Statische und dynamische Protagonisten

Wie bereits mehrfach in der Artikelreihe über Protagonisten erwähnt ist es üblicherweise so, dass der Protagonist im Laufe der Romanhandlung eine Veränderung durchmacht. Er muss wachsen und, wie vorletzte Woche erwähnt, seine Schwäche überwinden, um am Ende den zentralen Konflikt zu seinen Gunsten entscheiden zu können.

Bei dieser Art von Protagonisten spricht man auch von ‚dynamischen‘ Protagonisten, da sie sich im Laufe der Handlung verändern. Allerdings ist dies nicht die einzige Art von Protagonisten, mit denen man es als Autor beim Schreiben von Romanen zu tun bekommt, denn neben diesen gibt es auch noch die ’statischen‘ Protagonisten, die sich im Laufe der Romanhandlung nicht oder nur unwesentlich verändern.

Beide Arten von Protagonisten haben ihre Existenzberechtigung – nur in unterschiedlichen Arten von Romanen. Allgemein formuliert empfiehlt sich der ‚dynamische‘ Protagonist für Einzelromane und (in einem bestimmten Rahmen) auch für kürzere Romanserien, deren Bände in einer festen Reihenfolge gelesen werden sollen. Der statische Protagonist hingegen kommt meist dann zum Einsatz, wenn man größere Romanserien rund um denselben Protagonisten schreibt, bei denen oft die gesamte Anzahl der Bücher dieser Serie nicht von Beginn an feststeht und die vom Leser in einer mehr oder weniger beliebigen Reihenfolge gelesen werden können.

Das klingt vielleicht ein wenig theoretisch, dürfte aber gleich klarer werden. Beim dynamischen Protagonisten findet im Laufe der Handlung eine Veränderung statt: Er erlernt neue Fähigkeiten, entwickelt seine Talente, erlangt neue Kenntnisse über seine Umwelt, sich selbst, seinen Gegner und die Zusammenhänge, erkennt seine wahren Stärken und schafft es letztendlich, jene Schwächen zu überwinden, die ihn anfangs noch zurückgehalten bzw. behindert hatten.

Diese Veränderung kann entweder innerhalb eines einzelnen, in sich abgeschlossenen Romans geschehen, oder auf die Bände einer Trilogie oder Romanserie aufgeteilt werden. Denken Sie beispielsweise an die Harry-Potter-Romane von J.K. Rowling: obwohl jeder der Bände ein Schuljahr in Hogwarts behandelt und eine (zumindest relativ) in sich abgeschlossene Handlung hat, bauen die Bände dennoch aufeinander auf und werden durch den übergreifenden Handlungsbogen des Konflikts zwischen Harry Potter und Voldemort verbunden. Und genau wie die finale Konfrontation zwischen Harry und Voldemort, von der seit dem ersten Band feststeht, dass sie irgendwann kommen musste, erst im siebten und letzten Band der Serie stattfindet, erstreckt sich auch Harrys Wachstum vom schüchternen zwölfjährigen Jungen zum mächtigen und selbstbewussten jungen Zauberer, der es sogar mit dem mächtigen Voldemort aufnehmen kann, auf sieben Bände mit insgesamt einigen tausend Seiten.

Romanserien wie die Harry-Potter-Bücher sind, was die Entwicklung des Protagonisten angeht, wie eine einzige durchgängige Romanhandlung zu sehen, die lediglich aufgrund ihres Umfangs auf mehrere Bände aufgeteilt ist.

Auf der anderen Seite haben wir Romanserien, die zwar durch einen gemeinsamen Protagonisten verbunden werden, deren einzelne Bände aber in nahezu beliebiger Reihenfolge gelesen werden können. Auch wenn es in den Bänden solcher Romanserien gelegentlich Querverweise zu den Handlungen früherer Bände gibt, sind diese meist für das Verständnis der aktuellen Handlung eher unwichtig. Oft könnten nicht einmal begeisterte Leser der Serie mit Sicherheit sagen, in welcher Reihenfolge die einzelnen Bände auf einer virtuellen Zeitachse angesiedelt sind, wenn diese vom Autor nicht explizit von 1 bis X durchnummeriert wurden.

Bei solchen Romanserien handelt es sich oft um Krimis der einen oder anderen Art, bei denen der Protagonist es in jedem Band mit einem neuen Verbrechen zu tun bekommt, das aufgeklärt werden muss – egal, ob es sich um Aufklärungskrimis wie die Romane rund um Sherlock Holmes, Miss Marple oder Hercule Poirot handelt oder um eher actionlastige Abenteuer wie Lee Childs Jack-Reacher-Romane oder die Abenteuer von James Bond.

Innerhalb einer solchen Romanserie ist es weder möglich noch sinnvoll, dass der Protagonist in jedem Band eine deutliche Veränderung durchmacht oder gar in jedem weiteren Band der Serie erneut über sich hinaus wächst, noch stärker/besser wird und immer neue Fertigkeiten erlangt. Dies würde nicht nur bedeuten, dass der Leser die Abenteuer des Protagonisten nicht mehr in beliebiger Reihenfolge genießen könnte, sondern auch als Autor hätte man vermutlich bereits nach den ersten 2-3 Bänden massive Probleme, in jedem weiteren Band erneut ein plausibles und einigermaßen realistisches ‚Wachstum‘ des Protagonisten zu schildern, ohne ihn damit früher oder später damit auf ein übermenschliches, nahezu gottgleiches Level zu heben. ;-)

Dieses Problem kennen auch Comiczeichner, die sich wie die Künstler von DC und Marvel auf Superhelden-Abenteuer spezialisiert haben. Aus diesem Grund gibt es zu Comichelden – egal, ob es sich um Spiderman, Wolverine oder wen auch immer handelt – üblicherweise eine ‚Origins‘-Geschichte, in der geschildert wird, wie der Held seine besonderen Fähigkeiten erlangt und diese erstmals erfolgreich einsetzt, um eine Bedrohung abzuwenden oder einen gefährlichen Gegner zu besiegen.

Nach dieser Origins-Story bleiben Superhelden üblicherweise relativ statisch. Nachdem in der ersten Geschichte ihr Wachstum vom ’normalen Menschen‘ zum ‚Superhelden‘ geschildert wurde, stehen sowohl ihre besonderen Stärken und Fähigkeiten als auch ihre Schwächen fest. Damit sind die Rahmenbedingungen abgesteckt, mit denen der Zeichner in den weiteren Comic-Abenteuern arbeiten muss.

Echte Comic-Fans und langjährige Leser diverser Superhelden-Heftreihen werden jetzt mit Sicherheit einige Beispiele aus dem Ärmel ziehen können, in denen auch seit Jahren eingeführte Superhelden in späteren Bänden noch neue Fähigkeiten entwickelt haben, doch sind dies für mich eher die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Wenn man beispielsweise von ‚Superman‘ ausgeht, wird ein Kenner der Comics oder Verfilmungen sofort an Stärken wie ‚kann fliegen‘, ‚enorme Kraft‘, ’nahezu unverwundbar‘, ‚Röntgenblick‘ etc, aber auch an seine Schwäche ‚Kryptonit‘ denken. Im direkten Vergleich zu anderen Superhelden wie Spiderman, dessen Fähigkeiten verglichen mit denen von Superman eher überschaubar sind, ist Superman als Figur bereits so mächtig, dass eine Steigerung kaum noch möglich wäre. Man wird also wohl kaum einen neuen Superman-Comic finden, in dem dieser dauerhaft eine neue, mächtige Fähigkeit erlangt oder plötzlich Immunität gegen seine einzige Schwäche Kryptonit entwickelt.

Diese Stasis nach einem anfänglichen Wachstum (bzw. den Übergang vom ‚dynamischen‘ zum ’statischen‘ Protagonisten) findet man häufig auch bei Fortsetzungen von Romanen oder auch Filmen, die anfangs offenbar nur als einzelne, in sich abgeschlossene Geschichte angelegt waren.

Denken Sie beispielsweise an die beliebten ‚Buddy-Filme‘, die ich im Artikel „Wie viele Protagonisten kann ein Roman vertragen?“ angesprochen hatte: Zwei meist sehr unterschiedliche Charaktere müssen sich zusammenraufen, um mit vereinten Kräften eine Bedrohung zu beseitigen oder einen gemeinsamen Feind zu besiegen, wobei meist einer der beiden (der eigentliche Protagonist) eine deutliche Veränderung durchmacht. Denken Sie beispielsweise an den ersten ‚Lethal Weapon‘-Film mit Mel Gibson und Danny Glover: Zu Beginn des ersten Films ist der von Mel Gibson gespielte Martin Riggs nach dem Tod seiner Frau selbstmordgefährdet und anderen gegenüber ruppig bis hin zur extremen Rücksichtslosigkeit. Durch die Zwangs-Partnerschaft mit seinem neuen Kollegen Roger Murtaugh überwindet Riggs seine Krise und freundet sich schließlich mit Murtaugh und seiner Familie an.

Obwohl ‚Lethal Weapon‘ zunächst als einzelner, in sich abgeschlossener Film ohne Fortsetzungen geplant war, sorgte der kommerzielle Erfolg dafür, dass Riggs und Murtaugh bereits zwei Jahre später erneut gemeinsam auf Verbrecherjagd gingen. Bei solchen Fortsetzungen muss das Konzept des ersten Teils angepasst werden, da die beiden sich ja schon zusammengerauft haben. Als Autor kann man zwar weiterhin kleinere Konflikte einbauen, die auf den unterschiedlichen Eigenschaften der beiden Hauptfiguren aufbauen, aber ein ‚Wachstum‘ wie im ersten Film ist nicht mehr ohne weiteres möglich, ohne die Figuren dadurch zu stark zu verändern und damit die Fans des Originals (also die Haupt-Klientel der Fortsetzungen) zu vergrätzen.

Aus diesem Grund hat man bei den Fortsetzungen solcher Geschichten nicht ganz zu Unrecht den Eindruck, dass es in der Handlung nicht nur einen Protagonisten, sondern zwei gleichberechtigte Protagonisten gibt, die allerdings als Team auftreten und agieren. Dasselbe Konzept kommt bei diversen TV-Serien zum Einsatz, in denen die beiden ungleichen Protagonisten, die sich im weiteren Verlauf der Serie ergänzen sollen und die Fälle gemeinsam lösen sollen, im Pilotfilm erstmals aufeinander treffen und sich häufig erst einmal zusammenraufen müssen. Das im Pilotfilm etablierte Verhältnis zwischen den beiden Protagonisten ist damit oft für die komplette Serie gesetzt und ändert sich höchstens bei sehr langlebigen Serien noch im Laufe späterer Staffeln.

Bei statischen Protagonisten, die sich (zumindest nach dem ersten Band / der ‚Origins‘-Geschichte) im Laufe ihrer Abenteuer nicht mehr verändern, wird das Charakterwachstum meist auf eine wichtige Nebenfigur übertragen, die üblicherweise in diesem Roman zum ersten und zugleich zum letzten Mal auftritt.

Bei Krimiserien handelt es sich dabei meist um den Klienten des Protagonisten oder um eine Person, die die Hilfe des Protagonisten benötigt (egal, ob sie ihn darum bittet oder er sich aus eigenem Antrieb einmischt). Der Protagonist fungiert in solchen Geschichten sozusagen als Katalysator, der für eine Veränderung bei anderen Personen sorgt, ohne sich dadurch selbst zu verändern.

Die Veränderung kann in solchen Romanen auch auf den Gegenspieler / Antagonisten verlagert werden – nur, dass sie in diesen Fällen nicht unbedingt hin zum Besseren ist. Allerdings kann es je nach Genre und Handlung durchaus sein, dass der Gegenspieler im Laufe der Handlung nicht besiegt, ins Gefängnis gebracht oder auf andere Weise ausgeschaltet, sondern ‚geläutert‘ oder zu einem Kurswechsel gezwungen wird. Wenn man letzteres allerdings in einem Roman anwenden möchte, ist Vorsicht geboten, da ein ‚geläuterter‘ oder nicht wirklich besiegter Antagonist für den Leser oft nach einem faulen Kompromiss aussieht und somit als unbefriedigendes Ende empfunden wird. Relativ risikolos kann man diesen Kniff bei Handlungen anwenden, in denen nicht „Gut gegen Böse“ antritt, sondern der zentrale Konflikt sich in erster Linie aus konkurrierenden Zielen von Protagonist und Antagonist ergibt – aber das würde jetzt zu weit vom eigentlichen Thema weg führen…

Fazit: Etwas verallgemeinert kann man sagen, dass die Protagonisten von für sich allein stehenden Romanen und mehrbändigen Serien, in denen die einzelnen Bände aufeinander aufbauen, im Laufe der Handlung eine deutliche Veränderung (meist Wachstum / Veränderung zum Guten) durchmachen sollten. Bei ‚Serienhelden‘, deren Abenteuer nicht unbedingt in einer festen Reihenfolge gelesen werden müssen, sind statische Protagonisten die bessere Alternative. Damit das Wachstum der Charaktere, eine für den Leser wichtige Dimension, in solchen Geschichten jedoch nicht völlig fehlt, wird dieses auf wichtige Nebencharaktere projiziert, die meist nur in dieser Geschichte vorkommen. Tauchen solche Nebencharaktere in zukünftigen Bänden erneut auf, zeigen sie sich dort üblicherweise ebenso wie der Protagonist als recht statische Charaktere.