Warum Protagonist und Hauptfigur nicht immer ein und dieselbe Person sein müssen

Protagonist, Hauptfigur, Hauptheld oder Perspektivcharakter – viele Schriftsteller verwenden diese Begriffe, als ob diese generell ein und dasselbe wären. Aber auch wenn es sich in den meisten Romanen beim Protagonisten und der Hauptfigur um dieselbe Person handelt, ist dies nicht zwingend erforderlich.

Als Schriftsteller erschließt man sich eine viel größere Bandbreite an möglichen Geschichten, wenn man lernt, wie man diese beiden Funktionen bei Bedarf sauber voneinander trennen kann.

Zur Trennung zwischen Protagonist und Hauptfigur existieren die unterschiedlichsten Ansichten und Interpretationen. Manche davon unterscheiden sogar minutiös zwischen Protagonist, Held, Hauptfigur und Perspektivcharakter, doch diese Modelle sind so theoretisch und dröge, dass man die einzelnen Begriffe selbst bei der Interpretation klassischer Romane oft nicht sauber voneinander abgrenzen kann. Umso schwerer wäre es, ein solches Modell auf seine eigenen Geschichten anzuwenden.

Ich vertrete die Auffassung, dass Modelle die Realität vereinfachen und greifbarer machen sollen, statt sie zu komplizieren. Meiner Meinung nach sollte man daher lediglich zwischen Protagonist und Hauptfigur unterscheiden.

Vereinfacht ausgedrückt ist der Protagonist derjenige, dessen Kampf wir verfolgen. Er trägt den zentralen Konflikt des Romans aus und er ist derjenige, dem der Leser die Daumen drückt, dass er es schaffen wird.

Die Hauptfigur (oft auch als Perspektivcharakter bezeichnet) ist hingegen derjenige, aus dessen Perspektive wir die Handlung miterleben.

Bei den meisten Romanen handelt es sich bei Protagonist und Hauptfigur um ein und dieselbe Person, doch manchmal kann es sinnvoll sein, beide Funktionen voneinander zu trennen.

Eines der häufigsten Argumente für eine Trennung zwischen Protagonist und Perspektivcharakter ist, dass der Leser sich nur schwer mit dem eigentlichen Protagonisten identifizieren kann.

Das wohl bekannteste Beispiel aus der Literaturgeschichte ist das Team aus Dr. Watson und Sherlock Holmes. Holmes ist genial, aber zugleich so exzentrisch, dass kaum ein Leser sich wirklich in die Figur des Sherlock Holmes hinein versetzen könnte.

Das fällt beim vergleichsweise bodenständigen und normalen Dr. Watson wesentlich einfacher. Dies ist wohl auch der Grund, warum Sir Arthur Conan Doyle fast alle Abenteuer von Sherlock Holmes aus der Perspektive von Dr. Watson schrieb.

Watson erlebt die Ermittlungen des genialen Detektivs hautnah mit und unterstützt ihn dabei nach besten Kräften. Zugleich kann er Holmes die Fragen stellen, die auch dem Leser auf der Zunge brennen und so Details und Schlussfolgerungen zutage fördern, die für einen Sherlock Holmes so selbstverständlich sind, dass er sie nicht einmal erwähnen würde.

Je weiter Ihr Protagonist also von einem „normalen Menschen“ entfernt ist, desto mehr können Sie (und Ihr Roman) davon profitieren, wenn Sie ihm als Perspektivcharakter jemanden zur Seite stellen, mit dem sich der Leser besser identifizieren kann.

In der Praxis gibt es hierbei allerdings eine gefährliche Falle zu beachten: Ihr Perspektivcharakter darf nicht nur ein stiller, passiver Beobachter sein. Wenn Sie Protagonist und Perspektivcharakter aufteilen, muss Ihr Perspektivcharakter nicht nur den Protagonisten aktiv unterstützen (und damit an der Auflösung des zentralen Konflikts mitarbeiten), sondern er braucht zusätzlich auch einen eigenen Handlungsstrang.

Bei einem solchen „Duo“ liegt die Veränderung oft eher beim Perspektivcharakter als beim eigentlichen Protagonisten.

Das kann sogar so weit führen, dass der Protagonist im Gegensatz zum Perspektivcharakter nicht überlebt – ein Aspekt, der eine Geschichte noch einmal deutlich spannender machen kann.

Bei den meisten Romanen ist es so, dass der Protagonist am Ende siegt. Romane, in denen der Protagonist am Ende stirbt, sind relativ selten – Leser lieben nunmal ein Happy End und wollen den Helden siegen sehen, mit dem sie die letzten paar hundert Seiten mitgefiebert haben. Und wenn dann der Roman auch noch aus der Ich-Perspektive erzählt wird, kann der Leser sich ziemlich sicher sein, dass der Protagonist überlebt – denn wie sollte er sonst von den Geschehnissen erzählen können?

Wenn Protagonist und Perspektivcharakter jedoch nicht identisch sind, liegt der Tod des Protagonisten durchaus im Rahmen des Möglichen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Roman „Einer flog übers Kuckucksnest“ von Ken Kesey: Der Protagonist des Romans ist McMurphy (im gleichnamigen Film gespielt von Jack Nicholson), während der Roman selbst aus der Perspektive von ‚Chief‘ Bromden erzählt wird. Am Ende des Romans stirbt McMurphy, doch Bromden gelingt die Flucht aus der Anstalt.

Geschichten in dieser Art haben eine große Bandbreite. So könnte in einem Kriegsabenteuer der Protagonist ein harter, abgebrühter und zynischer Einzelkämpfer sein, der tief im Feindesland den Anführer der feindlichen Armee ausschalten soll.

Um der Handlung mehr Tiefe zu verleihen und sie nicht in ein pures Action-Abenteuer abdriften zu lassen, stellen wir ihm einen jungen, unerfahrenen Soldaten zur Seite, aus dessen Perspektive wir die gesamte Handlung schildern. Dieser könnte der letzte Überlebende eines Trupps sein, der nach einer verlorenen Schlacht hinter den feindlichen Linien auf den Einzelkämpfer stößt und sich ihm anschließt.

Im Verlauf der Handlung kann der junge Soldat über sich selbst hinauswachsen, seine Ängste überwinden und schließlich, als der eigentliche Protagonist kurz vor der Erfüllung der Mission schwer oder gar tödlich verwundet wird, die alles entscheidende Mission im Alleingang zu Ende führen.

Der Protagonist dieser Handlung (also der Einzelkämpfer) sollte hier nicht mit einem Mentor verwechselt werden. Während der Mentor den Protagonisten nur anleitet und ausbildet, ist es hier eigentlich die Mission des Einzelkämpfers, nicht die des jungen Soldaten.

Dadurch, dass wir so von Anfang an einen aktiv handelnden, starken Protagonisten haben, kann das langsame Wachstum des Perspektivcharakters bis zu dem Punkt, an dem er über seinen eigenen Schatten springen und in die Fußstapfen des Protagonisten treten muss, für die notwendige Abwechslung im Tempo des Romans sorgen.

Haben Sie auch die eine oder andere Romanidee in Ihrem Ideenarchiv, die einfach nicht so richtig „abheben“ will, weil Ihr Protagonist einfach nicht als Identifikationsfigur geeignet ist? Versuchen Sie es selbst einmal und stellen Sie ihm einen sympathischen Partner zur Seite, aus dessen Perspektive Sie die gemeinsamen Abenteuer schildern. Der Unterschied ist größer, als Sie vielleicht auf den ersten Blick denken.


Tipp: Abonnieren Sie den kostenlosen WritersWorkshop Autorennewsletter und erhalten Sie alle neuen Beiträge direkt am Erscheinungstag ganz bequem per Mail.

Weniger ist mehr: Wie ein Wochenfokus Ihre Produktivität beim Schreiben steigert

Ein großes Paradoxon der Produktivität beim Schreiben ist, dass man umso weniger geschafft bekommt, je mehr man sich vornimmt. „Mehr“ ist in diesem Fall nicht vom Pensum her zu sehen, sondern von der Anzahl unterschiedlicher Dinge.

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich neige immer dazu, mir viel zu viel vorzunehmen. Es gibt so viele Projekte, die man gerne umsetzen möchte. Das reicht von kleine Dingen wie einem Blogpost oder einem Artikel für den WritersWorkshop Autorennewsletter über mittelgroße wie eine Kurzgeschichte bis hin zu richtig großen Projekten wie einem Sachbuch oder einem Roman. So viele verlockende Ideen, dass man sich gar nicht entscheiden kann (und auch nicht entscheiden möchte), was davon man tatsächlich in Angriff nehmen und was man doch besser auf später verschieben sollte.

Und dann sind da natürlich noch die Dinge, die einfach gemacht werden müssen, obwohl sie einem wesentlich weniger Spaß als das eigentliche Schreiben machen. Änderungen an der Homepage oder dem Blog, Buchcover entwerfen und natürlich diverse Marketing-Aktivitäten. Schließlich ist Schreiben zwar schön, aber ohne Marketing verkaufen sich auch die besten Bücher nicht.

Also nimmt man sich von den lästigen Aufgaben nicht zu viele vor und verteilt den Rest der zur Verfügung stehenden Schreibzeit auf zwei bis drei Projekte, die momentan besonders hoch in der eigenen Gunst stehen. Vielleicht ein neuer Blogpost, ein paar Seiten für das neue Sachbuch und ein wenig für die nächste Kurzgeschichte planen. Ein so zusammengestellter Wochenplan hat ein bisschen was von einem Abendessen am Büffet: von allem etwas, damit man nicht das Gefühl hat, auf etwas verzichten zu müssen.

Doch genau wie beim Büffet nicht alles zusammen passt und manche verwegene Kombination am nächsten Morgen für Magendrücken sorgt, kann einem auch ein solcher Wochenplan schwer wie ein Backstein im Magen liegen.

Je mehr unterschiedliche Dinge man sich für die Woche vorgenommen hat, desto mehr bremst man sich selbst aus. Wenn man sich morgens ans Schreiben setzt, steht man vor der leidigen Entscheidung, womit man denn nun anfangen soll. Erst mal der Blogpost? Aber eigentlich hätte ich viel mehr Lust, an der Kurzgeschichte zu arbeiten. Nach ein paar halbherzigen Versuchen, einen guten Blogpost aus dem Boden zu stampfen, gibt man der Versuchung nach und widmet sich der Kurzgeschichte. Doch irgendwie wollen einem die Ideen nicht richtig kommen. Vielleicht liegt es an der rasch näher rückenden Deadline für das Sachbuch? Also wird die Kurzgeschichte beiseite gelegt und man macht sich ans Sachbuch, während im Hintergrund der Blogpost und die Kurzgeschichte ungeduldig mit den Füßen scharren und auf ihre Chance warten. Ganz zu schweigen von den lästigen Marketing-Aufgaben, vor denen man sich bisher auch gedrückt hat.

Und ehe man sich versieht, ist die Zeit, die man sich mühsam zum Schreiben freigeschaufelt hatte, fast um und man muss ernüchtert, frustriert und schlecht gelaunt erkennen, dass man nichts Greifbares als Gegenwert für die verlorene Zeit vorzuweisen hat – nur geistiges Chaos. Die Erkenntnis, dass die Zeit verstrichen ist und man keinen Schritt weiter als vorher ist, frustriert einen und sorgt für Stress und Kopfschmerzen. Die Laune sinkt in den Keller – und, glauben Sie mir: das ist nicht die beste Ausgangssituation für den nächsten Tag.

Rezeptfreies Gegenmittel: der Wochenfokus

Ganz anders sieht die Sache aus, wenn Sie sich für jede Woche einen Schwerpunkt vornehmen: einen Wochenfokus. Eine Sache, um die Sie sich in dieser Woche mit Vorrang kümmern. Ein Ziel, auf das Sie sich konzentrieren und bei dem Sie in dieser Woche so weit wie möglich voran kommen wollen.

Diese Konzentration auf ein einziges Ziel wirkt auf den ersten Blick wie ein schmerzlicher Verzicht auf all die anderen Dinge, die man gerne machen würde, doch manchmal ist weniger tatsächlich mehr – und dies ist einer dieser Fälle.

Um sich für den richtigen Wochenfokus zu entscheiden, überlegen Sie, welches Ihrer möglichen Projekte zuerst fällig ist. Wenn Sie beispielsweise bis Samstag Ihren nächsten Blogpost online haben müssen, die Deadline für Ihr Buch hingegen noch ein paar Monate entfernt ist, ist der perfekte Wochenfokus Ihr Blog.

Sie könnten jetzt natürlich den Fokus auf Ihr Blog legen, bis Sie Ihren nächsten Blogpost geschrieben, überarbeitet und vorterminiert haben, und anschließend den Rest der Woche an Ihrem Roman oder Sachbuch arbeiten. Doch dann haben Sie in der nächsten Woche wieder dasselbe Problem.

Solange Sie also in dieser Woche nicht zwingend noch etwas anderes erledigen müssen, sollten Sie lieber die gesamte Woche dafür einplanen, sich einen Puffer von Blogposts für die nächsten Wochen aufzubauen. Nutzen Sie diese Woche, um möglichst viele Ideen für weitere Blogposts zu sammeln und zumindest eine Handvoll Blogposts fertigzustellen und vorzuterminieren. Das verschafft Ihnen ein paar Wochen Luft, in denen Sie sich um Ihre anderen Projekte kümmern können, ohne einen Gedanken an Ihr Blog verschwenden zu müssen.

Wochenplanung mit dem Wochenfokus

Wenn Sie Ihre nächste Woche planen, sollten Sie nicht nur Ihren Wochenfokus festlegen, sondern auch dieses Projekt wie ein Uhrwerk in seine „beweglichen Teile“ zerlegen. Was könnten Sie in der nächsten Woche alles machen, um dieses Projekt voran zu treiben oder es womöglich sogar schon zum Abschluss zu bringen? Schreiben Sie alles auf, was Ihnen in diesem Zusammenhang in den Sinn kommt.

Im nächsten Schritt markieren Sie die Punkte, die Sie jetzt bereits in Angriff nehmen können und die, wenn Sie diese abhaken können, Ihr Projekt am meisten voran bringen. Im obigen Beispiel mit dem Blog wäre das natürlich alles, was mit Ihrem Blogpost für diese Woche zu tun hat. Egal wie viele tolle Ideen für weitere Blogposts Sie sammeln – das alles ist nichts wert, wenn Sie nicht bis Samstag einen kompletten Blogpost geschrieben und veröffentlicht haben.

Gerade bei großen und komplexen Projekten wie einem ganzen Roman oder Sachbuch haben Sie durch die unterschiedlichen „beweglichen Teile“ Ihres Projekts die Möglichkeit, unterschiedliche Zeiten und Gelegenheiten optimal für Ihr Fokus-Projekt zu nutzen. So kann es sein, dass Sie abends zwar zu müde sind, um noch an der Rohfassung Ihres Buchs weiter zu schreiben, aber durchaus noch Lust haben, am Buchcover zu basteln, den Klappen- bzw. Werbetext vorzubereiten oder noch ein paar fehlende Informationen im Internet zu recherchieren.

Warum ist der Wochenfokus so effektiv?

Die Effektivität der Wochenfokus-Technik kommt daher, dass Sie erstens keine Zeit mit Entscheidungen vergeuden, woran Sie heute und jetzt arbeiten sollten, und zweitens die Anlaufzeiten minimieren. Jedes Mal, wenn Sie auf ein anderes Projekt wechseln, verlieren Sie Zeit, um sich wieder so tief in das Projekt einzuarbeiten, wie Sie vorher „drin“ waren. Eine Viertelstunde ist das Mindeste, was Sie bei jedem Wechsel zwischen Projekten verlieren – oft ist es sogar deutlich mehr. Auf eine Woche hochgerechnet verlieren Sie so schnell mehrere Stunden wertvolle Schreibzeit.

Sie können das ein wenig mit dem Versuch vergleichen, fünf Autos von der Startlinie zum zwei Kilometer entfernten Ziel zu fahren. Ständig zwischen mehreren Projekten hin und her zu springen ist wie, in einen Wagen zu steigen, Gas zu geben, hundert Meter zu fahren, anzuhalten, auszusteigen, zur Startlinie zurück zu gehen, in den nächsten Wagen zu steigen und auch diesen hundert Meter weit zu fahren, bevor man wieder anhält und in einen anderen Wagen steigt.

Raten Sie mal, wie lange dieser Fahrer braucht, bis er alle fünf Wagen im Ziel hat – verglichen mit seinem Konkurrenten, der in einen Wagen steigt und diesen mit Vollgas bis zum Ziel fährt, bevor er zur Startlinie zurück läuft und sich den nächsten Wagen schnappt.

Fokus ohne Reue

Denken Sie daran: die Entscheidung gilt nur für eine einzige Woche. Am Ende der Woche können Sie für die nächste Woche eine neue Entscheidung treffen. Wollen Sie die in den letzten Tagen aufgebaute Eigendynamik beibehalten und mit Vollgas am selben Projekt weiter arbeiten, oder jetzt erst mal auf ein anderes Projekt wechseln?

In den ersten Wochen werden Sie sich vielleicht nervös und angespannt fühlen und das Gefühl haben, etwas Wichtiges zu verpassen. Doch bereits nach wenigen fokussierten Wochen werden Sie merken, dass Ihre Produktivität enorm zugenommen hat und dass Sie kein schlechtes Gefühl mehr dabei haben, alle anderen Projekte zumindest für eine Woche auf Eis zu legen.

Glauben Sie mir: ich spreche aus eigener Erfahrung und würde auf das Setzen eines „Wochenfokus“ nicht mehr verzichten wollen. Es beruhigt, vermeidet Stress und sorgt zugleich dafür, dass man besser voran kommt, als man es früher für möglich gehalten hätte.

Der Wochenfokus ist (natürlich auf einem größeren Maßstab) dasselbe wie der Verzicht auf das fälschlicherweise so oft glorifizierte Multitasking, das, wie Untersuchungen erwiesen haben, unsere geistige Leistungsfähigkeit noch mehr herabsetzt als das Rauchen von Haschisch. Setzen Sie auf stressfreie, fokussierte Produktivität – einerseits mit dem klassischen „Singletasking“, bei dem Sie sich zu jedem Zeitpunkt nur auf eine Aufgabe konzentrieren, und andererseits mit dem „Wochenfokus“.

Ein As im Ärmel: das „Priorität B“-Projekt

Natürlich ist es in der Praxis leider nicht immer möglich, sich eine komplette Woche lang ausschließlich auf ein einziges Projekt zu konzentrieren. Generell kann man dabei drei unterschiedliche Fälle unterscheiden:

  1. Das Wochenfokus-Projekt ist entweder so klein oder bereits so weit fortgeschritten, dass man es im Laufe der Woche komplett abschließen kann. Da man den Rest der Woche natürlich nicht einfach ungenutzt verstreichen lassen will, braucht man ein „Priorität B“-Projekt, das nach dem Abschluss des Wochenfokus-Projekts für den Rest der Woche nachrückt.
    Historisches Beispiel: Der Schriftsteller Anthony Trollope (einer der produktivsten Autoren der Geschichte) war dafür bekannt, dass er, sobald er das Wort „ENDE“ unter die letzte Seite seines aktuellen Romans geschrieben hatte, direkt ein neues Blatt in seine Schreibmaschine spannte und, ohne eine Pause zu machen, direkt mit dem ersten Kapitel des nächsten Romans begann.
  2. Man steht zeitlich so mit dem Rücken zur Wand, dass man in der laufenden Woche bei zwei Projekten zumindest einen wichtigen Meilenstein erreichen muss. In diesem Fall sollte man abwägen, bei welchem der beiden Projekte man den Meilenstein am schnellsten erreichen kann. Dieses Projekt nimmt man zuerst in Angriff und wechselt, sobald man den Meilenstein erreicht hat, für den Rest der Woche auf das andere Projekt.
    Das möglichst schnelle Abhaken des ersten Meilensteins nimmt den Druck aus der Woche und sorgt dafür, dass man sich den Rest der Woche ausschließlich auf das zweite Projekt konzentrieren kann.
  3. Je nachdem, in welcher Phase sich ein Projekt befindet und wie viele (oder eher: wie wenige) „bewegliche Teile“ das Projekt momentan hat, kann man nicht unbedingt jede sich auftuende Zeitlücke produktiv für dieses Projekt nutzen. Für die Gelegenheiten, bei denen Sie absolut nichts (oder zumindest nichts Sinnvolles) an Ihrem Wochenfokus-Projekt arbeiten können, sollten Sie ebenfalls ein „Priorität B“-Projekt in der Hinterhand halten, auf das Sie dann umschwenken können. Natürlich versteht es sich von selbst, dass Sie direkt wieder zu Ihrem Wochenfokus-Projekt zurück wechseln, sobald sich wieder die Gelegenheit bietet, daran aktiv weiter zu arbeiten.

Probieren Sie es einfach mal ein paar Wochen lang aus. Es würde mich sehr wundern, wenn Sie anschließend wieder zum munteren Hin- und Herspringen zwischen mehreren Projekten zurückkehren würden.


Tipp: Abonnieren Sie den kostenlosen WritersWorkshop Autorennewsletter und erhalten Sie alle neuen Beiträge direkt am Erscheinungstag ganz bequem per Mail.

Thought Plan: praktisches Online-Planungstool für Schriftsteller

Vor einigen Wochen bin ich über Twitter auf ThoughtPlan gestoßen, ein praktisches neues Online-Planungstool vom deutschen Entwickler Maximilian Schmitt, das gerade für Schriftsteller sehr empfehlenswert ist.

Dass es sich bei ThoughtPlan um eine deutsche Entwicklung handelt, sieht man dem Programm und der Webseite nicht auf Anhieb an, da alles komplett in Englisch gehalten ist. Aber da der Textanteil der Benutzeroberfläche nur minimal ist, kann man hiermit gut leben.

Wenn man die programmspezifischen Begriffe wie ThoughtPlan (also der „Gedankenplan“) und die darin enthaltenen „Gedanken“ einmal außen vor lässt, handelt es sich bei ThoughtPlan schlicht und einfach um einen webbasierten Outliner mit Markdown-Funktionalität.

Jeder „Gedankenplan“ ist nichts anderes als ein Ordner, den man für ein bestimmtes Projekt anlegt. Innerhalb dieses Ordners kann man dann beliebig viele „Gedanken“ (also einzelne Texte) anlegen, die man jederzeit per Drag&Drop umsortieren und in die optimale Reihenfolge bringen kann.

Die Benutzeroberfläche ist dabei angenehm minimalistisch und erinnert positiv an Zenware-Schreibprogramme wie WriteMonkey, mit dem ThoughtPlan übrigens wunderbar zusammenarbeitet – aber dazu später mehr…

Wie anfangs erwähnt ist ThoughtPlan gerade für Schriftsteller ein sehr nützliches Tool: Man hat immer etwas in Planung, für das man Ideen sammelt. Das kann ein Roman, eine Kurzgeschichte, ein Blogpost, Notizen für das Redesign der eigenen Autorenhomepage oder ein Marketingplan für das eigene Buch sein.

Mit ThoughtPlan können Sie für jedes dieser Projekte einen eigenen ThoughtPlan anlegen und zu jedem dieser Projekte Ihre Gedanken und Ideen erfassen.

Der große Vorteil von ThoughtPlan ist, dass es als webbasierter Dienst von jedem Internet-Rechner aus verfügbar ist. Sie können also an Ihrem heimischen Desktop-PC, am Laptop oder auch in der Mittagspause im Büro an Ihren Projekten weiterarbeiten, ohne die Daten zwischen den einzelnen Rechnern synchronisieren zu müssen.

Die Bedienung von ThoughtPlan ist zugleich einfach und komfortabel. Wenn man sich anmeldet, ist man zunächst in der Übersicht aller bereits angelegten ThoughtPlans. Per Klick kann man von hier aus einen bestehenden ThoughtPlan aufrufen oder mit dem blauen Button „New ThoughtPlan“ einen neuen Plan anlegen.

Screenshot ThoughtPlan

Jeder ThoughtPlan besteht aus einer beliebigen Anzahl von Textdokumenten.

Screenshot ThoughtPlanNeben jedem Dokument finden sich zwei Symbole: Die Mülltonne dient zum Löschen nicht mehr benötigter / zwischenzeitlich verworfener Ideen. Mit dem Streifensymbol rechts daneben kann man einen Gedanken per Drag & Drop an eine andere Stelle innerhalb des Plans ziehen und seine Gedanken so mit wenigen Mausklicks neu sortieren.

Um eine neue Idee zu erfassen, klickt man einfach in das Feld „New Thought“, gibt den Titel der Idee ein und bestätigt mit Enter.

Screenshot ThoughtPlan

Um einen Text zur Idee zu hinterlegen, wechselt man per Doppelklick auf den Text in die Editoransicht. Hier kann man nun beliebig lange Texte im Markdown-Format hinterlegen.

Über das blaue Stift-/Augensymbol rechts oberhalb des Textes kann man jederzeit zwischen der Editor-Sicht (Stift) und der Markdown-Vorschau (Auge) umschalten, so dass man jederzeit überprüfen kann, wie der fertige Text aussehen wird. Alternativ kann man auch durch Drücken der Escape-Taste aus der Bearbeitung in die Vorschau wechseln.

Das Markdown-Format

Der große Vorteil von ThoughtPlan ist, dass man hier seine Notizen im Markdown-Format hinterlegen kann – dasselbe Format zur Formatierung von Texten, das auch vom Zenware-Schreibprogramm WriteMonkey verwendet wird.

Das komplette Markdown-Format hier zu erläutern, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, zumal es hierzu bereits zahlreiche gute Artikel im Internet gibt. Meine Empfehlung für alle, die sich für das Markdown-Format interessieren, ist der Artikel unter http://www.designbits.de/artikel/text/markdown-eine-kleine-einfuehrung/.

Die Kombination aus ThoughtPlan und WriteMonkey eröffnet einem ganz neue Möglichkeiten: So kann man die Struktur eines Textes erst in ThoughtPlan vorbereiten und dann den Text in WriteMonkey weiter bearbeiten.

Dazu bietet ThoughtPlan die Möglichkeit, einen kompletten ThoughtPlan als ZIP-Datei zu exportieren. Diese ZIP-Datei enthält alle Gedanken eines ThoughtPlans als separate MD-Dateien (Markdown). Die ZIP-Datei kann man dann in ein beliebiges Arbeitsverzeichnis entpacken und die einzelnen Texte mit WriteMonkey weiter bearbeiten.

Um sich die Arbeit zu erleichtern, kann man in Windows den Dateityp .MD standardmäßig WriteMonkey zuordnen, so dass die Texte per Doppelklick ohne Nachfrage direkt mit WriteMonkey geöffnet werden können.

Was kostet ThoughtPlan?

Bisher ist die Registrierung und die Benutzung von ThoughtPlan komplett kostenlos – und das soll nach Aussage des Entwicklers Maximilian Schmitt auch so bleiben.

Möglich wäre lediglich, dass es in Zukunft irgendwann nach dem Freemium-Konzept eine kostenlose Basisversion und eine Bezahlversion mit zusätzlichen Möglichkeiten wie Online-Kooperation (gemeinsames Arbeiten an ThoughtPlans) geben wird. Aber der grundlegende Funktionsumfang von ThoughtPlan, den ich Ihnen hier vorgestellt habe, soll auch in Zukunft kostenlos bleiben.

Fazit:

ThoughtPlan ist ein nützliches Online-Tool, das ich jedem Schriftsteller und Blogger uneingeschränkt empfehlen kann. Gerade wenn man ohnehin in WriteMonkey oder einem anderen Schreibprogramm mit dem Markdown-Format arbeitet, lässt sich ThoughtPlan wunderbar in den eigenen Workflow einbinden.

Ich selbst benutze ThoughtPlan beispielsweise, um Blogposts, Artikel für den WritersWorkshop Autorennewsletter oder neue Buchprojekte zu planen.

Äußerst positiv finde ich auch das Userforum unter http://thoughtplan.uservoice.com, in dem jeder Benutzer von ThoughtPlan neue Feature-Wünsche und Verbesserungsvorschläge einreichen und sich an der Diskussion über bereits vorgeschlagene Features beteiligen kann.

Je mehr User sich für ein bestimmtes neues Feature erwärmen können (und dafür abstimmen), desto weiter rückt dieses in der Liste nach oben und desto wahrscheinlicher ist es, dass es in einer zukünftigen Version von ThoughtPlan umgesetzt werden wird.

Unter https://thoughtplan.com können Sie sich für einen kostenlosen Account registrieren. Probieren Sie es einfach einmal aus. Vielleicht finden Sie es genauso praktisch wie ich.


Tipp: Abonnieren Sie den kostenlosen WritersWorkshop Autorennewsletter und erhalten Sie alle neuen Beiträge direkt am Erscheinungstag ganz bequem per Mail.

Jahresplanung gegen Katzenjammer

Zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Artikel schreibe, hat vor wenigen Tagen das neue Jahr angefangen – traditionell die Zeit, zu der die an Silvester gefassten guten Vorsätze noch frisch sind und man hofft, dass man in diesem Jahr endlich mal zu allem kommt, was man sich vorgenommen hat.

Schließlich hat man doch ein ganzes Jahr Zeit, um die ganzen tollen Schreibideen umzusetzen: 52 Wochen mit allein 104 Wochenend-Tagen, je nach Bundesland runden 10 Feiertagen und dann auch noch 30 Tagen Urlaub. Wenn das kein Grund für Optimismus ist – was dann?

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht – aber wenn ich zum Jahreswechsel überlege, welche Buch- und Schreib-Projekte ich im nächsten Jahr in Angriff nehmen könnte, gehen zumindest im ersten Moment vor lauter Enthusiasmus ein wenig die Pferde mit mir durch. Ehe man sich versieht hat man gedanklich das kommende Jahr nicht nur einmal, sondern gleich doppelt und dreifach verplant. Oder um es mit einem Buffet zu vergleichen: die Augen sind größer als der Magen und am Ende hat man sich den Teller wieder mal viel zu voll geladen.

Wenn man es bei einer solchen übertrieben optimistischen (und damit unrealistischen) Wird-Schon-Klappen-Jahresplanung belässt, sind Ernüchterung und Frustration geradezu vorprogrammiert. Der Katzenjammer folgt spätestens nach den ersten paar Monaten, wenn man merkt, dass man sogar jetzt schon gnadenlos hinter Plan liegt.

Die Ursache für solche Planungsfehler ist in fast allen Fällen eine Kombination aus zwei Fehleinschätzungen, die auf sehr unangenehme Art und Weise Hand in Hand arbeiten:

  1. Man schätzt die Zeit, die einem zum Schreiben zur Verfügung steht, grundsätzlich zu hoch ein.
  2. Man schätzt den Zeitaufwand für Schreibprojekte grundsätzlich zu niedrig ein.

Gegen beide Fehleinschätzungen hilft ein Autorenlogbuch: Schreiben Sie regelmäßig auf, von wann bis wann Sie an welchem Schreibprojekt gearbeitet haben. Das kann eine einfache Tabelle sein, die man entweder handschriftlich, am PC oder im Smartphone führt:

  • Datum
  • von
  • bis
  • Dauer (in Stunden)
  • Projekt
  • Bemerkungen

Beispiel: Sa 20.12 | 6:30 – 8:15 | 1,75 Std | WritersWorkshop E-Zine | Artikel Protagonisten

Anhand dieser Aufzeichnungen können Sie schon nach ein paar Wochen eine recht realistische Aussage darüber treffen, wie viel Sie durchschnittlich im Laufe einer Woche tatsächlich zum Schreiben kommen. Das Aufschreiben dieser Zeiten hat zusätzlich auch noch den angenehmen Nebeneffekt, dass es einen motiviert, noch mehr Zeit zum Schreiben zu finden – denn schließlich will man ja am Ende der Woche etwas vorzuweisen haben.

Sobald Sie Ihr Autorenlogbuch etwas länger führen, können Sie außerdem auch noch recht gut auswerten, wie lange Sie beispielsweise für einen durchschnittlichen Blogpost, eine Kurzgeschichte oder eine Novelle brauchen – oder wie viele Stunden pro Woche für diverse Nebentätigkeiten wie Buchmarketing und Social Media drauf gehen.

Mit diesen Zahlen bewaffnet können Sie sich daran machen, für das kommende Jahr (oder die restlichen Monate des aktuellen Jahres) eine realistische Planung aufzustellen. Das Ergebnis einer solchen Planung liest sich natürlich nicht mehr ganz so beeindruckend, wie man das gerne hätte – aber bekanntlich ist der Spatz in der Hand immer noch besser als die Taube auf dem Dach.

Eine solche Planung hat auch noch einen weiteren Vorteil: Dadurch, dass man sich bewusst für ganz bestimmte Projekte entschieden hat, weiß man zugleich, dass man zu allen anderen Ideen „nein“ sagen bzw. diese auf einen späteren Zeitpunkt verschieben muss.

Und was haben Sie sich für dieses Jahr vorgenommen?


Kanban für Schriftsteller: mehr Produktivität mit Trello

Kennen Sie Kanban? Wenn Sie jetzt an die japanische Automobilindustrie denken, liegen Sie erstmal gar nicht so falsch. Denn Kanban (vom japanischen kan = Signal und ban = Karte, also „Signalkarte“) ist eine Technik, die ursprünglich in der Fertigung des japanischen Automobilherstellers Toyota eingeführt wurde.

Doch Kanban hat längst die Grenzen der Materialsteuerung in der Fertigung hinter sich gelassen. Als Kanban in der Software-Entwicklung eingeführt wurde (die in mancherlei Hinsicht gar nicht zu unterschiedlich zum Schreiben von Büchern ist), behielt man vom ursprünglichen Kanban fast nur noch den Namen bei.

Kanban in der Software-Entwicklung besteht aus einer Kanban-Tafel mit mehreren Spalten und farbigen Kanban-Karten mit Aufgaben, die sich von links nach rechts durch diese Spalten vorarbeiteten. So kann der Projektleiter jederzeit sehen, welche Abteilung/Gruppe gerade was in Bearbeitung hat, wo es sich staut und wo es eventuell nicht voran geht, weil vorhergehende Abteilungen noch nicht mit ihrer Arbeit fertig sind.

Den größten Vorschub erfuhr Kanban allerdings durch Jim Benson, der mit seinem „Personal Kanban“ die Kanban-Prinzipien aus der Software-Entwicklung für jedermann nutzbar machte.

Personal Kanban als besserer Ersatz für die ToDo-Liste

Bei Bensons „Personal Kanban“ hatte eine Kanban-Tafel in der Minimalkonfiguration nur noch drei Spalten: „zu erledigen“, „in Arbeit“ und „erledigt“. Neue Aufgaben starten in der Spalte „zu erledigen“, werden dann eine nach der anderen in „in Arbeit“ übernommen und nach ihrer Erledigung in die letzte Spalte „erledigt“ verschoben. Diese wird dann wiederum von Zeit zu Zeit bereinigt und die dort angekommenen Aufgabenkarten entsorgt.

Der Vorteil des „Personal Kanban“ gegenüber einer klassischen ToDo-Liste ist, dass der Arbeitsaufwand visualisiert wird und damit auch die Grenzen dessen deutlicher werden, was man sich aufbürden kann. Während möglichst immer nur eine Karte gleichzeitig „in Arbeit“ sein sollte, kann man die „zu erledigen“-Spalte seiner Kanban-Tafel so breit und hoch (oder so schmal und flach) gestalten, wie es für einen selbst sinnvoll ist: Wer Tag für Tag viele kleine Aufgaben zu bearbeiten hat, kann vielleicht mit 20-30 Karten in seiner „zu erledigen“-Spalte leben, doch wenn es sich um größere Aufgaben handelt, von denen jede zwischen ein paar Stunden und mehreren Tagen dauert, wird man die maximale Anzahl der Aufgaben kleiner halten wollen.
Kanban-Board

Personal Kanban für Blogger und Schriftsteller

Dieses Prinzip – wenngleich etwas komplexer – lässt sich wunderbar auch aufs Schreiben von Büchern oder aufs Bloggen übertragen.

Wenn Sie den Artikelnachschub für Ihr Blog über eine Kanban-Tafel steuern wollen, könnte diese folgende Spalten haben:

1) Ideen für Blogposts
2) Planung/Recherche
3) Schreiben
4) Überarbeitung
5) Veröffentlichung

Dabei können Sie die Spalten 2-5 jeweils noch in „aktiv“ und „erledigt“ splitten. Damit hätte Ihre Tafel dann neun Spalten:

1) Ideen für Blogposts
2) planen / recherchieren
3) vorbereitet
4) schreiben
5) fertig geschrieben
6) in Überarbeitung
7) überarbeitet
8) veröffentlichen
9) veröffentlicht

Von diesen acht Spalten sind nur die Spalten 2, 4 , 6 und 8, die ich in der Liste fett markiert habe, „aktive“ Spalten. Die anderen fünf Spalten sind Puffer-Spalten – sozusagen ein Abstellgleis.

Wenn Sie nun eine neue Idee für einen Blogpost haben, notieren Sie diese auf eine Karte, die in die Spalte „Ideen für Blogposts“ kommt. Sobald Sie eine dieser Ideen in Angriff nehmen, durchläuft diese der Reihe nach die Spalten 2-9. Nach jeder „aktiven“ Spalte (planen/recherchieren, schreiben, überarbeiten und veröffentlichen) kommt eine „Pufferspalte“ in der die Karten gesammelt werden, die bereit für den nächsten Schritt sind.

Auch hier greift das Kanban-Prinzip, nach dem man sich holt, was man braucht, und Vorräte auffüllt, die zur Neige gehen: Wenn Sie nächsten Samstag einen neuen Blogpost veröffentlichen wollen, nehmen Sie einen aus der Spalte 7 („überarbeitet“), planen ihn in Ihrem Blog ein (aktive Spalte 8) und verschieben ihn in die Endstation („veröffentlicht“).

Wenn Sie nun feststellen, dass die für die nächste Woche keinen weiteren Blogpost mehr in der Spalte „überarbeitet“ haben, holen Sie sich einen der bereits fertig geschriebenen, aber noch nicht überarbeiteten Blogposts aus Spalte 5 und gehen als nächstes daran, diesen zu überarbeiten.

Der Vorteil einer solchen Kanban-Tafel ist, dass Sie auf einen Blick sehen, woran Sie vorrangig arbeiten sollten. Wenn Ihnen in einer „Pufferspalte“ der Vorrat auszugehen droht, sollten Sie diesen erst einmal aufstocken. Da dies natürlich den Bestand der davorliegenden Pufferspalte reduziert, gibt das manchmal eine Kettenreaktion bzw. einen Domino-Effekt.

Sie sind jedoch mit dieser Methode immer auf der sicheren Seite und können bei Bedarf jederzeit einen neuen, fertigen Blogpost aus dem Ärmel schütteln.

Ich verwende eine solche Kanban-Tafel auch für das WritersWorkshop E-Zine. Hier kommt noch eine weitere Feinheit zum Tragen, die ich bisher nicht erwähnt hatte: die Abwechslung. Da ich im E-Zine verschiedene Themenbereiche (Schreiben von Romanen, Buchmarkt und Buchmarketing, Software für Schriftsteller etc.) habe, verwende ich für diese Kategorien unterschiedlichfarbige Kanban-Karten. Auch das verbessert die Übersichtlichkeit – denn schließlich wäre es nicht sehr ausgewogen, wenn ich für die nächste Ausgabe des E-Zines zwar drei Software-Tipps, aber keinen einzigen Artikel übers kreative Schreiben oder das Buchmarketing hätte.

Wenn auch Sie in Ihrem Blog unterschiedliche Schwerpunkte behandeln, die Sie möglichst ausgewogen präsentieren wollen, können Sie sich auch eine solche Farbcodierung zunutze machen.

Kanban für Buchautoren

Doch das Kanban-Prinzip lässt sich beileibe nicht nur für Blogger anwenden, sondern auch für Buchautoren. Natürlich kann man das System nicht einfach 1:1 übertragen – eine Karte pro Buch wäre weder hilfreich noch übersichtlich, zumal die meisten Autoren nur 1-2 Buchprojekte gleichzeitig in Arbeit haben.

Stattdessen legen Sie für jedes Buchprojekt eine separate Kanban-Tafel an.

Jede Szene (oder jeder Abschnitt, wenn Sie Sachbücher schreiben) bekommt eine eigene Karte. Um vor lauter einzelnen Karten nicht die Struktur Ihres Buchs aus den Augen zu verlieren, können Sie auf jeder Karte die laufende Nummer der jeweiligen Szene bzw. des Abschnitts anbringen. So können Sie diese in jeder Puffer-Spalte in der richtigen Reihenfolge sortieren und/oder gruppieren.

Die Spalten der Kanban-Tafel sind ähnlich wie die für Blogger:

1) Idee
2) planen / recherchieren
3) vorbereitet
4) schreiben
5) fertig geschrieben
6) in Überarbeitung
7) überarbeitet

Je nachdem, mit wie vielen Revisionsdurchläufen Sie arbeiten, können natürlich noch weitere Spalten dazu kommen. Die letzte Spalte enthält dabei die Szenen/Abschnitte, die bereits so gut überarbeitet sind, dass sie als veröffentlichungsreif gelten können.

Mit der Kanban-Tafel sehen Sie jederzeit auf einen Blick, wie weit Sie bereits mit Ihrem Buchprojekt vorangekommen sind und wie viel Arbeit bis zum kompletten, veröffentlichungsreifen Manuskript noch vor Ihnen liegt.

Die wahren Vorteile des Kanban-Systems lernt man aber erst während der praktischen Anwendung so richtig zu schätzen:

  1. Mit der Kanban-Tafel müssen Sie Ihr Buch nicht chronologisch schreiben oder von Seite 1-X überarbeiten, sondern können nach Lust, Laune und Tagesform zwischen den einzelnen Szenen bzw. Abschnitten hin und her springen. Eine Gefahr gibt es hierbei natürlich: Wenn Sie Ihr Buch nicht in der Reihenfolge schreiben bzw. überarbeiten, in der es später gelesen wird, müssen Sie am Ende noch einmal das komplette Manuskript von A-Z durchgehen, um sicherzustellen, dass die Reihenfolge stimmt und dass die Übergänge zwischen den Szenen / Absätzen fließend und nicht abgehackt sind.
  2. Man ist nicht zu jeder Tageszeit gleichermaßen produktiv. Ich schreibe gerne morgens, wenn ich noch geistig frisch und gut erholt bin. Planung und Recherche erledige ich am liebsten am späten Nachmittag, während ich mich abends in erster Linie mit der Überarbeitung von Manuskripten beschäftige.

Egal, ob ich zu einem bestimmten Zeitpunkt am liebsten etwas schreiben, planen oder überarbeiten möchte – durch die Kanban-Tafel kann ich mir auf einen Blick das passende Kapitel meines aktuellen Buchprojekts herauspicken.

Kanban – besser mit Papier und Stift oder am PC?

Auch wenn das ursprüngliche System auf ein Whiteboard oder eine Pinwand ausgelegt ist, gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Kanban-Lösungen für PCs und mobile Geräte (also Tablets und Smartphones).

Gerade wenn man als Autor eine separate Kanban-Tafel für jedes Buchprojekt anlegen will, ist schon aus Platzgründen eine PC-Lösung einfacher und komfortabler, als mehrere Whiteboards / Pinwände aufzuhängen.

Die meisten Kanban-Softwarelösungen sind cloudbasiert, laufen also nur online im Browser oder als App. Das liegt einerseits daran, dass die Programme oft auf die Bedürfnisse von Firmen für teambasiertes Arbeiten ausgelegt sind und außerdem, sobald man mehr als die Minimalkonfiguration nutzen will, monatliche Nutzungsgebühren fällig werden. Reine desktopbasierte Kanban-Systeme gibt es kaum.

Mein absoluter Favorit unter den Kanban-Systemen ist Trello. Der große Vorteil von Trello ist, dass es dauerhaft kostenlos ist – und das nicht nur in einer stark abgespeckten MInimalkonfiguration, sondern mit dem vollen Funktionsumfang:

  • beliebig viele Kanban-Tafeln, die man sogar in Gruppen organisieren kann
  • die Spalten der Kanban-Tafeln lassen sich beliebig anpassen und ausbauen
  • beliebig viele Kanban-Karten in unterschiedlichen Farben
  • Kanban-Karten können Texte, Bilder, Checklisten, Hyperlinks und sogar Dateianhänge enthalten

Es gibt zwar einen „Bezahltarif“, doch dessen Features wie mehr Hintergrundgrafiken oder besonders große Dateianhänge braucht man nicht wirklich – und schon gar nicht für unsere Zwecke.

Ein weiterer großer Vorteil von Trello ist, dass es auch sehr gute Trello-Apps für Android und iOS gibt. Sie könen also auch vom Tablet und sogar vom Smartphone aus auf Ihre online gespeicherten Kanban-Tafeln zugreifen und diese bearbeiten.

Probieren Sie es einfach einmal aus. Vielleicht finden Sie Trello und den Kanban-Ansatz ja genauso praktisch wie ich.


Tipp: Abonnieren Sie den kostenlosen WritersWorkshop Autorennewsletter und erhalten Sie alle neuen Beiträge direkt am Erscheinungstag ganz bequem per Mail.

Cui bono? Wie Sie mit nur einer Frage eine simple Grundidee zu einer komplexen Romanhandlung ausbauen

Auf eine Idee für eine Romanhandlung zu kommen, ist recht einfach: Man braucht nur einen Protagonisten, der etwas will, das er nicht ohne weiteres erreichen kann (da ihm z.B. der Antagonist dabei im Wege steht) – oder einen Antagonisten, dessen Plan die Welt des Protagonisten aus dem Gleichgewicht bringt und den der Protagonist daher aufhalten muss.

Doch damit hat man leider noch lange nicht genug Material, um einen kompletten Roman zu schreiben. Die Handlung ist damit immer noch zu rudimentär, zu gradlinig und zu leicht durchschaubar. Für einen kompletten Roman (wie z.B. ein NaNoWriMo-Projekt) braucht man mehr Komplikationen, mehr Vielschichtigkeit und zusätzliche Konflikte, damit einem nicht spätestens auf halbem Wege der Stoff ausgeht und die Spannung im Sande versickert.

Egal wie erbittert und kreativ sich Protagonist und Antagonist wieder und wieder bekämpfen, austricksen und sich gegenseitig in die Suppe spucken – auf Dauer wird das langweilig. Spannung ist nicht ein Tauziehen zwischen Gut und Böse, bei dem abwechselnd mal der eine und mal der andere vorne zu liegen scheint.

Wahre Spannung kommt auf, wenn weitere Personen mit eigenen Motiven aktiv in die Handlung eingreifen – egal ob sie dem Helden helfen, ihn behindern, ihn in die Irre führen oder in gar offen bekämpfen. Je mehr solche Einflussfaktoren es gibt, desto unvorhersehbarer wird die Handlung und desto weniger wird der Leser in der Lage sein, das Buch vor der letzten Seite zur Ende zu legen.

Das klingt nach einer schwierigen Aufgabe, doch in Wahrheit brauchen Sie nur Stift, Papier, ein wenig Zeit – und eine einzige Frage…

Cui bono: Wem nützt es?

In polizeilichen Ermittlungen oder Gerichtsprozessen wird gerne die Frage „Cui bono?“ gestellt – ein lateinischer Ausdruck, der auf den römischen Staatsmann Marcus Tullius Cicero zurückgeht und frei übersetzt bedeutet: „Wem nützt es?“

In der Kriminalistik dient die Cui-Bono-Frage dazu, den Verdächtigen mit dem besten Motiv zu erkennen. Es liegt immer die Vermutung nahe, dass derjenige, der am meisten von einem Verbrechen profitiert, mittelbar oder unmittelbar dafür verantwortlich ist.

Doch da wir für unseren Roman keinen Verdächtigen suchen, sondern weitere vom zentralen Konflikt betroffene Personen oder Gruppierungen, erweitern wir die Frage des alten Cicero noch etwas und fragen „Wem nützt oder schadet es?“

In Ihrem Roman haben Sie üblicherweise zwei miteinander unvereinbare Ziele: das Ihres Protagonisten und das des Antagonisten. Erreicht Ihr Protagonist sein Ziel, hat der Antagonist damit verloren – und umgekehrt. Im zentralen Konflikt Ihres Romans kann es immer nur einen Sieger geben. Faule Kompromisse oder ein simples „unentschieden“ sind nicht möglich.

Doch neben Ihrem Protagonisten und Ihrem Antagonisten gibt es noch eine ganze Reihe anderer Personen, deren Leben vom Ziel Ihres Protagonisten und/oder vom Ziel Ihres Antagonisten auf die eine oder andere Weise beeinflusst wird. Das Ziel unserer Frage ist es, diese Personen zu identifizieren und zu prognostizieren, ob und in welcher Weise sie aktiv in die Handlung eingreifen werden, um ihre eigenen Interessen zu wahren.

Für unsere Zwecke ist es egal, ob es Ihr Protagonist oder Ihr Antagonist ist, der mit seinem Plan den Ball ins Rollen bringt: Will Ihr Protagonist das Verschwinden seines Onkels aufklären, einen besser bezahlten und interessanteren Job finden oder nach Neuseeland auswandern? Will Ihr Antagonist ein Gemälde aus dem Louvre stehlen, seinen reichen Erbonkel vergiften oder mit aus einem Forschungslabor gestohlenen tödlichen Viren die Regierung erpressen?

Jedes dieser Ziele, ob nun „gut“, „böse“ oder neutral, beeinflusst nicht nur das Leben Ihres Protagonisten bzw. Antagonisten, sondern auch das anderer Menschen. Fragen Sie also: „Wem nützt oder schadet es?“, um weitere interessante Facetten der Handlung aufzudecken.

Die Cui-Bono-Frage in der Praxis

Ein Beispiel: Ihr Protagonist will das mysteriöse Verschwinden seines Onkels aufklären.

Wenn der Onkel beispielsweise auf einer Expedition im Amazonas verschollen ist und sein Wissenschaftler-Kollege für die dort gemeinsam gemachten Entdeckungen ein heißer Kandidat für den nächsten Nobelpreis für Biologie ist, tut sich genügend Konfliktpotential auf.

Die schwangere Freundin Ihres Protagonisten wird nicht gerade begeistert sein, wenn er sich in ein so waghalsiges Abenteuer begeben will – ebensowenig wie sein Chef, der keine Lust hat, einem seiner wichtigsten Mitarbeiter einige Wochen bis Monate unbezahlten Urlaub zu gewähren. Ganz zu schweigen vom Kollegen des verschwundenen Onkels, der nicht das geringste Interesse hat, wenn mehr über die mysteriösen Umstände des Verschwindens bekannt wird.

Wenn Sie ein wenig mit der Cui-Bono-Frage herumspielen, finden Sie mit Sicherheit mindestens ein Dutzend mehr oder weniger wichtiger Charaktere, die vom Plan Ihres Protagonisten tangiert werden. Was wäre z.B., wenn der Vater des Protagonisten hoch verschuldet wäre und seine letzte Chance ist, dass der verschollene Onkel für tot erklärt wird, da er im Testament seines kinderlosen und äußerst wohlhabenden Bruders als Alleinerbe eingetragen ist?

Vielleicht würde er anfangs seinen Sohn sogar bei der Suche unterstützen, in der Hoffnung, Beweise für den Tod seines Bruders zu finden und so die Zeit abzukürzen, bis dieser für tot erklärt und sein Testament vollstreckt wird.

Doch was wäre, wenn er einen geheimnisvollen Brief ohne Absender erhält, in dem angedeutet wird, dass sein Bruder noch lebt? Ist Blut wirklich dicker als Wasser? Würde der Vater Ihres Protagonisten nun versuchen, die Suche nach seinem Bruder zu behindern, damit dieser niemals gefunden wird und er zumindest nach fünf Jahren das Erbe kassieren kann? Oder würde er gar jemanden engagieren, der dem Protagonisten hinterher reist und dafür sorgt, dass der Onkel niemals (oder zumindest nicht mehr lebend) gefunden wird?

Sie sehen, wie sich allein durch die Frage „Wem nützt oder schadet das Ziel des Protagonisten oder des Antagonisten noch?“ eine Handlung innerhalb kürzester Zeit von einere relativ simplen Idee zu einer komplexen Geschichte entwickeln kann.

Das funktioniert natürlich ebenso gut mit Zielen eines Antagonisten.

Ein Beispiel: Der Gangsterboss Corelli will mit seinem Drogenkartell an die Ostküste expandieren und darum das dort herrschende Vinci-Syndikat übernehmen oder zerschlagen. Das tangiert nicht nur die Polizei und die Drogenfahndung, sondern auch die von dieser gewaltsamen Übernahme bedrohten Gangster, die nun auf Corellis Abschussliste stehen. Wie heißt es so schön: Der Feind meines Feindes ist mein Freund?

Ihr Protagonist, ein aufrechter Polizist, hat auch noch eine Rechnung mit Corelli offen:  Seine Frau starb vor Jahren bei einem Bombenanschlag, der eigentlicht ihm galt und der ganz klar Corellis Handschrift trägt. Würde Ihr Protagonist sich hinter dem Rücken seiner Kollegen mit dem Syndikatsboss Vinci verbünden, um den Mörder seiner Frau zur Strecke zu bringen? Wie würde er das vor sich selbst rechtfertigen? Und welche Konsequenzen hätte eine solche Entscheidung auf seine Kollegen oder andere laufende Ermittlungen? Die Geister, die man einmal gerufen hat, wird man bekanntlich nur schwer wieder los…

Die Ideen, die durch die Cui-Bono-Fragetechnik ausgelöst werden, machen eine Handlung nicht nur komplexer, sondern auch realistischer. Wir alle leben in komplexen sozialen Strukturen, die einander stark überlappen: Familie, Firma, Verein, Clique, Religion, politische Partei et cetera… Jede dieser Gruppierungen hat eigene Werte und Ziele, die auch für ihre Angehörigen gelten und die durchaus zu einem handfesten Dilemma durch konkurrierende und nicht miteinander vereinbare Ziele führen können.

Wenn Sie erst einmal damit anfangen, eine vermeintlich einfache Ausgangssituation mit der Cui-Bono-Frage zu durchleuchten, breiten sich die Ideen meist wie ein Buschfeuer in alle Richtungen aus. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass man oft kaum schnell genug schreiben kann, um die ganzen Ideen für mögliche Konflikte, Szenen und überraschende Wendungen zu notieren, die einem dabei in den Sinn kommen.

Probieren Sie es einfach selbst einmal aus. Ich bin sicher, dass die Ergebnisse Sie überzeugen werden.


Tipp: Abonnieren Sie den kostenlosen WritersWorkshop Autorennewsletter und erhalten Sie alle neuen Beiträge direkt am Erscheinungstag ganz bequem per Mail.

Serendipität ist erlernbar

Vor kurzer Zeit hatte ich auf Twitter anlässlich eines Schreibtipps eine interessante Diskussion mit verschiedenen Autoren. Es ging dabei um das Thema, ob man, wenn man mit dem Schreiben eines Romans beginnt, bereits das Ende der Handlung kennen sollte, oder ob es nicht doch genügt, lediglich eine Idee für einen interessanten Anfang zu haben.

Bei solchen Diskussionen treffen wieder mal die unterschiedlichen Auffassungen der „Pantser“, oft auch als „Gärtner“ oder „organische Schriftsteller“ bezeichnet, und die der „Outliner“ (auch bekannt als „Architekten“, „Plotter“ oder „Planer“) aufeinander.

Im Gegensatz zu den „Outlinern“, die niemals mit dem Schreiben der Rohfassung beginnen würden, bevor sie nicht eine sehr genaue Vorstellung vom Verlauf und dem Ende ihrer Handlung haben, starten „Pantser“ das Schreiben eines Romans oft lediglich mit einer groben Idee. Sie beginnen mit dem Schreiben, ohne zu diesem Zeitpunkt notwendigerweise bereits das Ende (oder auch nur ein mögliches Ende) Ihrer Romanhandlung zu kennen. Die Inspiration beginnt bei ihnen sehr oft mit einer Variante der Frage „Was wäre, wenn…?“

Bekannte Beispiele für diese Art von Schriftstellern sind die Bestsellerautoren Stephen King und Lee Child, die beide steif und fest behaupten, dass sie ihre Romane niemals im Voraus planen.

Pantser haben gegenüber Outlinern einen entscheidenden Vorteil: Sie können sofort spontan loslegen, ohne vorher eine trockene Planungsphase durchlaufen zu müssen, die sie als lästige und unnötige Zwangsjacke für ihre Kreativität abtun. Sie lassen sich von ihrer Kreativität bzw. ihrem Unterbewusstsein während des Schreibens mit neuen Ideen und Serendipitäten überraschen.

Dafür haben sie gegenüber den Outlinern den Nachteil, dass ihre Rohfassungen oft wesentlich chaotischer und unstrukturierter sind als die der Outliner, die jeden Schritt der Reise schon im Vorfeld sorgfältig geplant hatten. Das Totholz aus offen gebliebenen Enden, niemals aufgegriffenen Hinweisen oder mitten in der Handlung spurlos verschwundenen Charakteren kann den Aufwand für die Überarbeitung eines solchen Manuskripts locker mehr als verdoppeln.

Doch dieses Manko der „Pantser“ lässt sich zumindest teilweise kompensieren, indem man ganz bewusst das Herbeiführen von Serendipitäten trainiert – jenen überraschenden Aha-Momenten, in denen sich scheinbar unzusammenhängende Details nachträglich zu einem wichtigen Handlungselement zusammenfügen. Solche Serendipitäten sind, wenn sie einem gelingen, oft noch besser und für den Leser verblüffender als fast alles, was man als Outliner am virtuellen Reißbrett entwerfen könnte.

Was sind Serendipitäten und wie kann man sie trainieren?

Serendipität ist die Bezeichnung für eine zufällige Entdeckungen, die sich zwar wunderbar ins Bild fügt, nach der man aber eigentlich gar nicht gesucht hatte. Ein gutes Beispiel für Serendipität ist die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus. Eigentlich hatte Kolumbus sich aufgemacht, um einen Seeweg nach Indien zu finden. Was er fand, war Amerika.

Serendipität beim Romanschreiben ist, wenn Sie ganz spontan in einem Ihrer früheren Kapitel eine bestimmte Figur eingebracht haben, weil es Ihnen damals einfach als gute Idee erschien, ohne dass Sie zu diesem Zeitpunkt bereits eine konkrete Idee gehabt hätten, was Sie mit dieser Figur anfangen sollen. Einige Kapitel später liefert Ihr Unterbewusstsein Ihnen plötzlich die Idee, dass diese Person vielleicht einen wichtigen Hinweis haben könnte, da sie sich zu einem gewissen Zeitpunkt an einem ganz bestimmten Ort aufgehalten hatte. Ein schöner Gedankenblitz, den Sie direkt umsetzen – und nachher im fertigen Roman sieht alles für den Leser so aus, als ob Sie das von Anfang an geplant hätten und die Figur nur deshalb anfangs in die Handlung hinein geschrieben hatten.

So etwas ist natürlich Trainingssache. Wenn Sie schon jahrelang schreiben, ohne sich an einen festen Plan zu halten, jongliert Ihr Unterbewusstsein ohnehin im Hintergrund permanant mit den ganzen Bällen, Kegeln, rotierenden Motorsägen und brennenden Hamstern, die Sie ihm beim spontanen Schreiben so nonchalant zuwerfen. Und wenn es die Möglichkeit sieht, einen dieser noch scheinbar nutzlos in der Luft schwebenden Gegenstände wie ein passendes Puzzleteil an einer geeigneten Stelle einzusetzen, liefert es Ihnen den dazu passenden Gedankenblitz.

Diese nützliche Fähigkeit kann man sogar trainieren. So können Sie, wenn Sie beim Schreiben die ganz spontane Idee haben, eine bestimmte Person, einen Gegenstand oder ein bestimmtes Ereignis in die Handlung hinein zu schreiben, parallel dazu eine Karteikarte mit allen Details dazu, die Sie bereits wissen (bzw. die Sie schon auf den Seiten Ihres Romans erwähnt haben) anfertigen und auf einen Stapel „offene Punkte“ legen.

Wichtiger Tipp: Notieren Sie unbedingt (z.B. auf die Rückseite der Karteikarte), in welchem Kapitel bzw. welcher Szene Sie dieses Detail eingebracht haben. Warum, sage ich Ihnen gleich…

Während Sie nun Ihrem Unterbewusstsein weiter diverse Gegenstände zuwerfen, mit denen es jonglieren soll, wächst Ihr Kartenstapel langsam, aber unaufhaltsam. Damit Sie diese Dinge nicht aus den Augen verlieren und am Ende nicht zu viele lose Enden in der Rohfassung Ihres Romans flicken müssen, sollten Sie diesen Karteikartenstapel einmal täglich, idealerweise abends kurz vor dem zu Bett gehen, durchlesen bzw. durcharbeiten.

Fragen Sie sich bei jeder Karte: Basierend auf dem, was ich bis jetzt über die Handlung weiß – was könnte diese Person, dieser Hinweis oder dieser Gegenstand bedeuten?

Oft genug macht es früher oder später „klick“, und Sie wissen auf einmal ganz genau, was diese Information zu bedeuten hat. Der Kugelschreiber mit dem Monogramm auf dem Schreibtisch gehörte dem ermordeten Industriellen und der Penner mit den verdächtig neu aussehenden Schuhen hatte diese der Leiche des verschwundenen Privatdetektivs abgenommen, die niemals gefunden wurde. Heureka!

Oft haben Sie diese Ideen nicht einmal, während Sie Ihre Karten durchsehen, sondern erst am nächsten Morgen oder irgendwann im Laufe des Tages, während Sie gerade irgendeiner langweiligen bzw. geistig anspruchslosen Tätigkeit nachgehen. Autofahren, Bügeln oder Rasen mähen sind dafür ebenso geeignet wie ein entspannendes Wannenbad. Wichtig ist, dass Sie Ihr Unterbewusstsein regelmäßig (also täglich!) abends neu auf die noch offenen Punkte ansetzen und ihm den Auftrag geben, sich einen Reim darauf zu machen. Gerade über Nacht arbeitet Ihr Unterbewusstsein auf Hochtouren, um in Form von Träumen die Erlebnisse des Tages und alles, was Ihnen sonst noch so im Kopf herum geht, zu verarbeiten. Und die Dinge, mit denen Sie sich zuletzt beschäftigt haben (in dem Fall die offenen Punkte Ihrer Romanhandlung) haben eine besonders hohe „Verarbeitungspriorität“.

Dennoch wird es immer Dinge geben, für die auch Ihr Unterbewusstsein keinen passenden Platz findet – oder zumindest keinen, der Ihnen gefällt. Sie sind der Autor und es steht Ihnen frei, jede Idee, die Ihr Unterbewusstsein Ihnen einflüstert, zu verwerfen und es wieder an die Arbeit zu schicken: „Nette Idee, aber passt nicht. Probiers nochmal.“

Wenn Sie Ihren Roman fertig geschrieben haben, werden Sie mit ziemlicher Sicherheit noch einige Karteikarten mit Personen, Details und rätselhaften Ereignissen übrig haben, für die Sie keine Existenzberechtigung und keine logische Erklärung gefunden haben. Diese offenen Enden müssen Sie bei der Überarbeitung Ihres Romans ausmerzen, um Ihre Leser nicht zu verwirren.

Dafür ist es wichtig, dass Sie anfangs, wie von mir vorgeschlagen, auf die Rückseite jeder Karte notiert haben, in welchem Kapitel bzw. welcher Szene Sie diese Details verwendet haben.

So können Sie diese bei der Überarbeitung Ihres Manuskripts mit minimalem Aufwand aufspüren und eliminieren, ohne dafür nochmal den kompletten Roman Seite für Seite durcharbeiten zu müssen.

Wenn Sie sich eher als „Pantser“ als als „Outliner“ betrachten, sollten Sie diese Technik einmal ausprobieren. Ich bin davon überzeugt, dass Sie mit dem Ergebnis äußerst zufrieden sein werden.


Tipp: Abonnieren Sie den kostenlosen WritersWorkshop Autorennewsletter und erhalten Sie alle neuen Beiträge direkt am Erscheinungstag ganz bequem per Mail.

„Enjoy the ride“ oder: Der Weg ist das Ziel

Es ist eine verbreitete Unsitte, sich in Gedanken mehr mit der Zukunft als mit der Gegenwart zu beschäftigen. Während wir unser aktuelles Buch schreiben, beschäftigen wir uns in Gedanken schon mit dem nächsten Projekt – oder zumindest mit dem Coverdesign, dem Videotrailer oder dem Marketing-Plan für das Buch, das wir gerade schreiben. Nichts gegen eine solide Vorplanung – aber man sollte, wie die alte Redensart so schön sagt, das Fell des Bären erst dann verkaufen, wenn man ihn bereits erlegt hat.

Wenn man sich gedanklich bereits zu sehr mit den nächsten Schritten oder gar dem nächsten Projekt beschäftigt, steigert das unsere Ungeduld. Es führt dazu, dass wir nicht mehr schreiben wollen, sondern lieber bereits geschrieben haben wollen.

Beim Schreiben eines Buchs gilt ebenso wie bei allen anderen zeitaufwändigen und langfristigen Projekten: Der Weg ist das Ziel. Wer nicht in der Lage ist, den Weg (also das Hier und Jetzt) zu genießen, sondern stets ein Auge in der Zukunft hat und daher ständig enttäuscht ist, dass das Ziel noch nicht erreicht (bzw. noch nicht einmal in greifbarer Nähe) ist, hat auf lange Sicht erheblich schlechtere Chancen, bis zum erfolgreichen Abschluss des Projekts durchzuhalten, als jemand, der seine Arbeit genießen und als Selbstzweck empfinden kann.

Wer immer nur auf das Ziel starrt, kann den Weg dorthin nicht genießen, sondern empfindet ihn eher als ein lästiges Hindernis auf dem Weg zum ersehnten Ziel. Natürlich ist ein gelegentlicher Blick in Richtung Ziel wichtig, um sicher zu stellen, dass wir uns noch auf dem richtigen Kurs befinden. Aber schneller kommt man dadurch auch nicht an – genauso wenig, wie die Familie auf dem Weg in den Urlaub schneller ankommt, wenn die Kinder nur oft genug quengeln „Sind wir gleich da?“

Es ist wie mit der Geschichte aus dem alten Griechenland, in der ein Wanderer einen Philosophen fragte: „Wie komme ich am schnellsten zum Olymp?“ Der Philosoph lächelte und antwortete: „Indem du sicher stellst, dass jeder deiner Schritte dich in die richtige Richtung führt.“

Genauso ist es mit dem Schreiben. Auch hier gibt es keine Abkürzung zum Ziel, die uns wie ein Wurmloch im Weltraum ohne Zeitverlust direkt ans Ziel führt. Wir können lediglich zusehen, dass wir auf dem Weg zum Ziel – also zum fertigen Buch – keine unnötigen Umwege machen.

Die einzelnen Phasen, von der soliden Planung und Recherche über das Schreiben der Rohfassung bis hin zu den einzelnen Revisions-Durchgängen, können wir nicht abkürzen – jedenfalls nicht, ohne die Qualität des fertigen Buchs dadurch zu gefährden.

Da wir diesen Weg also ohnehin zurücklegen müssen, tun wir gut daran, ihn zumindest zu genießen – und zwar jede der unterschiedlichen Etappen. Natürlich hat jeder Autor seine persönlichen Vorlieben, welche Phasen eines Projekts er am liebsten mag und welche er am liebsten überspringen oder von jemand anders erledigen lassen würde.

Manche Autoren lieben die Planung und das Worldbuilding und können sich geradezu in den Tiefen ihrer virtuellen Romanwelten verlieren, bevor sie auch nur die erste Seite ihres eigentlichen Manuskripts geschrieben haben, während andere diesen Gedanken eher schaurig finden und sich viel lieber Hals über Kopf ins Schreiben einer neuen Idee stürzen möchten, um sich gemeinsam mit ihrem Protagonisten überraschen zu lassen, in welche Richtung sich die Handlung wohl entwickelt. Manche Autoren lieben es, Geschichten zu schreiben und dabei ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen – aber die eher strukturierte, logische Überarbeitung ist ihnen ein Graus. Andere sind froh, wenn sie endlich die lästige Rohfassung fertig geschrieben haben und sich endlich daran machen können, diese wie ein Diamantenschleifer zu bearbeiten und sie nach und nach auf Hochglanz zu polieren.

Am besten ist immer derjenige Autor dran, der jeder Phase der Entstehung seines Romans etwas Positives abgewinnen und diese aufrichtig genießen kann. Wenn einem die Arbeit Spaß macht, fühlt sie sich nicht mehr wie Arbeit an – und als positive Nebenwirkung wird zugleich auch die Qualität der Ergebnisse besser, als wenn man sie als lästige Pflicht betrachtet, die man so schnell wie möglich „abhaken“ möchte.

Beschränken Sie daher Ihren „Blick in die Zukunft“ auf einen gelegentlichen Kursabgleich und heben Sie sich später kommende Arbeitsschritte oder gar völlig neue Projekte für später auf – später, wenn Sie Ihr laufendes Projekt erfolgreich abgeschlossen haben.


Tipp: Abonnieren Sie den kostenlosen WritersWorkshop Autorennewsletter und erhalten Sie alle neuen Beiträge direkt am Erscheinungstag ganz bequem per Mail.

Warum Wordcount nicht alles ist

Wenn es um das Setzen von Zielen und das Messen ihrer persönlichen Produktivität geht, ist es in den letzten Jahren unter Schriftstellern mehr und mehr in Mode zu kommen, alles am Wordcount zu messen – also an der Anzahl der (neuen) Wörter, die man in einem bestimmten Zeitraum geschrieben hat. Die Messgröße „Wordcount“ hat es sogar geschafft, als Anglizismus in unseren alltäglichen Wortschatz einzuziehen, da es hier ebenso wie z.B. für das „Meeting“ im Deutschen kein einzelnes, ebenso prägnantes und allgemeingültig verwendbares Wort gibt.

Dazu haben natürlich auch die Aussagen diverser hauptberuflicher Schriftsteller über ihre persönliche Arbeitsweise beigetragen. Wenn z.B. Stephen King in seinem Buch „Das Leben und das Schreiben“ sagt, dass er jeden Tag 2.000 Wörter schreibt, betrachten viele nebenberufliche oder hobbymäßige Schriftsteller eine solche Aussage wie die Offenbarung eines Propheten. Schließlich funktioniert das bei Stephen King doch blendend und ermöglicht es ihm, routiniert und zuverlässig ein Buch nach dem anderen zu schreiben.

Und auch wenn sie sich aufgrund ihrer knappen Zeit (zu Recht!) nicht zutrauen, Stephen Kings straffe Vorgabe 1:1 zu übernehmen, setzen sie sich dennoch eine herunterskalierte Form von Kings persönlicher Messlatte als Ziel – zum Beispiel 1.000 Wörter pro Tag. Aber ist das wirklich der richtige Weg?

Fakt ist, dass die meisten Schriftsteller ein solches Ziel nicht allzu lange durchhalten. Vielleicht ein paar Wochen, maximal ein paar Monate – dann geht ihnen (Gewohnheit hin oder her) die Puste aus und der eigentlich gut gemeinte Vorsatz geht denselben Weg wie der, sich gesünder zu ernähren oder mehr Sport zu treiben. Jedenfalls bei denen, die neben dem Schreiben auch noch einen Vollzeit-Job, einen Haushalt, eine Familie, Freunde etc. haben.

Natürlich gehört der Wordcount zu den wenigen klar messbaren Größen unter Schriftstellern, Journalisten und Bloggern.

Man kann ohne viel Aufwand ermitteln, wie viele Wörter man z.B. innerhalb der letzten Stunde geschrieben hat. Schließlich hat so ziemlich jedes Textverarbeitungsprogramm eine Funktion wie „Wörter zählen“ oder „Textstatistiken“, die einem auf Knopfdruck die aktuelle Länge des eigenen Manuskripts ausspuckt. Und seit Word 2007 haben auch die Microsoft-Schreibprogramme (ebenso wie Zenware-Schreibprogramme wie WriteMonkey, FocusWriter oder Q10) einen „Live-Wordcount“, der sich automatisch aktualisiert und stets am unteren Bildschirmrand die aktuelle Länge des Manuskripts zeigt, ohne dass man ihn jedes Mal manuell aktualisieren müsste.

Journalisten und Autoren von Fachartikeln werden oft nach Wörtern bezahlt und für die meisten Publikationen von der Kurzgeschichte für eine Anthologie bis hin zum Roman gibt es längenmäßige Vorgaben. Insofern macht es natürlich durchaus Sinn, beim Schreiben den Wordcount des eigenen Manuskripts im Auge zu behalten.

Doch abgesehen davon, dass immer mal etwas dazuwischen kommen kann, das unseren geplanten Schreib-Zeitplan durcheinander würfelt, ist das Problem zu hoher, womöglich täglicher Wordcount-Ziele, dass das „Schreiben“ von Büchern, Kurzgeschichten, Artikeln oder Blogposts nun mal nicht dasselbe ist wie die rein mechanische Tätigkeit des „Schreibens“ am PC oder von Hand.

Das „Schreiben“ im Gegensatz zum „Tippen“ besteht aus kreativen Ideen, Recherche, Planung und Struktur, dem Schreiben der Rohfassung, der inhaltlichen, strukturellen und stilistischen Überarbeitung, der Veröffentlichung und schließlich auch der Vermarktung der eigenen Texte. Ganz zu schweigen von dem administrativen Drumherum.

Das reine Schreiben, das wir anhand unseres Wordcounts messen können, ist also nur ein Puzzlesteinchen im großen Gesamtbild. Zwar ein wichtiges Steinchen, denn ohne zu schreiben können wir niemals unsere Ideen in greifbare Form bringen, und ohne zu schreiben haben wir auch nichts, was wir überarbeiten und letztendlich veröffentlichen können – aber dennoch ist es lediglich ein Teil des Ganzen.

Wer also ausschließlich auf den Wordcount schielt und den größten Teil seiner knappen Schreibzeit dafür verplant, möglichst viele Wörter zu schreiben, ist mit Vollgas auf dem Holzweg in Richtung einer Sackgasse ohne Wendemöglichkeit unterwegs.

Egal, wie viele gute Ideen Sie noch in der Schublade liegen haben und wie gut Sie Ihr aktuelles Buchprojekt vorgeplant haben – früher oder später geht Ihnen der Stoff aus und Sie geraten in den Nebel mangelhafter Planung.

Das Tückische an diesem Nebel ist, dass dieser sich so langsam um Sie zusammen zieht, dass Sie es anfangs kaum merken. Sie sind halt nicht mehr ganz so gut wie sonst vorbereitet und müssen ein bisschen mehr als sonst improvisieren. Aber das ist ja nicht schlimm, denn auch so bekommen Sie immer noch Ihren angepeilten täglichen Wordcount zu Papier. Vielleicht nicht mehr ganz so mühelos wie am Anfang, aber immerhin.

Und während Sie von Tag zu Tag fast unmerklich tiefer in jene Grauzone vordringen, in der die Improvisation einen immer größeren Anteil einnimmt, lässt die Qualität Ihres Outputs langsam nach. Wenn Sie Sachbücher, Artikel oder Blogposts schreiben, sind diese nicht mehr so gut durchdacht, strukturiert und recherchiert wie früher, sondern werden allgemeiner, schwammiger und weniger originell. Romanautoren werden von strategischen Plottern und Outlinern mehr und mehr zu „Pantsern“, die sich ohne Vorplanung durch ihre Romanhandlung tasten, stets in der Hoffnung, irgendwann an einem sinnvollen Ende anzukommen.

Diese Improvisation rächt sich spätestens dann, wenn Sie die Rohfassung Ihres Manuskripts fertig geschrieben haben. Denn als Faustformel können Sie davon ausgehen, dass jede bei der Planung fehlende/eingekürzte Stunde in 2-3 Stunden zusätzlichem Zeitaufwand für die Überarbeitung resultiert. Ohne solide Planung müssen Sie sich bei der Revision nicht mehr nur um Ihren Schreibstil und einzelne Formulierungen kümmern, sondern ganz oben bei Struktur und Inhalt ansetzen. Das kann wiederum dazu führen, dass Sie umfangreiche Passagen Ihres Manuskripts rauswerfen und ersetzen oder zumindest so gründlich überarbeiten müssen, dass dabei kaum ein Stein auf dem anderen bleibt.

Sobald es an die Revision geht, sind Sie mit der Wordcount-Rechnung ohnehin am Ende. Denn gerade bei längeren Texten wie Kurzgeschichten oder ganzen Büchern müssen Sie für die Revision mindestens ebensoviel Zeit wie für das Schreiben der Rohfassung einplanen – eher sogar noch deutlich mehr. Jedenfalls, wenn Sie Wert darauf legen, am Ende ein fertig überarbeitetes Manuskript zu haben, das auch professionellen Ansprüchen gerecht wird. Oder wie Schreibpapst Sol Stein es formuliert hat: „Schreiben ist Umschreiben!“

Wer nun „nebenher“ weiter versucht, seine selbst gesetzte tägliche oder wöchentliche Wordcount-Messlatte einzuhalten, vernachlässigt fast automatisch die Überarbeitung des letzten, bereits fertig geschriebenen Manuskripts. Entweder bekommt man dieses also erst sehr viel später (oder nie) auf einen veröffentlichungsreifen Stand – oder man begnügt sich mit einem zu niedrigen Level und veröffentlicht letztendlich ein kaum oder zumindest unzureichend überarbeitetes Manuskript.

Wenn ich mir manche selbstverlegten Bücher anschaue, habe ich den Eindruck, dass diese „Augen zu und raus damit“-Mentalität gar nicht so selten ist. In der Praxis ist das natürlich der schnellste Weg, nicht nur das eigene Buch, sondern auch den eigenen guten Ruf als Autor gründlich zu verbrennen. Denn wenn erst einmal die ersten 1- oder 2-Sterne-Rezensionen eintrudeln, die nicht durch eine vielfache Übermacht begeisterter 4- oder 5-Sterne-Rezensionen ausgeglichen werden können, wird kaum noch jemand so risikofreudig sein, das Buch trotz der schlechten Bewertungen zu kaufen. Selbst eine später nachgeschobene, gründlich überarbeitete und lektorierte Fassung kann die schlechten Bewertungen nicht mehr ungeschehen machen. Denn kaum einer der verärgerten Leser wird sich das Buch in der überarbeiteten Fassung neu herunterladen, nochmals lesen und dann seine damalige Kritik wohlwollend abändern.

Aber, werden jetzt manche fragen, wenn Wordcount-Ziele tatsächlich fast von vorneherein zum Scheitern verurteilt sind, warum funktionieren sie dann für Autoren wie Stephen King? Die Antwort ist einfach. Vollzeit-Autoren wie Stephen King haben theoretisch fast den ganzen Tag Zeit zum Schreiben. Wenn jemand wie King sich vornimmt, jeden Tag 2.000 Wörter zu schreiben, macht das für ihn (abhängig von seiner Schreibgeschwindigkeit) irgendwas zwischen zwei und vier Stunden am Tag aus. Während das für die meisten nebenberuflichen Schriftsteller schon fast die gesamte Zeit ist, die sie fürs Schreiben freischaufeln können, hat der Vollzeit-Autor anschließend immer noch locker das Doppelte dieser Zeit zur Verfügung, um für die nächsten Tage vorzuplanen oder bereits geschriebene Texte zu überarbeiten.

Der nebenberufliche oder hobbymäßige Autor, der nach einer kurzen Pi-mal-Daumen-Schätzung zu dem Schluss kommt, dass auch er 1.000 oder gar 2.000 Wörter pro Tag schreiben kann, vernachlässigt bei seiner Kalkulation das ganze Drumherum: Für einen Vollzeit-Autor beschreibt die Aussage „2.000 Wörter am Tag“ nicht seinen Arbeitstag, sondern einen kleinen Ausschnitt daraus. Solange wir also nicht auch den ganzen Tag zu unserer freien Disposition haben, brauchen wir gar nicht darüber nachzudenken, es ihnen gleich zu tun. Das ist wie der zum Scheitern verurteilte Versuch, eine ganze Flasche Bier in ein Schnapsglas zu füllen – ohne zwischendurch abzutrinken.

Der Weg zu einem realistischen Wordcount-Ziel

Wenn Sie sich trotz meiner oben geäußerten Bedenken dennoch ein Wordcount-Ziel als Maßstab für Ihre persönliche Schreib-Produktivität setzen wollen, sollten Sie zumindest die folgenden Tipps beherzigen:

  1. Setzen Sie sich kein tägliches, sondern lediglich ein wöchentliches Ziel. Also nicht „täglich 500 Wörter“, sondern lieber „jede Woche 3.500 Wörter“. Es kann immer etwas dazwischen kommen, was Sie einen Tag am Schreiben hindert – aber mit einem Wochenziel haben Sie zumindest noch die Chance, eventuelle Rückstände am Wochenende aufzuholen.
  2. Setzen Sie Ihr Wordcount-Ziel so niedrig an, dass Sie es in maximal 20% der Zeit bewältigen können, die Sie insgesamt zum Schreiben zur Verfügung haben. Halten Sie Ihre Schätzung lieber realistisch niedrig als zu optimistisch hoch. Wenn Sie also je nach Tagesform in einer Stunde zwischen 500 und 1000 Wörtern schreiben können, sollten Sie nur mit 500 Wörtern kalkulieren. Wenn Sie mehr schaffen, umso besser. Falls nicht, haben Sie sich das Hemd aber auch nicht zu eng gemacht. Maximal sollten Sie mit dem Durchschnittswert (also 750 Wörter als Mittelwert) kalkulieren.

Wenn Sie in der Woche 20 Stunden Zeit zum Schreiben haben (z.B. werktags jeden Morgen zwei Stunden und an Wochenendtagen jeweils fünf Stunden), sollten Sie nur 20% davon, also vier Stunden, mit Ihrer stündlichen Quote multiplizieren. Bei 750 Wörtern wären das 3.000 Wörter pro Woche.

Ein solcher Wert erscheint Ihnen vermutlich geradezu lächerlich gering. Nur 3.000 Wörter pro Woche, obwohl Sie 20 Stunden pro Woche Zeit für Ihre Schreibprojekte haben? Das wären ja gerade mal 150 Wörter pro Stunde. Stimmt – aber so sollten Sie nicht rechnen.

Zunächst einmal sind 3.000 Wörter pro Woche alles andere als wenig. Das entspricht ungefähr 10-12 Taschenbuchseiten, was aufs Jahr gerechnet 500-600 Buchseiten ausmacht. Das wäre entweder ein richtig dicker Wälzer oder zwei etwas schlankere Taschenbücher mit 250-300 Seiten – z.B. für Krimis ein guter Umfang.

Außerdem lässt Ihnen dieser Plan genug Luft zum Atmen – bzw. für die anderen Phasen des Schreibens. Wenn Sie wöchentlich vier Stunden fürs reine Schreiben einplanen, bleiben Ihnen bis zu 16 Stunden, um beispielsweise parallel bereits Ihr nächstes Buch zu planen, Ihr zuletzt fertig geschriebenes Manuskript gründlich zu überarbeiten und sich um die Veröffentlichung und Vermarktung Ihrer bereits fertig überarbeiteten Bücher zu kümmern.

Dazu noch ein letzter Tipp: Teilen Sie Ihre Zeiten so auf, dass Sie rechtzeitig mit der Planung Ihres nächsten Buchs fertig sind, bevor Sie mit Ihrem aktuellen Buch beim magischen Wörtchen „ENDE“ ankommen. So können Sie nach der Fertigstellung Ihres aktuellen Manuskripts nahtlos mit dem Schreiben weiter machen und so auch weiterhin Ihr wöchentliches Wordcount-Ziel einhalten.


Tipp: Abonnieren Sie den kostenlosen WritersWorkshop Autorennewsletter und erhalten Sie alle neuen Beiträge direkt am Erscheinungstag ganz bequem per Mail.

Prologe und Epiloge – Vabanque-Spiel oder nützliches Werkzeug?

Ein sehr häufig diskutiertes Thema, wenn es um die Struktur von Romanen geht, ist der Einsatz von Prologen und Epilogen. Während manche Autoren sie gerne einsetzen, lehnen andere sie rundheraus ab.

Was sind also Prologe und Epiloge? Was unterscheidet sie von normalen Kapiteln und in welchen Fällen sollte man sie trotz der damit verbundenen Risiken einsetzen?

Das Wort Prolog kommt vom Griechischen pro-logos (Vorwort; pro = vor, logos = Wort) und ist die Einleitung oder Vorgeschichte); dementsprechend ist der Epilog das Nachwort.

Der Prolog ist abgesetzt vom eigentlichen Roman – daher auch die Bezeichnung als „Prolog“ und nicht als „Kapitel 1“. Diese Abgrenzung endet meist nicht mit der Überschrift. Meist ist der Prolog zeitlich und/oder räumlich von der eigentlichen Haupthandlung abgesetzt und wird häufig aus der Sicht von Charakteren geschildert, die in der eigentlichen Handlung zumindest in dieser Form nicht mehr vorkommen.

Der Prolog als Alternative zur Rückblende

Es müssen nicht völlig unbekannte Charaktere sein – manchmal handelt es sich beim Prolog auch um eine Episode aus der Vergangenheit des Protagonisten, die bis in seine Kindheit oder Jugend zurück gehen kann und damit einen ähnlichen Zweck wie eine Rückblende erfüllt.

Mir persönlich ist ein guter Prolog, der eine wichtige Episode aus der Vergangenheit des Helden erzählt, weitaus lieber als eine Rückblende, die einen genau dann mitten aus der spannenden Handlung reißt, wenn man dann eigentlich nur erfahren will, wie es jetzt weiter geht.

Der Prolog für einen spannenden Einstieg

Einer der häufigsten Gründe für den Einsatz eines Prologs ist, die Schwächen eines zu langsam ansteigenden Spannungsbogens auszugleichen. Der Prolog gibt dem Autor die Möglichkeit, den Roman direkt auf der ersten Seite spannend zu beginnen. Während bei der eigentlichen Handlung der Spannungsbogen oft relativ weit unten beginnt (Einführung des Helden in seiner alltäglichen Welt, bevor das Chaos über ihn herein bricht und seine Probleme beginnen), kann der Prolog dem Leser direkt zeigen, was er vom weiteren Verlauf des Romans erwarten darf.

Ein gerne herangezogenes Beispiel dafür ist der Beginn von „Die Herren von Winterfell“, dem ersten Band der Fantasy-Saga „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R.R. Martin: Da der eigentliche Roman sich auf den ersten paar hundert Seiten eher gemächlich anlässt, nutzt George R.R. Martin den Prolog, um dem Leser zu zeigen, dass er im weiteren Verlauf der Saga durchaus eine Menge Magie und brachiale Action erwarten darf.

Der Prolog als Einstieg im Krimi und Thriller

Auch in Film und Fernsehen wird diese Variante gerne verwendet. Denken Sie nur an die Columbo-Krimis, die zuerst mit dem dramatischen Mord beginnen, bevor der liebenswert-schusselige Inspektor mit seinen eher gemächlichen Ermittlungen beginnt.

Häufig ist es gerade bei Krimis und Thrillern so, dass der Prolog ganz gezielt eingesetzt wird, um den Schurken in Aktion zu zeigen – z.B. bei jenem Mord, der dann später in der eigentlichen Romanhandlung aufgeklärt werden muss.

Oft wird hierbei eine andere Erzählperspektive als im Rest des Romans verwendet. Auch wenn die Haupthandlung primär aus der Perspektive des Protagonisten erzählt wird, schlüpft der Autor im Prolog nicht unbedingt in die Haut des Schurken. Stattdessen wird hier auf eine neutrale Perspektive zurückgegriffen, die lediglich die Ereignisse schildert, ohne in die Gedanken, Emotionen und Wahrnehmungen des Perspektivcharakters einzutauchen.

Dafür gibt es zwei Gründe. Zunächst mal bestünde ansonsten die Gefahr, dass der Leser bereits im Prolog zu viel über die Identität des Antagonisten und seine Motive erfährt – Dinge, die zunächst noch verborgen bleiben sollen und erst später vom Protagonisten aufgeklärt werden müssen. Der zweite Grund ist, dass der Leser gar nicht unbedingt in die Gedankenwelt des Schurken eintauchen soll. Gerade Psychopathen, Soziopathen und Monster wirken umso furchterregender, unheimlicher und unberechenbarer, je weniger man sich als Leser in ihre Gedanken einfühlen kann.

Halten Sie Ihre Versprechen!

Wichtig ist, dass der Roman die Versprechungen erfüllen muss, die der Prolog macht. Wenn Sie einen Roman mit einer rasanten Actionszene beginnen, um den Leser „an den Haken zu bekommen“, der Rest der Handlung sich aber zu einer beschaulichen Liebesgeschichte entwickelt, wird der Leser sich vera…, äh, veralbert vorkommen.

Spätestens nach einer legitimen „Aufwärmphase“ muss Ihre eigentliche Romanhandlung daher in den Schienen rollen, für die der Prolog bereits die Weichen gestellt hat.

Der Prolog als Basis für das überraschende Finale

Ein weiterer sinnvoller Einsatz für den Prolog ist, das Fundament für die große Überraschung im Finale zu legen. Wenn Ihr Protagonist am Ende genau im richtigen Moment eine Waffe findet, um den Schurken zur Strecke zu bringen, ist das der berüchtigte und zurecht geächtete „Deus ex machina“ – der „Gott aus der Maschine“.

Dieser Ausdruck stammt aus dem griechischen Theater, bei dem am Ende des Stücks, wenn bereits alles völlig hoffnungslos für den Protagonisten aussah, eine Gottheit von oben herab schwebte und für göttliche Gerechtigkeit sorgte. Da der Schauspieler, der diese Gottheit verkörperte, an mechanischen Seilzügen herabgelassen wurde, bezeichnete man diese Technik als den „Gott aus der Maschine“.

Auch heute noch wird dieser Begriff verwendet, um Enden von Romanen oder Filmen zu bezeichnen, bei denen dem Autor nichts Besseres eingefallen ist, als den Zufall oder bisher völlig unbekannte Charaktere zur Auflösung des Konflikts ins Spiel zu bringen. Im klassischen Western waren das immer die Filme, bei denen in der aussichtslosesten Situation plötzlich die Kavallierie auftauchte, um die bedrängten Helden vor der Übermacht der Indianer zu retten.

Wenn Ihr Held also am Ende des Romans besagte Waffe finden soll, kann der Prolog schildern, wie die Waffe dorthin gekommen ist. Wenn Sie es geschickt genug anstellen, wird der Leser bis zum Finale die Ereignisse des Prologs fast vergessen haben – doch wenn Ihr Held die Waffe dann findet, wird er sich sagen: „Natürlich! Ich hätte es wissen müssen!“

Ein gutes Beispiel für diese Art des gezielten Einsatzes von Prologen sind die Dirk-Pitt-Romane von Clive Cussler: Hier werden im Prolog oft weit zurückliegende historische Ereignisse geschildert, die jedoch spätestens bis zum großen Finale gekonnt mit der Haupthandlung verknüpft werden. Der Sinn und die wahre Bedeutung des Prologs erschließen sich dem Leser erst kurz vor dem Ende des Romans – doch wer die Bücher von Clive Cussler kennt, ahnt natürlich schon beim Prolog, worauf es hinaus laufen könnte.

Damit haben wir auch schon einen weiteren wichtigen Faktor eines guten Prologs: er muss nicht nur zur Haupthandlung des Romans passen, sondern untrennbar dazu gehören – auch wenn der Leser die Art dieser Verbindung erst später verstehen kann.

Ein Beispiel: Der Prolog eines Science-Fiction-Thrillers schildert, wie gefährliche Aliens, die später innerhalb der Haupthandlung die größte Bedrohung darstellen werden, ein Raumschiff überfallen, dass daraufhin über einem unbewohnten Planeten abstürzt. Ein solcher Prolog ist natürlich gut geeignet, um die Aliens direkt zu Beginn einzuführen, obwohl sie in der eigentlichen Haupthandlung erst wesentlich später zum ersten Mal auftauchen würden. Wirklich gekonnt und überzeugend wirkt der Prolog allerdings erst, wenn der Protagonist des Romans in einer späteren Szene auf das abgestürzte Wrack aus dem Prolog stößt und sich jetzt erst herausstellt, wie wichtig dieses Schiffswrack (oder etwas, was sich darauf befindet) für die eigentliche Handlung ist.

Zwei Fliegen mit einer Klappe…

Ein gutes Beispiel dafür, wie man beide Varianten unter einen Hut bringt, sind die Prologe der neueren Bond-Filme. Während es bei den älteren Filmen noch so war, dass der Prolog den Helden  mitten im actionlastigen Abschluss seiner letzten Mission zeigt, bevor es dann im Hauptteil mit seiner neuen Mission los geht, wurde in den neueren Filmen die Handlung des Prologs gezielt mit der Handlung des neuen Falls vernetzt.

Risiken des Prologs

Ganz abgesehen davon, dass der Roman wie bereits erwähnt die Versprechen erfüllen muss, die der Prolog dem Leser gemacht hat, gibt es noch zwei weitere Gründe, die gegen den Einsatz eines Prologs sprechen.

Zunächst mal gibt es viele Leser, die keine Prologe mögen und diese am liebsten überblättern. Wenn sie den Prolog überblättern können, ohne dadurch die Handlung (und speziell das Finale) nicht mehr zu verstehen, ist der Prolog überflüssig wie ein Kropf und sollte ohnehin entfallen. Und wenn der Leser die Handlung nicht versteht, weil er den Prolog überblättert hat, waren Sie zwar im Nachhinein mit Ihrem Prolog im Recht – den Leser haben Sie aber trotzdem verloren.

Das zweite Argument gegen Prologe ist, dass man nach Möglichkeit den Protagonisten des Romans bereits in der ersten Szene einführen soll. Der Leser sollte wissen, wer die Hauptfigur ist, mit der er mitfiebern und der er die Daumen drücken soll. Ein Prolog, der mit einer Nebenfigur beginnt (die vielleicht am Ende des Prologs auch noch auf dramatische Weise ums Leben kommt), weckt auf den ersten Seiten beim Leser falsche Erwartungen und zerstört so die mühsam aufgebaute Bindung des Lesers wieder.

Sie sollten sich daher sehr genau überlegen, ob Ihr Roman wirklich einen Prolog benötigt.

Der Epilog

Genau wie der Prolog die Vorgeschichte eines Romans darstellt, ist der Epilog die Nachgeschichte – sozusagen der Ausklang.

Ein häufiges Argument gegen die Verwendung eines Epilogs ist, dass der Autor doch bitteschön die Handlungsstränge spätestens im letzten Kapitel auflösen soll – und nicht erst in einem nachgeschalteten Epilog.

Doch für den Epilog gibt es ähnliche Argumente wie für den Prolog. Auch er ist oft zeitlich von der eigentlichen Romanhandlung abgesetzt und spielt mehrere Monate oder gar Jahre nach der eigentlichen Handlung.

Häufig ist es so, dass es in einem Roman bestimmte Handlungsstränge gibt, die sich innerhalb der Haupthandlung nicht zu einem echten Abschluss bringen lassen, ohne dass es nach einem aufgesetzten, unechten Zuckerguss-Hollywood-Ende wirkt: Die Versöhnung zwischen lange verfeindeten Menschen oder Gruppierungen braucht in der Realität ebenso viel Zeit, wie Ihr Held braucht, um von seinen im finalen Kampf gegen den Schurken davongetragenen nahezu tödlichen Verwundungen wieder zu genesen.

Der Epilog spult also ein paar Wochen oder Monate vor und schildert, was seit den Ereignissen des letzten Kapitels aus den Hauptcharakteren geworden ist – meist nicht in Form einer summarischen Zusammenfassung wie im Abspann eines Hollywood-Films, sondern als separate Szene, die ebenso wie die Haupthandlung aus der Perspektive des Protagonisten geschildert wird.

Das wohl bekannteste Beispiel hierfür ist das Ende des letzten Bandes der Harry-Potter-Reihe, in dem der Leser erfährt, was in den Jahren nach der Vernichtung Voldemorts aus Harry, Ron, Hermine und Ginny geworden ist.

Mein Lieblings-Epilog stammt allerdings aus dem brillanten Thriller „Der Schacht“ von Joseph Garber. Das ganze Buch ist genial konstruiert und mörderisch spannend geschrieben – doch der Epilog kehrt das melancholische Ende des letzten Kapitels ins Gegenteil um und lässt den Leser mit einen breiten, zufriedenen Grinsen zurück.

Auch hier baut die überraschende Offenbarung des Epilogs auf Fakten auf, die Garber mehrfach sehr dezent im Verlauf der Handlung eingestreut hat, deren wahre Bedeutung und Tragweite der Leser aber erst jetzt verstehen kann und die das Ende absolut logisch erscheinen lassen. Mission erfolgreich.

Eine weitere beliebte Variante des Epilogs ist, den vermeintlichen Abschluss, der im großen Finale erreicht wurde, zu relativieren oder komplett in Frage zu stellen, indem man im Epilog ein offenes Ende nachschießt. Ein beliebtes Beispiel sind die Monstereier, die man in der letzten Szene (oder oft auch erst nach dem Abspann) zahlreicher B-Movies von Godzilla über Critters bis hin zum Monster-Alligator findet – frei nach dem Motto: Fortsetzung folgt!

Das funktioniert natürlich in leicht abgewandelter Form auch als Epilog für einen Thriller: Man sieht in der Kneipe einen unbekannten Mann, der einen Drink bestellt. Als der Nebenmann am Tresen den Mann nach der Uhrzeit fragt und dieser den Ärmel seines Mantels zurückstreift, wird die Hand des Mannes mit einer charakteristischen Narbe und einem Siegelring beschrieben. Der Leser weiß sofort, dass es sich um den bereits totgeglaubten Oberschurken handelt, der aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz überlebt hat und höchstwahrscheinlich in einer Fortsetzung zurückkehren wird.

Risiken des Epilogs

Die wichtigste Frage bei einem Epilog ist natürlich (ebenso wie bei einem Prolog), ob Sie einen brauchen. Wenn Sie alle offenen Fragen im letzten Kapitel zu einem befriedigenden Abschluss bringen und somit auf einen Epilog verzichten können, sollten Sie das tun.

Denken Sie daran: Genau wie man im wahren Leben nur eine Chance hat, einen ersten Eindruck zu hinterlassen, ist die letzte Szene Ihres Romans das, was dem Leser in Erinnerung bleibt. Wenn Sie im Restaurant nach einem hervorragenden Essen vom Kellner noch einen ganz und gar widerlichen Likör zum Abschluss serviert bekommen, kann Ihnen das den ganzen guten Nachgeschmack des Essens verderben – ebenso wie man oft Bücher liest, die einem bis kurz vor Schluss sehr gut gefallen, dann aber durch ein schwaches Ende verdorben werden.

Betrachten Sie das Ende Ihres Romans wie den großen Paukenschlag, der die Symphonie beendet und noch lange im Ohr des Zuhörers nachhallt. Es ist Ihre Entscheidung als Autor, ob Sie diesen Paukenschlag im letzten Kapitel unterbringen oder in einem Epilog.


Tipp: Abonnieren Sie den kostenlosen WritersWorkshop Autorennewsletter und erhalten Sie alle neuen Beiträge direkt am Erscheinungstag ganz bequem per Mail.