Der kompetente Protagonist: Superheld oder Alltagsheld?

Eine der wichtigsten Eigenschaften des Protagonisten ist, dass er kompetent ist – also besonders gut in einer ganz bestimmten Sache. Auch im wahren Leben lieben wir es, echten Könnern ihres Fachs bei der Arbeit zuzusehen – egal, ob es sich um Jongleure und andere Artisten, Maler wie Bob Ross, die innerhalb weniger Minuten beeindruckende Kunstwerke erschaffen, Meisterköche, Musiker oder um Zauberkünstler handelt.

Wir schätzen und honorieren Kompetenz, und darum ist es eine bewährte Taktik, den Protagonisten eines Romans in einer bestimmten Sache besonders kompetent zu machen. Die Frage ist nur, was für eine Art von Protagonist wir erschaffen wollen: einen ‚Superhelden‘ oder einen ‚Alltagshelden‘?

Wer bei ‚Superheld‘ direkt an diverse maskierte/kostümierte Comichelden denkt, die durch die Comics und deren Verfilmungen von Marvel und DC fliegen, schweben oder schwingen – keine Sorge: das ist nicht das, was ich mit einem ‚Superhelden‘ meine.

Ein ‚Superheld‘ ist nach meiner Definition jemand, der für die Lösung eines Problem prädestiniert ist und die passenden Fähigkeiten, Kenntnisse und Ausrüstungsgegenstände gleich mitbringt.

Ihm gegenüber steht als Kontrast der ‚Alltagsheld‘, der zwar ebenfalls kompetent ist – nur eben nicht in den Dingen, die man üblicherweise für die Lösung eines solchen Problems benötigen würde.

Für so ziemlich jedes Problem, das man in einem Roman thematisieren könnte, können wir uns den passenden ‚Superhelden‘ vorstellen:

Ein megalomanischer Verbrecherboss versucht, die Welt mit gestohlenen Atombomben zu erpressen? Wer wäre besser geeignet, sich hierum zu kümmern, als ein Agent vom Schlage eines James Bond, der jeden Gegner mühelos ausschalten, jedes Flugzeug fliegen, jeden noch so neuen und geheimen Computer bedienen und jede verschlüsselte Botschaft mühelos entschlüsseln kann?

Oder nehmen wir ein Atomkraftwerk, das von Terroristen besetzt wird, ein Eishockeystadion, das während des großen Finalspiels von Gangstern überfallen wird oder einen Flugzeugträger, der von feindlichen Streitkräften überfallen wird. Nach der Hollywood-08/15-Formel hat garantiert entweder der Koch oder der Hausmeister eine Vergangenheit als Agent oder als Navy Seal, die es ihm ermöglicht, die Gegner einen nach dem anderen auszuschalten und am Ende die tickende Bombe wenige Sekunden vor der Explosion zu entschärfen.

Manchmal sind Superhelden-Romane wie diese spannend zu lesen. Doch für den Autor haben sie den Nachteil, dass auch die antagonistischen Kräfte überproportional hochskaliert werden müssen, um dem Superhelden-Protagonisten noch eine echte Herausforderung zu bieten. Ein gutes Beispiel dafür sind die Romane von Matthew Reilly: In den Abenteuern seines wahrhaft superheldenhaften Protagonisten Shane ‚Scarecrow‘ Schofield wird die Action derart aufgepumpt, dass einem ein handelsüblicher Bond-Film dagegen wie ein dröges Kammerspiel vorkommt: Ständig tickt irgendwo ein Countdown, während Schofield es gleich mit mehreren auch untereinander verfeindeten und zahlenmäßig weit überlegenen feindlichen Gruppierungen zu tun bekommt – dazu kommen noch feindliche Helikopter und Atom-U-Boote sowie diverse lebensgefährliche Vertreter der jeweils heimischen Tierwelt – von Killerwalen über Eisbären bis hin zu genmanipulierten Gorillas. Ich liebe diese Romane, genau wie ich gut gemachte Hollywood-Blockbuster liebe, aber trotz allem steht hier der Plot im Vordergrund, nicht die Entwicklung der Charaktere – und außerdem dürfte Reilly sich schwer tun, nach „Arctic Fire“ von 2013 die mittlerweile schon verdammt hoch liegende Action-Messlatte mit dem nächsten Schofield-Roman noch einmal ein Stück anzuheben.

Wenn wir also einen ‚Superhelden‘ als Protagonisten haben, liegt der Fokus der Handlung meist darauf, ihn mit immer mehr und immer größeren Problemen und Widersachern zu konfrontieren, mit denen er unter teils enormem Zeitdruck fertig werden muss. Für den Leser ist die zentrale Frage: Womit wird der Autor den Helden als nächstes herausfordern / in Zugzwang bringen?

Beim ‚Alltagshelden‘ ist der Protagonist zwar ebenfalls äußerst kompetent, aber nicht einmal der Leser kann sich vorstellen, wie ihm seine besondere Fähigkeit bei der Lösung des zentralen Problems des Romans helfen könnte. Wenn also eine Seuche in Rio de Janeiro ausbricht, wäre ein Experte für Quipus und Maya-Schriften, dessen Tochter in der unter Quarantäne gestellten Stadt fest sitzt, nicht gerade der wahrscheinlichste Kandidat, um die Situation zu retten.

Das macht den Roman natürlich gleich wesentlich spannender, als wenn wir einen berühmten Epidemiologen in dieselbe Situation bringen. Während bei dem Epidemiologen als Protagonist schon ziemlich klar ist, worauf die Handlung hinaus laufen wird, wirft der Experte für Quipus und Maya-Schriften deutlich mehr Fragen beim Leser auf: Wird er nur versuchen, seine Tochter aus der Stadt heraus zu holen, bevor auch sie infiziert wird? Aber was ist, wenn auch bei ihr die Krankheit bereits ausgebrochen ist? Vielleicht stellt sich heraus, dass die Seuche von einem Forscher eingeschleppt wurde, der erst vor wenigen Tagen von einer Expedition zu einem kürzlich im Urwald entdeckten Maya-Tempel zurückgekehrt ist, und irgendwo in den alten Tempelanlagen die Formel für ein Gegenmittel ruht – nur dass diese noch in der Schrift der Maya verfasst wurde, so dass die Expedition zur Maya-Tempelruine die Hilfe des Experten benötigt.

Generell kann man sagen, dass um so mehr Action und Schwierigkeiten erforderlich sind, je mehr man beim Entwurf seines Protagonisten in Richtung „Superheld“ tendiert: Der Protagonist muss im Laufe der Handlung wachsen, um letztendlich Schwierigkeiten zu überwinden, mit denen er zu Beginn des Romans noch überfordert gewesen wäre – entweder, indem er neue Fähigkeiten erwirbt, sich seiner wahren Stärken bewusst wird oder seine Schwächen überwindet. Das ist ein bisschen wie beim Muskelaufbau durch Gewichtheben: je stärker jemand bereits ist, desto mehr Gewichte muss man auflegen, damit derjenige auch nur einen leichten Muskelkater bekommt. Die Gewichte, die einem Anfänger unüberwindbar erscheinen, würden einem geübten Bodybuilder nur ein müdes Lächeln entlocken.

Mit einem ‚Superhelden‘ als Protagonisten müssen Sie also allein darum schon für viel größere, dramatischere und schwerere Probleme und Komplikationen sorgen – schließlich würden sich Ihre Leser langweilen, wenn Sie Ihren Protagonisten unterfordern und er seine Probleme mit Leichtigkeit lösen kann.

Stellen Sie sich vor, dass Ihr Protagonist von einer Bande jugendlicher Schläger bedroht wird. Wenn Ihr Protagonist ein unsportlicher, introvertierter Schüler oder eine alleinerziehende Mutter mit kleinen Kindern ist, ist das eine echte Herausforderung, die den Leser mitfiebern lässt.

Stellen Sie sich auf der anderen Seite vor, dass die jugendlichen Schläger sich mit jemandem anlegen, der sich als meisterlicher Kampfsportler, als übellauniger Hells-Angels-Motorradrocker oder als ehemaliger Elitesoldat herausstellt. So etwas wäre vielleicht Stoff für eine einzelne Szene, die für den einen oder anderen Lacher gut ist, aber keinesfalls für einen ganzen Roman – schlicht und einfach, weil es keine Herausforderung wäre und damit auch kein Problem gäbe. Und ohne ein echtes Problem haben wir nun mal keine Handlung für einen spannenden Roman.

Pauschal kann man sagen: bei ‚Superhelden‘ liegt der Fokus darauf, diese mit immer mehr Problemen, Komplikationen, Zeitdruck und ständig steigenden Einsätzen zu überhäufen. Als Autor legen Sie sozusagen immer wieder zusätzliche Gewichte auf, so dass sich der Leser fragt: kann er auch das noch stemmen?

Beim ‚Alltagshelden‘ liegt der Fokus hingegen darauf, wie sich der Protagonist streckt und wächst, wie er daran arbeitet, seine Schwächen zu überwinden und neue Fertigkeiten zu entwickeln, um das anfangs unüberwindlich erscheinende Problem zu bewältigen – und natürlich auf seiner Kreativität. Während der ‚Superheld‘ bestens für eine derartige Herausforderung ausgebildet und gerüstet ist, muss der ‚Alltagsheld‘ improvisieren und überlegen, wie er seine persönlichen Stärken und Fähigkeiten einsetzen kann, um das Problem zu lösen.

Nehmen wir als Beispiel eine Geschichte über eine Frau, die nach fünf Jahren Ehe von ihrem Mann verlassen und mit einem Haufen Schulden zurückgelassen wird, sodass nun ihr Haus kurz vor der Zwangsversteigerung steht.

Wenn diese Frau so attraktiv und talentiert ist, dass sie prompt einen hochbezahlten Job als Model oder Schauspielerin findet, ist sie eine ‚Superheldin‘. Dasselbe gilt, wenn sie vor ihrer Ehe als Wissenschaftlerin gearbeitet hat und nun im heimischen Hobbykeller eine geniale Erfindung macht, die sie finanziell saniert. Egal, mit welchen Problemen man als Autor eine solche ‚Superhelden‘-Protagonistin im weiteren Verlauf einer solchen Handlung überschüttet: diese haben vermutlich mehr mit dem eingeschlagenen Weg als mit dem anfänglichen Problem (verlassen und pleite) zu tun.

Mit einer ‚Alltagsheldin‘ muss man weniger neue Probleme aus dem Ärmel schütteln: das anfängliche Problem ist bereits groß genug. Wenn Ihre Protagonistin nur eine Ausbildung als Maßschneiderin hat und sich zusätzlich auch noch um ihre beiden kleinen Kinder kümmern muss, ist es nicht nur realistischer, sondern auch für den Leser wesentlich spannender, wenn die Protagonistin es am Schluss schafft, mit ihrer eigenen Kreativität und der Hilfe ein paar guter Freunde ihr eigenes Modelabel aufzubauen und dabei vielleicht auch mit einem ihrer Freunde, der schon immer heimlich für sie geschwärmt hatte, einen neuen und besseren Mann zu finden.

Natürlich gibt es auch Romanhandlungen, die geradezu prädestiniert für einen ‚Superhelden‘ sind. Wenn die Herausforderung von Anfang an so groß ist, dass sie von einem normalen ‚Alltagshelden‘ realistisch gesehen überhaupt nicht bewältigt werden könnte, können Sie auch zu einem ‚Superhelden‘ greifen, ohne dass die Handlung allein dadurch schon langweilig würde.

Wenn das Problem darin besteht, einen einzelnen Mann tief ins Feindesland zu schicken, um eine gut bewachte und schwer befestigte feindliche Basis zu zerstören, die Nachschublinien des Feindes zu unterbrechen und die gefangenen Kameraden aus einem Gefangenenlager zu befreien, wird man natürlich keinen Klempner oder Architekten schicken, sondern einen erfahrenen Agenten oder Elite-Soldaten. Aber wer als Leser zu einem Roman mit einer solchen Handlung greift, erwartet auch einen ‚Superhelden‘ als Protagonisten – und die Erwartungen des Lesers sollte man natürlich nicht enttäuschen, wenn man möchte, dass die eigenen Bücher auch in Zukunft noch gelesen werden. ;-)

Überlegen Sie sich daher genau, welche Art von Protagonist für Sie und Ihren Roman am besten geeignet ist: ein ‚Superheld“ – oder doch lieber ein ‚Alltagsheld‘?


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2 Gedanken zu „Der kompetente Protagonist: Superheld oder Alltagsheld?

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