Warum man als Schriftsteller ein Erfolgstagebuch führen sollte

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin ein ziemlich ungeduldiger Mensch. Wenn ich etwas angehe, möchte ich möglichst schnell damit Erfolg haben. Dass ich mit dieser Ungeduld nicht alleine bin, sehe ich an den vielen Schriftstellern, die auf halbem Wege aufgeben, obwohl sie eigentlich das Potential gehabt hätten, wesentlich mehr aus sich zu machen.

Doch Erfolg als Schriftsteller ist nichts, was sich innerhalb weniger Monate oder auch nur weniger Jahre erreichen lässt. Als Schriftsteller muss man über Jahrzehnte immer weiter an seinen Fähigkeiten arbeiten und an jedem neuen Projekt wachsen. Dieser Prozess ist niemals abgeschlossen.

Die beste Methode, um den dafür notwendigen langen Atem zu entwickeln, ist, den Weg als das Ziel zu betrachten. Es geht nicht darum, möglichst schnell ein bestimmtes Ziel (z.B. eine Platzierung in den Top-10 der Bestsellerlisten oder gar den Punkt, an dem man ausschließlich vom Schreiben leben kann) zu erreichen, sondern in erster Linie darum, den Weg in Richtung dieses Ziels zu genießen – egal, wie lang er auch sein mag.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man trödelt und sich unnötig viel Zeit lässt – aber es bedeutet auch nicht, dass man sich abhetzt und wie mit Scheuklappen den Blick starr auf das weit entfernte Ziel gerichtet hält.

Eine verkrampfte Fokussierung auf ein Ziel, auf dessen Erreichung wir nur sehr begrenzten Einfluss haben, ist ein sicheres Rezept für Frustration und Verbitterung. Nichts, was wir tun, kann garantieren, dass wir irgendwann mal mit einem unserer Bücher ganz oben in den Bestseller-Listen stehen oder gar, dass wir irgendwann unseren Brotjob aufgeben und einzig und allein vom Schreiben leben können.

Das einzige, worauf wir als Schriftsteller Einfluss haben, ist, dass jeder unserer Schritte uns nach Möglichkeit in die richtige Richtung führt: dass wir die Projekte in Angriff nehmen, die uns unseren Zielen näher bringen, und konsequent daran arbeiten, jeden Tag ein bisschen besser zu werden.

Es sind nicht die großen Quantensprünge, die uns zum Erfolg bringen, sondern das langsame, aber stetige Wachstum. Sie kennen bestimmt die Auswirkung von Zins und Zinseszins in der Finanzwelt, die selbst relativ kleine Beträge im Laufe der Jahre durch kontinuierliche Verzinsung zu einem beträchtlichen Vermögen anwachsen lassen. Doch die wenigsten von uns sind sich darüber im Klaren, dass dasselbe auch für das eigene Wachstum in den unterschiedlichsten Bereichen gilt – auch beim Schreiben.

Setzen wir unsere Erwartungen bewusst niedrig an: Stellen Sie sich vor, dass Sie jeden Tag nur 1 Promille besser werden als am Vortag. Kein ganzes Prozent, nur ein Promille – ein Tausendstel. Eine solche Veränderung ist doch so marginal, dass sie eigentlich überhaupt keine Auswirkungen haben kann – oder doch?

Wenn Sie konsequent an Ihren eigenen Fähigkeiten und Projekten arbeiten und tatsächlich jeden Tag ein Tausendstel besser werden als am Vortag, haben Sie nach einem Jahr Ihre Fähigkeiten bereits um 44% gesteigert.

Das wirkt nach relativ wenig und in der Praxis sind gerade zu Beginn auch deutlich größere Steigerungen möglich. Anfangs haben Sie so viele Möglichkeiten, zu wachsen und besser zu werden, dass Sie durch konsequente Weiterentwicklung Ihrer Fähigkeiten enorme Fortschritte machen können. Doch genau wie beim Abnehmen kann man diese Geschwindigkeit auf lange Sicht nicht durchhalten. Auch beim Abnehmen purzeln die ersten Pfunde schnell, doch danach verlangsamt sich der Fortschritt so stark, dass viele frustriert aufgeben. Doch ein Wachstum von einem lächerlichen Promille pro Tag ist etwas, das man auch auf lange Sicht durchhalten kann.

Schon nach wenigen Jahren hat das eine, scheinbar lächerliche Promille pro Tag zu unübersehbaren Fortschritten geführt: nach zwei Jahren haben sich Ihre Fähigkeiten mehr als verdoppelt, nach fünf Jahren versechsfacht und nach zehn Jahren sind Sie fast 40mal so gut wie damals, als Sie begonnen haben.

Das Problem dabei ist, dass Sie selbst es nicht mehr merken. Genau wie nur Verwandte, die nur einmal im Jahr während der Feiertage zu Besuch kommen, jedes Mal erstaunt bemerken, wie sehr die Kinder gewachsen sind, während es den Eltern, die ihre Kinder tagtäglich sehen, kaum auffällt, fällt auch uns das Wachstum unserer eigenen Fähigkeiten überhaupt nicht auf.

Als Schriftsteller haben wir das Gefühl, auf der Stelle zu treten und unserem immer noch weit entfernten Ziel kaum einen Schritt näher gekommen zu sein, während unbeteiligte Zuschauer vielleicht den berechtigten Eindruck haben, dass wir bereits enorme Fortschritte und Erfolge erzielt haben.

Das beste Motivationstool, das ich jedem Schriftsteller empfehlen kann, ist ein Erfolgstagebuch – eine chronologische Aufzeichnung aller kleinen und großen Erfolge, auf die Sie stolz sein können.

Je früher Sie mit dem Führen eines solchen Erfolgstagebuchs anfangen, umso besser. Anfangs notieren Sie vielleicht als Erfolg, dass Sie Ihre erste Kurzgeschichte fertig geschrieben haben, auch wenn diese noch nicht gut genug war, um irgendwo veröffentlicht zu werden. Im Laufe der Zeit werden die Erfolge größer: Kurzgeschichten, die in Anthologien abgedruckt werden, die Wettbewerbe gewinnen oder fürs Radio als Hörspiele adaptiert werden. Die Fertigstellung des ersten Romans. Die Veröffentlichung des ersten eigenen Buchs, egal ob über einen Verlag oder als Selfpublisher. Die ersten Einnahmen aus der Tätigkeit als Schriftsteller. Die erste Bestseller-Platzierung eines eigenen Buchs in einer bestimmten Kategorie bei Amazon.

Wenn wir konsequent an unseren eigenen Fähigkeiten arbeiten, unsere Projekte fertigstellen und anschließend immer ehrgeizigere Projekte in Angriff nehmen, die unseren mittlerweile gestiegenen Fähigkeiten gerecht werden, werden auch die Erfolge, die wir in unserem Buch notieren können, im Laufe der Jahre immer größer.

Wenn man dann doch einmal demotiviert ist und das Gefühl hat, seit Jahren auf der Stelle zu treten und seinen Zielen keinen Schritt näher zu kommen, ist es extrem motivierend und hilfreich, in seinem eigenen Erfolgstagebuch zu blättern.

Nicht nur, weil man sich so vor Augen führt, was man in den letzten Jahren schon alles erreicht hat, sondern auch, weil man sieht, auf was für kleine, aus heutiger Sicht fast schon lächerlich wirkende Erfolgserlebnisse man in der Anfangsphase schon stolz war. Genau wie man an seinen eigenen Kinderbildern sieht, wie sehr man seitdem gewachsen ist und sich verändert hat, hilft einem das Erfolgstagebuch, den eigenen Fortschritt realistisch zu betrachten und zu erkennen, wie weit man bereits gekommen ist.

Ein weiteres wirksames Motivationstool ist, größere Erfolge, die man zu diesem Zeitpunkt für sich selbst als Meilenstein betrachtet, als Jahrestage in den eigenen elektronischen Kalender einzutragen. So werden Sie im Kalender Ihres Smartphones immer wieder an frühere Erfolge erinnert – zum Beispiel, dass Sie heute vor drei Jahren bei einem renommierten Schreibwettbewerb einen der ersten Plätze belegt haben, oder dass Sie heute vor X Jahren Ihr erstes Buch veröffentlicht haben. Das motiviert nicht nur, sondern ist in vielen Fällen auch ein Grund zum Feiern, genau wie man die Jahrestage anderer bedeutsamer Ereignisse feiert.

Wenn Sie noch kein Erfolgstagebuch haben, sollten Sie sich unbedingt eines anlegen. Versuchen Sie, rückblickend die bisher wichtigsten Etappen zu rekonstruieren und tragen Sie diese dann mit dem jeweiligen Datum chronologisch in Ihr Erfolgstagebuch ein, bis Sie beim heutigen Datum angekommen sind. Notieren Sie am besten alle Erfolge, die Ihnen einfallen, zunächst auf Karteikarten oder losen Zetteln, da Sie diese später einfach chronologisch sortieren können, bevor Sie alles in Ihr Erfolgstagebuch übertragen.

Gewöhnen Sie sich ab jetzt an, jeden kleinen Erfolg einzutragen: die Fertigstellung eines neuen Manuskripts bzw. dessen Veröffentlichung, einen Blogpost mit extrem vielen positiven Kommentaren, eine besonders hohe Tantiemenabrechnung oder eine gute Platzierung eines Ihrer Bücher in den Amazon-Bestsellerlisten.

Je mehr solche kleinen und größeren Erfolge Sie im Laufe der Zeit zusammentragen, desto besser kann das Blättern in diesem Erfolgsbuch Sie motivieren, wenn Sie wieder mal das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten und Ihren Zielen nicht wirklich näher zu kommen. Probieren Sie es einfach einmal aus – es lohnt sich.


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Schreiben wie Trollope

Kennen Sie Trollope? Anthony Trollope? Falls Sie jetzt angespannt überlegen, wo Sie diesen Namen schon einmal gehört haben: denken Sie ein ganzes Stück zurück – bis ins 19. Jahrhundert.

Anthony Trollope (1815-1882) war einer der bekanntesten und produktivsten Schrifsteller der viktorianischen Ära. Neben diversen anderen Werken schrieb Trollope fast fünfzig Romane – und zwar keine dünnen Büchlein, sondern richtig dicke Wälzer. So haben beispielsweise seine Romane „Die Türme von Barchester“ und „Die Claverings“ jeweils eine Länge von fast 900 Seiten.

Richtig bemerkenswert wird die enorme Produktivität Anthony Trollopes dadurch, dass er nicht etwa ein gut situierter Vollzeit-Schriftsteller war, sondern einen guten Teil seiner Werke neben seinem Job als Postbeamter schrieb.

Wenn man sich näher mit Trollopes Arbeitsweise und dem Geheimnis seiner enormen Produktivität beschäftigt, stellt man rasch fest, dass Trollope in Sachen Planung und Selbstkontrolle seiner Zeit weit voraus war.

Heute ist es ja durchaus in Mode, sich selbst Deadlines zu setzen, diese in ein Wochen- und Tagespensum herunter zu brechen und dann abzuarbeiten – hunderttausende Schriftsteller weltweit machen das jeden November, wenn sie an ihrem NaNoWriMo-Roman arbeiten und dabei täglich mindestens 1.667 Wörter schreiben, um innerhalb von 30 Tagen einen kompletten Roman von 50.000 Wörtern fertigzustellen.

Doch von Trollopes Disziplin und Planung können sich die meisten heutigen Schriftsteller eine Scheibe abschneiden. Trollope erlegte sich selbst feste Regeln auf, an die er sich eisern hielt, um aus den drei Stunden, die er sich jeden Morgen vor der Arbeit zum Schreiben reserviert hatte, das Maximum herauszuholen.

Trollope setzte sich nicht nur feste Ziele pro Woche und pro Tag, um seine Romane termingerecht bei seinem Verleger einreichen zu können, sondern brach seine Zeitvorgaben sogar bis auf eine Viertelstunde herunter: Während Trollope an einem seiner Romane schrieb, gewährte er sich selbst exakt 15 Minuten, um eine Seite zu schreiben. Auch den eher schwammigen Begriff der Seite hatte Trollope für sich selbst präzise definiert: exakt 250 Wörter, die er gedanklich im Hintergrund mitzählte, während er schrieb.

Wenn es also jemals einen Schriftsteller gab, auf den die Beschreibung „präzise wie ein Schweizer Uhrwerk“ passt, war es Anthony Trollope.

Heutzutage haben wir es einfacher als Trollope: Statt mit schwergängigen mechanischen Schreibmaschinen arbeiten zu müssen, haben wir Computer, an denen man nicht nur schneller und ermüdungsfreier schreiben kann, sondern durch die die Korrektur von Fehlern zum Kinderspiel geworden ist. Und da jedes bessere Schreibprogramm stets den aktuellen Wordcount in der Statuszeile anzeigt, müssen wir auch nicht mehr wie Trollope selbst die geschriebenen Wörter zählen, um zu wissen, wann wir unsere 250 Wörter voll haben.

Was läge also näher, als beim Schreiben der nächsten Rohfassung die Herausforderung von Anthony Trollope anzunehmen und sich ebenso wie der Altmeister 250 Wörter pro Viertelstunde abzuverlangen?

Von der reinen Schreibgeschwindigkeit her ist dies überhaupt kein Problem: 250 Wörter in 15 Minuten entsprechen gerade mal 17 Wörtern pro Minute – geübte Vielschreiber kommen locker auf über 50 Wörter pro Minute, wenn es gerade gut läuft.

Es ist natürlich klar, dass Trollope bei dieser Arbeitsweise nicht zwischendurch längere Pausen einlegen konnte, um sich zu überlegen, wie seine Handlung weiter verlaufen sollte. Nach eigener Aussage (aus Trollopes Autobiographie, die nach seinem Tod veröffentlicht wurde), hielt er nichts davon, „rumzusitzen, an seinem Stift zu knabbern und die Wand anzustarren, bis man die Wörter gefunden hat, mit denen man seine Ideen ausdrücken möchte“.

Ganz klar: Trollope verstand es, seinen inneren Lektor zum Schweigen zu bringen und sich voll und ganz aufs Schreiben zu konzentrieren.

Ich würde vermuten, dass Anthony Trollope dieses Schreibtempo nicht den ganzen Tag lang hätte durchhalten können – ganz zu schweigen davon, dass das stundenlange Schreiben an einer mechanischen Schreibmaschine eine auch körperlich recht ermüdende Tätigkeit ist.

Ich gehe davon aus, dass Trollope tagsüber immer wieder in Gedanken durchspielte, wie die Handlung seines aktuellen Romans weiter gehen sollte, bis er die nächsten Szenen so detailliert vor seinem geistigen Auge ablaufen lassen konnte, dass er sich am nächsten Morgen einfach hinsetzen und sie zu Papier bringen konnte – eine komplette Seite alle 15 Minuten.

An Trollopes Schreibgewohnheiten kann man recht gut ablesen, dass die Arbeitszeiten eines britischen Postbeamten der viktorianischen Ära nicht mit denen eines heutigen Bürojobs zu vergleichen waren. Trollope schrieb jeden Morgen von 5:30 bis 8:30 Uhr, bevor er frühstückte und zur Arbeit ging. Die wenigsten von uns haben derartige Arbeitszeiten, die im amerikanischen Sprachraum gerne als „nine to five“ bezeichnet werden. Allein schon deswegen dürfte kaum jemand von uns in der Lage sein, vor der Arbeit noch drei Stunden zu schreiben. Doch das ist auch gar nicht erforderlich.

Wenn man nicht gerade George R.R. Martin oder Patrick Rothfuss heißt (die nicht nur hinsichtlich ihrer wallenden Bärte, sondern auch hinsichtlich des Umfangs ihrer Romane mit Trollope mithalten können), sind heutzutage eher kürzere Bücher im Bereich von 300-400 Seiten in Mode. Im Krimi-Genre bewegen sich viele aktuelle Bestseller sogar nur um die 200-Seiten-Marke, also im Umfang eines typischen NaNoWriMo-Romans.

Wenn Sie täglich nur eine einzige Stunde einplanen können, während der Sie mit Trollopes Geschwindigkeitsvorgabe von 250 Wörtern je Viertelstunde an Ihrem aktuellen Manuskript schreiben, reicht das bereits aus, um innerhalb eines Jahres ca. 1.500 Seiten zu schreiben.

Das entspräche wahlweise:

  • 6 Romanen á 240 Seiten (typischer Umfang für einen Krimi) – also einem neuen Buch alle zwei Monate
  • 4 Romanen á 360 Seiten (längere Krimis oder Mainstream-Titel) – also einem neuen Roman pro Quartal
  • 3 Romanen á 500 Seiten (typischer Umfang für Fantasy-Romane) – immerhin alle vier Monate ein neues Buch, also eine komplette Trilogie innerhalb eines Jahres
  • 2 Romanen á 750 Seiten (Kategorie „Epos“ – alles drüber lässt sich kaum noch in einem Band als gedrucktes Buch veröffentlichen) – und selbst hier kommen Sie immer noch auf zwei Bücher pro Jahr

Es ist natürlich klar, dass man bei dieser Schreibgeschwindigkeit nur von einer Rohfassung reden kann, keinesfalls von einem veröffentlichungsreifen Manuskript. Rechnen wir also nochmal dieselbe Zeit für die Überarbeitung Ihres Manuskripts dazu.

Dies könnten Sie entweder abends (statt einer langweiligen Fernsehsendung) oder in einem Block am Wochenende erledigen. Samstag und Sonntag jeweils drei bis vier Stunden Revision – und schon sind Sie wieder gleichauf.

Wenn Sie es nun noch schaffen, sich tagsüber (z.B. während der Fahrt zur Arbeit und ansonsten ungenutzer Wartezeiten) genügend Gedanken über Ihre Romanhandlung zu machen, damit Sie zumindest den Inhalt der nächsten vier Seiten glasklar vor sich sehen, steht einer produktiven Schriftstellerkarriere nichts mehr im Weg, die Altmeister Trollope stolz machen würde.

Vielleicht wollen Sie es ja auch einmal versuchen: „Do the Trollope!“ ;-)


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Ein würdiges Ziel für Ihren Protagonisten

Einer der wichtigsten Punkte beim Planen und Schreiben eines Romans ist, dem Protagonisten ein würdiges Ziel und eine ausreichende Motivation zu verpassen. Mit diesen beiden Punkten steht und fällt nicht nur die Glaubwürdigkeit des Romans, sondern auch die Akzeptanz beim Leser.

Im ersten Akt des Romans legen wir das Fundament für die Handlung, auf dem alles andere aufbaut. Genau wie man ein Haus bekanntlich nicht auf Sand bauen sollte, muss auch bei einem Roman das Fundament bombenfest sein, damit es die Handlung tragen kann.

Das gilt unabhängig davon, ob Sie Ihren Roman vor dem Schreiben komplett durchplanen oder ob Sie sich mit minimaler Planung kopfüber ins Schreibabenteuer stürzen.

Wenn Sie nicht gerade „literarische“ Romane schreiben (für manche Autoren eine Ausrede, um auf eine spannende oder auch nur stringente Handlung zu verzichten), sondern den Leser mit einer spannenden Handlung bei der Stange halten wollen, gibt es ein paar Fragen, die Sie zumindest für sich selbst beantworten sollten, bevor Sie auch nur „Kapitel 1“ über die erste Seite schreiben.

1. Was will Ihr Held mehr als alles andere im Laufe dieses Romans erreichen?

Natürlich hat Ihr Held im Laufe der Handlung mehrere Ziele, oft sogar eine ziemlich lange Liste von größeren Zielen über die Ziele aus Nebenhandlungssträngen bis hin zu den ‚Mini-Zielen‘, die er in einer einzelnen Szene erreichen will.

Doch in jedem Roman gibt es ein großes Ziel, um das sich der zentrale Konflikt des Romans rankt und das die große Frage des Lesers definiert: „Wird der Protagonist es schaffen, […]?“

Ein solches Ziel kann so ziemlich alles sein – es darf nur nicht zu einfach zu erreichen sein. Denn wenn es das wäre, wäre der Roman nicht nur langweilig, sondern auch verdammt schnell zu Ende.

Ob also Ihr Protagonist den Drachen töten, seine Traumfrau für sich gewinnen, ein Heilmittel gegen den Krebs entwickeln oder seine Firma vor dem drohenden Konkurs retten will – es muss das Potential haben, einen ganzen Roman zu tragen.

Und es muss dem Leser glaubwürdig erscheinen, dass er dieses Ziel unbedingt erreichen will. Womit wir auch schon beim nächsten Punkt bzw. der nächsten Frage wären.

2. Warum will (oder muss) Ihr Held dieses Ziel unbedingt erreichen?

Während Sie im ersten Akt das Ziel Ihres Protagonisten definieren, stellen Sie ihn und seine Entschlossenheit vom zweiten Akt an mit jeder neuen Herausforderung immer mehr auf die Probe – bis hin zum dunkelsten Moment und schließlich dem großen Finale.

Der Druck auf Ihren Helden wird immer größer, genau wie die Probleme, Hindernisse und Rückschläge, mit denen Sie ihn konfrontieren.

Fragen Sie sich also selbst: Warum schmeißt er nicht einfach die Brocken hin und gibt auf? Je größer die Gefahr, je schmerzlicher die Verluste und Rückschläge sind, desto größer muss auch die Motivation Ihres Protagonisten sein, trotz aller Widerstände und Hindernisse mit eiserner Entschlossenheit durchzuhalten.

Ist die Motivation Ihres Helden nicht ausreichend oder für den Leser nicht klar ersichtlich, wird der Leser die Handlung als unglaubwürdig abtun.

Fragen Sie sich daher sowohl, was Ihr Protagonist mit der Verfolgung seines Ziels riskiert, was er zu gewinnen/erreichen hofft und was die Konsequenzen wären, wenn er sein Ziel nicht erreicht, sondern scheitert oder aufgibt.

Nehmen wir als Beispiel das Fantasy-Klischee schlechthin: Der Held zieht aus, um den Drachen zu töten.

Was riskiert der Held dabei? Zunächst mal könnte er vom Drachen geröstet, zerfleischt oder auf sonstige unerfreuliche Weise vom Leben zum Tode befördert werden. Vielleicht muss er auf dem Weg zum Drachen auch verschiedene gefährliche Gebiete durchqueren und am Schluss sogar noch einen steilen Berg erklimmen, an dessen Gipfel sich die Höhle des Drachen befindet. Was zusätzlich auch noch den ‚Vorteil‘ hätte, dass der edle Ritter den Berg nur ohne seine schwere, klobige Rüstung erklettern kann und er sich dem Drachen somit ohne schützende Rüstung und nur mit seinem Schwert bewaffnet stellen muss.

Je größer die Risiken und Gefahren sind, die sich der Held schon am Anfang ausrechnen bzw. ausmalen kann, desto größer muss seine Motivation sein, sich überhaupt auf ein solches Abenteuer einzulassen.

Also: Was will der Held damit erreichen, dass er den Drachen tötet? Will er ganz altruistisch nur das geplagte Land von der Bestie befreien? Nicht sehr glaubwürdig. Hat er gehört, dass der Drache einen gewaltigen Goldschatz in seiner Höhle bewacht? Hat ihm der verzweifelte König die Hand seiner Tochter und das halbe Königreich versprochen, wenn er es schafft, den Drachen zu töten? Oder wird dem Drachen alle paar Monate eine Jungfrau geopfert, um ihn friedlich zu stimmen – und zur nächsten Sonnenwende soll die Angebetete des Helden dem Drachen geopfert werden?

Mir gefällt die dritte Variante am besten – zumal sie durch den zusätzlichen Zeitdruck die Spannung erhöht. Wenn der Held nur noch eine Woche Zeit hat, muss er sich Hals über Kopf ins Abenteuer stürzen, ohne seine Expedition gründlich vorzubereiten und für den Kampf gegen den Drachen zu trainieren.

Bleibt die letzte Frage: Was würde passieren, wenn der Protagonist scheitert oder gar aufgibt?

Der Goldschatz in der Höhle wirkt auf einmal gar nicht mehr so verlockend, wenn man angeschlagen und erschöpft vor der Höhle des Drachen steht und weiß, dass man diesen Kampf höchstwahrscheinlich nicht überleben wird. Was nützt einem das ganze Gold, wenn man tot ist? Die Konsequenz für ein Scheitern im Kampf wäre also der Tod des Protagonisten. Gibt er hingegen vorher auf, weil ihn der Mut verlässt oder er einsieht, dass das Risiko einfach zu groß ist, hat das kaum Konsequenzen. Gut, ohne den Schatz ist er genauso arm wie vorher – aber was macht das schon?

Wenn Sie also die Variante mit dem Schatz bevorzugen, müssen Sie Ihrem Helden ein verdammt gutes Motiv liefern, warum er den Schatz unbedingt braucht – und zwar so sehr, dass er dafür bereitwillig sein Leben aufs Spiel setzt.

Da ist die Variante, bei der die Traumfrau des Helden in wenigen Tagen dem Drachen geopfert werden soll, schon besser: Egal ob er im Kampf gegen den Drachen stirbt oder vorher kneift, wird seine Freundin Drachenfutter und das Land wird weiterhin vom Drachen terrorisiert. Wahre Liebe ist eine weitaus bessere Motivation als schnöder Mammon.

Noch besser ist es allerdings, mehrere Motivationen miteinander zu verbinden. Niemand liest einen Roman, um den Helden „nicht verlieren zu sehen“. Man schaut auch kein Fußballspiel und keinen Boxkampf, um das eigene Team / den eigenen Favoriten nicht verlieren zu sehen. Man will kein halbherziges Unentschieden, sondern einen klaren Sieg. Dasselbe gilt auch für eine Romanhandlung.

Oft ist es ja so, dass in Akt 1 des Romans das geregelte Leben des Protagonisten durch den Plan des Antagonisten gründlich durcheinander gewirbelt / ins Ungleichgewicht gebracht wird, und der Protagonist nun versucht, alles wieder in Ordnung zu bringen.

Doch wenn er es schafft und sich am Ende wieder in derselben Situation wie zu Beginn befindet – was hat er dann unterm Strich gewonnen?

Wenn wir unserem Protagonisten also ein Ziel vom Typ „alles wieder in Ordnung / ins Gleichgewicht bringen“ geben, sollten wir ihm auch die Möglichkeit geben, dabei etwas zu „gewinnen“.

Das muss weder ihm noch dem Leser von Anfang an bekannt sein – oft tut sich die Chance, alles ins Gegenteil zu verkehren, sogar erst im letzten Akt auf.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Science-Fiction-Film „Freejack“ mit Emilio Estevez, Mick Jagger und Anthony Hopkins. Der Protagonist Alex wird in die Zukunft entführt, damit das Bewusstsein eines sterbenden Milliardärs in seinen gesunden Körper übertragen werden kann. Ihm gelingt zwar die Flucht, doch nun ist er auf der Flucht vor den Kopfgeldjägern, die ihn abliefern wollen, und den Killern eines Unbekannten, der verhindern will, dass der sterbende Milliardär einen neuen Körper erhält und so weiter lebt.

Am Ende (Achtung: Spoiler!) gelingt es Alex, mit Hilfe des Kopfgeldjägers alle davon zu überzeugen, dass das Bewusstsein des Milliardärs erfolgreich in seinen Körper übertragen wurde. Dieses wurde in Wahrheit jedoch gelöscht und stellt somit keine Gefahr mehr dar. Der Auftraggeber der Killer wird ausgeschaltet und Alex übernimmt das Vermögen und offiziell auch die Identität des toten Milliardärs.

Freejack ist für mich einer der Filme, die einen am Schluss mit einem breiten, zufriedenen Grinsen zurücklassen. Der Held ist nicht nur mit dem Leben davon gekommen, sondern steht sogar besser da als je zuvor.

Überlegen Sie daher, ob Sie diesen Effekt auch auf Ihre Romanhandlung anwenden könnten. Ein guter Ansatz ist die Frage, wer der größte Widersacher Ihres Protagonisten ist. Was könnte Ihr Protagonist von ihm erbeuten / ihm abluchsen, das die Situation am Ende grundlegend ändert? Oder wie können Sie das bisherige Über-/Unterlegenheits-Verhältnis zwischen beiden ins Gegenteil verkehren?

Denken Sie beispielsweise an „Zurück in die Zukunft„: Wird George McFly zu Beginn des ersten Films noch von Biff Tannen unterdrückt und ausgebeutet, wird durch die Abenteuer seines Sohns Marty McFly in der Vergangenheit am Ende alles ins Gegenteil verkehrt: George McFly ist nun ein erfolgreicher Schriftsteller und Biff Tannen nur noch sein diensteifriger, untertäniger Handlanger.

Vielleicht finden Sie ja auch etwas, das Ihr Antagonist besitzt (oder das Sie ihm extra zu diesem Zweck verleihen können), das Ihrem Protagonisten viel eher zustehen würde? Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf – es lohnt sich.


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Wie Sie als Schriftsteller den Zeigarnik-Effekt nutzen

Ich finde Psychologie generell interessant, besonders jedoch die Aspekte, die Einfluss auf unsere persönliche Produktivität und unseren Erfolg haben.

Ein relativ unbekannter, aber äußerst nützlicher Aspekt ist gerade für Schriftsteller der sogenannte Zeigarnik-Effekt. Benannt wurde er nach der russischen Psychologin Bluma Zeigarnik (eigentlich: Bljuma Wulfowna Seigarnik), die in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts an der Humbold-Universität in Berlin arbeitete.

Zeigarnik entdeckte, dass sich Versuchspersonen unter bestimmten Bedinungen wesentlich besser an unerledigte Aufgaben erinnerten als an abgeschlossene Aufgaben. Dieser Effekt wird im Fachjargon auch gerne als Cliffhanger-Effekt bezeichnet – und mit Cliffhangern kennen wir als Autoren uns ja aus.

Der Cliffhanger im Roman oder der TV-Serie lässt den Protagonisten beim Wechsel auf einen anderen Handlungsstrang (oder am Ende einer Episode) in einer dramatischen, wenn nicht gar gefährlichen Situation zurück, bei der der Leser unbedingt erfahren möchte, wie es weiter geht.

Und genau wie wir die Leser unserer Romane mit dem gezielten Einsatz von Cliffhangern über Kapitelübergänge oder andere mögliche Stolpersteine hinwegspülen und zum Weiterlesen animieren können, können wir den Zeigarnik-/Cliffhanger-Effekt auch nutzen, um unsere persönliche Produktivität beim Schreiben zu steigern.

Klingt kompliziert, ist aber in der Praxis ganz einfach: Genau wie wir im Roman das Kapitelende nicht auf einen natürlichen Endpunkt nach Abschluss einer dramatischen Situation oder eines Konflikts legen, sondern das Kapitel genau dort beenden, wo es am spannendsten ist, hören wir auch mit dem Schreiben an der subjektiv empfunden ‚falschen‘ Stelle auf.

Statt also so lange zu schreiben, bis wir ein Kapitel oder eine Szene komplett abgeschlossen haben oder gar an einem Punkt angekommen sind, an dem wir nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll, hören wir stattdessen bereits zu einem Zeitpunkt auf, an dem wir noch ganz genau wissen, was wir als Nächstes schreiben wollen. Wie heißt es doch so schön: Man sollte aufhören, wenn es am Schönsten ist. ;-)

Schon Hemingway verstand es, diese Technik für sich zu nutzen – auch wenn er vermutlich niemals von Bluma Zeigarnik und ihren Forschungen gehört hatte. Hemingway sagte, man solle beim Schreiben immer noch etwas Wasser im Brunnen lassen – also nicht schreiben, bis man sich ‚ausgetrocknet‘ oder ‚leer‘ fühlt, sondern solange man eigentlich noch weiter schreiben könnte.

Dieser Ansatz hat gleich zwei Vorteile. Erstens verhindert er Schreibblockaden. Denn wenn man immer erst dann mit dem Schreiben aufhört, wenn man keine Idee mehr hat, wie es weiter gehen soll, trainiert man sich selbst auf eine Situation des Mangels – des Mangels an Ideen und Kreativität. Man steht unter Druck, eine Lösung bzw. die nächsten logischen Schritte zu finden, bevor man sich zum nächsten Mal wieder ans Schreiben setzt. Und wenn man diese noch nicht gefunden hat, wird man davor zurückscheuen (oder sich gar davor drücken), sich überhaupt wieder ans Schreiben zu setzen.

Hat man hingegen noch genügend Stoff für die nächsten Seiten im Kopf, gibt es keine psychologische Hemmschwelle, die uns daran hindert, so bald wie möglich wieder ans Schreiben zu gehen.

Ganz im Gegenteil – denn jetzt setzt der Zeigarnik-Effekt (oder auch Cliffhanger-Effekt, wenn Ihnen diese Bezeichnung lieber ist) ein. Genau wie wir uns bei einem spannenden Roman, bei dem wir aus Zeitmangel mit dem Lesen aufhören mussten, oder beim Cliffhanger-Ende der letzten Episode unserer Lieblings-TV-Serie häufig erwischen, wie wir darüber nachdenken, wie es wohl weitergehen wird, denken wir auch umso häufiger an unser Schreibprojekt, wenn wir an einer Stelle herausgerissen wurden, an der wir eigentlich gerne noch länger weitergeschrieben hätten.

Und selbst wenn wir es gar nicht bewusst registrieren, beschäftigt sich auch unser Unterbewusstsein regelmäßig mit diesen offenen Punkten. Wir kennen das alle von Aufgaben, die wir noch nicht abgeschlossen haben und die wir vor uns herschieben. Dieses ungute Gefühl oder schlechte Gewissen, das uns meist gerade in den Momenten überkommt, in denen wir gar nichts daran ändern können. Das ist der Zeigarnik-Effekt in Aktion. Die Dinge, die wir abgeschlossen haben, vergessen wir. Erledigt und ad acta gelegt. Doch die offenen Dinge, um die wir uns noch kümmern müssen, rotieren ständig in unserem Kopf wie die Teller auf den Holzstäben eines chinesischen Jongleurs.

Bezogen auf unser Schreibprojekt ist das eine gute Sache. Denn hier ist es nicht der sich drehende Holzstab des chinesischen Teller-Jongleurs, sondern eher das sich drehende Holzstäbchen in einem Zuckerwatte-Topf auf dem Jahrmarkt. Genau wie sich bei der Zuckerwatte mit jeder Drehung des Stäbchens mehr leckere Zuckerwatte am Holzstäbchen anlagert, lagern sich auch umso mehr neue Ideen an unser übrig gelassenes Ideenfragment an, je öfter und länger unser Unterbewusstsein es in unserem Kopf rotieren lässt.

Übertragen auf Hemingways Vergleich mit dem Brunnen füllt sich unser kreativer Ideen-Brunnen langsam wieder auf – aber dafür muss eben noch ein wenig Grundwasser übrig bleiben, genau wie die Zuckerwatte auf dem Jahrmarkt ein Stäbchen braucht, an das sie sich anlagern kann.

In der Praxis sieht das bei mir so aus, dass ich mir fürs Schreiben zeitliche statt quantitativer Ziele setze. Also keine der klassischen Vorgaben wie „jeden Tag 500 Wörter schreiben“, sondern ein ganz bescheidenes „jeden Morgen 30 Minuten schreiben“.

Diese Zeit ist keine Untergrenze im Sinne von „mindestens 30 Minuten, möglichst jedoch mehr“, sondern ein festes Limit. 30 Minuten – und keine Minute mehr.

Zum Beginn einer Schreibsession, also sobald ich mein Schreibprogramm gestartet, mein aktuelles Dokument geladen und mir die letzten 2-3 Absätze noch einmal durchgelesen habe, starte ich meinen Timer. Dafür verwende ich den kostenlosen SnapTimer. Dieser hat den Vorteil, dass ich ihn unabhängig davon, mit welchem Programm ich arbeite, permanent im Vordergrund halten kann. So kann ich nie aus den Augen verlieren, wie viel Zeit mir noch bleibt.

In diesen 30 Minuten arbeite ich konzentriert und so zügig wie möglich an meinem Text weiter – und zwar bis zur letzten Sekunde. Doch sobald der Timer läutet, ist die Schreibzeit um. Das ist ein bisschen wie früher bei den Klassenarbeiten: sobald die vorgegebene Zeit um war, musste man auch dort den Stift hinlegen, wenn man nicht eine 6 riskieren wollte.

Manche Fans der Zeigarnik-Methode befürworten, dass man tatsächlich in dem Moment, in dem der Timer läutet, die Finger von den Tasten nimmt, als müsse man ansonsten einen Stromschlag über die Tastatur befürchten. Das führt natürlich dazu, dass man in den allermeisten Fällen irgendwo mitten im Satz aufhört.

Das ist mir persönlich etwas zu extrem. Mitten im Satz aufzuhören setzt meiner Meinung nach den Fokus unseres Unterbewusstseins zu sehr auf diesen einen, im Gesamtbild des Manuskripts relativ unwichtigen Satz und zu wenig auf das große Ganze. Je nachdem, wie lang und komplex der Satz war, bekommt man ihn dennoch bei der nächsten Schreibsession nicht richtig komplettiert, sondern löscht letztendlich doch den begonnenen Satzanfang wieder weg und schreibt eine neue, andere Version des Satzes.

Darin sehe ich persönlich weder einen Sinn noch einen Nutzen. Ich schreibe daher, wenn der Timer läutet, den gerade angefangenen Satz noch zu Ende, bevor ich die Finger von den Tasten nehme und meinen Text speichere.

Damit ist allerdings meine morgendliche Schreibsession noch nicht ganz beendet. Zunächst notiere ich noch in meinem Moleskine unter dem heutigen Datum, wie es weiter gehen soll. Dazu halte ich stichwortartig den Gedanken fest, den ich beim Schreiben zuletzt gerade verfolgte, und was ich als Nächstes noch geschrieben hätte, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte.

Das dauert in der Praxis maximal fünf Minuten, meist weniger. Mit diesen rasch aufs Papier geworfenen Notizen stelle ich sicher, dass ich nichts Wichtiges vergesse, worüber ich mich im Nachhinein ärgern würde.

Dadurch, dass ich nicht etwa eine Szene, einen Abschnitt oder ein Kapitel meines laufenden Buchprojekts fertig geschrieben habe, sondern ganz abrupt mittendrin vom Timer herausgerissen wurde, wird der Zeigarnik-Effekt aktiviert.

Unser Unterbewusstsein hat das Bedürfnis nach Abschluss und Komplettierung. Das merkt man auch immer wieder im Alltag. Bestimmt kennen auch Sie den Effekt, dass Sie eine TV-Serie mit einem die gesamte Staffel überspannenden Handlungsbogen Woche für Woche hartnäckig weiter ansehen, obwohl die Serie Sie schon lange nicht mehr so richtig fesselt – und zwar nur, weil Sie wissen wollen, wie alles am Ende ausgeht.

Oder denken Sie an die Sammler-Editionen, mit denen Verlage wie der De Agostini Verlag ihr Geld verdienen: Wenn jemand erst mal die ersten 3-4 Teile einer solchen Sammlung gekauft hat, stehen die Chancen recht gut, dass er auch alle weiteren Teile kauft. Selbst wenn irgendwann das Interesse langsam schwindet, will er nicht die investierte Zeit und das bereits ausgegebene Geld mit einer unvollständigen Sammlung versenken, sondern wird eher trotz des abgeflauten Interesses weiter zahlen, um am Ende zumindest eine komplette Sammler-Edition vorweisen zu können.

Genauso brennt unser Unterbewusstsein darauf, dass wir die angefangene Szene / das angefangene Kapitel endlich fertig schreiben. Anstatt dass der „innere Schweinehund“ uns in seiner Bequemlichkeit zur Fernsehcouch statt an den Schreib-PC locken will, schiebt er uns geradezu mit sanfter Gewalt bei der erstbesten sich bietenden Gelegenheit in Richtung PC, damit wir die Szene endlich fertig schreiben und er sie aus dem Kopf bekommt.

Diesen Gefallen können wir ihm natürlich gerne tun. Aber da wir auch dann natürlich wieder mitten in einer Szene (egal ob noch in derselben oder bereits in der nächsten Szene) aufhören, haben wir den inneren Schweinehund wieder an der Angel – ob es ihm nun passt oder nicht.

Es gibt eine winzige Ausnahme von der Regel, die ebenso wie das Schaltjahr nur in sehr seltenen Fällen zum Tragen kommt: Wenn ich tatsächlich mit dem einen Satz, den ich nach dem Läuten des Timers noch zu Ende schreiben darf, eine Szene oder ein Kapitel beende, beginne ich danach noch eine neue Seite und schreibe zumindest den ersten Satz des nächsten Kapitels. Kein Ende ohne offenes Ende – und ohne den Zeigarnik-Effekt zu aktivieren. ;-)


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Ein Herz für Schurken: Warum Sie Ihrem Antagonisten ebenso viel Aufmerksamkeit wie Ihrem Helden schenken sollten

Finden Sie es auch so störend, wenn Sie beim Lesen eines Romans feststellen müssen, dass sich der Autor zwar große Mühe gegeben hat, einen vielschichtigen und interessanten Protagonisten aufs Papier zu zaubern, aber die Rolle des Gegenspielers lediglich mit einem zweidimensionalen Klischee-Schurken besetzt hat?

Schnurrbartzwirbelnde, megalomanische oder psychopathische Schurken, deren einziges Ziel es zu sein scheint, den Helden aufzuhalten – und nebenbei auch noch alles, was ihm lieb und teuer ist, zu vernichten. Fehlt nur noch das sardonische Oberschurken-Lachen und der obligatorische Showdown, in dem der Schurke dem Helden lang und breit seine finsteren Pläne offenbart – und ihm dadurch die Gelegenheit gibt, das Blatt in letzter Sekunde doch noch zu wenden.

Wenn man einen Roman schreibt, sollte man die Klischee-Schurken in der Mottenkiste lassen, in die sie auch gehören. Stattdessen sollte man mindestens genausoviel Arbeit in die Entwicklung eines glaubwürdigen Antagonisten wie in die des Protagonisten stecken. Denn was wäre ein packender Roman ohne einen beängstigend realistisch wirkenden, äußerst gerissenen und zu allem entschlossenen Gegenspieler?

Dabei ist es besonders wichtig, dass Ihr Antagonist glaubwürdig wirkt. Ihr Leser muss das Gefühl haben, dass es sich bei ihm um einen echten Menschen mit Zielen, Emotionen, Träumen und Ängsten handelt. Keinen Karnevals-Mafioso und keinen Geisterbahn-Dracula, sondern um einen echten Menschen, den der Leser bis zu einem bestimmten Punkt sogar verstehen kann.

Für die Handlung Ihres Romans ist Ihr Antagonist mindestens ebenso wichtig wie Ihr Held – denn schließlich wird die Handlung des Romans gerade in der ersten Hälfte in erster Linie mehr durch die Handlungen und Pläne Ihres Antagonisten als durch die des Helden bestimmt.

Schließlich ist es in den meisten Romanen so, dass der Protagonist die erste Hälfte des Romans vor allem damit zubringt, zu reagieren, sich über die Zusammenhänge klar zu werden und sich einen Plan zurecht zu legen, um die durch das „auslösende Ereignis“ zu Beginn der Handlung verursachten Komplikationen zu beheben. Erst in der zweiten Hälfte, nach dem dramatischen Mittelpunkt der Handlung, ergreift der Protagonist die Initiative, statt lediglich auf die Probleme und Bedrohungen zu reagieren, die ihn bis dahin auf Trab gehalten haben. Während in der ersten Hälfte das Spiel nach den Regeln des Antagonisten gespielt wurde, geht es nun anders herum: der Protagonist ändert die Regeln und bietet seinem Gegner Paroli.

Sie sollten daher sicherstellen, dass auch Ihr Antagonist eine vielschichtige und glaubwürdige Figur ist. Geben Sie ihm ein aus seiner Sicht „positives Ziel“, das er mit aller Entschlossenheit verfolgt. Positiv muss hierbei nicht „moralisch vertretbar“ sein, sondern bedeutet lediglich, dass er etwas erreichen und nicht nur etwas verhindern möchte.

Ihr Antagonist will den Helden töten oder die Welt vernichten? Warum? Was hätte er persönlich davon? Weltherrschaft, wenngleich nicht weniger klischeebeladen, ist da schon etwas anderes – ein „positives“ Ziel mit einem ganz konkreten Nutzen für Ihren Antagonisten.

Machen Sie sich auch Gedanken darüber, warum Ihr Antagonist genau dieses Ziel hat. Wie ist er so geworden? Welche Ereignisse und Erlebnisse in seiner Vergangenheit haben ihn zu dem gemacht, was er heute ist?

All das sind Dinge, die Sie stückchenweise und ganz dezent in Ihren Roman einfließen lassen können, um Ihren Antagonisten vor dem geistigen Auge Ihres Lesers zu einem echten und gerade dadurch umso beängstigerenden Menschen werden zu lassen – zu einer dramatischen statt einer melodramatischen Gestalt.

Das ist besonders wichtig bei jenen Szenen, die Sie aus der Perspektive Ihres Antagonisten schildern. Denken Sie immer daran: Fast jeder Schurke hält sich für den Helden seiner eigenen Geschichte. Sie glauben, im Recht zu sein oder dass der aus ihrer Sicht „gute Zweck“ jegliche Mittel heiligt.

Gerade wenn Sie Ihre Antagonisten nicht abgrundtief böse machen, sondern zu Menschen, die sich aus ursprünglich positiven oder gar edlen Motiven zu immer skrupelloseren und böseren Taten haben hinreißen lassen, verleihen Sie dem Konflikt zwischen Ihrem Helden und seinem Gegenspieler eine ganz neue Dimension.

Was wäre zum Beispiel, wenn Ihr Held eigentlich ähnliche Ziele und Ideale wie sein Gegenspieler vertritt – aber ihn dennoch bekämpfen muss, weil dieser durch die Wahl seiner Mittel zu einem noch größeren Übel als die ursprüngliche Bedrohung geworden ist?

Zu guter Letzt sollten Sie Ihren Antagonisten noch mit ein paar guten, sympathischen Eigenschaften abrunden: Machen Sie aus ihm einen Tierfreund, einen einfühlsamen Familienmenschen oder einen freigiebigen Unterstützer eines guten Zwecks. Wo Licht ist, ist auch Schatten – aber das gilt genauso auch umgekehrt. Niemand ist nur böse oder nur gut – erst durch Licht und Schatten sehen wir keine ebene Fläche, sondern das kantige, vielschichtige Profil eines echten Menschen.

Nehmen Sie sich daher die Zeit, zu überlegen, wie Sie Ihren Antagonisten Ihres aktuellen Romanprojekts noch glaubwürdiger und vielschichtiger gestalten können. Es ist eine Arbeit, die sich definitiv lohnt.

Denn wenn Sie genauer darüber nachdenken, fallen auch Ihnen bestimmt einige Romane ein, die Ihnen nicht wegen der strahlenden Helden, sondern wegen der glaubwürdigen Bösewichte so unauslöschlich in Erinnerung geblieben sind. Oder an wen denken Sie eher: John Silver oder Jim Hawkins? Kapitän Ahab oder Ismael? Hannibal Lecter oder Clarence Starling? ;-)


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