Strukturiert schreiben mit Gingko

Der Markt an Schreibsoftware für Schriftsteller ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Und während viele neue Produkte keinen wirklichen Mehrwert gegenüber den bereits am Markt befindlichen Konkurrenten darstellen (wer braucht wirklich noch die 87. Zenware-Schreibapp?), gibt es immer wieder Highlights, die sich wirklich lohnen.

Zu diesen Highlights würde ich ganz klar “Gingko 2” zählen, die neue Desktop-Version der visuell orientierten Schreibapp Gingko (https://gingkoapp.com/).

Offline statt Online

Auch wenn Gingko als webbasierter Online-Dienst bereits seit mehreren Jahren existiert, war es für mich für den Produktiveinsatz beim Schreiben niemals in Frage gekommen.

Dafür gab es hauptsächlich zwei Gründe:

  1. Ich mag grundsätzlich keine Software-Abos. Wenn ich eine Software verwende, möchte ich einmal dafür bezahlen und das Programm anschließend dauerhaft nutzen können. Das ist genau wie bei Microsoft Office. Hier kaufe ich mir auch lieber eine dauerhaft nutzbare Lizenz, als jährlich neu für “Office 365” zur Kasse gebeten zu werden.
  2. Ich mag keine reinen Online-Tools. Da ich häufig mit dem Laptop unterwegs arbeite, wo ich kein WLAN und keinen Internet-Zugriff habe, brauche ich Programme, die ich auch offline nutzen kann. Zudem habe ich bei Online-Diensten immer die Befürchtung, dass diese irgendwann den Dienst einstellen und ich dann nicht mehr an meine dort gespeicherten Daten komme.

Beide Punkte sind mit der neuen Desktop-Version von Gingko hinfällig geworden.

Horizontale statt vertikaler Gliederung

Was Gingko von anderen Schreibprogrammen und Outlinern unterscheidet ist die Art, wie Texte in Gingko strukturiert und am Bildschirm dargestellt werden.

“Normale” Schreibprogramme stellen die Struktur eines Texts ausschließlich vertikal dar. Wenn Sie beispielsweise ein Word-Dokument mit unterschiedlichen Gliederungsebenen betrachten, sehen Sie die Überschriften der unterschiedlichen Ebenen und den eigentlichen Text genau in der Reihenfolge, wie er bei einem Ausdruck des Manuskripts erscheinen würde – eben “WYSIWYG” (What you see is what you get).

Um nur die Struktur des Textes zu sehen und so schnell zu einer bestimmten Stelle springen zu können, brauchen Programme wie Word daher eine spezielle Navigations-Ansicht, die links neben dem Text angeheftet werden kann und sich rein auf die als vertikale Baumstruktur dargestellten Überschriften beschränkt.

Auch Dual-Pane-Outliner (also Gliederungsprogramme mit zwei getrennten Bildschirmbereichen für Gliederung und Text) wie RightNote oder KeyNote NF gliedern die Struktur eines Textes vertikal und trennen sie vom eigentlichen Text. In ihnen sieht man lediglich die verschachtelte und auf unterschiedlichen Stufen eingerückt dargestellte Gliederung, während man den eigentlichen Text nur in einem rechts davon angeordneten Zusatzfenster sehen kann, indem man genau diesen Gliederungspunkt anklickt.

Gingko verfolgt einen völlig anderen Ansatz und organisiert die Struktur eines Textes stattdessen horizontal. Die einzelnen Gliederungsebenen (also z. B. Buch, Kapitel und Abschnitt) werden in unterschiedlichen Spalten nebeneinander dargestellt – also gewissermaßen als sich nach rechts ausbreitende Baumstruktur.

Gingko ScreenshotDie ganz rechte Spalte von Gingko enthält jeweils den eigentlichen Text, der ähnlich wie die Scrivenings in Scrivener als durchgängiges Manuskript mit Trennlinien zwischen den einzelnen Kapiteln / Abschnitten dargestelt wird.

Dieser Ansatz hat den Vorteil, dass man jede Strukturebene für sich allein genommen betrachten kann. Während man die Abschnitte eines Kapitels strukturiert, sieht man in der Spalte links davon stets eine komplette Liste aller Kapitel, und während man den Text für einen Abschnitt schreibt, sieht man in den beiden links davon angeordneten Spalten sowohl die komplette Kapitelübersicht als auch die Liste aller geplante Abschnitte des aktuellen Kapitels.

Diese Art der Darstellung erscheint einem anfangs vielleicht noch als etwas gewöhnungsbedürftig, erweist sich aber schon nach kurzer Einarbeitungszeit als äußerst praktisch und übersichtlich.

Jeder Textabschnitt, egal, ob es sich nur um eine Überschrift oder um einen längeren Textabschnitt handelt, wird auf einer separaten Textkachel dargestellt – ein wenig wie eine Karteikarte, die ihre Größe dynamisch auf Basis des für den Inhalt benötigten Platzes anpasst.

Die sinnvolle Größe für solche Textkacheln wird natürlich durch die Größe des Bildschirms beschränkt. Man kann zwar theoretisch eine komplette Romanszene auf eine einzige Textkachel schreiben, doch in der Praxis geht dann doch ein wenig die Übersichtlichkeit verloren.

Das führt dazu, dass man rasch dazu übergeht, seinen Text in kleinere Fragmente zu gliedern – bei einem Sachtext beispielsweise einzelne Argumente oder Aspekte oder bei einem Roman die einzelnen Beats einer Szene.

Diese lassen sich leicht bearbeiten und bei Bedarf per Drag & Drop oder Tastenkürzel komfortabel umstrukturieren.

Markdown-Unterstützung

Ein weiterer großer Pluspunkt von Gingko ist die gelungene Markdown-Unterstützung.

Wie regelmäßige Leser meines Blogs oder des WritersWorkshop Autorennewsletters vermutlich wissen, bin ich ein großer Fan des Markdown-Formats für Schriftsteller.

Die unkomplizierte und rasch erlernbare Markdown-Formatierungssprache erlaubt es einem, sauber formatierte Texte in jedem beliebigen Texteditor zu schreiben und später samt Überschriften, Auflistungen und Formatierungen wie fett oder kursiv in jedes benötigte Format (wie beispielsweise in ein Word-Dokument) umzuwandeln.

Markdown erleichtert auch den Workflow für Autoren, da es die oft nicht ganz unproblematische Kompatibilitäts-Schwelle zwischen unterschiedlichen Schreibprogrammen beseitigt. Unterschiedliche Dateiformate spielen keine Rolle mehr, wenn man den kompletten Inhalt über das allgemeingültige Textformat von einem Programm ins andere übertragen kann.

Auch Gingko erlaubt es einem, seine Texte im Markdown-Format zu schreiben und zu strukturieren und bildet so eine optimale Basis für die spätere Weiterbearbeitung des Manuskripts in anderen Schreibprogrammen.

Bearbeitungsmodus und Vorschau

Sehr schön gelungen finde ich in dieser Beziehung die nahtlosen Übergänge zwischen Bearbeitungs- und Vorschaumodus in Gingko.

Während man den Inhalt einer Textkachel bearbeitet, wird diese mit einem weißen Hintergrund und schattierten Rändern vom Rest des Textes abgehoben und ihr Inhalt in einer fixen Schriftart dargestellt, bei der (wie bei einer klassischen Schreibmaschine) jeder Buchstabe gleich breit ist. Markdown-Formatierungen werden in diesem Modus genauso dargestellt, wie sie über die Tastatur eingegeben werden.

Sobald man die Bearbeitung der Textkachel über STRG+ENTER abschließt, verschmilzt der Text wieder mit dem Rest des Manuskripts und wird in einer proportionalen Schrift mit visueller Markdown-Vorschau dargestellt.

Alle Formatierungen wie Überschriften, fett, kursiv, Auflistungen u.ä. werden also in der Vorschau wie in einem gedruckten Dokument dargestellt.

Diese beiden unterschiedlichen Modi gestalten die Textbearbeitung in Gingko sehr angenehm und übersichtlich.

Feste Optik und Verzicht auf Optionen

Der minimalistische Aufbau von Gingko spiegelt sich auch in den nicht vorhandenen Optionen wieder.

Sowohl die optische Darstellung (Farben, Schriftart und Layout) als auch die Bedienung über Tastatur-Shortcuts sind fest im Programm verankert und können vom Benutzer nicht angepasst werden.

Das mag manchen als Nachteil erscheinen und vielleicht wird sich dies auch in zukünftigen Versionen von Gingko noch ändern, doch mir persönlich ist dieser pragmatische Ansatz durchaus sympathisch. Die gewählte Kombination aus Farben, Schriftart und Schriftgröße ist stets gut lesbar und die Steuerung per Tastatur ist gut durchdacht. Man kann beim Planen und Schreiben seiner Texte stets die Finger auf der Tastatur lassen und wird niemals dadurch aus dem Schreibfluss gerissen, dass man während des Schreibens zur Maus greifen müsste.

Zusammen mit dem (nur im Übersichts-/Vorschaumodus) stets sichtbaren Wordcount des kompletten Dokuments und der ausblendbaren Hilfskachel in der linken unteren Ecke des Bildschirms, die die aktuell zur Verfügung stehenden Tastenkombinationen anzeigt, hat Gingko alles, was man zum Schreiben einer Rohfassung benötigt.

Der Verzicht auf überflüssige Optionen und Spielereien zwingt einen (ähnlich wie bei den meisten Zenware-Schreibprogrammen), sich beim Schreiben auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt – den eigentlichen Text.

Stärken und Einsatzgebiete

Die Stärken von Gingko liegen beim Planen und Schreiben kurzer bis mittellanger Texte mit klarer Struktur.

Gingko ist perfekt für Blogger, Journalisten und Autoren kurzer Sachbücher, die in Gingko (speziell durch die gut durchdachte Markdown-Unterstützung) theoretisch ihr komplettes Manuskript bis zur Fertigstellung der Rohfassung schreiben können.

Für Romanautoren ist Gingko perfekt, um die Struktur eines Romans bis hinab zur einzelnen Szene zu planen. Diese Struktur kann man später exportieren und als Grundlage für das Schreiben der eigentlichen Rohfassung verwenden.

Einen kompletten Roman würde ich persönlich in Gingko nicht schreiben wollen, da man den Haupttext letztendlich während der meisten Zeit nur im unteren rechten Drittel des Bildschirms schreibt (siehe Bild).

Gingko Screenshot

Für das Schreiben längerer Sachbücher oder ganzer Romane würde ich definitiv ein Programm wie Write! (siehe “Produktiveres Schreiben mit Write!“) mit Vollbildmodus und Schreibmaschinen-Scrolling vorziehen, doch in der Praxis können Gingko und Write! wunderbar zu einem durchgängigen Schreib-Workflow kombiniert werden: Man strukturiert das Buch in Gingko, exportiert diese Struktur als Text-Datei und importiert diese dann zur weiteren Bearbeitung in Write!. So kann man die individuellen Stärken beider Programme optimal miteinander kombinieren.

Fazit

Auch wenn die Desktop-Version von Gingko im aktuellen Stadium noch nicht alle Features der Web-Version besitzt, reicht sie für das produktive Arbeiten bereits jetzt völlig aus.

Da die Desktop-Version laufend weiter entwickelt wird, rechne ich aber damit, dass alle bislang noch fehlenden Features der Web-Version früher oder später auch in der Desktop-Version auftauchen werden.

Wer interessiert ist, kann sich unter https://github.com/gingko/client/issues ansehen, welche Änderungen und Erweiterungen der Desktop-Version von Gingko sich aktuell in der Entwicklung befinden.

Ich selbst bin sehr angetan von der “Gingko 2”-Desktop-Version und werde das Programm in Zukunft häufiger im Rahmen meiner Schreibprojekte einsetzen.

Speziell die bereits erwähnte Kombination mit Write! bewährt sich in der Praxis sehr gut.

Wer das Programm vor dem Kauf erst einmal auf Herz und Nieren testen möchte, hat mit der sehr fair gestalteten Demo-Version, die man unter https://gingko.io/ für Windows, Mac oder Linux herunterladen kann, die Gelegenheit dazu.

Während bei den 30-Tage-Demos anderer Programme üblicherweise nach dem ersten Programmstart der Timer gnadenlos tickt und die Demo nach 30 Kalendertagen deaktiviert, können Sie die Demo von Gingko an 30 beliebigen, nicht zwangsläufig aufeinander folgenden Tagen benutzen.

Wenn Sie Gingko beispielsweise nur einmal wöchentlich für einen neuen Blogpost verwenden, können Sie die Demo ein rundes halbes Jahr lang nutzen, bevor Sie sich entscheiden müssen, ob Sie die Vollversion kaufen wollen.

Über https://gingkoapp.com/desktop-upgrade können Sie einen Lizenzschlüssel für die Desktop-Version von Gingko bestellen, mit der Sie die Demo zu einer dauerhaft nutzbaren Vollversion machen können.

Der Preis liegt bei 45 USD (also genauso viel wie für Scrivener), allerdings ermöglicht der Entwickler Adriano Ferrari es denjenigen, denen dies aufgrund ihrer finanziellen Situation zu teuer erscheint, den Preis nach der Pay-what-you-want-Methode bis auf ein Minimum von 15 USD zu reduzieren.

Ob Gingko genauso viel wert ist wie Scrivener, ist eine schwer zu treffende Entscheidung. Scrivener hat (auch verglichen mit wesentlich teureren Konkurrenten wie Papyrus Autor) ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis, das man nicht als selbstverständlich betrachten sollte. Verglichen mit anderen Programmen erscheint der Preis von 45 USD für Gingko durchaus angemessen, zumal man mit diesem Betrag auch die Weiterentwicklung dieses gut durchdachten Schreibtools unterstützt.

Probieren Sie Gingko einfach selbst einmal aus, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass auch Sie nach dem Test der Demo zur dauerhaft nutzbaren Vollversion greifen.

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