Kostenlose Schreib-Webinare von epubli und Schreibhain

Ab nächster Woche startet eine neunteilige kostenlose Webinar-Reihe für Schriftsteller (http://www.epubli.de/blog/webinarreihe-schreibhandwerk), die als Kooperation von epubli und der Berliner Autorenschule Schreibhain veranstaltet wird.

Beginnend am 15.12.15 findet jeweils am jeweils dritten Dienstag des Monats ein kostenloses Webinar für Schriftsteller zu verschiedenen Themen statt. Die Referentin der Webinare ist Tanja Steinlechner, die Gründerin des Schreibhains.

Die Themen der Webinar-Reihe, die man auch unter http://www.epubli.de/buch/webinarreihe nachlesen kann, wirken durchaus interessant. So startet die Webinar-Reihe am kommenden Dienstag mit dem Thema „In den Schreibfluss kommen“ und wird in den folgenden Monaten mit Themen wie „Erzählperspektiven“, „Dramaturgie für Autoren“, „Dialoge schreiben“, „Stil und Sprache“ und „Sinnliches Erzählen“ fortgesetzt.

Natürlich ist auch klar, dass es bei dieser Aktion (unter anderem) auch um das Sammeln von Kontaktdaten potentieller Kunden für epubli und die Autorenschule Schreibhain geht. Wer sich also zu einem der Webinare anmeldet, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er sich damit zugleich auch für die Newsletter von epubli und Schreibhain anmeldet. Also sozusagen eine Win-Win-Situation für die Teilnehmer und die Veranstalter.

Da die Webinare auf jeweils 100 Teilnehmer beschränkt sind, würde ich empfehlen, sich bei Interesse rechtzeitig anzumelden, da die freien Plätze relativ schnell belegt sein dürften.


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Tell, don’t show: Warum Sie klassische Schreibregeln beim Schreiben Ihrer Rohfassung ignorieren sollten

Wenn es eine Schreibregel gibt, die wohl so ziemlich jeder Schriftsteller kennt oder zumindest schon mal gehört hat, ist es „Show, don’t tell!“ – also: „Zeige, statt zu erzählen!“.

Im Prinzip ist diese Regel gut und richtig – schließlich sollte man als Autor den Leser tief in die Handlung hineinziehen, indem man ihn sie mit allen Sinnen miterleben lässt. Doch wie bei fast allen Regeln gibt es auch hier nicht nur die sprichwörtlichen Ausnahmen, die die Regel bestätigen, sondern auch richtige und falsche Situationen, um sie anzuwenden.

Denn bei falscher Anwendung kann auch die Show-don’t-tell-Regel (genau wie jede andere Verallgemeinerung) mehr kaputt machen, als sie nützt. Der richtige Zeitpunkt für „Show, don’t tell“ ist die Revision bzw. das Schreiben der zweiten Fassung – nicht jedoch das Schreiben der Rohfassung!

Falls Ihnen beim Schreiben der Rohfassung detaillierte Beschreibungen mit allen Sinnen bereits locker von der Hand gehen, ohne dass Sie auch nur einen weiteren Gedanken daran verschwenden müssen – nur zu! Doch in der Praxis kenne ich eher den Fall, dass das krampfhafte Festkammern an der als ehernes Gesetz empfundenen Regel „Show, don’t tell“ viele Autoren bis fast zum völligen Stillstand ausbremst und ihnen regelrecht den Spaß am Schreiben austreibt.

Sollten also auch Sie merken, dass „Show, don’t tell!“ Sie beim Schreiben ausbremst wie ein zentnerschwerer Mühlstein, den Sie an einem Strick hinter sich her schleppen müssen, sollten Sie für das Schreiben Ihrer Rohfassung einen anderen Ansatz ausprobieren: Tell, don’t show!

Meist kommt man mit dem Schreiben der Rohfassung wesentlich besser voran, wenn man sich zunächst einmal ausschließlich auf die eigentliche Handlung beschränkt und das lästige „Show, don’t tell!“ völlig ignoriert.

Die meisten Formulierungen bekommt man bei der Rohfassung (egal, wieviel Mühe man sich gibt) ohnehin nicht so gut hin, dass man sie bei der Revision später unverändert übernehmen könnte. Überarbeiten und umschreiben muss man sie ohnehin noch. Also warum sollte man dann mehr Mühe als unbedingt nötig in die Rohfassung stecken?

Schreiben Sie lieber nur die eigentlichen Geschehnisse auf und notieren Sie auf einem separaten Blatt alle Details, die Sie bei der späteren Überarbeitung noch einfließen lassen könnten, um die Szene im Sinne von „Show, don’t tell!“ mit allen Sinnen vor dem geistigen Auge des Lesers zum Leben zu erwecken.

Zu diesem Zweck können Sie mein Wahrnehmungs-Arbeitsblatt verwenden, das Sie unter http://ezine.writersworkshop.de/2015-02/files/Wahrnehmung.pdf herunterladen können. Drucken Sie sich für jede Szene ein Exemplar des Arbeitsblatts aus und notieren Sie darauf alle Details, die Ihr Perspektivcharakter in dieser Szene sieht, hört, riecht, fühlt oder schmeckt. Der untere Bereich „Sonstiges“ ist für all jene Dinge gedacht, die nicht wirklich in eine der anderen Kategorien passen – wie der berühmte „sechste Sinn“ sowie Emotionen und Gefühle.

Die eigentliche Szene können Sie dann schnell und flüssig herunterschreiben. Alle Details, die Sie bei der Überarbeitung noch in die Rohfassung einarbeiten wollen, landen als Stichworte auf dem Wahrnehmungs-Blatt, während sich der geschriebene Text auf die tatsächlichen Ereignisse beschränkt, die Sie als Autor sozusagen vor Ihrem geistigen Auge sehen.

Viele Schriftsteller finden es in dieser Phase praktisch, die Rohfassung im Präsens zu schreiben, um ein noch „direkteres“ Gefühl für die Handlung zu bekommen. Sie beschreiben quasi live die Ereignisse der Szene, während sie geschehen.

Eine solche Rohfassung könnte sich dann so lesen: „Markus nestelt mit dem Dietrich am Schloss herum, bis es klickt. Er schaut sich im Flur um. Niemand hat ihn gesehen. Er öffnet die Tür einen Spalt weit, schiebt sich mit dem Rücken voran ins Zimmer und schließt die Tür leise hinter sich. Erst dann sieht er sich um. Auf dem Bett liegt eine Leiche. Erst jetzt sieht er die Spuren eines Kampfes: umgeworfene Möbel, die Scherben einer zerbrochenen Lampe und ein blutiges Küchenmesser.“

Es ist klar, dass bei einer solchen Rohfassung die Revision sehr aufwändig ist, doch dafür kann man diese Rohfassung fast so schnell zu Papier (bzw. in den Computer) bringen, wie man die Finger über die Tasten fliegen lassen kann. In der Summe ist man mit dieser Technik interessanterweise immer noch deutlich schneller, als wenn man zu viel Zeit in eine zumindest passable Rohfassung steckt.

Denken Sie immer daran: Die Rohfassung muss nur so lesbar und zusammenhängend sein, dass sie als Grundlage für die Revision dienen kann. Wie heißt es so schön: Man kann keine leere Seite korrigieren. Und mit dieser Technik füllen sich die Seiten der Rohfassung erfrischend schnell.

Auch den ersten Revisionsdurchlauf nach dem magischen Wörtchen ENDE unter der Rohfassung machen Sie noch auf Basis dieser ultimativen Rohfassung: Die Prüfung auf eine konsistente, schlüssige Handlung.

Ein großer Vorteil ist nämlich, dass man auch nachträglich noch größere Änderungen an Szenen oder Handlungssträngen vornehmen kann, ohne dabei bereits mühsam ausformulierte Prosa verwerfen zu müssen. Wenn Sie die Rohfassung einer Szene in gerade mal 15 Minuten nach dem Motto „Tell, don’t Show“ skizziert haben, wird es Ihnen keine schlaflosen Nächte bereiten, die Szene durch eine genauso schnell heruntergeschriebene, besser in die Handlung passende neue Szene zu ersetzen.

Erst wenn Sie mit Ihrer Handlung (also dem reinen „Tell“-Anteil) wirklich zufrieden sind, beginnen Sie mit damit, die zweite Fassung Ihrer Handlung zu schreiben. Diesmal können Sie langsam und bedächtig vorgehen und aus der rudimentären Rohfassung und Ihren Notizen zu allen Sinneswahrnehmungen eine von Grund auf neu geschriebene,  hochwertige „Version 2“ machen.

Probieren Sie es doch bei Ihrem nächsten Manuskript (oder auch nur bei einer einzelnen Szene) einfach selbst einmal aus. Vergleichen Sie die Ergebnisse und stoppen Sie die Zeit, die Sie insgesamt benötigen. Ich würde vermuten, dass Sie mit diesem Ansatz nicht nur schneller und wesentlich stressfreier vorankommen, sondern dass auch das fertige Resultat (also die „Version 2“) sich sogar noch besser und flüssiger liest, als wenn Sie versucht hätten, gleich alles in einen Durchgang zu packen.

PS: Da man bei der Revision ohnehin alles noch einmal umschreiben muss, kann man die Rohfassung theoretisch auch direkt mit Stift und Papier schreiben, was einen beim Schreiben völlig unabhängig vom PC, Strom oder der Akkuladung des Laptops macht – eine Mappe mit leeren Blättern und einen Stift kann man überall hin mitnehmen.

Wer diese Variante bevorzugt, kann sich mein Schreibblatt unter http://ezine.writersworkshop.de/2015-02/files/Schreibblatt.pdf herunterladen: Die linke Spalte ist dabei für die eigentliche Szene, die rechte für die Notizen zu allen sechs Sinnen.


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Warum Protagonist und Hauptfigur nicht immer ein und dieselbe Person sein müssen

Protagonist, Hauptfigur, Hauptheld oder Perspektivcharakter – viele Schriftsteller verwenden diese Begriffe, als ob diese generell ein und dasselbe wären. Aber auch wenn es sich in den meisten Romanen beim Protagonisten und der Hauptfigur um dieselbe Person handelt, ist dies nicht zwingend erforderlich.

Als Schriftsteller erschließt man sich eine viel größere Bandbreite an möglichen Geschichten, wenn man lernt, wie man diese beiden Funktionen bei Bedarf sauber voneinander trennen kann.

Zur Trennung zwischen Protagonist und Hauptfigur existieren die unterschiedlichsten Ansichten und Interpretationen. Manche davon unterscheiden sogar minutiös zwischen Protagonist, Held, Hauptfigur und Perspektivcharakter, doch diese Modelle sind so theoretisch und dröge, dass man die einzelnen Begriffe selbst bei der Interpretation klassischer Romane oft nicht sauber voneinander abgrenzen kann. Umso schwerer wäre es, ein solches Modell auf seine eigenen Geschichten anzuwenden.

Ich vertrete die Auffassung, dass Modelle die Realität vereinfachen und greifbarer machen sollen, statt sie zu komplizieren. Meiner Meinung nach sollte man daher lediglich zwischen Protagonist und Hauptfigur unterscheiden.

Vereinfacht ausgedrückt ist der Protagonist derjenige, dessen Kampf wir verfolgen. Er trägt den zentralen Konflikt des Romans aus und er ist derjenige, dem der Leser die Daumen drückt, dass er es schaffen wird.

Die Hauptfigur (oft auch als Perspektivcharakter bezeichnet) ist hingegen derjenige, aus dessen Perspektive wir die Handlung miterleben.

Bei den meisten Romanen handelt es sich bei Protagonist und Hauptfigur um ein und dieselbe Person, doch manchmal kann es sinnvoll sein, beide Funktionen voneinander zu trennen.

Eines der häufigsten Argumente für eine Trennung zwischen Protagonist und Perspektivcharakter ist, dass der Leser sich nur schwer mit dem eigentlichen Protagonisten identifizieren kann.

Das wohl bekannteste Beispiel aus der Literaturgeschichte ist das Team aus Dr. Watson und Sherlock Holmes. Holmes ist genial, aber zugleich so exzentrisch, dass kaum ein Leser sich wirklich in die Figur des Sherlock Holmes hinein versetzen könnte.

Das fällt beim vergleichsweise bodenständigen und normalen Dr. Watson wesentlich einfacher. Dies ist wohl auch der Grund, warum Sir Arthur Conan Doyle fast alle Abenteuer von Sherlock Holmes aus der Perspektive von Dr. Watson schrieb.

Watson erlebt die Ermittlungen des genialen Detektivs hautnah mit und unterstützt ihn dabei nach besten Kräften. Zugleich kann er Holmes die Fragen stellen, die auch dem Leser auf der Zunge brennen und so Details und Schlussfolgerungen zutage fördern, die für einen Sherlock Holmes so selbstverständlich sind, dass er sie nicht einmal erwähnen würde.

Je weiter Ihr Protagonist also von einem „normalen Menschen“ entfernt ist, desto mehr können Sie (und Ihr Roman) davon profitieren, wenn Sie ihm als Perspektivcharakter jemanden zur Seite stellen, mit dem sich der Leser besser identifizieren kann.

In der Praxis gibt es hierbei allerdings eine gefährliche Falle zu beachten: Ihr Perspektivcharakter darf nicht nur ein stiller, passiver Beobachter sein. Wenn Sie Protagonist und Perspektivcharakter aufteilen, muss Ihr Perspektivcharakter nicht nur den Protagonisten aktiv unterstützen (und damit an der Auflösung des zentralen Konflikts mitarbeiten), sondern er braucht zusätzlich auch einen eigenen Handlungsstrang.

Bei einem solchen „Duo“ liegt die Veränderung oft eher beim Perspektivcharakter als beim eigentlichen Protagonisten.

Das kann sogar so weit führen, dass der Protagonist im Gegensatz zum Perspektivcharakter nicht überlebt – ein Aspekt, der eine Geschichte noch einmal deutlich spannender machen kann.

Bei den meisten Romanen ist es so, dass der Protagonist am Ende siegt. Romane, in denen der Protagonist am Ende stirbt, sind relativ selten – Leser lieben nunmal ein Happy End und wollen den Helden siegen sehen, mit dem sie die letzten paar hundert Seiten mitgefiebert haben. Und wenn dann der Roman auch noch aus der Ich-Perspektive erzählt wird, kann der Leser sich ziemlich sicher sein, dass der Protagonist überlebt – denn wie sollte er sonst von den Geschehnissen erzählen können?

Wenn Protagonist und Perspektivcharakter jedoch nicht identisch sind, liegt der Tod des Protagonisten durchaus im Rahmen des Möglichen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Roman „Einer flog übers Kuckucksnest“ von Ken Kesey: Der Protagonist des Romans ist McMurphy (im gleichnamigen Film gespielt von Jack Nicholson), während der Roman selbst aus der Perspektive von ‚Chief‘ Bromden erzählt wird. Am Ende des Romans stirbt McMurphy, doch Bromden gelingt die Flucht aus der Anstalt.

Geschichten in dieser Art haben eine große Bandbreite. So könnte in einem Kriegsabenteuer der Protagonist ein harter, abgebrühter und zynischer Einzelkämpfer sein, der tief im Feindesland den Anführer der feindlichen Armee ausschalten soll.

Um der Handlung mehr Tiefe zu verleihen und sie nicht in ein pures Action-Abenteuer abdriften zu lassen, stellen wir ihm einen jungen, unerfahrenen Soldaten zur Seite, aus dessen Perspektive wir die gesamte Handlung schildern. Dieser könnte der letzte Überlebende eines Trupps sein, der nach einer verlorenen Schlacht hinter den feindlichen Linien auf den Einzelkämpfer stößt und sich ihm anschließt.

Im Verlauf der Handlung kann der junge Soldat über sich selbst hinauswachsen, seine Ängste überwinden und schließlich, als der eigentliche Protagonist kurz vor der Erfüllung der Mission schwer oder gar tödlich verwundet wird, die alles entscheidende Mission im Alleingang zu Ende führen.

Der Protagonist dieser Handlung (also der Einzelkämpfer) sollte hier nicht mit einem Mentor verwechselt werden. Während der Mentor den Protagonisten nur anleitet und ausbildet, ist es hier eigentlich die Mission des Einzelkämpfers, nicht die des jungen Soldaten.

Dadurch, dass wir so von Anfang an einen aktiv handelnden, starken Protagonisten haben, kann das langsame Wachstum des Perspektivcharakters bis zu dem Punkt, an dem er über seinen eigenen Schatten springen und in die Fußstapfen des Protagonisten treten muss, für die notwendige Abwechslung im Tempo des Romans sorgen.

Haben Sie auch die eine oder andere Romanidee in Ihrem Ideenarchiv, die einfach nicht so richtig „abheben“ will, weil Ihr Protagonist einfach nicht als Identifikationsfigur geeignet ist? Versuchen Sie es selbst einmal und stellen Sie ihm einen sympathischen Partner zur Seite, aus dessen Perspektive Sie die gemeinsamen Abenteuer schildern. Der Unterschied ist größer, als Sie vielleicht auf den ersten Blick denken.


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Wie viele Handlungsstränge sollte Ihr Roman haben?

Eine der häufigsten Fragen, die sich Romanutoren bei der Planung eines Romans stellen, ist die, wie viele Handlungsstränge sie für ihren Roman einplanen sollten. Natürlich ist eine komplexe, vielschichtige Handlung immer gut und oft sorgen erst die Nebenhandlungen eines Romans für das nötige „Volumen“ – aber wann ist der Punkt erreicht, an dem es einfach „zu viel des Guten“ ist und an dem jede zusätzliche Nebenhandlung nur noch die eigentliche Haupt-Handlung des Romans verwässert?

Diese Frage ist komplexer, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Zunächst einmal geht die Frage nach der „richtigen“ Anzahl unterschiedlicher Handlungssträngen oft Hand in Hand mit der Frage, wie viele Perspektiv-Charaktere man in einem Roman haben sollte.

Und mal ganz provokativ gefragt: Wozu überhaupt mehrere Handlungsstränge und mehrere Perspektiv-Charaktere? Hat man nicht meist einen einzelnen Protagonisten, dessen Geschichte man in diesem Roman erzählen will?

Bei aus der „Ich-Perspektive“ erzählten Romanen ist das tatsächlich der Fall. Wer seine Geschichten aus der Ich-Perspektive schreibt, hat relativ wenig Möglichkeiten, einzelne Szenen aus der Perspektive einer anderen Person zu schildern.

Das hat oft gravierende Nachteile. So kann der Ich-Erzähler nur von Ereignissen berichten, bei denen er – bzw. der Protagonist, aus dessen Perspektive er die Geschehnisse schildert – selbst anwesend war.

Der deutsche Romanautor Thomas Thiemeyer („Medusa“, „Reptilia“) verwendet einen geschickten Kunstgriff, um dieses Handicap zu umgehen: In seinen Romanen schildert er alle Ereignisse, bei denen sein Protagonist selbst anwesend ist, aus der Ich-Perspektive, während alle anderen Handlungsstränge in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven erzählt werden. Natürlich wechselt Thiemeyer in seinen Romanen nicht willkürlich zwischen beiden Erzählperspektiven, sondern nutzt Szenen- oder Kapitelübergänge für einen reibungslosen Wechsel.

Was die Anzahl der unterschiedlichen Perspektivcharaktere angeht, gilt die Faustformel: „Je länger ein Roman ist, desto mehr unterschiedlicher Perspektivcharaktere kann er vertragen.“

Gut, ich gebe zu: Diese Aussage ist fast so wenig greifbar wie die Prophezeiung eines Orakels, aber eine exakte Formel wird es niemals geben. Dass es so schwierig ist, die Frage exakt zu beantworten, liegt auch daran, dass Perspektivcharakter nicht unbedingt gleich Perspektivcharakter ist.

Ich weiß, dass das unlogisch klingt – daher ein Beispiel: Viele Autoren (gerade im Horror- und Thriller-Genre) verwenden gerne den Kniff des „Wegwerf-Perspektivcharakters“. Dabei führen sie in einer Szene eine neue Figur ein und sorgen dadurch, dass sie dem Leser von den Problemen, Gedanken, Zielen und Träumen dieser Person berichten, dafür, dass der Leser sich für diese Figur interessiert und Sympathie für sie empfindet.

Sobald der Autor das erreicht hat, wird die Figur von einem Monster, Serienkiller oder einem sonstigen üblen Ereignis grausam dahin gerafft – daher auch die Bezeichnung „Wegwerf-Perspektivcharakter“.

Dabei handelt es sich um einen erzähltechnischen Trick, um den Leser emotional tiefer in die Handlung zu ziehen. Es ist wie bei den Nachrichten: Wenn wir hören, dass es in Asien bei einer Überschwemmung mehrere hundert Tote gibt, berührt uns das oft weniger, als wenn die Reporter detailliert über ein tragisches Einzelschicksal berichten. Der vorübergehende Wechsel in die Perspektive des Opfers macht das Opfer zu einem solchen tragischen Einzelschicksal, nicht nur zu einem anonymen Statisten.

„Wegwerf-Perspektivcharaktere“ sollten Sie daher, wenn Sie solche in Ihrem Roman einsetzen wollen, nicht mitzählen. „Echte“ Perspektivcharaktere sind länger mit von der Partie, nicht nur in einer einzelnen Szene. Natürlich können auch sie im Verlauf der Handlung sterben, aber sie sind nicht nur als „Kanonenfutter“ in die Handlung geschrieben worden.

Aus diesem Grund haben „echte“ Perspektivcharaktere auch eigene, von der Haupthandlung unabhängige Handlungsstränge – womit wir wieder bei der anfänglichen Problematik wären.

Unterschiedliche Handlungsstränge in einem Roman haben mehrere Vorteile:

  1. Sie können an besonders spannenden Stellen zu einem anderen Handlungsstrang wechseln, um den Leser auf die Folter zu spannen und so die Spannung zu erhöhen. Selbst wenn der Handlungsstrang, zu dem Sie gerade wechseln, den Leser anfangs weniger interessiert als der, bei dem Sie ihn mit einem dramatischen Cliffhanger zurückgelassen haben, wird er dennoch weiter lesen, um möglichst bald zu erfahren, wie es bei „seinem“ Handlungsstrang weiter geht. Und bis es so weit ist, haben Sie ihn bereits so tief in den anderen Handlungsstrang hineingezogen, dass er sich von diesem gar nicht mehr losreißen kann.
    George R. R. Martin setzt diese Technik perfekt bei seinen Romanen ein. Jedesmal, wenn er auf einen anderen Perspektivcharakter wechselt, ist man zunächst enttäuscht, kann sich aber schon nach wenigen Seiten kaum noch von der neuen Handlung lösen.
  2. Mit unterschiedlichen Handlungssträngen können Sie das Tempo Ihres Romans regulieren und nebenbei Ihren Helden vor völlig unterschiedliche Probleme stellen: Nachdem Ihr Held sich gerade noch eine Schießerei mit feindlichen Agenten geliefert hat und nur um Haaresbreite aus dem hinter ihm explodierenden Gebäude fliehen konnte (haarsträubende Übertreibungen sind natürlich wie immer beabsichtigt ;-)), bekommt er in der nächsten Szene vielleicht einen Anruf von seiner ehemaligen Freundin, die er unbedingt für sich zurückgewinnen will. In diesem Handlungsstrang geht es nicht um Explosionen und wilde Gefechte, sondern darum, dass Ihr Held der einzigen Frau, die er jemals geliebt hat, beweisen will, dass er sich seit damals geändert hat.

Perspektivcharaktere und Handlungsstränge hängen dabei eng miteinander zusammen: Da Ihr Roman einen „Haupt-Handlungsstrang“ hat, in dem sich alles um den zentralen Konflikt Ihres Romans dreht, werden die meisten Perspektivcharaktere Ihres Romans eine ganze Reihe von Szenen haben, in denen es um den Haupt-Handlungsstrang des Romans geht.

Allerdings werden gerade die wichtigen Perspektivcharaktere wie der Sidekick/Vertraute Ihres Protagonisten oder seine Liebesbeziehung auch jeder einen davon unabhängigen, eigenen Handlungsstrang haben, der bestenfalls lose mit der Haupthandlung verknüpft ist.

Natürlich sollten auch diese Nebenhandlungen spannend sein, aber egal wie gut sie Ihnen persönlich gefallen, dürfen sie doch niemals Ihrer Haupthandlung den zentralen Platz innerhalb Ihres Romans streitig machen.

Achten Sie daher sehr genau darauf, wieviele Szenen Ihre einzelnen Perspektivcharaktere bekommen – und wieviel Szenen Sie den einzelnen Handlungsträngen zuteilen.

Dabei gilt ein ehernes Gesetz: Der Protagonist des Romans (also die Hauptfigur) bekommt mehr Szenen als jede andere Figur. Wenn Sie neben Ihrem Protagonisten nur noch einen anderen Perspektivcharakter haben, würde ich ein klares Verhältnis von 2/3 zu 1/3 empfehlen – wenn nicht gar 3/4 zu 1/4.

Je mehr Perspektivcharaktere Sie in Ihrem Roman haben, desto mehr verlagert sich dieses Verhältnis. Bei zwei oder mehr zusätzlichen Charakteren würde ich 50% der Szenen dem Protagonisten geben und die anderen 50% zu ungefähr gleichen Teilen zwischen den anderen Charakteren aufteilen.

Dasselbe gilt für die Handlungsstränge. Mindestens 50% der Szenen (besser 60-70%) Ihres Romans sollten zum Haupt-Handlungsstrang gehören – den Rest können Sie zwischen den diversen Nebenhandlungen aufteilen.

Dabei muss natürlich immer noch genug Platz bleiben, um jede dieser Nebenhandlungen sauber abschließen zu können. Je mehr Nebenhandlungen Sie also anzetteln, desto länger muss auch Ihr Roman werden – und desto komplexer muss auch die Haupt-Handlung Ihres Romans werden, damit das prozentuale Mengenverhältnis gewahrt bleibt.

Für einen „normalen“ Roman von ca. 90.000 Wörtern würde ich daher nicht mehr als maximal vier Perspektiv-Charaktere empfehlen. Meist handelt es sich dabei um den Protagonisten/Helden, den Antagonisten/Schurken, den Sidekick/Vertrauten und ggf. (je nach Handlung) die Liebesbeziehung des Protagonisten.

Daraus ergeben sich bereits bis zu fünf Handlungsstränge: Neben dem Haupt-Handlungsstrang (also dem zentralen Konflikt) braucht jeder wichtige Perspektivcharakter (höchstens mit Ausnahme des Antagonisten) eine eigene Nebenhandlung, die dazu dient, diesen Charakter noch von einer anderen Seite zu beleuchten und ihm so mehr Tiefe zu geben.

Die Nebenhandlung des Protagonisten dreht sich oft um die Schwäche, die er überwinden muss, um den zentralen Konflikt des Romans für sich entscheiden zu können. Das kann der alkoholkranke Sheriff im Western sein, der weiß, dass er trocken werden muss, um schließlich dem skrupellosen Revolverhelden im großen Showdown gegenübertreten zu können.

Diese Nebenhandlung verleiht der Figur des Protagonisten mehr Tiefe, ebenso wie die Nebenhandlungen der anderen Perspektiv-Charaktere diese als abgerundete Figuren erscheinen lassen.

Ein Handlungsstrang oder ein Konflikt ist wie eine Kerze. Auch eine Kerze wirft ihr Licht nur von einer bestimmten Seite auf die Figur, während sie die anderen Seiten im Dunkeln lässt. Um sie von anderen Seiten zu beleuchten und sie so wirklich als abgerundeten Charakter erkennen zu können, brauchen wir die Nebenhandlungen.

Um die richtige Anzahl der Perspektivcharaktere und Handlungsstränge für Ihren Roman zu ermitteln, müssen Sie diesen daher zumindest im Groben planen: Rechnen Sie aus, wie lang bei Ihnen eine durchschnittliche Szene ausfällt. Mit 1.000 bis 1.250 Wörtern (also 4-5 Seiten) liegen Sie meistens ganz gut im Rennen.

Nun rechnen Sie aus, wie lang Ihr Roman werden soll – also z.B. 400 Seiten. Multipliziert mit 250 Wörtern pro Seite gäbe das ca. 100.000 Wörter, was bei 1.000-1.250 Wörtern pro Szene ca. 80-100 Szenen ergäbe.

Mindestens die Hälfte davon sollte auf die Haupthandlung entfallen – also ca. 50 Szenen. Wenn Sie davon ausgehen, dass Sie für eine durchschnittliche Nebenhandlung zehn Szenen brauchen, um diese vollständig zu erzählen und zu einem für den Leser befriedigenden Abschluss zu bringen, können Sie neben Ihrer Haupthandlung noch 4-5 Nebenhandlungen unterbringen.

Das ganze ist natürlich keine exakte Wissenschaft, sondern lediglich eine nützliche Faustformel. Aber wenn Sie bei der Planung Ihres Fantasy-Romans merken, dass Sie bereits ein knappes Dutzend Perspektiv-Charaktere und mehr als doppelt so viele Handlungsstränge haben, sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass Sie im Begriff sind, ein Mammutwerk wie das in über 20 Jahren bereits auf über 6.000 Seiten angewachsene und noch immer nicht abgeschlossene „Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin in Angriff zu nehmen.

Falls Sie Ihr Romanprojekt einerseits irgendwann erfolgreich abschließen wollen und andererseits irgendwann auch nochmal etwas anderes schreiben wollen, sollten Sie in einem solchen Fall vielleicht doch lieber einige Charaktere und Handlungsstränge streichen und Ihr Romanprojekt auf ein realistisch machbares Maß zurückstutzen…


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