Software-Tipp: Der Android Story-Plot-Generator

Unter Schriftstellern gibt es zwei Fraktionen: die einen haben ein Ideenarchiv mit so vielen im Laufe der Jahre gesammelten Ideen für Romane und/oder Kurzgeschichten, dass sie älter als Methusalem werden müssten, um auch nur die Hälfte davon umsetzen zu können, während die anderen sich schwer tun, eine halbwegs vielversprechende Idee für einen Roman zu finden.

Beim Stöbern im Internet bin ich auf eine Android-App für Smartphones und Tablets gestoßen, die für beide Fraktionen nützlich sein kann: der „Story-Plot-Generator“.

Ob man zu viele oder zu wenige Ideen hat – beides kann zu einer Blockade führen. Interessanterweise wird man meist kreativer, wenn man sich selbst Restriktionen auferlegt, mit denen man arbeiten muss. „Schreibe einen Roman“ ist viel zu allgemein. „Schreibe einen Fantasy-Roman“ ist immer noch zu allgemein. Doch wenn man uns eine genau definierte Aufgabe stellt (die aber immer noch genügend Spielraum für die eigene kreative Entfaltung lässt), haben wir einen festen Rahmen, innerhalb dessen wir unserer Kreativität freien Lauf lassen können: „Schreibe einen Fantasy-Roman über einen Zauberlehrling, der in einem tropischen Dorf lebt und sich bei dem Versuch, jemanden aus der Unterwelt zurück zu holen, mit verschiedenen mythischen Kreaturen verbünden muss.“

Ich habe im Internet schon häufiger Seiten gefunden, die aus bestimmten Zutaten zufällige Romanhandlungen zusammenwürfeln, doch die Ergebnisse solcher Generatoren waren meist eher skurril als wirklich geeignet, um auf ihrer Basis einen Roman zu planen.

Entsprechend gering war meine Erwartungshaltung hinsichtlich dieser Android-App – und umso überraschter war ich, als das kleine Programm wirklich gute Ideen ausspuckte, die das kreative Räderwerk in meinem Unterbewusstsein direkt auf Hochtouren rotieren ließen.

Im Gegensatz zu den im Internet verbreiteten Generatoren, die meist auf ein Genre spezialisiert sind (und selbst dort wenig Verwendbares ausspucken), erzeugt der „Story-Plot-Generator“ auf Wunsch Plot-Ideen für alle möglichen Genres: Action/Thriller, Drama, Science-Fiction, Krimi, Fantasy, Horror/Spannung, Romanze, Superhelden und Apokalypse – wobei die beiden letzteren Genres der kostenpflichtigen Pro-Version vorbehalten sind.

Denn, um das vorweg zu nehmen: der „Story-Plot-Generator“ ist in zwei Versionen erhältlich. Die kostenlose Version ist minimal abgespeckt (zwei fehlende Genres) und finanziert sich über eingeblendete Werbung, während die Pro-Version alle Genres bietet und einem zudem auch noch die lästige Werbung erspart. Und da diese Pro-Version gerade mal 84 Cent (!) kostet, lohnt sich der Kauf unbesehen.

Die Handlungsideen, die das Programm generiert, werden abhängig vom gewählten Genre aus bestimmten Elementen wie z. B. beim Thriller aus „Situation“, „Detail“, „Complication“ und „Objective“ generiert.

Wähle ich also als Genre Action/Thriller aus, schlägt das Programm mir direkt folgende Plot-Idee vor (die ich der Einfachheit halber schnell ins Deutsche übersetzt habe, da das Programm ausschließlich auf Englisch erhältlich ist):

  • Situation: Du erwachst in einer Höhle.
  • Detail: Du trägst eine goldene Armbanduhr.
  • Komplikation: Eine verschwundene Person ist im Besitz von Informationen, die du brauchst.
  • Zielsetzung: Du musst dich rächen.

Klingt schon mal recht interessant, oder? Mir fallen hier spontan einige Ideen und offene Fragen ein, aus denen man eine spannende Krimi-Handlung entwickeln könnte: Wie ist man in die Höhle gekommen? Ist man gefesselt oder frei? Wurde man dort für tot liegen gelassen? Wenn ja, hat man vielleicht eine handfeste Amnesie und muss erst einmal anhand der goldenen Armbanduhr (die vielleicht eine Gravur/Widmung an der Unterseite hat) herausfinden, wer man eigentlich ist.

Noch eine Plot-Idee gefällig?

Du befindest dich in einem teuren Wagen mit getönten Scheiben. Du hörst das Geräusch eines Motors. Dein Arm ist gebrochen. Du musst in ein anderes Land fliehen.

Auch hier rattert das kreative Räderwerk sofort los: Ist es der eigene Wagen, hat man sich dort auf der Flucht versteckt oder wurde man entführt? Dass man „das Geräusch eines Motors hört“ wirkt nicht so, als ob man selbst am Steuer sitzt. Wer fährt also den Wagen – Freund oder Feind?

Wählt man ein anderes Genre, ändern sich auch die Elemente, aus denen das Programm die Handlungsidee zusammenstellt. Für „Romanze“ haben wir beispielsweise „Theme“ statt „Objective“, woraus sich dann Handlungsideen wie diese ergeben:

  • Situation: Eine freundschaftliche Tennis-Rivalität entwickelt sich unerwartet in eine romantische Beziehung.
  • Komplikation: Einer der Charaktere hat Angst, eine feste Beziehung einzugehen.
  • Thema: Genieße jeden Tag.
  • Detail: Die beiden Charaktere nehmen zusammen Tanzstunden.

Gut, das ist jetzt nicht unbedingt mein Genre, aber selbst hier kommen mir sofort ein paar Ideen, mit denen man dieses Gerüst zu einer kompletten Handlung ausbauen könnte.

Die vom Programm generierten Handlungsideen muss man sich nicht unbedingt von Hand aufschreiben, sondern kann diese aus der App heraus per Mail an sich selbst versenden.

Gefällt einem die ausgeloste Idee nicht, kann man sich mit einem einzigen Knopfdruck eine neue Handlungsidee generieren lassen. Ich würde allerdings empfehlen, über jede Handlungsidee erst mal 10-15 Minuten nachzudenken und sich dabei Notizen zu machen. Niemand zwingt einen, jedes Detail der Handlungsidee 1:1 zu übernehmen – und vielleicht kommt einem beim Nachdenken ja eine zwar ähnliche, aber noch bessere Idee in den Sinn.

Der einzige kleine Nachteil der App ist, dass sie ausschließlich auf Englisch verfügbar ist, doch wer über ein halbwegs passables Schul-Englisch verfügt, sollte hier keine Probleme haben – und sollte man doch mal einen bestimmten Begriff nicht kennen, gibt es ja immer noch Online-Wörterbücher wie dict.cc.

Für die Weiterentwicklung der Handlungsideen aus dem Story-Plot-Generator kann ich die Assoziative Ideen-Matrix aus meinem Buch „Kreativ mit der Matrix“ empfehlen:

  1. Machen Sie sich erst ein paar Gedanken zur Handlungsidee und machen Sie sich dabei handschriftliche Notizen. Die Ideen, die Sie hierbei sammeln, gehen natürlich schon deutlich über die ursprüngliche Handlungsidee hinaus.
  2. Sehen Sie Ihre Notizen durch und suchen Sie zunächst 12 Begriffe heraus, die für Ihre Handlungsidee am wichtigsten sind. Im Beispiel mit der Person, die in der Höhle erwacht, könnten das z.B. folgende Begriffe sein: Höhle, goldene Armbanduhr, Amnesie, Rache, verschwundene Person, Informationen, Entführung, Beweise, Politiker, Korruption, Schließfach, Fälscher.
  3. Die so gefundenen Begriffe verwenden Sie für die Karten der Assoziativen Ideen-Matrix (zunächst mal eine kleine 3×4-Matrix), mischen diese und legen sie aus. Nach einem einzigen Durchgang können Sie meist schon recht gut abschätzen, ob die Geschichte genügend Potential hat.
  4. Wenn Sie beim ersten Durchlauf mit der Assoziativen Ideen-Matrix genügend interessante Ideen gefunden haben, können Sie eine weitere Runde mit einer 20-Karten-Matrix anschließen. Sortieren Sie aus den ursprünglichen 12 Karten jene Karten aus, die sich als Sackgasse/Holzweg herausgestellt haben, und ergänzen Sie stattdessen neue Begriffe aus den in Schritt 3 gefundenen Ideen, bis Sie auf insgesamt 20 Karten kommen.
  5. Beschriften Sie wieder Ihre Karten, mischen diese und legen diese zu einer 4×5-Matrix aus. Dieser Durchlauf durch die Assoziative Ideen-Matrix dauert zwar aufgrund der größeren Kartenzahl etwas länger, doch dafür werden Sie am Ende mehr als genug zielgerichtete und zusammenhängende Ideen gesammelt haben, um daraus eine komplette Romanhandlung zu entwickeln.

Das Prinzip und die Funktionsweise der Assoziativen Ideen-Matrix an dieser Stelle noch einmal komplett zu erläutern, würde leider den Rahmen dieses Artikels sprengen. Wer „Kreativ mit der Matrix“ gelesen hat, weiß, was ich mit den einzelnen Schritten meine – allen anderen kann ich das Buch wärmstens empfehlen. ;-)

Den Story-Plot-Generator finden Sie im Google-Play-Store unter folgenden Links:

Probieren Sie das Programm einfach mal aus. Es macht Spaß und regt die Kreativität an – und eine übers Smartphone rasch generierte Story-Idee vor einem langweiligen Meeting oder einer längeren Autofahrt gibt einem etwas, womit man sich gedanklich beschäftigen kann. ;-)


Wo wollen Sie als Schriftsteller in zehn Jahren sein?

Das Schreiben von Büchern ist nichts für ungeduldige Menschen. Autoren, die sich in erster Linie als Blogger oder als Kurzgeschichten-Autoren sehen, können ihre Projekte auf relativ kurzfristiger Basis betrachten: Einen guten Blogpost hat man inklusive Recherche, Planung und Überarbeitung innerhalb von ein paar Stunden geschrieben und veröffentlicht, und auch eine Kurzgeschichte kann man meist innerhalb von 1-2 Wochen fertigstellen.

Doch ein Roman oder ein Sachbuch ist schon eine ganz andere Sache. Je nachdem, wie viel (oder wie wenig) Zeit man pro Woche für die Arbeit an seinem Buch einplanen kann, kann ein solches Projekt durchaus ein Jahr oder noch länger dauern. Und da braucht man schon einen langen Atem, damit einem unterwegs nicht die Puste ausgeht.

Wer das Schreiben als reines kreatives Hobby, ähnlich wie Töpfern oder Malen, betrachtet, ist hier im Vorteil – schließlich steht für ihn der Prozess des Schreibens im Mittelpunkt, nicht das fertige Buch oder gar dessen Veröffentlichung bzw. Vermarktung.

Doch wer das Schreiben zumindest semiprofessionell betreiben will, braucht einen Plan, der ihn auf Kurs hält. Das Problem dabei ist, dass wir eine solche Planung meist auf einer viel zu niedrigen Ebene ansetzen. Wir planen unsere Arbeit auf Tages- oder Wochenebene, unsere Finanzen auf Monatsebene und größere Projekte oder Ziele maximal auf Jahresebene.

Doch für die Planung unserer kreativen Tätigkeit ist ein Jahr ein viel zu kurzer Horizont – jedenfalls, wenn man realistisch bleibt. Die meisten Menschen überschätzen deutlich, was sie innerhalb eines Jahres schaffen und erreichen können – aber zugleich unterschätzen sie, was sie in fünf oder zehn Jahren schaffen können.

Vergessen wir mal die zahlreichen Ratgeber und Kurse, die ambitionierten und etwas blauäugigen Autoren mit Versprechungen locken, wie man ein ganzes Buch innerhalb weniger Wochen schreiben und veröffentlichen kann. Hastig heruntergeschriebene und übereilt veröffentlichte Geschichten sind nicht nur eine Verschwendung guter Ideen, sondern schaden dem eigenen Ruf als Autor eher, als sie einem nützen. Als produktiver Autor mit einem hohen Output zu gelten ist eine feine Sache – aber nur, wenn auch die Qualität der Bücher stimmt.

Der jährliche NaNoWriMo ist eine andere Sache: Zwar schreibt man auch hier einen (relativ kurzen) Roman in nur einem Monat, doch handelt es sich hier definitiv nur um eine Rohfassung. Die meisten erfolgreichen NaNoWriMo-Autoren planen ihre Handlung schon vorher und stecken später noch jede Menge Arbeit in die Überarbeitung ihres Romans, bevor Sie diesen als veröffentlichungsreif erachten.

Fakt ist, dass man als Autor mit einem normalen Vollzeit-Job (und dazu zähle ich auch den ‚Beruf‘ Hausfrau und Mutter) nur mit guter Planung und eiserner Arbeitsmoral einen kompletten Roman von der ersten Idee über Rohfassung und Revision bis hin zur Veröffentlichung innerhalb eines einzigen Jahres durchziehen kann.

Wenn jemand wie Nora Roberts bis zu acht Bücher in einem einzigen Jahr veröffentlicht, liegt das weit außerhalb dessen, was ein ’normaler‘ Autor schaffen kann. Nora Roberts hat nicht nur jahrzehntelange Erfahrung und Routine (die als Nebenwirkung dazu führen, dass ihre Romane immer mehr nach ‚Schema F‘ ausfallen), sondern auch den kompletten Tag Zeit zum Schreiben. Wo sie täglich 8-10 Stunden an ihren Romanprojekten arbeiten kann, haben wir meist nicht mehr als 1-2 Stunden pro Tag zur Verfügung.

Nein, ein Roman pro Jahr ist für einen Schriftsteller mit einem Vollzeit-Brotjob ein engagiertes, aber noch realistisches Ziel. Aber was ist das schon? Die allerwenigsten Autoren schaffen es, mit einem einzigen Roman bekannt und erfolgreich zu werden. Je mehr Bücher man als Autor am Markt hat, desto größer ist die Chance, von neuen Lesern entdeckt zu werden – und desto mehr Bücher kann jeder dieser neuen Leser von uns kaufen, wenn das erste Buch ihm gefallen hat.

Das ist der Punkt, an dem wir mit unserer mittel- und langfristigen Planung ansetzen sollten: Wo wollen Sie als Schriftsteller in zehn Jahren stehen?

Die meisten Menschen schrecken davor zurück, in derart langen Intervallen zu planen. Zehn Jahre sind noch so lange hin – und wie alt bin ich dann eigentlich? Aber das Schreiben von Romanen ist nun einmal kein Hundert-Meter-Sprint, sondern ein Marathon-Lauf.

Wenn Ihnen zehn Jahre zu lang erscheinen, denken Sie an die Erfolgsautorin J.K. Rowling. Wie lang, schätzen Sie, hat J.K. Rowling für die Harry-Potter-Saga gebraucht, die sie weltbekannt und steinreich gemacht hat? Fast siebzehn (!) Jahre. Rowling erfand die Figur des Harry Potter bereits 1990, stellte den siebten und letzten Band der Saga aber erst 2007 fertig – und das, obwohl sie bereits seit dem dritten Buch als Vollzeit-Autorin an ihren Romanen arbeitete.

Oder denken Sie an George R. R. Martin mit seiner Fantasy-Saga „Das Lied von Eis und Feuer“ (in Deutschland besser bekannt unter dem Titel der Serien-Verfilmung „Game of Thrones“): Martin schreibt bereits seit zwanzig Jahren an seiner Saga und hat dennoch erst fünf der anvisierten sieben Mammut-Bände fertiggestellt.

Erscheinen Ihnen jetzt zehn Jahre immer noch so lang? Überlegen Sie, was Sie in dieser Zeit schaffen können, wenn Sie ’nur‘ einen Roman pro Jahr veröffentlichen können. Zehn Jahre = zehn Bücher mit Ihrem Namen. Aber welche zehn Bücher sollen das sein?

Auch J.K. Rowling nahm sich die Zeit, erst alle Bücher ihrer Harry-Potter-Serie durchzuplanen, bevor sie mit dem Schreiben des ersten Bandes begann. Nur so konnte sie sicherstellen, dass alle Handlungselemente der einzelnen Bände tatsächlich wie gut geölte Zahnräder ineinander greifen.

Nehmen auch Sie sich die Zeit, strategisch zu planen, welche Bücher Sie in den nächsten zehn Jahren veröffentlichen wollen, um ein konsistentes Portfolio aufzubauen. Wenn Sie keine Serie, sondern voneinander unabhängige Einzelromane schreiben, muss diese Planung natürlich noch keine detaillierten Handlungsentwürfe enthalten, sondern lediglich die Richtung festlegen: In welchem Genre schreiben Sie und was sind die Punkte, durch die sich Ihre Romane auszeichnen / von den Romanen anderer Autoren unterscheiden?

Diese Positionierung ist wichtig, wenn Sie auf lange Sicht Erfolg haben möchten. Wenn Sie (womöglich sogar unter unterschiedlichen Pseudonymen) zwischen mehreren Genres hin und her wechseln, kann das zwar abwechslungsreich sein und eine Menge Spaß machen – aber wenn Sie sich kommerziellen Erfolg und eine große Leserschaft wünschen, bringt Sie das dem Ziel nicht wirklich näher.

Überlegen Sie, wie sich andere Autoren positioniert haben: Dan Brown schreibt Verschwörungs-Thriller mit historischem Hintergrund und kirchlichen/religiösen Bezügen. Wer ein Buch von Dan Brown zur Hand nimmt, weiß, was ihn erwartet – und das bringt begeisterte Leser seiner bisherigen Bestseller dazu, auch zukünftige Abenteuer von Professor Robert Langdon zu kaufen.

Nehmen Sie sich daher die Zeit, Ihre Wunsch-Positionierung zu finden. Nicht nur hinsichtlich des Genres, sondern auch der Elemente, die Ihre Bücher ausmachen. Was lieben Sie besonders an Romanen? Ist es eine bestimmte Art von Helden? Eine bestimmte Art von Konflikten und Herausforderungen?

Ihre Positionierung kann alles enthalten – eine bestimmte Art von Romanwelt (wie die Scheibenwelt bei den Romanen von Terry Pratchett), eine besonderen Schreibstil (wie die humorvolle Art von Terry Pratchett oder Douglas Adams) oder bestimmte Konflikte (ob Liebes-Drama, Verschwörungs-Thriller oder dystopische Science-Fiction).

Das ist nichts, was man übers Knie brechen sollte. Nehmen Sie sich ruhig einige Wochen Zeit, um eine Position zu finden, die Ihnen wirklich gut gefällt und die Ihnen genügend kreative Freiheit lässt – und natürlich eine Positionierung innerhalb der zahlreichen Roman-Genres, von der Sie wissen, dass es für diese Art von Romanen genügend Leser gibt.

Sobald Sie Ihre Position definiert und ein Ziel für die nächsten zehn Jahre festgelegt haben (z.B. „zehn Romane im Genre […] veröffentlichen“, „drei Trilogien im Genre […] veröffentlichen“ oder „zehn einzelne Romane rund um die Hauptfigur […] veröffentlichen“) haben Sie etwas, auf das Sie fokussiert hin arbeiten können.

Das ist nicht nur extrem motivierend, sondern kann auch die eigene Produktivität deutlich steigern. Denn nun, wo das langfristige Ziel definiert und in weiter Entfernung als winziger Punkt am Horizont sichtbar ist, können Sie Ihre Arbeitszeit noch viel freier als bisher zwischen unterschiedlichen Projekten aufteilen: Während Sie an Ihrem aktuellen Roman schreiben, können Sie ungenutzte Pausen abseits des PCs nutzen, um schon die Handlungen für die nächsten paar Romane vorzubereiten und immer weiter auszufeilen. Da einem erfahrungsgemäß immer mehr Ideen kommen (und zwar deutlich schneller, als man diese umsetzen kann), können Sie sich stets die besten und ausgereiftesten dieser Ideen aussuchen, wenn Sie wieder mal ein Buch fertiggestellt haben und an das nächste gehen wollen.

Solange Sie am Ball bleiben und Woche für Woche fokussiert an Ihrem Plan arbeiten, haben Sie alle Trümpfe in der Hand und können davon ausgehen, dass Sie Ihr Zehn-Jahres-Ziel tatsächlich erreichen werden.

Wichtig ist natürlich, dass Sie sich nur Ziele setzen, deren Erreichung tatsächlich in Ihrer Macht steht. Sie können sich beispielsweise vornehmen, im Laufe der nächsten zehn Jahre zehn gut konstruierte und spannende Fantasy-Romane zu schreiben. Ob Sie das schaffen, liegt allein in Ihrer Hand. Sie können planen, was Sie für die Vermarktung Ihrer Bücher tun wollen. Aber Sie können nicht planen, dass Sie einen Bestseller landen oder dass Sie in zehn Jahren vom Schreiben leben können. Das sind vielleicht die heimlichen Wünsche im Hintergrund, die Sie motivieren, und je besser Ihre Romane werden und je effektiver und effizienter Sie Ihre Romane vermarkten, desto größer werden die Chancen, dass sich diese Wünsche vielleicht sogar erfüllen – aber als Ziel ist so etwas denkbar ungeeignet: Was ist, wenn Sie in zehn Jahren die geplanten zehn Bücher geschrieben und veröffentlicht haben und zwar begeisterte Rezensionen zahlreicher Leser vorweisen können, aber der kommerzielle Erfolg der Bücher Ihnen dennoch ’nur‘ ein paar hundert Euro im Monat beschert? Haben Sie dann Ihr Ziel etwa nicht erreicht?

Sobald Ihr Ziel nicht mehr ausschließlich von Ihnen abhängig ist, sondern auch von anderen Personen oder gar von unwägbaren Zufällen und zukünftigen Entwicklungen, bringen Sie eine Unsicherheit ins Spiel, die auf Dauer extrem demotivierend ist.

Sorgen Sie also mit Ihrer Zielsetzung dafür, dass Sie nicht verlieren können, solange Sie konsequent und fokussiert am Ball bleiben. Dazu brechen Sie Ihr Zehn-Jahres-Ziel in kleinere Häppchen herunter – zum Beispiel ein neues Buch pro Jahr, damit Sie in zehn Jahren die geplanten drei Fantasy-Trilogien fertig geschrieben und veröffentlicht haben.

Diesen Jahresplan können Sie dann weiter herunterbrechen: drei Monate für die Planung, Recherche und Vorbereitung, drei Monate für das Schreiben der Rohfassung, drei Monate für die Revision und die letzten drei Monate für die Testleserphase, den Feinschliff und schließlich die Veröffentlichung.

Gehen Sie Stufe für Stufe tiefer, bis Sie schließlich einen exakten Plan für jede einzelne Woche haben – zum Beispiel „mindestens 7.500 Wörter pro Woche schreiben, um innerhalb von 12 Wochen die Rohfassung mit ca. 90.000 Wörtern fertigzustellen“.

Diese Kombination aus einem langfristigen Ziel und einer ganz konkreten, kurzfristigen Planung sorgt dafür, dass Sie jederzeit wissen, dass Sie in die richtige Richtung unterwegs sind, und dass Sie Ihr Ziel in der geplanten Zeit erreichen werden, solange Sie nur Woche für Woche Ihr geplantes Arbeitspensum schaffen.

Es ist wie in der Geschichte, in der ein Wanderer den griechischen Philosophen Sokrates fragte: „Wie komme ich am schnellsten zum Olymp?“ Sokrates lächelte und antwortete: „Indem du sicher stellst, dass jeder deiner Schritte dich in die richtige Richtung führt.“

Wenn auch Sie sicherstellen wollen, dass jeder Ihrer Schritte als Autor Sie in die richtige Richtung führt, sollten Sie sich also rechtzeitig Gedanken darüber machen, wo Sie als Schriftsteller in zehn Jahren stehen wollen. Glauben Sie mir: Es lohnt sich.


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Warum die erste Szene Ihres Romans stets in einem ungewohnten Umfeld spielen sollte

Es ist eine altbekannte Regel, dass man bereits in der ersten Szene eines Romans versuchen sollte, den Leser an die Angel zu bekommen und ihn zum Weiterlesen zu motivieren.

Dafür gibt es eine ganze Reihe guter Tipps: So sollte man den Protagonisten direkt in der ersten Szene einführen, ihn direkt in Probleme stürzen und aktiv handeln lassen und dabei Fragen aufwerfen, auf die der Leser unbedingt eine Antwort wissen will.

Das ist alles gut und richtig, aber es gibt noch eine weitere wichtige Technik, mit der man den Leser von Anfang an tief in die Handlung hineinziehen kann. Der Kunstgriff besteht darin, den richtigen Ort für die erste Szene des Romans auszuwählen – den Ort, an dem der Leser Ihrem Protagonisten zum ersten Mal begegnet.

Es ist ein wenig wie bei einem ersten Date: Auch da verabredet man sich meist nicht einfach irgendwo oder lädt denjenigen gar nach Hause in die unaufgeräumte Wohnung ein, sondern sucht für das erste Treffen ein schönes Restaurant oder einen anderen besonderen Ort aus. Schließlich soll wirklich alles stimmen – es soll ja eine Verabredung werden, die dem anderen noch lange in angenehmer Erinnerung bleibt.

Warum sollten Sie also, wenn Sie einen Roman schreiben, den Ort für das erste Treffen Ihres Lesers mit Ihrem Protagonisten mit weniger Bedacht auswählen?

Damit will ich natürlich nicht sagen, dass die erste Szene Ihres Romans in einem guten Restaurant spielen sollte – wenngleich das, wie Sie gleich sehen werden, nicht die schlechteste Option wäre.

Denn um den Leser bereits von der ersten Seite an tief in Ihre Romanhandlung hinein zu ziehen und zu verhindern, dass er das Buch gelangweilt zur Seite legt, sind Spannung, Konflikt und offene Fragen nicht ausreichend. Die Welt auf den Seiten Ihres Romans muss glaubwürdig wirken, um den Leser in die Handlung zu ziehen und ihn vorübergehend vergessen zu lassen, dass er nur eine fiktionale Geschichte liest. Dafür ist es wichtig, dass Sie mit allen Sinnen schreiben und die Welt Ihres Romans mit sorgsam ausgewählten Details im Kopf des Lesers zum Leben erwecken. Und das funktioniert am besten an einem Ort, der auch für Ihren Protagonisten fremd oder zumindest ungewohnt ist.

Warum das? Ganz einfach: Wenn Sie eine Szene aus der Perspektive Ihres Protagonisten schreiben, sind Sie an seine Wahrnehmungen gebunden. Sie können nichts beschreiben, was hinter seinem Rücken oder hinter verschlossenen Türen im Nebenraum vor sich geht. Ebenso können Sie zwar mutmaßen, aber niemals wirklich wissen, was der Gesprächspartner Ihres Protagonisten denkt oder fühlt. Und Sie können nichts detailliert beschreiben, was Ihrem Protagonisten überhaupt nicht auffallen würde.

Sie kennen das bestimmt: Wenn man in der eigenen Wohnung ist, fallen einem viele Dinge überhaupt nicht mehr auf. Weder die seit Jahren unveränderte Dekoration noch die Bücher im Regal oder das schöne Bild im Flur. Sie registrieren lediglich, wenn etwas anders als gewohnt ist – wenn also zum Beispiel eine fremde Lederjacke auf Ihrer Couch liegt, als Sie nach Hause kommen.

Laden Sie hingegen einen Fremden in Ihre Wohnung ein, wird er viele Details registrieren, die Sie selbst als gewohnt und altbekannt ausfiltern. Je nachdem, welches Umfeld er gewohnt ist, werden das andere Details sein. Gehört der Fremde zu jenen Menschen, die nur dann zu einem Buch greifen, wenn ein Tischbein kippelt, wird er Ihr volles Bücherregal registrieren. Ist er hingegen ein penibler Ordnungsfanatiker, werden ihm herumliegende bzw. nicht ordentlich weggeräumte Gegenstände ins Auge springen – oder der Staub auf den Türrahmen.

Um also wirklich mit allen Sinnen agieren zu können, suchen Sie für den ersten Auftritt Ihres Protagonisten einen Ort aus, den er entweder noch nicht kennt oder den er lange nicht mehr gesehen hat. Bei einem Ort, an dem er lange nicht mehr war, wird er sowohl fast schon vergessene Details registrieren als auch die Dinge, die sich seit damals verändert haben. Vielleicht werden Erinnerungen an frühere Ereignisse in ihm hochkommen – positive oder negative?

Optimal ist es, wenn der Ort viele Sinneswahrnehmungen bietet. Denken Sie an eine italienische Piazza, in der knatternde Mopeds sich zwischen mit lebhafter Gestik und Mimik lautstark diskutierenden Fußgängern hindurch drängen, während aus dem kleinen Ristorante an der Ecke Musik, das Klappern von Geschirr und appetitliche Essensgerüche dringen. Je mehr Sinne Sie mit Ihrer Szene ansprechen können, desto besser. Lassen Sie Ihren Protagonisten das Brennen der Mittagssonne auf seiner Haut spüren oder die kühle Brise vom Hafen, die den Geruch nach Fischen und Meer mit sich bringt.

Denken Sie dabei immer daran, dass er in erster Linie die Dinge wahrnehmen wird, die für ihn nicht alltäglich, sondern fremdartig und ungewohnt sind. Einem Stadtbewohner wird Verkehrslärm weit weniger auffallen als das Zirpen der Zikaden, die auf der knorrigen Borke eines Olivenbaums sitzen.

Doch je spannender die Szene ist, desto mehr müssen Sie beim Schreiben darauf achten, realistisch zu bleiben. Denn in erster Linie konzentrieren wir uns stets auf das, was wir in diesem Augenblick als wichtig erachten. Solange wir ganz entspannt sind und die Gedanken treiben lassen können, werden uns all die oben genannten Details auffallen – doch wenn plötzlich ein betrunkener englischer Tourist pöbelnd auf einen zu kommt, sind die Zikaden und die leise italienische Musik aus dem Kofferradio auf der Fensterbank sofort vergessen. Auf einmal registrieren wir nur noch das von Hitze und Alkohol gerötete Gesicht des Fremden, seinen stieren Blick und seine Alkoholfahne, während wir nach einer Möglichkeit suchen, einer Konfrontation mit dem Betrunkenen aus dem Weg zu gehen.

Je angespannter Ihr Protagonist also ist, desto mehr müssen Sie darauf achten, wie Sie die Details ins Spiel bringen, mit denen Sie die Szene vor dem geistigen Auge Ihres Lesers zum Leben erwecken wollen. Sie müssen sie für Ihren Perspektivcharakter und seine Ziele relevant machen: Wenn Ihr Protagonist in einer atemlosen Hetzjagd durch die überfüllten Straßen eines Basars vor seinen Verfolgern flieht, die ihm dicht auf den Fersen sind, wird er nur sehen, was direkt vor ihm passiert. Er wird in erster Linie die Dinge registrieren, die ein mögliches Hindernis sein könnten, oder eventuelle Möglichkeiten, um seine Verfolger abzuhängen. Kann er den Stand mit den Vasen umreißen, um seine Verfolger vorübergehend aufzuhalten oder womöglich rasch in die schmale, dunkle Gasse zwischen den Ständen abbiegen?

Wenn Sie hingegen alle Details des Basars schildern wollen, müssen Sie die Regeln ändern. Keine atemlose Hetzjagd mit Tunnelblick, sondern ein Katz- und Maus-Spiel. Drei Feinde sind irgendwo auf dem Basar unterwegs, um Ihren Protagonisten aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Er hat sie zuvor nur kurz gesehen und hat jetzt Mühe, sie unter all den fremdartigen Gesichtern auf dem Basar zu erkennen. Seine Feinde können überall sein: vor ihm, hinter ihm – oder vielleicht gleich neben ihm im Schatten eines Türeingangs.

Jetzt haben Sie die Voraussetzungen geschaffen, dass Ihr Protagonist alles registriert. Er wird die Balkons und Fenster der umliegenden Häuser im Auge behalten – schließlich könnte dort bereits der Scharfschütze auf ihn lauern. Er wird jeden um die Ecke biegenden Passanten mit ungefähr passender Größe und Statur argwöhnisch mustern, ob dieser die wulstige Narbe am Kinn hat, die er bei einem seiner Verfolger gesehen hatte. Und er wird sofort – und eventuell falsch – reagieren, wenn ihn jemand im Gedränge anrempelt.

Eine solche Szene (auch wenn sie in der Praxis natürlich nicht so extrem ausfallen muss) bringt fast alles ein, was bei einem Thriller den Leser in die Handlung ziehen kann: der Protagonist wird direkt in einer spannenden Szene eingeführt und hat gravierende Probleme, die ihn seine Stärken ausspielen lassen. Es gibt genügend offene Fragen, um den Leser bei der Stange zu halten, und durch das auch für den Protagonisten ungewohnte Setting können Sie das Szenario mit allen Sinnen im Kopf des Lesers zum Leben erwecken.

Wenn Sie also einen Roman haben, der etwas schwer in Gang kommt, kann es bereits helfen, die erste Szene mit Ihrem Protagonisten umzuschreiben. Selbst wenn Sie die Handlung selbst nicht ändern möchten, können Sie dennoch überlegen, ob Sie diese nicht an einen anderen Ort mit mehr Potential verlagern können: Wenn Ihr Protagonist in der ersten Szene einen wichtigen Anruf erhält, der alles ins Rollen bringt, lassen Sie die Szene nicht in seinem Wohnzimmer spielen. Lassen ihn den Anruf stattdessen mitten in einer überfüllten Straßenbahn oder während einer Theateraufführung entgegen nehmen. Eine kleine Änderung – aber eine mit großer Wirkung.


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Die Todesspirale bei Romanserien – und wie man sie vermeidet

Bei den meisten Romanserien ist es so, dass alle Bände der Serie denselben Protagonisten haben. Dieser Ansatz hat sowohl Vor- als auch Nachteile.

Die Vorteile scheinen auf den ersten Blick offensichtlich: Der Leser hat eine Identifikationsfigur, die er (hoffentlich) ins Herz schließt und mit der er mitfiebert. Und wenn ihm die Geschichte gefallen hat, wird er es hoffentlich kaum erwarten können, weitere spannende Abenteuer desselben Helden zu erleben.

Doch hier beginnen auch schon die Nachteile, denn das Potential einer solchen Serie ist von Natur aus beschränkt. Romane ziehen einen guten Teil ihres Reizes daraus, dass der Protagonist im Laufe der Handlung wächst, seine Schwächen überwindet, seine inneren Dämonen und Ängste besiegt und schließlich aufgrund seiner erfolgreichen Transformation den Sieg davonträgt.

Das funktioniert wunderbar bei einem Einzelroman und es funktioniert auch bei einer in sich geschlossenen Romanserie aus mehreren, aufeinander aufbauenden Bänden wie zum Beispiel den Harry-Potter-Büchern von J.K. Rowling.

Auch wenn es sich in diesem Fall um sieben einzelne Romane handelt, von denen jeder sein eigenes Finale hat, werden diese dennoch durch einen übergreifenden Handlungsbogen (Harry Potter muss versuchen, die Rückkehr von Lord Voldemort zu verhindern) zu einer in sich geschlossenen Saga verknüpft.

Das merkt man auch den einzelnen Bänden an, denn obwohl Harry und seine Freunde in jedem der ersten sechs Bände einen wichtigen Teilsieg davontragen, ist dennoch stets klar, dass sie zwar eine Schlacht, aber noch nicht den kompletten Krieg gewonnen haben.

Genauso verteilt sich auch das Wachstum von Harry Potter vom verschüchterten Jungen, der bei seinen Muggel-Verwandten in einem kleinen Verschlag unter der Treppe hausen muss, zum mächtigen und entschlossenen Zauberer, der sich seinem Schicksal stellt, um den dunklen Lord im Kampf Mann gegen Mann ein für allemal zu besiegen, auf sieben Bände.

Trotz der geschickt gewählten Struktur (je Band ein Schuljahr) handelt es sich bei Harry Potter um eine durchgängige Handlung. Bereits im ersten Band ist klar, dass es erst im letzten Band der Serie zur alles entscheidenden letzten Konfrontation zwischen Harry und Lord Voldemort kommen wird.

Die Sache sieht jedoch schon anders aus, wenn es sich um eine Serie weitgehend voneinander unabhängiger Einzelbände handelt, von denen jeder eine in sich abgeschlossene Handlung hat: Der Protagonist gerät in ein Abenteuer, übersteht verschiedene Gefahren und schafft es am Ende, sein Ziel zu erreichen.

Viele Serien unterschiedlicher Genres basieren auf diesem Modell. Nicht nur die ganzen Krimi- und Thrillerserien von Miss Marple über Alex Cross bis hin zu James Bond, sondern auch beispielsweise die zahllosen Fantasy-Abenteuer rund um Conan, den Barbaren, und andere Seriencharaktere.

Schon aufgrund der Natur einer solchen Serie haben wir hier jeweils einen statischen Protagonisten, der sich im Laufe der Serie nicht (oder kaum) weiterentwickelt. Das Problem ist dasselbe wie bei den Superhelden-Comicserien: Nach einer ersten „Genesis“-Geschichte, in der der Protagonist vom Normalsterblichen zum Superhelden mutiert und seine neu erlangten Fähigkeiten sogleich im Kampf gegen einen gefährlichen Gegner erproben muss, bleiben die Fähigkeiten des Superhelden im Laufe der Serie meist konstant. Denn schließlich wäre es nach den ersten paar Bänden kaum noch möglich, den Helden im Kampf gegen immer mächtigere Gegner immer weiter wachsen und stärker werden zu lassen, ohne ihm irgendwann geradezu gottgleiche Kräfte zu verleihen. Selbst wenn der Autor das versuchen würde, könnte sich schon bald kein Leser mehr mit dem Helden identifizieren. Denn beim Lesen identifizieren wir uns nicht mit den Stärken des Protagonisten, sondern in erster Linie mit seinen Schwächen.

Ein statischer Protagonist hat feste Stärken, aber auch feste Schwächen, die er im Laufe der Serie niemals überwinden wird und die für den Leser fest zur Persönlichkeit des Helden dazu gehören. Denken Sie nur an Indiana Jones und seine Angst vor Schlangen.

Solche statischen Helden sind für den Leser eine Konstante. Er weiß, was ihn erwartet – wie bei einem guten Essen, das nur jedes Mal vom Küchenchef etwas anders angerichtet wird. Wir kennen die Zutaten des Rezepts und wissen daher schon, dass es uns schmecken wird.

Wir wissen, dass wir es beim nächsten Bond-Film vermutlich wieder mit einem größenwahnsinnigen Schurken, schönen Frauen, exotischen Handlungsorten und einem souveränen James Bond zu tun bekommen, der sich nicht zuletzt auch auf die technischen Gimmicks aus dem Labor von Q verlassen kann.

Doch dieses Gefühl, zu wissen, was einen erwartet, kann auch zum Nachteil werden. Genau wie Formel-1-Rennen langweilig wurden, als Michael Schumacher nahezu jedes Rennen gewann, und Boxkämpfe ihre Spannung verloren, seit kaum noch ein Gegner sich auch nur über die volle Distanz gegen Klitschko auf den Beinen halten kann, wird es irgendwann langweilig, einen Serien-Veteranen wie Bond oder Conan bei seinem nächsten Abenteuer zu begleiten. Wir wissen, dass unser Held überlebt und am Ende gewinnen wird – egal, wie aussichtslos die Situation auch erscheinen mag. Und wir wissen, dass sich seine Situation durch die Ereignisse des Romans nicht maßgeblich verändern wird, da ähnlich wie bei einer nahtlosen Textur das Ende des aktuellen Bandes stets einen nahtlosen Übergang zum Start des nächsten Buchs bilden muss.

Vielleicht kennen Sie auch noch diese Legespiele für Kinder, bei denen man Bildkarten in beliebiger Reihenfolge legen kann, da die Landschaft im Hintergrund links und rechts immer in derselben Höhe endet. Genau daran erinnern mich manchmal solche episodenhaften Serien: Meist spielt es keine große Rolle, in welcher Reihenfolge man sich die einzelnen Bände zu Gemüte führt. Nicht nur ist jede Handlung in sich abgeschlossen und hat keinen Einfluss auf die nachfolgenden Bände, sondern auch Querverweise zwischen den einzelnen Bänden sind kaum oder gar nicht vorhanden.

Spätestens nach den ersten paar Bänden wird es daher für den Autor auch immer schwieriger, Ideen für weitere Fortsetzungen zu finden, die den Leser immer noch bei der Stange halten können.

Viele Autoren versuchen, dieses Problem durch eine inflationäre Steigerung der Feinde und Hindernisse zu kompensieren. Es steht immer mehr auf dem Spiel – jetzt nicht mehr nur das Leben des Helden oder seiner Familie, sondern das Schicksal einer ganzen Großstadt, eines Landes oder gar der gesamten Menschheit. Die Feinde werden immer größer und mächtiger, die Hindernisse immer unüberwindlicher und die Handlung zugleich immer unrealistischer.

Doch irgendwann ist auch hier das Ende der Fahnenstange erreicht. „Das Schicksal der gesamten Menschheit steht auf dem Spiel!“ ist kaum noch zu toppen – und spätestens wenn der Held zum wiederholten Male zur falschen Zeit am richtigen Ort ist, um im Alleingang die Menschheit zu retten, fällt es auch dem geduldigsten Leser schwer, seinen Unglauben über Bord zu werfen und einfach die adrenalingeladene Action zu genießen.

Ein gutes Beispiel hierfür sind die Romane des australischen Schriftstellers Matthew Reilly. Die bislang fünf Bände (wenn man den Kurzroman „Hell Island“ mitrechnet) seiner Scarecrow-Reihe sind wahre Actiongewitter. Von Band zu Band legt Reilly immer noch eine Schippe Dynamit zu und bei jedem Band fragt man sich als Leser, ob Reilly diese Achterbahnfahrt überhaupt noch toppen kann.

Vermutlich fragt auch Reilly sich das mittlerweile selbst – nicht umsonst versucht er, parallel dazu mit den etwas weniger actionlastigen Captain-Jack-West-Romanen ein zweites Standbein aufzubauen.

Doch wie kann man als Autor diese Spirale stoppen, die auf Dauer nur dazu führen kann, dass man die stetig steigenden Erwartungen seiner Leser nicht mehr erfüllen kann und mit jedem neuen Band zwangsläufig einen Teil seiner treuen Leser verliert?

Eine Möglichkeit besteht natürlich darin, immer nur Einzelromane zu schreiben. Jedesmal ein anderer Protagonist, ein anderes Setting und ein anderer Konflikt, der innerhalb dieses einen Buchs zu einem für den Leser befriedigenden Ende gebracht wird.

Doch damit verschenkt man das Potential einer Serie, die Leser der ersten Bände dazu bringen kann, sich auch noch die Folgebände zu holen, um zu erfahren, wie es weiter geht. Ganz zu schweigen davon, dass die Planung aufwändiger wird, da man nicht mehr auf das Setting bzw. Worldbuilding der bisherigen Bände aufbauen kann, sondern jedes Mal wieder von null startet.

Eine recht elegante Lösung für dieses Dilemma kann darin bestehen, eine Serie mit wechselnden Protagonisten zu planen. Hier ist die Konstante der Serie nicht der Protagonist, sondern das Setting bzw. die alles umspannende Rahmenhandlung.

Stellen Sie sich eine Romanserie vor, die sich während eines jahrzehntelangen Krieges zwischen zwei mächtigen Nationen abspielt. Eine solche Rahmenhandlung bietet Platz für Dutzende von Romanen mit den unterschiedlichsten Protagonisten: Soldaten, Spione, Diplomaten und ganz normale Menschen, deren Leben durch den Krieg ins Chaos gestürzt wurde.

Der Kniff ist, diese Geschichten nicht wie bei einem Mammut-Epos wie George R.R. Martins „Lied von Eis und Feuer“ zu miteinander verflochtenen Handlungssträngen innerhalb eines gewaltigen, mehrbändigen Epos zu machen, sondern in jedem Band eine komplette Geschichte zu erzählen, die den Verlauf des Krieges (also der Rahmenhandlung) verändert.

Es wäre dennoch ein Fehler, die Handlungen der einzelnen Bände völlig voneinander zu trennen. Vielen Lesern dürfte es schwer fallen, sich für einen neuen Roman zu erwärmen, der außer der Rahmenhandlung nichts mehr mit der gerade zu Ende gelesenen Geschichte zu tun hat.

Führen Sie stattdessen in jedem Band den Protagonisten des nächsten Bands bereits als Nebenfigur ein, die im Laufe der Handlung immer mehr an Bedeutung gewinnt und am Ende vielleicht sogar maßgeblich dazu beiträgt, dass Ihr „aktueller“ Protagonist sein Ziel erreicht.

Machen Sie diese Figur geheimnisvoll und interessant. Deuten Sie an, was für ein Potential die Figur hat und welche offenen Rechnungen es in ihrem Leben noch gibt. Wenn Sie dann ein weiteres Abenteuer aus Ihrer Serie mit diesem neuen Protagonisten ankündigen, werden wesentlich mehr Leser bereit sein, auch dem neuen Helden auf seinem Weg zu folgen.

Natürlich müssen Sie Ihren bisherigen Protagonisten nicht nach einem Band „entsorgen“ – aber Sie haben die absolute Freiheit. Ihr Protagonist kann am Ende des Romans sein persönliches Ziel erreichen und „glücklich bis ans Ende seiner Tage“ weiterleben, während der Leser seinem bisherigen Verbündeten zu neuen Ufern folgt – aber er kann auch sterben, indem er sich beispielsweise heldenhaft für das Überleben der Seinen opfert. Solange er am Ende die Fackel an den neuen Protagonisten weitergibt, der den Kampf nach seinem Tod weiterführen wird, werden die meisten Leser ein solches Ende akzeptieren.

Denken Sie beispielsweise an den Klassiker „Einer flog übers Kuckucksnest“: Zwar stirbt Murphy am Ende, doch der „Indianer“ schafft es, aus der Anstalt zu fliehen.

Natürlich können Sie Ihren Protagonisten auch zurückkehren lassen – entweder ein paar Bände später mit einem neuen Abenteuer oder als „Gaststar“ / Helfer in einer anderen Geschichte. Beides wird die Leser der früheren Bände freuen.

Denken Sie beispielsweise an die Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett: Auch hier gibt es Charaktere, die in unterschiedlichen Bänden wiederkehren – mal als Hauptcharakter, mal als Nebenfigur.

Ein positiver Nebeneffekt dieser Serienstruktur ist, dass Sie in den ersten Kapiteln eines neuen Bandes nicht so viel Vorgeschichte einflechten müssen, wie dies bei einer direkten Fortsetzung der Fall wäre, um neu hinzugekommene Leser „auf Stand zu bringen“. Kein langatmiges „Was bisher geschah“, sondern ein frischer Einstieg in ein neues Abenteuer, der auch neuen Lesern den Einstieg in die Serie erleichtert.

Während ein „Was bisher geschah“-Prolog neuen Lesern so viel Informationen über die Handlung der bisherigen Bände liefert, dass sie nur noch einen geringen Anreiz haben, sich diese auch noch zu holen, ist hier das Gegenteil der Fall. Neue und alte Leser starten quasi auf Augenhöhe in das neue Abenteuer – lediglich die Wirkung der Querverweise, die Sie gekonnt in die Handlung einstreuen, ist eine andere. Während der erfahrene Leser, der auch alle früheren Bände der Serie kennt, wissend nickt und sich an das damalige Abenteuer erinnert, wird der neu eingestiegene Leser neugierig gemacht. Das ist der richtige Platz für Fußnoten, mit denen Sie den Querverweis zu dem Band liefern, auf den sich die ansonsten rätselhafte Bemerkung bezieht. Mit etwas Glück macht dies den Neuleser so neugierig, dass er sich auch noch diesen Band bestellt.

Sie sehen: Der Verzicht auf einen festen Protagonisten kann Ihre Romane nicht nur noch spannender und abwechslungsreicher machen, sondern hält auch Ihnen als Autor alle kreativen Möglichkeiten offen.

Probieren Sie es einfach einmal aus – und wenn es vorerst nur als Gedankenspiel ist. Vielleicht stellen Sie dabei ja fest, dass dies auch für Sie der goldene Mittelweg zwischen klassischer Serie und unabhängigen Einzelromanen ist.


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Alte Helden – eine Nische oder der bessere Ansatz?

Während man bei Kinder- und Jugendbüchern als Faustformel sagt, dass Ihr Protagonist so alt sein sollte wie die Obergrenze Ihrer Zielgruppe, sind Sie als Autor von „Erwachsenenliteratur“ wesentlich freier in Ihrer Entscheidung.

Die meisten Schriftsteller entscheiden sich ganz traditionell für junge, attraktive Protagonisten. Je nach Genre kann das auch durchaus sinnvoll sein: Chicklit mit einer 60jährigen Protagonistin wäre zwar mal etwas ganz anderes, dürfte aber den größten Teil der Zielgruppe nicht ansprechen.

Doch andere Genres, egal ob Krimi, Thriller, Fantasy, Horror oder Science-Fiction, bieten durchaus auch Platz für ältere Helden. Und damit meine ich nicht nur betuliche ältere Damen wie Miss Marple oder Jessica Fletcher aus der Krimiserie „Mord ist ihr Hobby“.

Alt bedeutet nicht zwangsläufig tatterig, langsam und nachlassende Leistungsfähigkeit. Was das Altern aus einem Menschen macht, hängt – abgesehen von eventuellen Krankheiten, die wir uns nicht durch unsere Ernährung oder unseren Lebensstil zugezogen haben – größtenteils von einem selbst ab – und zwar sowohl geistig als auch körperlich.

Graue Wölfe

In den USA wurde vor einigen Jahren ein Experiment durchgeführt, bei dem untrainierte Männer und Frauen von über 60 Jahren (die allerdings keine Krankheiten wie Krebs oder Herzprobleme hatten) unter professioneller Anleitung mit einem systematischen Krafttraining begannen. Innerhalb von 24 Monaten waren diese Rentner stärker, agiler und beweglicher als die meisten 20-30-jährigen.

Ein gutes Beispiel dafür, dass die Leistungsfähigkeit unseres Körpers im Alter nicht zwangsläufig rapide nachlässt, ist der mittlerweile über 70jährige Bodybuilder Sam „Sonny“ Bryant Jr. (Bilder). Schauen Sie sich einfach mal diesen durchtrainierten, gestählten Körper an. Ist das die Vorstellung, die Sie vor Ihrem geistigen Auge haben, wenn Sie an einen 70jährigen Mann denken?

Beispiele wie das von Sonny Bryant zeigen uns, dass man durchaus einen alten, aber toughen Helden für seinen Roman erschaffen kann, ohne dadurch gleich unrealistisch zu werden. Natürlich setzt eine derartige Fitness einen gewissen Lebensstil voraus, den der Autor glaubwürdig durch die Persönlichkeit oder den (ggf. früheren) Beruf seines Protagonisten begründen sollte.

Ein ehemaliger Elite-Soldat, Agent oder Personenschützer wird im Ruhestand nicht seinen ganzen Lebensstil ändern und aus der Form geraten, nachdem hartes körperliches Training jahrzehntelang zu seinen festen täglichen Gewohnheiten gehörte. Er wird zwar graue Haare, Falten und vielleicht das eine oder andere altersbedingte Handicap wie beginnende Arthrose bekommen, aber er ist immer noch ein harter Hund, der den meisten jüngeren Kontrahenten deutlich überlegen ist.

Das liegt weniger an seiner Fitness (ein Punkt, in dem er mit einem jüngeren Rivalen bestenfalls gleichziehen kann) als vielmehr an seiner langjährigen Erfahrung. Jüngere Menschen sind oft leidenschaftlicher und ambitionierter. Sie sind ehrgeizig und haben Ziele, die sie erreichen wollen und Ideale, denen sie folgen. Ältere Protagonisten hingegen sind oft abgeklärter und gelassener, manchmal sogar desillusioniert bis hin zum Zynismus. Die Ziele, die sie in ihrer Jugend so leidenschaftlich verfolgt hatten, haben sie mittlerweile entweder längst erreicht oder aber als nicht lohnend verworfen. Sie stehen nicht mehr im Hamsterrad oder kraxeln hektisch auf der Karriereleiter, sondern betrachten das Treiben der Jüngeren mit einem gewissen Abstand vom Rand aus – wobei sie sich immer noch die Option offen halten, selbst noch einmal aktiv ins Geschehen einzugreifen.

Ältere Protagonisten sind erfahrener und routinierter und oft pragmatischer. Wie heißt es so schön: Mit zunehmendem Alter werden wir immer mehr zu dem, was wir eigentlich sind. Während ein junger Protagonist sich vielleicht noch auf eine falsche Fährte locken lässt, wird ein älterer, erfahrener Protagonist den Braten nicht nur riechen, sondern sich vielleicht sogar einen Spaß daraus machen, den Feind in seine eigene Falle tappen zu lassen.

Auch ihre Erinnerungen sind oft Gold wert. Sie erinnern sich an Ereignisse, die vor der Zeit ihrer jüngeren Konkurrenten lagen, aber immer noch für die aktuellen Geschehnisse von Bedeutung sind. Zudem sind sie oft weniger abhängig von moderner Technik. Sie verlassen sich nicht auf ihr Smartphone und darauf, dass sie immer und überall eine Internet-Verbindung haben.

Ihr Ass im Ärmel: Ältere Protagonisten werden leicht unterschätzt – ein Vorteil für Ihre Romanhandlung, den Sie ausspielen können. Wenn Sie früh genug ganz dezent andeuten, dass Ihr Protagonist früher ein harter Hund war, wird es der Leser nicht als unglaubwürdig empfinden, wenn der grauhaarige ältere Mann beispielsweise mit der Effizienz einer immer noch gut geölten Maschine ein paar aggressive Straßenschläger außer Gefecht setzt oder in die Flucht schlägt.

Hier fällt mir spontan der damals 67jährige, weißbärtige Vietnam-Veteran Thomas Bruso ein. Dieser wurde durch einen Vorfall bekannt, bei dem er in einem Bus mit einem wesentlich jüngeren Afro-Amerikaner in Streit geriet und schließlich von diesem tätlich angegriffen wurde. Bruso konterte den Angriff mit ein paar schnellen Schlägen, bis der Angreifer aufgab und um Gnade flehte. Der Vorfall, der von einem anderen Fahrgast mit dem Handy gefilmt und bei YouTube hochgeladen wurde, machte Bruso rasch als „Epic Beard Man“ bekannt – und lieferte zugleich die Grundlage für die später von Danny Trejo gespielte Figur Frank Vega im Film „Bad Ass“.

Unabhängigkeit und Risikobereitschaft

Ein weiterer Vorteil von älteren Protagonisten ist ihre Unabhängigkeit. Während jüngere Protagonisten Tag für Tag ihrem Brotjob nachgehen müssen und daher nicht mal eben einer mysteriösen Spur quer durch Europa folgen können, genießen ältere Protagonisten bereits ihre Rente oder Pension. Wenn sie während ihres Berufslebens etwas auf die hohe Kante gelegt haben, sind sie wesentlich bessere Kandidaten dafür, sich auf ein mysteriöses Abenteuer einzulassen und kurzentschlossen am Flughafen ein Ticket ins Unbekannte zu buchen.

Während jüngere Leute ihren Job riskieren würden, wenn sie auch nur ein paar Tage unentschuldigt der Arbeit fern bleiben, kann ein Rentner/Pensionär sich kurzentschlossen in den Wagen setzen und losfahren, ohne sich bei einem Arbeitgeber abmelden zu müssen.

Das macht es auch für den Autor einfacher. Je nach Handlung lässt sich die Dramatik nur schwer damit vereinen, dass der Protagonist jeden Morgen erst mal für 8-10 Stunden zur Arbeit fahren muss. Nicht umsonst wählen so viele Schriftsteller und Drehbuchautoren als Protagonisten gerne erfolgreiche Schriftsteller (eine beliebte Form der Wunscherfüllung im eigenen Manuskript… ;-)), da diese keiner festen Arbeit nachgehen müssen. Doch während erfolgreiche und wohlhabende Vollzeit-Schriftsteller, die sich zwischen dem Schreiben von Bestsellern in spannende Abenteuer stürzen, nicht gerade realistisch sind, finden sich unter den älteren Semestern wesentlich glaubwürdigere Kandidaten.

Auch in Hinsicht auf ihre Ziele sind die „Alten“ anders als jüngere Menschen. Sie können es sich leisten, etwas für andere zu tun und ihnen zu helfen – und sie können eher alles auf eine Karte setzen und sogar Risiken eingehen, vor denen jüngere Menschen aus gutem Grund zurückscheuen würden.

Ein junger Mann mit Familie und kleinen Kindern wird sich allein schon aus Angst um seine Familie hüten, sich mit der Mafia anzulegen. Ein alter Mann, dessen Kinder weit weg wohnen und der selbst geschieden oder verwitwet ist, kann eher das Risiko eines persönlichen Kreuzzugs eingehen. Selbst wenn er es nicht überlebt oder sich womöglich am Ende wegen Selbstjustiz vor Gericht verantworten muss, riskiert er nur noch ein paar Jahre und nicht mehr den größten Teil seines Lebens, wie dies bei einem jüngeren Protagonisten der Fall wäre.

Schwimmen Sie gegen den Strom…

Ein weiterer Vorteil für Sie als AutorIn ist, dass Sie sich mit einem älteren Protagonisten von der Masse absetzen. Nicht nur ältere Leser freuen sich, wenn sie mal nicht den üblichen jungen Schönling vorgesetzt bekommen, sondern einen smarten Helden in ihrem Alter. Auch jüngere Leser sind gerne bereit, sich auf die Abenteuer eines älteren Protagonisten einzulassen, der nicht den üblichen Klischees entspricht. Denken Sie nur an den Überraschungserfolg von „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“.

Sie brauchen sich auch keine Gedanken zu machen, dass Sie durch die Entscheidung für einen älteren Protagonisten die Anzahl möglicher Fortsetzungen Ihres Romans begrenzen. Es gibt genug Romanserien, in denen die Protagonisten scheinbar niemals altern, sondern in jedem Band dasselbe, meist nur recht vage angegeben Alter zu haben scheinen.

Ganz abgesehen davon hängt die Anzahl der Geschichten, die Sie rund um ein und denselben Protagonisten erzählen können, in erster Linie von der Figur selbst und ihrer Rolle ab. Ein Durchschnittsmensch, egal ob jung oder alt, wird vermutlich im Laufe seines Lebens höchstens ein großes, romanwürdiges Abenteuer erleben. Solange dieses Abenteuer ihn nicht so verändert, dass er nun aktiv neue Abenteuer sucht, wird jede neue Fortsetzung unrealistischer.

Hat Ihr Protagonist hingegen ohnehin das Zeug zum Serienhelden, kann er ruhig etwas älter sein. Denken Sie nur an die 80er-Jahre-Serie „Der Equalizer: Der Schutzengel von New York“, die erst kürzlich als Vorlage für den Equalizer-Film mit Denzel Washington diente: Insgesamt gibt es 88 Abenteuer rund um den Ex-CIA-Agenten und seinen Kampf gegen das Verbrechen und für die Gerechtigkeit. Potential hängt eben nicht in erster Linie vom Alter ab… ;-)


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Warum Improvisation beim Schreiben gute Planung erfordert

Immer wieder flammt zwischen Schriftstellern die ewige Diskussion auf, ob nun das Vorplanen oder das Drauflosschreiben der bessere Ansatz ist, um einen guten Roman zu produzieren. Während manche etablierten Bestsellerautoren wie Stephen King oder Lee Child darauf beharren, dass sie niemals einen ihrer Romane vorplanen, stehen auf der anderen Seite hunderte ebenfalls erfolgreicher Autoren, die niemals einen Roman ohne eine ausreichend detaillierte Vorplanung beginnen würden.

Gerade unerfahrenen Autoren erscheint dieser Disput ziemlich paradox: Zwei Gruppen, die auf scheinbar völlig gegensätzliche Ansätze schwören und dennoch beide mit ihren Methoden erfolgreich sind.

Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo in der Grauzone zwischen den Extremen. Das kann man besonders gut am Beispiel des Worldbuildings sehen.

Nehmen wir beispielsweise an, Sie wollen einen Fantasy-Roman schreiben. Reine Improvisation wird Sie hier nicht ans Ziel bringen. Wenn Sie Ihre Fantasy-Welt erst nach und nach während des Schreibens aufbauen, sind Inkonsistenzen und Widersprüche vorprogrammiert.

Dazu zählen beispielsweise Dinge, die Sie gegen Ende des Romans als neue Idee einbringen, die aber bei genauer Betrachtung bereits auf den Beginn der Handlung so großen Einfluss gehabt hätten, dass eigentlich die ganze Geschichte völlig anders hätte verlaufen müssen. So etwas bei der Überarbeitung des Romans im Nachhinein glattzuziehen ist eine wahre Sisyphusarbeit, die einem den Spaß am eigenen Roman gründlich austreiben kann.

Wenn Sie also beim Schreiben Ihres Romans improvisieren wollen und Ihre Charaktere die Handlung bestimmen lassen wollen, müssen Sie die Welt schon verdammt gut kennen, in der Sie Ihre Romanfiguren von der Leine lassen wollen. So steckte auch Tolkien zunächst einige Jahre in die Konstruktion der Welt von Mittelerde, bevor er den Hobbit und die Herr-der-Ringe-Trilogie schrieb.

Wenn Sie seit etlichen Jahren in Berlin leben und die Stadt wie Ihre Westentasche kennen, könnten Sie vermutlich einen Roman improvisieren, der in Berlin spielt. Sie wissen, wie Ihr Protagonist am besten vom Flughafen Berlin-Tegel in die Innenstadt kommt oder in welchem China-Restaurant er die geheimnisvolle Unbekannte vom Flughafen wieder treffen könnte.

In diesem Fall sind es Ihre Kenntnisse über den Handlungsort, die Ihnen neue Ideen für die Handlung eingeben. Für einen Roman, der in Ihrer langjährigen Heimat spielt, ist das schön und gut. Aber wenn Ihr Roman in einer fiktiven, fremdartigen Welt spielt, die gerade erst in Ihrem Kopf zu entstehen beginnt, tasten Sie sich hier halbblind durch dichten Nebel – und da gibt es mehr Fallgruben und Stolpersteine, als gut für Sie und Ihren Roman ist.

Sie können also erst einmal ein paar Wochen oder Monate investieren, um eine komplexe, realistisch anmutende Fantasy-Welt mit unterschiedlichen Rassen, Religionen, Sprachen et cetera zu erschaffen. Erst dann, wenn Sie selbst Ihre fiktionale Welt so gut kennen wie Ihre Westentasche, können Sie damit beginnen, in dieser Welt improvisierte und trotzdem schlüssige Romane zu schreiben.

Dieser Ansatz ist gut, wenn Sie vorhaben, in Ihrer fiktiven Welt mehrere Romane oder gar eine ganze Serie anzusiedeln. Doch wenn Sie nur einen einzelnen Roman in dieser Welt schreiben wollen, werden Sie einen großen Teil der Welt, die Sie über Wochen und Monate mühevoll konstruiert haben, niemals verwenden können.

Wenn Sie umgekehrt die Handlung Ihres Romans zuerst planen, reduziert sich der Zeitaufwand für das Worldbuilding extrem. Dann genügt es, die Welt in groben Zügen zu skizzieren und lediglich die Teile und Aspekte genauer ausarbeiten, die Sie für Ihre aktuelle Romanhandlung wirklich brauchen.

Unterm Strich sparen Sie daher, so paradox das auch klingen mag, einiges an Zeit, wenn Sie Ihre Handlung zunächst in groben Zügen planen und sich dann beim Worldbuilding (oder der Recherche) auf die Aspekte konzentrieren, die wirklich für Ihre Romanhandlung von Bedeutung sind.

Wenn Sie beispielsweise bei einem Berlin-Krimi wissen, dass es Ihren Protagonisten niemals an den Flughafen verschlägt, müssen Sie keine Details hierüber recherchieren. Und wenn Sie wissen, dass die Handlung Ihres Fantasy-Romans ausschließlich im Gebirge und im bewaldeten Landesinneren spielt, brauchen Sie sich keine allzu großen Gedanken über die Küstenregionen oder die vorgelagerten Inseln zu machen.

Dass Sie Ihre Handlung grob vorplanen bedeutet natürlich noch lange nicht, dass Sie sich später auch an diesen anfänglichen Plan halten müssen. Da gibt es ein gutes Zitat von Winston Churchill: „Pläne sind unwichtig, aber die Planung ist unverzichtbar.“

Der Planungsprozess zeigt Ihnen, was wichtig ist und was nicht. Er zeigt Ihnen, worauf Sie hauptsächlich Ihr Augenmerk richten sollten. Er hindert Sie jedoch nicht daran, aus gutem Grund und nach gründlichem Abwägen doch noch umzudisponieren und den ursprünglichen Plan über den Haufen zu werfen: Wenn Sie also während des Schreibens Ihres Fantasy-Romans erkennen, dass sich die Handlung entgegen Ihrer ursprünglichen Planung doch in Richtung Küste verlagert, können Sie immer noch ans Reißbrett zurückkehren und auch noch die Küstenregion und den Weg dorthin ausarbeiten, damit Sie auch diese in Ihrem Roman glaubwürdig beschreiben können.


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In Medias Res: Warum Sie Ihren Protagonisten und Ihren Leser ins kalte Wasser werfen sollten

Als Schriftsteller hat man heutzutage nicht allzu viel Zeit, um in einem Roman den Haken auszuwerfen und den Leser „an Land zu ziehen“. Eine Seite, maximal. Eher weniger.

Wenn ein Leser, der in das Buch hinein blättert und testweise die ersten Absätze liest, nicht spätestens bis zum Ende der ersten Seite am Haken hängt und neugierig ist, wie es weiter geht, ist die Wahrscheinlichkeit recht gering, dass er weiter liest oder gar das Buch kauft.

Das sind schlechte Karten, denn schließlich teilt die klassische Romanstruktur die Handlung eines Romans ja in drei Akte auf: Einleitung, Mittelteil und Ende, wobei der Mittelteil üblicherweise so lang wie Einleitung und Ende zusammen ist.

Auch für den ersten Akt (also das erste Viertel des Romans) gibt es Empfehlungen: Zu Beginn führt man den Protagonisten in seinem bisherigen Alltag ein, der dann ungefähr in der Mitte des ersten Akts durch das „auslösende Ereignis“ aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Während des Rests des ersten Akts versucht der Protagonist, auf die geänderte Situation (auch bekannt als „das Problem“) zu reagieren, was ihn gegen Ende des ersten Akts an den „Punkt ohne Wiederkehr“ bringt – jene Stelle, an der es für ihn kein Zurück mehr gibt und an der er bereits bis zu den Hüften im Abenteuer steckt.

Die meisten Klassiker der Weltliteratur bauen auf diesem Schema auf und führen erst langsam den Protagonisten mit seiner Vorgeschichte ein, bevor sich am Horizont der zentrale Konflikt des Romans abzeichnet. Da gehen schnell mal 10.000 Wörter oder mehr ins Land, bevor es wirklich spannend wird.

Natürlich gibt es auch heute noch literarische Romane, deren Handlung einfach vor sich hin plätschert und die der Leser allein wegen ihres Stils, der Dialoge oder der ungewöhnlichen Charaktere liest, doch die meisten Leser wollen unterhalten werden. Sie wollen Spannung und Konflikt – wenn nicht gar handfeste Action.

Wenn man hier wie anno dazumal Charles Dickens mit einer langatmigen Vorgeschichte und einer akribischen Beschreibung der Lebensumstände aller wichtigen Personen beginnt, hat man die meisten potentiellen Leser schon lange verloren, bevor es wirklich spannend wird.

Das Gegenmittel ist im Prinzip ganz einfach: Starten Sie „in medias res“ – lateinisch für „mitten im Geschehen“. Im Klartext: Bereits die erste Szene Ihres Romans sollte Ihren Protagonisten mitten in einer spannenden oder sogar dramatischen Szene zeigen, die den Leser direkt in die Handlung hinein zieht.

Sie lassen Ihren Protagonisten also nicht langsam ins Wasser waten und sich behutsam akklimatisieren, sondern werfen ihn direkt ins kalte Wasser und setzen mit Ihrer ersten Szene dort an, wo die Wellen über ihm zusammen schlagen.

Bezogen auf die klassische Romanstruktur streichen Sie also die erste Hälfte des ersten Aktes komplett und beginnen entweder mit oder sogar kurz nach dem „auslösenden Ereignis“.

Dafür brauchen Sie allerdings ein wenig Fingerspitzengefühl. Wenn Sie das „mitten im Geschehen“ zu wörtlich nehmen und Ihre erste Szene beispielsweise mitten in einer Verfolgungsjagd oder während des Angriffs der Barbarenhorde auf das friedliche Dorf des Protagonisten beginnen, besteht die Gefahr, dass Sie Ihre Leser überrumpeln und überfordern.

Sie als Autor wissen natürlich genau, was gerade passiert und wer wer ist – doch Ihr Leser muss sich erst einmal einen Überblick über die Situation verschaffen und herauslesen, um wen es hier eigentlich geht und was auf dem Spiel steht.

Sie müssen also in diese spannende Szene immer noch so viele Hintergrundinformationen einfließen lassen, dass der Leser weiß, was Sache ist. Je rasanter und actionlastiger die Szene ist, desto schwieriger gestaltet sich das. Absätzelange Infodumps oder gar Rückblenden sind hier natürlich tabu.

Als Faustformel kann man sagen, dass Sie bei einem Einstieg „in medias res“ dem Leser genau so viele Informationen geben sollten, dass er die Szene verstehen kann – und kein bisschen mehr. Manche Dinge brauchen Sie nicht explizit zu erwähnen, da der Leser sie sich anhand der Bröckchen, die Sie ihm hinwerfen, zusammenreimen kann. Sie sollten allerdings achtgeben, dass das sich daraus ergebende Bild dennoch so eindeutig ist, dass der Leser die Puzzlestücke nicht völlig falsch interpretiert und sich eine ganz andere Handlung zusammenreimt.

Wenn beim Leser einige Fragen offen bleiben (die ihn aber nicht daran hindern, die Handlung weiter zu verfolgen), ist das sogar gut. Offene Fragen, Rätsel und Geheimnisse sorgen dafür, dass der Leser weiter liest. Schließlich will er nicht nur erfahren, wie es weiter geht, sondern er will auch Antworten auf seine offenen Fragen. Und die können Sie ihm nach und nach in mundgerechten Häppchen servieren – spätestens dann, wenn er diese Information braucht, um die aktuelle Szene oder die Handlungen und Entscheidungen der Charaktere zu verstehen.

Bei einem Romananfang „in medias res“ haben Sie hauptsächlich zwei Handicaps. Zunächst einmal besteht die Gefahr, dass sich der Leser ein paar Seiten braucht, um sich nach und nach zusammenzureimen, wer alles in der Szene vorkommt, in welcher Beziehung diese Charaktere zueinander stehen und worum es hier eigentlich geht.

Wenn der Einstieg zu unübersichtlich und verwirrend ist, nützt auch die spannendste und dramatischste Handlung nichts. Wenn der Leser nicht gespannt und neugierig, sondern völlig verwirrt ist, wird er kaum weiter lesen, sondern das Buch frustriert und genervt zur Seite legen. Und das ist natürlich das Letzte, was man als Autor will.

Doch selbst wenn Sie Ihre spannende und dramatische Einstiegsszene noch so gekonnt strukturieren, haben Sie immer noch ein weiteres Problem: Der Leser kennt Ihren Protagonisten noch nicht und tut sich daher naturgemäß eher schwer damit, bereits von der ersten Seite an mitzufiebern und ihm begeistert die Daumen zu drücken.

Diese Einführung des Protagonisten, die zu einer Identifikation des Lesers mit ihm führen soll, ist normalerweise die Aufgabe der ersten Hälfte des ersten Akts – und auf die müssen wir ja verzichten, wenn wir direkt „mitten im Geschehen“ beginnen wollen.

Was also tun, wenn Sie feststellen, dass Sie Ihre Leser mit einem zu rasanten Einstieg überfordern und sie damit schon auf den ersten Seiten zu verlieren drohen?

In diesem Fall schalten Sie einen Gang zurück – genauer gesagt, eine Szene. Beginnen Sie kurz vor dem Punkt, an dem es so richtig rasant und damit für Außenstehende unübersichtlich wird.

Statt mitten in der Verfolgungsjagd zwischen Polizei und Gangstern durch den dichten Großstadtverkehr zu beginnen, starten Sie mit den beiden Polizisten, die per Funkspruch zum Ort des Banküberfalls gerufen werden. Die Fahrt zum Bankgebäude gibt Ihnen genügend Gelegenheit, die beiden Polizisten genauer einzuführen und dem Leser zu zeigen, was für sie auf dem Spiel steht.

Optimal ist, wenn Sie den Protagonisten eine verhängnisvolle Entscheidung fällen lassen, die für den Leser glaubwürdig und unvermeidbar wirkt, aber die Handlung in ihrer späteren Form erst so richtig in Gang bringt.

Im Fall der beiden Polizisten, die zum Ort des Banküberfalls gerufen werden, könnte das so aussehen: Die Polizisten wissen, dass ihr Streifenwagen der einzige in der Nähe der Bank ist und dass sie wohl mehrere Minuten vor den anderen Wagen dort eintreffen werden. Der erfahrene, besonnene Partner des Protagonisten gibt zu bedenken, dass sie vielleicht doch besser auf Verstärkung warten sollten, bevor sie sich den bewaffneten und vermutlich zahlenmäßig überlegenen Bankräubern in den Weg stellen. Doch dem Protagonisten ist bereits bei dem Funkspruch ein eisiger Schauer über den Rücken gelaufen – denn er weiß genau, dass seine Frau heute mit seinem kleinen Sohn zu genau dieser Bank wollte, um dort ein Sparbuch für den Jungen einzurichten. Er weiß zwar nicht, ob seine Familie sich tatsächlich als Geiseln in der Gewalt der Bankräuber befindet, aber er weiß genau, dass er es sich niemals verzeihen kann, wenn er durch sein Zögern das Leben seiner Familie gefährdet.

Wenn Sie jetzt die beiden Polizisten genau zu dem Zeitpunkt die Bank erreichen lassen, zu dem die bewaffneten Bankräuber mit mehreren Geiseln die Bank verlassen und in einem Transporter fliehen, ist dem Leser klar, was auf dem Spiel steht.

Der Protagonist konnte einen flüchtigen Blick auf die Geiseln werfen, bevor diese in den Transporter getrieben wurden und die Bankräuber mit quietschenden Reifen davon rasten und glaubt, seine Familie unter ihnen erkannt zu haben.

Er kann die Gangster keinesfalls entkommen lassen, da er befürchten muss, dass sie ihre Geiseln kaltblütig erschießen, sobald sie in Sicherheit sind – schließlich werden sie keine Zeugen am Leben lassen, die sie später bei einer Gegenüberstellung identifizieren könnten. Aber er weiß auch, dass er nicht einfach das Feuer auf den Wagen mit den flüchtenden Gangstern eröffnen kann, ohne damit zugleich das Leben der Geiseln zu gefährden.

Sie sehen, was dieser kleine Schritt zurück für Ihre Handlung tut: Auf einmal sind es für den Leser nicht mehr zwei namenlose Polizisten, die ein paar ebenso namen- und gesichtslose Bankräuber durch das Straßengewühl verfolgen, sondern jetzt fiebert er mit einem Vater mit, der seine Frau und seinen Sohn aus den Händen eiskalter Verbrecher befreien will.

Probieren Sie diese Technik selbst einmal aus, wenn Sie eine Romanhandlung haben, die sich zu langsam anlässt und auf den ersten Seiten Probleme hat, so richtig in Schwung zu kommen. Vielleicht ist ein Start „in medias res“ in diesem Fall genau der richtige Ansatz.



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Einsatz von Try-Fail-Cycles im Roman

Eines der nützlichsten Hilfsmittel beim Plotten eines Romans ist der sogenannte Try-Fail-Cycle – wörtlich übersetzt der Versuch-Niederlage-Kreislauf. Dabei handelt es sich um eine Technik, mit der Sie die Entschlossenheit und den Erfindungsreichtum Ihres Protagonisten auf die Probe stellen und Ihre Leser auf die Folter spannen können.

Ein Roman, in dem der Leser sein Ziel zu schnell und zu einfach erreicht, ist erstens langweilig und zweitens sehr schnell vorbei. Zu schnell, um der Bezeichnung ‚Roman‘ überhaupt gerecht zu werden. Für einen richtigen Roman genügt es nicht, dass Ihr Held ein Ziel hat und dieses am Ende erreicht. Nein, er muss sich strecken und wachsen, fallen und sich immer wieder aufrappeln, damit er sich am Ende den Sieg redlich verdient hat.

Und genau dafür brauchen Sie als Autor den Try-Fail-Cycle. Für jedes größere Ziel, das Ihr Protagonist im Laufe Ihrer Romanhandlung hat, müssen Sie als Autor ihm Steine in den Weg legen, seine Anstrengungen torpedieren und ihn mit unerwarteten Tiefschlägen aus einer Richtung, aus der er sie niemals erwartet hätte, niederstrecken. Auch wenn man als Autor seinen eigenen Protagonisten mag, muss man ihn quälen – zum Wohle einer spannenden Romanhandlung.

Der Try-Fail-Cycle besagt, dass Ihr Held sein Möglichstes tut, um sein Ziel zu erreichen, und trotzdem scheitert. Die Gründe dafür können ganz unterschiedlicher Natur sein. Manchmal sind es die Schwächen des Helden, die ihn scheitern lassen. Vielleicht ist er noch nicht stark oder erfahren genug, nicht entschlossen genug oder er denkt noch zu selbstsüchtig, um Erfolg zu haben. Vielleicht liegt es auch daran, dass er die wahren Hintergründe oder die geheimen Pläne seiner Widersacher noch nicht durchschaut hat und daher in die falsche Richtung / gegen die Wand läuft.

Aber natürlich gibt Ihr Protagonist nicht auf. Er rappelt sich auf, schüttelt den Staub ab und leckt seine Wunden – doch dann überlegt er sich einen neuen Plan und startet den nächsten Versuch.

Natürlich ist auch dieser nicht von Erfolg gekrönt, denn ein einziger Rückschlag würde ja noch nicht genügen, um seine Entschlossenheit und Willenskraft ausreichend auf die Probe zu stellen. Selbstverständlich ist sein neuer Plan gut durchdacht und solide vorbereitet – und ebenso selbstverständlich werden Sie als Autor einen Weg finden, ihm auch diesmal Steine in den Weg zu legen, ihm Stöcke zwischen die Beine zu werfen und ihn mit einem weiteren unerwarteten Tiefschlag erneut auf die Bretter zu schicken.

Diesmal ist die Niederlage härter und schmerzhafter als beim ersten Mal. Es kann durchaus sein, dass Ihr Protagonist verwundet wird, einen wichtigen Gegenstand oder Verbündeten verliert oder einen anderen schmerzlichen Verlust erleidet. Dieser kann auch psychischer Natur sein – z.B. wenn er erkennen muss, dass jemand, dem er vertraut hat, eigentlich auf der Seite seines Gegners steht und ihm im entscheidenden Moment in den Rücken gefallen ist.

Die Anzahl der Runden eines Try-Fail-Cycles sind abhängig von der Länge des gesamten Romans und von der Bedeutung des Konflikts für die Gesamthandlung. Die Untergrenze liegt bei drei Runden, wobei die dritte dann bereits die letzte und alles entscheidende Runde ist, in der der Held dann üblicherweise den Sieg davonträgt. Das entspricht zwei Niederlagen, denn eine Niederlage / ein Rückschlag allein ist wie bereits erwähnt nicht ausreichend, um die Entschlossenheit Ihres Protagonisten wirklich auf die Probe zu stellen.

Für den zentralen Konflikt eines umfangreichen Romans können Sie ruhig auch noch 1-2 zusätzliche Runden einlegen, die jeweils trotz eines gut durchdachten Plans mit einem Fehlschlag für den Protagonisten enden. Das wird allerdings auch für Sie als Autor immer schwieriger, denn sowohl der Plan/Ansatz Ihres Protagonisten als auch die Art der Niederlage und die daraus resultierenden negativen Auswirkungen sollten jedes Mal anders sein.

Kurzum: mit jeder weiteren Runde des Try-Fail-Cycles wird die Lage Ihres Protagonisten schwieriger und aussichtsloser: Freunde und Verbündete werden getötet, gefangen oder sonstwie ausgeschaltet oder wenden sich von ihm ab; er selbst wird verwundet, diskreditiert oder gar geächtet und er verliert nach und nach alle Hilfsmittel und Ressourcen, auf die er bisher zur Lösung des Problems vertraut hatte.

All diese Runden aus Versuch und Niederlage dienen dazu, die Schale des Helden aufzuknacken und zu offenbaren, was für ein Kern in ihm steckt. Damit er den Sieg wirklich verdient, darf er ihn weder mit Hilfe technischer Gimmicks noch durch die Unterstützung seiner Freunde und Verbündeten erringen. Keine geheimen Bond-Waffen und keine Kavallerie, die den belagerten Siedlern in letzter Sekunde zur Hilfe kommt. Kein Deus ex machina, sondern ein zu allem entschlossener Protagonist, der sich wie einst Baron Münchhausen sozusagen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht.

Die letzte Niederlage des Try-Fail-Cycles muss so hart sein, dass sie dem Protagonisten buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzieht und all seine Hoffnungen auf einen Sieg gnadenlos zerschmettert. Dies ist, um bei der klassischen Heldenreise nach Joseph Campbell zu bleiben, der ‚dunkelste Moment‘, in dem der Held im übertragenen Sinne stirbt und in seiner neuen Form wiedergeboren wird.

Die finale Runde des Try-Fail-Cycles ist zugleich das Ende des Konflikts. Bei einer Nebenhandlung kann das irgendwo mitten im Roman sein. Handelt es sich jedoch um den zentralen Konflikt, befinden wir uns hier üblicherweise in den letzten 10-20% des Buchs.

Jetzt muss der Protagonist zeigen, was wirklich in ihm steckt. Diesmal gibt es kein Netz und keine Sicherheitsleine mehr. Er muss den Sprung wagen und weiß, dass er siegen oder untergehen wird. Wenn er diesmal wieder verliert, wird es keine weitere Chance, keinen weiteren Versuch mehr geben.

Oft ist es so, dass der Protagonist nach der letzten Niederlage, also im ‚dunkelsten Moment‘, bereit die Hoffnung auf die Erfüllung seiner eigenen Wünsche aufgegeben hat. Er weiß, dass er verloren hat.

In diesem Moment entscheidet sich der Protagonist oft, zum Märtyrer zu werden. Wenn er schon selbst nicht mehr gewinnen kann, will er beispielsweise zumindest noch den Feind zur Strecke bringen um so andere Unschuldige vor ihm zu schützen. Was dabei oder danach aus ihm selbst wird, ist ihm egal. Er kennt keine Angst mehr, da die Konsequenzen für ihn selbst ihm mittlerweile egal sind.

In einem Krimi kann das der Moment sein, in dem der integre Polizist seine Marke ablegt und zur Selbstjustiz greift: Der Gangster, den er zur Strecke bringen wollte, hat sich ein wasserdichtes Alibi gekauft und mit Hilfe korrupter Polizisten und fingierter Beweise den Protagonisten diskreditiert, so dass er nun selbst (und natürlich zu Unrecht) als Mörder und als flüchtiger Verbrecher dasteht. Er weiß, dass er keine Chance mehr hat, den Gangster aufzuhalten und weitere Verbrechen zu verhindern – außer wenn er alle moralischen Bedenken und alle Werte, für die er jahrelang gekämpft hat, über Bord wirft und sich selbst zum Richter und Henker ernennt.

Jetzt haben wir den ultimativen Einsatz für die letzte Runde des Try-Fail-Cycles: Der Polizist steht allein gegen den Gangster, seine schwerbewaffneten Handlanger und einige korrupte Polizisten, die sich zu einem konspirativen Treffen in der Villa des Gangsters treffen. Er weiß, dass seine Chancen verschwindend gering sind und dass er vermutlich sterben wird, bevor er den Gangster auch nur zu sehen bekommt. Doch selbst wenn er Erfolg haben sollte, werden die Überwachungsaufnahmen aus der Villa allen beweisen, dass er der Mörder ist – und damit seinen guten Ruf und seine Ehre endgültig zerstören.

Wie man eine solche Handlung enden lässt, ist Geschmackssache. Der Held kann sterben, aber der Gangster wird nachher für seine Ermordung verurteilt. Der Held kann den Gangster und seine Verbündeten eliminieren und danach in den Untergrund gehen, um von dort aus wie der Punisher aus den Marvel-Comics den Kampf gegen das Verbrechen fortzuführen. Oder der Held kann den Gangster so weit bringen, dass dieser vor laufender Kamera alles gesteht und der Held damit nachträglich doch entlastet und sein guter Ruf wieder hergestellt wird.

Oft ist es so, dass gerade die Bereitschaft, die bisher verfolgten eigenen Ziele aufzugeben, alle egoistischen Motive über Bord zu werfen und einfach das zu tun, was richtig ist, für einen unerwarteten Sieg des Protagonisten in letzter Minute sorgt.

Probieren Sie also ruhig selbst einmal aus, ob Sie vielleicht mit einem zusätzlichen Try-Fail-Cycle die Handlung Ihres Romans noch stärker und besser machen können.


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Warum Sie Ihren Roman mit dem Klappentext beginnen sollten

Wer das Schreiben nicht nur als reines Hobby betrachtet, sondern seine Bucher auch veröffentlichen und vermarkten möchte, weiß, dass das Schreiben eines Buchs nur die halbe Miete ist: Das Buch ist fertig geschrieben, überarbeitet und die Prosa auf Hochglanz poliert – und was nun? Neben dem Buchcover – sozusagen dem Gesicht Ihres Buchs – muss auch noch ein Klappen- bzw. Werbetext her, den man als Buchbeschreibung bei Amazon und anderen Online-Buchhändlern veröffentlichen kann.

Mir ist in diesem Kontext die Bezeichung „Klappentext“ wesentlich sympathischer als „Werbetext“, auch wenn es bei Taschenbüchern und erst recht bei eBooks mangels Schutzumschlags natürlich keinen Klappentext in seiner ursprünglichen Bedeutung mehr gibt. Allerdings muss ich bei „Werbetext“ eher an die Werbung für Waschmittel oder Zahnpasta als an die publikumswirksame Kurzbeschreibung eines Romans denken. Ich bleibe daher bei „Klappentext“ – egal, ob dieser nun auf der Rückseite Ihres Taschenbuchs abgedruckt wird oder als Buchbeschreibung für Ihr eBook fungiert.

Doch unabhängig davon, wie man das Kind nun nennen will – wenn schon das Schreiben einer Synopsis (also der Zusammenfassung der Romanhandlung auf wenigen Seiten) schwierig ist, ist es das Schreiben eines guten Klappentextes umso mehr. Hier bleibt einem nicht viel Platz, um die Neugier des Lesers so weit zu wecken, dass er einen „Blick ins Buch“ wirft (bzw. sich die Leseprobe herunterlädt) oder – noch besser – das Buch direkt kauft.

Wer schon einmal versucht hat, die Handlung eines Romans von 300+ Seiten appetitanregend in wenigen Sätzen zu verpacken, weiß, was für eine Herausforderung dies darstellen kann. Und selbst wenn man es endlich geschafft hat, die Essenz des Buchs zu einem Klappentext von 100-200 Wörtern einzudampfen, liest sich dieser oft so dröge und unoriginell, dass sogar man selbst als Autor sich fragt, worin sich das eigene Buch von den thematisch ähnlichen Büchern anderer Autoren unterscheidet und warum ein Leser sich ausgerechnet für unser Buch entscheiden sollte.

Wenn auch Ihnen diese Problematik nur allzu bekannt vorkommt, würde ich Ihnen für Ihr nächstes Projekt einen anderen Ansatz empfehlen. Zäumen Sie das Pferd scheinbar von hinten auf: Beginnen Sie die Entstehung Ihres nächsten Buchs mit einem zugkräftigen (Arbeits-)Titel, eventuell einem Mockup-Cover … und dem Klappentext.

Auf den ersten Blick mag einem dieser Ansatz unsinnig erscheinen: Wie soll man ein Buch zusammenfassen, das es noch gar nicht gibt? Doch in der Praxis ist es so herum wesentlich einfacher. Genau wie Sie beim Design eines Buchcovers bereits darauf achten sollten, wie dieses später als briefmarkengroße Miniatur-Abbildung in den Suchergebnissen von Amazon & Co aussieht, können Sie die Miniaturansicht Ihrer Handlung umso besser entwerfen, solange Ihre Sicht auf das Wesentliche (sozusagen das Skelett Ihres Romans) nicht durch zu viele Details verstellt wird.

Sobald sich also während der Planung Ihres Romans die grobe Handlung herauszukristallisieren beginnt, schreiben Sie zunächst die Rohfassung Ihres Klappentextes.

Warum das? Ganz einfach: Wenn Ihr Klappentext so gut ist, dass sogar Sie selbst als Autor das Buch allein aufgrund dieser Beschreibung spontan kaufen würden, haben Sie ein Ziel, auf das Sie hinschreiben können – sozusagen das Leuchtfeuer am Horizont. Egal, was sich an Ihrer Handlung bei der Planung und später während des Schreibens im Detail noch ändern mag – die Eckpunkte, die Sie in Ihrem Klappentext „festgenagelt“ haben, sind gesetzt.

Beim Schreiben Ihres Klappentextes sollten Sie nicht kleckern, sondern klotzen. Der Klappentext ist der Haken, den Sie auswerfen – und schließlich wollen Sie, dass die Leser anbeißen. Je besser Sie Ihre Zielgruppe und Ihre „idealen Leser“ kennen, desto leichter dürfte es Ihnen fallen, jene Punkte aufzulisten, die Ihre Leser an anderen Bestsellern Ihres Genres so lieben.

Damit meine ich natürlich nicht, dass Sie Ihre Handlung verbiegen sollten, um nur ja möglichst marktgerecht zu schreiben. Dennoch sollten Sie überlegen, welche dieser „Zutaten“ Sie verwenden könnten, um Ihre Romanhandlung aufzupeppen und noch interessanter zu gestalten – oder welche bereits vorhandenen / angedachten Punkte Sie beim Schreiben Ihres Klappentextes werbewirksam in den Vordergrund rücken sollten.

Sie werden feststellen, dass es wesentlich einfacher ist, das Buch so zu schreiben, dass es dem packenden Klappentext gerecht wird, als im Nachhinein die Essenz des Buchs in einem Klappentext einzufangen. Es wird beim Schreiben immer wieder Situationen geben, in denen Sie Entscheidungen über den weiteren Verlauf der Handlung treffen müssen. Ihr Klappentext kann dann als Orientierungshilfe dafür sorgen, dass Sie nicht die falschen Entscheidungen treffen und so womöglich auf halbem Weg auf den Holzweg geraten.

Auch wenn die „Zutaten“ für einen guten Klappentext fast immer dieselben sind, ist die Gewichtung dieser Zutaten je nach Genre sehr unterschiedlich. Statt zu versuchen, eine „Passt-auf-alles-Formel“ zu finden, sollten Sie sich beim Schreiben Ihres Klappentextes lieber an den Klappentexten bereits erfolgreicher Romane Ihres Genres orientieren.

Damit meine ich natürlich nicht, dass Sie von diesen abkupfern sollten, sondern, dass Sie diese ganz gezielt analysieren und versuchen, daraus eine Formel mit Platzhaltern abzuleiten, in die Sie dann Ihre eigenen Zutaten einsetzen können. Wohlgemerkt „eine Formel“, nicht „die Formel“ – denn trotz aller Ähnlichkeiten werden die Klappentexte, die Sie studieren, dennoch so unterschiedlich sein, dass Sie lediglich eine grobe Faustformel ermitteln können.

Das ist ein wenig wie der Versuch, Tiere zu klassifizieren. Wenn „Tier“ ein so allgemeiner Oberbegriff wie „Roman“ ist, sind Sie beim Genre bereits bei Klassifizierungen wie „Vogel“, „Katze“ oder „Fisch“. Und genau wie Sie so ziemlich jeden Vogel mit einer allgemeinen Beschreibung wie „zwei Beine, zwei Flügel, ein Schnabel und Federn“ von einer Katze oder einem Fisch abgrenzen können, werden Sie auch bei den erfolgreichen Klappentexten Ihres Genres bestimmte Gesetzmäßigkeiten erkennen. Welche Details des Settings werden erwähnt? Welche Figuren des Romans werden im Klappentext erwähnt und mit welchen Attributen werden sie beschrieben? Was erfährt der Leser über den zentralen Konflikt des Romans und über das, was auf dem Spiel steht?

Wenn Sie eine solche Analyse für ein gutes Dutzend Bestseller Ihres eigenen Genres durchgeführt haben, haben Sie meist schon ein recht gutes Gefühl dafür, welche Elemente ein Klappentext in welchem Mischungsverhältnis enthalten sollte und wie man diese dem Leser appetitanregend präsentieren kann.

Als kleine Checkliste liste ich Ihnen nochmal die wichtigsten „Zutaten“ für einen Klappentext auf: Sie brauchen…

  • Ihren Protagonisten (also den Helden / die Heldin Ihres Romans),
  • Ihren Antagonisten (also den Gegenspieler bzw. Widersacher),
  • das Setting (Wo und wann spielt Ihr Roman?)
  • den Auslöser der Handlung (Welches Ereignis setzt die Dinge in Bewegung?),
  • das Ziel Ihres Protagonisten (Wie will er das Problem lösen?),
  • das größtes Hindernis (Warum ist das nicht so einfach?) und
  • die negativen Konsequenzen, die drohen, wenn er sein Ziel nicht erreicht.

Bonuspunkte gibt es, wenn Sie zusätzlich noch eine überraschende Wendung einbringen können (die im Klappentext natürlich nur angedeutet wird).

Wenn Sie beim Notieren dieser Punkte bereits ins Stocken geraten, macht das überhaupt nichts. Es ist im Gegenteil sogar gut, da Sie bereits in dieser sehr frühen Phase auf die noch vorhandenen Lücken stoßen und nicht erst hundert Seiten tief in der Handlung feststellen, dass Sie sich in eine Sackgasse geschrieben haben oder dass Ihrem zentralen Konflikt auf halbem Wege der Dampf ausgeht.

Sobald Sie alles zusammen haben, wenden Sie Ihre Erkenntnisse aus der Klappentext-Analyse an und basteln aus Ihren Zutaten einen packenden Klappentext nach bewährtem Muster. Nehmen Sie sich dafür genügend Zeit und übereilen Sie nichts. Es macht nichts, wenn Sie ein paar Wochen an diesem Text feilen, bis Sie selbst vom Ergebnis begeistert sind und beim Lesen Ihres eigenen Klappentextes kaum abwarten können, das fertige Buch in den Händen zu halten.

Dann erst beginnen Sie damit, die Handlung genauer zu planen und so die Basis für einen Roman zu schaffen, der nicht nur die Versprechungen Ihres Klappentextes erfüllt, sondern sogar noch eine ganze Schippe drauf legt.

Diese Methode eignet sich übrigens nicht nur für „Planer“, sondern auch für „Discovery Writer“, die sich beim Schreiben ihres Romans ihres Romans selbst davon überraschen lassen, in welche Richtung sich die Handlung entwickelt und wie alles enden wird. Im Gegensatz zu einer Synopsis, die die komplette Handlung bis zum großen Finale beinhaltet, baut der Klappentext nur auf der Ausgangssituation und dem zentralen Konflikt aus, ohne zu viel über die Details der Handlung oder gar das Ende zu verraten. Damit bewahren Sie sich beim Schreiben die Flexibilität, die Ihnen so wichtig ist.

Probieren Sie es einfach mal für Ihr nächstes Buchprojekt aus. Ich würde vermuten, dass das Ergebnis Sie überzeugen wird.


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Tag-Team-Plotting: Mit ungewöhnlichen Kombinationen zu einer spannenden Romanhandlung

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht – aber ich habe recht häufig beim Lesen neuer Romane so ein Deja-Vu-Erlebnis, genau dasselbe in etwas anderer Form schon einmal gelesen zu haben. Und meist nicht nur einmal. Gerade bei Genre-Romanen überkommt einen sehr häufig das ungute Gefühl, dass die Hauptfiguren inklusive ihrer Motivation und den wichtigsten Konflikten aus anderen Romanen oder Filmen übernommen und nur oberflächlich abgewandelt wurden.

Das ist in den meisten Fällen nicht einmal böse Absicht des Autors. Es ist wie mit den Werbespots, die wir hunderte von Malen in Funk und Fernsehen gehört haben und deren Slogans wir sogar im Halbschlaf noch komplettieren könnten: „Douglas: Come in and…“ (find out). „BMW: Freude am…“ (Fahren). „Opel: Wir haben…“ (verstanden).

Genauso ist es bei Romanen: Wenn ich Ihnen jetzt die Aufgabe stellen würde, eine Romanhandlung zu skizzieren, in der ein mutiger Schwertkämpfer und eine schöne Magierin gegen einen finsteren Schwarzmagier mit Weltherrschafts-Ambitionen und seinen Handlanger, einen hünenhaften Drachenritter in schwarzer Rüstung, antreten sollen, könnten Sie bestimmt innerhalb einer halben Stunde etliche Ideen für Szenen, Konflikte und den finalen Showdown aufs Papier werfen. Doch wenn Sie anschließend diese Notizen kritisch hinterfragen: Wie viele dieser Ideen wären wirklich innovativ und originell und nicht in anderen Büchern oder Filmen schon dutzendfach da gewesen?

Das Problem liegt in den Zutaten, die wir miteinander kombinieren. Wenn uns jemand Nudeln, Tomatenmark, Sahne und Hackfleisch gibt, wird vermutlich so etwas wie Spaghetti Bolognese dabei heraus kommen. Doch was würden Sie aus Lachs, Sonnenblumenkernen, Kartoffeln und Schinken machen? Hier gibt es keine direkte Assoziation, sondern Sie müssen erst einmal nachdenken, was von diesen vier Zutaten man wie miteinander kombinieren könnte. Und genau dasselbe machen wir beim Tag-Team-Plotting.

„Gib Klischees keine Chance!“

Die Bezeichnung „Tag-Team-Plotting“ ist eine scherzhafte Referenz zum Wrestling: Dort treffen bei einem Tag-Team-Match zwei Teams aus je zwei Wrestlern aufeinander, von denen allerdings immer nur einer gleichzeitig im Ring ist. Gerade bei Tag-Teams, die nur für ein bestimmtes Match zusammengewürfelt werden, kommen oft sehr ungewöhnliche Kombinationen aus ganz gegensätzlichen Kämpfern zustande. Und genau diesen Punkt machen wir uns beim Tag-Team-Plotting für Romane zunutze.

Die Vorbereitungen für das Tag-Team-Plotting wirken vielleicht ein wenig aufwändig, doch die Arbeit lohnt sich. Da man als Schriftsteller üblicherweise nicht nur einen einzigen Roman in einem bestimmten Genre schreiben will, kann man bei weiteren Projekten auf die bereits vorbereitete Basis zurückgreifen und im Handumdrehen neue ungewöhnliche Tag-Teams aus dem Hut zaubern.

Aber fangen wir doch einfach mit dem ersten Schritt an…

Was brauchen Sie?

Für das Tag-Team-Plotting brauchen Sie ein ganz normales Kartenspiel (2-10, Bube, Dame, König und As, jeweils in Herz, Karo, Pik und Kreuz). Einen solchen Satz Spielkarten dürften die meisten von uns irgendwo im Schrank oder in der Schublade liegen haben – und wenn nicht, bekommen Sie sie in jedem Spielwarengeschäft oder Supermarkt.

Dazu brauchen Sie noch einen Stift und drei unterschiedliche Formblätter: die Kartenliste, das Brainstorming-Blatt und das Tag-Team-Blatt. Druckvorlagen für diese Blätter finden Sie hier:

Step 1: Der Charakter-Fundus

Im ersten Step brauchen Sie nur die Kartenliste. Da ein Kartenspiel aus 52 Karten besteht, haben Sie auf Ihrer Kartenliste Platz für 52 Charakter-Ideen. Bevor Sie nachher zum ersten Mal das eigentliche Kartenspiel brauchen, notieren Sie zunächst in die 52 Felder der Kartenliste ebensoviele Ideen für Charaktere, die zu Ihrem Genre passen könnten.

Es geht dabei nur um „Berufe“ im weiteren Sinne, nicht um konkrete Eigenschaften. Wenn Sie Fantasy schreiben, könnten Ihre ersten Ideen „Klassiker“ (andere würden sagen: Klischees) wie Barbar, Paladin, Amazone, Schwarzmagier, Drachenreiter, Assassine oder Fährtensucher sein. Doch mit diesen abgegriffenen Rollen können Sie schwerlich alle 52 Plätze Ihres Charakter-Fundus füllen.

Ich weiß: 52 ist eine hohe Anzahl – aber ich lasse Sie nicht eher vom Haken, bis Sie nicht alle 52 Felder mit Ideen gefüllt haben. Sie schaffen das… ;-)

Je mehr sich die Liste füllt, desto schwerer wird es Ihnen fallen, auf neue Ideen zu kommen. Das ist nicht nur ganz normal, sondern auch erwünscht. Denn erfahrungsgemäß sind die letzten 10-20 Ideen, die Sie eintragen, die Arten von Charakteren, die man noch nicht im Überfluss in anderen Romanen oder Filmen gesehen hat.

Step 2: Die Ziehung der Lottozahlen Kandidaten…

Sobald Sie mit Ihrer Liste fertig sind, gehen Sie zum nächsten Schritt über: Mischen Sie Ihr Kartenspiel gut durch, ziehen Sie vier zufällige Karten und legen Sie diese offen vor sich aus. Die Kartenliste ist dabei Ihre Übersetzungstabelle, die Ihnen verrät, wer Ihre Kandidaten für die Tag-Teams sind.

Für unser Beispiel sagen wir, dass Sie die Pik 7, die Herz 2, den Herz-Buben und das Kreuz-As gezogen haben. Laut Ihrer Tabelle steht die Pik 7 für einen Schmuggler, Herz 2 für einen Sklavenhändler, der Herz-Bube für einen Adligen und das Kreuz-As für einen Totenbeschwörer.

Schreiben Sie diese vier Kandidaten als A, B, C und D untereinander auf ein Blatt. Dabei ist noch nicht gesagt, welche der Charaktere männlich oder weiblich, jung oder alt, gut oder böse sind. Noch ist alles offen.

Step 3: Held oder Schurke?

Drucken Sie nun für jeden der vier Charaktere ein Exemplar des Brainstorming-Blatts aus: Oben tragen Sie den „Beruf“ des jeweiligen Charakters ein, darunter machen Sie in den Spalten „Held…?“ und „oder Schurke…?“ Notizen, inwiefern eine solche Figur im Rahmen einer Romanhandlung auf der „guten“ oder der „bösen“ Seite stehen könnte.

Natürlich ist es manchmal nicht ganz einfach, für Charaktere wie einen Sklavenhändler oder einen Totenbeschwörer Ideen zu finden, wie eine solche Figur zum Helden werden könnte – aber das ist ja gerade das Interessante daran. Schließlich wollen wir abgegriffene Klischees vermeiden – und für wirklich gute Ideen muss man schon mal etwas tiefer graben.

Nehmen Sie sich für jede Figur mindestens eine halbe Stunde Zeit, um alle Möglichkeiten auszuloten und das Potential der Figur zu ergründen. Hören Sie keinesfalls auf, bevor Sie nicht auch für die „typischen Guten“ eine mögliche Schurkenrolle und für die „typischen Schurken“ eine mögliche Heldenrolle entwickelt haben.

Ein guter Sklavenhändler? Wenn Ihnen das abwegig vorkommt, denken Sie nur an einen der Klassiker der Weltliteratur: Robinson Crusoe. Auch Crusoe war ein Sklavenhändler, bevor er auf der einsamen Insel strandete und dort zu einem besseren Menschen wurde.

Und ein Totenbeschwörer? Hm, was ist zum Beispiel Ned aus der amüsanten TV-Serie „Pushing Daisies“ anderes als ein Totenbeschwörer? Auch er hat die Fähigkeit, Tote für kurze Zeit wieder zum Leben zu erwecken – und es ihnen wieder zu nehmen. Denn wenn er das nicht tut, stirbt irgendwo in der Nähe ein anderer Mensch an dessen Stelle.

Step 4: Let’s get ready to rumble…

Wenn Sie genügend Ideen für alle vier Charaktere gesammelt haben, lassen Sie diese erstmals aufeinander treffen. Mit vier Charakteren gibt es sechs mögliche Varianten, die im Tag-Team-Blatt untereinander aufgelistet sind. Unter jeder der sechs möglichen Variationen haben Sie genügend Platz, um mit knappen Stichworten die Eckdaten einer möglichen Romanhandlung zu notieren.

Im ersten „Match“ lassen Sie die guten Versionen Ihrer Charaktere A und B auf die bösen Versionen Ihrer Charaktere C und D treffen:

  • Was hat „Held A“ gegen „Schurke C“? Und welche offene Rechnung hat er mit „Schurke D“? Wie könnten diese Charaktere in einem erbitterten Konflikt aneinander geraten? Stellen Sie anschließend dieselben Fragen auch noch für Ihren „Held B“.
  • Was haben Ihre beiden „Helden“ gemeinsam – oder was könnten sie gemeinsam haben? Welche Konflikte dürfte es trotz gemeinsamer Interessen zwischen ihnen geben und wie könnten sie dennoch an einem Strick ziehen?
  • Was haben Ihre beiden „Schurken“ miteinander zu tun? Agieren sie unabhängig voneinander oder arbeiten sie zusammen? Was haben die beiden von dieser Zusammenarbeit und welche Stärken kann jeder der beiden mit einbringen, die der andere nicht hat?

Diese Fragen sind nur als erste Anregungen gedacht. Die Bandbreite solcher Tag-Teams ist fast unbegrenzt. So könnte jeder Ihrer beiden Helden ursprünglich seinen eigenen Feind haben – doch als beide erkennen müssen, dass ihre Feinde in Wahrheit miteinander verbündet sind, schließen auch sie sich zusammen, um mit vereinten Kräften das Böse aufzuhalten.

Nehmen Sie sich für diese Variante mindestens 15 Minuten Zeit, um auf dem Tag-Team-Zettel Stichwörter und Ideen für eine mögliche Romanhandlung zu notieren.

Erst danach gehen Sie zur nächsten Variante über. Wenn Sie sich für jedes „Match“ 15 Minuten Zeit nehmen, haben Sie nach anderthalb Stunden das grobe Gerüst für sechs unterschiedliche Romanhandlungen skizziert. Jetzt können Sie abwägen und entscheiden, welche der Varianten ausscheiden, da sie Ihnen nicht gefallen, und welche Sie weiter ausarbeiten wollen.

Probieren Sie es einfach einmal aus. Sie werden sehen: durch die große Anzahl unterschiedlicher Charaktere und dadurch, dass Sie gezwungen sind, jede Figur sowohl von ihrer hellen als auch ihrer dunklen Seite zu betrachten, vermeiden Sie, dass Sie sich mit Ihrer Handlung unbewusst auf ausgetretenen Pfaden halten.

Alles in allem dürften Sie nicht mehr als 5-6 Stunden (also gerade mal einen Nachmittag) brauchen, um so ein erstes Konzept für eine spannende Romanhandlung zu erschaffen. Und wenn Sie anschließend noch mehr Ideen brauchen, um das Konzept zu einer vollständigen Handlung auszubauen, können Sie immer noch zur Assoziativen Ideen-Matrix aus „Kreativ mit der Matrix“ greifen.


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