Konflikt, Konflikt, Konflikt: spannendere Romanhandlungen mit der Schmelztiegel-Technik

Eine der bewährtesten Techniken für spannende und unterhaltsame Romane ist der ‚Schmelztiegel‘. Diese sehr passende Bezeichnung hatte ich erstmals vor einigen Jahren in dem Buch „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ von James N. Frey gelesen.

Frey bezieht sich hier darauf, dass man den Protagonisten und den Antagonisten eines Romans (also die beiden Gegenspieler, um die es im zentralen Konflikt des Romans geht) in einen Schmelztiegel stecken sollte. Für Frey ist dies eine Situation, aus der keiner der beiden Kontrahenten einfach entkommen kann, sondern in der sie gezwungen sind, ihren Konflikt bis zum bitteren Ende auszufechten.

Auch wenn dies schon ein sehr guter Tipp für einen „verdammt guten Roman“ ist, kann man den ‚Schmelztiegel‘ auch noch anderweitig verwenden – nämlich um zwei möglichst unterschiedliche Protagonisten für den Verlauf der Romanhandlung durch ein gemeinsames Ziel oder Problem aneinander zu ketten.

Man kennt das Prinzip von den Buddy-Filmen, in denen häufig zwei äußerst gegensätzliche Charaktere gezwungen werden, zusammenzuarbeiten und ihre gegenseitigen Vorbehalte, Vorurteile und Animositäten zu überwinden, um letztendlich ihr Ziel zu erreichen. Denken Sie beispielsweise an „Nur 48 Stunden“ mit Eddie Murphy und Nick Nolte oder „Lethal Weapon“ mit Mel Gibson und Danny Glover. Aber natürlich gibt es Buddy-Filme nicht nur im Bereich Krimi / Actionkomödie, sondern auch in anderen Genres, wie beispielsweise dem Gefängnis-Drama „Die Verurteilten“ mit Tim Robbins und Morgan Freeman oder Wolfgang Petersens Science-Fiction-Film „Enemy Mine“ mit Dennis Quaid und Louis Gossett junior.

Sie können dieses Prinzip für Ihren Roman verwenden, indem Sie sich zwei möglichst gegensätzliche Charaktere ausdenken und parallel dazu überlegen, wie Sie diesen ein gemeinsames Ziel geben können, das sie nur erreichen können, wenn sie sich zusammenraufen und ihre individuellen Stärken und Fähigkeiten vereinen.

Versuchen Sie, die Charaktere so zusammenzustellen, dass jeder von ihnen das repräsentiert, was der andere von Grund auf ablehnt und vielleicht sogar verachtet. Geben Sie ihnen unterschiedliche ethnische Zugehörigkeiten, unterschiedliche Religionen, eine unterschiedliche Familiensituation oder sexuelle Orientierung und möglichst unterschiedliche Ziele und Prioritäten im Leben.

Überlegen Sie, warum diese Charaktere sich nicht leiden können und wie ihr unterschiedlicher Hintergrund und ihre Denk- und Handlungsweise für Konflikte sorgen könnte. Geben Sie jedem der beiden Charaktere eine Hintergrundgeschichte, die ihre Ablehnung des anderen über die üblichen in einer sozialen oder ethnischen Gruppe vorherrschenden Vorurteile hinausgehen lässt. Ein weißer Polizist, der etwas gegen schwarze Mitglieder von Straßengangs hat, ist banal. Wenn vor ein paar Jahren seine schwangere Verlobte bei einem Drive-by-Shooting zwischen rivalisierenden Gangs als unschuldige Passantin von einer verirrten Kugel getötet wurde, hat seine Abneigung gleich ein ganz anderes Kaliber. Ist das fragliche Gang-Mitglied auch noch Mitglied derselben Gang, die für den Tod seiner Verlobten verantwortlich war, haben wir zumindest von einer Seite eine ausreichend tiefe Kluft zwischen beide Charaktere gegraben.

Aber das Potential des ‚Schmelztiegels‘ für dramatische Konflikte ist noch lange nicht ausgereizt, wenn die tief sitzende Abneigung nur von einer Seite ausgeht und die andere versucht, die Wogen zu glätten und zur Erreichung des gemeinsamen Ziels konstruktiv zusammenzuarbeiten. Sagen wir also, dass der Vater des Gangmitglieds vor einigen Jahren von Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen wurde, obwohl er ein friedlicher Buchhalter war, der nicht einmal eine Waffe besaß. Um ihr Vorgehen zu rechtfertigen, hatten die Polizisten dem Toten damals eine illegale Waffe und Drogen untergeschoben. Die Familie verlor ihre Wohnung, da die Mutter nicht genug Geld verdienen konnte, um diese zu halten, und musste in eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in der übelsten Gegend der Stadt ziehen. Innerhalb weniger Monate sah sich der damals 16jährige Sohn gezwungen, einer der rivalisierenden Gangs der Gegend beizutreten, um sich deren Schutz für sich und seine Mutter zu sichern. Durch diese Backstory ist auch sein Hass gegen weiße Polizisten, die er für korrupte Rassisten hält, durchaus verständlich.

Natürlich war das jetzt wieder mal ein ziemlich tiefer Griff in die Klischee-Kiste, aber wenn man ein Prinzip verdeutlichen will, sollte man bekanntlich lieber zum breiten Pinsel greifen, als zu dezent vorzugehen. Um jemandem die Wirkung von Chili zu demonstrieren, lasse ich ihn auch lieber in eine scharfe Chilischote beißen, als eine winzige Prise Chili-Pulver an sein Essen zu geben. ;-)

Eine Konstellation mit zwei Protagonisten, die sich gegenseitig zutiefst ablehnen oder sogar hassen, hat den Vorteil, dass Sie nicht mehr nur den Konflikt zwischen ‚gut‘ und ‚böse‘ im zentralen Konflikt haben. Stattdessen können Sie diesen Handlungsstrang noch mit den individuellen Geschichten der beiden Protagonisten und, als viertem Handlungsstrang, dem Weg der beiden von Vorurteil und Vorbehalten hin zu Verständnis und Freundschaft kombinieren.

Das hilft nicht nur dabei, den Roman wesentlich abwechslungsreicher und damit für den Leser unterhaltsamer zu gestalten, sondern erleichtert es Ihnen auch, das Wachstum der beiden Protagonisten im Laufe der Handlung glaubwürdig zu schildern. Jeder der beiden wird für den anderen zum Katalysator, der diesen im Laufe der Handlung dazu zwingt, seine Vorbehalte und Vorurteile zu überdenken und neuen Dingen und Alternativen offener gegenüber zu stehen.

Durch den ‚Schmelztiegel‘, in den Ihre Protagonisten durch die Handlung geworfen werden, werden nicht nur ähnlich wie bei der Verhüttung von von Erz die Verunreinigungen (hier also die Vorurteile und falschen Vorbehalte) ausgeschwemmt, sondern im gleichen Prozess nehmen beide Charaktere Eigenschaften des jeweils anderen an, die sie zu einer abgerundeteren und damit im Sinne der Handlung stärkeren Person machen.

Bonuspunkte erhalten Sie, wenn Sie die dadurch erzielte Veränderung zu einem Schlüssel im Finale Ihres Romans machen. Je besser der Antagonist seine Gegner (eventuell schon von früher, also vor Beginn der Romanhandlung) kennt, desto mehr wird er sich in Sicherheit wiegen, da er glaubt, jede ihrer Reaktionen und Handlungen vorhersehen zu können und darauf vorbereitet zu sein. Die vom ‚Schmelztiegel‘ herbeigeführten Änderungen (Wachstum des Charakters / Character Arc) führen jedoch dazu, dass er letztendlich von der Vorgehensweise der beiden Protagonisten im alles entscheidenden Finale überrumpelt und kalt erwischt wird, da er diese Vorgehensweise niemals erwartet oder für möglich gehalten hätte.

Lassen Sie sich das Prinzip in Ruhe durch den Kopf gehen. Vielleicht finden Sie in Ihrem nächsten Romanprojekt ja eine gute Möglichkeit, die Handlung durch den Einsatz des ‚Schmelztiegels‘ noch stärker und spannender zu machen.

Wie viele Handlungsstränge sollte Ihr Roman haben?

Eine der häufigsten Fragen, die sich Romanutoren bei der Planung eines Romans stellen, ist die, wie viele Handlungsstränge sie für ihren Roman einplanen sollten. Natürlich ist eine komplexe, vielschichtige Handlung immer gut und oft sorgen erst die Nebenhandlungen eines Romans für das nötige „Volumen“ – aber wann ist der Punkt erreicht, an dem es einfach „zu viel des Guten“ ist und an dem jede zusätzliche Nebenhandlung nur noch die eigentliche Haupt-Handlung des Romans verwässert?

Diese Frage ist komplexer, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Zunächst einmal geht die Frage nach der „richtigen“ Anzahl unterschiedlicher Handlungssträngen oft Hand in Hand mit der Frage, wie viele Perspektiv-Charaktere man in einem Roman haben sollte.

Und mal ganz provokativ gefragt: Wozu überhaupt mehrere Handlungsstränge und mehrere Perspektiv-Charaktere? Hat man nicht meist einen einzelnen Protagonisten, dessen Geschichte man in diesem Roman erzählen will?

Bei aus der „Ich-Perspektive“ erzählten Romanen ist das tatsächlich der Fall. Wer seine Geschichten aus der Ich-Perspektive schreibt, hat relativ wenig Möglichkeiten, einzelne Szenen aus der Perspektive einer anderen Person zu schildern.

Das hat oft gravierende Nachteile. So kann der Ich-Erzähler nur von Ereignissen berichten, bei denen er – bzw. der Protagonist, aus dessen Perspektive er die Geschehnisse schildert – selbst anwesend war.

Der deutsche Romanautor Thomas Thiemeyer („Medusa“, „Reptilia“) verwendet einen geschickten Kunstgriff, um dieses Handicap zu umgehen: In seinen Romanen schildert er alle Ereignisse, bei denen sein Protagonist selbst anwesend ist, aus der Ich-Perspektive, während alle anderen Handlungsstränge in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven erzählt werden. Natürlich wechselt Thiemeyer in seinen Romanen nicht willkürlich zwischen beiden Erzählperspektiven, sondern nutzt Szenen- oder Kapitelübergänge für einen reibungslosen Wechsel.

Was die Anzahl der unterschiedlichen Perspektivcharaktere angeht, gilt die Faustformel: „Je länger ein Roman ist, desto mehr unterschiedlicher Perspektivcharaktere kann er vertragen.“

Gut, ich gebe zu: Diese Aussage ist fast so wenig greifbar wie die Prophezeiung eines Orakels, aber eine exakte Formel wird es niemals geben. Dass es so schwierig ist, die Frage exakt zu beantworten, liegt auch daran, dass Perspektivcharakter nicht unbedingt gleich Perspektivcharakter ist.

Ich weiß, dass das unlogisch klingt – daher ein Beispiel: Viele Autoren (gerade im Horror- und Thriller-Genre) verwenden gerne den Kniff des „Wegwerf-Perspektivcharakters“. Dabei führen sie in einer Szene eine neue Figur ein und sorgen dadurch, dass sie dem Leser von den Problemen, Gedanken, Zielen und Träumen dieser Person berichten, dafür, dass der Leser sich für diese Figur interessiert und Sympathie für sie empfindet.

Sobald der Autor das erreicht hat, wird die Figur von einem Monster, Serienkiller oder einem sonstigen üblen Ereignis grausam dahin gerafft – daher auch die Bezeichnung „Wegwerf-Perspektivcharakter“.

Dabei handelt es sich um einen erzähltechnischen Trick, um den Leser emotional tiefer in die Handlung zu ziehen. Es ist wie bei den Nachrichten: Wenn wir hören, dass es in Asien bei einer Überschwemmung mehrere hundert Tote gibt, berührt uns das oft weniger, als wenn die Reporter detailliert über ein tragisches Einzelschicksal berichten. Der vorübergehende Wechsel in die Perspektive des Opfers macht das Opfer zu einem solchen tragischen Einzelschicksal, nicht nur zu einem anonymen Statisten.

„Wegwerf-Perspektivcharaktere“ sollten Sie daher, wenn Sie solche in Ihrem Roman einsetzen wollen, nicht mitzählen. „Echte“ Perspektivcharaktere sind länger mit von der Partie, nicht nur in einer einzelnen Szene. Natürlich können auch sie im Verlauf der Handlung sterben, aber sie sind nicht nur als „Kanonenfutter“ in die Handlung geschrieben worden.

Aus diesem Grund haben „echte“ Perspektivcharaktere auch eigene, von der Haupthandlung unabhängige Handlungsstränge – womit wir wieder bei der anfänglichen Problematik wären.

Unterschiedliche Handlungsstränge in einem Roman haben mehrere Vorteile:

  1. Sie können an besonders spannenden Stellen zu einem anderen Handlungsstrang wechseln, um den Leser auf die Folter zu spannen und so die Spannung zu erhöhen. Selbst wenn der Handlungsstrang, zu dem Sie gerade wechseln, den Leser anfangs weniger interessiert als der, bei dem Sie ihn mit einem dramatischen Cliffhanger zurückgelassen haben, wird er dennoch weiter lesen, um möglichst bald zu erfahren, wie es bei „seinem“ Handlungsstrang weiter geht. Und bis es so weit ist, haben Sie ihn bereits so tief in den anderen Handlungsstrang hineingezogen, dass er sich von diesem gar nicht mehr losreißen kann.
    George R. R. Martin setzt diese Technik perfekt bei seinen Romanen ein. Jedesmal, wenn er auf einen anderen Perspektivcharakter wechselt, ist man zunächst enttäuscht, kann sich aber schon nach wenigen Seiten kaum noch von der neuen Handlung lösen.
  2. Mit unterschiedlichen Handlungssträngen können Sie das Tempo Ihres Romans regulieren und nebenbei Ihren Helden vor völlig unterschiedliche Probleme stellen: Nachdem Ihr Held sich gerade noch eine Schießerei mit feindlichen Agenten geliefert hat und nur um Haaresbreite aus dem hinter ihm explodierenden Gebäude fliehen konnte (haarsträubende Übertreibungen sind natürlich wie immer beabsichtigt ;-)), bekommt er in der nächsten Szene vielleicht einen Anruf von seiner ehemaligen Freundin, die er unbedingt für sich zurückgewinnen will. In diesem Handlungsstrang geht es nicht um Explosionen und wilde Gefechte, sondern darum, dass Ihr Held der einzigen Frau, die er jemals geliebt hat, beweisen will, dass er sich seit damals geändert hat.

Perspektivcharaktere und Handlungsstränge hängen dabei eng miteinander zusammen: Da Ihr Roman einen „Haupt-Handlungsstrang“ hat, in dem sich alles um den zentralen Konflikt Ihres Romans dreht, werden die meisten Perspektivcharaktere Ihres Romans eine ganze Reihe von Szenen haben, in denen es um den Haupt-Handlungsstrang des Romans geht.

Allerdings werden gerade die wichtigen Perspektivcharaktere wie der Sidekick/Vertraute Ihres Protagonisten oder seine Liebesbeziehung auch jeder einen davon unabhängigen, eigenen Handlungsstrang haben, der bestenfalls lose mit der Haupthandlung verknüpft ist.

Natürlich sollten auch diese Nebenhandlungen spannend sein, aber egal wie gut sie Ihnen persönlich gefallen, dürfen sie doch niemals Ihrer Haupthandlung den zentralen Platz innerhalb Ihres Romans streitig machen.

Achten Sie daher sehr genau darauf, wieviele Szenen Ihre einzelnen Perspektivcharaktere bekommen – und wieviel Szenen Sie den einzelnen Handlungsträngen zuteilen.

Dabei gilt ein ehernes Gesetz: Der Protagonist des Romans (also die Hauptfigur) bekommt mehr Szenen als jede andere Figur. Wenn Sie neben Ihrem Protagonisten nur noch einen anderen Perspektivcharakter haben, würde ich ein klares Verhältnis von 2/3 zu 1/3 empfehlen – wenn nicht gar 3/4 zu 1/4.

Je mehr Perspektivcharaktere Sie in Ihrem Roman haben, desto mehr verlagert sich dieses Verhältnis. Bei zwei oder mehr zusätzlichen Charakteren würde ich 50% der Szenen dem Protagonisten geben und die anderen 50% zu ungefähr gleichen Teilen zwischen den anderen Charakteren aufteilen.

Dasselbe gilt für die Handlungsstränge. Mindestens 50% der Szenen (besser 60-70%) Ihres Romans sollten zum Haupt-Handlungsstrang gehören – den Rest können Sie zwischen den diversen Nebenhandlungen aufteilen.

Dabei muss natürlich immer noch genug Platz bleiben, um jede dieser Nebenhandlungen sauber abschließen zu können. Je mehr Nebenhandlungen Sie also anzetteln, desto länger muss auch Ihr Roman werden – und desto komplexer muss auch die Haupt-Handlung Ihres Romans werden, damit das prozentuale Mengenverhältnis gewahrt bleibt.

Für einen „normalen“ Roman von ca. 90.000 Wörtern würde ich daher nicht mehr als maximal vier Perspektiv-Charaktere empfehlen. Meist handelt es sich dabei um den Protagonisten/Helden, den Antagonisten/Schurken, den Sidekick/Vertrauten und ggf. (je nach Handlung) die Liebesbeziehung des Protagonisten.

Daraus ergeben sich bereits bis zu fünf Handlungsstränge: Neben dem Haupt-Handlungsstrang (also dem zentralen Konflikt) braucht jeder wichtige Perspektivcharakter (höchstens mit Ausnahme des Antagonisten) eine eigene Nebenhandlung, die dazu dient, diesen Charakter noch von einer anderen Seite zu beleuchten und ihm so mehr Tiefe zu geben.

Die Nebenhandlung des Protagonisten dreht sich oft um die Schwäche, die er überwinden muss, um den zentralen Konflikt des Romans für sich entscheiden zu können. Das kann der alkoholkranke Sheriff im Western sein, der weiß, dass er trocken werden muss, um schließlich dem skrupellosen Revolverhelden im großen Showdown gegenübertreten zu können.

Diese Nebenhandlung verleiht der Figur des Protagonisten mehr Tiefe, ebenso wie die Nebenhandlungen der anderen Perspektiv-Charaktere diese als abgerundete Figuren erscheinen lassen.

Ein Handlungsstrang oder ein Konflikt ist wie eine Kerze. Auch eine Kerze wirft ihr Licht nur von einer bestimmten Seite auf die Figur, während sie die anderen Seiten im Dunkeln lässt. Um sie von anderen Seiten zu beleuchten und sie so wirklich als abgerundeten Charakter erkennen zu können, brauchen wir die Nebenhandlungen.

Um die richtige Anzahl der Perspektivcharaktere und Handlungsstränge für Ihren Roman zu ermitteln, müssen Sie diesen daher zumindest im Groben planen: Rechnen Sie aus, wie lang bei Ihnen eine durchschnittliche Szene ausfällt. Mit 1.000 bis 1.250 Wörtern (also 4-5 Seiten) liegen Sie meistens ganz gut im Rennen.

Nun rechnen Sie aus, wie lang Ihr Roman werden soll – also z.B. 400 Seiten. Multipliziert mit 250 Wörtern pro Seite gäbe das ca. 100.000 Wörter, was bei 1.000-1.250 Wörtern pro Szene ca. 80-100 Szenen ergäbe.

Mindestens die Hälfte davon sollte auf die Haupthandlung entfallen – also ca. 50 Szenen. Wenn Sie davon ausgehen, dass Sie für eine durchschnittliche Nebenhandlung zehn Szenen brauchen, um diese vollständig zu erzählen und zu einem für den Leser befriedigenden Abschluss zu bringen, können Sie neben Ihrer Haupthandlung noch 4-5 Nebenhandlungen unterbringen.

Das ganze ist natürlich keine exakte Wissenschaft, sondern lediglich eine nützliche Faustformel. Aber wenn Sie bei der Planung Ihres Fantasy-Romans merken, dass Sie bereits ein knappes Dutzend Perspektiv-Charaktere und mehr als doppelt so viele Handlungsstränge haben, sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass Sie im Begriff sind, ein Mammutwerk wie das in über 20 Jahren bereits auf über 6.000 Seiten angewachsene und noch immer nicht abgeschlossene „Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin in Angriff zu nehmen.

Falls Sie Ihr Romanprojekt einerseits irgendwann erfolgreich abschließen wollen und andererseits irgendwann auch nochmal etwas anderes schreiben wollen, sollten Sie in einem solchen Fall vielleicht doch lieber einige Charaktere und Handlungsstränge streichen und Ihr Romanprojekt auf ein realistisch machbares Maß zurückstutzen…


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