Wie lange dauert es, einen Roman zu schreiben?

Eine der in Schriftstellerforen (abgesehen von der ewigen Diskussion zwischen ‚Plottern‘ und ‚Pantsern‘) am häufigsten diskutierten Fragen ist, wie lange man eigentlich braucht, um einen Roman zu schreiben.

Meist werden diese Fragen von Romanautoren mit relativ wenig praktischer Erfahrung aufgeworfen, die sich entweder einen Überblick darüber verschaffen wollen, wieviel Zeit sie für ihren ersten Roman einplanen müssen oder aber (für die ehrgeizigeren unter ihnen) wie viele Romane sie innerhalb eines Jahres schreiben könnten.

Manchmal kommen solche Fragen auch von Autoren, die verunsichert sind, weil sie nach eigenem Empfinden schon viel zu lange an ihrem Roman arbeiten, ohne dass ein Ende in Sicht ist. Und die Ergebnisse solcher Diskussionen sind oft sehr interessant…

Früher war es üblich, dass Verlage nicht mehr als einen Roman eines Autors pro Jahr veröffentlichten. Wer als Verlagsautor mit der Präzision eines gut geölten Schweizer Uhrwerks jedes Jahr einen neuen Roman produzieren konnte, war damit also schon auf der sicheren Seite. Wer jedoch als Autor produktiver war und womöglich mehrere Bücher pro Jahr fertigstellen konnte, musste (sofern es sein Vertrag zuließ) parallel unter unterschiedlichen Pseudonymen schreiben und veröffentlichen.

Heute, im Zeitalter der Indie- und Hybrid-Autoren, sind diese Grenzen längst gefallen. Als Selbstverleger kann man so viele Bücher pro Jahr schreiben und veröffentlichen, wie man will. Die Leser dieser Autoren freuen sich, denn selbst der produktivste Autor kann niemals so schnell neue Romane schreiben und veröffentlichen, wie seine Leser diese verschlingen können.

Und da durch die entfallene ‚Torwächter-Funktion‘ der Verlage von Jahr zu Jahr immer mehr Romane (überwiegend nur noch im eBook-Format) veröffentlicht werden, heißt es mittlerweile oft, dass ein Roman pro Jahr längst nicht mehr ausreicht, um aus der Flut der Neuerscheinungen hervorzustechen und bei der Leserschaft in Erinnerung zu bleiben.

Viele Bestseller-Autoren veröffentlichen mittlerweile ein halbes Dutzend oder mehr Bücher pro Jahr. Werfen Sie nur mal einen Blick auf regelmäßigen Veröffentlichungen von Autoren wie Nora Roberts oder James Patterson. Und manche Indie-Autoren schaffen es sogar, alle ein bis zwei Monate einen (wenngleich meist recht kurzen) Roman auf den Markt zu werfen.

Kein Wunder, dass die Frage nach dem zeitlichen Aufwand für das Schreiben eines Romans in Foren so häufig diskutiert wird.

Im Kielwasser der neuen Devise, möglichst viele Bücher in möglichst kurzer Zeit zu veröffentlichen, kommen natürlich auch (speziell im englischsprachigen Raum) jede Menge Schreibratgeber von teils zweifelhafter Qualität auf den Markt, die einem beibringen wollen, wie man einen Roman in 90 Tagen, 60 Tagen, 30 Tagen, einer Woche oder sogar nur fünf Tagen schreiben kann.

All diese Buchtitel haben zwei Dinge gemeinsam: Erstens sind sie reißerisch und verlockend (so wecken sie das Interesse potentieller Leser) und zweitens haben sie nicht die geringste Aussagekraft.

Wenn Ihnen jemand glaubwürdig versichert, dass er seinen 300seitigen Roman innerhalb von gerade mal sechs Wochen geschrieben, überarbeitet und veröffentlicht bzw. an seinen Verlag geschickt hat, wissen Sie immer noch nicht, wie lange er an diesem Roman gesessen hat.

Erstens wissen Sie nicht, wieviel Vorarbeit schon in diesem Roman steckte, bevor der Autor den Startschuss gegeben und mit dem eigentlichen Schreiben begonnen hat. Manche Romanideen reifen jahrelang in den Köpfen ihrer Autoren (die teils während dieser Zeit auch noch einiges dazu recherchieren oder sich zumindest ausführliche Notizen machen), bevor der Autor das Gefühl hat, dass der Roman bereit ist, geschrieben zu werden. Die wenigsten Autoren starten die Stoppuhr in dem Moment, in dem sie die erste vage Idee haben oder gar erst mit der Suche nach einer geeigneten Romanidee beginnen.

Ideen, und besonders Ideen für so komplexe Projekte wie einen ganzen Roman, brauchen Zeit, um zu reifen und sich zu entwickeln. Natürlich gibt es auch Verfahren, mit denen man eine Romanhandlung innerhalb kürzerer Zeit durch intensive Planung und Recherche aus dem Boden stampfen kann, aber ob der Autor wirklich ‚von Null aus‘ begonnen hat, wissen wir nicht.

Sagen wir dennoch, dass besagter Autor lächelnd verkündet, dass er am ersten Tag der sechs Wochen nicht mehr als die grobe Idee hatte, einen Thriller über ein Attentat auf den japanischen Premier-Minister zu schreiben. Das erhöht die Aussagekraft von „gerade mal sechs Wochen“ nur unwesentlich. Schließlich wissen Sie nicht, wie viele Stunden der Autor innerhalb dieser vier Wochen für das Planen, Schreiben und Überarbeiten seines Romans aufgewendet hat.

Sechs Wochen sind 1008 Stunden. Wenn wir pro Tag noch 9-10 Stunden für Schlafen, Essen, Körperpflege und rudimentäre soziale Kontakte abziehen, bleiben innerhalb der sechs Wochen noch runde 600 Stunden übrig, die der Autor theoretisch in das Schreiben seines Romans gesteckt haben könnte.

Das ist schon eine ganz andere Zahl, als wenn wir davon ausgehen müssten, dass der Autor dasselbe Ergebnis mit 3 Stunden Arbeit pro Werktag und 5 Stunden an den Wochenenden geschafft hat (was in der Summe gerade mal 150 Stunden ergäbe).

Wenn überhaupt, ist also lediglich Angaben dazu interessant, wie viele Stunden man für das Schreiben eines Romans einplanen sollte. Wenn wir hierfür einen soliden Pi-mal-Daumen-Wert hätten, könnten wir anhand unseres eigenen wöchentlichen Schreibzeit-Budgets kalkulieren, innerhalb welcher Zeitspanne wir theoretisch einen kompletten Roman fertigstellen könnten.

Viele übertrieben enthusiastische Neu-Autoren ermitteln mit Online-Geschwindigkeitstests ihre Tippgeschwindigkeit in Wörtern pro Minute und kalkulieren dann kühn, dass sie mit einer Tippgeschwindigkeit von 50 Wörtern pro Minute die Rohfassung eines Romans von 90.000 Wörtern (also runden 360 Normseiten) innerhalb von runden 30 Stunden in den Computer hämmern können.

Wenn sie also eine Stunde pro Tag zum Schreiben erübrigen können, könnten sie nach dieser Rechnung jeden Monat einen kompletten Roman schreiben. Zieh dich warm an, James Patterson – hier naht jemand auf der Überholspur! Aber natürlich ist es in der Praxis nicht so einfach.

Schnell schreiben, äh, tippen zu können, ist natürlich für einen produktiven Schriftsteller eine feine Sache. Je geringer die Verzögerung durch die über die Tastatur fliegenden Finger ist, desto reibungsloser können wir unsere Gedanken zu Papier bzw. in den Computer bringen. Doch zum Schreiben von Romanen gehört immer noch das Denken.

Jeden Satz, jede Dialogzeile und jede Formulierung, die wir in den Computer hämmern, müssen wir uns gedanklich erst zurechtlegen. Natürlich werden wir auch dabei im Laufe der Jahre immer schneller – Übung macht auch hier den Meister. Aber dennoch kann auch der routinierteste Autor seine Manuskripte nicht einmal mit annähernd solchen Geschwindigkeiten wie hier kalkuliert zu Papier bringen.

Wenn man sich die Frage „Wie lange braucht man, um einen Roman zu schreiben?“ genauer betrachtet, findet man verschiedene Faktoren, die einen maßgeblichen Einfluss auf die ‚richtige‘ Antwort haben.

  • Der Umfang: Nach allgemeiner Definition spricht man ab 40.000 Wörtern (also runden 160 Normseiten) von einem Roman. Es ist offensichtlich, dass man für einen Roman von 160 Seiten deutlich weniger Zeit als für ein Mammutwerk von über 1.000 Seiten wie die epischen Fantasy-Romane von George R.R. Martin benötigt. Als guter Durchschnittswert für Romane gelten 90.000 Wörter bzw. 360 Normseiten.
  • Der Aufwand für Recherche und Worldbuilding: Je nach Genre (und Autor!) ist der Aufwand für Recherche und Worldbuilding unterschiedlich hoch. Je mehr man von ‚realistischen‘ Romanen in Richtung Science-Fiction oder gar Fantasy kommt, desto mehr verlagert sich der Löwenanteil des Aufwands von der Recherche hin zum Worldbuilding. Und je spezieller der Handlungsort oder die Epoche eines ‚realistischen‘ Romans ist, desto größer wird der Aufwand für die Recherche. Es ist logischerweise einfacher, einen Krimi zu schreiben, der in der eigenen Heimatstadt und in der heutigen Zeit spielt, als einen realistischen Roman zu schreiben, der im England des 12. Jahrhunderts spielt. Wenn man natürlich als Autor hier schon über ein profundes Fachwissen verfügt, relativiert sich die Sache wieder. Nicht umsonst sagt man gerne: „Schreibe über das, was du kennst“. Für Autoren wie John Grisham, der als Anwalt mit dem Schreiben von Justiz-Thrillern erfolgreich wurde, hat sich diese Devise bewährt.
  • Die Arbeitsweise: Ob man seinen Roman im Vorfeld akribisch plant, dann die Rohfassung schreibt und diese nur noch einmal überarbeiten muss oder ob man ohne Vorplanung direkt mit dem Schreiben beginnt und sich über mehrere Fassungen langsam in Richtung eines veröffentlichungsreifen Romans vortastet, hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Zeitaufwand für das Schreiben eines kompletten Romans.
  • Die Arbeitszeiten: Wer nur kurze Zeitfenster früh morgens, wenn er noch müde ist, oder spät abends, wenn er schon wieder müde ist, ins Schreiben investieren kann, wird unterm Strich für die Fertigstellung eines kompletten Romans deutlich mehr Stunden benötigen als jemand, der jeden Tag mehrere Stunden am Stück fürs Schreiben einplanen kann und auch noch die Zeiten dafür einplanen kann, während derer er am produktivsten ist. Mit der Salamitaktik kommt man natürlich auch ans Ziel (und oft ist sie für Autoren mit einem Vollzeitjob, Familie und Haushalt der einzige Weg, um überhaupt zum Schreiben zu kommen), doch durch die ‚Anlaufzeiten‘, bis man wieder so richtig tief in seinem Projekt drin ist und es so richtig gut läuft, verliert man in der Summe eine Menge Zeit, die man natürlich auf den gesamten Zeitbedarf für das Schreiben eines Romans draufrechnen muss.
  • Die Erfahrung: Ein unerfahrener Autor, der an seinem ersten Roman arbeitet, wird logischerweise für ein solches Projekt länger brauchen als ein routinierter Vollzeit-Autor, der seit Jahrzehnten professionell schreibt und schon Dutzende Bücher veröffentlicht hat. Gerade bei besonders produktiven Bestseller-Autoren ist es oft so, dass sie im Laufe der Zeit eigene Plot-Schablonen entwickelt haben, die zwar ihre Produktivität und ihren Output enorm steigern, aber auch dazu führen, dass manche Leser sich darüber beschweren, dass diese Autoren immer wieder Variationen derselben alten Geschichte schreiben.

Wenn wir uns also nicht nur aus reiner Neugier dafür interessieren, wie lange so ein Autor eigentlich an einem Roman schreibt, sondern auf der Suche nach Informationen sind, die wir auf unsere eigenen Romane und unsere persönliche Zeitplanung anwenden können, brauchen wir detaillierte Informationen, die all diese Faktoren berücksichtigen.

Das Problem ist, dass die meisten Autoren kein Autorenlogbuch führen, in dem sie ihren Zeitaufwand für einzelne Projekte bzw. deren einzelne Phasen im Detail festhalten. Sie können höchstens rückblickend abschätzen, wie viele Wochen oder Monate sie an einer bestimmten Phase ihres Projekts gearbeitet haben und wie viele Stunden sie im Schnitt pro Woche an ihren Schreibprojekten arbeiten.

Sehr interessant sind daher in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer Studie der amerikanischen Fantasy- und Science-Fiction-Autorin Holly Lisle, die zu diesem Thema insgesamt 380 Schriftsteller befragt hatte. Die Ergebnisse der Untersuchung sind nicht mehr unter dem ursprünglichen Link verfügbar, lassen sich über die Wayback-Machine aber weiterhin abrufen.

Im Schnitt arbeiteten die befragten Schriftsteller ca. 11-12 Stunden pro Woche an ihren Romanprojekten. Sie benötigten beim Schreiben ihrer Rohfassung eine gute halbe Stunde (34 Minuten) pro Normseite (= 250 Wörter), was bei einer durchschnittlichen Romanlänge von 90.000 Wörtern (= 360 Normseiten) runden 200 Stunden für das Schreiben der Rohfassung entspricht.

Die befragten 380 Schriftsteller benötigten im Schnitt 3-4 Revisionsdurchläufe, um ihre Rohfassung in einen veröffentlichungsreifen Stand zu versetzen. Bei einem durchschnittlichen Zeitaufwand von 64 Tagen pro Revisionsdurchgang kann man daraus ableiten, dass die Schriftsteller im Schnitt 375 Stunden für die Überarbeitung ihrer Romane benötigt hatten (also eine gute Stunde pro Normseite): 3,58 Revisionen * 64,4 Tage * 11,4 Stunden pro Woche / 7 Tage = 375 Stunden.

Diese Statistik ist die hohe Anzahl befragter Schriftsteller recht aussagekräftig. Man kann also schon einmal pauschal sagen, dass der durchschnittliche Romanautor ca. 30 Minuten für eine Seite Rohfassung und weitere 60 Minuten für die Überarbeitung(en) dieser Rohfassung benötigt.

In dieser Statistik fehlt allerdings ein ganz wichtiges Detail: die Zeit für die Planung und Vorbereitung eines Romans, bevor man mit dem eigentlichen Schreiben der Rohfassung beginnt – also der ganze Zeitaufwand für Ideenfindung, Worldbuilding und Recherche sowie die Planung der Handlung. Das ist ein Aufwand, den man in der Summe auch nicht unterschätzen sollte.

Doch auch wenn es hier aufgrund der sehr unterschiedlichen Arbeitsweisen der befragten Autoren keine exakten Zahlen gibt, sind die Ergebnisse der Befragung dennoch sehr interessant: Runde 30% der Autoren lassen eine Idee gedanklich reifen und fangen dann ohne einen expliziten Planungsprozess mit dem Schreiben an. Zusammen mit den knapp 6% der Autoren, die sich direkt ans Schreiben stürzen, wenn ihnen eine neue Romanidee kommt, ergibt das einen Anteil von ca. 36% „Pantsern“, also Schriftstellern, die die Handlung erst während des Schreibens der Rohfassung entwickeln.

Die restlichen 64% „Planer“ benötigen, wenn man versucht, aus dem Rohmaterial der Befragung einen ungefähren Durchschnittswert zu ermitteln, im Schnitt ca. 65 Stunden für die Planung eines Romans. Rechnet man nun noch die 36% „Pantser“ ein, die Ideen lediglich gedanklich reifen lassen, bevor sie mit dem Schreiben beginnen, reduziert sich der Durchschnittswert über alle befragten Schriftsteller hinweg auf etwas über 40 Stunden.

Wenn wir aus diesem Zahlengerüst einen hypothetischen Durchschnitts-Schriftsteller basteln sollten, nennen wir sie Anja Autor, dann würde Anja für einen veröffentlichungsreifen Roman von 90.000 Wörtern ca. 600 Stunden benötigen, die sich auf 40 Stunden Planung, 200 Stunden für die Rohfassung und 360 Stunden für die Überarbeitung verteilen.

Da Anja auch bezüglich ihrer Schreibzeit exakt im Durchschnitt liegt und ca. 12 Stunden pro Woche für die Arbeit an ihren Schreibprojekten einplanen kann, benötigt Anja für einen Roman exakt ein Jahr (50 Wochen á 12 Stunden, womit noch zwei Wochen für den Sommerurlaub bleiben).

Als Vollzeit-Autorin mit einer Wochen-Arbeitszeit von 50 Stunden könnte Anja hingegen ein solches Projekt innerhalb von gerade mal 12 Wochen bewältigen und somit alle drei Monate einen neuen Roman veröffentlichen.

Natürlich sind all diese Werte wirklich reine Statistik, kommen aber meines Erachtens in der Summe relativ nah an die Wahrheit heran. Wenn also laut Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und allem „42“ ist, können wir die Frage, wie lange es dauert, einen Roman zu schreiben, jetzt mit ähnlicher Präzision mit „600 Stunden“ beantworten. ;-)

Konflikt, Konflikt, Konflikt: spannendere Romanhandlungen mit der Schmelztiegel-Technik

Eine der bewährtesten Techniken für spannende und unterhaltsame Romane ist der ‚Schmelztiegel‘. Diese sehr passende Bezeichnung hatte ich erstmals vor einigen Jahren in dem Buch „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ von James N. Frey gelesen.

Frey bezieht sich hier darauf, dass man den Protagonisten und den Antagonisten eines Romans (also die beiden Gegenspieler, um die es im zentralen Konflikt des Romans geht) in einen Schmelztiegel stecken sollte. Für Frey ist dies eine Situation, aus der keiner der beiden Kontrahenten einfach entkommen kann, sondern in der sie gezwungen sind, ihren Konflikt bis zum bitteren Ende auszufechten.

Auch wenn dies schon ein sehr guter Tipp für einen „verdammt guten Roman“ ist, kann man den ‚Schmelztiegel‘ auch noch anderweitig verwenden – nämlich um zwei möglichst unterschiedliche Protagonisten für den Verlauf der Romanhandlung durch ein gemeinsames Ziel oder Problem aneinander zu ketten.

Man kennt das Prinzip von den Buddy-Filmen, in denen häufig zwei äußerst gegensätzliche Charaktere gezwungen werden, zusammenzuarbeiten und ihre gegenseitigen Vorbehalte, Vorurteile und Animositäten zu überwinden, um letztendlich ihr Ziel zu erreichen. Denken Sie beispielsweise an „Nur 48 Stunden“ mit Eddie Murphy und Nick Nolte oder „Lethal Weapon“ mit Mel Gibson und Danny Glover. Aber natürlich gibt es Buddy-Filme nicht nur im Bereich Krimi / Actionkomödie, sondern auch in anderen Genres, wie beispielsweise dem Gefängnis-Drama „Die Verurteilten“ mit Tim Robbins und Morgan Freeman oder Wolfgang Petersens Science-Fiction-Film „Enemy Mine“ mit Dennis Quaid und Louis Gossett junior.

Sie können dieses Prinzip für Ihren Roman verwenden, indem Sie sich zwei möglichst gegensätzliche Charaktere ausdenken und parallel dazu überlegen, wie Sie diesen ein gemeinsames Ziel geben können, das sie nur erreichen können, wenn sie sich zusammenraufen und ihre individuellen Stärken und Fähigkeiten vereinen.

Versuchen Sie, die Charaktere so zusammenzustellen, dass jeder von ihnen das repräsentiert, was der andere von Grund auf ablehnt und vielleicht sogar verachtet. Geben Sie ihnen unterschiedliche ethnische Zugehörigkeiten, unterschiedliche Religionen, eine unterschiedliche Familiensituation oder sexuelle Orientierung und möglichst unterschiedliche Ziele und Prioritäten im Leben.

Überlegen Sie, warum diese Charaktere sich nicht leiden können und wie ihr unterschiedlicher Hintergrund und ihre Denk- und Handlungsweise für Konflikte sorgen könnte. Geben Sie jedem der beiden Charaktere eine Hintergrundgeschichte, die ihre Ablehnung des anderen über die üblichen in einer sozialen oder ethnischen Gruppe vorherrschenden Vorurteile hinausgehen lässt. Ein weißer Polizist, der etwas gegen schwarze Mitglieder von Straßengangs hat, ist banal. Wenn vor ein paar Jahren seine schwangere Verlobte bei einem Drive-by-Shooting zwischen rivalisierenden Gangs als unschuldige Passantin von einer verirrten Kugel getötet wurde, hat seine Abneigung gleich ein ganz anderes Kaliber. Ist das fragliche Gang-Mitglied auch noch Mitglied derselben Gang, die für den Tod seiner Verlobten verantwortlich war, haben wir zumindest von einer Seite eine ausreichend tiefe Kluft zwischen beide Charaktere gegraben.

Aber das Potential des ‚Schmelztiegels‘ für dramatische Konflikte ist noch lange nicht ausgereizt, wenn die tief sitzende Abneigung nur von einer Seite ausgeht und die andere versucht, die Wogen zu glätten und zur Erreichung des gemeinsamen Ziels konstruktiv zusammenzuarbeiten. Sagen wir also, dass der Vater des Gangmitglieds vor einigen Jahren von Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen wurde, obwohl er ein friedlicher Buchhalter war, der nicht einmal eine Waffe besaß. Um ihr Vorgehen zu rechtfertigen, hatten die Polizisten dem Toten damals eine illegale Waffe und Drogen untergeschoben. Die Familie verlor ihre Wohnung, da die Mutter nicht genug Geld verdienen konnte, um diese zu halten, und musste in eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in der übelsten Gegend der Stadt ziehen. Innerhalb weniger Monate sah sich der damals 16jährige Sohn gezwungen, einer der rivalisierenden Gangs der Gegend beizutreten, um sich deren Schutz für sich und seine Mutter zu sichern. Durch diese Backstory ist auch sein Hass gegen weiße Polizisten, die er für korrupte Rassisten hält, durchaus verständlich.

Natürlich war das jetzt wieder mal ein ziemlich tiefer Griff in die Klischee-Kiste, aber wenn man ein Prinzip verdeutlichen will, sollte man bekanntlich lieber zum breiten Pinsel greifen, als zu dezent vorzugehen. Um jemandem die Wirkung von Chili zu demonstrieren, lasse ich ihn auch lieber in eine scharfe Chilischote beißen, als eine winzige Prise Chili-Pulver an sein Essen zu geben. ;-)

Eine Konstellation mit zwei Protagonisten, die sich gegenseitig zutiefst ablehnen oder sogar hassen, hat den Vorteil, dass Sie nicht mehr nur den Konflikt zwischen ‚gut‘ und ‚böse‘ im zentralen Konflikt haben. Stattdessen können Sie diesen Handlungsstrang noch mit den individuellen Geschichten der beiden Protagonisten und, als viertem Handlungsstrang, dem Weg der beiden von Vorurteil und Vorbehalten hin zu Verständnis und Freundschaft kombinieren.

Das hilft nicht nur dabei, den Roman wesentlich abwechslungsreicher und damit für den Leser unterhaltsamer zu gestalten, sondern erleichtert es Ihnen auch, das Wachstum der beiden Protagonisten im Laufe der Handlung glaubwürdig zu schildern. Jeder der beiden wird für den anderen zum Katalysator, der diesen im Laufe der Handlung dazu zwingt, seine Vorbehalte und Vorurteile zu überdenken und neuen Dingen und Alternativen offener gegenüber zu stehen.

Durch den ‚Schmelztiegel‘, in den Ihre Protagonisten durch die Handlung geworfen werden, werden nicht nur ähnlich wie bei der Verhüttung von von Erz die Verunreinigungen (hier also die Vorurteile und falschen Vorbehalte) ausgeschwemmt, sondern im gleichen Prozess nehmen beide Charaktere Eigenschaften des jeweils anderen an, die sie zu einer abgerundeteren und damit im Sinne der Handlung stärkeren Person machen.

Bonuspunkte erhalten Sie, wenn Sie die dadurch erzielte Veränderung zu einem Schlüssel im Finale Ihres Romans machen. Je besser der Antagonist seine Gegner (eventuell schon von früher, also vor Beginn der Romanhandlung) kennt, desto mehr wird er sich in Sicherheit wiegen, da er glaubt, jede ihrer Reaktionen und Handlungen vorhersehen zu können und darauf vorbereitet zu sein. Die vom ‚Schmelztiegel‘ herbeigeführten Änderungen (Wachstum des Charakters / Character Arc) führen jedoch dazu, dass er letztendlich von der Vorgehensweise der beiden Protagonisten im alles entscheidenden Finale überrumpelt und kalt erwischt wird, da er diese Vorgehensweise niemals erwartet oder für möglich gehalten hätte.

Lassen Sie sich das Prinzip in Ruhe durch den Kopf gehen. Vielleicht finden Sie in Ihrem nächsten Romanprojekt ja eine gute Möglichkeit, die Handlung durch den Einsatz des ‚Schmelztiegels‘ noch stärker und spannender zu machen.

Kurz-Tipp: Irreversible Meilensteine

Eine gute Übung vor dem Schreiben eines Romans ist es, die Handlung in fünf bis maximal zehn „Meilensteinen“ zusammenzufassen. Dies können die Übergangspunkte zwischen den einzelnen Akten des Romans sein, überraschende Wendungen oder besondere Rückschläge.

Schreiben Sie zu jedem dieser Meilensteine einen Satz oder maximal einen kurzen Absatz. Dann betrachten Sie dieses bis auf die Knochen reduzierte Handlungsskelett und fragen Sie sich der Reihe nach bei jedem der Meilensteine: Was genau sind die Konsequenzen? Ändert sich an diesem Punkt der Handlungsverlauf irreversibel? Ändert sich die Einstellung oder das Ziel eines bestimmten Charakters dauerhaft? Entfallen bestimmte Optionen oder Lösungsmöglichkeiten für den zentralen Konflikt Ihres Romans?

Schreiben Sie alle Konsequenzen dieses Meilensteins auf. Berücksichtigen Sie dabei alle wichtigen Charaktere und Handlungsstränge.

Falls Sie bei einem der Meilensteine keine dauerhaften Konsequenzen finden können, sollte das Ihre inneren Alarmglocken zum Klingeln bringen. Stellen Sie sich jeden der Meilensteine als eine Tür vor, die hinter den Charakteren zugeschlagen wird. Es darf keinen Weg zurück geben, keine Möglichkeit, sich nachträglich doch noch einmal umzuentscheiden, Geschehenes rückgängig zu machen oder einen anderen Weg einzuschlagen. Meilensteine müssen Konsequenzen haben, und zwar je mehr, desto besser.

Verwenden Sie ruhig längere Zeit darauf, Ihre Meilensteine auf Schwachstellen abzuklopfen und sie mit einem stärkeren Fundament zu befestigen, indem Sie zusätzliche Konsequenzen (er)finden und in Ihre Handlung einbauen. Betrachten Sie dafür die Auswirkungen dieses Meilensteins auf alle für Ihre Handlung relevanten Charaktere und deren Ziele.

Sie können Konsequenzen forcieren, indem Sie mit Missverständnissen und fehlenden Fakten operieren. Wie könnte jemand die Ereignisse oder den Hintergrund der Handlungen/Entscheidungen Ihres Protagonisten falsch interpretieren und was für Konsequenzen dürften sich daraus ergeben?

Sorgen Sie auf diese Weise dafür, dass mit jedem Meilenstein sowohl die Einsätze als auch die Spannung steigen. Sorgen Sie dafür, dass mit jedem Meilenstein für Ihren Protagonisten mehr auf dem Spiel steht oder ein potentieller Lösungsweg dauerhaft verbaut wird.

Es kann durchaus sein, dass sich im Rahmen dieses Prozesses einige Ihrer ursprünglichen Meilensteine oder sogar Teile Ihres Handlungsverlaufs ändern. Sie können jedoch sicher sein, dass diese Änderungen dafür sorgen, dass Ihr Roman ein umso solideres Fundament hat – und das ist die beste Grundlage, um später die Leser fesseln zu können.


Tipps für den NaNoWriMo 2017

In drei Tagen beginnt der diesjährige NaNoWriMo – der „National Novel Writing Month“, bei dem im Laufe des Novembers wieder einmal hunderttausende Schriftsteller und Hobbyautoren aus aller Welt versuchen werden, innerhalb von gerade mal 30 Tagen die erste Fassung eines neuen Romans von mindestens 50.000 Wörtern (also ca. 200 Normseiten) zu schreiben.

Falls auch Sie in diesem Jahr mit dabei sind und vorhaben, zu den erfahrungsgemäß weniger als 20% zu gehören, die es tatsächlich über die Ziellinie schaffen, habe ich ein paar kleine Tipps für Sie zusammengestellt.

Schaffen Sie sich Freiräume zum Schreiben

Teilen Sie Ihrer Familie und Ihren Freunden rechtzeitig mit, dass Sie im November so ziemlich jede freie Minute ins Schreiben Ihres neuen Romans stecken müssen und daher während der nächsten Wochen für gemeinsame Freizeitaktivitäten nicht zur Verfügung stehen werden.

Vereinbaren Sie mit Ihren Lieben, dass sich im November jeder von ihnen mehr Zeit für seine Hobbys nimmt – egal ob das Lesen, Puzzles oder das Bingewatching ganzer Serienstaffeln über Netflix oder Amazon Prime ist. Die Hauptsache ist, dass diese Hobbys nicht Ihre Beteiligung erfordern. ;-)

Verschieben Sie alle anderen Vorhaben, Unternehmungen und Pläne auf den Dezember und nehmen Sie sich für den November nichts anderes vor, als die Rohfassung Ihres neuen Romans fertigzustellen.

Sehen Sie den NaNoWriMo aus der richtigen Perspektive

Fakt ist: es geht nicht darum, innerhalb von 30 Tagen einen veröffentlichungsreifen Roman zu schreiben. Das Ziel ist lediglich, eine grobe Rohfassung zu Papier bzw. in den Computer zu bringen. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Wenn man zügig schreibt, kann man die anvisierten 50.000 Wörter in weniger als 50 Stunden schaffen. Für eine fertig überarbeitete, veröffentlichungsreife Normseite muss man hingegen mindestens 60 Minuten rechnen, was bei 50.000 Wörtern (also ca. 200 Normseiten) auf mindestens 200 Stunden hinaus liefe.

Da Sie im November wohl kaum 200 Stunden zum Schreiben abzweigen können (was einer runden 50-Stunden-Woche entspräche), sollten Sie sich nicht mehr als eine Rohfassung vornehmen, die ruhig so grottenschlecht und holprig sein darf, wie sie will. Auch die schlechteste Rohfassung kann man später noch in aller Ruhe überarbeiten und ausfeilen.

Schauen Sie also beim Schreiben niemals zurück und korrigieren Sie nichts – nicht einmal die übelsten Rechtschreibfehler oder Buchstabendreher, die Ihnen schon während des Schreibens direkt ins Auge springen. Der einzige Weg zum Ziel führt vorwärts und korrigieren können Sie immer noch, sobald Sie (nach mindestens 50.000 Wörtern) das magische Wörtchen ENDE unter das letzte Kapitel geschrieben haben.

Schaffen Sie die Grundlagen, um überall schreiben zu können

Ketten Sie sich zum Schreiben nicht an Ihren Computer. Selbst wenn Sie an Ihrem großen Desktop-PC mit der mechanischen Tastatur am besten und am schnellsten schreiben können, sollten Sie sich nicht darauf beschränken.

Mit einem Laptop oder Netbook können Sie auch abends in der Couch oder während der Mittagspause an Ihrem Roman schreiben – alles Zeiten, die Sie nicht richtig nutzen könnten, wenn Sie sich nur auf Ihren Desktop-PC beschränken. Dank Synchronisierungs-Diensten wie Dropbox, Google Drive oder OneDrive können Sie Ihr Manuskript über mehrere Rechner hinweg auf dem aktuellen Stand halten und sogar von Ihrem Tablet oder Smartphone aus an Ihrem Manuskript arbeiten.

Oder Sie schreiben direkt in der Cloud, indem Sie zum Schreiben eine Online-App wie Google Docs oder die Online-Version von Word nutzen, die Sie von jedem PC mit Internetzugang aus nutzen können. Sie entscheiden, was für Sie die beste Option darstellt. Die Hauptsache ist, dass Sie jede freie Minute und jede sich bietende Gelegenheit zum Schreiben Ihres Romans nutzen können. Denn je besser Sie von Anfang an voran kommen, desto weniger Stress und Zeitdruck haben Sie Ende des Monats, wenn es auf die Zielgerade zu geht.

Reservieren Sie feste Zeiten fürs Schreiben

Auch wenn Sie, wie im letzten Tipp erwähnt, während des Novembers jede sich bietende Gelegenheit nutzen sollten, um ein paar Sätze oder ein paar Seiten an Ihrem Roman weiter zu schreiben, sollte der Kern Ihrer NaNoWriMo-Planung dennoch aus fest eingeplanten Schreibzeiten bestehen.

Sie selbst kennen Ihre eigene Schreibgeschwindigkeit am besten. Schaffen Sie in der Stunde im Schnitt 500, 1.000, 1.500 oder gar bis zu 2.000 Wörter Rohfassung? Wenn es bei mir gut läuft, liege ich meist irgendwo zwischen 1.000 und 1.500 Wörtern, aber ich kenne Autoren, die beim Schreiben ihrer Rohfassung konstant die 2.000er-Marke knacken. Im Prinzip ist das kein Hexenwerk – gerade mal 34 Wörter pro Minute, aber als konstante Marathon-Leistung dennoch sehr beeindruckend.

Wichtig ist, dass Sie Ihre eigene Schreibgeschwindigkeit realistisch einschätzen und dementsprechend viel (oder wenig) Zeit für Ihr Manuskript reservieren. Bei 500 Wörtern pro Stunde brauchen Sie 100 Stunden für Ihre Rohfassung, bei 2.000 gerade mal 25. Für die meisten von uns liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Sagen wir, dass Sie mit im Schnitt 1.000 Wörtern Rohfassung pro Stunde gut im Rennen liegen und daher 50 Stunden für das Schreiben Ihrer Rohfassung einplanen müssen. Das sind 12 Stunden pro Woche – etwas mehr, wenn Sie einen gewissen Puffer für Unvorhergesehenes einplanen. Manchmal kommt man nicht wie geplant zum Schreiben, manchmal geht es nicht so gut voran wie geplant und vielleicht stellen Sie fest, dass Sie mit 50.000 Wörtern für Ihre Romanhandlung nicht ganz auskommen.

Sagen wir, dass Sie morgens eine halbe Stunde vor der Arbeit schreiben, eine Stunde abends und an den freien Wochenendtagen jeweils fünf Stunden. Das macht pro Woche gute 17 Stunden oder auf den kompletten November hochgerechnet ca. 75 Stunden – in jedem Fall mehr als genügend Zeit für Ihre Rohfassung.

Nutzen Sie die natürliche Wocheneinteilung für die Struktur Ihres Romans

Um etwas Struktur in den NaNoWriMo zu bringen, kann man die vier Akte eines Romans auf die Kalenderwochen des Novembers verteilen. Dieses Jahr sähe das folgendermaßen aus:

01.11 – 05.11: Akt 1
06.11 – 12.11: Akt 2
13.11 – 19.11: Akt 3
20.11 – 26.11: Akt 4

Diese Aufteilung hat den Vorteil, dass Sie das Wochenende (an dem man ohnehin üblicherweise mehr Zeit als während der Woche hat) jeweils zum Abschließen und Komplettieren eines Akts hat. Wenn man sich an diese Struktur hält, stellt man sicher, dass man Ende November wirklich eine in sich abgeschlossene Romanhandlung hat und nicht jenseits der 50.000 Wörter immer noch irgendwo im dritten Akt festhängt.

Der zweite Vorteil ist, dass Sie mit dieser Einteilung bereits am 26.11 mit der Rohfassung Ihres Romans fertig sind. Wenn Sie also dann feststellen, dass Sie noch irgendwo ein paar Szenen ergänzen oder ausbauen müssen, um über die 50.000 Wörter zu kommen, haben Sie dafür immer noch bis zu vier Tage Zeit.

Der einzige Nachteil ist in diesem Jahr, dass Sie mit dieser Aufteilung für den ersten Akt nur fünf statt sieben Tage zur Verfügung haben. Doch erstens kommt man Anfangs ohnehin besonders gut voran und zweitens macht es gar nichts, wenn der erste Akt etwas kürzer ausfällt als die anderen drei Akte. Das bedeutet nur, dass Ihre Handlung schneller Fahrt aufnimmt. Ihre späteren Leser werden es Ihnen danken.

Wenn Sie nach dem Kalenderwochen-Modell vorgehen wollen, bedeutet das allerdings, dass Sie von Anfang an mehr als die statistischen 1.667 Wörter pro Tag (= 50.000 Wörter / 30 Tage) schreiben müssen. Versuchen Sie in diesem Fall, mindestens 2.000 Wörter pro Tag zu schreiben, um gut im Rennen zu liegen und mit dem Ende des vierten Akts auch tatsächlich über der magischen 50.000-Wörter-Marke zu landen.

Nutzen Sie die letzten Oktobertage für die Vorplanung

Nur weil man erst am 01.11 mit dem eigentlichen Schreiben der Rohfassung beginnen darf, bedeutet das natürlich noch lange nicht, dass man vorher nicht an der Planung seines Romans arbeiten dürfte.

Dieses Jahr bietet sich für einen kurzen Planungs-Block for dem eigentlichen NaNoWriMo besonders gut an: Dadurch, dass dank des Luther-Jahrs der 31.10 diesmal in allen Bundesländern ein gesetzlicher Feiertag ist und viele von uns sich auch noch den Montag als Brückentag genommen haben, haben wir (inklusive heute) noch bis zu drei freie Tage für die Vorbereitung unseres Romans zur Verfügung.

Nutzen Sie diese Zeit, um Ihre Charaktere und Ihre Romanwelt besser kennenzulernen und sich zu überlegen, was alles passieren könnte. Je besser Sie Ihre Charaktere und Ihre Romanwelt kennen, desto leichter und besser können Sie später beim Schreiben improvisieren, ohne sich selbst und Ihrer ursprünglichen Idee untreu zu werden.

Sehr nützlich ist auch eine intensive Brainstorming-Session, was alles zwischen dem geplanten Anfang Ihres Romans und dem anvisierten Ende passieren könnte. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf und setzen Sie sich als Ziel, mindestens hundert Ideen für mögliche Szenen zu Papier zu bringen. Je mehr, desto besser. Selbst wenn nicht alles davon zusammen passt und Sie viele Dinge im Nachhinein als unsinnig, zu abgegriffen und klischeehaft oder als zu weit hergeholt verwerfen werden, sorgen Sie auf diese Weise für mehr als genügend „Baumaterial“ für Ihren Roman.

Wer es sich einfacher machen will, greift in dieser Phase zur Assoziativen Ideen-Matrix aus meinem Buch „Kreativ mit der Matrix“ (http://warpco.de/Matrix), mit der Sie innerhalb weniger Stunden mehr als genügend Rohmaterial für einen ganzen Roman aus dem Ärmel schütteln können. Viele von Ihnen kennen das Buch vermutlich bereits und nutzen die AIM-Technik vielleicht sogar schon bei der Planung Ihres NaNoWriMo-Romans – falls jedoch nicht, kann ich Ihnen einen Blick ins Buch nur empfehlen.

Bleiben Sie locker

Der wichtigste Tipp für den NaNoWriMo ist natürlich, trotz allem Zeitdruck locker zu bleiben und die Reise zu genießen. Erwarten Sie nicht zu viel von sich selbst und auch nicht von Ihrem Roman. Denken Sie noch nicht an eine spätere Veröffentlichung, sondern betrachten Sie die kommenden Wochen als einen Abenteuerurlaub mit Ihrer Kreativität.

Beim NaNoWriMo geht es in erster Linie darum, Spaß zu haben, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen und dabei zu entdecken, wie produktiv man sein kann, wenn man falschen Perfektionismus und die leidige Aufschieberitis über Bord wirft.

In diesem Sinne: viel Spaß beim Schreiben und viel Erfolg beim diesjährigen NaNoWriMo!


Unrealistisch oder unplausibel? Das Problem fantastischer Literatur

Wenn ich Rezensionen von Fantasy-, Science-Fiction- oder Horror-Romanen lese, stocke ich meist unwillkürlich, wenn ich dort den Vorwurf lese, das Buch sei „unrealistisch“. Kann man denn beispielsweise einem Fantasy-Roman, in dem es Einhörner, Drachen und Elfen gibt, überhaupt vorwerfen, er sei „unrealistisch“?

Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, wie man vielleicht auf den ersten Blick meinen sollte. Um ihr gerecht zu werden, müssen wir ein ganzes Stück weit ausholen.

Der Autor eines Fantasy-Romans könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass dadurch, dass er über Einhörner, Drachen und sprechende Tiere schreibt, jegliche Diskussionen über „Realismus“ von vorneherein absurd seien.

Das erinnert mich an eine Anekdote über die beiden Schriftsteller Johnny B. Truant und Sean Platt, die mit dem Gedanken spielten, einen Western zu schreiben, aber schon zu Beginn der Planung über kleine Details wie die Frage stolperten, welche Farbe der Pulverdampf eines abgefeuerten Revolvers hat. Daraufhin entschlossen sie sich kurzerhand, in ihrer Geschichte die Pferde durch Einhörner zu ersetzen – denn wenn schon ein Einhorn in der Handlung vorkommt, kann der Pulverdampf auch ruhig rosa sein. Diese Entscheidung war die Geburtsstunde des „Unicorn Western“, von dem die beiden Autoren mittlerweile neun Bände veröffentlicht haben.

Dieser Auffassung möchte ich jedoch so nicht anschließen. Auch Romane der fantastischen Literatur, egal ob wir nun von Fantasy, Science-Fiction oder Horror reden, sind niemals zu 100 Prozent spekulativ. Jede Romanwelt ist zu einem nicht unerheblichen Prozentsatz identisch mit unserer gewohnten Welt. Das hat nichts mit einem Mangel an Fantasie der entsprechenden Schriftsteller zu tun, sondern ist die Grundlage dafür, dass wir diese Romane überhaupt verstehen und genießen können. Wie groß der prozentuale „Phantasie-Anteil“ an der Romanwelt ist, hängt stark vom Genre und den jeweiligen Autor ab.

So gilt beispielsweise die Fantasy-Welt von Westeros („Game of Thrones“) aus der Feder von George R.R. Martin unter Fantasy-Lesern trotz Drachen, Weißen Wanderern und Magie als eher realistisch. Denn statt edler Paladine, weiser Elfen, untersetzter Zwerge und vierschrötiger Orks kämpfen hier (von wenigen Ausnahmen abgesehen) ausschließlich Menschen mit blutiger Waffengewalt, politischen Intrigen, Verrat und Meuchelmord um die Macht in den sieben Königslanden.

Drachen und Magie sind in Westeros lediglich ein Mittel zum Zweck, ähnlich wie Panzer, Drohnen und biologische Kampfstoffe in unserer „realen“ Welt. Die Geschichten der Menschen, die George R.R. Martin erzählt, drehen sich um Liebe, Hass, Machthunger, religiösen Eifer, Ehrgeiz und Rachsucht – alles Dinge, die uns nur allzu gut bekannt sind.

Es ist der „reale“ Anteil einer Fantasy- oder Science-Fiction-Welt, der sich in erster Linie gegen den Vorwurf „unrealistisch“ verteidigen können muss.

  • Wenn sich in einem Fantasy-Roman die menschliche Heldin einen stundenlangen Kampf mit einem schwer gepanzerten Ritter liefert und dabei ständig ihr Zweihänder-Schwert schwingt, ist das „unrealistisch“ – denn selbst der muskulösesten und durchtrainiertesten Heldin würde bald die Puste ausgehen, wenn sie die ganze Zeit ein Schwert gegen ihren Gegner schwingen müsste, das zwischen 4 und 6 Kilo wiegt.
  • Wenn der Held mit seinem Pferd innerhalb eines Tages mehr als 300 Kilometer zurücklegt, ist das „unrealistisch“, da selbst gut trainierte Pferde keine 200 Kilometer am Tag schaffen. Und wenn man dann noch das eventuell teilweise unwegsame Gelände einkalkuliert, sollte man diesen Wert noch einmal deutlich nach unten korrigieren.

Was ich mit diesen Beispielen sagen will, ist, dass das Schreiben eines „Fantasy-Romans“ niemals als Ausrede für schlechte oder gar unterlassene Recherche dienen darf. Alles, was in einem Fantasy- oder Science-Fiction-Roman nicht explizit als abweichend von unserer Realität geschildert wird, sollte auch innerhalb des Romans „realistisch“ geschildert werden.

Doch wie sieht die Sache bei dem „fantastischen“ Anteil von Fantasy-, Science-Fiction- und Horror-Romanen aus? Hier kann man natürlich nicht von „realistisch“ oder „unrealistisch“ sprechen, aber definitiv von „plausibel“ und „unplausibel“.

Hier ist das Zauberwort „Konsistenz“. Wenn sich ein Leser bewusst auf einen Fantasy- oder Horror-Roman einlässt, ist er üblicherweise durchaus bereit, die abweichenden Prämissen dieser Romanwelt für die nächsten paar hundert Seiten als „wahr“ anzunehmen. Ich kann „The Walking Dead“ oder „Das Lied von Eis und Feuer“ genießen, obwohl ich nicht an die Existenz von Zombies oder von Drachen glaube – aber nur, solange die Handlung ihrer eigenen inneren Logik treu bleibt.

Jegliche Abweichungen von unserer gewohnten Realität in einem Fantasy-, Science-Fiction- oder Horror-Roman müssen explizit eingeführt und nach Möglichkeit auch halbwegs logisch begründet werden, damit auch der kritische Leser sie als „gesetzt“ akzeptieren kann.

So gibt es beispielsweise etliche Webseiten, die sich damit beschäftigen, wie Drachen tatsächlich „funktionieren“ könnten. Wie könnte ein Drache trotz seiner Körpergröße abheben und fliegen – und wie könnte er Feuer spucken? Dies alles sind Dinge, über die man sich als Fantasy-Autor bereits beim Entwurf seiner Romanwelt Gedanken machen sollte.

Denken Sie beispielsweise an die unterschiedlichen Fantasy-Rassen, die seit Tolkiens „Herr der Ringe“ hunderte von Fantasy-Romanen bevölkern: Elfen, Zwerge, Orks und wie sie nicht alle heißen. Gerade durch Fantasy-Rollenspiele sind Mischwesen wie Halb-Orks oder Halb-Elfen aufgekommen, doch was wären die Konsequenzen solcher „Mischungen“?

George R.R. Martin hat sich dadurch, dass alle Bewohner der sieben Königslande mehr oder weniger menschlich sind, dieser Problematik entzogen. Doch wie handhabt man das als Autor, in dessen Romanwelt es beispielsweise Menschen, Elfen, Zwerge und Orks gibt? Sind diese soweit genetisch kompatibel, dass Mischlinge zwischen Mensch und Elf oder Zwerg und Ork möglich wären – also ähnlich wie bei Hunden, bei denen durch größtenteils identische DNA selbst ungewöhnliche Kreuzungen wie zwischen Pekinese und Dänischer Dogge denkbar wären?

Wenn ja, ergibt sich daraus eine Problematik, derer sich die meisten Fantasy-Autoren gar nicht bewusst sind. Denn wenn diese Nachkommen nicht wie bei der Kreuzung zwischen Esel und Pferd (also dem Maultier bzw. Maulesel) automatisch steril sind und sich ihrerseits nicht fortpflanzen könnten, würde diese genetische Kompatibilität innerhalb einiger Jahrhunderte für eine immer stärkere Vermischung der Rassen sorgen, bis die Unterschiede zwischen den Rassen spätestens nach ein paar Jahrtausenden immer geringer werden. In einer solchen Welt wäre also ein Held, unter dessen Vorfahren sich Angehörige aller möglichen Rassen finden, wesentlich wahrscheinlicher als ein „reiner Elf“ oder ein „reiner Zwerg“ – genau wie viele von uns in ihrem Stammbaum Angehörige der unterschiedlichsten Nationalitäten finden, wenn sie ein paar Generationen zurück gehen.

Wenn man also explizit unterschiedliche Rassen in seinem Fantasy-Roman haben möchte, sollte man diese genetisch inkompatibel machen – was natürlich eine eventuelle Liebesgeschichte zwischen Angehörigen unterschiedlicher Rassen (speziell was die gemeinsame Familienplanung angeht) deutlich erschwert.

Auch bei magischen Systemen gilt, dass man sich als Autor hier über die zugrundeliegenden Regeln und Gesetzmäßigkeiten gründliche Gedanken machen sollte. Damit Magie „plausibel“ wirkt, muss man als Leser ihre Gesetzmäßigkeiten entweder verstehen oder zumindest nicht widerlegen können.

„Verstehen“ ist dann der Fall, wenn man als Leser (z.B. gemeinsam mit dem Protagonisten, der im Laufe der Handlung erst die Anwendung von Magie erlernt) erfährt, wie Magie funktioniert, was möglich ist und was nicht und welchen Restriktionen man als Magier unterworfen ist – ähnlich wie bei einem Rollenspiel, bei dem wir beispielsweise wissen, dass man für einen bestimmten Zauberspruch soundsoviel Mana und ganz bestimmte Zutaten benötigt und dass dieser Spruch nur bei Tageslicht wirkt.

Wenn Magie nicht erklärt wird, sondern nur als praktisches Handlungselement eingestreut wird (wie beispielsweise bei den Harry-Potter-Romanen), ist sie für den Leser nicht zu begreifen. Doch wenn der Leser an einem bestimmten Punkt der Handlung sagt: „Warum verwendet er nicht einfach denselben Zauberspruch wie in Kapitel 12, um das Problem zu lösen?“, empfindet er das magische System als „unplausibel“ – denn entweder ist der Protagonist zu dumm, auf eine so einfache Lösung zu kommen, oder der Autor hält sich nicht an seine selbst festgelegten Regeln, weil derselbe Zauberspruch in einer ähnlichen Situation plötzlich nicht mehr helfen soll.

Auch aus diesem Grund sollte man sich als Fantasy- oder Science-Fiction-Autor bei jeder neuen Idee oder Erfindung genau überlegen, was die „realistischen“ Konsequenzen wären, wenn es dies wirklich gäbe. Wenn Magier mit einem Fingerschnippen und ohne zu ermüden von einem Ende der Welt ans andere teleportieren könnten – würde dann nicht irgendein Magier den schnellsten Postdienst aller Zeiten aufmachen, anstatt die Post weiterhin mit langsamen Pferdekutschen transportieren zu lassen? Wenn magische Fackeln an den Wänden der Dungeons ewig brennen – warum werden dann überhaupt noch Kerzen oder Öllampen produziert?

Nehmen Sie sich daher gerade bei der Planung „fantastischer“ Romane, egal ob diese nun in magischen Parallelwelten oder in einer weit entfernten Zukunft auf fremden Planeten spielen, ausreichend Zeit, um eine sowohl „realistische“ als auch „plausible“ Romanwelt zu erschaffen. Ihre Leser werden es Ihnen danken.


George R.R. Martin und das Geheimnis der Produktivität

Was würden Sie vermuten, was man für einen „optimalen Schreib-PC“ ausgeben muss? Ist es ein teurer Apple-Rechner mit riesigem Flachbildschirm? Oder doch eher ein superflaches Ultrabook mit Full-HD-Display und Hochleistungs-Akku?

Wenn Sie George R.R. Martin, den Autor der bekannten Fantasy-Romanserie „Ein Lied von Eis und Feuer“ (in Deutschland besser bekannt unter dem Titel der Serien-Verfilmung „Game of Thrones“) fragen, würde dieser über derartige Vorschläge höchstens amüsiert schmunzeln.

Denn George R.R. Martin schreibt, obwohl er zweifellos jeden noch so leistungsfähigen High-Tech-Rechner und die modernste Schreibsoftware aus der Portokasse bezahlen könnte, seine Romane auch heute noch auf einem alten DOS-Rechner unter WordStar 4.0.

Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Wir reden hier von einem Rechner der Prä-Windows-Ära, dessen Betriebssystem noch auf einer Diskette ausgeliefert wurde, und einem Schreibprogramm, das bereits 1987 erschienen ist und somit nächstes Jahr schon seinen 30. Geburtstag feiert.

Doch warum bleibt jemand wie George R.R. Martin bei einer derart antiquierten Hard- und Software, die nach heutigen Gesichtspunkten so gut wie überhaupt nichts kann?

Gut, wir wissen nicht, ob es sich bei seinem Schreib-PC immer noch um denselben alten Rechner von Anno Tobak handelt, oder um einen aktuellen PC, auf dem das alte DOS-Betriebssystem und Wordstar 4.0 neu installiert wurden – aber Fakt ist, dass sein Schreib-PC nicht mit dem Internet verbunden ist und er eine altertümliche Schreibsoftware verwendet, die vom Aussehen und vom Leistungsspektrum her mit einer modernen Textverarbeitung wie Word 2016 ungefähr genausoviel gemein hat wie der erste Ford-Oldtimer „Tin Lizzy“ mit einem modernen Tesla-Sportwagen.

Der Grund für George R.R. Martins Treue zum alten WordStar 4.0 ist bemerkenswert: In einem Interview sagte Martin, dass WordStar 4.0 alles könne, was er bei einem Schreibprogramm benötige. Er brauche weder eine Autokorrektur noch eine Rechtschreibprüfung, die ohnehin nur über jeden der zahllosen Namen in seinem Fantasy-Epos stolpern würde. Windows und moderne Schreibprogramme hätten zu viele Features, die er beim besten Willen nicht gebrauchen kann – aber dafür zahlreiche Bugs und Schwachstellen, die zu Abstürzen und Datenverlust führen können, während seine archaische Kombination aus DOS und WordStar 4.0 seit Jahrzehnten stabil und zuverlässig läuft.

Für andere Dinge wie zum Surfen im Internet, das Empfangen und Schreiben von Emails oder seine Steuererklärung, habe er einen zweiten, moderneren PC, der, wie man es gewohnt ist, permanent mit dem Internet verbunden ist.

So mancher jüngere Leser, der mit Windows, Android und iOS groß geworden ist und der sich schon unwohl fühlt, wenn er mehrere Stunden am Stück ohne WLAN, DSL und LTE offline ist, wird über George R.R. Martins Arbeitswerkzeug vielleicht verwundert den Kopf schütteln.

Andere werden jetzt direkt zu Google wechseln und recherchieren, wo man heute noch eine Lizenz von WordStar 4.0 bekommt oder wie man das alte DOS-Betriebssystem auf einem modernen Quad-Core-PC installieren kann.

Aber es geht nicht darum, die Arbeitsweise eines anderen Schriftsteller zu kopieren. Es wird immer Hobby-Schriftsteller geben, die auf der Suche nach dem Geheimis des Erfolgs Artikel über die Arbeitsweise und die Rituale erfolgreicher Bestseller-Autoren lesen und diese in der irrigen Hoffnung nachahmen, dass irgendwo darin das Geheimnis ihres Erfolgs verborgen sein müsse. Wenn Stephen King beim Schreiben laute Heavy-Metal-Musik hört, passt das für King. Mich würde es wahnsinnig machen, obwohl ich Heavy Metal liebe. Beim Schreiben brauche ich meine Ruhe – da müssen Lemmy und Angus warten.

Statt die Arbeitsweisen und Gewohnheiten erfolgreicher Schriftsteller kritiklos zu übernehmen, sollten wir eher hinterfragen und ergründen, warum sie sich für diese Arbeitsweise entschieden haben. Solche Überlegungen können uns weitaus mehr dabei helfen, herauszufinden, ob und wie weit wir die Vorteile dieses Ansatzes auch für uns nutzbar machen können.

Statt also nach diesem vielleicht etwas schrullig wirkenden Bekenntnis des Erfolgsschriftstellers gleich nach einem alten DOS-Rechner und einer WordStar-Lizenz Ausschau zu halten, sollten wir aus dem Einblick in G.R.R. Martins Arbeitsalltag lieber zwei Dinge herauslesen, die wir auch auf unseren Schreiballtag übertragen können:

1. Es gibt niemals ein optimales Schreibwerkzeug, aber mit Sicherheit eines, das „gut genug“ ist.

Viele von uns sind permanent auf der Suche nach einem noch besseren Schreibprogramm, das es uns endlich leichter macht, unsere Bücher zu schreiben. Frei nach dem Motto „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was besseres findet“ schielen wir immer nach links und rechts – stets in der Hoffnung, dass irgendwann jemand das perfekte Schreibtool entwickelt: die eierlegende Wollmilchsau, die Szenen, Charaktere, Zeitstrahl, Handlungsbögen etc. verwaltet und verknüpft und das Schreiben eines Bestsellers zu einem Spaziergang macht.

Und selbst wenn wir uns für eine Schreibsoftware entschieden haben, warten wir dennoch freudig auf jede neue Version und jedes neue Update – stets in der Hoffnung, dass vielleicht ein paar neue Funktionen und Möglichkeiten dabei sind, die uns das Leben (und das Schreiben) einfacher machen.

Aber was davon braucht man wirklich, um gute Bücher zu schreiben?

William Shakespeare und seine Zeitgenossen schrieben ihre Stücke mit Feder und Papier und schafften es trotzdem, produktiver als viele heutige Schrifsteller zu sein und Werke zu erschaffen, die auch nach Jahrhunderten noch lange nicht in Vergessenheit geraten sind.

Oder nehmen Sie die Schriftsteller der klassischen Pulp-Romane, die wie auch Hemingway ihre Manuskripte in schwergängige mechanische Schreibmaschinen hämmerten. Kein Copy&Paste, kein Drag&Drop, keine Autokorrektur – nicht einmal eine Backspace-Taste. Dennoch schafften viele dieser Pulp-Autoren es, über etliche Jahre hinweg pünktlich und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk alle paar Wochen ein neues Manuskript beim Verlag abzuliefern.

Nein, die Wahl des PCs und der Schreibsoftware ist zweitrangig. Suchen Sie sich ein Programm aus, das Ihnen gefällt, mit dem Sie gut klar kommen und dessen interne Logik Ihrer Arbeisweise entspricht, und dann bleiben Sie dabei – genau wie George R.R. Martin bis heute seinem WordStar treu geblieben ist. Denn das einzige Schreibwerkzeug, auf das es wirklich ankommt, ist unser Gehirn – und es fällt wesentlich leichter, sich beim Schreiben auf das eigentliche Manuskript zu konzentrieren, wenn man die Schreibsoftware und ihre Bedienung längst wie im Schlaf beherrscht.

2. Zum Schreiben braucht man kein Internet

Die strikte Trennung zwischen einem reinen Schreibcomputer, der nicht mit dem Internet verbunden ist und ausschließlich zum Schreiben dient, und einem normalen Internet-PC für alle sonstigen Tätigkeiten, wie George R.R. Martin sie praktiziert, ist eines der besten Dinge, die man für seine Produktivität als Schriftsteller tun kann.

Es fällt oft schwer, sich aufs Schreiben zu konzentrieren, wenn Emails, Twitter, Facebook, YouTube und andere Ablenkungen stets nur einen Mausklick entfernt sind. Selbst wenn man akustische Benachrichtigungen und Popup-Fenster für neue Nachrichten ausgeschaltet hat, ist doch immer die Verlockung da, „nur mal schnell“ etwas online zu recherchieren oder zu verifizieren.

Auch ich habe aus diesem Grund meinen Schreib-PC (einen alten Pentium 4 mit Windows XP und 512 MB RAM, der weder über WLAN noch über Kabel mit dem Internet verbunden ist) in einem anderen Raum als meinen normalen Internet-PC.

Dort schreibe ich im Stehen an meinem selbstgebauten Schreibpult mit einer guten mechanischen Tastatur, deren Tastenklicken das einzige Geräusch ist, das ich beim Schreiben höre. Auf dem PC ist außer WriteMonkey, das ich bevorzugt zum Schreiben meiner Rohfassungen verwende, und Wikidpad, das ich zum Verwalten der Hintergrundinformationen für mein aktuelles Romanprojekt benötige, kein weiteres Programm installiert. Keine Spiele, keine anderen Anwendungsprogramme – gar nichts. Alle Notizen und Informationen, die ich zum Schreiben benötige, nehme ich nur in Papierform in meinen Schreibraum mit.

Der PC ist so konfiguriert, dass er beim Hochfahren direkt WriteMonkey startet und mein aktuelles Manuskript lädt, so dass ich sofort mit dem Schreiben loslegen kann.

Was WordStar 4.0 für George R.R. Martin ist, ist WriteMonkey für mich: eine ablenkungsfreie Schreibumgebung, die genau das kann, was ich zum Schreiben von Artikeln, Sachbüchern, Kurzgeschichten und Romanen brauche, und die auf unnötige Spielereien verzichtet.

Diese Konfiguration hat für mich gleich mehrere Vorteile:

Das Schreiben im Stehen ist nicht nur gut für die Gesundheit (wenn Sie mehr hierüber lesen möchten, empfehle ich Ihnen meinen Kompaktratgeber „(M)ein Platz zum Schreiben„), sondern auch für die Konzentration. Es ist wesentlich leichter, im Sitzen zu faulenzen, als im Stehen. ;-)

Das Fehlen jeglicher Internetverbindung (ich nehme üblicherweise nicht einmal einen Tablet-PC oder mein Smartphone mit in meinen Schreibraum) sorgt dafür, dass ich mich hier ausschließlich aufs Schreiben konzentrieren kann.

Als ich noch versucht habe, meine Manuskripte an meinem normalen Internet-PC zu schreiben, war die Versuchung immer groß, nur noch schnell nach Mails zu schauen, ein wenig bei Amazon oder bei eBay zu stöbern, ein neues Simons-Cat-Video anzusehen oder etwas an meiner Webseite herum zu basteln, statt wirklich an meinem aktuellen Manuskript zu arbeiten. Nur noch fünf Minütchen, bis der Kaffee wirkt oder bis ich den richtigen Ansatz habe, wie ich diesen Artikel oder jene Szene angehen könnte… Unnötig zu sagen, dass aus den „fünf Minütchen“ nur allzu oft eine halbe oder gar eine ganze Stunde wurde.

Mit dem reinen Schreib-PC habe ich dieses Problem nicht mehr. Erstens ist das Faulenzen und Herumtrödeln im Stehen nicht mehr so gemütlich und entspannend wie im Sitzen, und zweitens fehlen die Ablenkungen und Alternativen. Wenn man nur das geöffnete Manuskript vor sich hat, dauert es nicht lange, bis man tatsächlich mit dem Schreiben beginnt – und wie bei fast allen Dingen ist es auch hier so, dass das Anfangen eigentlich das Schwerste ist. Ist man erst einmal dran, läuft es fast von alleine.

Wenn mir beim Schreiben eine Information fehlt, die ich erst recherchieren müsste, habe ich offenbar schlecht vorgeplant. Aber schlimm ist das auch nicht. Allein der Aufwand, in einen anderen Raum gehen zu müssen, um „mal schnell“ etwas zu googeln, sorgt schon dafür, dass man beim Schreiben eher einen Platzhalter einsetzt (z.B. [hier Name des Erzbischofs von Köln im Jahr 1782 einsetzen]) und die fehlenden Informationen später bei der Überarbeitung des Manuskripts in einem Aufwasch recherchiert und nachträgt.

Probieren Sie es einfach einmal aus. Sie müssen natürlich nicht unbedingt im Stehen schreiben, aber ein billiger, altmodischer Schreib-PC ohne Internetzugang (bekommt man gebraucht schon unter 50 Euro) mit einer relativ simplen Schreibsoftware könnte sich durchaus auch für Sie als wahre Produktivitäts-Geheimwaffe erweisen – sozusagen auf den Spuren von George R.R. Martin. Sie befinden sich also in guter Gesellschaft.


Buchtipp: Plot & Struktur: Dramaturgie, Szenen, dichteres Erzählen

Im WritersWorkshop E-Zine und meinem Blog habe ich im Laufe der Jahre schon mehrfach Schreibratgeber aus der Feder von Stephan Waldscheidt (http://Schriftzeit.de) vorgestellt. Diesmal möchte ich Ihnen seinen im April 2016 erschienenen Ratgeber „Plot & Struktur: Dramaturgie, Szenen, dichteres Erzählen“ empfehlen.

Wie man es schon von Waldscheidts anderen Schreibratgebern kennt, handelt es sich auch bei diesem Buch nicht etwa um ein durchgängig strukturiertes Nachschlagewerk, sondern um eine bunte Mischung von über 60 Artikeln rund ums Thema „Plot & Struktur“, in denen diese komplexe Thematik ebenso kompetent wie humorvoll von den unterschiedlichsten Seiten aus beleuchtet wird.

Regelmäßige Leser des Schriftzeit-Blogs und des WritersWorkshop E-Zines, in dem manche der Kapitel dieses Buchs bereits als Gastartikel erschienen waren, werden Teile des Inhalts bereits kennen – aber das macht überhaupt nichts. Denn im Gegensatz zu so manchem drögen Lehrbuch, das einen beim Lesen eher einschläfert als beflügelt, kann man Waldscheidts Ratgeber auch rein zur Unterhaltung lesen (und dabei als Nebeneffekt eine Menge über die Struktur und den Aufbau guter Romane lernen).

Mit Waldscheidts lockerem Schreibstil, seinem augenzwinkernden Humor und einem enormen Fachwissen über das Handwerk des Romanschreibens fällt auch „Plot & Struktur“ für mich ganz klar unter „Edutainment“: Man lernt eine Menge, bekommt interessante neue Anregungen und Einsichten, die anhand konkreter Beispiele aus Romanen und Filmen belegt und erläutert werden, und fühlt sich dabei die ganze Zeit prächtig unterhalten. Ich kann das Buch jedem Romanschriftsteller nur ans Herz legen – äußerst lesenswert!

„Plot & Struktur: Dramaturgie, Szenen, dichteres Erzählen“ ist unter https://www.amazon.de/Plot-Struktur-Dramaturgie-dichteres-Meisterkurs-ebook/dp/B01DS1HZUA wahlweise als eBook für 4,99 Euro oder als Taschenbuch für 14,98 Euro erhältlich.


Buchtipp (englisch): „When Every Month Is NaNoWriMo“

In wenigen Tagen beginnt der diesjährige NaNoWriMo: der „National Novel Writing Month“ – unter Nicht-Roman-Autoren eher als „November“ bekannt. Grund genug für mich, diesmal ein Buch vorzustellen, dessen Fokus ganz klar auf dem NaNoWriMo liegt: „When Every Month Is NaNoWriMo“ von Larry Brooks.

Wer gerne englischsprachige Schreibratgeber (oder Blogs übers Schreiben) liest, kennt Larry Brooks vermutlich als den Autor von Büchern wie „Story Engineering“, „Story Physics“ und „Story Fix“ oder aus seinem Blog Storyfix.com, in dem er regelmäßig interessante Artikel über die Struktur und Planung von Romanen veröffentlicht.

Aber widerspricht ein so strukturierter Ansatz, der den Fokus auf die Konstruktion einer Geschichte legt, nicht dem Gedanken des NaNoWriMo, innerhalb von nur 30 Tagen einen kompletten Roman (wenngleich nur als Rohfassung) herunter zu schreiben?

Um zu beweisen, dass Struktur und Geschwindigkeit keinen Widerspruch in sich darstellen, veröffentlichte Larry Brooks Ende 2011 in seinem Blog eine 31-teilige Artikelserie darüber, wie man einen kompletten Roman innerhalb einer knappen Deadline (wie der des NaNoWriMo) schreiben kann.

Aus dieser Serie von Blogposts wurde (mit kleineren Änderungen) der Schreibratgeber „When Every Month is NaNoWriMo“. Auch wenn die ursprünglichen Blogposts für das Buch überarbeitet und in manchen Passagen klarer formuliert wurden, handelt es sich dennoch nicht um ein so strukturiertes Werk wie Brooks andere Schreibratgeber.

Beim Lesen springen einem immer wieder Passagen ins Auge, die wenig mit dem eigentlichen Fokus des Buchs zu tun haben. Solche Abschweifungen sind bei Blogposts nicht unüblich, reißen einen aber hier immer wieder etwas aus dem Lesefluss heraus. Auch die einzelnen Artikel enthalten mehr Wiederholungen und redundante Informationen als ein normaler, sauber strukturierter Schreibratgeber. Und last not least fehlt dem Buch ein übersichtliches Inhaltsverzeichnnis, mit dem man direkt zu bestimmten Themen springen kann. Stattdessen ist das Buch darauf angelegt, in fester Reihenfolge von vorne nach hinten gelesen zu werden.

Wenn man Brooks bereits kennt, weiß man im Groben, was einem in diesem Buch erwartet: Struktur, Struktur und nochmals Struktur als der allein selig machende Weg zu einem guten Roman. Wer sich selbst als ‚Pantser‘, ‚Gärtner‘ oder ‚organischen Schriftsteller‘ sieht und keine Lust hat, sich von Brooks zu missionieren und zum Outliner konvertieren zu lassen, wird an Brooks Werk (ebenso wie an seinen anderen Schreibratgebern) vermutlich relativ wenig Spaß haben.

Doch wenn man dem Ansatz etwas abgewinnen kann, einen Roman erst aus der Vogelperspektive zu planen, bevor man sich auf die eigentliche Reise begibt, ist „When Every Month Is NaNoWriMo“ eine wertvolle Ergänzung der eigenen Schreibbibliothek.

Gerade wenn man noch keinen der Schreibratgeber von Larry Brooks gelesen hat, ist dieses verglichen mit seinen anderen Büchern recht günstige eBook ein recht guter Einstieg, um einen Eindruck von Brooks Ansatz zu bekommen und die Konzepte kennenzulernen, die Brooks in seinen anderen Schreibratgebern ausführlicher und mehr in die Tiefe gehend erklärt.

Kurzum: Wenn einem „When Every Month Is NaNoWriMo“ gut gefällt, kann man sich recht sicher sein, dass einem auch „Story Engineering“, „Story Physics“ und „Story Fix“ gefallen werden. Das macht dieses eBook zu einem guten Einstieg in die Storyfix-Schreibrategeber.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Buch anlässlich des NaNoWriMo auf 99 Cent reduziert – also ein echter „No Brainer“, bei dem man ohne zu zögern zugreifen kann. Wenn das Buch nach dem Ende der Aktion wieder zum vollen Preis verkauft wird, würde ich die Kaufempfehlung hingegen relativieren und eher empfehlen, sich zunächst einmal die Original-Blogposts auf Storyfix.com durchzulesen. Im direkten Vergleich haben die Blogposts gegenüber der eBook-Version den Vorteil, dass man sich hier auch die oft recht interessanten Leserkommentare zu den einzelnen Artikeln zu Gemüte führen kann.

Sie finden die Kindle-Version bei Amazon unter: https://www.amazon.de/When-Every-Month-NaNoWriMo-English-ebook/dp/B0064IE896

Alternativ finden Sie den ersten Blogpost der dem eBook zugrundeliegenden Artikelserie von Larry Brooks auch heute noch in seinem Blog unter http://storyfix.com/nail-your-nanowrmo. Von hier aus können Sie sich über die Links (rechts oberhalb des schwarzen Überschrift-Balkens) der Reihe nach durch die einzelnen Artikel der Serie hangeln.


Definieren Sie Ihren Protagonisten durch seine Werte

In der vorletzten Woche haben wir uns angeschaut, wie man nach der Methode von Lajos Egri einen Protagonisten als ‚dreidimensionale‘ Figur konstruieren kann, indem man sowohl seine physiologische und seine soziologische als auch seine psychologische Dimension berücksichtigt.

Doch es gibt noch eine weitere sehr effektive Methode, die einem nicht nur dabei hilft, seinen Protagonisten ‚von innen nach außen‘ zu konstruieren, sondern die es zugleich auch viel leichter macht, den Protagonisten beim Planen der Romanhandlung und beim späteren Schreiben des Romans glaubwürdig und konsistent handeln zu lassen: die Verwendung eines hierarchisch aufgebauten Wertesystems.

Unsere Entscheidungen und Handlungen werden durch unsere Werte bestimmt – also dadurch, was uns wichtiger (oder weniger wichtig) als andere Dinge ist. Daher sollten wir auch die Werte unseres Protagonisten kennen, um beurteilen zu können, was für ihn die logische Entscheidung oder Reaktion auf eine bestimmte Entwicklung, ein Angebot oder eine sich bietende Gelegenheit wäre.

Das klingt im ersten Moment vielleicht etwas theoretisch, wird aber gleich klarer werden. Es gibt viele Werte, die unser Leben bestimmen. Nehmen Sie beispielsweise Werte wie Ehrlichkeit, Familie, Macht, Loyalität, Gesundheit, Sicherheit, Freiheit, Anerkennung, Liebe, Religiosität, Abenteuer, Status oder Abwechslung, um nur einen kleinen Ausschnitt aus der Liste zu wählen. Je nachdem, in welche hierarchische Reihenfolge Sie diese Werte bringen (also diese ihrer Bedeutung für die Person nach in absteigender Reihenfolge sortieren), ergeben sich allein daraus schon vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten.

Stellen Sie sich eine Person vor, für die Sicherheit, Familie und Liebe ganz oben stehen, und eine andere, deren höchste Werte Freiheit, Abenteuer und Gesundheit sind. Egal, in welcher Reihenfolge die anderen beispielhaft aufgeführten Werte in ihrer persönlichen Wertehierarchie stehen, kann man sich jetzt schon vorstellen, wie unterschiedlich diese beiden Personen sich in bestimmten Situationen verhalten werden.

Während die erste Person jemand ist, der vermutlich in einer festen Beziehung lebt oder nach einer solchen sucht, könnte man sich die zweite eher als Single vorstellen oder als jemanden, der stets nur offene, unverbindliche und nicht auf lange Sicht angelegte Beziehungen führt.

Solche unterschiedlichen Charakterprofile sind bestens geeignet, um eine spannende, konfliktreiche Handlung zu erhalten. Stellen Sie sich vor, der freiheits- und abwechslungsliebende Charakter verliebt sich bis über beide Ohren in jemanden, für den Sicherheit und Familie am wichtigsten sind. Egal, wer von beiden der Mann und wer die Frau ist – es dürfte keine einfache Beziehung werden und für einiges an Spannung sorgen, bis sich entscheidet, ob beide wirklich eine gemeinsame Zukunft haben können.

Genauso können Sie eine spannende Handlung mit einem interessanten Protagonisten erhalten, indem Sie das seit Jahren oder Jahrzehnten bestehende Wertesystem einer Person durch ein einschneidendes Ereignis auf den Kopf stellen. Stellen wir uns jemanden vor, für den Sicherheit und Ehrlichkeit ganz oben stehen. Vielleicht ist derjenige ein korrekter Buchhalter oder ein Programmierer in einer Bank. Eines Tages bekommt dieser ehrliche, korrekte Mensch beim Arzt die Diagnose, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Plötzlich rückt der Wert „Gesundheit“ in seiner persönlichen Wertehierarchie ganz nach oben, denn bekanntlich weiß man ja erst dann zu schätzen, was man hat, wenn man es zu verlieren droht. Was könnte passieren, wenn dieser Mann hört, dass es in den USA eine experimentelle Therapie gibt, die ihn heilen könnte, die aber von seiner Krankenkasse nicht bezahlt wird und zudem eine hohe sechsstellige Summe kosten würde? Genau wie Walter White, der anfangs harmlose Chemielehrer in „Breaking Bad“, nach seiner lebensbedrohlichen Erkrankheit zum skrupellosen Drogenbaron mutiert, dürfte auch das Leben dieser Person sich durch die erschütternde Nachricht von Grund auf ändern.

Einen stoischen Protagonisten, der das Schicksal einfach akzeptiert und treu und brav seinen Job weiter macht, bis die Krankheit ihn ans Bett fesselt und schließlich dahin rafft, können wir für einen Roman nicht gebrauchen. Nein, unser Protagonist (nennen wir ihn Frank) will leben. Wenn Gesundheit und Überleben plötzlich die obersten Werte seiner persönlichen Wertehierarchie darstellen und danach erst mal ganz lange nichts kommt, wird er sowohl auf Ehrlichkeit als auch auf Sicherheit pfeifen, wenn es eine Entweder-Oder-Entscheidung ist. Er wird überlegen, wie er möglichst schnell zu so viel Geld kommen kann, dass er sich die experimentelle Behandlung für seine Krankheit leisten kann. Ein Banküberfall wäre eine riskante Kurzschlussreaktion, aber wenn Frank wie eben angedacht Buchhalter oder Programmierer in einer Bank ist, eröffnen sich ihm ganz andere Möglichkeiten, mit seiner neu erwachten kriminellen Energie rasch zu Geld zu kommen.

Im Gegensatz zu jemandem, der sich mit Betrug ein angenehmes Leben machen will und daher darauf achtet, dass ihm möglichst langfristig niemand auf die Schliche kommt, kann Frank auf Risiko gehen und den Aspekt ‚Sicherheit‘ vernachlässigen. Sobald er sich die lebensrettende Operation leisten konnte, ist es für ihn zweitrangig, ob er später geschnappt wird. Besser lebendig und gesund hinter Gittern als zwei Meter unter der Erde.

Oder vielleicht ist es die Frau oder die Tochter des Protagonisten, die unter einer lebensbedrohlichen Krankheit leidet und nur durch eine astronomisch teure Behandlung gerettet werden kann. Wenn Liebe und Familie für ihn ganz oben stehen, wird auch er in einer solchen Situation vermutlich Werte wie Ehrlichkeit und Sicherheit über Bord werfen, um die zu schützen und zu retten, die ihm alles bedeuten.

Werte bestimmen auch, was eine Person tun würde. Sie bestimmen, was ihre erste Wahl wäre, wozu sie sich überwinden könnte und was sie um keinen Preis der Welt tun würde. Das können Sie auf zweierlei Weise für Ihre Romanhandlung nutzen.

Zunächst einmal kann man sich das Duell zwischen Protagonist und Antagonist im zentralen Konflikt eines Romans ein wenig wie ein Tauziehen vorstellen, bei dem es vor und zurück geht. Jeder spielt abwechselnd seine Karten und Trümpfe aus, die er entweder durch seinen Charakter, seine Fähigkeiten oder seine Kontakte von vorneherein auf der Hand hat oder die er im Laufe der Handlung zugespielt bekommt, um mit einem Ruck in die richtige Richtung die Handlung zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen. Doch das Wertesystem des Protagonisten bestimmt, welche Karten er auszuspielen bereit ist.

Stellen Sie sich zwei Abenteurer vor, die beide auf der Suche nach einem Schatz sind. Es ist ein Wettlauf: wer den Schatz zuerst findet, hat gewonnen, der andere geht leer aus. Wenn unser Protagonist nun die Gelegenheit erhält, durch eine ‚kleine Falschaussage‘ seinem Gegner die Polizei auf den Hals zu hetzen und sich so einen Vorsprung zu sichern – würde er es tun? Was wäre, wenn er einen Flug mit einer alten klapprigen Maschine angeboten bekommt, die so aussieht, als ob sie nur noch durch Rost und Klebeband zusammengehalten würde? Und was, wenn es auch noch erforderlich wäre, mit dem Fallschirm über dem Amazonas-Dschungel abzuspringen? Dies alles sind Entscheidungen, die durch das Wertesystem des jeweiligen Protagonisten bestimmt werden.

Auch die Frage, was Ihr Protagonist niemals tun würde, ist von essentieller Bedeutung. Geben Sie sich hier nicht mit einem Punkt zufrieden, sondern finden Sie mindestens drei Dinge, die dermaßen gegen seine persönlichen Werte verstoßen, dass er sie niemals tun würde. Führen Sie ihn im Laufe der Handlung mehrfach in Versuchung, indem Sie ihm eine mögliche einfache Lösung für ein ganz konkretes, gravierendes Problem offerieren, für die er „nur“ gegen seine Werte verstoßen müsste.

Die Entscheidung Ihres Protagonisten angesichts einer solchen Versuchung zeigt Ihrem Leser, aus was für einem Holz Ihr Protagonist geschnitzt ist. Lassen Sie ihn widerstehen und den schwererern, aber mit seinen zentralen Werten konformen Weg gehen – aber nur bis kurz vor Schluss.

Wenn Ihr Protagonist es schafft, als „strahlender Held“, der bis zum Schluss seinen Werten und Normen treu bleibt und ohne einen dunklen Fleck auf seiner strahlend weißen Weste, das Ziel zu erreichen, haben Sie als Autor etwas falsch gemacht. Zwingen Sie Ihren Protagonisten stattdessen ganz zum Schluss, eine schwere Entscheidung zu treffen, die man nur als die Wahl zwischen zwei Übeln bezeichnen kann. Er kann siegen – doch dafür muss er ein persönliches Opfer bringen. Zwingen Sie Ihn, eine Grenze zu überschreiten, von der er sich geschworen hat, sie niemals zu überschreiten.

Nehmen wir als Beispielhandlung einen Technothriller, in dem der Protagonist ein Agent ist, der eine Bedrohung durch einen tödlichen Biokampfstoff beseitigen soll, der von Terroristen aus einem geheimen Forschungslabor gestohlen wurde – nennen wir ihn Jeff.

Machen wir aus ihm keinen 08/15-Action-Bond-Verschnitt, sondern sagen wir, dass Jeff niemals einen Menschen töten würde – außer vielleicht in absoluter Notwehr, wenn ein zu allem entschlossener Angreifer sein Leben oder das Anderer bedroht und auf andere Weise nicht gestoppt werden kann. Bringen Sie ihn im Laufe der Handlung mehrfach in Schwierigkeiten, weil er einen Gegner verschont hat, statt ihn endgültig auszuschalten. Erst ganz zum Schluss manövrieren Sie ihn in eine Situation, in der die Konsequenzen zu gravierend wären, wenn er seinem Grundsatz treu bleiben würde.

Diese finale und schwerste Entscheidung, zu der wir unseren Protagonisten zwingen, hat maßgeblichen Einfluss darauf, wie lange nach der letzten Seite die Handlung dem Leser noch in Erinnerung bleibt.

Sagen wir, dass Jeff im Laufe der Handlung die Wissenschaftlerin Elsa kennengelernt und sich während der Mission in sie verliebt hat. Bis kurz vor Schluss sieht alles so aus, als ob es ein Happy End für Jeff und Elsa geben würde: das Hauptquartier der Terroristen ist zerstört, ebenso ihr Labor mit dem tödlichen Biokampfstoff. Jeff und Elsa haben es lebend heraus geschafft – doch dann erkennt Jeff, dass Elsa sich durch eine kleine Verletzung mit dem Erreger infiziert hatte. Es ist nur noch eine Frage von Minuten, bis die Erkrankung ausbricht und Elsa mit jedem Hustenanfall tödliche Viren verbreitet, die innerhalb weniger Tage ganze Großstädte entvölkern könnten. Wenn Jeff die Seuche noch aufhalten will, muss er Elsa töten, bevor die Krankheit ausbricht, und ihren Körper mitsamt dem Erreger verbrennen. Es gibt kein Gegenmittel, kein Quarantänelabor, in das er Elsa noch rechtzeitig bringen könnte – nur noch die Entscheidung, die Frau zu töten, die er liebt, oder das Schicksal von Millionen Menschen zu besiegeln.

Egal, was man von einer solchen Romanhandlung hält – es ist definitiv ein Ende, das kein Leser so schnell vergisst und das nur durch das frühzeitig eingeführte Wertesystem des Protagonisten und die Grenze, die er niemals überschreiten will, so effektiv wird. Denken Sie sich dieselbe Handlung mit einem abgebrüht pragmatischen Protagonisten vom Schlag eines Jack Bauer aus „24“, der gewohnt ist, im Interesse „der guten Sache“ auch amoralisch, skrupellos und brutal zu handeln. Dasselbe Ende wäre nicht mehr dramatisch, sondern würde aufgesetzt und überflüssig wirken.

Überlegen Sie sich daher im Vorfeld nicht nur, was die wichtigsten Werte im Leben Ihres Protagonisten sind, sondern auch, was er niemals tun und welche Grenze(n) er niemals überschreiten würde. Allein das wird Ihren Protagonisten nicht nur zu einer abgerundeteren Persönlichkeit machen, sondern Ihnen auch ganz neue Optionen für eine spannende und dramatische Romanhandlung eröffnen.


Statische und dynamische Protagonisten

Wie bereits mehrfach in der Artikelreihe über Protagonisten erwähnt ist es üblicherweise so, dass der Protagonist im Laufe der Romanhandlung eine Veränderung durchmacht. Er muss wachsen und, wie vorletzte Woche erwähnt, seine Schwäche überwinden, um am Ende den zentralen Konflikt zu seinen Gunsten entscheiden zu können.

Bei dieser Art von Protagonisten spricht man auch von ‚dynamischen‘ Protagonisten, da sie sich im Laufe der Handlung verändern. Allerdings ist dies nicht die einzige Art von Protagonisten, mit denen man es als Autor beim Schreiben von Romanen zu tun bekommt, denn neben diesen gibt es auch noch die ’statischen‘ Protagonisten, die sich im Laufe der Romanhandlung nicht oder nur unwesentlich verändern.

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