Müssen Protagonisten sympathisch sein?

„Protagonisten müssen sympathisch sein, damit der Leser bereit ist, sich mit ihnen zu identifizieren, während der Antagonist (also sein Gegenspieler) möglichst unsympathisch dargestellt werden sollte – also jemand, bei dem der Leser es liebt, ihn zu hassen.“ Diesen Tipp dürfte so ziemlich jeder Schriftsteller in dieser oder ähnlicher Form schon einmal gelesen haben. Doch ist das wirklich so?

Das unbedingte Bestreben, den Protagonisten um jeden Preis sympathisch wirken zu lassen, führt in vielen Fällen zu unnatürlich gut aussehenden, adrett gekleideten, stets freundlich lächelnden Charakteren, die so verdammt perfekt sind, dass sie wie eher wie Roboter aus „Die Frauen von Stepford“ wirken.

Okay, Sarkasmus aus. Aber ganz im Ernst: beim Bemühen, den Protagonisten „sympathisch“ wirken zu lassen, kann man schnell übers Ziel hinaus schießen.

Die Sympathie des Lesers muss sich der Protagonist erst verdienen. Und dazu gehört mehr als ein nettes Äußeres.

Unabhängig davon ist es allerdings eine Tatsache, dass Sympathie überbewertet wird – jedenfalls, wenn es um Protagonisten von Romanen geht. Damit wir dem Protagonisten die Daumen drücken, muss er uns nicht zwangsläufig sympathisch sein – auch wenn ein wenig Sympathie natürlich niemals schaden kann.

Standardmäßig hat die Figur, die wir dem Leser als Protagonisten vorstellen, allein dadurch schon einen kräftigen Startbonus. Das ist auch der Grund, warum man seinen Protagonisten nach Möglichkeit bereits in der ersten Szene seines Romans einführen sollte. Der Leser muss wissen, wer die Hauptfigur des Romans ist, der er die Daumen drücken soll. Wenn er dies noch nicht (z.B. vom Klappentext bzw. der Buchbeschreibung her) weiß und Sie Ihren Roman beispielsweise mit einer Nebenfigur in einem Prolog eröffnen, besteht die Gefahr, dass Ihr Leser diesen Startbonus auf die falsche Figur setzt – ein Fehler, den man als Schriftsteller nur schwer wiedergutmachen kann.

Nein, um den Leser auf die Seite Ihres Protagonisten zu bringen und dafür zu sorgen, dass er ihm während der nächsten paar hundert Seiten die Daumen drückt, gibt es bessere Techniken als den Versuch, einen Vorzeige-Protagonisten zu entwerfen, der so perfekt ist, dass ihn einfach jeder mögen muss. Und diese Techniken kann man in der Praxis wunderbar miteinander kombinieren, um einen noch größeren Effekt zu erzielen.

Das hehre Ziel

Die erste (und wirkungsvollste) Technik ist, dass Sie Ihrem Protagonisten ein Ziel geben, von dem der Leser hofft, dass er es erreichen wird. Bonuspunkte gibt es, wenn dieses Ziel nicht in erster Linie zum Nutzen des Protagonisten selbst ist, sondern „größer als er selbst“ ist.

Wenn Ihr Protagonist eine Million Dollar verdienen will, bedeutet das noch lange nicht, dass der Leser ihm dafür die Daumen drückt. Alles kommt darauf an, warum er das möchte. Wenn er das Geld für kühle Drinks und heiße Partys ausgeben will, bringt ihm das nicht unbedingt Sympathiepunkte ein. Will er mit dem Geld hingegen die Operation seiner kranken Mutter finanzieren oder ein von der Schließung bedrohtes Waisenhaus retten (um mal verdammt tief in die Klischee-Kiste zu greifen), sieht die Sache schon ganz anders aus.

Je mehr der Leser das eigentliche Ziel, also die Motivation des Protagonisten, gutheißt und unterstützt, desto nebensächlicher wird es, den Protagonisten im klassischen Sinne „sympathisch“ darzustellen.

Nehmen wir beispielsweise einen Mann, der bei einem mit seinen Komplizen verübten Bankraub durch einen Querschläger den Tod eines Wachmanns verschuldet hat. Als er vor seinen Komplizen aus dem Gefängnis kommt, will er die von der Polizei niemals gefundene Beute bergen, um mit dem Geld der Familie des getöteten Wachmanns zu helfen. Da die Frau trotz ihrer schwierigen Lage niemals die Hilfe des Mannes annehmen würde, der ihren Mann auf dem Gewissen hat, nimmt er eine falsche Identität an. Als seine früheren Komplizen aus dem Gefängnis entkommen, gerät nicht nur er, sondern auch die Familie des toten Wachmanns in tödliche Gefahr.

Obwohl in diesem Beispiel der Protagonist ein Verbrecher ist, der sich auch nach seiner Gefängnisstrafe nicht ans Gesetz hält, wird der Leser ihm die Daumen drücken – einem typischen „Antihelden“.

Der Underdog

Die zweite Technik ist, dass Sie Ihren Protagonisten zu einem Außenseiter machen. Sorgen Sie dafür, dass er nicht auf der Sonnenseite des Lebens steht, sondern sich in einer ziemlich perspektivlosen Situation befindet.

Er ist derjenige, dem niemand etwas zutraut oder der von anderen ausgegrenzt wird. Machen Sie ihm das Leben durch Vorurteile und Ungerechtigkeiten schwer. Je weniger er selbst für seine Situation und die ungerechten Ereignisse kann, desto mehr bringt dies die Leser auf seine Seite.

Geben Sie ihm Gegner und Feinde, die ihm unverdienterweise das Leben schwer machen. Gegner, die am längeren Hebel sitzen und es lieben, ihre Macht auszuspielen. Feinde, die ihm aufgrund von Vorurteilen oder zur Stärkung ihrer eigenen Situation das Leben schwer machen.

Und natürlich sorgen Sie dafür, dass Ihr Protagonist sich trotz dieser Ereignisse nicht unterkriegen lässt, sondern versucht, trotz aller Schwierigkeiten das Beste aus seiner Situation zu machen bzw. diese zu verbessern.

Leser halten gern zum Schwächeren – besonders dann, wenn er ungerecht und unfair behandelt wird. Wir drücken nicht dem hünenhaften und schwer gepanzerten Goliath die Daumen, sondern dem scheinbar unterlegenen David mit seiner lächerlichen kleinen Steinschleuder.

Hilfsbereitschaft

Die dritte Technik ist, dass Sie Ihren Protagonisten hilfsbereit machen. Das geht in eine ähnliche Richtung wie das „hehre Ziel“, ist aber nicht dasselbe. Hier geht es darum, dass Ihr Protagonist anderen hilft, denen es (noch) schlechter als ihm selbst geht.

Viele Menschen helfen anderen nur, weil sie in der einen oder anderen Form eine Gegenleistung oder Kompensation erwarten. Sie helfen anderen, damit diese in ihrer Schuld stehen und sich später dafür revanchieren können – ganz nach dem Motto „eine Hand wäscht die andere“.

Lassen Sie Ihren Protagonist darum uneigennützig helfen, also Leuten, von denen er niemals erwarten würde, dass diese irgendwann in der Lage sein könnten, sich für den erwiesenen Gefallen zu revanchieren.

Hierunter fallen die sogenannten „Save the cat“-Szenen, wie sie gerne von Drehbuchautoren bezeichnet werden: Der Protagonist rettet beispielsweise eine hilflose Katze vom Baum oder vor einem aggressiven Hund und zeigt damit, dass er ein netter Kerl ist, der für andere da ist. Auch andere gute Taten wie jemand, der einen durchgefrorenen Obdachlosen zu einem Mittagessen ins Restaurant einlädt und ihm bessere Schuhe und einen dicken Mantel kauft, fallen in diese Kategorie.

Die Wirkung solcher Szenen lässt sich noch deutlich steigern, wenn Ihr Protagonist mit seiner Hilfsbereitschaft ein echtes Opfer bringt oder ein persönliches Risiko eingeht:

Wenn Ihr Protagonist dem Obdachlosen wie Sankt Martin seinen eigenen Mantel überlässt, weil dieser ihn dringender braucht, hat das eine weit größere Wirkung, als wenn er mit seiner Platin-Kreditkarte ins nächste Geschäft geht und dort einen Mantel für den Obdachlosen kauft.

Wenn Ihr Protagonist einer jungen Frau gegen ein paar aggressiv pöbelnde Jugendliche hilft, ist das wesentlich wirkungsvoller, wenn er dazwischen geht, obwohl die Rowdys ihm körperlich überlegen sind, als wenn er (um nochmal ganz tief in die Klischee-Kiste zu greifen) über einen schwarzen Gürtel in Karate und/oder jahrelange Kampferfahrung als Elite-Soldat verfügt.

Diese Technik lässt sich wunderbar mit der „Underdog-Technik“ kombinieren: Obwohl Ihr Protagonist in einer Situation ist, in der er selbst genug Sorgen und Probleme hat, hilft er dennoch uneigennützig anderen, denen es noch schlechter als ihm selbst geht.

Diese Hilfsbereitschaft Ihres Protagonisten können Sie natürlich auch für einen netten Plot-Twist verwenden, indem gerade die Person, der Ihr Protagonist anfangs ganz uneigennützig geholfen hat, sich gegen Ende in einer entscheidenden Situation völlig unerwartet revanchieren kann. Damit schließt sich dann der Kreis und gibt der Szene vom Anfang rückblickend noch eine ganz andere Bedeutung als nur die, Ihren Protagonisten sympathisch rüberkommen zu lassen.


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Definieren Sie Ihren Protagonisten durch seine Werte

In der vorletzten Woche haben wir uns angeschaut, wie man nach der Methode von Lajos Egri einen Protagonisten als ‚dreidimensionale‘ Figur konstruieren kann, indem man sowohl seine physiologische und seine soziologische als auch seine psychologische Dimension berücksichtigt.

Doch es gibt noch eine weitere sehr effektive Methode, die einem nicht nur dabei hilft, seinen Protagonisten ‚von innen nach außen‘ zu konstruieren, sondern die es zugleich auch viel leichter macht, den Protagonisten beim Planen der Romanhandlung und beim späteren Schreiben des Romans glaubwürdig und konsistent handeln zu lassen: die Verwendung eines hierarchisch aufgebauten Wertesystems.

Unsere Entscheidungen und Handlungen werden durch unsere Werte bestimmt – also dadurch, was uns wichtiger (oder weniger wichtig) als andere Dinge ist. Daher sollten wir auch die Werte unseres Protagonisten kennen, um beurteilen zu können, was für ihn die logische Entscheidung oder Reaktion auf eine bestimmte Entwicklung, ein Angebot oder eine sich bietende Gelegenheit wäre.

Das klingt im ersten Moment vielleicht etwas theoretisch, wird aber gleich klarer werden. Es gibt viele Werte, die unser Leben bestimmen. Nehmen Sie beispielsweise Werte wie Ehrlichkeit, Familie, Macht, Loyalität, Gesundheit, Sicherheit, Freiheit, Anerkennung, Liebe, Religiosität, Abenteuer, Status oder Abwechslung, um nur einen kleinen Ausschnitt aus der Liste zu wählen. Je nachdem, in welche hierarchische Reihenfolge Sie diese Werte bringen (also diese ihrer Bedeutung für die Person nach in absteigender Reihenfolge sortieren), ergeben sich allein daraus schon vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten.

Stellen Sie sich eine Person vor, für die Sicherheit, Familie und Liebe ganz oben stehen, und eine andere, deren höchste Werte Freiheit, Abenteuer und Gesundheit sind. Egal, in welcher Reihenfolge die anderen beispielhaft aufgeführten Werte in ihrer persönlichen Wertehierarchie stehen, kann man sich jetzt schon vorstellen, wie unterschiedlich diese beiden Personen sich in bestimmten Situationen verhalten werden.

Während die erste Person jemand ist, der vermutlich in einer festen Beziehung lebt oder nach einer solchen sucht, könnte man sich die zweite eher als Single vorstellen oder als jemanden, der stets nur offene, unverbindliche und nicht auf lange Sicht angelegte Beziehungen führt.

Solche unterschiedlichen Charakterprofile sind bestens geeignet, um eine spannende, konfliktreiche Handlung zu erhalten. Stellen Sie sich vor, der freiheits- und abwechslungsliebende Charakter verliebt sich bis über beide Ohren in jemanden, für den Sicherheit und Familie am wichtigsten sind. Egal, wer von beiden der Mann und wer die Frau ist – es dürfte keine einfache Beziehung werden und für einiges an Spannung sorgen, bis sich entscheidet, ob beide wirklich eine gemeinsame Zukunft haben können.

Genauso können Sie eine spannende Handlung mit einem interessanten Protagonisten erhalten, indem Sie das seit Jahren oder Jahrzehnten bestehende Wertesystem einer Person durch ein einschneidendes Ereignis auf den Kopf stellen. Stellen wir uns jemanden vor, für den Sicherheit und Ehrlichkeit ganz oben stehen. Vielleicht ist derjenige ein korrekter Buchhalter oder ein Programmierer in einer Bank. Eines Tages bekommt dieser ehrliche, korrekte Mensch beim Arzt die Diagnose, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Plötzlich rückt der Wert „Gesundheit“ in seiner persönlichen Wertehierarchie ganz nach oben, denn bekanntlich weiß man ja erst dann zu schätzen, was man hat, wenn man es zu verlieren droht. Was könnte passieren, wenn dieser Mann hört, dass es in den USA eine experimentelle Therapie gibt, die ihn heilen könnte, die aber von seiner Krankenkasse nicht bezahlt wird und zudem eine hohe sechsstellige Summe kosten würde? Genau wie Walter White, der anfangs harmlose Chemielehrer in „Breaking Bad“, nach seiner lebensbedrohlichen Erkrankheit zum skrupellosen Drogenbaron mutiert, dürfte auch das Leben dieser Person sich durch die erschütternde Nachricht von Grund auf ändern.

Einen stoischen Protagonisten, der das Schicksal einfach akzeptiert und treu und brav seinen Job weiter macht, bis die Krankheit ihn ans Bett fesselt und schließlich dahin rafft, können wir für einen Roman nicht gebrauchen. Nein, unser Protagonist (nennen wir ihn Frank) will leben. Wenn Gesundheit und Überleben plötzlich die obersten Werte seiner persönlichen Wertehierarchie darstellen und danach erst mal ganz lange nichts kommt, wird er sowohl auf Ehrlichkeit als auch auf Sicherheit pfeifen, wenn es eine Entweder-Oder-Entscheidung ist. Er wird überlegen, wie er möglichst schnell zu so viel Geld kommen kann, dass er sich die experimentelle Behandlung für seine Krankheit leisten kann. Ein Banküberfall wäre eine riskante Kurzschlussreaktion, aber wenn Frank wie eben angedacht Buchhalter oder Programmierer in einer Bank ist, eröffnen sich ihm ganz andere Möglichkeiten, mit seiner neu erwachten kriminellen Energie rasch zu Geld zu kommen.

Im Gegensatz zu jemandem, der sich mit Betrug ein angenehmes Leben machen will und daher darauf achtet, dass ihm möglichst langfristig niemand auf die Schliche kommt, kann Frank auf Risiko gehen und den Aspekt ‚Sicherheit‘ vernachlässigen. Sobald er sich die lebensrettende Operation leisten konnte, ist es für ihn zweitrangig, ob er später geschnappt wird. Besser lebendig und gesund hinter Gittern als zwei Meter unter der Erde.

Oder vielleicht ist es die Frau oder die Tochter des Protagonisten, die unter einer lebensbedrohlichen Krankheit leidet und nur durch eine astronomisch teure Behandlung gerettet werden kann. Wenn Liebe und Familie für ihn ganz oben stehen, wird auch er in einer solchen Situation vermutlich Werte wie Ehrlichkeit und Sicherheit über Bord werfen, um die zu schützen und zu retten, die ihm alles bedeuten.

Werte bestimmen auch, was eine Person tun würde. Sie bestimmen, was ihre erste Wahl wäre, wozu sie sich überwinden könnte und was sie um keinen Preis der Welt tun würde. Das können Sie auf zweierlei Weise für Ihre Romanhandlung nutzen.

Zunächst einmal kann man sich das Duell zwischen Protagonist und Antagonist im zentralen Konflikt eines Romans ein wenig wie ein Tauziehen vorstellen, bei dem es vor und zurück geht. Jeder spielt abwechselnd seine Karten und Trümpfe aus, die er entweder durch seinen Charakter, seine Fähigkeiten oder seine Kontakte von vorneherein auf der Hand hat oder die er im Laufe der Handlung zugespielt bekommt, um mit einem Ruck in die richtige Richtung die Handlung zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen. Doch das Wertesystem des Protagonisten bestimmt, welche Karten er auszuspielen bereit ist.

Stellen Sie sich zwei Abenteurer vor, die beide auf der Suche nach einem Schatz sind. Es ist ein Wettlauf: wer den Schatz zuerst findet, hat gewonnen, der andere geht leer aus. Wenn unser Protagonist nun die Gelegenheit erhält, durch eine ‚kleine Falschaussage‘ seinem Gegner die Polizei auf den Hals zu hetzen und sich so einen Vorsprung zu sichern – würde er es tun? Was wäre, wenn er einen Flug mit einer alten klapprigen Maschine angeboten bekommt, die so aussieht, als ob sie nur noch durch Rost und Klebeband zusammengehalten würde? Und was, wenn es auch noch erforderlich wäre, mit dem Fallschirm über dem Amazonas-Dschungel abzuspringen? Dies alles sind Entscheidungen, die durch das Wertesystem des jeweiligen Protagonisten bestimmt werden.

Auch die Frage, was Ihr Protagonist niemals tun würde, ist von essentieller Bedeutung. Geben Sie sich hier nicht mit einem Punkt zufrieden, sondern finden Sie mindestens drei Dinge, die dermaßen gegen seine persönlichen Werte verstoßen, dass er sie niemals tun würde. Führen Sie ihn im Laufe der Handlung mehrfach in Versuchung, indem Sie ihm eine mögliche einfache Lösung für ein ganz konkretes, gravierendes Problem offerieren, für die er „nur“ gegen seine Werte verstoßen müsste.

Die Entscheidung Ihres Protagonisten angesichts einer solchen Versuchung zeigt Ihrem Leser, aus was für einem Holz Ihr Protagonist geschnitzt ist. Lassen Sie ihn widerstehen und den schwererern, aber mit seinen zentralen Werten konformen Weg gehen – aber nur bis kurz vor Schluss.

Wenn Ihr Protagonist es schafft, als „strahlender Held“, der bis zum Schluss seinen Werten und Normen treu bleibt und ohne einen dunklen Fleck auf seiner strahlend weißen Weste, das Ziel zu erreichen, haben Sie als Autor etwas falsch gemacht. Zwingen Sie Ihren Protagonisten stattdessen ganz zum Schluss, eine schwere Entscheidung zu treffen, die man nur als die Wahl zwischen zwei Übeln bezeichnen kann. Er kann siegen – doch dafür muss er ein persönliches Opfer bringen. Zwingen Sie Ihn, eine Grenze zu überschreiten, von der er sich geschworen hat, sie niemals zu überschreiten.

Nehmen wir als Beispielhandlung einen Technothriller, in dem der Protagonist ein Agent ist, der eine Bedrohung durch einen tödlichen Biokampfstoff beseitigen soll, der von Terroristen aus einem geheimen Forschungslabor gestohlen wurde – nennen wir ihn Jeff.

Machen wir aus ihm keinen 08/15-Action-Bond-Verschnitt, sondern sagen wir, dass Jeff niemals einen Menschen töten würde – außer vielleicht in absoluter Notwehr, wenn ein zu allem entschlossener Angreifer sein Leben oder das Anderer bedroht und auf andere Weise nicht gestoppt werden kann. Bringen Sie ihn im Laufe der Handlung mehrfach in Schwierigkeiten, weil er einen Gegner verschont hat, statt ihn endgültig auszuschalten. Erst ganz zum Schluss manövrieren Sie ihn in eine Situation, in der die Konsequenzen zu gravierend wären, wenn er seinem Grundsatz treu bleiben würde.

Diese finale und schwerste Entscheidung, zu der wir unseren Protagonisten zwingen, hat maßgeblichen Einfluss darauf, wie lange nach der letzten Seite die Handlung dem Leser noch in Erinnerung bleibt.

Sagen wir, dass Jeff im Laufe der Handlung die Wissenschaftlerin Elsa kennengelernt und sich während der Mission in sie verliebt hat. Bis kurz vor Schluss sieht alles so aus, als ob es ein Happy End für Jeff und Elsa geben würde: das Hauptquartier der Terroristen ist zerstört, ebenso ihr Labor mit dem tödlichen Biokampfstoff. Jeff und Elsa haben es lebend heraus geschafft – doch dann erkennt Jeff, dass Elsa sich durch eine kleine Verletzung mit dem Erreger infiziert hatte. Es ist nur noch eine Frage von Minuten, bis die Erkrankung ausbricht und Elsa mit jedem Hustenanfall tödliche Viren verbreitet, die innerhalb weniger Tage ganze Großstädte entvölkern könnten. Wenn Jeff die Seuche noch aufhalten will, muss er Elsa töten, bevor die Krankheit ausbricht, und ihren Körper mitsamt dem Erreger verbrennen. Es gibt kein Gegenmittel, kein Quarantänelabor, in das er Elsa noch rechtzeitig bringen könnte – nur noch die Entscheidung, die Frau zu töten, die er liebt, oder das Schicksal von Millionen Menschen zu besiegeln.

Egal, was man von einer solchen Romanhandlung hält – es ist definitiv ein Ende, das kein Leser so schnell vergisst und das nur durch das frühzeitig eingeführte Wertesystem des Protagonisten und die Grenze, die er niemals überschreiten will, so effektiv wird. Denken Sie sich dieselbe Handlung mit einem abgebrüht pragmatischen Protagonisten vom Schlag eines Jack Bauer aus „24“, der gewohnt ist, im Interesse „der guten Sache“ auch amoralisch, skrupellos und brutal zu handeln. Dasselbe Ende wäre nicht mehr dramatisch, sondern würde aufgesetzt und überflüssig wirken.

Überlegen Sie sich daher im Vorfeld nicht nur, was die wichtigsten Werte im Leben Ihres Protagonisten sind, sondern auch, was er niemals tun und welche Grenze(n) er niemals überschreiten würde. Allein das wird Ihren Protagonisten nicht nur zu einer abgerundeteren Persönlichkeit machen, sondern Ihnen auch ganz neue Optionen für eine spannende und dramatische Romanhandlung eröffnen.


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Charakterdesign von innen nach außen: Dreidimensionale Protagonisten nach Lajos Egri

In der vergangenen Woche hatten wir uns mit dem Unterschied zwischen Charakter-Fragebögen, die die Protagonisten „von außen nach innen“ entwerfen, und dem Entwurf eines Protagonisten „von innen nach außen“ beschäftigt.

Ein guter Ansatz hierfür ist der des Schriftstellers und Schreiblehrers Lajos Egri, der in seinem Buch „Literarisches Schreiben“ von ‚dreidimensionalen‘ Charakteren spricht. Diese haben nach Egris Definition eine physiologische, eine soziologische und eine psychologische Dimension, die sich gegenseitig beeinflussen und erst durch ihr Zusammenspiel eine realistische Romanfigur ergeben.

Die physiologische Dimension umfasst alle körperlichen Aspekte der Figur. Es ist klar, dass ein gutaussehender, hünenhafter junger Mann mit athletischem Körperbau ein ganz anderes Leben führt als jemand, der von Natur aus klein, eher schwächlich oder zu Übergewicht neigend ist oder dessen Aussehen ziemlich weit von der klassischen Definition von ‚gutaussehend‘ abweicht. Auch Behinderungen und andere Handicaps wie Narben oder chronische Erkrankungen gehören mit zur physiologischen Dimension der Figur.

Die soziologische Dimension umfasst das Umfeld der Romanfigur. In was für einem sozialen Umfeld und in was für einer Familie ist sie aufgewachsen? Ein Mädchen, das in der Großstadt bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufwächst, die von Männern die Nase voll hat und kein gutes Haar an ihnen lässt, und die durch die Berufstätigkeit ihrer Mutter den größten Teil des Tages sich selbst überlassen ist, wird sich durch dieses Umfeld anders entwickeln als ein Mädchen, das in einer glücklichen Familie mit mehreren Geschwistern in einer ländlichen Gegend aufwächst und die immer das Gefühl hatte, dass ihre Eltern stets Zeit für sie haben und für sie da sind. Zur soziologischen Dimension gehört auch der Freundes- bzw. Bekanntenkreis und später das berufliche Umfeld mit Kollegen.

Viele Psychologen vertreten heutzutage den Standpunkt, dass wir uns in vielen Aspekten unseres Lebens an die drei Personen annähern, mit denen wir die meiste Zeit verbringen. Sind diese Personen beispielsweise sportlich aktiv und fitnessbewusst, wird man selbst auch eher zu einem solchen Leben animiert, während man sich damit schwer tun wird, wenn man die meiste Zeit mit übergewichtigen Couch-Potatos verbringt. Hier gilt nicht die alte Redensart „gleich zu gleich gesellt sich gern“, sondern die Auswahl der Leute, mit denen wir den größten Teil unserer Zeit verbringen, beeinflusst sehr stark, in welche Richtung wir selbst uns entwickeln.

Das ist auch einer der Gründe, warum Geschichten so erfolgreich sind, in denen der Protagonist des Romans aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen und einer völlig neuen Umgebung mit anderen Konventionen ausgesetzt wird. In welchen Aspekten wird die Figur sich an das neue Umfeld anpassen und sich dadurch verändern – zum Guten oder auch zum Schlechten? Denken Sie beispielsweise an Harry Potter, der an seinem 11. Geburtstag aus seinem gewohnten Umfeld (gehässige Familie, ein kleiner Verschlag unter der Treppe als Kinderzimmer) herausgerissen wird und nun als Zauberlehrling auf einer magischen Schule erfährt, dass nicht nur Magie existiert, sondern dass er selbst auch etwas ganz Besonderes ist.

Die dritte Dimension nach Lajos Egri ist die psychologische Dimension, die sich auch den anderen beiden Dimensionen ergibt bzw. entwickelt. Jemand, der groß, gutaussehend und intelligent ist und dem seine Eltern und sein Umfeld stets zu verstehen gegeben haben, dass er etwas Besonderes ist und in seinem Leben noch Großes erreichen wird, entwickelt eine ganz andere Sicht der Welt und des Lebens als jemand, der in Armut aufgewachsen ist und von seinem arbeitslosen, trunksüchtigen und gewalttätigen Vater seit frühester Kindheit ständig schikaniert und als dummer Nichtsnutz bezeichnet wurde.

Gut, das war jetzt ein verdammt tiefer Griff in die Klischeekiste, aber es geht ja auch nur darum, das Konzept zu verdeutlichen. ;-)

Lajos Egris Konzept hat einen ganz besonderen Charme, da es dynamisch ist und die Möglichkeit von Veränderungen berücksichtigt. Man kann sich das ähnlich wie bei einem dreibeinigen Hocker vorstellen: verändert man die Länge eines der Beine, ändert sich dadurch automatisch die Neigung und Ausrichtung der Sitzfläche, die anschließend entweder waagerechter als zuvor ist oder aber durch die Änderung in Schieflage gerät.

Wenn man einen glaubwürdigen ‚dreidimensionalen‘ Protagonisten nach Lajos Egri entwirft (egal, in welcher Lebensphase sich dieser bisher befindet), kann schon die Veränderung der physiologischen oder der soziologischen Dimension den Stoff für eine interessante Romanhandlung bieten.

Veränderungen der physiologischen Dimension sind meist Verschlechterungen: Erkrankungen, Unfälle, Behinderungen oder Alterserscheinungen. Ein erfolgreicher Geschäftsmann, der durch eine lebensbedrohliche Krankheit dazu gezwungen wird, sein Leben und seine Prioritäten zu überdenken. Ein Berufssportler, der bei einem Autounfall ein Bein verliert oder gar im Rollstuhl landet. Eine Schauspielerin, die gegen das Alter ankämpft und fürchtet, keine großen Rollen mehr zu bekommen, wenn sie nicht mehr jugendlich schön und faltenfrei ist. Alles Stoff, aus dem man interessante Protagonisten und Geschichten entwickeln könnte.

Auch Verbesserungen der physiologischen Dimension sind im Rahmen einer Romanhandlung möglich, wie beispielsweise im Thriller „Johnny Handsome – Der schöne Johnny“ mit Mickey Rourke. Oder denken Sie an die schon hundertfach in den unterschiedlichsten Varianten erzählte Geschichte, in denen jemand, der früher in der Schule dick, von Akne geplagt o.ä. war oder eine dicke Brille trug, nach Jahren anlässlich eines Klassentreffens zurückkehrt und (mittlerweile schlank, sportlich, gutaussehend und erfolgreich) auf seine ehemaligen Klassenkameraden trifft, die sich damals über ihn lustig gemacht oder ihn gar gemobbt hatten. Auch solche Veränderungen haben jede Menge Potential für eine spannende Romanhandlung.

Veränderungen der soziologischen Dimension können gut, schlecht oder einfach nur anders sein. Ein kleiner Angestellter soll das Erbe seines verstorbenen Onkels antreten und dessen Firma übernehmen. Ein erfolgreicher Hedgefond-Manager muss, nachdem er durch eine Fehlspekulation sowohl seinen Job als auch sein privates Vermögen verloren hat, in eine heruntergekommene Gegend ziehen. Ein amerikanischer Geschäftsmann muss für ein Jahr mit seiner Familie nach Korea, um die dortige Niederlassung seiner Firma zu leiten.

Auch hier kann jede Änderung, die das bisherige Gleichgewicht in eine Schieflage bringt, den Grundstock für eine interessante Handlung darstellen. Welchen Einfluss haben die Änderungen auf den Protagonisten? Gelingt es ihm, sich an die neue Umgebung anzupassen? Welche Überzeugungen, Gewohnheiten oder Vorurteile muss er überdenken oder über Bord werfen, um sich mit der veränderten Situation zu arrangieren und den zentralen Konflikt zu lösen?

Die psychologische Dimension ergibt sich zu einem guten Teil aus der physiologischen und der soziologischen Dimension der Figur. Bestimmte Aspekte wie Intelligenz sind zwar zumindest teilweise angeboren, doch der größte Teil der psychologischen Dimension ist von der physiologischen und der soziologischen Dimension abhängig.

Stellen Sie sich einen hageren jungen Mann mit abstehenden Ohren und einer auffälligen Adlernase vor, die fast schon an die einer geschnitzten Kasper-Figur erinnert. Was sich aus dieser physiologischen Dimension für ein Charakter (psychologische Dimension) entwickelt, hängt zu einem guten Teil von der soziologischen Dimension seiner Figur ab: Wenn dieser Junge der Sohn einer Arbeiterfamilie ist, der in der Schule wegen seines Aussehens gehänselt wird, wird er vielleicht sehr schüchtern sein, einen Minderwertigkeitskomplex entwickeln und zum Stottern neigen.

Stellen Sie sich auf der anderen Seite vor, dieser Junge wäre der einzige Sohn eines millionenschweren Industriellen. Die auffällige Nase, die bei dem Arbeiterkind für Komplexe gesorgt hätte, sieht er als besonderes Familienmerkmal, da er diese auch bei seinem Vater und auf den Gemälden seiner Ahnen sieht, die überall in der Industriellenvilla hängen. Wenn andere Kinder ihn wegen seines Aussehens ablehnen würden, würde dies bei ihm vermutlich eher zur Ausprägung einer kalten, arroganten Schale führen, nicht jedoch zu einem Minderwertigkeitskomplex oder einem Stottern.

Die Umgebung, in der wir aufwachsen, die politischen Einstellungen und ethischen und moralischen Werte, die wir von unseren Eltern vermittelt bekommen, die Glaubenssätze, die wir in unserer Kindheit und Jugend über Dinge wie Geld und Familie vermittelt bekommen und die Freunde, mit denen wir uns in unserer Jugend umgeben, haben maßgeblichen Einfluss darauf, zu was für einem Charakter wir uns entwickeln – und genau dasselbe gilt auch für Romanfiguren wie unseren Protagonisten.

Wenn Sie die Vorgeschichte Ihres Protagonisten entwerfen und ihn so zu einer abgerundeten, dreidimensionalen Figur nach Lajos Egri entwickeln, können Sie weit besser einschätzen, wie dieser Protagonist sich in einer bestimmten Situation entscheiden und handeln würde. Auch wenn diese Informationen es vielleicht niemals auf die Seiten Ihres Romans schaffen, wird der Leser dennoch spüren, dass Ihr Protagonist eine echte, abgerundete Persönlichkeit ist. Und das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass der Leser auch die Romanhandlung als plausibel und glaubwürdig empfindet.


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Von Charakter-Fragebögen, Charakter-Dossiers und Casting für Charaktere…

Wenn es um den Entwurf von Romanfiguren (und ganz speziell Protagonisten) geht, liest man häufig den Tipp, zu dieser Figur einen Charakter-Fragebogen auszufüllen, um sie besser kennenzulernen. Der dahinter liegende Gedanke ist zwar richtig, doch der Ansatz mit dem Charakter-Fragebogen zäumt das Pferd leider von hinten auf.

Natürlich ist es richtig, dass man als Schriftsteller seine Romanfiguren und speziell seinen Protagonisten sehr gut kennen muss – sogar besser, als man die meisten ‚realen‘ Personen im eigenen Umfeld kennt. Denn wie will man glaubwürdig aus der Perspektive einer Person schreiben und eine Handlung entwickeln, die der Leser später als realistisch und plausibel empfindet, wenn man sich nicht gut genug in die Gedanken, Motive und Pläne dieser fiktionalen Person hineinversetzen kann, um sie realistisch handeln zu lassen?

Doch mit dem Ausfüllen eines Charakter-Fragebogens zu beginnen ist, so logisch und sinnvoll er einem auch auf den ersten Blick erscheinen mag, dennoch der falsche Ansatz.

Ich möchte hier ganz bewusst zwischen einem Charakter-Bogen (oder auch ‚Charakter-Dossier‘) und einem Charakter-Fragebogen differenzieren. Auch wenn beide in ausgefülltem Zustand gar nicht so unähnlich aussehen, handelt es sich dennoch um einen völlig anderen Ansatz. Während man beim Charakter-Fragebogen (von dem ich persönlich nicht allzu viel halte) den Fragebogen der Reihe nach mit Daten füllt und hofft, dadurch einen abgerundeten Romancharakter zu erhalten, dient der Charakter-Bogen (bzw. das ‚Charakter-Dossier‘) dazu, alles festzuhalten, was man als Schriftsteller bereits über eine bestimmte Romanfigur weiß. Um Verwechslungen zu vermeiden, werde ich diese Variante im Rest des Artikels als ‚Charakter-Dossier‘ bezeichnen.

Charakter-Dossiers sind eine feine Sache, auf die man als Schriftsteller kaum verzichten kann. Sie sorgen dafür, dass man beim Schreiben stets die Übersicht behält und nicht Gefahr läuft, sich im Laufe der Romanhandlung durch vergessene oder verwechselte Details selbst zu widersprechen. Selbst bekannten Schriftstellern passiert es gelegentlich, dass eine Person im Laufe des Romans beispielsweise ihre Augenfarbe wechselt oder dass ihr Name ab einer bestimmten Stelle des Romans auf einmal anders geschrieben wird. Solche ärgerlichen Detailfehler entgehen leider viel zu häufig sogar den Lektoren klassischer Verlage, so dass sie es bis ins gedruckte Buch schaffen und dann für negative Rezensionen durch ebenso aufmerksame wie kritische Leser sorgen.

Charakter-Dossiers verhindern, dass man auf Seite 10 eine Figur mit schütterem Haar schildert und diese Person sich dann auf Seite 90 mit den Händen nervös durch ihre dicken Locken fährt. Alles, was man über eine Romanfigur, ihre Eigenschaften, Kenntnisse, Vorlieben und Vergangenheit auf den Seiten des Romans bereits erwähnt hat, gehört definitiv in das Charakter-Dossier dieser Figur – ob es nun die Tatsache ist, dass die Person Linkshänder ist, dass sie einen auffälligen Siegelring trägt oder dass, wie Sie sich beim Schreiben einer Dialogszene überlegt haben, die Eltern der Romanfigur 1993 bei einem Autounfall mit Fahrerflucht ums Leben gekommen sind.

Doch während ein solches Dossier während der Entstehung eines Romans erst nach und nach wächst, da man als Schriftsteller während des Schreibens seine Romancharaktere immer besser kennen lernt und neue Details über sie entdeckt, erfindet und einfließen lässt, erinnert der ‚Charakter-Fragebogen‘ mehr an eine ‚Lego-Bauanleitung für Romanfiguren‘.

Bei dem an sich löblichen Versuch, den Schriftsteller beim Entwurf abgerundeter und realistischer Charaktere zu unterstützen, fangen solche Fragebögen (was einem ja auch an sich durchaus logisch erscheint) üblicherweise mit den ‚Eckdaten‘ einer Figur an, die man auch auf einem Steckbrief finden könnte (Name, Alter, Größe, Haar- und Augenfarbe…), und gehen dann mehr ins Detail, indem man oft mehrere Seiten lang Angaben wie Beruf, Familie, Kleidungsstil, Lieblingsfarbe und Lieblingsessen ausfüllt.

Ich habe überhaupt nichts gegen die Fragen aus diesen Fragebögen. Solche Details über die Figuren und speziell den eigenen Protagonisten zu wissen, ist selbstverständlich nützlich, da man sie bei verschiedenen Gelegenheiten in die Handlung einstreuen und so den Eindruck eines realen Menschen erzeugen kann.

Das Ausfüllen eines solchen Fragebogens ist allerdings der komplett falsche Ansatz, um mit dem Entwurf einer wichtigen Romanfigur wie des Protagonisten zu beginnen. Wenn Sie beispielsweise überlegen, sich ein neues Auto zu kaufen, würden Sie vermutlich auch erst einmal abwägen, ob Sie einen wendigen Kleinwagen, einen geräumigen Kombi, ein sportliches Cabrio oder ein bulliges SUV mit Allrad brauchen, welche Marken in Frage kommen und auf welche Leistungsmerkmale Sie Wert legen, bevor Sie sich über Details wie das Textilmuster der Sitze oder die passenden Alu-Felgen Gedanken machen.

Einen interessanten Protagonisten, dem der Leser auf seinem Abenteuer folgen möchte, kann man nicht nach Schema F innerhalb weniger Minuten durch das Ausfüllen eines standardisierten Fragebogens entwerfen.

So etwas kann man für unwichtige Nebenfiguren im Roman machen, aber nicht für die wirklich wichtigen Rollen innerhalb des Romans wie den Protagonisten oder den Antagonisten.

Der bessere Ansatz ist, mit dem Entwurf des Protagonisten von innen nach außen anzufangen und Details wie Name, Aussehen oder auch den Beruf erst später zu ergänzen.

Wenn Sie auch nur zu früh den Namen einer Figur festlegen (üblicherweise ist das bereits die erste Frage eines solchen Charakter-Fragebogens!), beschneiden Sie sich selbst in Ihren Möglichkeiten und schließen Optionen aus, die vielleicht die weitaus bessere Wahl gewesen wären.

Wenn Sie beispielsweise damit anfangen, dass Sie über einen Polizisten schreiben wollen, und diesen Frank Weller nennen, haben Sie den größten Teil Ihrer Optionen bereits von vorneherein ausgeschlossen. Vielleicht würde Ihre Story noch viel besser, wenn Ihr Protagonist kein Polizist, sondern eine Polizistin wäre. Oder kein Deutscher, sondern ein Italiener oder Tunesier. Je nachdem, welche Ideen Sie bereits für Ihre Handlung haben, kann eine andere Nationalität, eine andere Religion oder ein anderes Geschlecht der Hauptfigur ganz neue Konflikte aufwerfen und Ihnen neue dramatische Möglichkeiten erschließen.

Der beste Ansatz ist daher, zu Beginn lediglich die Eckdaten festzulegen, die von entscheidender Bedeutung für Ihre geplante Romanhandlung sind. Wenn Sie also eine Geschichte über einen einbeinigen Bergsteiger schreiben, der sich aufmacht, den Mount Everest zu besteigen, spielt es zunächst einmal keine Rolle, wie dieser Bergsteiger heißt, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, welche Nationalität er besitzt oder ob es das linke oder das rechte Bein ist, das ihm fehlt.

Solange Sie selbst nur ganz abstrakt als „der einbeinige Bergsteiger“ von Ihrem Protagonisten denken und nicht der Versuchung nachgeben, ihm einen Namen und ein Gesicht zu verpassen, halten Sie sich alle Möglichkeiten offen.

Um einen Protagonisten „von innen nach außen“ zu entwickeln, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die wir uns in den nächsten Wochen noch näher anschauen werden.

„Protagonist gesucht. Voraussetzungen sind…“

Eine bewährte Methode für die „Besetzung der Hauptrolle“ ist ein virtuelles Casting für die Rolle des Protagonisten. Formulieren Sie dafür anhand der Eckdaten, die Sie für Ihren Protagonisten festgelegt haben, eine fiktionale Stellenbeschreibung. Diese sollte alle Merkmale und Qualifikationen umfassen, die Sie für Ihre Handlung als wichtig bzw. unabdingbar betrachten, sowie unter „wünschenswert“ die Eigenschaften oder Fähigkeiten, die zwar erwünscht, aber nicht zwingend erforderlich sind.

Erstellen Sie nun drei bis fünf Charakterprofile von Personen, die sich auf diesen „Job“ als Protagonist bewerben könnten. Achten Sie darauf, dass diese Personen innerhalb des Rahmens der gesteckten Eckdaten so unterschiedlich wie möglich sind.

Für die Stellenbeschreibung „Gesucht: einbeiniger Bergsteiger (m/w), der den Mount Everest besteigen will. Wünschenswert wären Sprachkenntniss in Nepali und/oder Chinesisch sowie Survival-Kenntnisse“ könnten sich z.B. folgende Charaktere bewerben:

  1. Chuck Jones, 32 Jahre, USA: ehemaliger Stuntman, der bei Dreharbeiten schwer verletzt wurde und sein Bein verloren hat. Drehte oft mit asiatischen Schauspielern und Stuntleuten bei Martial-Arts-Filmen und spricht daher gebrochen Chinesisch. Durch die Besteigung des Mount Everest will Chuck die Aufmerksamkeit von Filmproduzenten auf sich lenken, um so seine Rückkehr ins Filmgeschäft zu erreichen.
  2. Sandrine Dubois, 38 Jahre, Kanada: erfahrene Bergsteigerin, die bei einem Autounfall ihr Bein verloren hat. Sie will sich und anderen beweisen, dass eine solche Behinderung sie nicht daran hindern kann, alle sieben Berge der „Seven Summits“ zu besteigen.
  3. Gunnar Hendriksen, 46 Jahre, Norwegen: Survival-Experte und Naturfilmer. Hendriksen hatte seine eigene Fernsehsendung, in der er von seinen abenteuerlichen Wildnis-Expeditionen in Afrika und Südamerika berichtete. Nachdem er beim Angriff eines Löwen schwer verletzt wurde und monatelang ausfiel, verlor er seine Sendung. Hendriksen plant die Besteigung des Mount Everest mit seinem Kameramann Trond und will so Material für eine atemberaubende neue Doku-TV-Serie über seine Besteigung des Mount Everest sammeln.

Diese Charakterentwürfe habe ich innerhalb von ein paar Minuten rasch heruntergeschrieben. Mit etwas Zeit und Mühe kann man hier natürlich noch weitaus bessere und ungewöhnlichere Charaktere entwerfen.

Sobald Sie mindestens fünf mögliche Kandidaten zusammen haben, nehmen Sie diese bei einem virtuellen Casting der Reihe nach unter die Lupe. Jeder der Entwürfe hat sein ganz eigenes Potential und erschließt einem ganz andere Optionen für die Handlung, die anderen Figuren nicht offen stehen.

Als Stuntman dürfte Chuck gefährliche Situationen gut einschätzen können und ist vermutlich in der Lage, durch jahrelang geübte Fall-Techniken Stürze mit nicht mehr als ein paar Schrammen zu überstehen, bei denen manch anderer sich üble Prellungen oder gar Knochenbrüche zugezogen hätte. Dies könnte helfen, seine fehlenden Survival-Erfahrungen auszugleichen.

Sandrine hat durch ihre bisherige Erfahrung als Bergsteigerin die beste Qualifikation. Sie weiß, was sie bei einer solchen Expedition erwartet und kann diese Erfahrungen nutzen, um eine speziell auf sie zugeschnittene flexible Metallprothese mit Steigeisen zu entwickeln, die ihr Handicap so weit wie möglich ausgleicht.

Gunnar und sein Kameramann könnten hingegen in eine gefährliche Situation geraten, als Trond mit seiner Filmkamera unwissentlich etwas aufnimmt, was unentdeckt bleiben sollte. Und ehe er sich versieht, verwandelt sich die Expedition in ein tödliches Katz- und Maus-Spiel mit einem gefährlichen, gut ausgerüsteten und zu allem entschlossenen Gegner.

Nehmen Sie sich die Zeit, die Motivation, die Fähigkeiten, die Schwächen und die Handicaps der unterschiedlichen Charaktere abzuklopfen und gegeneinander abzuwägen. Sammeln Sie Ideen für Plot-Wendungen und Komplikationen, die nur mit dieser Person als Protagonist möglich wären.

Sobald Sie sich für einen der ‚Bewerber‘ entschieden haben, sind Sie einen großen Schritt weiter: nicht nur, weil Sie sich für einen Protagonisten entschieden haben, sondern auch, weil Sie ganz genau wissen, warum Sie sich gerade für diesen Kandidaten entschieden haben.

Von diesem ersten Entwurf ausgehend können Sie Ihren Protagonisten dann weiter bearbeiten und verfeinern. Die besten Techniken dafür schauen wir uns ab der kommenden Woche an.


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Statische und dynamische Protagonisten

Wie bereits mehrfach in der Artikelreihe über Protagonisten erwähnt ist es üblicherweise so, dass der Protagonist im Laufe der Romanhandlung eine Veränderung durchmacht. Er muss wachsen und, wie vorletzte Woche erwähnt, seine Schwäche überwinden, um am Ende den zentralen Konflikt zu seinen Gunsten entscheiden zu können.

Bei dieser Art von Protagonisten spricht man auch von ‚dynamischen‘ Protagonisten, da sie sich im Laufe der Handlung verändern. Allerdings ist dies nicht die einzige Art von Protagonisten, mit denen man es als Autor beim Schreiben von Romanen zu tun bekommt, denn neben diesen gibt es auch noch die ’statischen‘ Protagonisten, die sich im Laufe der Romanhandlung nicht oder nur unwesentlich verändern.

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Hindernisse auf dem Weg Ihres Protagonisten: Schwächen und Handicaps

In der vorletzten Woche der Artikelserie über Protagonisten haben wir uns mit dem Thema „Der kompetente Protagonist: Superheld oder Alltagsheld“ beschäftigt.

Dazu gehört auch das Thema „Schwächen und Handicaps“.

Als Schriftsteller sollten Sie sich davor hüten, einen ‚perfekten‘ Protagonisten ohne Schwächen zu erschaffen. Protagonisten ohne Schwächen haben gleich mehrere gravierende Nachteile.

Schwächen erleichtern die Identifikation

‚Perfekte‘ Romanfiguren ohne Schwächen wirken (ebenso wie reale Personen, die scheinbar keine Schwächen haben), alles andere als sympathisch. Wir selbst sind auch nicht perfekt. Selbst wenn wir gewohnheitsmäßig unsere Schwächen in der Öffentlichkeit verbergen und kaschieren, können wir uns mit den Schwächen eines Protagonisten weit eher identifizieren als mit seiner vermeintlichen Perfektion. Weiterlesen

Der kompetente Protagonist: Superheld oder Alltagsheld?

Eine der wichtigsten Eigenschaften des Protagonisten ist, dass er kompetent ist – also besonders gut in einer ganz bestimmten Sache. Auch im wahren Leben lieben wir es, echten Könnern ihres Fachs bei der Arbeit zuzusehen – egal, ob es sich um Jongleure und andere Artisten, Maler wie Bob Ross, die innerhalb weniger Minuten beeindruckende Kunstwerke erschaffen, Meisterköche, Musiker oder um Zauberkünstler handelt.

Wir schätzen und honorieren Kompetenz, und darum ist es eine bewährte Taktik, den Protagonisten eines Romans in einer bestimmten Sache besonders kompetent zu machen. Die Frage ist nur, was für eine Art von Protagonist wir erschaffen wollen: einen ‚Superhelden‘ oder einen ‚Alltagshelden‘?

Wer bei ‚Superheld‘ direkt an diverse maskierte/kostümierte Comichelden denkt, die durch die Comics und deren Verfilmungen von Marvel und DC fliegen, schweben oder schwingen – keine Sorge: das ist nicht das, was ich mit einem ‚Superhelden‘ meine.

Ein ‚Superheld‘ ist nach meiner Definition jemand, der für die Lösung eines Problem prädestiniert ist und die passenden Fähigkeiten, Kenntnisse und Ausrüstungsgegenstände gleich mitbringt.

Ihm gegenüber steht als Kontrast der ‚Alltagsheld‘, der zwar ebenfalls kompetent ist – nur eben nicht in den Dingen, die man üblicherweise für die Lösung eines solchen Problems benötigen würde. Weiterlesen

Der Protagonist – das Herzstück Ihres Romans

In dieser Woche startet, wie bereits angekündigt, die neue Artikelserie zum Schwerpunktthema „Protagonisten“ – also rund um alles, was einen guten Protagonisten (auch gern als „Hauptheld“ bezeichnet) ausmacht und welche Punkte man als Schriftsteller beim Entwurf eines solchen Protagonisten beachten sollte.

Diese Artikelserie versteht sich natürlich keinesfalls als „Regelwerk“. Gerade beim kreativen Schreiben gibt es für jede vermeintliche Regel zahllose Beispiele aus der Literatur, bei denen diese Regel nicht nur missachtet, sondern geradezu in ihr Gegenteil verkehrt wurde – und das, ohne die Wirkung und den Erfolg des Romans dadurch zu schmälern.

Betrachten Sie die Artikel dieser Serie lieber als eine Art Werkzeugkasten, dessen einzelne Werkzeuge Sie in Ihr Repertoire aufnehmen und bei Bedarf einsetzen können. Sie müssen keinesfalls bei jeden Roman (bzw. bei jedem Protagonisten, den Sie entwerfen) jedes Werkzeug einsetzen – in der Praxis wird es eher so sein, dass Sie bestimmte „Lieblingswerkzeuge“ besonders häufig verwenden, während andere weitgehend ungenutzt in der Ecke verstauben.

Wie in sehr vielen Bereichen des kreativen Schreibens ist auch hier weniger wichtig, WAS man tut, sondern eher, dass man sehr genau weiß, WARUM man sich dafür entschieden hat, es genau so zu machen. Und je größer Ihr Werkzeugkasten ist, desto mehr Möglichkeiten haben Sie, abwechslungsreiche und bemerkenswerte Protagonisten zu erschaffen. Oder um es mit den Worten von Abraham Maslow zu sagen: „Wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.“ ;-) Weiterlesen

Fokus-Artikel: Schreibratgeber „scheibchenweise“

Ich habe mir in letzter Zeit verstärkt Gedanken über die zukünftige Ausrichtung des WritersWorkshop Autorennewsletters gemacht. In den letzten Jahren habe schon alle möglichen Themen rund ums Schreiben behandelt – doch allmählich komme ich damit an einen Punkt, an dem das Hin- und Herspringen zwischen unterschiedlichen Themen in dieser Form immer schwieriger wird.

Kurze, wöchentliche Artikel (wobei meine Artikel mit meist über 1.000 Wörtern schon im längeren Bereich liegen), können ein etwas komplexeres, umfangreicheres Thema niemals erschöpfend behandeln – jedenfalls nicht, wenn man nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern etwas mehr in die Tiefe gehen möchte.

Ein in einem Artikel angerissenes Thema später noch einmal aufzugreifen und auf einen anderen Aspekt einzugehen, ist auch nicht ganz unproblematisch: Wenn man direkt wieder in der „Tiefe“ einsteigt, bis zu der man beim letzten Mal gekommen war, hängt man diejenigen Leser ab, die den früheren Artikel entweder gar nicht gelesen hatten oder ihn zumindest nicht mehr im Detail in Erinnerung haben. Wiederholt man hingegen erst noch einmal die Grundlagen, um diesen Lesern einen leichteren Einstieg zu ermöglichen, langweilt man diejenigen, die den ursprünglichen Artikel noch sehr gut in Erinnerung haben.

Ich habe mich daher entschieden, ab Anfang Juli längere Serien von Blogposts zu ein- und demselben Thema zu bringen, die dann wie die Kapitel eines Schreibratgebers die einzelnen Aspekte dieses Themas im Detail behandeln. Jede solche Artikelserie läuft dann (je nachdem, wie umfangreich/komplex das Thema ist) zwischen 4 und 10 Wochen, bevor es dann mit der nächsten Artikelserie zu einem ganz anderen Thema weiter geht.

Natürlich wird es trotzdem weiterhin immer wieder Gastartikel wie die beliebten Patchwork-Tutorials von Martin Danesch, Berichte zu aktuellen Themen oder auch Software-Tipps für Schriftsteller geben – lediglich die gewohnten Artikel rund ums Schreiben werden sich jeweils über einen Zeitraum von einigen Wochen im Detail mit dem aktuellen „Fokus-Thema“ beschäftigen.

Das mag zwar etwas weniger abwechslungsreich als die bisherigen Artikel klingen, aber dafür geht es auch mehr in die Tiefe. Die einzelnen wöchentlichen Artikel rund um das jeweilige „Fokus-Thema“ entsprechen eher den Kapiteln eines Schreibratgebers rund ums Thema – und genau das ist auch der Gedanke, der dahinter steht. Denn wenn eine Artikelserie abgeschlossen ist, wird anschließend auch noch eine überarbeitete und erweiterte Zusammenfassung der Artikelserie als kompletter Schreibratgeber für Kindle, Tolino etc. erscheinen. Abonnenten des WritersWorkshop Autorennewsletters erhalten die einzelnen Kapitel also vorab im Wochenrhythmus per Email und haben somit die Gelegenheit, den Inhalt meines nächsten Schreibratgebers schon vor allen anderen zu lesen.

Jetzt ist Ihre Meinung gefragt!

Natürlich möchte ich, dass diese Artikelserien für Sie als Leser einen maximalen Nutzen bieten. Daher würde ich mich freuen, wenn Sie mir über mein Konktaktformular Themenvorschläge nennen, über die Sie gerne mehr lesen möchten (z.B. Worldbuilding, Dialoge, Plotting oder das Entwerfen glaubwürdiger, vielschichtiger Romancharaktere…). Ich sammele alle Vorschläge und werde die Themen, die besonders häufig vorgeschlagen wurden, natürlich als erste angehen.

Der zweite Punkt, an dem Sie mitwirken können, sind Fragen zum Thema. Ich werde jedes kommende Fokus-Thema rechtzeitig ankündigen (diesmal ist es vielleicht etwas kurzfristig, aber zukünftig werde ich die kommenden Themen jeweils mindestens einen Monat im Voraus ankündigen), so dass Sie mir über mein Konktaktformular Ihre Fragen und Probleme rund um dieses Thema schicken können. Das ermöglicht es mir, diese Punkte bei der Planung meiner Artikelserie zu berücksichtigen und gezielt darauf einzugehen kann (natürlich anonymisiert – ich werde selbstverständlich weder aus Ihren Mails zitieren noch Namen nennen!). Auch Tipps und Erkenntnisse aus Ihren eigenen Erfahrungen, die Sie auf diesem Wege weitergeben möchten, sind als Anregungen gerne willkommen.

Und last not least haben Sie natürlich als Leser auch die Möglichkeit, mir über die Kommentarfunktion zum jeweiligen Artikel Anregungen und ergänzende Hinweise zu geben, die ich dann ggf. bei der Umwandlung der Artikelserie in einen kompletten Schreibratgeber mit einfließen lassen kann.

Erstes Fokus-Thema: Protagonisten

Als erstes „Fokus-Thema“, mit dem es Anfang Juli losgehen soll, habe ich „Protagonisten“ geplant – also die Hauptfiguren des Romans. Wenn Ihnen Fragen zum Thema einfallen oder wichtige Punkte, auf die man eingehen sollte, können Sie mir diese gerne mit dem Stichwort „Protagonisten“ über mein Konktaktformular oder per Mail an „richard PUNKTnordenATrichardnordenPUNKTde“ (PUNKT und AT natürlich durch die jeweiligen Zeichen ersetzen) senden. Abonnenten des WritersWorkshop Autorennewsletters können auch einfach auf die Mail antworten, mit der sie den aktuellen Newsletter erhalten haben.

Wenn Sie Anregungen für zukünftige Fokus-Themen geben möchten, können Sie diese auf demselben Wege (also per Kontaktformular oder per Email) mit dem Betreff „Themenvorschlag“ senden. Der Betreff ist natürlich nicht zwingend, aber er erleichtert es mir, die Mails vorzusortieren und einfacher auszuwerten. ;-)

Ich würde mich über eine rege Beteiligung sehr freuen – schließlich sollen die Artikelserien für alle Leser den größtmöglichen Nutzen bieten.


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Warum Protagonist und Hauptfigur nicht immer ein und dieselbe Person sein müssen

Protagonist, Hauptfigur, Hauptheld oder Perspektivcharakter – viele Schriftsteller verwenden diese Begriffe, als ob diese generell ein und dasselbe wären. Aber auch wenn es sich in den meisten Romanen beim Protagonisten und der Hauptfigur um dieselbe Person handelt, ist dies nicht zwingend erforderlich.

Als Schriftsteller erschließt man sich eine viel größere Bandbreite an möglichen Geschichten, wenn man lernt, wie man diese beiden Funktionen bei Bedarf sauber voneinander trennen kann.

Zur Trennung zwischen Protagonist und Hauptfigur existieren die unterschiedlichsten Ansichten und Interpretationen. Manche davon unterscheiden sogar minutiös zwischen Protagonist, Held, Hauptfigur und Perspektivcharakter, doch diese Modelle sind so theoretisch und dröge, dass man die einzelnen Begriffe selbst bei der Interpretation klassischer Romane oft nicht sauber voneinander abgrenzen kann. Umso schwerer wäre es, ein solches Modell auf seine eigenen Geschichten anzuwenden.

Ich vertrete die Auffassung, dass Modelle die Realität vereinfachen und greifbarer machen sollen, statt sie zu komplizieren. Meiner Meinung nach sollte man daher lediglich zwischen Protagonist und Hauptfigur unterscheiden.

Vereinfacht ausgedrückt ist der Protagonist derjenige, dessen Kampf wir verfolgen. Er trägt den zentralen Konflikt des Romans aus und er ist derjenige, dem der Leser die Daumen drückt, dass er es schaffen wird.

Die Hauptfigur (oft auch als Perspektivcharakter bezeichnet) ist hingegen derjenige, aus dessen Perspektive wir die Handlung miterleben.

Bei den meisten Romanen handelt es sich bei Protagonist und Hauptfigur um ein und dieselbe Person, doch manchmal kann es sinnvoll sein, beide Funktionen voneinander zu trennen.

Eines der häufigsten Argumente für eine Trennung zwischen Protagonist und Perspektivcharakter ist, dass der Leser sich nur schwer mit dem eigentlichen Protagonisten identifizieren kann.

Das wohl bekannteste Beispiel aus der Literaturgeschichte ist das Team aus Dr. Watson und Sherlock Holmes. Holmes ist genial, aber zugleich so exzentrisch, dass kaum ein Leser sich wirklich in die Figur des Sherlock Holmes hinein versetzen könnte.

Das fällt beim vergleichsweise bodenständigen und normalen Dr. Watson wesentlich einfacher. Dies ist wohl auch der Grund, warum Sir Arthur Conan Doyle fast alle Abenteuer von Sherlock Holmes aus der Perspektive von Dr. Watson schrieb.

Watson erlebt die Ermittlungen des genialen Detektivs hautnah mit und unterstützt ihn dabei nach besten Kräften. Zugleich kann er Holmes die Fragen stellen, die auch dem Leser auf der Zunge brennen und so Details und Schlussfolgerungen zutage fördern, die für einen Sherlock Holmes so selbstverständlich sind, dass er sie nicht einmal erwähnen würde.

Je weiter Ihr Protagonist also von einem „normalen Menschen“ entfernt ist, desto mehr können Sie (und Ihr Roman) davon profitieren, wenn Sie ihm als Perspektivcharakter jemanden zur Seite stellen, mit dem sich der Leser besser identifizieren kann.

In der Praxis gibt es hierbei allerdings eine gefährliche Falle zu beachten: Ihr Perspektivcharakter darf nicht nur ein stiller, passiver Beobachter sein. Wenn Sie Protagonist und Perspektivcharakter aufteilen, muss Ihr Perspektivcharakter nicht nur den Protagonisten aktiv unterstützen (und damit an der Auflösung des zentralen Konflikts mitarbeiten), sondern er braucht zusätzlich auch einen eigenen Handlungsstrang.

Bei einem solchen „Duo“ liegt die Veränderung oft eher beim Perspektivcharakter als beim eigentlichen Protagonisten.

Das kann sogar so weit führen, dass der Protagonist im Gegensatz zum Perspektivcharakter nicht überlebt – ein Aspekt, der eine Geschichte noch einmal deutlich spannender machen kann.

Bei den meisten Romanen ist es so, dass der Protagonist am Ende siegt. Romane, in denen der Protagonist am Ende stirbt, sind relativ selten – Leser lieben nunmal ein Happy End und wollen den Helden siegen sehen, mit dem sie die letzten paar hundert Seiten mitgefiebert haben. Und wenn dann der Roman auch noch aus der Ich-Perspektive erzählt wird, kann der Leser sich ziemlich sicher sein, dass der Protagonist überlebt – denn wie sollte er sonst von den Geschehnissen erzählen können?

Wenn Protagonist und Perspektivcharakter jedoch nicht identisch sind, liegt der Tod des Protagonisten durchaus im Rahmen des Möglichen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Roman „Einer flog übers Kuckucksnest“ von Ken Kesey: Der Protagonist des Romans ist McMurphy (im gleichnamigen Film gespielt von Jack Nicholson), während der Roman selbst aus der Perspektive von ‚Chief‘ Bromden erzählt wird. Am Ende des Romans stirbt McMurphy, doch Bromden gelingt die Flucht aus der Anstalt.

Geschichten in dieser Art haben eine große Bandbreite. So könnte in einem Kriegsabenteuer der Protagonist ein harter, abgebrühter und zynischer Einzelkämpfer sein, der tief im Feindesland den Anführer der feindlichen Armee ausschalten soll.

Um der Handlung mehr Tiefe zu verleihen und sie nicht in ein pures Action-Abenteuer abdriften zu lassen, stellen wir ihm einen jungen, unerfahrenen Soldaten zur Seite, aus dessen Perspektive wir die gesamte Handlung schildern. Dieser könnte der letzte Überlebende eines Trupps sein, der nach einer verlorenen Schlacht hinter den feindlichen Linien auf den Einzelkämpfer stößt und sich ihm anschließt.

Im Verlauf der Handlung kann der junge Soldat über sich selbst hinauswachsen, seine Ängste überwinden und schließlich, als der eigentliche Protagonist kurz vor der Erfüllung der Mission schwer oder gar tödlich verwundet wird, die alles entscheidende Mission im Alleingang zu Ende führen.

Der Protagonist dieser Handlung (also der Einzelkämpfer) sollte hier nicht mit einem Mentor verwechselt werden. Während der Mentor den Protagonisten nur anleitet und ausbildet, ist es hier eigentlich die Mission des Einzelkämpfers, nicht die des jungen Soldaten.

Dadurch, dass wir so von Anfang an einen aktiv handelnden, starken Protagonisten haben, kann das langsame Wachstum des Perspektivcharakters bis zu dem Punkt, an dem er über seinen eigenen Schatten springen und in die Fußstapfen des Protagonisten treten muss, für die notwendige Abwechslung im Tempo des Romans sorgen.

Haben Sie auch die eine oder andere Romanidee in Ihrem Ideenarchiv, die einfach nicht so richtig „abheben“ will, weil Ihr Protagonist einfach nicht als Identifikationsfigur geeignet ist? Versuchen Sie es selbst einmal und stellen Sie ihm einen sympathischen Partner zur Seite, aus dessen Perspektive Sie die gemeinsamen Abenteuer schildern. Der Unterschied ist größer, als Sie vielleicht auf den ersten Blick denken.


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