Schreiben wie Dean Koontz

Ich finde es immer wieder interessant, etwas über die Arbeitsweisen erfolgreicher Schriftsteller zu erfahren. Nicht einmal so sehr, um sich etwas von ihnen abzuschauen, sondern allein um immer wieder zu sehen, wie viele unterschiedliche Wege nach Rom führen.

Die meisten erfolgreichen Schriftsteller fallen wie James Patterson eher in die Kategorie der „Outliner“, die ihre Romane mehr oder weniger akribisch planen, bevor sie mit dem Schreiben der Rohfassung beginnen. Wenn die Rohfassung fertig ist, beginnen sie mit der Überarbeitung, bei der sie üblicherweise direkt auf Szenenebene ansetzen können, da sie die Struktur des Romans schon während der Planungsphase optimiert hatten.

Auf der anderen Seite stehen Autoren wie Stephen King und Lee Child, der Autor der Jack-Reacher-Romane, die beide ausgehend von einer interessanten Ausgangssituation die Handlung des Romans zusammen mit ihren Protagonisten entdecken – die sogenannten „Pantser“ (von „seat of the pants“, also dem Hosenboden, auf den die so arbeitenden Autoren sich setzen und ohne großartige Planung einfach drauf los schreiben). Auch George R.R. Martin („Das Lied von Eis und Feuer“ – besser bekannt als „Game of Thrones“) fällt in diese Kategorie.

Dieser auch als „entdeckendes Schreiben“ bezeichnete Ansatz hat für die meisten Autoren den Nachteil, dass die Rohfassung eines solchen Buchs üblicherweise noch diverse Inkonsistenzen, Logikfehler und jede Menge Wildwuchs (also Handlungsstränge, Charaktere und Ideen, die aufgegriffen, aber dann doch nicht weiter verfolgt wurden) enthält, die später im Rahmen der Revision (meist über mehrere Durchgänge) nach und nach bereinigt und in Form gestutzt werden muss. Was der „Pantser“ bei der Planung an Zeit einspart, muss er meist doppelt und dreifach in die deutlich aufwändigere Überarbeitung investieren.

Gerade wenn man diese beiden recht verbreiteten Ansätze betrachtet, erscheint einem die Arbeitsweise des Bestsellerautors Dean Koontz umso außergewöhnlicher: Wenn Koontz die letzte Seite eines seiner Romane schreibt, ist dieser schon quasi veröffentlichungsreif und erfordert höchstens noch minimale Änderungen.

Nur eine einzige Fassung – sozusagen eine Punktlandung? Auf den ersten Blick erinnert einen das an die Arbeitsweise der klassischen Groschenroman-Autoren des frühen 20. Jahrhunderts, die nach Wörtern bezahlt wurden und auch dafür bekannt waren, dass sie nur eine einzige Fassung ihrer Romane in die Schreibmaschine hämmerten, die dann auch ohne Änderungen veröffentlicht wurde. Doch der Ansatz ist hier ein komplett anderer.

Bei den Groschenroman-Autoren wurde die Qualität zugunsten der Quantität geopfert. Auch wenn es hierunter einige bis heute unvergessene Klassiker gibt, war der Großteil dieser Werke grottenschlecht geschrieben – flache Charaktere, gemischt mit einem tiefen Griff in die Klischeekiste. Sozusagen das Pendant zu den heutigen Daily-Soap-Episoden im Fernsehen.

Die klassischen Groschenroman-Autoren waren dafür bekannt, dass sie im Jahr runde zwei Millionen Wörter (!) schrieben, also runde 5.500 Wörter pro Tag an sieben Tagen pro Woche – eben Masse statt Klasse.

Wie man sich denken kann, arbeitet ein Bestsellerautor wie Koontz anders. Ähnlich wie Stephen King, Lee Child oder George R.R. Martin geht auch er von einer groben Handlungsidee bzw. einer interessanten Ausgangssituation aus und entdeckt den tatsächlichen Verlauf der Handlung erst während des Schreibens. Allerdings schreibt Koontz nicht zuerst eine komplette Rohfassung, die er dann später überarbeitet, sondern er schreibt und finalisiert Seite für Seite. Im Klartext: Koontz schreibt eine Seite seines Romans, überarbeitet diese, bis er absolut zufrieden damit ist, und fährt dann mit der nächsten Seite fort, ohne die bereits überarbeiteten Seiten noch einmal anzupacken. Der hohe Maßstab „absolut zufrieden“ kann bei einem Perfektionisten wie Dean Koontz durchaus dazu führen, dass er eine Seite 30-40mal überarbeitet.

Dass diese Methode für ihn so gut funktioniert, hat meiner Meinung nach zwei Gründe. Zunächst einmal ist es so, dass Autoren mit jahrzehntelanger Erfahrung wie Koontz, King, Child oder Martin die Struktur einer guten Geschichte bereits in Fleisch und Blut übergegangen ist. Genau wie wir uns beim Autofahren nicht mehr aufs Schalten konzentrieren müssen, schreiben diese Autoren gut strukturierte Romane, ohne dass ihnen dieser mittlerweile nur noch in ihrem Unterbewusstsein ablaufende Prozess überhaupt bewusst würde.

Der zweite Grund ist, dass Koontz beim Schreiben und Überarbeiten bereits gedanklich voraus plant. Während er die aktuelle Seite überarbeitet, verfeinert und dabei gedanklich auch seine Romanfiguren, ihre Motivationen, Ziele und Gedanken und die HIntergründe besser kennenlernt, schält sich langsam der einzig richtige Handlungsverlauf für ihn aus dem Nebel. Bis er mit der aktuellen Seite absolut zufrieden ist, weiß er schon ganz genau, wie es als Nächstes weiter gehen muss.

Koontz sagt von sich selbst, dass er pro Monat 22-25 Arbeitstage (also ca. 5-6 Tage pro Woche) á 10-11 Stunden ins Schreiben seiner Bücher investiert. Während er an guten Tagen 5-6 Seiten schafft, sind es im Schnitt pro Monat eher runde 75 Seiten. Wenn man das einmal umrechnet, kommt man im Schnitt auf ziemlich genau 200 Minuten (oder 3 1/3 Stunden) pro Seite. Trotz dieses langsamen Tempos schafft Koontz selbst ein umfangreiches Buch wie „From the Corner of His Eye“ (752 Seiten) innerhalb eines Jahres, kürzere Bücher von 300-400 Seiten innerhalb von sechs Monaten.

Der Vorteil der Methode von Dean Koontz ist, dass das Buch wirklich fertig ist, wenn man das magische Wörtchen „ENDE“ unter die letzte Seite schreibt. Keine mehrfachen Revisions-Durchläufe mehr, die sich über etliche Monate hinziehen können, sondern das Buch kann direkt nach dem Schreiben der letzten Seite veröffentlicht werden.

Natürlich kann man als nebenberuflicher Indie-Autor die Methode von Dean Konntz allein schon wegen des damit verbundenen Zeitaufwands niemals 1:1 umsetzen. Keiner von uns hat 60 Stunden pro Woche Zeit zum Schreiben, um am Ende der Woche auf knapp 20 fertig geschriebene und überarbeitete Seiten zurückblicken zu können.

Doch mit ein wenig Phantasie kann man die Methode von Dean Koontz so adaptieren, dass man auch als Normalsterblicher damit ein komplettes Buch pro Jahr schreiben und veröffentlichen kann.

Starten Sie mit einer minimalistischen Planung Ihres Romans: Sie brauchen Ihren Protagonisten, seinen Gegenspieler und den zentralen Konflikt. Sie brauchen die Ausgangssituation und eine grobe Idee, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln könnte und wie das Ende aussehen könnte. Keine detaillierte Gliederung, maximal eine Schreibmaschinenseite. Diese Planung wird sich ohnehin noch verändern, während Sie den Roman schreiben, daher sollten Sie nicht zu viel Arbeit in diese erste, grobe Skizze investieren.

Schreiben Sie täglich eine einzige Normseite, und zwar direkt morgens, noch vor dem Frühstück. Wenn Sie anschließend noch etwas Zeit haben, können Sie schon direkt mit der Überarbeitung Ihrer gerade geschriebenen Seite beginnen.

Anschließend drucken Sie diese Seite mit doppeltem Zeilenabstand und breiten Korrekturrändern aus und nehmen sie tagsüber mit. Nutzen Sie jede sich bietende Gelegenheit (z.B. die Frühstücks- oder Mittagspause im Büro), um sich Notizen für die Überarbeitung und den weiteren Verlauf der Handlung zu machen. Spätestens bis zum Abend müssen Sie genau wissen, was Sie am nächsten Morgen schreiben wollen.

Abends starten Sie noch einmal Ihren Computer und übertragen die Änderungen und Korrekturen in Ihr Manuskript. Sie dürfen abends noch so lange an Ihrer Seite feilen, wie Sie wollen, aber ab dem nächsten Tag ist diese Seite tabu – ein fester Teil Ihres zukünftigen Manuskripts. Genau wie Ton, den Sie nur so lange bearbeiten und umformen können, bis er ausgehärtet ist.

Am nächsten Morgen lesen Sie sich zur Einstimmung nochmal Ihre Seite vom Vortag durch (aber ohne noch etwas daran zu ändern!) und beginnen direkt damit, die nächste Seite zu schreiben.

Wenn Sie dies ein komplettes Jahr lang durchziehen, haben Sie am Ende einen Roman von ca. 360 Seiten (bzw. 90.000 Wörtern), der nicht nur fertig geschrieben, sondern sogar schon fertig überarbeitet ist.

Wenn Sie in derselben Zeit ein längeres Buch schreiben möchten oder umgekehrt schneller fertig werden möchten, können Sie natürlich Ihr tägliches Pensum nach oben anpassen. Wenn Sie genügend Zeit haben, können Sie jeden Morgen auch 500 oder sogar 1.000 Wörter schreiben. Wichtig ist nur, dass Sie tagsüber auch genügend Zeit haben müssen, um diese Manuskriptseiten auch wirklich bis zur Perfektion zu überarbeiten.

Nehmen Sie sich also lieber nicht zu viel vor, sondern starten Sie bescheiden mit 250 Wörtern, also einer runden Taschenbuchseite. Wenn Sie nach ein paar Wochen feststellen, dass Sie dieses Tempo ganz locker durchhalten können, können Sie Ihr Tagespensum langsam steigern. Ich würde allerdings nicht empfehlen, das Tagespensum auf einen Schlag um mehr als 50 Wörter zu erhöhen. Wenn Sie Ihre Messlatte jeden Monat um 50 Wörter anheben, sind Sie nach einem halben Jahr bereits bei 500 Wörtern pro Tag und Sie haben genügend Zeit, sich langsam an das höhere Arbeitspensum zu gewöhnen, während Ihnen die Methode langsam in Fleisch und Blut übergeht.

Wenn Sie sich mehr als Pantser als als Outliner sehen, können Sie diese Methode ja mal für sich ausprobieren. Starten Sie ruhig mit einem kürzeren Text wie einer längeren Kurzgeschichte oder einer Novelle, statt direkt mit einem komplexen Roman. Vielleicht stellen Sie ja fest, dass die Arbeitsweise von Dean Koontz auch für Sie gut geeignet ist.


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