Schreiben wie Trollope

Kennen Sie Trollope? Anthony Trollope? Falls Sie jetzt angespannt überlegen, wo Sie diesen Namen schon einmal gehört haben: denken Sie ein ganzes Stück zurück – bis ins 19. Jahrhundert.

Anthony Trollope (1815-1882) war einer der bekanntesten und produktivsten Schrifsteller der viktorianischen Ära. Neben diversen anderen Werken schrieb Trollope fast fünfzig Romane – und zwar keine dünnen Büchlein, sondern richtig dicke Wälzer. So haben beispielsweise seine Romane „Die Türme von Barchester“ und „Die Claverings“ jeweils eine Länge von fast 900 Seiten.

Richtig bemerkenswert wird die enorme Produktivität Anthony Trollopes dadurch, dass er nicht etwa ein gut situierter Vollzeit-Schriftsteller war, sondern einen guten Teil seiner Werke neben seinem Job als Postbeamter schrieb.

Wenn man sich näher mit Trollopes Arbeitsweise und dem Geheimnis seiner enormen Produktivität beschäftigt, stellt man rasch fest, dass Trollope in Sachen Planung und Selbstkontrolle seiner Zeit weit voraus war.

Heute ist es ja durchaus in Mode, sich selbst Deadlines zu setzen, diese in ein Wochen- und Tagespensum herunter zu brechen und dann abzuarbeiten – hunderttausende Schriftsteller weltweit machen das jeden November, wenn sie an ihrem NaNoWriMo-Roman arbeiten und dabei täglich mindestens 1.667 Wörter schreiben, um innerhalb von 30 Tagen einen kompletten Roman von 50.000 Wörtern fertigzustellen.

Doch von Trollopes Disziplin und Planung können sich die meisten heutigen Schriftsteller eine Scheibe abschneiden. Trollope erlegte sich selbst feste Regeln auf, an die er sich eisern hielt, um aus den drei Stunden, die er sich jeden Morgen vor der Arbeit zum Schreiben reserviert hatte, das Maximum herauszuholen.

Trollope setzte sich nicht nur feste Ziele pro Woche und pro Tag, um seine Romane termingerecht bei seinem Verleger einreichen zu können, sondern brach seine Zeitvorgaben sogar bis auf eine Viertelstunde herunter: Während Trollope an einem seiner Romane schrieb, gewährte er sich selbst exakt 15 Minuten, um eine Seite zu schreiben. Auch den eher schwammigen Begriff der Seite hatte Trollope für sich selbst präzise definiert: exakt 250 Wörter, die er gedanklich im Hintergrund mitzählte, während er schrieb.

Wenn es also jemals einen Schriftsteller gab, auf den die Beschreibung „präzise wie ein Schweizer Uhrwerk“ passt, war es Anthony Trollope.

Heutzutage haben wir es einfacher als Trollope: Statt mit schwergängigen mechanischen Schreibmaschinen arbeiten zu müssen, haben wir Computer, an denen man nicht nur schneller und ermüdungsfreier schreiben kann, sondern durch die die Korrektur von Fehlern zum Kinderspiel geworden ist. Und da jedes bessere Schreibprogramm stets den aktuellen Wordcount in der Statuszeile anzeigt, müssen wir auch nicht mehr wie Trollope selbst die geschriebenen Wörter zählen, um zu wissen, wann wir unsere 250 Wörter voll haben.

Was läge also näher, als beim Schreiben der nächsten Rohfassung die Herausforderung von Anthony Trollope anzunehmen und sich ebenso wie der Altmeister 250 Wörter pro Viertelstunde abzuverlangen?

Von der reinen Schreibgeschwindigkeit her ist dies überhaupt kein Problem: 250 Wörter in 15 Minuten entsprechen gerade mal 17 Wörtern pro Minute – geübte Vielschreiber kommen locker auf über 50 Wörter pro Minute, wenn es gerade gut läuft.

Es ist natürlich klar, dass Trollope bei dieser Arbeitsweise nicht zwischendurch längere Pausen einlegen konnte, um sich zu überlegen, wie seine Handlung weiter verlaufen sollte. Nach eigener Aussage (aus Trollopes Autobiographie, die nach seinem Tod veröffentlicht wurde), hielt er nichts davon, „rumzusitzen, an seinem Stift zu knabbern und die Wand anzustarren, bis man die Wörter gefunden hat, mit denen man seine Ideen ausdrücken möchte“.

Ganz klar: Trollope verstand es, seinen inneren Lektor zum Schweigen zu bringen und sich voll und ganz aufs Schreiben zu konzentrieren.

Ich würde vermuten, dass Anthony Trollope dieses Schreibtempo nicht den ganzen Tag lang hätte durchhalten können – ganz zu schweigen davon, dass das stundenlange Schreiben an einer mechanischen Schreibmaschine eine auch körperlich recht ermüdende Tätigkeit ist.

Ich gehe davon aus, dass Trollope tagsüber immer wieder in Gedanken durchspielte, wie die Handlung seines aktuellen Romans weiter gehen sollte, bis er die nächsten Szenen so detailliert vor seinem geistigen Auge ablaufen lassen konnte, dass er sich am nächsten Morgen einfach hinsetzen und sie zu Papier bringen konnte – eine komplette Seite alle 15 Minuten.

An Trollopes Schreibgewohnheiten kann man recht gut ablesen, dass die Arbeitszeiten eines britischen Postbeamten der viktorianischen Ära nicht mit denen eines heutigen Bürojobs zu vergleichen waren. Trollope schrieb jeden Morgen von 5:30 bis 8:30 Uhr, bevor er frühstückte und zur Arbeit ging. Die wenigsten von uns haben derartige Arbeitszeiten, die im amerikanischen Sprachraum gerne als „nine to five“ bezeichnet werden. Allein schon deswegen dürfte kaum jemand von uns in der Lage sein, vor der Arbeit noch drei Stunden zu schreiben. Doch das ist auch gar nicht erforderlich.

Wenn man nicht gerade George R.R. Martin oder Patrick Rothfuss heißt (die nicht nur hinsichtlich ihrer wallenden Bärte, sondern auch hinsichtlich des Umfangs ihrer Romane mit Trollope mithalten können), sind heutzutage eher kürzere Bücher im Bereich von 300-400 Seiten in Mode. Im Krimi-Genre bewegen sich viele aktuelle Bestseller sogar nur um die 200-Seiten-Marke, also im Umfang eines typischen NaNoWriMo-Romans.

Wenn Sie täglich nur eine einzige Stunde einplanen können, während der Sie mit Trollopes Geschwindigkeitsvorgabe von 250 Wörtern je Viertelstunde an Ihrem aktuellen Manuskript schreiben, reicht das bereits aus, um innerhalb eines Jahres ca. 1.500 Seiten zu schreiben.

Das entspräche wahlweise:

  • 6 Romanen á 240 Seiten (typischer Umfang für einen Krimi) – also einem neuen Buch alle zwei Monate
  • 4 Romanen á 360 Seiten (längere Krimis oder Mainstream-Titel) – also einem neuen Roman pro Quartal
  • 3 Romanen á 500 Seiten (typischer Umfang für Fantasy-Romane) – immerhin alle vier Monate ein neues Buch, also eine komplette Trilogie innerhalb eines Jahres
  • 2 Romanen á 750 Seiten (Kategorie „Epos“ – alles drüber lässt sich kaum noch in einem Band als gedrucktes Buch veröffentlichen) – und selbst hier kommen Sie immer noch auf zwei Bücher pro Jahr

Es ist natürlich klar, dass man bei dieser Schreibgeschwindigkeit nur von einer Rohfassung reden kann, keinesfalls von einem veröffentlichungsreifen Manuskript. Rechnen wir also nochmal dieselbe Zeit für die Überarbeitung Ihres Manuskripts dazu.

Dies könnten Sie entweder abends (statt einer langweiligen Fernsehsendung) oder in einem Block am Wochenende erledigen. Samstag und Sonntag jeweils drei bis vier Stunden Revision – und schon sind Sie wieder gleichauf.

Wenn Sie es nun noch schaffen, sich tagsüber (z.B. während der Fahrt zur Arbeit und ansonsten ungenutzer Wartezeiten) genügend Gedanken über Ihre Romanhandlung zu machen, damit Sie zumindest den Inhalt der nächsten vier Seiten glasklar vor sich sehen, steht einer produktiven Schriftstellerkarriere nichts mehr im Weg, die Altmeister Trollope stolz machen würde.

Vielleicht wollen Sie es ja auch einmal versuchen: „Do the Trollope!“ ;-)


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Ein Gedanke zu „Schreiben wie Trollope

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