Antihelden – No more Mr. Nice Guy?

Wenn man in den letzten Jahren die Hauptfiguren von Romanen, Filmen und Serien betrachtet, merkt man, dass der klassische, strahlende Held mehr und mehr von einer neuen Spezies abgelöst wird: dem Antihelden.

Doch was genau ist eigentlich ein Antiheld? Es gibt wenige Begriffe, die mit so vielen Fehlinterpretationen belastet sind. So habe ich schon öfter gehört, dass manche Autoren den Antagonisten (also den Gegenspieler des Helden) als „Antiheld“ bezeichnen – vermutlich, weil er „anti“ (also gegen) den Helden ist. Doch auch wenn so mancher Romanschurke auch einen guten Antihelden abgäbe, hat dies nichts mit dem eigentlichen „Antihelden“ zu tun.

Ein „guter Böser“ oder ein „böser Guter“?

Der Antiheld ist ein Held, dem die typischen Eigenschaften und oft auch die positive Motivation eines Helden fehlen. Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Der Antiheld ist kein Held mit Schwächen, die er er überwinden muss, um am Ende der Handlung wie nach der Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling plötzlich als strahlender Held den Tag zu retten.

Helden mit Schwächen sind keine Antihelden. Sie sind „echte“ Helden, die lediglich erst ihre Schwäche(n) überwinden müssen, um am Ende Erfolg zu haben. Selbst ein anfangs extrem unsympathischer Charakter wie Ebenezer Scrooge aus der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens ist kein Antiheld, sondern nur ein Mensch mit sehr großen Schwächen. Zum Helden wird er erst am Ende, indem er seinen Geiz und seine Gier überwindet und zu einem freundlichen, freigiebigen Menschen wird.

Antihelden sind ein ganz anderes Kaliber. Sie haben Schwächen und dunkle Seiten – aber im Gegensatz zum klassischen Helden stehen sie dazu. Ihre dunklen Seiten sind nichts, was sie während der Handlung überwinden müssen, sondern oft sogar ihre größte Stärke im zentralen Konflikt des Romans.

Kurzum: der Antiheld ist oft kein sympathischer Mensch, sondern oftmals sogar eine Figur, die in einer anderen Handlung ebensogut als Schurke besetzt werden könnte.

Gerade in Comics sind Antihelden seit Jahrzehnten sehr beliebt: Der Punisher, Spawn, Ghost Rider, Deadpool, Hellboy und natürlich Wolverine sind echte Antihelden. Wie beliebt diese Figuren sind, erkennt man daran, dass jede von ihnen (bis auf Deadpool) bereits mindestens einen eigenen Kinofilm spendiert bekommen hat.

Auch in Filmen und Fernsehserien findet man immer öfter Antihelden in der Hauptrolle. Denken Sie beispielsweise an die Rolle von Mel Gibson in „Payback“ oder Jason Statham in den beiden „Crank“-Filmen.  An Vic Mackey in der TV-Serie „The Shield – Gesetz der Gewalt“. Oder an die Figur des gefährlichen Verbrechers Riddick in „Pitch Black“ und den beiden Nachfolge-Filmen.

Gerade im Psychothriller-Genre gibt es seit „Das Schweigen der Lämmer“ einen deutlichen Vormarsch an Antihelden – egal ob es nun die Ableger-Serie „Hannibal“ ist, die auf den „Psycho“-Filmen basierende Serie „Bates Motel“, „Dexter“ oder „Breaking Bad“.

Auch die John-Cleaver-Trilogie von Dan Wells ist ein gutes Beispiel für Antihelden in der Thriller-Literatur: Der Hauptheld, John Cleaver, ist ein soziopathischer Jugendlicher, der befürchtet, dass aus ihm ein Serienkiller werden könnte. Im Verlauf der Romane stößt Cleaver auf mörderische Dämonen, die es aufzuhalten gilt. Im Kampf gegen diese Dämonen muss Cleaver seine dunkle, gefährliche Seite, die er selbst „Mr. Monster“ nennt, von der Leine lassen. Doch wird er in der Lage sein, sie anschließend wieder unter Kontrolle zu bringen?

Held oder Monster?

Wie schon gesagt: Die meisten Antihelden gäben recht gute Schurken ab, wenn sie in einem anderen Kontext präsentiert würden.

Der Kunstgriff der Autoren ist oft, den Antihelden als das kleinere Übel erscheinen zu lassen, indem man ihn gegen eine noch größere Bedrohung antreten lässt. Denn wie heißt es so schön: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Ein brutaler Killer erscheint dem Leser nur halb so schlimm, wenn er ausschließlich gefährliche Verbrecher tötet, die es geschafft haben, ungestraft durch die Maschen der Justiz zu schlüpfen. Und wenn der Autor seinem Killer dann noch ein persönliches Motiv wie die Rache für von diesen Verbrechern ermordete Familienmitglieder oder Freunde spendiert, wird ein guter Teil der Leser bereit sein, dem düsteren Antihelden sogar die Daumen zu drücken und zu hoffen, dass er es schafft.

Die andere Variante besteht darin, dem Antihelden ein wirklich gutes und positives Ziel zu geben. Häufig sieht man dies in Filmen oder Büchern, in denen ein geläuterter Killer sich entschließt, das Opfer, auf das man ihn angesetzt hat, nicht zu töten, sondern es sogar gegen seine ehemaligen Auftraggeber zu verteidigen.

Auch bei dieser Version mutiert der Antiheld nicht zur positiven Figur. Er wird nicht plötzlich zum moralisch integren Gutmenschen, sondern stellt schlicht und einfach seine vorher für das Böse eingesetzten Fähigkeiten nun in den Dienst des Guten. Der geläuterte Killer aus unserem Beispiel wird weiter schnell und gnadenlos töten – allerdings jetzt „die Richtigen“, die es nach Ansicht des Lesers verdient haben.

Fazit

Es macht Spaß, Antihelden zu schreiben, da sie politisch unkorrekt und skrupellos sein dürfen. Sie können sich über Moral, Ethik und Gesetz hinwegsetzen und Dinge tun, die ein „guter Held“ – selbst einer mit Schwächen – niemals tun dürfte.

Dennoch ist das Schreiben von Antihelden stets ein Balanceakt, bei dem es gilt, die Sympathie des Lesers nicht zu verspielen und ihn niemals zu sehr abzustoßen.

Die Sünden des Antihelden dürfen niemals die Grenze überschreiten, an der der Leser nicht mehr bereit ist, ihm zu verzeihen. Diese Grenze ist natürlich bei jedem Leser anders. Mit einem Antihelden als Protagonisten wird man daher immer Leser verlieren, aber dafür andere noch mehr an sich binden.

Ob es einem dieses Risiko wert ist, muss jeder Autor für sich entscheiden – aber schließlich gibt es immer noch die Möglichkeit, einen solchen Roman unter einem Pseudonym zu veröffentlichen, um es von seinen anderen Romanen sauber abzugrenzen. ;-)


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Ein Herz für Schurken: Warum Sie Ihrem Antagonisten ebenso viel Aufmerksamkeit wie Ihrem Helden schenken sollten

Finden Sie es auch so störend, wenn Sie beim Lesen eines Romans feststellen müssen, dass sich der Autor zwar große Mühe gegeben hat, einen vielschichtigen und interessanten Protagonisten aufs Papier zu zaubern, aber die Rolle des Gegenspielers lediglich mit einem zweidimensionalen Klischee-Schurken besetzt hat?

Schnurrbartzwirbelnde, megalomanische oder psychopathische Schurken, deren einziges Ziel es zu sein scheint, den Helden aufzuhalten – und nebenbei auch noch alles, was ihm lieb und teuer ist, zu vernichten. Fehlt nur noch das sardonische Oberschurken-Lachen und der obligatorische Showdown, in dem der Schurke dem Helden lang und breit seine finsteren Pläne offenbart – und ihm dadurch die Gelegenheit gibt, das Blatt in letzter Sekunde doch noch zu wenden.

Wenn man einen Roman schreibt, sollte man die Klischee-Schurken in der Mottenkiste lassen, in die sie auch gehören. Stattdessen sollte man mindestens genausoviel Arbeit in die Entwicklung eines glaubwürdigen Antagonisten wie in die des Protagonisten stecken. Denn was wäre ein packender Roman ohne einen beängstigend realistisch wirkenden, äußerst gerissenen und zu allem entschlossenen Gegenspieler?

Dabei ist es besonders wichtig, dass Ihr Antagonist glaubwürdig wirkt. Ihr Leser muss das Gefühl haben, dass es sich bei ihm um einen echten Menschen mit Zielen, Emotionen, Träumen und Ängsten handelt. Keinen Karnevals-Mafioso und keinen Geisterbahn-Dracula, sondern um einen echten Menschen, den der Leser bis zu einem bestimmten Punkt sogar verstehen kann.

Für die Handlung Ihres Romans ist Ihr Antagonist mindestens ebenso wichtig wie Ihr Held – denn schließlich wird die Handlung des Romans gerade in der ersten Hälfte in erster Linie mehr durch die Handlungen und Pläne Ihres Antagonisten als durch die des Helden bestimmt.

Schließlich ist es in den meisten Romanen so, dass der Protagonist die erste Hälfte des Romans vor allem damit zubringt, zu reagieren, sich über die Zusammenhänge klar zu werden und sich einen Plan zurecht zu legen, um die durch das „auslösende Ereignis“ zu Beginn der Handlung verursachten Komplikationen zu beheben. Erst in der zweiten Hälfte, nach dem dramatischen Mittelpunkt der Handlung, ergreift der Protagonist die Initiative, statt lediglich auf die Probleme und Bedrohungen zu reagieren, die ihn bis dahin auf Trab gehalten haben. Während in der ersten Hälfte das Spiel nach den Regeln des Antagonisten gespielt wurde, geht es nun anders herum: der Protagonist ändert die Regeln und bietet seinem Gegner Paroli.

Sie sollten daher sicherstellen, dass auch Ihr Antagonist eine vielschichtige und glaubwürdige Figur ist. Geben Sie ihm ein aus seiner Sicht „positives Ziel“, das er mit aller Entschlossenheit verfolgt. Positiv muss hierbei nicht „moralisch vertretbar“ sein, sondern bedeutet lediglich, dass er etwas erreichen und nicht nur etwas verhindern möchte.

Ihr Antagonist will den Helden töten oder die Welt vernichten? Warum? Was hätte er persönlich davon? Weltherrschaft, wenngleich nicht weniger klischeebeladen, ist da schon etwas anderes – ein „positives“ Ziel mit einem ganz konkreten Nutzen für Ihren Antagonisten.

Machen Sie sich auch Gedanken darüber, warum Ihr Antagonist genau dieses Ziel hat. Wie ist er so geworden? Welche Ereignisse und Erlebnisse in seiner Vergangenheit haben ihn zu dem gemacht, was er heute ist?

All das sind Dinge, die Sie stückchenweise und ganz dezent in Ihren Roman einfließen lassen können, um Ihren Antagonisten vor dem geistigen Auge Ihres Lesers zu einem echten und gerade dadurch umso beängstigerenden Menschen werden zu lassen – zu einer dramatischen statt einer melodramatischen Gestalt.

Das ist besonders wichtig bei jenen Szenen, die Sie aus der Perspektive Ihres Antagonisten schildern. Denken Sie immer daran: Fast jeder Schurke hält sich für den Helden seiner eigenen Geschichte. Sie glauben, im Recht zu sein oder dass der aus ihrer Sicht „gute Zweck“ jegliche Mittel heiligt.

Gerade wenn Sie Ihre Antagonisten nicht abgrundtief böse machen, sondern zu Menschen, die sich aus ursprünglich positiven oder gar edlen Motiven zu immer skrupelloseren und böseren Taten haben hinreißen lassen, verleihen Sie dem Konflikt zwischen Ihrem Helden und seinem Gegenspieler eine ganz neue Dimension.

Was wäre zum Beispiel, wenn Ihr Held eigentlich ähnliche Ziele und Ideale wie sein Gegenspieler vertritt – aber ihn dennoch bekämpfen muss, weil dieser durch die Wahl seiner Mittel zu einem noch größeren Übel als die ursprüngliche Bedrohung geworden ist?

Zu guter Letzt sollten Sie Ihren Antagonisten noch mit ein paar guten, sympathischen Eigenschaften abrunden: Machen Sie aus ihm einen Tierfreund, einen einfühlsamen Familienmenschen oder einen freigiebigen Unterstützer eines guten Zwecks. Wo Licht ist, ist auch Schatten – aber das gilt genauso auch umgekehrt. Niemand ist nur böse oder nur gut – erst durch Licht und Schatten sehen wir keine ebene Fläche, sondern das kantige, vielschichtige Profil eines echten Menschen.

Nehmen Sie sich daher die Zeit, zu überlegen, wie Sie Ihren Antagonisten Ihres aktuellen Romanprojekts noch glaubwürdiger und vielschichtiger gestalten können. Es ist eine Arbeit, die sich definitiv lohnt.

Denn wenn Sie genauer darüber nachdenken, fallen auch Ihnen bestimmt einige Romane ein, die Ihnen nicht wegen der strahlenden Helden, sondern wegen der glaubwürdigen Bösewichte so unauslöschlich in Erinnerung geblieben sind. Oder an wen denken Sie eher: John Silver oder Jim Hawkins? Kapitän Ahab oder Ismael? Hannibal Lecter oder Clarence Starling? ;-)


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Sollten Bände einer Romanserie für sich stehen oder aufeinander aufbauen?

Wenn man eine Romanserie plant, stellt sich einem immer die Frage, wie weit die einzelnen Bände aufeinander aufbauen sollten. Hier gibt es eine sehr große Bandbreite – von einer epischen, fortlaufenden Handlung bis hin zu Serien, bei denen jeder einzelne Band für sich steht und ohne jegliche Vorkenntnisse der Serie genossen werden kann.

Das Epos

Am einen Ende der Skala liegen jene Romanserien, die eine fortlaufende Handlung haben, welche erst am Ende des letzten Bandes abgeschlossen wird. Die einzelnen Romane einer solchen Serie enden meist mit einem Cliffhanger, der den Leser motivieren soll, sich direkt die Fortsetzung zu holen. Je nachdem, wie eng die einzelnen Bände zusammen hängen, handelt es sich im Extremfall um einen riesigen Roman, der an geeigneten Stellen gesplittet und so auf mehrere Bände aufgeteilt wurde. Ein Leser, der den ersten Band (oder die ersten Bände) der Serie nicht kennt, hat kaum eine Chance, mit einem späteren Band einzusteigen und noch in die Handlung hinein zu kommen.

Ein recht gutes Beispiel sind die Romane der Serie „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R.R. Martin, die in den letzten Jahren durch die Serien-Verfilmung „Game of Thrones“ nochmals stark an Bekanntheit gewonnen hat. Wer als Leser versucht, mit einem der neueren Bände in die Handlung einzusteigen, dürfte große Probleme dabei bekommen, durch die komplexen Beziehungen zwischen den einzelnen Charakteren und Gruppierungen durchzusteigen.

Die fortlaufende Rahmenhandlung

Ein Mittelding sind jene Serien, bei denen die einzelnen Bände aus aufeinander aufbauenden Abenteuern bestehen, die den Helden wie die Stufen einer Treppe zur finalen, alles entscheidenden Konfrontation am Ende des letzten Bandes führen. In jedem Roman kann der Held zwar einen Teilerfolg verbuchen, aber dennoch ist sowohl ihm als auch dem Leser klar, dass er lediglich eine Schlacht, aber noch nicht den kompletten Krieg gewonnen hat.

Das wohl prominenteste Beispiel für eine solche Serie sind die Harry-Potter-Romane von J.K. Rowling. Jeder Band ist in sich abgeschlossen, baut dabei aber auf den Ereignissen der früheren Bände auf und führt Harry Potter immer näher zur unausweichlichen, finalen Konfrontation mit dem bösen Zauberer Voldemort.

Unabhängige Einzelbände gegen das Problem der Verfügbarkeit

Einzelne, voneinander unabhängige Romane einer Serie haben den Vorteil, dass sie in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können. Neuen Lesern wird damit der Einstieg in die Serie erleichtert. Sie können mit einem beliebigen Band der Serie, der ihnen gerade ins Auge oder in die Hände fällt, in die Abenteuer des Protagonisten einsteigen, statt erst nach dem ersten Band der Serie suchen zu müssen, mit dem die Handlung beginnt.

Im stationären Buchhandel ist diese Problematik größer als im Online-Buchhandel. Solange es sich bei der Serie nicht um absolute Bestseller wie z.B. die Harry-Potter-Serie handelt, haben Buchläden meistens nicht alle Bände einer Serie, sondern lediglich die neuesten ein bis zwei Bände auf Lager. Ältere Bände müssen erst bestellt werden, was viele Spontankäufer bereits abschreckt.

Bei Online-Buchhändlern wie Amazon ist das Sortiment natürlich wesentlich größer. Hier gibt es nicht wie im stationären Buchhandel knappe Regalflächen, sondern alles, was sich regelmäßig verkauft, wird in mehr oder weniger großen Stückzahlen bevorratet und ist somit kurzfristig lieferbar. Wer also z.B. auf Band 5 einer Romanserie stößt, ist meist nur wenige Mausklicks vom ersten Band der Serie entfernt.

Auch die Problematik der Verfügbarkeit hat sich durch die Einführung von Print-on-Demand und eBooks entschärft. Es ist eine unerfreuliche, aber unbestreitbare Tatsache, dass sich eine Romanserie, deren Bände aufeinander aufbauen und in einer festen Reihenfolge gelesen werden müssen, nur so lange verkauft, wie auch die früheren Bände der Serie noch verfügbar sind. Ist also der erste Band einer zehnbändigen Serie nicht mehr lieferbar, wird die Serie kaum noch neue Leser finden – egal wie gut und spannend die späteren Bände sind.

Bereits bei Print-on-Demand gibt es das Problem einer vergriffenen Auflage nicht mehr, da schließlich jedes Buch erst dann gedruckt wird, wenn es vom Endkunden (also dem Leser) bestellt wird. Alle Bände einer Serie sind also so lange verfügbar, wie der Autor dies will.

Bei eBooks ist es sogar noch einfacher. Dadurch, dass diese immer „sofort lieferbar“ sind und unmittelbar nach Kauf elektronisch übermittelt werden, ist dies (jedenfalls in puncto Lieferzeit) für den Leser genauso praktisch wie eine direkt im Buchladen verfügbare Printausgabe.

Einzelne, voneinander relativ unabhängige Romane, die lediglich denselben Protagonisten und gegebenenfalls dasselbe Setting gemeinsam haben, locken den Leser nicht durch eine durchgängige Handlung zurück. Hier sagt sich der Leser am Ende des Romans nicht „Ich muss unbedingt wissen, wie es weiter geht“. Dafür ist der Leser allerdings hoffentlich so vom Protagonisten und dem Schreibstil des Autors begeistert, dass er unbedingt noch weitere Abenteuer desselben Helden lesen will.

Mir geht das so mit den „Scarecrow“-Romanen von Matthew Reilly. Die Romane haben zwar eine feste Reihenfolge mit Querverweisen zu den Handlungen früherer Bände, stellen aber in sich abgeschlossene Abenteuer dar. Kommt ein neuer Band raus, kann man davon ausgehen, dass ich mir diesen bereits am Erscheinungstag hole.

Statische Helden ohne jede Chance, noch besser und stärker zu werden

Völlig voneinander unabhängige Romane haben meist relativ statische Haupthelden und, abgesehen von einer Handvoll wichtiger und ebenso statischer Nebencharaktere, eine von Band zu Band wechselnde Besetzung.

Die meisten Beispiele für diese Art von Büchern stammen aus dem Krimi-Genre, das sich hierfür geradezu anbietet: Der Protagonist oder die Protagonistin übernimmt einen Kriminalfall (oder wird unfreiwillig in diesen verwickelt) und löst diesen bis zum Ende des Romans vollständig auf.

Es gibt üblicherweise keine offenen Enden, die in zukünftigen Bänden wieder aufgegriffen werden – abgesehen vielleicht vom häufig verwendeten Motiv der persönlichen Nemesis, des immer wiederkehrenden Erzfeindes. Bei Sherlock Holmes und Dr. Watson (zwei recht statischen Hauptfiguren) war dies Professor Moriarty, beim Roman- und Filmhelden James Bond speziell in den früheren Romanen und Filmen der Erzbösewicht Ernst Stavro Blofeld.

Ist der Antagonist eines solchen Romans zugleich die Nemesis des Helden, wird meist nur der Plan des Schurken vereitelt, während dieser selbst für weitere Bände aufgespart wird. Manchmal spendiert man dem Roman auch noch einen zweiten Schurken, der dann im aktuellen Band endgültig zur Strecke gebracht werden darf – oft den eigentlich aktiven Antagonisten, während der Erzfeind eher im Hintergrund bleibt, von wo aus er die Fäden zieht und seine finsteren Pläne schmiedet.

Nicht nur klassische Kriminalromane (man denke nur an die Miss-Marple-Romane und die Fälle von Hercule Poirot aus der Feder von Agatha Christie) funktionieren nach diesem Schema, sondern auch die meisten klassischen Krimiserien. Erst bei neueren Serien ist man dazu übergegangen, pro Folge zwar einen in sich abgeschlossenen Fall zu schildern, diese aber mit einem größeren Handlungsbogen zu verbinden, der sich meist über eine komplette Staffel der Serie zieht.

Der Nachteil solcher Einzelgeschichten ist, dass der Protagonist keine Chance hat, sich weiter zu entwickeln, zu wachsen, zu reifen und sich zu verändern. Egal was ihm im Verlauf eines Romans oder einer Serien-Folge an dramatischen und tragischen Ereignissen zustößt – keines dieser Ereignisse kann dauerhafte Auswirkungen auf ihn haben. Denn sonst wäre ja die Reihenfolge der einzelnen Abenteuer nicht mehr beliebig. Statische Charaktere altern nicht, sie ändern ihr Weltbild und ihren Charakter nicht – und egal was ihnen zustoßen mag, sie tragen keine bleibenden Narben oder Behinderungen davon.

Der goldene Mittelweg

Wenn man sich selbst die größtmögliche Freiheit lassen will und zugleich mit jedem weiteren Band neuen Lesern den Einstieg in die Serie erleichtern will, ist die „Stufe 2“ der beste Kompromiss: Dafür brauchen Sie einen charismatischen Helden, der die Leser mitreißen und auf seine Seite ziehen kann, und eine größere Rahmenhandlung, die dem Helden Platz für immer neue Abenteuer bietet.

Ein gutes Beispiel sind die Sharpe-Romane von Bernard Cornwell. Sie schildern die Abenteuer eines Scharfschützen-Offiziers während der Napoleonischen Kriege. Jeder Band ist ein in sich abgeschlossenes Kriegsabenteuer, doch sind diese durch die historischen Ereignisse und den Aufstieg Sharpes in eine feste Reihenfolge gebracht. Dennoch können neue Leser mit jeder beliebigen Geschichte einsteigen und entweder von dieser Stelle an weiter lesen oder sich nach und nach auch noch die früheren Abenteuer von Sharpe und seinen Kameraden zu Gemüte führen.

Dieses Format ist flexibler, als man auf den ersten Blick meinen sollte. Es ist nicht unbedingt erforderlich, die Geschichten in chronologischer Reihenfolge zu schreiben. So gibt es Autoren, die z.B. nach dem fünften Band die Lebensgeschichte ihres Helden fertig erzählt hatten, und dann, da ihre Leser unbedingt weitere Abenteuer lesen wollten, neue Geschichten nachschießen, die entweder vor den ursprünglichen Abenteuern spielten (Modell „Die Abenteuer des jungen Indiana Jones“) oder in den nicht näher erwähnten Jahren zwischen den bisherigen Bänden angesiedelt sind.

Wenn Sie die Abenteuer Ihres Helden nicht in chronologischer Reihenfolge schreiben, müssen Sie natürlich höllisch aufpassen, keine Kontinuitätsfehler einzubauen. Sie müssen einen genauen Zeitstrahl für alle Personen und alle wichtigen Ereignisse führen. Selbst wenn es Ihnen nicht auffällt, würden es garantiert einige Leser merken, wenn…

  • …Ihr Held in einem Roman eine Narbe hat, die ihm erst in einem zwei Jahre später spielenden Roman zugefügt wird
  • …in einem Roman eine Nebenfigur auftaucht, die eigentlich schon in einem zeitlich davor liegenden Band gestorben ist
  • …Ihrem Haupthelden plötzlich wichtige Informationen fehlen, die er zu diesem Zeitpunkt eigentlich bereits kennen sollte

Genauso sind Sie natürlich beim „Dazwischenkonstruieren“ neuer Geschichten starken Restriktionen unterworfen. So darf keine Figur sterben oder verkrüppelt werden, die sich in einem späteren Band noch bester Gesundheit erfreute. Das Ende Ihrer Geschichte muss zu der Richtung passen, in die sich das Leben der wichtigsten Charaktere laut ihrem fiktionalen Lebenslauf bis zum Beginn des chronologisch nächsten Bandes entwickeln müsste. Alles andere würde verständlicherweise Fragen beim Leser aufwerfen. Das sollten Sie darum, wenn überhaupt, nur ganz bewusst tun – und dann auch ankündigen, dass Sie diese Fragen im nächsten Band (den Sie erst noch schreiben müssen) beantworten werden.

Das mag jetzt ein wenig theoretisch klingen, darum mal ein kurzes Beispiel: In der fiktionalen Lebensgeschichte Ihres Helden gibt es noch eine Lücke von einem runden Jahr zwischen seinem 27. und seinem 28. Geburtstag. In dieser Zeit wollen Sie ihren neuen Roman ansiedeln. Der chronologisch nächste Roman, den Sie bereits vor ein paar Jahren veröffentlicht haben, beginnt damit, dass Ihr Held in Kapstadt einen Anruf von einem alten Freund bekommt. Ihr neuer Roman, der in Marokko und dem Sudan spielt, sollte also damit enden, dass Ihr Held plant, nach Südafrika zu gehen. Leser, die den eben erwähnten Band schon kennen, werden sehen, wie sich hier der Kreis schließt. Neue Leser, die sich nach dem Genuss Ihres neuen Romans den „chronologischen Nachfolgeband“ holen, werden es so empfinden, dass die Handlung hier lückenlos weiter geht.

Sie sehen schon: gerade bei solchen Konstruktionen, in denen neuere Bücher chronologisch vor älteren Büchern angesiedelt sind, sind Begriffe wie „der nächste Roman“ nicht mehr ganz eindeutig zu definieren.

Allein schon aus diesem Grund würde ich davon abraten, eine solche Romanreihe mit „Band 1“ bis „Band X“ durchzunummerieren. Stattdessen sollten Sie jedem Band einen eigenständigen Titel geben, der z.B. dadurch, dass er mit dem Namen des Haupthelden beginnt, den Seriencharakter der Bücher herausstreicht. Denken Sie in diesem Zusammenhang beispielsweise an die Harry-Potter-Romane: „Harry Potter und“ „…der Stein des Weisen“, „…die Kammer des Schreckens“, „…der Gefangene von Askaban“, „…der Feuerkelch“, „…der Orden des Phoenix“, „…der Halbblutprinz“ und „…die Heiligtümer des Todes“.

Auch wenn die Bände direkt aufeinander folgen und (abgesehen von den meist nicht besonders ausführlich beschriebenen Sommerferien) keinen Platz für einen dazwischen geschobenen Band bieten, hat J.K. Rowling darauf verzichtet, die Bände als „Harry Potter Band 1“ bis „Harry Potter Band 7“ durchzunummerieren.

Abgesehen davon, dass ausführlichere Titel hier klangvoller sind und eher das Interesse der Leser wecken, wird ein Neueinsteiger auch eher zu „Harry Potter und der Halbblutprinz“ greifen als zu „Harry Potter Band 6“. Die erste Version klingt nach einem eigenständigen Roman – die zweite nach einem Teil einer Serie, für dessen Verständnis man zuvor auch schon die Bände 1-5 gelesen haben sollte.

Ein zweiter und mindestens ebenso wichtiger Grund ist der, dass die Nummern der Bände nicht mehr stimmen, sobald Sie anfangen, weitere Abenteuer in die noch ausgelassenen Zeitfenster einzufügen. Wenn Ihr neuer Roman zwischen dem bisherigen Band 2 und Band 3 spielt, können Sie ihn schlecht zu „Band 3“ erklären und alle anderen Bände neu durchnummerieren, ohne Ihre Leser völlig zu verwirren. „Band 2 1/2“ liest sich auch nicht wirklich gut – das erinnert eher an das „Gleis 9 3/4“ von Harry Potter.

Stattdessen sollten Sie vorne in jedem Buch Ihrer Serie die komplette Chronologie aller bisher erschienenen Bände der Serie auflisten, damit Leser diese leichter einordnen und die Bände in der „richtigen“ Reihenfolge lesen können, wenn sie das wollen.

Wenn Sie von einem Band eine überarbeitete Neuauflage herausbringen, können Sie auch diese Chronologie anpassen und um die Bände ergänzen, die erst nach dem ursprünglichen Erscheinen dieses Bandes veröffentlicht wurden.

Und natürlich sollten Sie auf Ihrer Autorenhomepage auch eine komplette Auflistung aller Bände in chronologischer Reiehnfolge präsentieren – schön dekorativ mit den Covern der einzelnen Bände und selbstverständlich mit einem anklickbaren Bestell-Link zu Ihrem Lieblings-Online-Buchhändler, um es Ihren Lesern möglichst einfach zu machen, die Lücken in ihrer Buchsammlung zu füllen.

Falls Sie also darüber nachdenken, eine eigene Romanserie zu planen oder eine Fortsetzung (oder ein Prequel?) zu einem Ihrer bisherigen Romane zu veröffentlichen, sollten Sie sich diese Fragen in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Allein das kann schon dazu beitragen, Ihre Serie stärker und zukunftssicherer zu gestalten.


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Wie viele Handlungsstränge sollte Ihr Roman haben?

Eine der häufigsten Fragen, die sich Romanutoren bei der Planung eines Romans stellen, ist die, wie viele Handlungsstränge sie für ihren Roman einplanen sollten. Natürlich ist eine komplexe, vielschichtige Handlung immer gut und oft sorgen erst die Nebenhandlungen eines Romans für das nötige „Volumen“ – aber wann ist der Punkt erreicht, an dem es einfach „zu viel des Guten“ ist und an dem jede zusätzliche Nebenhandlung nur noch die eigentliche Haupt-Handlung des Romans verwässert?

Diese Frage ist komplexer, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Zunächst einmal geht die Frage nach der „richtigen“ Anzahl unterschiedlicher Handlungssträngen oft Hand in Hand mit der Frage, wie viele Perspektiv-Charaktere man in einem Roman haben sollte.

Und mal ganz provokativ gefragt: Wozu überhaupt mehrere Handlungsstränge und mehrere Perspektiv-Charaktere? Hat man nicht meist einen einzelnen Protagonisten, dessen Geschichte man in diesem Roman erzählen will?

Bei aus der „Ich-Perspektive“ erzählten Romanen ist das tatsächlich der Fall. Wer seine Geschichten aus der Ich-Perspektive schreibt, hat relativ wenig Möglichkeiten, einzelne Szenen aus der Perspektive einer anderen Person zu schildern.

Das hat oft gravierende Nachteile. So kann der Ich-Erzähler nur von Ereignissen berichten, bei denen er – bzw. der Protagonist, aus dessen Perspektive er die Geschehnisse schildert – selbst anwesend war.

Der deutsche Romanautor Thomas Thiemeyer („Medusa“, „Reptilia“) verwendet einen geschickten Kunstgriff, um dieses Handicap zu umgehen: In seinen Romanen schildert er alle Ereignisse, bei denen sein Protagonist selbst anwesend ist, aus der Ich-Perspektive, während alle anderen Handlungsstränge in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven erzählt werden. Natürlich wechselt Thiemeyer in seinen Romanen nicht willkürlich zwischen beiden Erzählperspektiven, sondern nutzt Szenen- oder Kapitelübergänge für einen reibungslosen Wechsel.

Was die Anzahl der unterschiedlichen Perspektivcharaktere angeht, gilt die Faustformel: „Je länger ein Roman ist, desto mehr unterschiedlicher Perspektivcharaktere kann er vertragen.“

Gut, ich gebe zu: Diese Aussage ist fast so wenig greifbar wie die Prophezeiung eines Orakels, aber eine exakte Formel wird es niemals geben. Dass es so schwierig ist, die Frage exakt zu beantworten, liegt auch daran, dass Perspektivcharakter nicht unbedingt gleich Perspektivcharakter ist.

Ich weiß, dass das unlogisch klingt – daher ein Beispiel: Viele Autoren (gerade im Horror- und Thriller-Genre) verwenden gerne den Kniff des „Wegwerf-Perspektivcharakters“. Dabei führen sie in einer Szene eine neue Figur ein und sorgen dadurch, dass sie dem Leser von den Problemen, Gedanken, Zielen und Träumen dieser Person berichten, dafür, dass der Leser sich für diese Figur interessiert und Sympathie für sie empfindet.

Sobald der Autor das erreicht hat, wird die Figur von einem Monster, Serienkiller oder einem sonstigen üblen Ereignis grausam dahin gerafft – daher auch die Bezeichnung „Wegwerf-Perspektivcharakter“.

Dabei handelt es sich um einen erzähltechnischen Trick, um den Leser emotional tiefer in die Handlung zu ziehen. Es ist wie bei den Nachrichten: Wenn wir hören, dass es in Asien bei einer Überschwemmung mehrere hundert Tote gibt, berührt uns das oft weniger, als wenn die Reporter detailliert über ein tragisches Einzelschicksal berichten. Der vorübergehende Wechsel in die Perspektive des Opfers macht das Opfer zu einem solchen tragischen Einzelschicksal, nicht nur zu einem anonymen Statisten.

„Wegwerf-Perspektivcharaktere“ sollten Sie daher, wenn Sie solche in Ihrem Roman einsetzen wollen, nicht mitzählen. „Echte“ Perspektivcharaktere sind länger mit von der Partie, nicht nur in einer einzelnen Szene. Natürlich können auch sie im Verlauf der Handlung sterben, aber sie sind nicht nur als „Kanonenfutter“ in die Handlung geschrieben worden.

Aus diesem Grund haben „echte“ Perspektivcharaktere auch eigene, von der Haupthandlung unabhängige Handlungsstränge – womit wir wieder bei der anfänglichen Problematik wären.

Unterschiedliche Handlungsstränge in einem Roman haben mehrere Vorteile:

  1. Sie können an besonders spannenden Stellen zu einem anderen Handlungsstrang wechseln, um den Leser auf die Folter zu spannen und so die Spannung zu erhöhen. Selbst wenn der Handlungsstrang, zu dem Sie gerade wechseln, den Leser anfangs weniger interessiert als der, bei dem Sie ihn mit einem dramatischen Cliffhanger zurückgelassen haben, wird er dennoch weiter lesen, um möglichst bald zu erfahren, wie es bei „seinem“ Handlungsstrang weiter geht. Und bis es so weit ist, haben Sie ihn bereits so tief in den anderen Handlungsstrang hineingezogen, dass er sich von diesem gar nicht mehr losreißen kann.
    George R. R. Martin setzt diese Technik perfekt bei seinen Romanen ein. Jedesmal, wenn er auf einen anderen Perspektivcharakter wechselt, ist man zunächst enttäuscht, kann sich aber schon nach wenigen Seiten kaum noch von der neuen Handlung lösen.
  2. Mit unterschiedlichen Handlungssträngen können Sie das Tempo Ihres Romans regulieren und nebenbei Ihren Helden vor völlig unterschiedliche Probleme stellen: Nachdem Ihr Held sich gerade noch eine Schießerei mit feindlichen Agenten geliefert hat und nur um Haaresbreite aus dem hinter ihm explodierenden Gebäude fliehen konnte (haarsträubende Übertreibungen sind natürlich wie immer beabsichtigt ;-)), bekommt er in der nächsten Szene vielleicht einen Anruf von seiner ehemaligen Freundin, die er unbedingt für sich zurückgewinnen will. In diesem Handlungsstrang geht es nicht um Explosionen und wilde Gefechte, sondern darum, dass Ihr Held der einzigen Frau, die er jemals geliebt hat, beweisen will, dass er sich seit damals geändert hat.

Perspektivcharaktere und Handlungsstränge hängen dabei eng miteinander zusammen: Da Ihr Roman einen „Haupt-Handlungsstrang“ hat, in dem sich alles um den zentralen Konflikt Ihres Romans dreht, werden die meisten Perspektivcharaktere Ihres Romans eine ganze Reihe von Szenen haben, in denen es um den Haupt-Handlungsstrang des Romans geht.

Allerdings werden gerade die wichtigen Perspektivcharaktere wie der Sidekick/Vertraute Ihres Protagonisten oder seine Liebesbeziehung auch jeder einen davon unabhängigen, eigenen Handlungsstrang haben, der bestenfalls lose mit der Haupthandlung verknüpft ist.

Natürlich sollten auch diese Nebenhandlungen spannend sein, aber egal wie gut sie Ihnen persönlich gefallen, dürfen sie doch niemals Ihrer Haupthandlung den zentralen Platz innerhalb Ihres Romans streitig machen.

Achten Sie daher sehr genau darauf, wieviele Szenen Ihre einzelnen Perspektivcharaktere bekommen – und wieviel Szenen Sie den einzelnen Handlungsträngen zuteilen.

Dabei gilt ein ehernes Gesetz: Der Protagonist des Romans (also die Hauptfigur) bekommt mehr Szenen als jede andere Figur. Wenn Sie neben Ihrem Protagonisten nur noch einen anderen Perspektivcharakter haben, würde ich ein klares Verhältnis von 2/3 zu 1/3 empfehlen – wenn nicht gar 3/4 zu 1/4.

Je mehr Perspektivcharaktere Sie in Ihrem Roman haben, desto mehr verlagert sich dieses Verhältnis. Bei zwei oder mehr zusätzlichen Charakteren würde ich 50% der Szenen dem Protagonisten geben und die anderen 50% zu ungefähr gleichen Teilen zwischen den anderen Charakteren aufteilen.

Dasselbe gilt für die Handlungsstränge. Mindestens 50% der Szenen (besser 60-70%) Ihres Romans sollten zum Haupt-Handlungsstrang gehören – den Rest können Sie zwischen den diversen Nebenhandlungen aufteilen.

Dabei muss natürlich immer noch genug Platz bleiben, um jede dieser Nebenhandlungen sauber abschließen zu können. Je mehr Nebenhandlungen Sie also anzetteln, desto länger muss auch Ihr Roman werden – und desto komplexer muss auch die Haupt-Handlung Ihres Romans werden, damit das prozentuale Mengenverhältnis gewahrt bleibt.

Für einen „normalen“ Roman von ca. 90.000 Wörtern würde ich daher nicht mehr als maximal vier Perspektiv-Charaktere empfehlen. Meist handelt es sich dabei um den Protagonisten/Helden, den Antagonisten/Schurken, den Sidekick/Vertrauten und ggf. (je nach Handlung) die Liebesbeziehung des Protagonisten.

Daraus ergeben sich bereits bis zu fünf Handlungsstränge: Neben dem Haupt-Handlungsstrang (also dem zentralen Konflikt) braucht jeder wichtige Perspektivcharakter (höchstens mit Ausnahme des Antagonisten) eine eigene Nebenhandlung, die dazu dient, diesen Charakter noch von einer anderen Seite zu beleuchten und ihm so mehr Tiefe zu geben.

Die Nebenhandlung des Protagonisten dreht sich oft um die Schwäche, die er überwinden muss, um den zentralen Konflikt des Romans für sich entscheiden zu können. Das kann der alkoholkranke Sheriff im Western sein, der weiß, dass er trocken werden muss, um schließlich dem skrupellosen Revolverhelden im großen Showdown gegenübertreten zu können.

Diese Nebenhandlung verleiht der Figur des Protagonisten mehr Tiefe, ebenso wie die Nebenhandlungen der anderen Perspektiv-Charaktere diese als abgerundete Figuren erscheinen lassen.

Ein Handlungsstrang oder ein Konflikt ist wie eine Kerze. Auch eine Kerze wirft ihr Licht nur von einer bestimmten Seite auf die Figur, während sie die anderen Seiten im Dunkeln lässt. Um sie von anderen Seiten zu beleuchten und sie so wirklich als abgerundeten Charakter erkennen zu können, brauchen wir die Nebenhandlungen.

Um die richtige Anzahl der Perspektivcharaktere und Handlungsstränge für Ihren Roman zu ermitteln, müssen Sie diesen daher zumindest im Groben planen: Rechnen Sie aus, wie lang bei Ihnen eine durchschnittliche Szene ausfällt. Mit 1.000 bis 1.250 Wörtern (also 4-5 Seiten) liegen Sie meistens ganz gut im Rennen.

Nun rechnen Sie aus, wie lang Ihr Roman werden soll – also z.B. 400 Seiten. Multipliziert mit 250 Wörtern pro Seite gäbe das ca. 100.000 Wörter, was bei 1.000-1.250 Wörtern pro Szene ca. 80-100 Szenen ergäbe.

Mindestens die Hälfte davon sollte auf die Haupthandlung entfallen – also ca. 50 Szenen. Wenn Sie davon ausgehen, dass Sie für eine durchschnittliche Nebenhandlung zehn Szenen brauchen, um diese vollständig zu erzählen und zu einem für den Leser befriedigenden Abschluss zu bringen, können Sie neben Ihrer Haupthandlung noch 4-5 Nebenhandlungen unterbringen.

Das ganze ist natürlich keine exakte Wissenschaft, sondern lediglich eine nützliche Faustformel. Aber wenn Sie bei der Planung Ihres Fantasy-Romans merken, dass Sie bereits ein knappes Dutzend Perspektiv-Charaktere und mehr als doppelt so viele Handlungsstränge haben, sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass Sie im Begriff sind, ein Mammutwerk wie das in über 20 Jahren bereits auf über 6.000 Seiten angewachsene und noch immer nicht abgeschlossene „Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin in Angriff zu nehmen.

Falls Sie Ihr Romanprojekt einerseits irgendwann erfolgreich abschließen wollen und andererseits irgendwann auch nochmal etwas anderes schreiben wollen, sollten Sie in einem solchen Fall vielleicht doch lieber einige Charaktere und Handlungsstränge streichen und Ihr Romanprojekt auf ein realistisch machbares Maß zurückstutzen…


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Casting für Ihren Roman

Gute Geschichten – und ganz besonders Romane – leben von ihren Charakteren. Selbst die beste Handlung kann Leser nur selten fesseln, wenn die Charaktere nicht kompetent, motiviert und charismatisch sind.

Dennoch stoße ich beim Lesen von Romanen immer wieder auf Geschichten, bei denen ich mir sage: Da wäre doch mehr drin gewesen. Oft ist die dem Roman zugrunde liegende Idee erfrischend neu und interessant präsentiert – aber dann wird die Handlung leider durch schablonenartige Charaktere in die Grauzone des Mittelmaßes herunter gezogen.

Um das zu vermeiden, sollten Sie die Charaktere für Ihren nächsten Roman äußerst sorgfältig casten. Casten wie in den berüchtigten Casting-Shows, an denen man in den Privatsendern kaum noch vorbei zappen kann? Zumindest so ähnlich – allerdings nicht „Deutschland sucht den Superstar“, sondern eher „Mein Roman sucht den Superschurken“ ;-)

Die auslösende Idee für eine Romanhandlung kann ganz unterschiedlich sein. Manchmal ist es ein Bericht, den man irgendwo gelesen hat, eine Reportage im Fernsehen oder ein ungewöhnliches Erlebnis – und manchmal ist es auch eine Idee für eine ganz bestimmte Romanfigur, die einen einfach nicht mehr loslässt, bis sich vor unserem geistigen Auge nach und nach das Gerüst einer Romanhandlung um diese Figur herum aufbaut.

Manchmal haben Sie also bereits eine zentrale Figur – in den meisten Fällen den Protagonisten. Gerade wenn man Fortsetzungen zu bestehenden Romanen oder gar ganze Serien schreibt, kann man den Protagonisten als „gesetzt“ annehmen. Doch alle anderen wichtigen Rollen in Ihrem Roman sollten Sie mit einem zünftigen „Casting“ besetzen.

Dazu legen Sie zunächst einmal fest, welche „Rollen“ Sie noch zu besetzen haben. Protagonist und Antagonist (also „Held“ und „Schurke“), der Mentor, der Sidekick /  beste Freund des Helden und eventuell noch eine Liebesbeziehung.

Legen Sie nun für jede dieser Rollen ein „Anforderungsprofil“ fest, das die Idealbesetzung für diese Rolle erfüllen müsste – ähnlich wie bei einer Stellenbeschreibung.

Sagen wir, Sie wollen einen Agententhriller im Stil der James-Bond-Romane schreiben und suchen einen würdigen Gegenspieler für Ihren Top-Agenten. Welche Eigenschaften müsste ein solcher Superschurke mitbringen? Er sollte äußerst intelligent sein, dabei skrupellos, mit ausgeprägtem Machthunger und einem diabolischen Plan, den es zu vereiteln gilt. Und natürlich braucht er ein gutes, plausibles Motiv für diesen Plan – nicht nur das typisch melodramatische „die Weltherrschaft“ oder gar „die Welt vernichten“. Darüber hinaus braucht Ihr Schurke Macht, Geld, Einfluss und eine Organisation, um diesen Plan umzusetzen. Und vielleicht noch die Fähigkeiten, es im großen Finale sogar in einem direkten Showdown mit Ihrem Protagonisten aufnehmen zu können.

Stellen Sie zunächst eine Liste mit fünf bis zehn möglichst unterschiedlichen Kandidaten für diesen „Job“ auf. Wählen Sie dabei möglichst unterschiedliche Kandidaten. Wer sagt z.B., dass der Gegenspieler ein Mann sein muss? Wählen Sie Kandidaten mit unterschiedlicher Herkunft/Nationalität, unterschiedlichem sozialem und beruflichem Hintergrund. Ziehen Sie ebenso junge wie alte Kandidaten in die engere Wahl. Geben Sie ihnen ganz unterschiedliche Ziele und ebenso unterschiedliche Motive, warum sie dieses Ziel unbedingt erreichen wollen.

Dann loten Sie aus, wie weit diese die von Ihnen gesetzten Kriterien erfüllen. Sie können in dieser Phase durchaus noch nachbessern und überlegen, wie Sie die jeweilige Figur verändern/optimieren könnten, um sie zu einem besseren Kandidaten für die Rolle zu machen – aber genauso können Sie Ihre Handlungsidee anpassen, um einen besonders interessanten Kandidaten darin unterbringen zu können.

Wenn Sie sich am Ende nicht zwischen zwei oder drei Kandidaten entscheiden können, haben SIe mehrere Möglichkeiten:

1. Sie können Ihre zweite/dritte Wahl für eine Fortsetzung oder einen anderen Roman aufheben. Dafür hat man als Schriftsteller schließlich ein Ideenarchiv, in dem solche Figurenideen auf ihre große Stunde warten.

2. Sie können versuchen, die beiden Charaktere zu einem zu verschmelzen – also die Eigenschaften Ihres „B-Kandidaten“, die Sie besonders faszinieren, auf Ihren A-Kandidaten zu übertragen und so einen noch stärkeren, noch besser geeigneten „Top-Kandidaten“ zu kreieren.

…oder Sie bringen einfach beide Charaktere in die Handlung ein. Das funktioniert für Protagonisten wie für Antagonisten.

Das Prinzip mit den zwei Antagonisten kennt man aus vielen Filmen und Romanen. Sie können diese entweder unabhängig voneinander agieren lassen (z.B. in zwei getrennten Handlungssträngen) und so Ihren Protagonisten an zwei Fronten in Kämpfe verwickeln (eine ideale Quelle für das eine oder andere Dilemma…) oder Sie sorgen dafür, dass Ihre beiden Schurken sich in einer strategischen Allianz verbünden und Ihren Helden gemeinsam in die Zange nehmen. Wie heißt es so schön: Viel Feind, viel Ehr!

Zwei Protagonisten in einem Roman unterzubringen ist in der Umsetzung oft etwas schwieriger, da man meist dem Leser einen „echten“ Protagonisten als Identifikationsfigur zu geben, mit der er mitfiebert und mitleidet, statt seine Sympathie zwischen mehreren „gleichberechtigten“ Helden aufzuteilen.

Wenn man es dennoch versuchen möchte, ist eine gute Möglichkeit das aus dem Kino bekannte Prinzip des „Buddy-Movies“, bei dem sich zwei sehr gegensätzliche Charaktere erst zusammenraufen müssen, um schließlich gemeinsam dem übermächtig starken gemeinsamen Feind Paroli bieten zu können.

Falls Sie hingegen in Ihrem Roman keine zwei gleichstarken Protagonisten haben wollen, können Sie auch überlegen, Ihrer „zweiten Wahl“ eine andere Rolle zuzuteilen – z.B. die des Sidekicks/Helfers oder des Mentors.

Dabei können Sie auch Sidekick und Mentor zu einer einzigen Rolle verschmelzen und diese mit Ihrem zweitliebsten Kandidaten besetzen. Wenn Sie Ihren Krimi doch lieber aus der Perspektive des jungen, engagierten Polizisten als aus der des harten, erfahren und desillusionierten Kommissars schreiben wollen, gäbe dieser doch einen perfekten Mentor ab, der sogar aktiv eingreifen könnte, wenn es später hart auf hart kommt.

Sie können auch zu einem fiesen Trick greifen, der allerdings nicht unbedingt jedermanns Sache ist: Was wäre, wenn Ihre „zweite Wahl“ für die Rolle des Protagonisten in Wirklichkeit auf der anderen Seite stünde? Machen Sie aus ihm einen weiteren Gegenspieler für Ihren Protagonisten – ob offen oder verdeckt.

Offene Feindschaft zwischen zwei eigentlich „guten“ Charakteren kann durch Rivalität, Eifersucht, ungelöste frühere Konflikte oder auch durch tragische Missverständnisse entstehen. Solche offenen Konflikte können ihren eigenen Handlungsstrang bekommen, sind aber für den Leser nicht so überraschend wie eine heimliche, verborgene Feindschaft, die erst am Ende des Romans aufgedeckt wird.

Bei offenen Konflikten zwischen zwei „guten“ Charakteren wird der Leser meist davon ausgehen, dass diese bis zum Ende des Romans beigelegt werden und dass am Ende beide doch an einem Strang ziehen werden. Mit dieser Erwartungshaltung können Sie spielen und diese ganz gezielt zerstören, indem Sie Ihren „guten“ Gegenspieler durch seinen Hass im Laufe der Zeit immer unmoralischer und skrupelloser handeln lassen, bis dieser schließlich ebenso weit auf der „dunklen“ Seite wie der eigentliche Antagonist Ihres Romans steht und daher keine Chance mehr auf Verständnis und Vergebung hat.

Verdeckte Feindschaft hat weitaus größeres Potential. Was wäre, wenn der nur scheinbar „gute“ Zweitcharakter sich als Freund, Sidekick oder gar als wohlmeinender Mentor tarnt und in Wahrheit jede Gelegenheit nutzt, um die Pläne des Helden (in die dieser ihn vertrauensselig einweiht) zum Scheitern zu bringen?

Dabei bleibt es Ihnen überlassen, ob Sie den scheinbaren Freund zu einem Verbündeten Ihres Antagonisten machen oder ihm ein ganz eigenes Motiv mit einem völlig unterschiedlichen Handlungsstrang geben.

Auch für ein Bündnis mit dem „Bösen“ gibt es immer genug scheinbar gute Motive. Denken Sie nur an Charaktere wie Saruman aus „Der Herr der Ringe“, der sich mit Sauron verbündete, da er glaubte, dass das Gute Saurons mächtige Armeen niemals schlagen könne. Oder an Agentenfilme wie „Mission Impossible“ oder „Der Einsatz“, bei denen desillusionierte frühere Helden zu Antagonisten werden, weil sie sich von ihren Regierungen verraten und ausgenutzt fühlen.

Ein solcher Kniff hat das Zeug dazu, den Protagonisten z.B. im großen Finale gegen seinen früheren Lehrmeister antreten zu lassen, der mittlerweile auf der bösen Seite steht oder sich gar als der eigentliche Antagonist entpuppt.

Sie sehen, welche interessanten Möglichkeiten sich aus einer solchen „Casting-Aktion“ ergeben können. Lassen Sie es einfach mal auf einen Versuch ankommen und starten Sie Ihren nächsten Roman mit einem zünftigen Casting, um die perfekte Besetzung für die wichtigen Rollen in Ihrer Handlung zu finden.

Sie werden sehen, dass es nicht nur Spaß macht, sondern das Potential Ihrer Romanidee nochmal deutlich steigert.


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