgestellt, dem neuen Notiz- und Brainstorming-Tool der Scrivener-Entwickler. Gut, neu ist relativ, da die Mac-Version schon etwas länger auf dem Markt ist, aber für die Windows-Fraktion (und damit wohl für die Mehrzahl der Anwender) ist Scapple neu.

Runde zwei Monate nach der öffentlichen Beta-Version ist Scapple nun im Oktober als finale Version für Windows erschienen. Nachdem ich schon die Beta-Version äußerst nützlich fand, habe ich mir die finale Version von Scapple natürlich direkt am Erscheinungstag geholt.

Doch was ist eigentlich Scapple? Eine Mindmapping-Software? Nicht wirklich, auch wenn man die Notizen ähnlich wie bei einer Mindmap mit Linien verbinden kann. Scapple ist eher so was wie ein Freiform-Notizprogramm mit grafischen Elementen – also ein bisschen wie eine Mischung aus Microsoft OneNote und einer riesigen Schiefertafel (oder einem Whiteboard, wenn man es etwas moderner mag).

Mindmapping wird ja häufig als Kreativitätsübung für Schriftsteller empfohlen, doch ich muss zugeben, dass ich mit Mindmapps besonders fürs kreative Schreiben nie so richtig warm werden konnte.

Nichts gegen Mindmaps – sie sind wirklich ein tolles Werkzeug. Aber in erster Linie dafür, eine komplexe Materie zu analysieren und sie nach und nach in ihre einzelnen Bestandteile und Faktoren herunter zu brechen. Wenn ich ein Sachbuch plane, verwende ich manchmal Mindmaps, um mir einen detaillierten Überblick zu verschaffen – wenn ich nicht gleich zu einem Outliner wie RightNote oder dem Gliederungs-Tool von Scrivener greife.

Generell haben Mindmaps aus meiner Sicht den Nachteil, dass man sich schon beim Notieren immer überlegen muss, wohin eine bestimmte Information gehört. Und gerade bei komplexeren Problemen oder bei der Planung von Romanen ist man sich anfangs oft gar nicht so sicher, wo man einen bestimmten Punkt einordnen sollte. Oder ob er überhaupt dazu gehört.

Scapple befreit einen von der Notwendigkeit, alles direkt zu klassifizieren und einzusortieren. Per Doppelklick auf eine beliebige freie Stelle kann man dort eine beliebig lange Textnotiz schreiben und diese später einmal an die Stelle schieben, wo sie letztendlich hingehört.

Auch die Verbindungen zwischen den Elementen, die bei der Mindmap ein zentraler Faktor sind, sind bei Scapple optional. Sie können einfach alle Notizen, Ideen, Fragen und Schnipsel auf die virtuelle Tafel pappen, die Ihnen zum Thema einfallen. Wenn Ihnen nichts Neues mehr einfällt, beginnen Sie damit, die Notizen hin und her zu schieben, sie logisch anzuordnen und zu gruppieren. Erst dann stellen Sie eventuelle Verbindungen zwischen einzelnen Elementen her – wodurch Ihnen dann meist wieder neue Ideen kommen.

Gerade für die erste kreative Sondierungsphase finde ich Scapple einfach genial. Jede Idee oder Frage, die einem in den Sinn kommt, wird erst einmal einfach und unkompliziert auf irgendeine freie Stelle der Tafel geklatscht. Falls einem dabei der Platz ausgeht, zoomt man einfach ein Stück weg oder verschiebt den Bildschirmausschnitt. Die Arbeitsfläche bei Scapple ist nämlich im Gegensatz zu einem echten Whiteboard fast beliebig groß.

In späteren Phasen kann man die gesammelten Notizen dann z.B. in Scrivener übernehmen. Wenn Sie eine Notiz aus Scapple in Scrivener ziehen und irgendwo in Ihrer Gliederung ablegen, macht Scrivener automatisch eine neue Karte mit dem Text der Notiz daraus.

Sie finden Scapple unter http://www.literatureandlatte.com/scapple.php, wo Sie auch eine äußerst faire Trial-Version erhalten. Diese können Sie 30 Tage lang mit vollem Funktionsumfang kostenlos austesten – und zwar 30 „echte“ Tage. Die Testversion erlischt also nicht wie bei vielen anderen Programmen einen Monat nach Installation, sondern erst, wenn Sie Scapple tatsächlich an 30 Tagen benutzt haben. Falls Sie Scapple also nur zweimal im Monat brauchen, würde die kostenlose Testversion also mehr als ein Jahr lang laufen. Wobei ich mir das nicht vorstellen kann, denn wenn Sie erst einmal auf den Geschmack gekommen sind, werden Sie Scapple für fast alles einsetzen, was geplant werden muss –  vom Blogpost bis zum Familienausflug.

Die Vollversion von Scapple kostet nur 15 Dollar, was sich abzüglich des Dollarkurses und zuzüglich der deutschen Mehrwertsteuer auf knappe 15 Euro beläuft – eine aus meiner Sicht äußerst lohnende Investition, die ich jedem Schriftsteller nur empfehlen kann.