Prime Reading: Was Amazons neue Lese-Flatrate für Autoren bedeutet

Seit den Anfangstagen der eReader hat Amazon immer wieder den eReading- und Selfpublishing-Markt vorangetrieben und mit Neuerungen durcheinander gewirbelt. Vor einigen Jahren öffnete Amazon mit seinem Selfpublishing-Portal KDP (Kindle Direct Publishing) für jeden Autor die Möglichkeit, seine Bücher kostenlos und mit verlockend hohen Tantiemen im eBook-Format über Amazon zu veröffentlichen.

2014 folgte die gerade unter Autoren nicht unumstrittene Lese-Flatrate „Kindle Unlimited“, bei der Ausleihen zunächst mit einer Pauschale pro ausgeliehenem Exemplar vergütet wurde, was später auf eine Vergütung nach gelesenen Seiten umgestellt wurde. Wer sein Buch über „KDP Select“ exklusiv über Amazon veröffentlicht hatte, um beispielsweise die Möglichkeit zu haben, sein Buch an bis zu fünf Tagen pro Quartal kostenlos anzubieten, musste dieses Buch ab jetzt zugleich auch automatisch für die hauseigene Kindle-Unlimited-Leseflatrate freigeben – auch wenn die Vergütung pro gelesener Seite immer niedriger wurde und mittlerweile unter 0,3 Cent gefallen ist.

Doch ab dieser Woche wirbelt Amazon den eBook-Markt wieder mal mit einer neuen Lese-Flatrate durcheinander: Prime Reading

„Prime Reading“ für Leser

Die neue Lese-Flatrate „Prime Reading“ hat nichts mit Amazons ‚großer‘ Lese-Flatrate „Kindle Unlimited“ zu tun, für die Kunden monatlich 9,99 € bezahlen müssen. Auch wenn beide Flatrates auf den ersten Blick gewisse Gemeinsamkeiten haben, wie das der Kunde parallel bis zu zehn Bücher ausleihen und lesen kann, handelt es sich um zwei voneinander unabhängige Angebote, die zukünftig parallel zueinander existieren werden.

Im Gegensatz zu „Kindle Unlimited“, für das der Kunde aufs Jahr gerechnet knappe 120 Euro zahlt, steht die neue Lese-Flatrate „Prime Reading“ allen Amazon-Kunden zur Verfügung, die über eine Prime-Mitgliedschaft verfügen – ähnlich wie die „Kindle Leihbücherei“, über die Prime-Kunden auch bisher schon jeden Monat ein Buch kostenlos zum Lesen ausleihen konnten.

Und während man für das Ausleihen von Büchern über „Kindle Unlimited“ oder die „Kindle Leihbücherei“ tatsächlich einen Kindle-eReader oder ein Fire-Tablet benötigt, kann man das Angebot von „Prime Reading“ auch per Tablet oder Smartphone nutzen.

Amazon Prime ist von einer Versandkosten-Flatrate im Laufe der Zeit zu einer Art „All-Inclusive-Paket“ von Amazon geworden: Mittlerweile kann man (neben dem kostenlosen Versand von direkt über Amazon gelieferten Artikeln) auch per „Amazon Music“ kostenlos Musik streamen, per „Amazon Instant Video“ zahllose Filme und Serien kostenlos online anschauen, seine Fotos in der Cloud speichern und monatlich ein Buch über die „Kindle Leihbücherei“ ausleihen.

Und jetzt kommt eben noch „Prime Reading“ dazu – sozusagen der kleine Bruder von „Kindle Unlimited“. Denn während man als Leser bei „Kindle Unlimited“ Zugriff auf über eine Million Bücher hat (u.a. alle Bücher von Selfpublishern, die ihre Bücher auch für „KDP Select“ angemeldet haben) besteht das Sortiment bei „Prime Reading“ lediglich aus ca. 500 Büchern und Zeitschriften, die dafür allerdings periodisch (vermutlich ungefähr alle drei Monate) wechseln werden.

Für mich sieht das neue „Prime Reading“-Angebot ein wenig danach aus, als ob man mit dem recht überschaubaren Prime-Reading-Sortiment die Prime-Kunden für das Prinzip einer Lese-Flatrate begeistern will, damit diese dann früher oder später auf das teurere „Kindle Unlimited“ umsteigen. Also ähnlich wie beim ebenfalls in Amazon Prime enthaltenen „Amazon Music“, das mit „Amazon Music Unlimited“ mittlerweile auch einen kostenpflichtigen großen Bruder erhalten hat.

Während „Prime Reading“ für extreme Vielleser, die bereits über ein Kindle-Unlimited-Abo verfügen, relativ uninteressant sein dürfte, wird die neue Lese-Flatrate zweifellos jede Menge Fans unter den rund 17 Millionen Prime-Kunden in Deutschland finden.

Wer nur alle paar Wochen mal ein Buch liest und bereits eine Prime-Mitgliedschaft hat, dürfte zukünftig vermutlich weniger Bücher als bisher kaufen und sich stattdessen aus dem von Amazon recht abwechslungsreich zusammengestellten Prime-Reading-Sortiment bedienen.

„Prime Reading“ und die Bestsellerlisten

Schon jetzt zeigt sich in Amazons Bestseller-Listen, wie sehr die neue Leser-Flatrate diese beeinflusst. Denn wenn man hier mal etwas genauer vergleicht, fällt einem auf, dass sich in den Top-100 fast nur noch Titel tummeln, die auch in „Prime Reading“ enthalten sind, da die Ausleihen über „Prime Reading“ genau wie normale Verkäufe gewertet werden.

Bei 17 Millionen Prime-Kunden, die diese Bücher theoretisch ausleihen können, kann man sich vorstellen, dass diese neu gewonnene Sichtbarkeit den in „Prime Reading“ enthaltenen Büchern einen gewaltigen Popularitätsschub bringt.

Doch auch wenn die Auswirkungen der neuen Lese-Flatrate auf die Bestseller-Listen zweifellos auch mittel- und langfristig groß sein werden, muss man doch erst mal die ersten 2-3 Monate abwarten, um realistisch beurteilen zu können, ob ein Platz im Prime-Reading-Sortiment tatsächlich zum einzigen Weg für eine Top-100-Platzierung wird.

„Prime Reading“ ist in Deutschland erst wenige Tage alt und hat noch den Reiz des Neuen – auf gut Deutsch: Millionen Menschen leihen jede Menge eBooks aus, um das neue Inklusiv-Angebot zu testen.

Nach den ersten paar Wochen dürften die Auswirkungen auf die Top-100 sich schon etwas reduzieren, da die meisten Leser die für sie interessanten Bücher bereits ausgeliehen (wenn auch vielleicht noch nicht gelesen) haben.

Der nächste Schub ist dann wohl erst wieder zu erwarten, wenn Amazon in runden drei Monaten das Prime-Reading-Sortiment austauscht und den interessierten Lesern einen Schwung neuen Lesefutters zur Verfügung stellt.

„Prime Reading“ für Autoren

Während jeder Autor durch die exklusive Anmeldung seines Buchs für „KDP Select“ sein Buch auch für die Lese-Flatrate „Kindle Unlimited“ freigeben kann, tauchen in „Prime Reading“ nur von Amazon ausgewählte Bücher aus, deren Autoren (bzw. Verlage) sich bereiterklärt haben, Amazon die Rechte für die zeitlich befristete Listung iim Prime-Reading-Sortiment gegen eine einmalige Pauschalzahlung einzuräumen.

Die Höhe dieser Zahlung liegt üblicherweise im Bereich zwischen 200 € und 1.000 € und hängt vom bisherigen finanziellen Erfolg des jeweiligen Buchs ab.

Auch wenn die meisten Selfpublisher wohl niemals ein Angebot von Amazon erhalten werden, eines ihrer Bücher für „Prime Reading“ freizugeben, hat die Einführung der neuen Lese-Flatrate dennoch signifikante Auswirkungen auf die zukünftige Veröffentlichungs-Strategie.

Obwohl natürlich auch weiterhin die über „Kindle Unlimited“ gelesenen Seiten in die Berechnung der Amazon-Bestseller-Listen einfließen, wird deren Einfluss durch das neue „Prime Reading“ deutlich zurückgehen. Nach den ersten paar Monaten der neuen Lese-Flatrate dürften daher viele Selfpublisher ihre Entscheidung, ihr Buch für „KDP Select“ und damit auch für „Kindle Unlimited“ freizugeben, noch einmal kritisch überdenken. Denn während bisher die Kindle-Unlimited-Vielleser ein Buch schnell in die gut sichtbaren Top-100 hieven (und damit auch die Verkäufe der anderen Bücher des Autors ankurbeln) konnten, geht der Einfluss dieser Vielleser zukünftig durch die Millionen Prime-Reading-Kunden deutlich zurück.

Doch auch wer als erfolgreicher Selfpublisher ein Angebot erhält, eines seiner bereits kommerziell erfolgreichen Bücher gegen eine Pauschalzahlung zeitlich befristet für „Prime Reading“ freizugeben, sollte genau überlegen, ob sich dieses Angebot für ihn wirklich rechnet.

Ganz klar: eine Listung in „Prime Reading“ bedeutet für ein Buch eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit für einen gut sichtbaren Platz in den Top-100. Wer als Selfpublisher bereits eine ganze Reihe Bücher veröffentlicht hat, kann also damit rechnen, dass viele begeisterte Prime-Reading-Leser anschließend auch weitere seiner Bücher kaufen werden. Wer hingegen nur dieses eine Buch veröffentlicht hat, kann den Popularitäts-Schub durch eine gute Platzierung in den Top-100 kaum in Geld umwandeln.

Solange das Buch im Prime-Reading-Sortiment enthalten ist, wird es kaum jemand kaufen (da schließlich mehr als jeder dritte Amazon-Kunde auch Prime-Kunde ist). Und sobald das Buch im Rahmen des nächsten Sortimentswechsels aus „Prime Reading“ verschwindet, ist es kommerziell gesehen ausgebrannt. Wer es lesen wollte, wird es bis dahin kostenlos ausgeliehen und gelesen haben; die Verkäufe nach drei Monaten „Prime Reading“ dürften nur noch auf einem recht niedrigen Stand vor sich hin dümpeln.

Fazit: Wer als Selfpublisher von Amazon das Angebot erhält, eines seiner Bücher für das Prime-Reading-Sortiment freizugeben, sollte es sich genau überlegen. Selbst wenn das Buch in dieser Zeit durch den damit verbundenen Popularitätsschub zehntausende von Malen ausgeliehen und gelesen wird, bekommt man als Autor dafür neben der im Vorfeld vereinbarten recht niedrigen Pauschale von maximal 1000 Euro keinen Cent. So etwas rechnet sich überwiegend dann, wenn das Buch bereits den Zenit seines kommerziellen Erfolgs überschritten hat und nun noch dabei helfen kann, die Bekanntheit des Autors zu erhöhen und mit etwas Glück neue Leser für seine anderen Bücher zu begeistern.

Für alle anderen Autoren, die bisher „KDP Select“ nutzen und ihre Bücher damit für die Kindle-Unlimited-Leihbibliothek freigeben, wird sich irgendwann die Frage stellen, ob dieser Exklusiv-Deal mit Amazon sich weiterhin rechnet oder ob es vielleicht doch lohnender ist, die eigenen Bücher parallel auch über andere Buchhändler und für andere eReader wie den Tolino anzubieten, statt sich auf Gedeih und Verderb exklusiv an Amazon zu binden. Eine breitere Plattform ist meiner Meinung nach immer besser, als alle Eier in einen Korb zu legen. Aber das ist eine Entscheidung, die letztendlich jeder Autor für sich selbst treffen muss.

Leseflatrates – schöne neue eBook-Welt?

„Ich habe die Zukunft gesehen, und sie wird nicht funktionieren.“ Dieser Satz des amerikanischen Kolumnisten Paul Krugman (der sich im ursprünglichen Kontext auf seine Bilanz einer China-Reise bezog) würde perfekt zu einem Artikel über die Zukunft des Selfpublishings passen – jedenfalls für Autoren, die das Schreiben nicht nur als schönes Hobby, sondern auch als veritablen Nebenverdienst oder gar als ihr Haupteinkommen sehen. Denn der große Ausverkauf hat bereits begonnen.

Ich kann an dieser Stelle förmlich die skeptisch hochgezogenen Augenbrauen vieler Leser vor mir sehen. Haben wir denn nicht die schöne neue Welt des Selfpublishings, in der es keine mächtigen Schwellenwächter in Form von Lektoren, Literaturagenten und Verlagen mehr gibt, sondern in der jeder Schriftsteller seine Bücher einfach und unkompliziert selbst veröffentlichen kann?

Beides ist korrekt – und es passt leider nur zu gut zusammen. Wir befinden uns, was die Welt der Autoren angeht, gerade mitten in der zweiten digitalen Revolution – einer leisen, unauffälligen Revolution, die schleichend und auf leisen Sohlen die tönernen Füße der schönen neuen Selfpublishing-Welt unterspült und sie nach und nach zusammenbrechen lässt. Nicht mit einem lauten Knall wie ein Hochhaus, das in sich zusammen stürzt, sondern eher wie die kleinen Pfahlbauten einer Siedlung, die nach und nach verrotten, in sich zusammensinken und in den Fluten verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Wenn man früher ein Buch veröffentlichen wollte, gab es fast nur den Weg über die klassischen Verlage. Selfpublishing gab es zwar auch schon in früheren Jahrhunderten (mit renommierten Beispielen von Gotthold Ephraim Lessing bis zu Marcel Proust), doch war dies damals eine teure und finanziell riskante Unternehmung.

Erst Ende der 90er Jahre kamen Selfpublishing-Anbieter wie BoD, über die die Autoren ihre Werke mit geringem finanziellem Einsatz in gedruckte Bücher verwandeln konnten, die dann (oft mehr theoretisch als praktisch) über jede Buchhandlung bestellt werden konnten.

Doch den wahren Selfpublishing-Boom löste Amazon mit dem Kindle aus, der einen rasanten Vormasch der zuvor eher als Nischenprodukt belächelten eReader auslöste – nicht zuletzt auch durch Amazon KDP. KDP bot erstmals jedem Autor die Möglichkeit, sein Buch völlig kostenlos auf dem weltgrößten Marktplatz für elektronische Bücher anzubieten, und dafür auch noch Tantiemen in der sagenhaften Höhe von 70% des Nettoverkaufspreises zu erhalten. Konditionen, von denen Verlagsautoren nur träumen konnten.

Mit dem Kindle, der ersten digitalen Revolution für Autoren, begann ein wahrer Goldrausch. Und genau wie zu den Zeiten des Goldrauschs im Wilden Westen die Geschichten von Goldsuchern die Runde machten, die auf gewaltige Goldadern stießen und unermesslich reich wurden, boomte das Selfpublishing durch die Geschichten von Autoren wie John Locke oder Amanda Hocking, die durch den Verkauf von 99-Cent-Büchern Millionen eBooks verkauften und damit reich und berühmt wurden.

Immer mehr Autoren strömten mit ihren (leider teils schlecht geschriebenen und noch schlechter lektorierten) Büchern auf den Markt, um sich auch ihr Stück vom großen Kuchen zu sichern. Doch nicht nur das ‚Totholz‘, das durch negative Kundenrezensionen recht schnell ausgesiebt wurde, flutete den Markt, sondern auch immer mehr Werke ebenso produktiver wie kompetenter Autoren. Nicht nur neue Namen, die als Selfpublisher-Senkrechtstarter scheinbar aus dem Nichts auftauchten, sondern auch ehemalige Verlagsautoren, die nun als Hybrid-Autoren das Beste beider Welten für sich zu nutzen verstanden und sowohl neue Titel als auch Neuauflagen bereits vergriffener älterer Bücher per Selfpublishing veröffentlichten.

Die Flut der Bücher steigt seitdem schneller an, als irgendjemand diese Bücher lesen kann. Eine schöne neue Welt für Leser, die in ihrem Lieblingsgenre mehr Auswahl haben als je zuvor – doch für die Autoren der Scheitelpunkt der digitalen Revolution.

Mit Büchern ist es wie mit jedem Produkt: wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt, fallen die Preise. Wenn es mehrere scheinbar gleichwertige Produkte gibt, wird der Käufer meist zum günstigsten Produkt greifen. Und die Mehrzahl der Autoren ließen sich auf diesen Preiskampf ein, bei dem am Ende keiner von ihnen gewinnen kann.

Um in der Flut an Büchern überhaupt noch gesehen zu werden, sind 99-Cent-Aktionen und Gratis-Aktionen heute an der Tagesordnung. Nicht mehr nur als kurze Sonderaktion für treue Leser, die womöglich auch den Newsletter des Autors abonniert haben, sondern über längere Zeiträume hinweg.

Dieses Verramschen von Büchern fördert meines Erachtens die Gratis-Mentalität vieler Leser, die finden, dass eBooks ohnehin kostenlos sein müssten, da sie ja nicht wie Printbücher teuer gedruckt werden müssen (siehe: Der Wert von eBooks).

Auch wenn es natürlich Selfpublisher gibt, die mittlerweile einen derart hohen Bekanntheitsgrad haben, dass ihre treuen Leser ihre Neuerscheinungen auch zum Normalpreis kaufen, geht die breite Masse der Selfpublisher in dieser 99-Cent-oder-Gratis-Welt sang- und klanglos unter.

Manchen von ihnen ist das egal, da sie das Schreiben lediglich als schönes Hobby betrachten und ihre Bücher auch gratis anbieten würden, nur damit sie jemand liest. Doch für Autoren, die ihre kreative Arbeit finanziell honoriert bekommen möchten, werden die Zeiten immer schlechter.

Dazu trägt auch die anfangs erwähnte zweite digitale Revolution bei: die Flatrates, die mittlerweile jeden Bereich der digitalen Welt überschwemmen.

Wir kaufen keine CDs mehr, auch keine einzelnen MP3-Tracks – stattessen haben wir Spotify, Amazon Prime Music, Ampya, Diggster, Napster und Co.

Wir kaufen keine Filme mehr und fahren auch nicht mehr in die Videothek, um uns physische DVDs auszuleihen – stattdessen haben wir Amazon Prime Instant Video, Netflix, Maxdome, Watchever und Co.

Wir kaufen keine Zeitung mehr, sondern lesen online die Nachrichten von Focus, NTV und wie sie alle heißen. Die Presse wird immer mehr durch das Modell der Huffington Post ersetzt, bei der Autoren gratis Artikel liefern, nur um diese veröffentlicht zu sehen.

Und was ist mit eBooks? Wir haben Amazons Kindle Unlimited, Skoobe, Scribd und Readfy. Dreimal darf man raten, was der Vormarsch der Leseflatrates mitelfristig für Auswirkungen auf den Verkauf von eBooks haben wird. Auf Dauer verdienen an Flatrate-Modellen in erster Linie die Anbieter dieser Flatrates, nicht die Künstler, deren Produkte dort nach dem „All-you-can-eat“-Modell verramscht werden.

Leider kann man das Prinzip von Musik- und Video-Flatrates nicht auf den eBook-Markt übertragen. Denn während Musiker einen guten Teil ihrer Einnahmen über Konzerte und Tourneen erzielen (oder ihre CDs erst dann für Musikflatrates freigeben, wenn diese bereits nicht mehr aktuell sind) und Spielfilme ihre Produktionskosten üblicherweise bereits im Kino wieder einspielen, ist das eBook bei den meisten Autoren das eigentliche Produkt. Wenn dieses nicht mehr für lukrative Einnahmen über die Buchverkäufe sorgt, sondern nur noch mit Ausleih-Tantiemen im Centbereich vergütet wird, ist es wirtschaftlich für Autoren endgültig nicht mehr interessant, qualitativ hochwertige Bücher zu produzieren und dabei aus eigener Tasche drei- bis vierstellige Beträge in Lektorat, Korrektorat und Coverdesign zu investieren.

Bei Amazon erkennt man den Wandel und den damit verbundenen Preisverfall bereits. Hier wird schon seit Mitte 2015 nicht mehr nach ausgeliehenen Büchern bezahlt, sondern nur noch nach gelesenen Seiten – Masse statt Klasse.

Allein in den ersten sechs Monaten seit der Umstellung auf die Bezahlung der Autoren nach gelesenen Seiten sind die Tantiemen pro gelesener Seite um fast 40% gefallen – von anfangs 0,53 Cent im Juli 2015 auf gerade mal noch 0,33 Cent im Januar 2016.

Die wahre Bedeutung dieser Zahlen wird einem erst klar, wenn man diese anhand konkreter Beispiele ausrechnet: Wer als Autor einen 300seitigen Roman zur Ausleihe über Kindle Unlimited zur Verfügung stellt, erhält für eine Ausleihe (unter der Voraussetzung, dass der Roman komplett bis zur letzten Seite gelesen wurde!) nur noch 99 Cent, während er für einen regulären Verkauf schon bei einem VK von 2,99 € immerhin Tantiemen in Höhe von 1,75 € erhalten würde.Im Juli vergangenen Jahres hätte derselbe Autor noch 1,59 € für die Ausleihe seines Buchs erhalten, doch seitdem befinden sich die Tantiemen für Ausleihen über Kindle Unlimited im freien Fall – und ein Ende ist nicht abzusehen.

Doch was kann man als Autor tun, um diesem Trend entgegen zu wirken? Nichts zu tun und dem großen Ausverkauf und dem Schwinden der eigenen Tantiemen wehmütig zuzuschauen ist definitiv der falsche Weg.

Wir Autoren haben es selbst in der Hand: Wir sind es, die entscheiden, ob wir unsere Bücher für die Ausleihe über Leseflatrates freigeben oder nicht. Für diejenigen, die direkt über Amazon KDP veröffentlichen, bedeutet das zwar, auch auf die Vorteile von KDP Select wie Gratisaktionen zu verzichten, doch die Wirksamkeit solcher Gratisaktionen wird meist überschätzt (siehe „Gratis-Aktionen bei Amazon: Sinnvolles Marketing-Instrument oder gefährliches Eigentor?„).

Bei BoD, dem Klassiker unter den Selfpublishing-Dienstleistern, kann man beispielsweise bei der Veröffentlichung eines eBooks frei entscheiden, ob man sein Buch zur Ausleihe freigeben möchte – eine vorbildliche Lösung. Ich persönlich würde niemals ein Buch über einen Anbieter veröffentlichen, der das Buch im Rahmen einer Veröffentlichung zwingend auch für diverse Lese-Flatrates freigibt. So etwas wäre für mich ein K.O.-Kriterium.

Nur wenn Autoren in Hinsicht auf Leseflatrates konsequent bleiben, können eBooks ihren Wert behalten. Je mehr Autoren ihre Bücher aus Kindle Unlimited und anderen Leseflatrates entfernen, desto uninteressanter und unattraktiver werden diese Leseflatrates für Leser.

Natürlich kommt man sich hier ein wenig vor wie die Bewohner des berühmten gallischen Dörfchens: Was kann man selbst als einzelner Autor schon bewirken, wenn um einen herum tausende anderer Autoren ihre Bücher weiterhin zur Ausleihe freigeben? Sollte man dann nicht doch besser mit dem Strom schwimmen und mit den paar Cent zufrieden sein, die man als Almosen für eine Ausleihe erhält?

Nein. Auch über Leseflatrates wird man nicht von alleine gefunden, sondern muss als Autor Werbung für die eigenen Bücher machen. Und wenn man schon einen Interessenten für das eigene Buch gefunden hat, soll dieser es bitte auch kaufen, statt es sich über eine Leseflatrate kostenlos auszuleihen.

Man verliert auf diesem Wege vielleicht ein paar Leser, die partout nur das lesen, was gratis angeboten wird oder in ihrer Flatrate enthalten ist. Doch diejenigen, die sich wirklich für ein Buch interessieren, werden es im Zweifelsfall auch kaufen, wenn sie es nicht gratis lesen können.

Das ist aus meiner Sicht der richtige Weg: Gute Bücher zu produzieren, die ihr Geld wert sind und den Leser ansprechen. Und diese Bücher dann nicht zu verramschen, sondern sie zu einem für beide Seiten – Autor und Leser – fairen Preis anzubieten.


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