Casting – die Idealbesetzung für Ihren Protagonisten

Vielleicht haben auch Sie schon einmal spielerisch dem Gedanken nachgehangen, welcher Schauspieler Ihre Wunschbesetzung für die Rolle Ihres Protagonisten (oder einer anderen wichtige Figur aus Ihrem Romanprojekt) wäre, wenn Ihr Roman einmal verfilmt werden würde.

Solche Gedanken mögen einem als sinnlose Träumerei erscheinen (schließlich ist es äußerst unwahrscheinlich, dass tatsächlich mal einer unserer Romane es ins Kino oder auch nur ins Fernsehen schafft), doch in der Praxis ist genau das Gegenteil der Fall: Bevor Sie auch nur das erste Wort Ihrer Rohfassung schreiben, sollten Sie unbedingt einen Schauspieler bzw. eine Schauspielerin auswählen, der die Idealbesetzung für die Hauptrolle in Ihrem Roman wäre.

Die Rolle des Protagonisten mit einem bekannten Schauspieler zu besetzen, den man schon häufig gesehen hat und den man aus vielen Filmen kennt, hat eine ganze Reihe von Vorteilen:

Zunächst einmal sorgt es dafür, dass Sie sich Ihren Protagonisten selbst besser vorstellen können und ein exaktes Bild vor Ihrem geistigen Auge haben, wenn Sie sich Ihren Protagonisten in einer bestimmten Szene oder Situation vorstellen.

Selbst wenn Sie über etliche Monate an Ihrem Romanprojekt arbeiten, besteht nicht die Gefahr, dass sich Ihre eigene Vorstellung vom Aussehen Ihrer Hauptfigur im Laufe der Monate nach und nach verändert und so zu Widersprüchen und Inkonsistenzen sorgt, die manchen aufmerksamen Lesern später nicht entgehen würden. Wenn Sie wissen, dass die Hauptfigur Ihres Romans in Ihrer Vorstellung von Gerard Butler oder von Reese Witherspoon gespielt wird, schließt allein das schon einen guten Teil der möglichen Fehlerquellen aus.

Natürlich spielen viele Schauspieler im Laufe ihrer Karriere ganz unterschiedliche Rollen, in denen sie durch unterschiedliche Frisuren, Haarfarben oder Verhaltensweisen fast wie eine andere Person wirken. Allein die Entscheidung, dass Ihre Protagonistin wie eine bestimmte Schauspielerin aussieht, bewahrt Sie nicht davor, Fehler hinsichtlich ihrer Haarfarbe oder Frisur zu machen – es sei denn, dass Sie Ihre Entscheidung direkt mit einer bestimmten Rolle verknüpfen, die derjenige bzw. diejenige schon einmal gespielt hatte.

Im Gegensatz zu einem „echten Casting“, bei dem man mehr oder weniger darauf angewiesen ist, den Schauspieler so zu nehmen, wie er heute aussieht, haben Sie bei dieser Entscheidung die völlige Freiheit, sich auf der Zeitachse vor und zurück zu bewegen.

So können Sie nicht nur aktuelle Schauspieler für Ihre Rollen auswählen, sondern auch bereits verstorbene Schauspieler als Idealbesetzung casten – oder heute bereits ältere Schauspieler auf dem Stand, wie sie vor zwanzig oder dreißig Jahren aussahen.

Vielleicht sieht Ihr Protagonist in Ihrer Vorstellung aus wie der junge Marlon Brando in „Endstation Sehnsucht“, aber keinesfalls wie sein gealtertes, korpulentes Ich aus seinen letzten Rollen. Oder stellen Sie sich Ihre Hauptheldin eventuell so vor wie Uma Thurman in „Pulp Fiction“?

Mit der Kombination aus Schauspieler und bekannter Rolle haben Sie ein Bild vor Ihrem geistigen Auge, das Sie konsistent auf den Seiten Ihres Romans beschreiben können, ohne sich unfreiwillig in Widersprüche zu verwickeln. Wenn Sie Ihr geistiges Bild von Ihrem Protagonisten wieder auffrischen wollen, genügt es, sich noch einmal ganz in Ruhe den Film anzusehen, den Sie sich als Referenz für Ihren Protagonisten ausgesucht hatten.

Dieses „Casting“ liefert Ihnen nicht nur eine steckbriefähnliche Beschreibung wie etwa ein Charakter-Fragebogen oder ein Charakter-Dossier, sondern ein mehrdimensionales Bild aus Aussehen, Bewegungen, Verhaltensweisen und Sprechweise, das Sie (immer unter der Voraussetzung, dass Sie den entsprechenden Film oft genug gesehen haben) beim Schreiben jederzeit abrufen können.

Probieren Sie es einfach einmal aus. Vielleicht werden ja auch Sie feststellen, dass Ihnen das Schreiben so mancher Szene wesentlich flüssiger von der Hand geht, wenn Sie sich einen ganz bestimmten Schauspieler in einer ähnlichen Rolle vor Ihrem geistigen Auge vorstellen.


Von Charakter-Fragebögen, Charakter-Dossiers und Casting für Charaktere…

Wenn es um den Entwurf von Romanfiguren (und ganz speziell Protagonisten) geht, liest man häufig den Tipp, zu dieser Figur einen Charakter-Fragebogen auszufüllen, um sie besser kennenzulernen. Der dahinter liegende Gedanke ist zwar richtig, doch der Ansatz mit dem Charakter-Fragebogen zäumt das Pferd leider von hinten auf.

Natürlich ist es richtig, dass man als Schriftsteller seine Romanfiguren und speziell seinen Protagonisten sehr gut kennen muss – sogar besser, als man die meisten ‚realen‘ Personen im eigenen Umfeld kennt. Denn wie will man glaubwürdig aus der Perspektive einer Person schreiben und eine Handlung entwickeln, die der Leser später als realistisch und plausibel empfindet, wenn man sich nicht gut genug in die Gedanken, Motive und Pläne dieser fiktionalen Person hineinversetzen kann, um sie realistisch handeln zu lassen?

Doch mit dem Ausfüllen eines Charakter-Fragebogens zu beginnen ist, so logisch und sinnvoll er einem auch auf den ersten Blick erscheinen mag, dennoch der falsche Ansatz.

Ich möchte hier ganz bewusst zwischen einem Charakter-Bogen (oder auch ‚Charakter-Dossier‘) und einem Charakter-Fragebogen differenzieren. Auch wenn beide in ausgefülltem Zustand gar nicht so unähnlich aussehen, handelt es sich dennoch um einen völlig anderen Ansatz. Während man beim Charakter-Fragebogen (von dem ich persönlich nicht allzu viel halte) den Fragebogen der Reihe nach mit Daten füllt und hofft, dadurch einen abgerundeten Romancharakter zu erhalten, dient der Charakter-Bogen (bzw. das ‚Charakter-Dossier‘) dazu, alles festzuhalten, was man als Schriftsteller bereits über eine bestimmte Romanfigur weiß. Um Verwechslungen zu vermeiden, werde ich diese Variante im Rest des Artikels als ‚Charakter-Dossier‘ bezeichnen.

Charakter-Dossiers sind eine feine Sache, auf die man als Schriftsteller kaum verzichten kann. Sie sorgen dafür, dass man beim Schreiben stets die Übersicht behält und nicht Gefahr läuft, sich im Laufe der Romanhandlung durch vergessene oder verwechselte Details selbst zu widersprechen. Selbst bekannten Schriftstellern passiert es gelegentlich, dass eine Person im Laufe des Romans beispielsweise ihre Augenfarbe wechselt oder dass ihr Name ab einer bestimmten Stelle des Romans auf einmal anders geschrieben wird. Solche ärgerlichen Detailfehler entgehen leider viel zu häufig sogar den Lektoren klassischer Verlage, so dass sie es bis ins gedruckte Buch schaffen und dann für negative Rezensionen durch ebenso aufmerksame wie kritische Leser sorgen.

Charakter-Dossiers verhindern, dass man auf Seite 10 eine Figur mit schütterem Haar schildert und diese Person sich dann auf Seite 90 mit den Händen nervös durch ihre dicken Locken fährt. Alles, was man über eine Romanfigur, ihre Eigenschaften, Kenntnisse, Vorlieben und Vergangenheit auf den Seiten des Romans bereits erwähnt hat, gehört definitiv in das Charakter-Dossier dieser Figur – ob es nun die Tatsache ist, dass die Person Linkshänder ist, dass sie einen auffälligen Siegelring trägt oder dass, wie Sie sich beim Schreiben einer Dialogszene überlegt haben, die Eltern der Romanfigur 1993 bei einem Autounfall mit Fahrerflucht ums Leben gekommen sind.

Doch während ein solches Dossier während der Entstehung eines Romans erst nach und nach wächst, da man als Schriftsteller während des Schreibens seine Romancharaktere immer besser kennen lernt und neue Details über sie entdeckt, erfindet und einfließen lässt, erinnert der ‚Charakter-Fragebogen‘ mehr an eine ‚Lego-Bauanleitung für Romanfiguren‘.

Bei dem an sich löblichen Versuch, den Schriftsteller beim Entwurf abgerundeter und realistischer Charaktere zu unterstützen, fangen solche Fragebögen (was einem ja auch an sich durchaus logisch erscheint) üblicherweise mit den ‚Eckdaten‘ einer Figur an, die man auch auf einem Steckbrief finden könnte (Name, Alter, Größe, Haar- und Augenfarbe…), und gehen dann mehr ins Detail, indem man oft mehrere Seiten lang Angaben wie Beruf, Familie, Kleidungsstil, Lieblingsfarbe und Lieblingsessen ausfüllt.

Ich habe überhaupt nichts gegen die Fragen aus diesen Fragebögen. Solche Details über die Figuren und speziell den eigenen Protagonisten zu wissen, ist selbstverständlich nützlich, da man sie bei verschiedenen Gelegenheiten in die Handlung einstreuen und so den Eindruck eines realen Menschen erzeugen kann.

Das Ausfüllen eines solchen Fragebogens ist allerdings der komplett falsche Ansatz, um mit dem Entwurf einer wichtigen Romanfigur wie des Protagonisten zu beginnen. Wenn Sie beispielsweise überlegen, sich ein neues Auto zu kaufen, würden Sie vermutlich auch erst einmal abwägen, ob Sie einen wendigen Kleinwagen, einen geräumigen Kombi, ein sportliches Cabrio oder ein bulliges SUV mit Allrad brauchen, welche Marken in Frage kommen und auf welche Leistungsmerkmale Sie Wert legen, bevor Sie sich über Details wie das Textilmuster der Sitze oder die passenden Alu-Felgen Gedanken machen.

Einen interessanten Protagonisten, dem der Leser auf seinem Abenteuer folgen möchte, kann man nicht nach Schema F innerhalb weniger Minuten durch das Ausfüllen eines standardisierten Fragebogens entwerfen.

So etwas kann man für unwichtige Nebenfiguren im Roman machen, aber nicht für die wirklich wichtigen Rollen innerhalb des Romans wie den Protagonisten oder den Antagonisten.

Der bessere Ansatz ist, mit dem Entwurf des Protagonisten von innen nach außen anzufangen und Details wie Name, Aussehen oder auch den Beruf erst später zu ergänzen.

Wenn Sie auch nur zu früh den Namen einer Figur festlegen (üblicherweise ist das bereits die erste Frage eines solchen Charakter-Fragebogens!), beschneiden Sie sich selbst in Ihren Möglichkeiten und schließen Optionen aus, die vielleicht die weitaus bessere Wahl gewesen wären.

Wenn Sie beispielsweise damit anfangen, dass Sie über einen Polizisten schreiben wollen, und diesen Frank Weller nennen, haben Sie den größten Teil Ihrer Optionen bereits von vorneherein ausgeschlossen. Vielleicht würde Ihre Story noch viel besser, wenn Ihr Protagonist kein Polizist, sondern eine Polizistin wäre. Oder kein Deutscher, sondern ein Italiener oder Tunesier. Je nachdem, welche Ideen Sie bereits für Ihre Handlung haben, kann eine andere Nationalität, eine andere Religion oder ein anderes Geschlecht der Hauptfigur ganz neue Konflikte aufwerfen und Ihnen neue dramatische Möglichkeiten erschließen.

Der beste Ansatz ist daher, zu Beginn lediglich die Eckdaten festzulegen, die von entscheidender Bedeutung für Ihre geplante Romanhandlung sind. Wenn Sie also eine Geschichte über einen einbeinigen Bergsteiger schreiben, der sich aufmacht, den Mount Everest zu besteigen, spielt es zunächst einmal keine Rolle, wie dieser Bergsteiger heißt, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, welche Nationalität er besitzt oder ob es das linke oder das rechte Bein ist, das ihm fehlt.

Solange Sie selbst nur ganz abstrakt als „der einbeinige Bergsteiger“ von Ihrem Protagonisten denken und nicht der Versuchung nachgeben, ihm einen Namen und ein Gesicht zu verpassen, halten Sie sich alle Möglichkeiten offen.

Um einen Protagonisten „von innen nach außen“ zu entwickeln, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die wir uns in den nächsten Wochen noch näher anschauen werden.

„Protagonist gesucht. Voraussetzungen sind…“

Eine bewährte Methode für die „Besetzung der Hauptrolle“ ist ein virtuelles Casting für die Rolle des Protagonisten. Formulieren Sie dafür anhand der Eckdaten, die Sie für Ihren Protagonisten festgelegt haben, eine fiktionale Stellenbeschreibung. Diese sollte alle Merkmale und Qualifikationen umfassen, die Sie für Ihre Handlung als wichtig bzw. unabdingbar betrachten, sowie unter „wünschenswert“ die Eigenschaften oder Fähigkeiten, die zwar erwünscht, aber nicht zwingend erforderlich sind.

Erstellen Sie nun drei bis fünf Charakterprofile von Personen, die sich auf diesen „Job“ als Protagonist bewerben könnten. Achten Sie darauf, dass diese Personen innerhalb des Rahmens der gesteckten Eckdaten so unterschiedlich wie möglich sind.

Für die Stellenbeschreibung „Gesucht: einbeiniger Bergsteiger (m/w), der den Mount Everest besteigen will. Wünschenswert wären Sprachkenntniss in Nepali und/oder Chinesisch sowie Survival-Kenntnisse“ könnten sich z.B. folgende Charaktere bewerben:

  1. Chuck Jones, 32 Jahre, USA: ehemaliger Stuntman, der bei Dreharbeiten schwer verletzt wurde und sein Bein verloren hat. Drehte oft mit asiatischen Schauspielern und Stuntleuten bei Martial-Arts-Filmen und spricht daher gebrochen Chinesisch. Durch die Besteigung des Mount Everest will Chuck die Aufmerksamkeit von Filmproduzenten auf sich lenken, um so seine Rückkehr ins Filmgeschäft zu erreichen.
  2. Sandrine Dubois, 38 Jahre, Kanada: erfahrene Bergsteigerin, die bei einem Autounfall ihr Bein verloren hat. Sie will sich und anderen beweisen, dass eine solche Behinderung sie nicht daran hindern kann, alle sieben Berge der „Seven Summits“ zu besteigen.
  3. Gunnar Hendriksen, 46 Jahre, Norwegen: Survival-Experte und Naturfilmer. Hendriksen hatte seine eigene Fernsehsendung, in der er von seinen abenteuerlichen Wildnis-Expeditionen in Afrika und Südamerika berichtete. Nachdem er beim Angriff eines Löwen schwer verletzt wurde und monatelang ausfiel, verlor er seine Sendung. Hendriksen plant die Besteigung des Mount Everest mit seinem Kameramann Trond und will so Material für eine atemberaubende neue Doku-TV-Serie über seine Besteigung des Mount Everest sammeln.

Diese Charakterentwürfe habe ich innerhalb von ein paar Minuten rasch heruntergeschrieben. Mit etwas Zeit und Mühe kann man hier natürlich noch weitaus bessere und ungewöhnlichere Charaktere entwerfen.

Sobald Sie mindestens fünf mögliche Kandidaten zusammen haben, nehmen Sie diese bei einem virtuellen Casting der Reihe nach unter die Lupe. Jeder der Entwürfe hat sein ganz eigenes Potential und erschließt einem ganz andere Optionen für die Handlung, die anderen Figuren nicht offen stehen.

Als Stuntman dürfte Chuck gefährliche Situationen gut einschätzen können und ist vermutlich in der Lage, durch jahrelang geübte Fall-Techniken Stürze mit nicht mehr als ein paar Schrammen zu überstehen, bei denen manch anderer sich üble Prellungen oder gar Knochenbrüche zugezogen hätte. Dies könnte helfen, seine fehlenden Survival-Erfahrungen auszugleichen.

Sandrine hat durch ihre bisherige Erfahrung als Bergsteigerin die beste Qualifikation. Sie weiß, was sie bei einer solchen Expedition erwartet und kann diese Erfahrungen nutzen, um eine speziell auf sie zugeschnittene flexible Metallprothese mit Steigeisen zu entwickeln, die ihr Handicap so weit wie möglich ausgleicht.

Gunnar und sein Kameramann könnten hingegen in eine gefährliche Situation geraten, als Trond mit seiner Filmkamera unwissentlich etwas aufnimmt, was unentdeckt bleiben sollte. Und ehe er sich versieht, verwandelt sich die Expedition in ein tödliches Katz- und Maus-Spiel mit einem gefährlichen, gut ausgerüsteten und zu allem entschlossenen Gegner.

Nehmen Sie sich die Zeit, die Motivation, die Fähigkeiten, die Schwächen und die Handicaps der unterschiedlichen Charaktere abzuklopfen und gegeneinander abzuwägen. Sammeln Sie Ideen für Plot-Wendungen und Komplikationen, die nur mit dieser Person als Protagonist möglich wären.

Sobald Sie sich für einen der ‚Bewerber‘ entschieden haben, sind Sie einen großen Schritt weiter: nicht nur, weil Sie sich für einen Protagonisten entschieden haben, sondern auch, weil Sie ganz genau wissen, warum Sie sich gerade für diesen Kandidaten entschieden haben.

Von diesem ersten Entwurf ausgehend können Sie Ihren Protagonisten dann weiter bearbeiten und verfeinern. Die besten Techniken dafür schauen wir uns ab der kommenden Woche an.


Casting für Ihren Roman

Gute Geschichten – und ganz besonders Romane – leben von ihren Charakteren. Selbst die beste Handlung kann Leser nur selten fesseln, wenn die Charaktere nicht kompetent, motiviert und charismatisch sind.

Dennoch stoße ich beim Lesen von Romanen immer wieder auf Geschichten, bei denen ich mir sage: Da wäre doch mehr drin gewesen. Oft ist die dem Roman zugrunde liegende Idee erfrischend neu und interessant präsentiert – aber dann wird die Handlung leider durch schablonenartige Charaktere in die Grauzone des Mittelmaßes herunter gezogen.

Um das zu vermeiden, sollten Sie die Charaktere für Ihren nächsten Roman äußerst sorgfältig casten. Casten wie in den berüchtigten Casting-Shows, an denen man in den Privatsendern kaum noch vorbei zappen kann? Zumindest so ähnlich – allerdings nicht „Deutschland sucht den Superstar“, sondern eher „Mein Roman sucht den Superschurken“ ;-)

Die auslösende Idee für eine Romanhandlung kann ganz unterschiedlich sein. Manchmal ist es ein Bericht, den man irgendwo gelesen hat, eine Reportage im Fernsehen oder ein ungewöhnliches Erlebnis – und manchmal ist es auch eine Idee für eine ganz bestimmte Romanfigur, die einen einfach nicht mehr loslässt, bis sich vor unserem geistigen Auge nach und nach das Gerüst einer Romanhandlung um diese Figur herum aufbaut.

Manchmal haben Sie also bereits eine zentrale Figur – in den meisten Fällen den Protagonisten. Gerade wenn man Fortsetzungen zu bestehenden Romanen oder gar ganze Serien schreibt, kann man den Protagonisten als „gesetzt“ annehmen. Doch alle anderen wichtigen Rollen in Ihrem Roman sollten Sie mit einem zünftigen „Casting“ besetzen.

Dazu legen Sie zunächst einmal fest, welche „Rollen“ Sie noch zu besetzen haben. Protagonist und Antagonist (also „Held“ und „Schurke“), der Mentor, der Sidekick /  beste Freund des Helden und eventuell noch eine Liebesbeziehung.

Legen Sie nun für jede dieser Rollen ein „Anforderungsprofil“ fest, das die Idealbesetzung für diese Rolle erfüllen müsste – ähnlich wie bei einer Stellenbeschreibung.

Sagen wir, Sie wollen einen Agententhriller im Stil der James-Bond-Romane schreiben und suchen einen würdigen Gegenspieler für Ihren Top-Agenten. Welche Eigenschaften müsste ein solcher Superschurke mitbringen? Er sollte äußerst intelligent sein, dabei skrupellos, mit ausgeprägtem Machthunger und einem diabolischen Plan, den es zu vereiteln gilt. Und natürlich braucht er ein gutes, plausibles Motiv für diesen Plan – nicht nur das typisch melodramatische „die Weltherrschaft“ oder gar „die Welt vernichten“. Darüber hinaus braucht Ihr Schurke Macht, Geld, Einfluss und eine Organisation, um diesen Plan umzusetzen. Und vielleicht noch die Fähigkeiten, es im großen Finale sogar in einem direkten Showdown mit Ihrem Protagonisten aufnehmen zu können.

Stellen Sie zunächst eine Liste mit fünf bis zehn möglichst unterschiedlichen Kandidaten für diesen „Job“ auf. Wählen Sie dabei möglichst unterschiedliche Kandidaten. Wer sagt z.B., dass der Gegenspieler ein Mann sein muss? Wählen Sie Kandidaten mit unterschiedlicher Herkunft/Nationalität, unterschiedlichem sozialem und beruflichem Hintergrund. Ziehen Sie ebenso junge wie alte Kandidaten in die engere Wahl. Geben Sie ihnen ganz unterschiedliche Ziele und ebenso unterschiedliche Motive, warum sie dieses Ziel unbedingt erreichen wollen.

Dann loten Sie aus, wie weit diese die von Ihnen gesetzten Kriterien erfüllen. Sie können in dieser Phase durchaus noch nachbessern und überlegen, wie Sie die jeweilige Figur verändern/optimieren könnten, um sie zu einem besseren Kandidaten für die Rolle zu machen – aber genauso können Sie Ihre Handlungsidee anpassen, um einen besonders interessanten Kandidaten darin unterbringen zu können.

Wenn Sie sich am Ende nicht zwischen zwei oder drei Kandidaten entscheiden können, haben SIe mehrere Möglichkeiten:

1. Sie können Ihre zweite/dritte Wahl für eine Fortsetzung oder einen anderen Roman aufheben. Dafür hat man als Schriftsteller schließlich ein Ideenarchiv, in dem solche Figurenideen auf ihre große Stunde warten.

2. Sie können versuchen, die beiden Charaktere zu einem zu verschmelzen – also die Eigenschaften Ihres „B-Kandidaten“, die Sie besonders faszinieren, auf Ihren A-Kandidaten zu übertragen und so einen noch stärkeren, noch besser geeigneten „Top-Kandidaten“ zu kreieren.

…oder Sie bringen einfach beide Charaktere in die Handlung ein. Das funktioniert für Protagonisten wie für Antagonisten.

Das Prinzip mit den zwei Antagonisten kennt man aus vielen Filmen und Romanen. Sie können diese entweder unabhängig voneinander agieren lassen (z.B. in zwei getrennten Handlungssträngen) und so Ihren Protagonisten an zwei Fronten in Kämpfe verwickeln (eine ideale Quelle für das eine oder andere Dilemma…) oder Sie sorgen dafür, dass Ihre beiden Schurken sich in einer strategischen Allianz verbünden und Ihren Helden gemeinsam in die Zange nehmen. Wie heißt es so schön: Viel Feind, viel Ehr!

Zwei Protagonisten in einem Roman unterzubringen ist in der Umsetzung oft etwas schwieriger, da man meist dem Leser einen „echten“ Protagonisten als Identifikationsfigur zu geben, mit der er mitfiebert und mitleidet, statt seine Sympathie zwischen mehreren „gleichberechtigten“ Helden aufzuteilen.

Wenn man es dennoch versuchen möchte, ist eine gute Möglichkeit das aus dem Kino bekannte Prinzip des „Buddy-Movies“, bei dem sich zwei sehr gegensätzliche Charaktere erst zusammenraufen müssen, um schließlich gemeinsam dem übermächtig starken gemeinsamen Feind Paroli bieten zu können.

Falls Sie hingegen in Ihrem Roman keine zwei gleichstarken Protagonisten haben wollen, können Sie auch überlegen, Ihrer „zweiten Wahl“ eine andere Rolle zuzuteilen – z.B. die des Sidekicks/Helfers oder des Mentors.

Dabei können Sie auch Sidekick und Mentor zu einer einzigen Rolle verschmelzen und diese mit Ihrem zweitliebsten Kandidaten besetzen. Wenn Sie Ihren Krimi doch lieber aus der Perspektive des jungen, engagierten Polizisten als aus der des harten, erfahren und desillusionierten Kommissars schreiben wollen, gäbe dieser doch einen perfekten Mentor ab, der sogar aktiv eingreifen könnte, wenn es später hart auf hart kommt.

Sie können auch zu einem fiesen Trick greifen, der allerdings nicht unbedingt jedermanns Sache ist: Was wäre, wenn Ihre „zweite Wahl“ für die Rolle des Protagonisten in Wirklichkeit auf der anderen Seite stünde? Machen Sie aus ihm einen weiteren Gegenspieler für Ihren Protagonisten – ob offen oder verdeckt.

Offene Feindschaft zwischen zwei eigentlich „guten“ Charakteren kann durch Rivalität, Eifersucht, ungelöste frühere Konflikte oder auch durch tragische Missverständnisse entstehen. Solche offenen Konflikte können ihren eigenen Handlungsstrang bekommen, sind aber für den Leser nicht so überraschend wie eine heimliche, verborgene Feindschaft, die erst am Ende des Romans aufgedeckt wird.

Bei offenen Konflikten zwischen zwei „guten“ Charakteren wird der Leser meist davon ausgehen, dass diese bis zum Ende des Romans beigelegt werden und dass am Ende beide doch an einem Strang ziehen werden. Mit dieser Erwartungshaltung können Sie spielen und diese ganz gezielt zerstören, indem Sie Ihren „guten“ Gegenspieler durch seinen Hass im Laufe der Zeit immer unmoralischer und skrupelloser handeln lassen, bis dieser schließlich ebenso weit auf der „dunklen“ Seite wie der eigentliche Antagonist Ihres Romans steht und daher keine Chance mehr auf Verständnis und Vergebung hat.

Verdeckte Feindschaft hat weitaus größeres Potential. Was wäre, wenn der nur scheinbar „gute“ Zweitcharakter sich als Freund, Sidekick oder gar als wohlmeinender Mentor tarnt und in Wahrheit jede Gelegenheit nutzt, um die Pläne des Helden (in die dieser ihn vertrauensselig einweiht) zum Scheitern zu bringen?

Dabei bleibt es Ihnen überlassen, ob Sie den scheinbaren Freund zu einem Verbündeten Ihres Antagonisten machen oder ihm ein ganz eigenes Motiv mit einem völlig unterschiedlichen Handlungsstrang geben.

Auch für ein Bündnis mit dem „Bösen“ gibt es immer genug scheinbar gute Motive. Denken Sie nur an Charaktere wie Saruman aus „Der Herr der Ringe“, der sich mit Sauron verbündete, da er glaubte, dass das Gute Saurons mächtige Armeen niemals schlagen könne. Oder an Agentenfilme wie „Mission Impossible“ oder „Der Einsatz“, bei denen desillusionierte frühere Helden zu Antagonisten werden, weil sie sich von ihren Regierungen verraten und ausgenutzt fühlen.

Ein solcher Kniff hat das Zeug dazu, den Protagonisten z.B. im großen Finale gegen seinen früheren Lehrmeister antreten zu lassen, der mittlerweile auf der bösen Seite steht oder sich gar als der eigentliche Antagonist entpuppt.

Sie sehen, welche interessanten Möglichkeiten sich aus einer solchen „Casting-Aktion“ ergeben können. Lassen Sie es einfach mal auf einen Versuch ankommen und starten Sie Ihren nächsten Roman mit einem zünftigen Casting, um die perfekte Besetzung für die wichtigen Rollen in Ihrer Handlung zu finden.

Sie werden sehen, dass es nicht nur Spaß macht, sondern das Potential Ihrer Romanidee nochmal deutlich steigert.


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