Tipps für den NaNoWriMo 2017

In drei Tagen beginnt der diesjährige NaNoWriMo – der „National Novel Writing Month“, bei dem im Laufe des Novembers wieder einmal hunderttausende Schriftsteller und Hobbyautoren aus aller Welt versuchen werden, innerhalb von gerade mal 30 Tagen die erste Fassung eines neuen Romans von mindestens 50.000 Wörtern (also ca. 200 Normseiten) zu schreiben.

Falls auch Sie in diesem Jahr mit dabei sind und vorhaben, zu den erfahrungsgemäß weniger als 20% zu gehören, die es tatsächlich über die Ziellinie schaffen, habe ich ein paar kleine Tipps für Sie zusammengestellt.

Schaffen Sie sich Freiräume zum Schreiben

Teilen Sie Ihrer Familie und Ihren Freunden rechtzeitig mit, dass Sie im November so ziemlich jede freie Minute ins Schreiben Ihres neuen Romans stecken müssen und daher während der nächsten Wochen für gemeinsame Freizeitaktivitäten nicht zur Verfügung stehen werden.

Vereinbaren Sie mit Ihren Lieben, dass sich im November jeder von ihnen mehr Zeit für seine Hobbys nimmt – egal ob das Lesen, Puzzles oder das Bingewatching ganzer Serienstaffeln über Netflix oder Amazon Prime ist. Die Hauptsache ist, dass diese Hobbys nicht Ihre Beteiligung erfordern. ;-)

Verschieben Sie alle anderen Vorhaben, Unternehmungen und Pläne auf den Dezember und nehmen Sie sich für den November nichts anderes vor, als die Rohfassung Ihres neuen Romans fertigzustellen.

Sehen Sie den NaNoWriMo aus der richtigen Perspektive

Fakt ist: es geht nicht darum, innerhalb von 30 Tagen einen veröffentlichungsreifen Roman zu schreiben. Das Ziel ist lediglich, eine grobe Rohfassung zu Papier bzw. in den Computer zu bringen. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Wenn man zügig schreibt, kann man die anvisierten 50.000 Wörter in weniger als 50 Stunden schaffen. Für eine fertig überarbeitete, veröffentlichungsreife Normseite muss man hingegen mindestens 60 Minuten rechnen, was bei 50.000 Wörtern (also ca. 200 Normseiten) auf mindestens 200 Stunden hinaus liefe.

Da Sie im November wohl kaum 200 Stunden zum Schreiben abzweigen können (was einer runden 50-Stunden-Woche entspräche), sollten Sie sich nicht mehr als eine Rohfassung vornehmen, die ruhig so grottenschlecht und holprig sein darf, wie sie will. Auch die schlechteste Rohfassung kann man später noch in aller Ruhe überarbeiten und ausfeilen.

Schauen Sie also beim Schreiben niemals zurück und korrigieren Sie nichts – nicht einmal die übelsten Rechtschreibfehler oder Buchstabendreher, die Ihnen schon während des Schreibens direkt ins Auge springen. Der einzige Weg zum Ziel führt vorwärts und korrigieren können Sie immer noch, sobald Sie (nach mindestens 50.000 Wörtern) das magische Wörtchen ENDE unter das letzte Kapitel geschrieben haben.

Schaffen Sie die Grundlagen, um überall schreiben zu können

Ketten Sie sich zum Schreiben nicht an Ihren Computer. Selbst wenn Sie an Ihrem großen Desktop-PC mit der mechanischen Tastatur am besten und am schnellsten schreiben können, sollten Sie sich nicht darauf beschränken.

Mit einem Laptop oder Netbook können Sie auch abends in der Couch oder während der Mittagspause an Ihrem Roman schreiben – alles Zeiten, die Sie nicht richtig nutzen könnten, wenn Sie sich nur auf Ihren Desktop-PC beschränken. Dank Synchronisierungs-Diensten wie Dropbox, Google Drive oder OneDrive können Sie Ihr Manuskript über mehrere Rechner hinweg auf dem aktuellen Stand halten und sogar von Ihrem Tablet oder Smartphone aus an Ihrem Manuskript arbeiten.

Oder Sie schreiben direkt in der Cloud, indem Sie zum Schreiben eine Online-App wie Google Docs oder die Online-Version von Word nutzen, die Sie von jedem PC mit Internetzugang aus nutzen können. Sie entscheiden, was für Sie die beste Option darstellt. Die Hauptsache ist, dass Sie jede freie Minute und jede sich bietende Gelegenheit zum Schreiben Ihres Romans nutzen können. Denn je besser Sie von Anfang an voran kommen, desto weniger Stress und Zeitdruck haben Sie Ende des Monats, wenn es auf die Zielgerade zu geht.

Reservieren Sie feste Zeiten fürs Schreiben

Auch wenn Sie, wie im letzten Tipp erwähnt, während des Novembers jede sich bietende Gelegenheit nutzen sollten, um ein paar Sätze oder ein paar Seiten an Ihrem Roman weiter zu schreiben, sollte der Kern Ihrer NaNoWriMo-Planung dennoch aus fest eingeplanten Schreibzeiten bestehen.

Sie selbst kennen Ihre eigene Schreibgeschwindigkeit am besten. Schaffen Sie in der Stunde im Schnitt 500, 1.000, 1.500 oder gar bis zu 2.000 Wörter Rohfassung? Wenn es bei mir gut läuft, liege ich meist irgendwo zwischen 1.000 und 1.500 Wörtern, aber ich kenne Autoren, die beim Schreiben ihrer Rohfassung konstant die 2.000er-Marke knacken. Im Prinzip ist das kein Hexenwerk – gerade mal 34 Wörter pro Minute, aber als konstante Marathon-Leistung dennoch sehr beeindruckend.

Wichtig ist, dass Sie Ihre eigene Schreibgeschwindigkeit realistisch einschätzen und dementsprechend viel (oder wenig) Zeit für Ihr Manuskript reservieren. Bei 500 Wörtern pro Stunde brauchen Sie 100 Stunden für Ihre Rohfassung, bei 2.000 gerade mal 25. Für die meisten von uns liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Sagen wir, dass Sie mit im Schnitt 1.000 Wörtern Rohfassung pro Stunde gut im Rennen liegen und daher 50 Stunden für das Schreiben Ihrer Rohfassung einplanen müssen. Das sind 12 Stunden pro Woche – etwas mehr, wenn Sie einen gewissen Puffer für Unvorhergesehenes einplanen. Manchmal kommt man nicht wie geplant zum Schreiben, manchmal geht es nicht so gut voran wie geplant und vielleicht stellen Sie fest, dass Sie mit 50.000 Wörtern für Ihre Romanhandlung nicht ganz auskommen.

Sagen wir, dass Sie morgens eine halbe Stunde vor der Arbeit schreiben, eine Stunde abends und an den freien Wochenendtagen jeweils fünf Stunden. Das macht pro Woche gute 17 Stunden oder auf den kompletten November hochgerechnet ca. 75 Stunden – in jedem Fall mehr als genügend Zeit für Ihre Rohfassung.

Nutzen Sie die natürliche Wocheneinteilung für die Struktur Ihres Romans

Um etwas Struktur in den NaNoWriMo zu bringen, kann man die vier Akte eines Romans auf die Kalenderwochen des Novembers verteilen. Dieses Jahr sähe das folgendermaßen aus:

01.11 – 05.11: Akt 1
06.11 – 12.11: Akt 2
13.11 – 19.11: Akt 3
20.11 – 26.11: Akt 4

Diese Aufteilung hat den Vorteil, dass Sie das Wochenende (an dem man ohnehin üblicherweise mehr Zeit als während der Woche hat) jeweils zum Abschließen und Komplettieren eines Akts hat. Wenn man sich an diese Struktur hält, stellt man sicher, dass man Ende November wirklich eine in sich abgeschlossene Romanhandlung hat und nicht jenseits der 50.000 Wörter immer noch irgendwo im dritten Akt festhängt.

Der zweite Vorteil ist, dass Sie mit dieser Einteilung bereits am 26.11 mit der Rohfassung Ihres Romans fertig sind. Wenn Sie also dann feststellen, dass Sie noch irgendwo ein paar Szenen ergänzen oder ausbauen müssen, um über die 50.000 Wörter zu kommen, haben Sie dafür immer noch bis zu vier Tage Zeit.

Der einzige Nachteil ist in diesem Jahr, dass Sie mit dieser Aufteilung für den ersten Akt nur fünf statt sieben Tage zur Verfügung haben. Doch erstens kommt man Anfangs ohnehin besonders gut voran und zweitens macht es gar nichts, wenn der erste Akt etwas kürzer ausfällt als die anderen drei Akte. Das bedeutet nur, dass Ihre Handlung schneller Fahrt aufnimmt. Ihre späteren Leser werden es Ihnen danken.

Wenn Sie nach dem Kalenderwochen-Modell vorgehen wollen, bedeutet das allerdings, dass Sie von Anfang an mehr als die statistischen 1.667 Wörter pro Tag (= 50.000 Wörter / 30 Tage) schreiben müssen. Versuchen Sie in diesem Fall, mindestens 2.000 Wörter pro Tag zu schreiben, um gut im Rennen zu liegen und mit dem Ende des vierten Akts auch tatsächlich über der magischen 50.000-Wörter-Marke zu landen.

Nutzen Sie die letzten Oktobertage für die Vorplanung

Nur weil man erst am 01.11 mit dem eigentlichen Schreiben der Rohfassung beginnen darf, bedeutet das natürlich noch lange nicht, dass man vorher nicht an der Planung seines Romans arbeiten dürfte.

Dieses Jahr bietet sich für einen kurzen Planungs-Block for dem eigentlichen NaNoWriMo besonders gut an: Dadurch, dass dank des Luther-Jahrs der 31.10 diesmal in allen Bundesländern ein gesetzlicher Feiertag ist und viele von uns sich auch noch den Montag als Brückentag genommen haben, haben wir (inklusive heute) noch bis zu drei freie Tage für die Vorbereitung unseres Romans zur Verfügung.

Nutzen Sie diese Zeit, um Ihre Charaktere und Ihre Romanwelt besser kennenzulernen und sich zu überlegen, was alles passieren könnte. Je besser Sie Ihre Charaktere und Ihre Romanwelt kennen, desto leichter und besser können Sie später beim Schreiben improvisieren, ohne sich selbst und Ihrer ursprünglichen Idee untreu zu werden.

Sehr nützlich ist auch eine intensive Brainstorming-Session, was alles zwischen dem geplanten Anfang Ihres Romans und dem anvisierten Ende passieren könnte. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf und setzen Sie sich als Ziel, mindestens hundert Ideen für mögliche Szenen zu Papier zu bringen. Je mehr, desto besser. Selbst wenn nicht alles davon zusammen passt und Sie viele Dinge im Nachhinein als unsinnig, zu abgegriffen und klischeehaft oder als zu weit hergeholt verwerfen werden, sorgen Sie auf diese Weise für mehr als genügend „Baumaterial“ für Ihren Roman.

Wer es sich einfacher machen will, greift in dieser Phase zur Assoziativen Ideen-Matrix aus meinem Buch „Kreativ mit der Matrix“ (http://warpco.de/Matrix), mit der Sie innerhalb weniger Stunden mehr als genügend Rohmaterial für einen ganzen Roman aus dem Ärmel schütteln können. Viele von Ihnen kennen das Buch vermutlich bereits und nutzen die AIM-Technik vielleicht sogar schon bei der Planung Ihres NaNoWriMo-Romans – falls jedoch nicht, kann ich Ihnen einen Blick ins Buch nur empfehlen.

Bleiben Sie locker

Der wichtigste Tipp für den NaNoWriMo ist natürlich, trotz allem Zeitdruck locker zu bleiben und die Reise zu genießen. Erwarten Sie nicht zu viel von sich selbst und auch nicht von Ihrem Roman. Denken Sie noch nicht an eine spätere Veröffentlichung, sondern betrachten Sie die kommenden Wochen als einen Abenteuerurlaub mit Ihrer Kreativität.

Beim NaNoWriMo geht es in erster Linie darum, Spaß zu haben, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen und dabei zu entdecken, wie produktiv man sein kann, wenn man falschen Perfektionismus und die leidige Aufschieberitis über Bord wirft.

In diesem Sinne: viel Spaß beim Schreiben und viel Erfolg beim diesjährigen NaNoWriMo!

Unrealistisch oder unplausibel? Das Problem fantastischer Literatur

Wenn ich Rezensionen von Fantasy-, Science-Fiction- oder Horror-Romanen lese, stocke ich meist unwillkürlich, wenn ich dort den Vorwurf lese, das Buch sei „unrealistisch“. Kann man denn beispielsweise einem Fantasy-Roman, in dem es Einhörner, Drachen und Elfen gibt, überhaupt vorwerfen, er sei „unrealistisch“?

Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, wie man vielleicht auf den ersten Blick meinen sollte. Um ihr gerecht zu werden, müssen wir ein ganzes Stück weit ausholen.

Der Autor eines Fantasy-Romans könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass dadurch, dass er über Einhörner, Drachen und sprechende Tiere schreibt, jegliche Diskussionen über „Realismus“ von vorneherein absurd seien.

Das erinnert mich an eine Anekdote über die beiden Schriftsteller Johnny B. Truant und Sean Platt, die mit dem Gedanken spielten, einen Western zu schreiben, aber schon zu Beginn der Planung über kleine Details wie die Frage stolperten, welche Farbe der Pulverdampf eines abgefeuerten Revolvers hat. Daraufhin entschlossen sie sich kurzerhand, in ihrer Geschichte die Pferde durch Einhörner zu ersetzen – denn wenn schon ein Einhorn in der Handlung vorkommt, kann der Pulverdampf auch ruhig rosa sein. Diese Entscheidung war die Geburtsstunde des „Unicorn Western“, von dem die beiden Autoren mittlerweile neun Bände veröffentlicht haben.

Dieser Auffassung möchte ich jedoch so nicht anschließen. Auch Romane der fantastischen Literatur, egal ob wir nun von Fantasy, Science-Fiction oder Horror reden, sind niemals zu 100 Prozent spekulativ. Jede Romanwelt ist zu einem nicht unerheblichen Prozentsatz identisch mit unserer gewohnten Welt. Das hat nichts mit einem Mangel an Fantasie der entsprechenden Schriftsteller zu tun, sondern ist die Grundlage dafür, dass wir diese Romane überhaupt verstehen und genießen können. Wie groß der prozentuale „Phantasie-Anteil“ an der Romanwelt ist, hängt stark vom Genre und den jeweiligen Autor ab.

So gilt beispielsweise die Fantasy-Welt von Westeros („Game of Thrones“) aus der Feder von George R.R. Martin unter Fantasy-Lesern trotz Drachen, Weißen Wanderern und Magie als eher realistisch. Denn statt edler Paladine, weiser Elfen, untersetzter Zwerge und vierschrötiger Orks kämpfen hier (von wenigen Ausnahmen abgesehen) ausschließlich Menschen mit blutiger Waffengewalt, politischen Intrigen, Verrat und Meuchelmord um die Macht in den sieben Königslanden.

Drachen und Magie sind in Westeros lediglich ein Mittel zum Zweck, ähnlich wie Panzer, Drohnen und biologische Kampfstoffe in unserer „realen“ Welt. Die Geschichten der Menschen, die George R.R. Martin erzählt, drehen sich um Liebe, Hass, Machthunger, religiösen Eifer, Ehrgeiz und Rachsucht – alles Dinge, die uns nur allzu gut bekannt sind.

Es ist der „reale“ Anteil einer Fantasy- oder Science-Fiction-Welt, der sich in erster Linie gegen den Vorwurf „unrealistisch“ verteidigen können muss.

  • Wenn sich in einem Fantasy-Roman die menschliche Heldin einen stundenlangen Kampf mit einem schwer gepanzerten Ritter liefert und dabei ständig ihr Zweihänder-Schwert schwingt, ist das „unrealistisch“ – denn selbst der muskulösesten und durchtrainiertesten Heldin würde bald die Puste ausgehen, wenn sie die ganze Zeit ein Schwert gegen ihren Gegner schwingen müsste, das zwischen 4 und 6 Kilo wiegt.
  • Wenn der Held mit seinem Pferd innerhalb eines Tages mehr als 300 Kilometer zurücklegt, ist das „unrealistisch“, da selbst gut trainierte Pferde keine 200 Kilometer am Tag schaffen. Und wenn man dann noch das eventuell teilweise unwegsame Gelände einkalkuliert, sollte man diesen Wert noch einmal deutlich nach unten korrigieren.

Was ich mit diesen Beispielen sagen will, ist, dass das Schreiben eines „Fantasy-Romans“ niemals als Ausrede für schlechte oder gar unterlassene Recherche dienen darf. Alles, was in einem Fantasy- oder Science-Fiction-Roman nicht explizit als abweichend von unserer Realität geschildert wird, sollte auch innerhalb des Romans „realistisch“ geschildert werden.

Doch wie sieht die Sache bei dem „fantastischen“ Anteil von Fantasy-, Science-Fiction- und Horror-Romanen aus? Hier kann man natürlich nicht von „realistisch“ oder „unrealistisch“ sprechen, aber definitiv von „plausibel“ und „unplausibel“.

Hier ist das Zauberwort „Konsistenz“. Wenn sich ein Leser bewusst auf einen Fantasy- oder Horror-Roman einlässt, ist er üblicherweise durchaus bereit, die abweichenden Prämissen dieser Romanwelt für die nächsten paar hundert Seiten als „wahr“ anzunehmen. Ich kann „The Walking Dead“ oder „Das Lied von Eis und Feuer“ genießen, obwohl ich nicht an die Existenz von Zombies oder von Drachen glaube – aber nur, solange die Handlung ihrer eigenen inneren Logik treu bleibt.

Jegliche Abweichungen von unserer gewohnten Realität in einem Fantasy-, Science-Fiction- oder Horror-Roman müssen explizit eingeführt und nach Möglichkeit auch halbwegs logisch begründet werden, damit auch der kritische Leser sie als „gesetzt“ akzeptieren kann.

So gibt es beispielsweise etliche Webseiten, die sich damit beschäftigen, wie Drachen tatsächlich „funktionieren“ könnten. Wie könnte ein Drache trotz seiner Körpergröße abheben und fliegen – und wie könnte er Feuer spucken? Dies alles sind Dinge, über die man sich als Fantasy-Autor bereits beim Entwurf seiner Romanwelt Gedanken machen sollte.

Denken Sie beispielsweise an die unterschiedlichen Fantasy-Rassen, die seit Tolkiens „Herr der Ringe“ hunderte von Fantasy-Romanen bevölkern: Elfen, Zwerge, Orks und wie sie nicht alle heißen. Gerade durch Fantasy-Rollenspiele sind Mischwesen wie Halb-Orks oder Halb-Elfen aufgekommen, doch was wären die Konsequenzen solcher „Mischungen“?

George R.R. Martin hat sich dadurch, dass alle Bewohner der sieben Königslande mehr oder weniger menschlich sind, dieser Problematik entzogen. Doch wie handhabt man das als Autor, in dessen Romanwelt es beispielsweise Menschen, Elfen, Zwerge und Orks gibt? Sind diese soweit genetisch kompatibel, dass Mischlinge zwischen Mensch und Elf oder Zwerg und Ork möglich wären – also ähnlich wie bei Hunden, bei denen durch größtenteils identische DNA selbst ungewöhnliche Kreuzungen wie zwischen Pekinese und Dänischer Dogge denkbar wären?

Wenn ja, ergibt sich daraus eine Problematik, derer sich die meisten Fantasy-Autoren gar nicht bewusst sind. Denn wenn diese Nachkommen nicht wie bei der Kreuzung zwischen Esel und Pferd (also dem Maultier bzw. Maulesel) automatisch steril sind und sich ihrerseits nicht fortpflanzen könnten, würde diese genetische Kompatibilität innerhalb einiger Jahrhunderte für eine immer stärkere Vermischung der Rassen sorgen, bis die Unterschiede zwischen den Rassen spätestens nach ein paar Jahrtausenden immer geringer werden. In einer solchen Welt wäre also ein Held, unter dessen Vorfahren sich Angehörige aller möglichen Rassen finden, wesentlich wahrscheinlicher als ein „reiner Elf“ oder ein „reiner Zwerg“ – genau wie viele von uns in ihrem Stammbaum Angehörige der unterschiedlichsten Nationalitäten finden, wenn sie ein paar Generationen zurück gehen.

Wenn man also explizit unterschiedliche Rassen in seinem Fantasy-Roman haben möchte, sollte man diese genetisch inkompatibel machen – was natürlich eine eventuelle Liebesgeschichte zwischen Angehörigen unterschiedlicher Rassen (speziell was die gemeinsame Familienplanung angeht) deutlich erschwert.

Auch bei magischen Systemen gilt, dass man sich als Autor hier über die zugrundeliegenden Regeln und Gesetzmäßigkeiten gründliche Gedanken machen sollte. Damit Magie „plausibel“ wirkt, muss man als Leser ihre Gesetzmäßigkeiten entweder verstehen oder zumindest nicht widerlegen können.

„Verstehen“ ist dann der Fall, wenn man als Leser (z.B. gemeinsam mit dem Protagonisten, der im Laufe der Handlung erst die Anwendung von Magie erlernt) erfährt, wie Magie funktioniert, was möglich ist und was nicht und welchen Restriktionen man als Magier unterworfen ist – ähnlich wie bei einem Rollenspiel, bei dem wir beispielsweise wissen, dass man für einen bestimmten Zauberspruch soundsoviel Mana und ganz bestimmte Zutaten benötigt und dass dieser Spruch nur bei Tageslicht wirkt.

Wenn Magie nicht erklärt wird, sondern nur als praktisches Handlungselement eingestreut wird (wie beispielsweise bei den Harry-Potter-Romanen), ist sie für den Leser nicht zu begreifen. Doch wenn der Leser an einem bestimmten Punkt der Handlung sagt: „Warum verwendet er nicht einfach denselben Zauberspruch wie in Kapitel 12, um das Problem zu lösen?“, empfindet er das magische System als „unplausibel“ – denn entweder ist der Protagonist zu dumm, auf eine so einfache Lösung zu kommen, oder der Autor hält sich nicht an seine selbst festgelegten Regeln, weil derselbe Zauberspruch in einer ähnlichen Situation plötzlich nicht mehr helfen soll.

Auch aus diesem Grund sollte man sich als Fantasy- oder Science-Fiction-Autor bei jeder neuen Idee oder Erfindung genau überlegen, was die „realistischen“ Konsequenzen wären, wenn es dies wirklich gäbe. Wenn Magier mit einem Fingerschnippen und ohne zu ermüden von einem Ende der Welt ans andere teleportieren könnten – würde dann nicht irgendein Magier den schnellsten Postdienst aller Zeiten aufmachen, anstatt die Post weiterhin mit langsamen Pferdekutschen transportieren zu lassen? Wenn magische Fackeln an den Wänden der Dungeons ewig brennen – warum werden dann überhaupt noch Kerzen oder Öllampen produziert?

Nehmen Sie sich daher gerade bei der Planung „fantastischer“ Romane, egal ob diese nun in magischen Parallelwelten oder in einer weit entfernten Zukunft auf fremden Planeten spielen, ausreichend Zeit, um eine sowohl „realistische“ als auch „plausible“ Romanwelt zu erschaffen. Ihre Leser werden es Ihnen danken.


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George R.R. Martin und das Geheimnis der Produktivität

Was würden Sie vermuten, was man für einen „optimalen Schreib-PC“ ausgeben muss? Ist es ein teurer Apple-Rechner mit riesigem Flachbildschirm? Oder doch eher ein superflaches Ultrabook mit Full-HD-Display und Hochleistungs-Akku?

Wenn Sie George R.R. Martin, den Autor der bekannten Fantasy-Romanserie „Ein Lied von Eis und Feuer“ (in Deutschland besser bekannt unter dem Titel der Serien-Verfilmung „Game of Thrones“) fragen, würde dieser über derartige Vorschläge höchstens amüsiert schmunzeln.

Denn George R.R. Martin schreibt, obwohl er zweifellos jeden noch so leistungsfähigen High-Tech-Rechner und die modernste Schreibsoftware aus der Portokasse bezahlen könnte, seine Romane auch heute noch auf einem alten DOS-Rechner unter WordStar 4.0.

Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Wir reden hier von einem Rechner der Prä-Windows-Ära, dessen Betriebssystem noch auf einer Diskette ausgeliefert wurde, und einem Schreibprogramm, das bereits 1987 erschienen ist und somit nächstes Jahr schon seinen 30. Geburtstag feiert.

Doch warum bleibt jemand wie George R.R. Martin bei einer derart antiquierten Hard- und Software, die nach heutigen Gesichtspunkten so gut wie überhaupt nichts kann?

Gut, wir wissen nicht, ob es sich bei seinem Schreib-PC immer noch um denselben alten Rechner von Anno Tobak handelt, oder um einen aktuellen PC, auf dem das alte DOS-Betriebssystem und Wordstar 4.0 neu installiert wurden – aber Fakt ist, dass sein Schreib-PC nicht mit dem Internet verbunden ist und er eine altertümliche Schreibsoftware verwendet, die vom Aussehen und vom Leistungsspektrum her mit einer modernen Textverarbeitung wie Word 2016 ungefähr genausoviel gemein hat wie der erste Ford-Oldtimer „Tin Lizzy“ mit einem modernen Tesla-Sportwagen.

Der Grund für George R.R. Martins Treue zum alten WordStar 4.0 ist bemerkenswert: In einem Interview sagte Martin, dass WordStar 4.0 alles könne, was er bei einem Schreibprogramm benötige. Er brauche weder eine Autokorrektur noch eine Rechtschreibprüfung, die ohnehin nur über jeden der zahllosen Namen in seinem Fantasy-Epos stolpern würde. Windows und moderne Schreibprogramme hätten zu viele Features, die er beim besten Willen nicht gebrauchen kann – aber dafür zahlreiche Bugs und Schwachstellen, die zu Abstürzen und Datenverlust führen können, während seine archaische Kombination aus DOS und WordStar 4.0 seit Jahrzehnten stabil und zuverlässig läuft.

Für andere Dinge wie zum Surfen im Internet, das Empfangen und Schreiben von Emails oder seine Steuererklärung, habe er einen zweiten, moderneren PC, der, wie man es gewohnt ist, permanent mit dem Internet verbunden ist.

So mancher jüngere Leser, der mit Windows, Android und iOS groß geworden ist und der sich schon unwohl fühlt, wenn er mehrere Stunden am Stück ohne WLAN, DSL und LTE offline ist, wird über George R.R. Martins Arbeitswerkzeug vielleicht verwundert den Kopf schütteln.

Andere werden jetzt direkt zu Google wechseln und recherchieren, wo man heute noch eine Lizenz von WordStar 4.0 bekommt oder wie man das alte DOS-Betriebssystem auf einem modernen Quad-Core-PC installieren kann.

Aber es geht nicht darum, die Arbeitsweise eines anderen Schriftsteller zu kopieren. Es wird immer Hobby-Schriftsteller geben, die auf der Suche nach dem Geheimis des Erfolgs Artikel über die Arbeitsweise und die Rituale erfolgreicher Bestseller-Autoren lesen und diese in der irrigen Hoffnung nachahmen, dass irgendwo darin das Geheimnis ihres Erfolgs verborgen sein müsse. Wenn Stephen King beim Schreiben laute Heavy-Metal-Musik hört, passt das für King. Mich würde es wahnsinnig machen, obwohl ich Heavy Metal liebe. Beim Schreiben brauche ich meine Ruhe – da müssen Lemmy und Angus warten.

Statt die Arbeitsweisen und Gewohnheiten erfolgreicher Schriftsteller kritiklos zu übernehmen, sollten wir eher hinterfragen und ergründen, warum sie sich für diese Arbeitsweise entschieden haben. Solche Überlegungen können uns weitaus mehr dabei helfen, herauszufinden, ob und wie weit wir die Vorteile dieses Ansatzes auch für uns nutzbar machen können.

Statt also nach diesem vielleicht etwas schrullig wirkenden Bekenntnis des Erfolgsschriftstellers gleich nach einem alten DOS-Rechner und einer WordStar-Lizenz Ausschau zu halten, sollten wir aus dem Einblick in G.R.R. Martins Arbeitsalltag lieber zwei Dinge herauslesen, die wir auch auf unseren Schreiballtag übertragen können:

1. Es gibt niemals ein optimales Schreibwerkzeug, aber mit Sicherheit eines, das „gut genug“ ist.

Viele von uns sind permanent auf der Suche nach einem noch besseren Schreibprogramm, das es uns endlich leichter macht, unsere Bücher zu schreiben. Frei nach dem Motto „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was besseres findet“ schielen wir immer nach links und rechts – stets in der Hoffnung, dass irgendwann jemand das perfekte Schreibtool entwickelt: die eierlegende Wollmilchsau, die Szenen, Charaktere, Zeitstrahl, Handlungsbögen etc. verwaltet und verknüpft und das Schreiben eines Bestsellers zu einem Spaziergang macht.

Und selbst wenn wir uns für eine Schreibsoftware entschieden haben, warten wir dennoch freudig auf jede neue Version und jedes neue Update – stets in der Hoffnung, dass vielleicht ein paar neue Funktionen und Möglichkeiten dabei sind, die uns das Leben (und das Schreiben) einfacher machen.

Aber was davon braucht man wirklich, um gute Bücher zu schreiben?

William Shakespeare und seine Zeitgenossen schrieben ihre Stücke mit Feder und Papier und schafften es trotzdem, produktiver als viele heutige Schrifsteller zu sein und Werke zu erschaffen, die auch nach Jahrhunderten noch lange nicht in Vergessenheit geraten sind.

Oder nehmen Sie die Schriftsteller der klassischen Pulp-Romane, die wie auch Hemingway ihre Manuskripte in schwergängige mechanische Schreibmaschinen hämmerten. Kein Copy&Paste, kein Drag&Drop, keine Autokorrektur – nicht einmal eine Backspace-Taste. Dennoch schafften viele dieser Pulp-Autoren es, über etliche Jahre hinweg pünktlich und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk alle paar Wochen ein neues Manuskript beim Verlag abzuliefern.

Nein, die Wahl des PCs und der Schreibsoftware ist zweitrangig. Suchen Sie sich ein Programm aus, das Ihnen gefällt, mit dem Sie gut klar kommen und dessen interne Logik Ihrer Arbeisweise entspricht, und dann bleiben Sie dabei – genau wie George R.R. Martin bis heute seinem WordStar treu geblieben ist. Denn das einzige Schreibwerkzeug, auf das es wirklich ankommt, ist unser Gehirn – und es fällt wesentlich leichter, sich beim Schreiben auf das eigentliche Manuskript zu konzentrieren, wenn man die Schreibsoftware und ihre Bedienung längst wie im Schlaf beherrscht.

2. Zum Schreiben braucht man kein Internet

Die strikte Trennung zwischen einem reinen Schreibcomputer, der nicht mit dem Internet verbunden ist und ausschließlich zum Schreiben dient, und einem normalen Internet-PC für alle sonstigen Tätigkeiten, wie George R.R. Martin sie praktiziert, ist eines der besten Dinge, die man für seine Produktivität als Schriftsteller tun kann.

Es fällt oft schwer, sich aufs Schreiben zu konzentrieren, wenn Emails, Twitter, Facebook, YouTube und andere Ablenkungen stets nur einen Mausklick entfernt sind. Selbst wenn man akustische Benachrichtigungen und Popup-Fenster für neue Nachrichten ausgeschaltet hat, ist doch immer die Verlockung da, „nur mal schnell“ etwas online zu recherchieren oder zu verifizieren.

Auch ich habe aus diesem Grund meinen Schreib-PC (einen alten Pentium 4 mit Windows XP und 512 MB RAM, der weder über WLAN noch über Kabel mit dem Internet verbunden ist) in einem anderen Raum als meinen normalen Internet-PC.

Dort schreibe ich im Stehen an meinem selbstgebauten Schreibpult mit einer guten mechanischen Tastatur, deren Tastenklicken das einzige Geräusch ist, das ich beim Schreiben höre. Auf dem PC ist außer WriteMonkey, das ich bevorzugt zum Schreiben meiner Rohfassungen verwende, und Wikidpad, das ich zum Verwalten der Hintergrundinformationen für mein aktuelles Romanprojekt benötige, kein weiteres Programm installiert. Keine Spiele, keine anderen Anwendungsprogramme – gar nichts. Alle Notizen und Informationen, die ich zum Schreiben benötige, nehme ich nur in Papierform in meinen Schreibraum mit.

Der PC ist so konfiguriert, dass er beim Hochfahren direkt WriteMonkey startet und mein aktuelles Manuskript lädt, so dass ich sofort mit dem Schreiben loslegen kann.

Was WordStar 4.0 für George R.R. Martin ist, ist WriteMonkey für mich: eine ablenkungsfreie Schreibumgebung, die genau das kann, was ich zum Schreiben von Artikeln, Sachbüchern, Kurzgeschichten und Romanen brauche, und die auf unnötige Spielereien verzichtet.

Diese Konfiguration hat für mich gleich mehrere Vorteile:

Das Schreiben im Stehen ist nicht nur gut für die Gesundheit (wenn Sie mehr hierüber lesen möchten, empfehle ich Ihnen meinen Kompaktratgeber „(M)ein Platz zum Schreiben„), sondern auch für die Konzentration. Es ist wesentlich leichter, im Sitzen zu faulenzen, als im Stehen. ;-)

Das Fehlen jeglicher Internetverbindung (ich nehme üblicherweise nicht einmal einen Tablet-PC oder mein Smartphone mit in meinen Schreibraum) sorgt dafür, dass ich mich hier ausschließlich aufs Schreiben konzentrieren kann.

Als ich noch versucht habe, meine Manuskripte an meinem normalen Internet-PC zu schreiben, war die Versuchung immer groß, nur noch schnell nach Mails zu schauen, ein wenig bei Amazon oder bei eBay zu stöbern, ein neues Simons-Cat-Video anzusehen oder etwas an meiner Webseite herum zu basteln, statt wirklich an meinem aktuellen Manuskript zu arbeiten. Nur noch fünf Minütchen, bis der Kaffee wirkt oder bis ich den richtigen Ansatz habe, wie ich diesen Artikel oder jene Szene angehen könnte… Unnötig zu sagen, dass aus den „fünf Minütchen“ nur allzu oft eine halbe oder gar eine ganze Stunde wurde.

Mit dem reinen Schreib-PC habe ich dieses Problem nicht mehr. Erstens ist das Faulenzen und Herumtrödeln im Stehen nicht mehr so gemütlich und entspannend wie im Sitzen, und zweitens fehlen die Ablenkungen und Alternativen. Wenn man nur das geöffnete Manuskript vor sich hat, dauert es nicht lange, bis man tatsächlich mit dem Schreiben beginnt – und wie bei fast allen Dingen ist es auch hier so, dass das Anfangen eigentlich das Schwerste ist. Ist man erst einmal dran, läuft es fast von alleine.

Wenn mir beim Schreiben eine Information fehlt, die ich erst recherchieren müsste, habe ich offenbar schlecht vorgeplant. Aber schlimm ist das auch nicht. Allein der Aufwand, in einen anderen Raum gehen zu müssen, um „mal schnell“ etwas zu googeln, sorgt schon dafür, dass man beim Schreiben eher einen Platzhalter einsetzt (z.B. [hier Name des Erzbischofs von Köln im Jahr 1782 einsetzen]) und die fehlenden Informationen später bei der Überarbeitung des Manuskripts in einem Aufwasch recherchiert und nachträgt.

Probieren Sie es einfach einmal aus. Sie müssen natürlich nicht unbedingt im Stehen schreiben, aber ein billiger, altmodischer Schreib-PC ohne Internetzugang (bekommt man gebraucht schon unter 50 Euro) mit einer relativ simplen Schreibsoftware könnte sich durchaus auch für Sie als wahre Produktivitäts-Geheimwaffe erweisen – sozusagen auf den Spuren von George R.R. Martin. Sie befinden sich also in guter Gesellschaft.


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Buchtipp: Plot & Struktur: Dramaturgie, Szenen, dichteres Erzählen

Im WritersWorkshop E-Zine und meinem Blog habe ich im Laufe der Jahre schon mehrfach Schreibratgeber aus der Feder von Stephan Waldscheidt (http://Schriftzeit.de) vorgestellt. Diesmal möchte ich Ihnen seinen im April 2016 erschienenen Ratgeber „Plot & Struktur: Dramaturgie, Szenen, dichteres Erzählen“ empfehlen.

Wie man es schon von Waldscheidts anderen Schreibratgebern kennt, handelt es sich auch bei diesem Buch nicht etwa um ein durchgängig strukturiertes Nachschlagewerk, sondern um eine bunte Mischung von über 60 Artikeln rund ums Thema „Plot & Struktur“, in denen diese komplexe Thematik ebenso kompetent wie humorvoll von den unterschiedlichsten Seiten aus beleuchtet wird.

Regelmäßige Leser des Schriftzeit-Blogs und des WritersWorkshop E-Zines, in dem manche der Kapitel dieses Buchs bereits als Gastartikel erschienen waren, werden Teile des Inhalts bereits kennen – aber das macht überhaupt nichts. Denn im Gegensatz zu so manchem drögen Lehrbuch, das einen beim Lesen eher einschläfert als beflügelt, kann man Waldscheidts Ratgeber auch rein zur Unterhaltung lesen (und dabei als Nebeneffekt eine Menge über die Struktur und den Aufbau guter Romane lernen).

Mit Waldscheidts lockerem Schreibstil, seinem augenzwinkernden Humor und einem enormen Fachwissen über das Handwerk des Romanschreibens fällt auch „Plot & Struktur“ für mich ganz klar unter „Edutainment“: Man lernt eine Menge, bekommt interessante neue Anregungen und Einsichten, die anhand konkreter Beispiele aus Romanen und Filmen belegt und erläutert werden, und fühlt sich dabei die ganze Zeit prächtig unterhalten. Ich kann das Buch jedem Romanschriftsteller nur ans Herz legen – äußerst lesenswert!

„Plot & Struktur: Dramaturgie, Szenen, dichteres Erzählen“ ist unter https://www.amazon.de/Plot-Struktur-Dramaturgie-dichteres-Meisterkurs-ebook/dp/B01DS1HZUA wahlweise als eBook für 4,99 Euro oder als Taschenbuch für 14,98 Euro erhältlich.


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Buchtipp (englisch): „When Every Month Is NaNoWriMo“

In wenigen Tagen beginnt der diesjährige NaNoWriMo: der „National Novel Writing Month“ – unter Nicht-Roman-Autoren eher als „November“ bekannt. Grund genug für mich, diesmal ein Buch vorzustellen, dessen Fokus ganz klar auf dem NaNoWriMo liegt: „When Every Month Is NaNoWriMo“ von Larry Brooks.

Wer gerne englischsprachige Schreibratgeber (oder Blogs übers Schreiben) liest, kennt Larry Brooks vermutlich als den Autor von Büchern wie „Story Engineering“, „Story Physics“ und „Story Fix“ oder aus seinem Blog Storyfix.com, in dem er regelmäßig interessante Artikel über die Struktur und Planung von Romanen veröffentlicht.

Aber widerspricht ein so strukturierter Ansatz, der den Fokus auf die Konstruktion einer Geschichte legt, nicht dem Gedanken des NaNoWriMo, innerhalb von nur 30 Tagen einen kompletten Roman (wenngleich nur als Rohfassung) herunter zu schreiben?

Um zu beweisen, dass Struktur und Geschwindigkeit keinen Widerspruch in sich darstellen, veröffentlichte Larry Brooks Ende 2011 in seinem Blog eine 31-teilige Artikelserie darüber, wie man einen kompletten Roman innerhalb einer knappen Deadline (wie der des NaNoWriMo) schreiben kann.

Aus dieser Serie von Blogposts wurde (mit kleineren Änderungen) der Schreibratgeber „When Every Month is NaNoWriMo“. Auch wenn die ursprünglichen Blogposts für das Buch überarbeitet und in manchen Passagen klarer formuliert wurden, handelt es sich dennoch nicht um ein so strukturiertes Werk wie Brooks andere Schreibratgeber.

Beim Lesen springen einem immer wieder Passagen ins Auge, die wenig mit dem eigentlichen Fokus des Buchs zu tun haben. Solche Abschweifungen sind bei Blogposts nicht unüblich, reißen einen aber hier immer wieder etwas aus dem Lesefluss heraus. Auch die einzelnen Artikel enthalten mehr Wiederholungen und redundante Informationen als ein normaler, sauber strukturierter Schreibratgeber. Und last not least fehlt dem Buch ein übersichtliches Inhaltsverzeichnnis, mit dem man direkt zu bestimmten Themen springen kann. Stattdessen ist das Buch darauf angelegt, in fester Reihenfolge von vorne nach hinten gelesen zu werden.

Wenn man Brooks bereits kennt, weiß man im Groben, was einem in diesem Buch erwartet: Struktur, Struktur und nochmals Struktur als der allein selig machende Weg zu einem guten Roman. Wer sich selbst als ‚Pantser‘, ‚Gärtner‘ oder ‚organischen Schriftsteller‘ sieht und keine Lust hat, sich von Brooks zu missionieren und zum Outliner konvertieren zu lassen, wird an Brooks Werk (ebenso wie an seinen anderen Schreibratgebern) vermutlich relativ wenig Spaß haben.

Doch wenn man dem Ansatz etwas abgewinnen kann, einen Roman erst aus der Vogelperspektive zu planen, bevor man sich auf die eigentliche Reise begibt, ist „When Every Month Is NaNoWriMo“ eine wertvolle Ergänzung der eigenen Schreibbibliothek.

Gerade wenn man noch keinen der Schreibratgeber von Larry Brooks gelesen hat, ist dieses verglichen mit seinen anderen Büchern recht günstige eBook ein recht guter Einstieg, um einen Eindruck von Brooks Ansatz zu bekommen und die Konzepte kennenzulernen, die Brooks in seinen anderen Schreibratgebern ausführlicher und mehr in die Tiefe gehend erklärt.

Kurzum: Wenn einem „When Every Month Is NaNoWriMo“ gut gefällt, kann man sich recht sicher sein, dass einem auch „Story Engineering“, „Story Physics“ und „Story Fix“ gefallen werden. Das macht dieses eBook zu einem guten Einstieg in die Storyfix-Schreibrategeber.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Buch anlässlich des NaNoWriMo auf 99 Cent reduziert – also ein echter „No Brainer“, bei dem man ohne zu zögern zugreifen kann. Wenn das Buch nach dem Ende der Aktion wieder zum vollen Preis verkauft wird, würde ich die Kaufempfehlung hingegen relativieren und eher empfehlen, sich zunächst einmal die Original-Blogposts auf Storyfix.com durchzulesen. Im direkten Vergleich haben die Blogposts gegenüber der eBook-Version den Vorteil, dass man sich hier auch die oft recht interessanten Leserkommentare zu den einzelnen Artikeln zu Gemüte führen kann.

Sie finden die Kindle-Version bei Amazon unter: https://www.amazon.de/When-Every-Month-NaNoWriMo-English-ebook/dp/B0064IE896

Alternativ finden Sie den ersten Blogpost der dem eBook zugrundeliegenden Artikelserie von Larry Brooks auch heute noch in seinem Blog unter http://storyfix.com/nail-your-nanowrmo. Von hier aus können Sie sich über die Links (rechts oberhalb des schwarzen Überschrift-Balkens) der Reihe nach durch die einzelnen Artikel der Serie hangeln.


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Definieren Sie Ihren Protagonisten durch seine Werte

In der vorletzten Woche haben wir uns angeschaut, wie man nach der Methode von Lajos Egri einen Protagonisten als ‚dreidimensionale‘ Figur konstruieren kann, indem man sowohl seine physiologische und seine soziologische als auch seine psychologische Dimension berücksichtigt.

Doch es gibt noch eine weitere sehr effektive Methode, die einem nicht nur dabei hilft, seinen Protagonisten ‚von innen nach außen‘ zu konstruieren, sondern die es zugleich auch viel leichter macht, den Protagonisten beim Planen der Romanhandlung und beim späteren Schreiben des Romans glaubwürdig und konsistent handeln zu lassen: die Verwendung eines hierarchisch aufgebauten Wertesystems.

Unsere Entscheidungen und Handlungen werden durch unsere Werte bestimmt – also dadurch, was uns wichtiger (oder weniger wichtig) als andere Dinge ist. Daher sollten wir auch die Werte unseres Protagonisten kennen, um beurteilen zu können, was für ihn die logische Entscheidung oder Reaktion auf eine bestimmte Entwicklung, ein Angebot oder eine sich bietende Gelegenheit wäre.

Das klingt im ersten Moment vielleicht etwas theoretisch, wird aber gleich klarer werden. Es gibt viele Werte, die unser Leben bestimmen. Nehmen Sie beispielsweise Werte wie Ehrlichkeit, Familie, Macht, Loyalität, Gesundheit, Sicherheit, Freiheit, Anerkennung, Liebe, Religiosität, Abenteuer, Status oder Abwechslung, um nur einen kleinen Ausschnitt aus der Liste zu wählen. Je nachdem, in welche hierarchische Reihenfolge Sie diese Werte bringen (also diese ihrer Bedeutung für die Person nach in absteigender Reihenfolge sortieren), ergeben sich allein daraus schon vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten.

Stellen Sie sich eine Person vor, für die Sicherheit, Familie und Liebe ganz oben stehen, und eine andere, deren höchste Werte Freiheit, Abenteuer und Gesundheit sind. Egal, in welcher Reihenfolge die anderen beispielhaft aufgeführten Werte in ihrer persönlichen Wertehierarchie stehen, kann man sich jetzt schon vorstellen, wie unterschiedlich diese beiden Personen sich in bestimmten Situationen verhalten werden.

Während die erste Person jemand ist, der vermutlich in einer festen Beziehung lebt oder nach einer solchen sucht, könnte man sich die zweite eher als Single vorstellen oder als jemanden, der stets nur offene, unverbindliche und nicht auf lange Sicht angelegte Beziehungen führt.

Solche unterschiedlichen Charakterprofile sind bestens geeignet, um eine spannende, konfliktreiche Handlung zu erhalten. Stellen Sie sich vor, der freiheits- und abwechslungsliebende Charakter verliebt sich bis über beide Ohren in jemanden, für den Sicherheit und Familie am wichtigsten sind. Egal, wer von beiden der Mann und wer die Frau ist – es dürfte keine einfache Beziehung werden und für einiges an Spannung sorgen, bis sich entscheidet, ob beide wirklich eine gemeinsame Zukunft haben können.

Genauso können Sie eine spannende Handlung mit einem interessanten Protagonisten erhalten, indem Sie das seit Jahren oder Jahrzehnten bestehende Wertesystem einer Person durch ein einschneidendes Ereignis auf den Kopf stellen. Stellen wir uns jemanden vor, für den Sicherheit und Ehrlichkeit ganz oben stehen. Vielleicht ist derjenige ein korrekter Buchhalter oder ein Programmierer in einer Bank. Eines Tages bekommt dieser ehrliche, korrekte Mensch beim Arzt die Diagnose, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Plötzlich rückt der Wert „Gesundheit“ in seiner persönlichen Wertehierarchie ganz nach oben, denn bekanntlich weiß man ja erst dann zu schätzen, was man hat, wenn man es zu verlieren droht. Was könnte passieren, wenn dieser Mann hört, dass es in den USA eine experimentelle Therapie gibt, die ihn heilen könnte, die aber von seiner Krankenkasse nicht bezahlt wird und zudem eine hohe sechsstellige Summe kosten würde? Genau wie Walter White, der anfangs harmlose Chemielehrer in „Breaking Bad“, nach seiner lebensbedrohlichen Erkrankheit zum skrupellosen Drogenbaron mutiert, dürfte auch das Leben dieser Person sich durch die erschütternde Nachricht von Grund auf ändern.

Einen stoischen Protagonisten, der das Schicksal einfach akzeptiert und treu und brav seinen Job weiter macht, bis die Krankheit ihn ans Bett fesselt und schließlich dahin rafft, können wir für einen Roman nicht gebrauchen. Nein, unser Protagonist (nennen wir ihn Frank) will leben. Wenn Gesundheit und Überleben plötzlich die obersten Werte seiner persönlichen Wertehierarchie darstellen und danach erst mal ganz lange nichts kommt, wird er sowohl auf Ehrlichkeit als auch auf Sicherheit pfeifen, wenn es eine Entweder-Oder-Entscheidung ist. Er wird überlegen, wie er möglichst schnell zu so viel Geld kommen kann, dass er sich die experimentelle Behandlung für seine Krankheit leisten kann. Ein Banküberfall wäre eine riskante Kurzschlussreaktion, aber wenn Frank wie eben angedacht Buchhalter oder Programmierer in einer Bank ist, eröffnen sich ihm ganz andere Möglichkeiten, mit seiner neu erwachten kriminellen Energie rasch zu Geld zu kommen.

Im Gegensatz zu jemandem, der sich mit Betrug ein angenehmes Leben machen will und daher darauf achtet, dass ihm möglichst langfristig niemand auf die Schliche kommt, kann Frank auf Risiko gehen und den Aspekt ‚Sicherheit‘ vernachlässigen. Sobald er sich die lebensrettende Operation leisten konnte, ist es für ihn zweitrangig, ob er später geschnappt wird. Besser lebendig und gesund hinter Gittern als zwei Meter unter der Erde.

Oder vielleicht ist es die Frau oder die Tochter des Protagonisten, die unter einer lebensbedrohlichen Krankheit leidet und nur durch eine astronomisch teure Behandlung gerettet werden kann. Wenn Liebe und Familie für ihn ganz oben stehen, wird auch er in einer solchen Situation vermutlich Werte wie Ehrlichkeit und Sicherheit über Bord werfen, um die zu schützen und zu retten, die ihm alles bedeuten.

Werte bestimmen auch, was eine Person tun würde. Sie bestimmen, was ihre erste Wahl wäre, wozu sie sich überwinden könnte und was sie um keinen Preis der Welt tun würde. Das können Sie auf zweierlei Weise für Ihre Romanhandlung nutzen.

Zunächst einmal kann man sich das Duell zwischen Protagonist und Antagonist im zentralen Konflikt eines Romans ein wenig wie ein Tauziehen vorstellen, bei dem es vor und zurück geht. Jeder spielt abwechselnd seine Karten und Trümpfe aus, die er entweder durch seinen Charakter, seine Fähigkeiten oder seine Kontakte von vorneherein auf der Hand hat oder die er im Laufe der Handlung zugespielt bekommt, um mit einem Ruck in die richtige Richtung die Handlung zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen. Doch das Wertesystem des Protagonisten bestimmt, welche Karten er auszuspielen bereit ist.

Stellen Sie sich zwei Abenteurer vor, die beide auf der Suche nach einem Schatz sind. Es ist ein Wettlauf: wer den Schatz zuerst findet, hat gewonnen, der andere geht leer aus. Wenn unser Protagonist nun die Gelegenheit erhält, durch eine ‚kleine Falschaussage‘ seinem Gegner die Polizei auf den Hals zu hetzen und sich so einen Vorsprung zu sichern – würde er es tun? Was wäre, wenn er einen Flug mit einer alten klapprigen Maschine angeboten bekommt, die so aussieht, als ob sie nur noch durch Rost und Klebeband zusammengehalten würde? Und was, wenn es auch noch erforderlich wäre, mit dem Fallschirm über dem Amazonas-Dschungel abzuspringen? Dies alles sind Entscheidungen, die durch das Wertesystem des jeweiligen Protagonisten bestimmt werden.

Auch die Frage, was Ihr Protagonist niemals tun würde, ist von essentieller Bedeutung. Geben Sie sich hier nicht mit einem Punkt zufrieden, sondern finden Sie mindestens drei Dinge, die dermaßen gegen seine persönlichen Werte verstoßen, dass er sie niemals tun würde. Führen Sie ihn im Laufe der Handlung mehrfach in Versuchung, indem Sie ihm eine mögliche einfache Lösung für ein ganz konkretes, gravierendes Problem offerieren, für die er „nur“ gegen seine Werte verstoßen müsste.

Die Entscheidung Ihres Protagonisten angesichts einer solchen Versuchung zeigt Ihrem Leser, aus was für einem Holz Ihr Protagonist geschnitzt ist. Lassen Sie ihn widerstehen und den schwererern, aber mit seinen zentralen Werten konformen Weg gehen – aber nur bis kurz vor Schluss.

Wenn Ihr Protagonist es schafft, als „strahlender Held“, der bis zum Schluss seinen Werten und Normen treu bleibt und ohne einen dunklen Fleck auf seiner strahlend weißen Weste, das Ziel zu erreichen, haben Sie als Autor etwas falsch gemacht. Zwingen Sie Ihren Protagonisten stattdessen ganz zum Schluss, eine schwere Entscheidung zu treffen, die man nur als die Wahl zwischen zwei Übeln bezeichnen kann. Er kann siegen – doch dafür muss er ein persönliches Opfer bringen. Zwingen Sie Ihn, eine Grenze zu überschreiten, von der er sich geschworen hat, sie niemals zu überschreiten.

Nehmen wir als Beispielhandlung einen Technothriller, in dem der Protagonist ein Agent ist, der eine Bedrohung durch einen tödlichen Biokampfstoff beseitigen soll, der von Terroristen aus einem geheimen Forschungslabor gestohlen wurde – nennen wir ihn Jeff.

Machen wir aus ihm keinen 08/15-Action-Bond-Verschnitt, sondern sagen wir, dass Jeff niemals einen Menschen töten würde – außer vielleicht in absoluter Notwehr, wenn ein zu allem entschlossener Angreifer sein Leben oder das Anderer bedroht und auf andere Weise nicht gestoppt werden kann. Bringen Sie ihn im Laufe der Handlung mehrfach in Schwierigkeiten, weil er einen Gegner verschont hat, statt ihn endgültig auszuschalten. Erst ganz zum Schluss manövrieren Sie ihn in eine Situation, in der die Konsequenzen zu gravierend wären, wenn er seinem Grundsatz treu bleiben würde.

Diese finale und schwerste Entscheidung, zu der wir unseren Protagonisten zwingen, hat maßgeblichen Einfluss darauf, wie lange nach der letzten Seite die Handlung dem Leser noch in Erinnerung bleibt.

Sagen wir, dass Jeff im Laufe der Handlung die Wissenschaftlerin Elsa kennengelernt und sich während der Mission in sie verliebt hat. Bis kurz vor Schluss sieht alles so aus, als ob es ein Happy End für Jeff und Elsa geben würde: das Hauptquartier der Terroristen ist zerstört, ebenso ihr Labor mit dem tödlichen Biokampfstoff. Jeff und Elsa haben es lebend heraus geschafft – doch dann erkennt Jeff, dass Elsa sich durch eine kleine Verletzung mit dem Erreger infiziert hatte. Es ist nur noch eine Frage von Minuten, bis die Erkrankung ausbricht und Elsa mit jedem Hustenanfall tödliche Viren verbreitet, die innerhalb weniger Tage ganze Großstädte entvölkern könnten. Wenn Jeff die Seuche noch aufhalten will, muss er Elsa töten, bevor die Krankheit ausbricht, und ihren Körper mitsamt dem Erreger verbrennen. Es gibt kein Gegenmittel, kein Quarantänelabor, in das er Elsa noch rechtzeitig bringen könnte – nur noch die Entscheidung, die Frau zu töten, die er liebt, oder das Schicksal von Millionen Menschen zu besiegeln.

Egal, was man von einer solchen Romanhandlung hält – es ist definitiv ein Ende, das kein Leser so schnell vergisst und das nur durch das frühzeitig eingeführte Wertesystem des Protagonisten und die Grenze, die er niemals überschreiten will, so effektiv wird. Denken Sie sich dieselbe Handlung mit einem abgebrüht pragmatischen Protagonisten vom Schlag eines Jack Bauer aus „24“, der gewohnt ist, im Interesse „der guten Sache“ auch amoralisch, skrupellos und brutal zu handeln. Dasselbe Ende wäre nicht mehr dramatisch, sondern würde aufgesetzt und überflüssig wirken.

Überlegen Sie sich daher im Vorfeld nicht nur, was die wichtigsten Werte im Leben Ihres Protagonisten sind, sondern auch, was er niemals tun und welche Grenze(n) er niemals überschreiten würde. Allein das wird Ihren Protagonisten nicht nur zu einer abgerundeteren Persönlichkeit machen, sondern Ihnen auch ganz neue Optionen für eine spannende und dramatische Romanhandlung eröffnen.


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Statische und dynamische Protagonisten

Wie bereits mehrfach in der Artikelreihe über Protagonisten erwähnt ist es üblicherweise so, dass der Protagonist im Laufe der Romanhandlung eine Veränderung durchmacht. Er muss wachsen und, wie vorletzte Woche erwähnt, seine Schwäche überwinden, um am Ende den zentralen Konflikt zu seinen Gunsten entscheiden zu können.

Bei dieser Art von Protagonisten spricht man auch von ‚dynamischen‘ Protagonisten, da sie sich im Laufe der Handlung verändern. Allerdings ist dies nicht die einzige Art von Protagonisten, mit denen man es als Autor beim Schreiben von Romanen zu tun bekommt, denn neben diesen gibt es auch noch die ’statischen‘ Protagonisten, die sich im Laufe der Romanhandlung nicht oder nur unwesentlich verändern.

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Der kompetente Protagonist: Superheld oder Alltagsheld?

Eine der wichtigsten Eigenschaften des Protagonisten ist, dass er kompetent ist – also besonders gut in einer ganz bestimmten Sache. Auch im wahren Leben lieben wir es, echten Könnern ihres Fachs bei der Arbeit zuzusehen – egal, ob es sich um Jongleure und andere Artisten, Maler wie Bob Ross, die innerhalb weniger Minuten beeindruckende Kunstwerke erschaffen, Meisterköche, Musiker oder um Zauberkünstler handelt.

Wir schätzen und honorieren Kompetenz, und darum ist es eine bewährte Taktik, den Protagonisten eines Romans in einer bestimmten Sache besonders kompetent zu machen. Die Frage ist nur, was für eine Art von Protagonist wir erschaffen wollen: einen ‚Superhelden‘ oder einen ‚Alltagshelden‘?

Wer bei ‚Superheld‘ direkt an diverse maskierte/kostümierte Comichelden denkt, die durch die Comics und deren Verfilmungen von Marvel und DC fliegen, schweben oder schwingen – keine Sorge: das ist nicht das, was ich mit einem ‚Superhelden‘ meine.

Ein ‚Superheld‘ ist nach meiner Definition jemand, der für die Lösung eines Problem prädestiniert ist und die passenden Fähigkeiten, Kenntnisse und Ausrüstungsgegenstände gleich mitbringt.

Ihm gegenüber steht als Kontrast der ‚Alltagsheld‘, der zwar ebenfalls kompetent ist – nur eben nicht in den Dingen, die man üblicherweise für die Lösung eines solchen Problems benötigen würde. Weiterlesen

Schreiben wie Trollope

Kennen Sie Trollope? Anthony Trollope? Falls Sie jetzt angespannt überlegen, wo Sie diesen Namen schon einmal gehört haben: denken Sie ein ganzes Stück zurück – bis ins 19. Jahrhundert.

Anthony Trollope (1815-1882) war einer der bekanntesten und produktivsten Schrifsteller der viktorianischen Ära. Neben diversen anderen Werken schrieb Trollope fast fünfzig Romane – und zwar keine dünnen Büchlein, sondern richtig dicke Wälzer. So haben beispielsweise seine Romane „Die Türme von Barchester“ und „Die Claverings“ jeweils eine Länge von fast 900 Seiten.

Richtig bemerkenswert wird die enorme Produktivität Anthony Trollopes dadurch, dass er nicht etwa ein gut situierter Vollzeit-Schriftsteller war, sondern einen guten Teil seiner Werke neben seinem Job als Postbeamter schrieb.

Wenn man sich näher mit Trollopes Arbeitsweise und dem Geheimnis seiner enormen Produktivität beschäftigt, stellt man rasch fest, dass Trollope in Sachen Planung und Selbstkontrolle seiner Zeit weit voraus war.

Heute ist es ja durchaus in Mode, sich selbst Deadlines zu setzen, diese in ein Wochen- und Tagespensum herunter zu brechen und dann abzuarbeiten – hunderttausende Schriftsteller weltweit machen das jeden November, wenn sie an ihrem NaNoWriMo-Roman arbeiten und dabei täglich mindestens 1.667 Wörter schreiben, um innerhalb von 30 Tagen einen kompletten Roman von 50.000 Wörtern fertigzustellen.

Doch von Trollopes Disziplin und Planung können sich die meisten heutigen Schriftsteller eine Scheibe abschneiden. Trollope erlegte sich selbst feste Regeln auf, an die er sich eisern hielt, um aus den drei Stunden, die er sich jeden Morgen vor der Arbeit zum Schreiben reserviert hatte, das Maximum herauszuholen.

Trollope setzte sich nicht nur feste Ziele pro Woche und pro Tag, um seine Romane termingerecht bei seinem Verleger einreichen zu können, sondern brach seine Zeitvorgaben sogar bis auf eine Viertelstunde herunter: Während Trollope an einem seiner Romane schrieb, gewährte er sich selbst exakt 15 Minuten, um eine Seite zu schreiben. Auch den eher schwammigen Begriff der Seite hatte Trollope für sich selbst präzise definiert: exakt 250 Wörter, die er gedanklich im Hintergrund mitzählte, während er schrieb.

Wenn es also jemals einen Schriftsteller gab, auf den die Beschreibung „präzise wie ein Schweizer Uhrwerk“ passt, war es Anthony Trollope.

Heutzutage haben wir es einfacher als Trollope: Statt mit schwergängigen mechanischen Schreibmaschinen arbeiten zu müssen, haben wir Computer, an denen man nicht nur schneller und ermüdungsfreier schreiben kann, sondern durch die die Korrektur von Fehlern zum Kinderspiel geworden ist. Und da jedes bessere Schreibprogramm stets den aktuellen Wordcount in der Statuszeile anzeigt, müssen wir auch nicht mehr wie Trollope selbst die geschriebenen Wörter zählen, um zu wissen, wann wir unsere 250 Wörter voll haben.

Was läge also näher, als beim Schreiben der nächsten Rohfassung die Herausforderung von Anthony Trollope anzunehmen und sich ebenso wie der Altmeister 250 Wörter pro Viertelstunde abzuverlangen?

Von der reinen Schreibgeschwindigkeit her ist dies überhaupt kein Problem: 250 Wörter in 15 Minuten entsprechen gerade mal 17 Wörtern pro Minute – geübte Vielschreiber kommen locker auf über 50 Wörter pro Minute, wenn es gerade gut läuft.

Es ist natürlich klar, dass Trollope bei dieser Arbeitsweise nicht zwischendurch längere Pausen einlegen konnte, um sich zu überlegen, wie seine Handlung weiter verlaufen sollte. Nach eigener Aussage (aus Trollopes Autobiographie, die nach seinem Tod veröffentlicht wurde), hielt er nichts davon, „rumzusitzen, an seinem Stift zu knabbern und die Wand anzustarren, bis man die Wörter gefunden hat, mit denen man seine Ideen ausdrücken möchte“.

Ganz klar: Trollope verstand es, seinen inneren Lektor zum Schweigen zu bringen und sich voll und ganz aufs Schreiben zu konzentrieren.

Ich würde vermuten, dass Anthony Trollope dieses Schreibtempo nicht den ganzen Tag lang hätte durchhalten können – ganz zu schweigen davon, dass das stundenlange Schreiben an einer mechanischen Schreibmaschine eine auch körperlich recht ermüdende Tätigkeit ist.

Ich gehe davon aus, dass Trollope tagsüber immer wieder in Gedanken durchspielte, wie die Handlung seines aktuellen Romans weiter gehen sollte, bis er die nächsten Szenen so detailliert vor seinem geistigen Auge ablaufen lassen konnte, dass er sich am nächsten Morgen einfach hinsetzen und sie zu Papier bringen konnte – eine komplette Seite alle 15 Minuten.

An Trollopes Schreibgewohnheiten kann man recht gut ablesen, dass die Arbeitszeiten eines britischen Postbeamten der viktorianischen Ära nicht mit denen eines heutigen Bürojobs zu vergleichen waren. Trollope schrieb jeden Morgen von 5:30 bis 8:30 Uhr, bevor er frühstückte und zur Arbeit ging. Die wenigsten von uns haben derartige Arbeitszeiten, die im amerikanischen Sprachraum gerne als „nine to five“ bezeichnet werden. Allein schon deswegen dürfte kaum jemand von uns in der Lage sein, vor der Arbeit noch drei Stunden zu schreiben. Doch das ist auch gar nicht erforderlich.

Wenn man nicht gerade George R.R. Martin oder Patrick Rothfuss heißt (die nicht nur hinsichtlich ihrer wallenden Bärte, sondern auch hinsichtlich des Umfangs ihrer Romane mit Trollope mithalten können), sind heutzutage eher kürzere Bücher im Bereich von 300-400 Seiten in Mode. Im Krimi-Genre bewegen sich viele aktuelle Bestseller sogar nur um die 200-Seiten-Marke, also im Umfang eines typischen NaNoWriMo-Romans.

Wenn Sie täglich nur eine einzige Stunde einplanen können, während der Sie mit Trollopes Geschwindigkeitsvorgabe von 250 Wörtern je Viertelstunde an Ihrem aktuellen Manuskript schreiben, reicht das bereits aus, um innerhalb eines Jahres ca. 1.500 Seiten zu schreiben.

Das entspräche wahlweise:

  • 6 Romanen á 240 Seiten (typischer Umfang für einen Krimi) – also einem neuen Buch alle zwei Monate
  • 4 Romanen á 360 Seiten (längere Krimis oder Mainstream-Titel) – also einem neuen Roman pro Quartal
  • 3 Romanen á 500 Seiten (typischer Umfang für Fantasy-Romane) – immerhin alle vier Monate ein neues Buch, also eine komplette Trilogie innerhalb eines Jahres
  • 2 Romanen á 750 Seiten (Kategorie „Epos“ – alles drüber lässt sich kaum noch in einem Band als gedrucktes Buch veröffentlichen) – und selbst hier kommen Sie immer noch auf zwei Bücher pro Jahr

Es ist natürlich klar, dass man bei dieser Schreibgeschwindigkeit nur von einer Rohfassung reden kann, keinesfalls von einem veröffentlichungsreifen Manuskript. Rechnen wir also nochmal dieselbe Zeit für die Überarbeitung Ihres Manuskripts dazu.

Dies könnten Sie entweder abends (statt einer langweiligen Fernsehsendung) oder in einem Block am Wochenende erledigen. Samstag und Sonntag jeweils drei bis vier Stunden Revision – und schon sind Sie wieder gleichauf.

Wenn Sie es nun noch schaffen, sich tagsüber (z.B. während der Fahrt zur Arbeit und ansonsten ungenutzer Wartezeiten) genügend Gedanken über Ihre Romanhandlung zu machen, damit Sie zumindest den Inhalt der nächsten vier Seiten glasklar vor sich sehen, steht einer produktiven Schriftstellerkarriere nichts mehr im Weg, die Altmeister Trollope stolz machen würde.

Vielleicht wollen Sie es ja auch einmal versuchen: „Do the Trollope!“ ;-)


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„Nicht ohne meinen Mentor!“

Ein wichtiges Hilfsmittel für Autoren beim Schreiben von Romanen ist der gekonnte Einsatz von Archetypen – keinesfalls zu verwechseln mit Klischee-Charakteren.

Während ein Klischee-Charakter ein hundertfach dagewesenes Abziehbild darstellt (der korrupte und zynische Polizist, die Hure mit dem Herz aus Gold, der hagere alte Magier mit wallender Mähne und ebensolchem Bart) sind Archetypen recht allgemein gehaltene Vorlagen, die sich hauptsächlich über ihre Funktion innerhalb der Handlung definieren – beispielsweise der Sidekick / beste Freund des Helden oder auch der Mentor, auf den ich an dieser Stelle näher eingehen möchte.

Eine spannende Romanhandlung setzt üblicherweise ein Wachstum des Helden voraus. Der Held muss sich ändern und über sich hinauswachsen: Er beseitigt eine Bedrohung, der er anfangs noch chancenlos gegenüber gestanden hätte, erreicht ein Ziel, das aus seiner anfänglichen Situation heraus wie ein unrealistischer Traum erscheinen musste oder muss sich in einer für ihn fremden, unbekannten Welt zurechtfinden und durchsetzen.

All diese Handlungsvarianten setzen voraus, dass der Held seine Komfortzone verlässt und Dinge vollbringt, die er üblicherweise nicht tut und die er sich vermutlich auch gar nicht zugetraut hätte.

Doch um dieses Wachstum des Helden realistisch zu schildern, brauchen wir meist einen Katalysator, der ihn in die richtige Richtung lenkt und ihm die benötigten Informationen und Fähigkeiten vermittelt – den Mentor.

Der Mentor ist üblicherweise jemand, der sich im ‚unbekannten Land‘ außerhalb der Komfortzone des Helden auskennt und ihn somit auf seine Mission vorbereiten kann.

Ein solcher Mentor muss nicht unbedingt der weise alte Ratgeber vom Schlage eines Gandalf in „Der Herr der Ringe“ oder eines Obi Wan Kenobi in „Star Wars“ sein. Was ein geeigneter Mentor ist, hängt in erster Linie vom Ziel Ihres Helden ab und von der unbekannten Welt, in die er sich begeben muss, um dieses Ziel zu erreichen.

Im Film „72 Stunden – The Next Three Days“ ist der Mentor des Protagonisten John Brennan der ehemalige Verbrecher und Ausbrecherkönig Damon Pennington, dem sieben Mal die Flucht aus einem Gefängnis gelungen war. Für Brennan, der seine unschuldig zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilte Frau aus dem Gefängnis befreien will, ist Pennington der ideale Mentor. Nach dem Motto „Been there, done that“ hat er praktische Erfahrungen, die für Brennan unschätzbar wertvoll sind und ohne die er nicht die geringste Chance hätte, sein Ziel zu erreichen.

Die Motivation des Mentors, Ihrem Protagonisten zu helfen, kann ganz unterschiedlicher Natur sein. Vielleicht ist ihm Ihr Protagonist schlicht und einfach sympathisch. Vielleicht erkennt er etwas von sich selbst und seinen früheren Träumen, Zielen und Idealen im Protagonisten wieder oder er hat aus anderen Gründen Interesse daran, dass Ihr Protagonist sein Ziel erreicht. Vielleicht sieht er ja in Ihrem Protagonisten das Potential, jenes Ziel zu erreichen, an dem er selbst einst gescheitert war. Oder er lässt sich wie Pennington in „72 Stunden“ schlicht und einfach für seine Hilfe bezahlen. ;-)

Doch egal wie die Motivation Ihres Mentors ist und in welcher Form er Ihren Helden unterstützt – eine eherne Regel sollten Sie beim Schreiben Ihres Romans niemals verletzen: Den letzten Kampf muss Ihr Protagonist ganz allein und ohne die Hilfe seines Mentors bestehen.

Bis zu diesem Punkt muss Ihr Protagonist dem Leser beweisen, dass er seine Lektionen gelernt hat und nun auf eigenen Beinen stehen kann.

Was wäre das Finale von „Star Wars“, wenn Obi Wan den Todesstern vernichtet oder Luke zumindest Darth Vader und die angreifenden Tie-Fighter vom Hals gehalten hätte? Was wäre „72 Stunden“, wenn Pennington mit in Brennans Wagen gesessen und ihm während der spannenden Flucht vor der Polizei geholfen hätte? Und was wäre das Finale von „Harry Potter“, wenn Harry den finalen Kampf gegen Voldemort und seine Todesser an der Seite und mit Hilfe des mächtigen Zauberers Albus Dumbledore bestritten hätte? Nein, der Mentor hat im großen Finale nichts verloren – und daher müssen Sie als Autor ihn rechtzeitig aus dem Weg schaffen.

Dafür haben Sie verschiedene Möglichkeiten. Besonders dramatisch ist es natürlich, wenn der Mentor stirbt – möglichst durch dieselbe Bedrohung, der sich der Protagonist am Ende selbst stellen muss.

Wenn Sie noch eine Schippe Dramatik drauf legen wollen, können Sie es so einrichten, dass sich der Mentor opfert, um den Helden (oder den Erfolg der gemeinsamen Mission) zu retten. Denken Sie an Obi Wan in „Star Wars“, der es zwar noch schafft, den Traktorstrahl abzuschalten und so die Flucht der Helden zu ermöglichen, aber anschließend von Darth Vader gestellt und im Kampf getötet wird.

Wenn Sie Ihrem Helden einen noch schmerzhafteren Tiefschlag versetzen wollen, als es der Verlust seines Mentors ohnehin schon ist, können Sie die Situation, die zum Tod seines Mentors führt, durch eine Fehlentscheidung des Protagonisten herbeiführen.

Beispiel: Der Protagonist greift den Antagonisten gegen den Rat seines Mentors voreilig in dessen Hauptquartier an, um seinen besten Freund aus der Gewalt des Feindes zu retten. Dabei gerät er in eine Falle des Antagonisten und wird in letzter Sekunde durch das beherzte Eingreifen des Mentors gerettet, der dabei allerdings selbst ums Leben kommt.

Eine solche Kombination ist bestens geeignet, wenn Sie den Tod des Mentors auf den „dunkelsten Moment“ kurz vor dem Übergang zum vierten und letzten Akt Ihres Romans legen wollen: Der Protagonist sieht nicht nur, dass er seinen Feind unter- und seine eigenen Fähigkeiten überschätzt hat, sondern hat auch seinen Mentor verloren und muss sich selbst auch noch die Schuld für dessen Tod geben. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um anschließend auf sich allein gestellt im großen Finale alles auf eine Karte zu setzen.

Natürlich können Sie den Mentor auch auf weniger dramatische Art und Weise aus dem Spiel nehmen. Hauptsache, Sie sorgen auf die eine oder andere Weise dafür, dass er dem Helden im großen Finale nicht beistehen kann.

Ein gutes Beispiel dafür sind Boxerfilme wie „Rocky“. Der Trainer des Boxers war vielleicht früher selbst ein großer Box-Champion, doch sobald er dem Helden alles beigebracht hat, was er ihm vermitteln konnte, muss er in den Hintergrund treten. Den großen Titelkampf gegen den ungeschlagenen Weltmeister muss der Held alleine austragen, während sein Mentor machtlos außerhalb des Rings steht und seinem Schützling bestenfalls noch zwischen den Runden ein paar Tipps für seine weitere Taktik geben kann.

Dass der Mentor überwiegend zu Beginn der Handlung wichtig ist, während der Held später in erster Linie auf eigenen Beinen stehen muss, sieht man auch an Serien wie „The Shannara Chronicles“, die momentan auf Amazon Prime Video ausgestrahlt wird. Während die Helden in den ersten Folgen teils nur durch das tatkräftige Eingreifen des kampfstarken Druiden Allanon (dem Mentor des Haupthelden Will Ohmsford) überleben, zeichnet sich jetzt nach der vierten Folge ab, dass Allanon sich um die Verteidigung des Ellcrys kümmern muss, während das jugendliche Helden-Trio alleine auf die gefährliche Suche nach dem Blutfeuer machen muss.

Ein perfider Sonderfall ist, wenn Sie den Mentor des Helden gegen Ende des Romans zum Antagonisten machen – zu dem Gegner, dem sich Ihr Held im großen Finale stellen muss. Das, was Ihr Held von seinem Mentor gelernt hat, wird er kaum gegen diesen einsetzen können. Üblicherweise ist der Mentor dem Helden immer noch weit überlegen, da er dem Helden zwar all das beigebracht hat, was dieser weiß, aber keinesfalls alles, was er selbst weiß. Wenn Ihr Held also gegen seinen früheren Mentor bestehen will, muss er andere Stärken ausspielen und eine unerwartete Taktik verwenden, mit der sein früherer Lehrmeister nicht rechnet – die optimale Voraussetzung für ein spannendes und überraschendes Finale.

Um den Mentor zum Antagonisten zu machen, gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten:

  • Der Mentor hat den Protagonisten zwar anfangs großmütig gefördert, doch mittlerweile wird er eifersüchtig auf den Erfolg seines Schützlings, der seinen eigenen Ruhm zu überflügeln droht. Schließlich plant er, seinen Schützling zu sabotieren und „zurecht zu stutzen“, damit dieser seinen eigenen legendären Ruhm nicht übertrifft und somit in den Schatten stellt.
  • Der Protagonist beginnt auf der „falschen Seite“ und wechselt erst im Laufe der Handlung auf die „gute Seite“. Um das begangene Unrecht wieder gut zu machen und dem Guten zum Sieg zu verhelfen, muss er sich seinen früheren Verbündeten stellen – unter anderem seinem früheren Lehrmeister, einer wahren Legende.
  • Der Mentor hat zwischenzeitlich die Seiten gewechselt und steht nun auf der Seite des Antagonisten oder ist sogar der Antagonist, den der Held die ganze Zeit zu entlarven versucht. Diese Variante findet man häufig in Geheimdienst-Thrillern, in denen der ehemalige Lehrmeister des Agenten mittlerweile zum Verräter/Überläufer geworden ist oder auf eigene Rechnung arbeitet.
  • Der Mentor verfolgt von Anfang an seine eigenen Pläne, für die er den Helden lediglich eingespannt hat. Sobald der Protagonist die wahre Natur seines vermeintlichen Helfers und dessen wahre Ziele durchschaut, muss er sich gegen diesen stellen und dadurch vielleicht sogar sein bislang verfolgtes Ziel aufgeben.
  • Der Mentor hilft anfangs eventuell aus aufrichtigen Motiven, entscheidet sich aber irgendwann dafür, den Protagonisten auszubooten und selbst den großen Preis zu erringen. Ein Beispiel wäre ein Flirtcoach, der sich selbst in die Angebetete seines Klienten verliebt und diesem schließlich gezielt schlechte Ratschläge gibt, um die Frau von ihm weg und in seine eigenen Arme zu treiben.

Die Figur des Mentors lässt sich unabhängig vom Genre auf so ziemlich jede Handlung anwenden. Ob in Romanzen wie „I.Q. – Liebe ist relativ“, in der der Albert Einstein als Mentor des jungen Automechanikers Ed diesem dabei hilft, das Herz seiner Nichte Catherine zu erringen oder Komödien wie „Nur über meine Leiche“, in der die tote Mutter des Protagonisten ihn in der Gestalt eines sprechenden Truthahns (!) auf den rechten Weg bringen will – Mentoren können in so ziemlich jeder Gestalt auftreten.

Ebenso unterschiedlich können die Arten ausfallen, auf die Sie Ihren Mentor aus dem Spiel nehmen und Ihren Protagonisten zwingen, den Rest des Weges alleine zu gehen. Sobald Sie wissen, wer in Ihrem Roman als Mentor des Helden fungieren soll, sollten Sie bereits überlegen, wie Sie Ihren Helden zwingen, sich dem finalen Konflikt ohne die Hilfe seines Mentors zu stellen. Und dafür müssen Sie den Mentor nicht einmal vorzeitig aus seinem imaginären Leben reißen, wenn Sie das nicht möchten.

Vielleicht hat er bis dahin seine Nützlichkeit verloren, weil im großen Finale ganz andere Fähigkeiten gebraucht werden als jene, die der Mentor Ihrem Helden vermitteln konnte und die ihn bis dorthin gebracht haben.

Vielleicht kann Ihr Mentor dem Helden nicht dorthin folgen, wo dieser sich seiner letzten Herausforderung stellen muss. Der Boxtrainer darf nicht mit in den Ring steigen und der im Rollstuhl sitzende Geheimdienst-Chef kann nicht zusammen mit dem Agenten das steile Bergmassiv zur feindlichen Festung erklimmen.

Nach Protagonist und Antagonist ist der Mentor üblicherweise die dritte Figur, die Sie bei der Planung eines Romans ausarbeiten sollten, da er die Entwicklung des Helden maßgeblich beeinflusst. Nehmen Sie sich die Zeit dafür, den besten Mentor für Ihren Protagonisten zu finden und ihn in die Handlung einzubinden, bevor Sie den Mittelteil Ihres Romans im Detail planen. Es erleichtert Ihnen nicht nur den Aufbau der Handlung, sondern macht Ihren Roman zugleich stärker.


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