Täglich Schreiben: Kontinuität durch Vorrats-Planung

Wenn es eine Gewohnheit gibt, die einen als Schriftsteller voran bringt, ist es die, täglich zu schreiben. Egal ob man sich inspiriert fühlt oder nicht. Egal, ob die Sonne scheint, ob es regnet oder ob die Welt um einen herum im Nebel versinkt. Und mit schreiben meine ich wirklich schreiben. Also nicht übers Schreiben nachdenken,  Blogposts oder Bücher übers Schreiben lesen, planen, recherchieren oder bereits geschriebene Texte  überarbeiten, sondern wirklich neue Texte zu Papier bzw. in den Computer zu bringen.

Auch Planung, Recherche und Revision sind natürlich wichtig für die Qualität des fertigen Manuskripts, aber sie können das Schreiben nicht ersetzen. Ohne dass wir regelmäßig schreiben, werden wir auf Dauer nichts Neues schaffen.

Wenn man jedoch (wieder mal) den guten Vorsatz fasst, täglich zu schreiben, steht man immer noch vor der Qual der Wahl: soll man sich lieber ein zeitliches oder doch eher ein quantitatives Ziel setzen?

Vor- und Nachteile zeitlicher Ziele

Zeitliche Ziele haben natürlich den Vorteil, dass sie deutlich stressfreier sind. Wenn man sich beispielsweise vorgenommen hat, jeden Morgen vor der Arbeit eine Stunde zu schreiben, kann man diesen Punkt als erledigt abhaken, sobald man 60 Minuten vor der Tastatur gesessen hat und versucht hat, in dieser Zeit ewas mehr oder weniger Sinnvolles zu Papier zu bringen. Ob das Manuskript dabei um tausend, fünfhundert oder nur um zwanzig Worte angewachsen ist, spielt bei einem zeitlichen Ziel keine Rolle.

Gar keine Frage: Es gibt Schriftsteller, die mit rein zeitlichen Zielen arbeiten und damit wunderbar bei ihren Schreibprojekten voran kommen. Je nachdem, was für eine Arbeitsmethodik man sich im Laufe der Zeit angewöhnt hat, kann das für einen selbst sogar der optimale Weg sein. Wichtig ist bei der Arbeit mit zeitlichen Zielen lediglich, dass man während der kompletten Zeit konsequent und konzentriert an den Aufgaben dran bleibt, die einem beim aktuellen Schreibprojekt optimal voran bringen.

Doch die eben gerade erwähnten Schriftsteller setzen sich üblicherweise keine zeitlichen Ziele „zum Schreiben“, sondern ganz allgemein für die Arbeit an ihrem aktuellen Projekt. So kann es sein, dass sie über mehrere Wochen ihre ‚Projektstunden‘ ausschließlich mit der Überarbeitung eines fertig geschriebenen Manuskripts oder mit der Recherche für ihr nächstes Buch verbringen, ohne in dieser Zeit etwas Neues zu schreiben. Das ist zweifelsohne produktiv und bringt sie bei ihren Schreibprojekten gut voran, doch mit der angepeilten Gewohnheit „täglich schreiben“ hat das nicht mehr viel zu tun.

Wenn man es ausschließlich aufs eigentliche Schreiben bezieht, haben reine Zeitziele den Nachteil, dass sie einen aufgrund fehlender Zielvorgaben zum Trödeln verleiten. Ohne quantitative Ziele schleicht sich zudem, meist ohne dass man es selbst bemerkt, falscher Perfektionismus ein. Man verwischt die Grenzen zwischen Schreiben und Revision und fängt an, bereits während des Schreibens den gerade erst geschriebenen Text zu überdenken und zu überarbeiten – sozusagen zwei Schritte vor und einen zurück. Es ist klar, dass man so mit dem Schreiben nicht wirklich gut voran kommt.

Ich möchte an dieser Stelle nicht mehr im Detail darauf eingehen, warum man Schreiben und Überarbeitung strikt voneinander trennen sollte – das würde zu weit vom eigentlichen Thema weg führen. Fakt ist jedenfalls, dass es wesentlich produktiver ist, erst einmal eine Rohfassung zu Papier zu bringen, die sich ruhig ziemlich holprig und hölzern lesen kann, und diese dann später in aller Ruhe zu überarbeiten und auf Hochglanz zu polieren.

Hybrid-Ziele: Wie Sie zeitliche und quantitative Ziele optimal kombinieren

Was das eigentliche Schreiben angeht, ist meiner Erfahrung nach eine Kombination aus zeitlichen und quantitativen Zielen das Optimum.

Ein solches Hybrid-Ziel sieht so aus, dass Sie sich zwar ein zeitliches Ziel setzen (z.B. eine Stunde morgens vor der Arbeit), aber zugleich festlegen, wie viel Sie innerhalb dieser Stunde mindestens schreiben wollen.

Wichtig ist, dass Sie sich hierbei ein realistisches Ziel setzen. Wenn Sie an Ihren besten Tagen 1200 Wörter pro Stunde schaffen, ist es auf Dauer absolut demotivierend, wenn Sie sich diese 1200 Wörter als Messlatte setzen, die Sie ab jetzt jeden Tag erreichen wollen. Machen Sie es sich stattdessen einfach, zu gewinnen, und setzen Sie Ihr quantitatives Ziel ganz bewusst eher niedrig an.

Dafür gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Um eine solch realistisch niedrige Zielvorgabe zu ermitteln, notieren Sie zunächst während der nächsten 30 Tage, wie viele Wörter Sie innerhalb Ihrer morgendlichen Schreibstunde schaffen. Streichen Sie aus Ihrer Aufzeichnung die fünf schlechtesten und die fünf besten Ergebnisse. Die Ergebnisse der verbleibenden 20 Tage addieren Sie zusammen und teilen das Ergebnis durch 20. Runden Sie diese Zahl auf die nächsten vollen hundert Wörter ab. Dies ist ab jetzt Ihr tägliches Wordcount-Ziel.
  2. Alternativ können Sie Ihr Wordcount-Ziel anfangs ganz bewusst lächerlich niedrig ansetzen und es langsam steigern. Fangen Sie mit hundert Wörtern pro Stunde an – also nicht einmal zwei Wörtern pro Minute.

Schreiben Sie weiterhin jeden Morgen eine Stunde und bemühen Sie sich, Ihr tägiches Wordcount-Ziel zu erreichen bzw. nach Mögichkeit sogar zu überschreiten.

Sollten Sie es doch einmal morgens nicht schaffen, Ihr Wordcount-Tagesziel zu erreichen, müssen Sie eben im weiteren Laufe des Tages (also z.B. abends nach der Arbeit) eine weitere Schreibsession einlegen, um Ihr Tagessoll voll zu machen. Das sollte allerdings in der Praxis eher selten erforderlich sein, da Sie sich ja ein eher zurückhaltendes und leicht zu erreichendes Ziel gesetzt haben.

Kontinuierliche Anpassung des Tagessolls

Wichtig ist, dass Sie weiterhin täglich notieren, wie viel Sie innerhalb Ihrer Schreibsession geschafft bekommen. Notieren Sie, wie lange Sie insgesamt geschrieben haben und wie viele Wörter Sie in dieser Zeit geschafft haben. Einmal im Monat addieren Sie die Gesamtzeit und die insgesamt geschriebenen Wörter auf, teilen die Wörter durch die Anzahl der Stunden und vergleichen das Ergebnis mit Ihrer bisherigen Zielvorgabe.

Meist werden Sie gerade während der ersten Monate feststellen, dass Sie mit zunehmender Routine immer schneller werden. Das sollte sich natürlich auch auf Ihre Zielvorgabe auswirken. Steigern Sie diese langsam, aber bleiben Sie stets etwas unter Ihrem bisherigen Durchschnittswert. Wenn Sie also im Schnitt während des letzten Monats 872 Wörter pro Stunde geschrieben haben, sollten Sie Ihr Ziel pro Stunde maximal auf 800 Wörter setzen.

Die Bedeutung einer guten Vorplanung

Die wichtigste Voraussetzung für dauerhaften Erfolg mit quantitativen Schreibzielen ist allerdings, dass Sie keine wertvolle Schreibzeit am PC damit verschwenden, darüber nachzugrübeln, was Sie eigentlich schreiben wollen.

Machen Sie es sich stattdessen zur Angewohnheit, sich spätestens am Vorabend genau zu überlegen, was Sie am nächsten Tag schreiben wollen. Je detaillierter und ausführlicher Ihre Notizen sind, desto besser dürften Sie am nächsten Tag voran kommen.

Doch das Planen am Vorabend hat zwei große Nachteile. Zunächst einmal lebt man auf diese Weise sozusagen von der Hand in den Mund. Man muss jeden Abend vorarbeiten und sich etwas einfallen lassen, damit man nicht am nächsten Tag ohne Ideen vor einem leeren Bildschirm sitzt. Das ist auf Dauer genauso stressig wie eine Autofahrt durch den dichten Nebel, bei der man bestenfalls fünfzig Meter weit sehen kann.

Der zweite Nachteil ist, dass abends für viele von uns nicht gerade die optimale Zeit zum Schreiben oder zum Planen ist. Oft fühlt man sich nach einem anstrengenden Tag geistig ziemlich erledigt und freut sich nur noch auf einen gemütlichen Fernsehabend in der Couch. Sich dann noch Ideen für das Schreibpensum des nächsten Tags zurecht zu legen, kommt einem an solchen Tagen wie der vergebliche Versuch vor, mit bloßen Händen den Saft aus einem unreifen Apfel zu pressen. Außerdem ist es oft so, dass der Abend der Familie gehört oder man noch etwas mit Freunden unternehmen möchte.

Besser ist es daher, das Wochenende zum Planen zu nutzen. Während man werktags meist froh sein kann, wenn man morgens eine Stunde zum Schreiben freischaufeln kann, hat man am Wochenende üblicherweise mehr Zeit zur Verfügung.

Versuchen Sie daher, bereits am Wochenende so viel vorzuplanen, dass es für die ganze nächste Woche reicht. Wenn Sie am Wochenende die nächsten 5-10 Szenen Ihres Romans zumindest grob vorgeplant haben, genügt es anschließend, wenn Sie sich abends nur noch mal Ihre Notizen zur aktuellen und zur nächsten Szene durchlesen und diese vielleicht noch etwas ausarbeiten und ergänzen.

Auch kleine Schritte führen zum Ziel

Falls also auch Sie schon mehrere gescheiterte Versuche hinter sich haben, das Schreiben zu einem festen Teil Ihres täglichen Lebens zu machen, sollten Sie es einmal mit dieser Methode probieren. Es muss ja nicht unbedingt eine ganze Stunde pro Tag sein – selbst innerhalb von 30 oder sogar nur 15 Minuten am Tag können Sie schon einiges erreichen.

Wie sagt man so schön: Viele Wenigs ergeben ein Viel. Das gilt ganz besonders fürs Schreiben. Wenn Sie im Vorfeld schon genau wissen, was Sie schreiben wollen, und sich bereits alles gedanklich zurecht gelegt haben, können Sie innerhalb von 15 Minuten locker eine Buchseite von 250-300 Wörtern schreiben. Das klingt nach wenig, doch wenn Sie dies auf ein Jahr hochrechnen, landen Sie allein damit schon bei über 100.000 Wörtern, was einem Roman von runden 350-400 Taschenbuchseiten entspricht.

Probieren Sie es einfach einmal aus und lassen Sie sich von anfänglichen Rückschlägen nicht entmutigen. Wenn Sie vom Pferd fallen, steigen Sie einfach wieder in den Sattel. Nur wer aufgibt, hat verloren. Es mag vielleicht einige Wochen dauern, aber irgendwann geht Ihnen das tägliche Schreiben (ebenso wie die Vorplanung am Wochenende) so in Fleisch und Blut über, dass Sie sich gar nicht mehr vorstellen könnten, darauf zu verzichten. Und ein Jahr später können Sie dann zurück schauen und merken, was Sie in den vergangenen 12 Monaten alles geschafft haben. Ich könnte mir vorstellen, dass das Ergebnis Sie überraschen wird.


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