Tipps für den NaNoWriMo 2017

In drei Tagen beginnt der diesjährige NaNoWriMo – der „National Novel Writing Month“, bei dem im Laufe des Novembers wieder einmal hunderttausende Schriftsteller und Hobbyautoren aus aller Welt versuchen werden, innerhalb von gerade mal 30 Tagen die erste Fassung eines neuen Romans von mindestens 50.000 Wörtern (also ca. 200 Normseiten) zu schreiben.

Falls auch Sie in diesem Jahr mit dabei sind und vorhaben, zu den erfahrungsgemäß weniger als 20% zu gehören, die es tatsächlich über die Ziellinie schaffen, habe ich ein paar kleine Tipps für Sie zusammengestellt.

Schaffen Sie sich Freiräume zum Schreiben

Teilen Sie Ihrer Familie und Ihren Freunden rechtzeitig mit, dass Sie im November so ziemlich jede freie Minute ins Schreiben Ihres neuen Romans stecken müssen und daher während der nächsten Wochen für gemeinsame Freizeitaktivitäten nicht zur Verfügung stehen werden.

Vereinbaren Sie mit Ihren Lieben, dass sich im November jeder von ihnen mehr Zeit für seine Hobbys nimmt – egal ob das Lesen, Puzzles oder das Bingewatching ganzer Serienstaffeln über Netflix oder Amazon Prime ist. Die Hauptsache ist, dass diese Hobbys nicht Ihre Beteiligung erfordern. ;-)

Verschieben Sie alle anderen Vorhaben, Unternehmungen und Pläne auf den Dezember und nehmen Sie sich für den November nichts anderes vor, als die Rohfassung Ihres neuen Romans fertigzustellen.

Sehen Sie den NaNoWriMo aus der richtigen Perspektive

Fakt ist: es geht nicht darum, innerhalb von 30 Tagen einen veröffentlichungsreifen Roman zu schreiben. Das Ziel ist lediglich, eine grobe Rohfassung zu Papier bzw. in den Computer zu bringen. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Wenn man zügig schreibt, kann man die anvisierten 50.000 Wörter in weniger als 50 Stunden schaffen. Für eine fertig überarbeitete, veröffentlichungsreife Normseite muss man hingegen mindestens 60 Minuten rechnen, was bei 50.000 Wörtern (also ca. 200 Normseiten) auf mindestens 200 Stunden hinaus liefe.

Da Sie im November wohl kaum 200 Stunden zum Schreiben abzweigen können (was einer runden 50-Stunden-Woche entspräche), sollten Sie sich nicht mehr als eine Rohfassung vornehmen, die ruhig so grottenschlecht und holprig sein darf, wie sie will. Auch die schlechteste Rohfassung kann man später noch in aller Ruhe überarbeiten und ausfeilen.

Schauen Sie also beim Schreiben niemals zurück und korrigieren Sie nichts – nicht einmal die übelsten Rechtschreibfehler oder Buchstabendreher, die Ihnen schon während des Schreibens direkt ins Auge springen. Der einzige Weg zum Ziel führt vorwärts und korrigieren können Sie immer noch, sobald Sie (nach mindestens 50.000 Wörtern) das magische Wörtchen ENDE unter das letzte Kapitel geschrieben haben.

Schaffen Sie die Grundlagen, um überall schreiben zu können

Ketten Sie sich zum Schreiben nicht an Ihren Computer. Selbst wenn Sie an Ihrem großen Desktop-PC mit der mechanischen Tastatur am besten und am schnellsten schreiben können, sollten Sie sich nicht darauf beschränken.

Mit einem Laptop oder Netbook können Sie auch abends in der Couch oder während der Mittagspause an Ihrem Roman schreiben – alles Zeiten, die Sie nicht richtig nutzen könnten, wenn Sie sich nur auf Ihren Desktop-PC beschränken. Dank Synchronisierungs-Diensten wie Dropbox, Google Drive oder OneDrive können Sie Ihr Manuskript über mehrere Rechner hinweg auf dem aktuellen Stand halten und sogar von Ihrem Tablet oder Smartphone aus an Ihrem Manuskript arbeiten.

Oder Sie schreiben direkt in der Cloud, indem Sie zum Schreiben eine Online-App wie Google Docs oder die Online-Version von Word nutzen, die Sie von jedem PC mit Internetzugang aus nutzen können. Sie entscheiden, was für Sie die beste Option darstellt. Die Hauptsache ist, dass Sie jede freie Minute und jede sich bietende Gelegenheit zum Schreiben Ihres Romans nutzen können. Denn je besser Sie von Anfang an voran kommen, desto weniger Stress und Zeitdruck haben Sie Ende des Monats, wenn es auf die Zielgerade zu geht.

Reservieren Sie feste Zeiten fürs Schreiben

Auch wenn Sie, wie im letzten Tipp erwähnt, während des Novembers jede sich bietende Gelegenheit nutzen sollten, um ein paar Sätze oder ein paar Seiten an Ihrem Roman weiter zu schreiben, sollte der Kern Ihrer NaNoWriMo-Planung dennoch aus fest eingeplanten Schreibzeiten bestehen.

Sie selbst kennen Ihre eigene Schreibgeschwindigkeit am besten. Schaffen Sie in der Stunde im Schnitt 500, 1.000, 1.500 oder gar bis zu 2.000 Wörter Rohfassung? Wenn es bei mir gut läuft, liege ich meist irgendwo zwischen 1.000 und 1.500 Wörtern, aber ich kenne Autoren, die beim Schreiben ihrer Rohfassung konstant die 2.000er-Marke knacken. Im Prinzip ist das kein Hexenwerk – gerade mal 34 Wörter pro Minute, aber als konstante Marathon-Leistung dennoch sehr beeindruckend.

Wichtig ist, dass Sie Ihre eigene Schreibgeschwindigkeit realistisch einschätzen und dementsprechend viel (oder wenig) Zeit für Ihr Manuskript reservieren. Bei 500 Wörtern pro Stunde brauchen Sie 100 Stunden für Ihre Rohfassung, bei 2.000 gerade mal 25. Für die meisten von uns liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Sagen wir, dass Sie mit im Schnitt 1.000 Wörtern Rohfassung pro Stunde gut im Rennen liegen und daher 50 Stunden für das Schreiben Ihrer Rohfassung einplanen müssen. Das sind 12 Stunden pro Woche – etwas mehr, wenn Sie einen gewissen Puffer für Unvorhergesehenes einplanen. Manchmal kommt man nicht wie geplant zum Schreiben, manchmal geht es nicht so gut voran wie geplant und vielleicht stellen Sie fest, dass Sie mit 50.000 Wörtern für Ihre Romanhandlung nicht ganz auskommen.

Sagen wir, dass Sie morgens eine halbe Stunde vor der Arbeit schreiben, eine Stunde abends und an den freien Wochenendtagen jeweils fünf Stunden. Das macht pro Woche gute 17 Stunden oder auf den kompletten November hochgerechnet ca. 75 Stunden – in jedem Fall mehr als genügend Zeit für Ihre Rohfassung.

Nutzen Sie die natürliche Wocheneinteilung für die Struktur Ihres Romans

Um etwas Struktur in den NaNoWriMo zu bringen, kann man die vier Akte eines Romans auf die Kalenderwochen des Novembers verteilen. Dieses Jahr sähe das folgendermaßen aus:

01.11 – 05.11: Akt 1
06.11 – 12.11: Akt 2
13.11 – 19.11: Akt 3
20.11 – 26.11: Akt 4

Diese Aufteilung hat den Vorteil, dass Sie das Wochenende (an dem man ohnehin üblicherweise mehr Zeit als während der Woche hat) jeweils zum Abschließen und Komplettieren eines Akts hat. Wenn man sich an diese Struktur hält, stellt man sicher, dass man Ende November wirklich eine in sich abgeschlossene Romanhandlung hat und nicht jenseits der 50.000 Wörter immer noch irgendwo im dritten Akt festhängt.

Der zweite Vorteil ist, dass Sie mit dieser Einteilung bereits am 26.11 mit der Rohfassung Ihres Romans fertig sind. Wenn Sie also dann feststellen, dass Sie noch irgendwo ein paar Szenen ergänzen oder ausbauen müssen, um über die 50.000 Wörter zu kommen, haben Sie dafür immer noch bis zu vier Tage Zeit.

Der einzige Nachteil ist in diesem Jahr, dass Sie mit dieser Aufteilung für den ersten Akt nur fünf statt sieben Tage zur Verfügung haben. Doch erstens kommt man Anfangs ohnehin besonders gut voran und zweitens macht es gar nichts, wenn der erste Akt etwas kürzer ausfällt als die anderen drei Akte. Das bedeutet nur, dass Ihre Handlung schneller Fahrt aufnimmt. Ihre späteren Leser werden es Ihnen danken.

Wenn Sie nach dem Kalenderwochen-Modell vorgehen wollen, bedeutet das allerdings, dass Sie von Anfang an mehr als die statistischen 1.667 Wörter pro Tag (= 50.000 Wörter / 30 Tage) schreiben müssen. Versuchen Sie in diesem Fall, mindestens 2.000 Wörter pro Tag zu schreiben, um gut im Rennen zu liegen und mit dem Ende des vierten Akts auch tatsächlich über der magischen 50.000-Wörter-Marke zu landen.

Nutzen Sie die letzten Oktobertage für die Vorplanung

Nur weil man erst am 01.11 mit dem eigentlichen Schreiben der Rohfassung beginnen darf, bedeutet das natürlich noch lange nicht, dass man vorher nicht an der Planung seines Romans arbeiten dürfte.

Dieses Jahr bietet sich für einen kurzen Planungs-Block for dem eigentlichen NaNoWriMo besonders gut an: Dadurch, dass dank des Luther-Jahrs der 31.10 diesmal in allen Bundesländern ein gesetzlicher Feiertag ist und viele von uns sich auch noch den Montag als Brückentag genommen haben, haben wir (inklusive heute) noch bis zu drei freie Tage für die Vorbereitung unseres Romans zur Verfügung.

Nutzen Sie diese Zeit, um Ihre Charaktere und Ihre Romanwelt besser kennenzulernen und sich zu überlegen, was alles passieren könnte. Je besser Sie Ihre Charaktere und Ihre Romanwelt kennen, desto leichter und besser können Sie später beim Schreiben improvisieren, ohne sich selbst und Ihrer ursprünglichen Idee untreu zu werden.

Sehr nützlich ist auch eine intensive Brainstorming-Session, was alles zwischen dem geplanten Anfang Ihres Romans und dem anvisierten Ende passieren könnte. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf und setzen Sie sich als Ziel, mindestens hundert Ideen für mögliche Szenen zu Papier zu bringen. Je mehr, desto besser. Selbst wenn nicht alles davon zusammen passt und Sie viele Dinge im Nachhinein als unsinnig, zu abgegriffen und klischeehaft oder als zu weit hergeholt verwerfen werden, sorgen Sie auf diese Weise für mehr als genügend „Baumaterial“ für Ihren Roman.

Wer es sich einfacher machen will, greift in dieser Phase zur Assoziativen Ideen-Matrix aus meinem Buch „Kreativ mit der Matrix“ (http://warpco.de/Matrix), mit der Sie innerhalb weniger Stunden mehr als genügend Rohmaterial für einen ganzen Roman aus dem Ärmel schütteln können. Viele von Ihnen kennen das Buch vermutlich bereits und nutzen die AIM-Technik vielleicht sogar schon bei der Planung Ihres NaNoWriMo-Romans – falls jedoch nicht, kann ich Ihnen einen Blick ins Buch nur empfehlen.

Bleiben Sie locker

Der wichtigste Tipp für den NaNoWriMo ist natürlich, trotz allem Zeitdruck locker zu bleiben und die Reise zu genießen. Erwarten Sie nicht zu viel von sich selbst und auch nicht von Ihrem Roman. Denken Sie noch nicht an eine spätere Veröffentlichung, sondern betrachten Sie die kommenden Wochen als einen Abenteuerurlaub mit Ihrer Kreativität.

Beim NaNoWriMo geht es in erster Linie darum, Spaß zu haben, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen und dabei zu entdecken, wie produktiv man sein kann, wenn man falschen Perfektionismus und die leidige Aufschieberitis über Bord wirft.

In diesem Sinne: viel Spaß beim Schreiben und viel Erfolg beim diesjährigen NaNoWriMo!

Markdown für Schriftsteller

Neben der ewigen Diskussion zwischen ‚Plottern‘ und ‚Pantsern‘, ob man Romane im Voraus planen oder ob sich die Handlung erst beim Schreiben entwickeln sollte, ist die wohl häufigste Diskussion unter Schriftstellern die darüber, was die optimale Software zum Schreiben ist.

Die einen schwören auf Scrivener, andere auf Papyrus oder Microsoft Word und noch andere auf minimalistische, ablenkungsfreie Schreibprogramme wie WriteMonkey, FocusWriter oder Q10.

Und seit immer mehr Schriftsteller nebenbei auch mobil auf ihren Tablets oder gar Smartphones an ihren Büchern und Geschichten arbeiten, ist nicht nur die Auswahl möglicher Programme sogar noch größer geworden, sondern es ergibt sich zusätzlich auch noch ein nicht zu unterschätzendes neues Problem: das der Kompatibilität und des Datenaustauschs zwischen den unterschiedlichen Programmen.

Auch wenn es auf Smartphones und speziell Tablets mittlerweile auch ausgewachsene Office-Pakete wie das von SoftMaker gibt, die vollständig kompatibel zu ihrem PC-Pendant sind, werden die meisten Schriftsteller am Tablet und erst recht am Smartphone eher auf minimalistische Schreibapps wie Jotterpad zurückgreifen, die auf eine unübersichtliche und platzraubende Benutzeroberfläche verzichten und dadurch mehr Bildschirmplatz für das bieten, was wirklich zählt: den eigentlichen Text.

Und da fangen dann auch schon die Probleme an. Denn (außer am iPad) gibt es keine kompatible App, mit der man beispielsweise seine Scrivener-Projekte unterwegs öffnen kann – selbst wenn man diese per Dropbox in der Cloud speichert. Und wie bekommt man die Texte, die man unterwegs an seinem Tablet oder Smartphone geschrieben hat, zuhause wieder in sein Scrivener-Projekt eingebettet?

Wer nur an einem festen Rechner (also beispielsweise am heimischen Desktop-PC oder am Laptop) an seinen Schreibprojekten arbeitet, hat hiermit natürlich überhaupt kein Problen und kann somit glücklich und zufrieden mit dem Schreibprogramm seiner Wahl arbeiten.

Doch wer je nach Aufenthaltsort und sich bietender Gelegenheit zum Schreiben zwischen Desktop, Laptop, Tablet und Smartphone hin und her wechselt und vielleicht zusätzlich auch noch in der Mittagspause am Büro-PC über eine cloudbasierte App im Browser schreibt, kennt das Problem nur zu gut: Wie greife ich von jedem meiner Schreibgeräte aus auf den aktuellen Stand meines aktuellen Schreibprojekts zu und wie kann ich daran weiter arbeiten, ohne die Texte später aufwändig mit viel manueller Arbeit wieder in mein Schreibprojekt importieren zu müssen?

Glücklicherweise gibt es eine einfache Lösung für das Problem: Textdateien mit Markdown-Formatierung.

Jeder Rechner (was auch Tablets und Smartphones mit einschließt) und jedes Betriebssystem hat einen Editor für simple Textdateien. Wenn man also sein Manuskript als Textdateien in einem Cloud-Speicher wie Dropbox speichert, kann man von jedem Rechner mit Internet-Zugriff aus jederzeit an diesen Dokumenten arbeiten.

So kann man unter Android beispielsweise mit JotterPad auf Textdateien aus seiner Dropbox zugreifen oder sogar unterwegs neue Dateien erstellen, die einem dann dank automatischer Synchronisierung auch zuhause am Desktop-PC sofort zur Verfügung stehen.

Am PC kann man diese Dateien mit jedem Texteditor oder natürlich mit ablenkungsfreien Zenware-Schreibprogrammen wie WriteMonkey, FocusWriter oder Q10 bearbeiten – und mehr braucht man eigentlich nicht, um produktiv zu arbeiten.

An dieser Stelle werden vermutlich viele Leser frustriert aufstöhnen: Was ist denn mit Formatierungen wie Überschriften, fett, kursiv oder gar Auflistungen, die es im reinen Textformat überhaupt nicht gibt? Soll man diese etwa alle erst später bei der Überarbeitung des Manuskripts in einer „richtigen“ Textverarbeitung nachpflegen?

Keine Sorge: hier kommt Markdown ins Spiel. Markdown ist eine einfache Formatierungssprache, die man in jedem Texteditor schreiben kann und die man später mit kostenlosen Programmen wie Pandoc (http://pandoc.org/) in RTF, DOC und andere Formate umwandeln kann.

Eine kurze Einfühurung mit den wichtigsten Markdown-Formatierungen für Autoren finden Sie unter http://texwelt.de/wissen/markdown_help/. Bei Heise gibt es auch eine Syntaxübersicht zu Markdown im PDF-Format zum Download.

Hier bekommen Sie einen schnellen Überblick, wie Sie in Markdown beispielsweise Wörter oder ganze Textpassagen als fett oder kursiv kennzeichnen können, mit mehreren Ebenen von Überschriften, eingerückten Zitaten oder unterschiedlichen Typen von Listen arbeiten können – und das alles innerhalb eines ganz normalen Textdokuments.

Doch es gibt noch einen anderen Grund, sich beim Schreiben auf das Markdown-Format einzulassen: die langfristige Kompatibilität und Verfügbarkeit der eigenen Texte. Es wird auch in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren immer noch Programme geben, die simple Textdateien öffnen können – egal, mit welchem Betriebssystem die Rechner bis dahin arbeiten und was bis dahin aus den heute bekannten Software-Firmen geworden sein mag.

Aber können Sie mit Sicherheit sagen, ob es in 20 Jahren noch Scrivener, Papyrus etc. geben wird? Was schlimmstenfalls bedeutet, dass Sie irgendwann keinen Rechner und kein Programm mehr haben, mit dem Sie Ihre heutigen Manuskripte noch öffnen können – selbst wenn Sie die eigentlichen Dateien gut aufgehoben haben. Denken Sie beispielsweise an Textverarbeitungsprogramme aus den 80er- und 90er-Jahren, deren Dateien heutzutage kein aktuelles Programm mehr öffnen kann. Oder an eigentlich tolle Schreibprogramme wie den „Liquid Story Binder“, die irgendwann von ihren Entwickern aufgegeben und nicht mehr weiter entwickelt werden und daher früher oder später auf keinem aktuellen Rechner mehr laufen. Mit jedem dieser Programme sterben auch alle Dateien, die nur mit diesem einen Programm geöffnet und bearbeitet werden konnten. Mit dem Textformat und Markdown kann Ihnen das nicht passieren.

Natürlich hat die Entscheidung für Textdateien mit Markdown gegenüber leistungsstarken Schreibprogrammen wie Scrivener auch Nachteile. Wer gerne mit der Pinwand von Scrivener arbeitet, um seine Schreibprojekte zu planen und zu strukturieren, muss sich bei der Arbeit mit simplen Textdateien an eine andere Arbeitsweise gewöhnen.

Am PC kann man mit zwei getrennten Programmen arbeiten, deren Fenster man per Split-Screen nebeneinander auf dem Monitor anordnet – beispielsweise links den Texteditor zum Schreiben und rechts ein Gliederungsprogramm wie „RightNote“ oder „Keynote NF“ (oder ein Mindmapping-Programm) für Struktur und Planung. Noch komfortabler ist es natürlich, wenn man zwei Monitore an seinen PC (oder einen zusätzlichen externen Monitor an seinen Laptop) anschließt und den Hauptmonitor zum Schreiben verwenden kann, während auf dem zweiten Monitor die Strutur- und Recherche-Unterlagen in einem separaten Programm angezeigt werden.

Doch da mobile Geräte wie Tablets oder Smartphones ohnehin nicht genug Platz am Bildschirm bieten, um Text und Notizen nebeneinander einzublenden, kann ich für mobile Schriftsteller in erster Linie die guten alten Karteikarten empfehlen.

Ich plane meine Schreibprojekte auf linierten Karteikarten im Format A6. Jede Karte enthält die Notizen zu einer Szene bzw. zu einem Abschnitt/Unterthema eines Sachbuch-Projekts. Mit einer Büroklammer lassen sich mehrere Szenen/Abschnitte bequem zu einem Kapitel bündeln, wobei das „Kapitel-Deckblatt“, für das ich aus Gründen der leichteren Unterscheidbarkeit gelbe Karteikarten verwende, nochmal eine summarische Zusammenfassung des geplanten Kapitels enthält.

Ein komplettes Buchprojekt kann je nach Umfang aus bis zu 200 Karteikarten bestehen. Um diese jederzeit griffbereit dabei zu haben, verwende ich ein sogenanntes „CardSkin“ (Link siehe unten), das auch unterwegs stets in meiner Jackentasche steckt.

Wenn man sich erst einmal an diese Arbeitsweise gewöhnt hat, ist das ähnlich komfortabel wie die Arbeit mit Scrivener oder einer ähnlichen Schreibsoftware.

Sogar wenn ich unterwegs mal weder mit dem Laptop noch mit dem Tablet, sondern lieber von Hand in mein Notizbuch schreibe, brauche ich meine Arbeitsweise nicht zu ändern: dank Karteikarten habe ich meine komplette Planung und Struktur jederzeit griffbereit dabei und sogar handschriftlich kann man mit Markdown-Formatierung schreiben und diese Passagen dann später zu Hause einfach und schnell abtippen.

Probieren Sie es ruhig einmal aus. Vielleicht werden auch Sie dann zu dem Schluss kommen, dass „einfach“ einfach die bessere Lösung ist.

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Schreiben im Alltag: wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft

Die meisten Schriftsteller mit einem Vollzeitjob, Familie und Haushalt haben permanent mit der Herausforderung zu kämpfen, wie sie ein so zeitaufwändiges Projekt wie das Schreiben eines Buchs in ihren Alltag integrieren können. Wir haben viel zu wenig ungestörte Zeit am heimischen PC, um (wie Stephen King oder andere erfolgreiche Vollzeit-Autoren es wohlmeinend empfehlen) mehrere Stunden pro Tag konzentriert und fokussiert an unseren Buchprojekten zu arbeiten.

Natürlich wäre es gut, wenn man das so einrichten könnte, doch in der Praxis gehen solche wohlmeinenden Ratschläge genauso an den Alltagsrealitäten der meisten von uns vorbei wie die Tipps der Finanzgurus, die einem empfehlen, spätestens ab seinem 25. Geburtstag „nur 2.000 Euro pro Monat“ zur Seite zu legen, um später (wenn die Zinssituation und die Inflation mitspielen) als Millionär in Rente gehen zu können. Es ist schön, wenn jemand wie Stephen King jeden Tag einige Stunden ungestört an seinem Schreibtisch sitzen und so täglich mindestens 10 Manuskriptseiten zu Papier bringen kann – doch dem Durchschnitts-Schriftsteller, der das Schreiben mit seinem Vollzeitjob, seiner Familie und dem Haushalt unter einen Hut bringen muss, nützt das herzlich wenig.

Dennoch ist es auch für uns möglich, das Schreiben zu einem festen Teil unseres täglichen Lebens zu machen – allerdings auf eine völlig andere Art und Weise. Der Schlüssel zum Erfolg liegt für uns darin, unseren Schreibtag gründlich zu planen – und zwar spätestens am Abend des Vortags.

Das Nadelöhr ist für die meisten von uns die Zeit, die wir tatsächlich ungestört am Computer zum Schreiben zur Verfügung haben. Egal, ob dieses relativ kurze Zeitfenster für uns früh morgens vor der Arbeit oder abends liegt: wir werden diese knappe Zeit nur dann wirklich sinnvoll nutzen können, wenn wir schon sehr genau wissen, was wir schreiben wollen, bevor wir uns zum Schreiben hinsetzen.

Schlüssel Nummer 1 ist also, das Planen abseits des Computers zu erledigen bzw. die ungenutzten Zeitfenster während des Tages zum Planen, Nachdenken und gedanklichen Vorformulieren zu nutzen. Man kann wunderbar über die nächsten Szenen oder Kapitel seines Buchprojekts nachdenken, während man im Stau auf der Autobahn oder in der Schlange an der Supermarktkasse steht, während man mit dem Hund spazieren geht, eine Runde joggt, den Rasen mäht oder die Hausarbeit erledigt. Doch das funktioniert nur, wenn man sich rechtzeitig die offenen Fragen und Punkte herausschreibt, über die man während dieser Gelegenheiten nachdenken möchte.

Dazu sollte man eine Liste mit allen offenen Fragen zu seinem aktuellen Schreibprojekt führen, die man (ebenso wie einen Stift und ein Notizbuch) stets dabei haben sollte. Am besten ist es, diese Liste zusammengefaltet vorne in sein Notizbuch zu legen, das man stets in seiner Jackentasche (bzw. bei den Damen in der Handtasche) dabei hat. So verknickt die Liste nicht und kann auch nicht unter die Räder kommen.

Schon nach kurzer Zeit gewöhnt man sich an, diese Liste vor jeder geistig anspruchslosen Arbeit oder Tätigkeit kurz durchzulesen und sich ein oder zwei Fragen auszusuchen, mit denen man sich nebenbei gedanklich beschäftigen möchte. Für die Notizen und Geistesblitze, die einem bei diesen Gedankenspielereien kommen, verwende ich am liebsten ein digitales Diktiergerät. Man kann es in der Hosentasche mitnehmen und es ganz bequem mit einer Hand bedienen – auch beim Joggen oder beim Hundespaziergang. Damit ist es ideal für die Gelegenheiten, bei denen man nur schlecht zu Stift und Papier greifen kann. Zuhause kann man dann später ganz bequem seine Notizen abhören und ins Reine schreiben.

Schlüssel Nummer 2 ist, dass wir uns über die vielen unterschiedlichen Arten und Weisen klar werden, wie wir an unseren Schreibprojekten arbeiten können. Schreiben kann man nicht nur am PC, sondern auch am Tablet, am Smartphone oder von Hand – vielleicht nicht ganz so schnell und effektiv wie am PC, aber selbst langsamer Fortschritt ist immer noch besser als überhaupt keiner.

Abgesehen davon ist Schreiben nicht alles. Recherche lässt sich dank moderner Smartphones und Tablets mit SIM-Karte von überall aus erledigen, und dank Evernote & Co. kann man die unterwegs gemachten Notizen automatisch mit dem heimischen PC synchronisieren. Um sich Notizen zu Szenen, Charakteren und Settings zu machen reichen ein Notizbuch und ein Stift. Und wenn man einen Schnellhefter mit ein paar Kapiteln eines bereits fertiggestellten Manuskripts und einen Stift dabei hat, kann man auch unterwegs sinnvoll an der Überarbeitung seines Manuskripts arbeiten.

Jede unterwegs sinnvoll für die Arbeit an unseren Schreibprojekten genutzte Minute ist eine Minute, die uns wieder mal ein kleines Stück voran bringt. Um alles, was wir unterwegs oder tagsüber bei sich bietenden Gelegenheiten zwischendurch schnell erledigen konnten, müssen wir uns nicht mehr während unserer knappen und daher äußerst wertvollen ungestörten Schreibzeit kümmern.

Damit das funktioniert, müssen wir für jedes unserer Schreibprojekte eine Liste mit den Dingen griffbereit haben, die wir zurzeit daran machen könnten. Ich verwende hierfür linierte Karteikarten im Format A6 – eine für jedes aktuelle Schreibprojekt, das sich bei mir zurzeit in irgendeiner Phase zwischen Planung und Veröffentlichung befindet. Die einzelnen „ToDos“ schreibe ich mit Bleistift, damit ich diese ausradieren und durch den jeweils nächsten Schritt ersetzen kann, sobald ich sie erledigt habe, ohne allzu häufig die ganze Karteikarte neu abschreiben zu müssen. Diese Karteikarten habe ich stets in einer stabilen kleinen Papphülle, die ich mir dafür gebastelt habe, in meiner Jackentasche dabei. Die Hülle besteht mehr oder weniger aus einem gefalteten und an den Seiten mit Tesafilm zusammengeklebten Stück Pappe, das gerade so groß ist, dass die Karteikarten von der Breite hinein passen, aber oben etwas herausragen, so dass ich sie jederzeit leicht herausziehen kann.

Natürlich kann man besonders flexibel agieren, wenn man nicht nur ein einziges Schreibprojekt in Arbeit hat, sondern parallel an mehreren Projekten arbeitet, die sich in ganz unterschiedlichen Entstehungsphasen befinden. Während man beim einen an der Rohfassung schreibt, befindet sich ein anderes vielleicht noch in der Ideenfindungsphase oder erfordert umfangreiche Recherche, während ein anderes schon bereit für die Überarbeitung ist oder man sich Gedanken über den Titel, das Coverdesign oder den Klappentext machen kann. Als Faustregel würde ich empfehlen, stets drei bis fünf Projekte gleichzeitig in Arbeit zu haben – also maximal „eine Handvoll“. Das verschafft einem genügend Flexibilität, während man andererseits nicht Gefahr läuft, sich zwischen zu vielen Projekten und Ideen zu verzetteln.

Diese Karteikarten mit den „Next Actions“ – also den Dingen, die ich momentan ganz konkret machen kann, um das jeweilige Schreibprojekt voran zu treiben – sind die Grundlage für meine Tagesplanung. Spätestens am Abend des Vortags plane ich meinen nächsten Tag und skizziere auf einem Zeitstrahl von 4:00 Uhr morgens (dem Zeitpunkt, an dem mein Wecker angeht) bis 22:00 Uhr, wie mein Tag voraussichtlich ablaufen dürfte. Die einzelnen Blöcke sind 15 Minuten lang, was für eine grobe Tagesplanung absolut ausreichend ist.

Dabei trage ich alles ein, was ich am nächsten Tag definitiv erledigen muss oder will – von den Zeiten für meinen Brotjob über Termine und Besorgungen bis hin zu Freizeitaktivitäten. Das dauert keine fünf Minuten und verschafft mir einen guten Überblick darüber, wie voll mein Tag bereits ist, was ich realistisch gesehen noch irgendwo hineinquetschen kann und für welche Dinge sich vielleicht die passende Gelegenheit ergibt.

Wenn ich z. B. weiß, dass ich am späten Nachmittag noch einen Zahnarzttermin habe, bei dem ich erfahrungsgemäß mindestens 20 Minuten im Wartezimmer warten muss, kann ich mir zur sinnvollen Überbrückung der Wartezeit entweder mein Tablet mit meinem aktuellen Manuskript einstecken, um daran etwas weiter zu schreiben, oder meine Schreibmappe mit einigen ausgedruckten Seiten eines noch zu überarbeitenden Manuskripts und ein paar farbigen Finelinern für Korrekturen und Ergänzungen. Das ist wesentlich sinnvoller, als in dieser Zeit gelangweilt in den uralten Zeitschriften herumzublättern, die im Wartezimmer ausliegen.

Wenn ich abends etwas live im Fernsehen anschauen will (also inklusive lästiger Werbepausen) lege ich mir vorher mein Tablet bereit, auf dem ich dank der Pocket-App stets einige interessante Artikel und Webseiten gespeichert habe, die ich mir bei passender Gelegenheit noch in Ruhe durchlesen will. Alternativ nutze ich die Werbepausen manchmal auch, um am Tablet ein paar Fragen von der Recherche-Liste für eines meiner Schreibprojekte abzuhaken. Je nach Sender und Sendung kommen da in zwei Stunden leicht 20-30 Minuten zusammen, die man ganz nebenbei sinnvoll für seine Schreibprojekte nutzen kann.

Solche Gelegenheiten schon im Vorfeld zu erahnen und so vorzubereiten, dass man sie optimal zur Arbeit an seinen Schreibprojekten nutzen kann, erfordert natürlich etwas Übung, aber schon nach ein paar Wochen geht es einem in Fleisch und Blut über. Wenn Sie nach ein paar Monaten zurück schauen, werden Sie feststellen, dass Sie weit besser als bisher mit Ihren Schreibprojekten vorangekommen sind, obwohl Sie doch eigentlich gar nicht mehr Zeit als vorher zur Verfügung haben. Oder wie Seneca es formuliert hatte „Glück ist, was passiert, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft.“


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George R.R. Martin und das Geheimnis der Produktivität

Was würden Sie vermuten, was man für einen „optimalen Schreib-PC“ ausgeben muss? Ist es ein teurer Apple-Rechner mit riesigem Flachbildschirm? Oder doch eher ein superflaches Ultrabook mit Full-HD-Display und Hochleistungs-Akku?

Wenn Sie George R.R. Martin, den Autor der bekannten Fantasy-Romanserie „Ein Lied von Eis und Feuer“ (in Deutschland besser bekannt unter dem Titel der Serien-Verfilmung „Game of Thrones“) fragen, würde dieser über derartige Vorschläge höchstens amüsiert schmunzeln.

Denn George R.R. Martin schreibt, obwohl er zweifellos jeden noch so leistungsfähigen High-Tech-Rechner und die modernste Schreibsoftware aus der Portokasse bezahlen könnte, seine Romane auch heute noch auf einem alten DOS-Rechner unter WordStar 4.0.

Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Wir reden hier von einem Rechner der Prä-Windows-Ära, dessen Betriebssystem noch auf einer Diskette ausgeliefert wurde, und einem Schreibprogramm, das bereits 1987 erschienen ist und somit nächstes Jahr schon seinen 30. Geburtstag feiert.

Doch warum bleibt jemand wie George R.R. Martin bei einer derart antiquierten Hard- und Software, die nach heutigen Gesichtspunkten so gut wie überhaupt nichts kann?

Gut, wir wissen nicht, ob es sich bei seinem Schreib-PC immer noch um denselben alten Rechner von Anno Tobak handelt, oder um einen aktuellen PC, auf dem das alte DOS-Betriebssystem und Wordstar 4.0 neu installiert wurden – aber Fakt ist, dass sein Schreib-PC nicht mit dem Internet verbunden ist und er eine altertümliche Schreibsoftware verwendet, die vom Aussehen und vom Leistungsspektrum her mit einer modernen Textverarbeitung wie Word 2016 ungefähr genausoviel gemein hat wie der erste Ford-Oldtimer „Tin Lizzy“ mit einem modernen Tesla-Sportwagen.

Der Grund für George R.R. Martins Treue zum alten WordStar 4.0 ist bemerkenswert: In einem Interview sagte Martin, dass WordStar 4.0 alles könne, was er bei einem Schreibprogramm benötige. Er brauche weder eine Autokorrektur noch eine Rechtschreibprüfung, die ohnehin nur über jeden der zahllosen Namen in seinem Fantasy-Epos stolpern würde. Windows und moderne Schreibprogramme hätten zu viele Features, die er beim besten Willen nicht gebrauchen kann – aber dafür zahlreiche Bugs und Schwachstellen, die zu Abstürzen und Datenverlust führen können, während seine archaische Kombination aus DOS und WordStar 4.0 seit Jahrzehnten stabil und zuverlässig läuft.

Für andere Dinge wie zum Surfen im Internet, das Empfangen und Schreiben von Emails oder seine Steuererklärung, habe er einen zweiten, moderneren PC, der, wie man es gewohnt ist, permanent mit dem Internet verbunden ist.

So mancher jüngere Leser, der mit Windows, Android und iOS groß geworden ist und der sich schon unwohl fühlt, wenn er mehrere Stunden am Stück ohne WLAN, DSL und LTE offline ist, wird über George R.R. Martins Arbeitswerkzeug vielleicht verwundert den Kopf schütteln.

Andere werden jetzt direkt zu Google wechseln und recherchieren, wo man heute noch eine Lizenz von WordStar 4.0 bekommt oder wie man das alte DOS-Betriebssystem auf einem modernen Quad-Core-PC installieren kann.

Aber es geht nicht darum, die Arbeitsweise eines anderen Schriftsteller zu kopieren. Es wird immer Hobby-Schriftsteller geben, die auf der Suche nach dem Geheimis des Erfolgs Artikel über die Arbeitsweise und die Rituale erfolgreicher Bestseller-Autoren lesen und diese in der irrigen Hoffnung nachahmen, dass irgendwo darin das Geheimnis ihres Erfolgs verborgen sein müsse. Wenn Stephen King beim Schreiben laute Heavy-Metal-Musik hört, passt das für King. Mich würde es wahnsinnig machen, obwohl ich Heavy Metal liebe. Beim Schreiben brauche ich meine Ruhe – da müssen Lemmy und Angus warten.

Statt die Arbeitsweisen und Gewohnheiten erfolgreicher Schriftsteller kritiklos zu übernehmen, sollten wir eher hinterfragen und ergründen, warum sie sich für diese Arbeitsweise entschieden haben. Solche Überlegungen können uns weitaus mehr dabei helfen, herauszufinden, ob und wie weit wir die Vorteile dieses Ansatzes auch für uns nutzbar machen können.

Statt also nach diesem vielleicht etwas schrullig wirkenden Bekenntnis des Erfolgsschriftstellers gleich nach einem alten DOS-Rechner und einer WordStar-Lizenz Ausschau zu halten, sollten wir aus dem Einblick in G.R.R. Martins Arbeitsalltag lieber zwei Dinge herauslesen, die wir auch auf unseren Schreiballtag übertragen können:

1. Es gibt niemals ein optimales Schreibwerkzeug, aber mit Sicherheit eines, das „gut genug“ ist.

Viele von uns sind permanent auf der Suche nach einem noch besseren Schreibprogramm, das es uns endlich leichter macht, unsere Bücher zu schreiben. Frei nach dem Motto „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was besseres findet“ schielen wir immer nach links und rechts – stets in der Hoffnung, dass irgendwann jemand das perfekte Schreibtool entwickelt: die eierlegende Wollmilchsau, die Szenen, Charaktere, Zeitstrahl, Handlungsbögen etc. verwaltet und verknüpft und das Schreiben eines Bestsellers zu einem Spaziergang macht.

Und selbst wenn wir uns für eine Schreibsoftware entschieden haben, warten wir dennoch freudig auf jede neue Version und jedes neue Update – stets in der Hoffnung, dass vielleicht ein paar neue Funktionen und Möglichkeiten dabei sind, die uns das Leben (und das Schreiben) einfacher machen.

Aber was davon braucht man wirklich, um gute Bücher zu schreiben?

William Shakespeare und seine Zeitgenossen schrieben ihre Stücke mit Feder und Papier und schafften es trotzdem, produktiver als viele heutige Schrifsteller zu sein und Werke zu erschaffen, die auch nach Jahrhunderten noch lange nicht in Vergessenheit geraten sind.

Oder nehmen Sie die Schriftsteller der klassischen Pulp-Romane, die wie auch Hemingway ihre Manuskripte in schwergängige mechanische Schreibmaschinen hämmerten. Kein Copy&Paste, kein Drag&Drop, keine Autokorrektur – nicht einmal eine Backspace-Taste. Dennoch schafften viele dieser Pulp-Autoren es, über etliche Jahre hinweg pünktlich und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk alle paar Wochen ein neues Manuskript beim Verlag abzuliefern.

Nein, die Wahl des PCs und der Schreibsoftware ist zweitrangig. Suchen Sie sich ein Programm aus, das Ihnen gefällt, mit dem Sie gut klar kommen und dessen interne Logik Ihrer Arbeisweise entspricht, und dann bleiben Sie dabei – genau wie George R.R. Martin bis heute seinem WordStar treu geblieben ist. Denn das einzige Schreibwerkzeug, auf das es wirklich ankommt, ist unser Gehirn – und es fällt wesentlich leichter, sich beim Schreiben auf das eigentliche Manuskript zu konzentrieren, wenn man die Schreibsoftware und ihre Bedienung längst wie im Schlaf beherrscht.

2. Zum Schreiben braucht man kein Internet

Die strikte Trennung zwischen einem reinen Schreibcomputer, der nicht mit dem Internet verbunden ist und ausschließlich zum Schreiben dient, und einem normalen Internet-PC für alle sonstigen Tätigkeiten, wie George R.R. Martin sie praktiziert, ist eines der besten Dinge, die man für seine Produktivität als Schriftsteller tun kann.

Es fällt oft schwer, sich aufs Schreiben zu konzentrieren, wenn Emails, Twitter, Facebook, YouTube und andere Ablenkungen stets nur einen Mausklick entfernt sind. Selbst wenn man akustische Benachrichtigungen und Popup-Fenster für neue Nachrichten ausgeschaltet hat, ist doch immer die Verlockung da, „nur mal schnell“ etwas online zu recherchieren oder zu verifizieren.

Auch ich habe aus diesem Grund meinen Schreib-PC (einen alten Pentium 4 mit Windows XP und 512 MB RAM, der weder über WLAN noch über Kabel mit dem Internet verbunden ist) in einem anderen Raum als meinen normalen Internet-PC.

Dort schreibe ich im Stehen an meinem selbstgebauten Schreibpult mit einer guten mechanischen Tastatur, deren Tastenklicken das einzige Geräusch ist, das ich beim Schreiben höre. Auf dem PC ist außer WriteMonkey, das ich bevorzugt zum Schreiben meiner Rohfassungen verwende, und Wikidpad, das ich zum Verwalten der Hintergrundinformationen für mein aktuelles Romanprojekt benötige, kein weiteres Programm installiert. Keine Spiele, keine anderen Anwendungsprogramme – gar nichts. Alle Notizen und Informationen, die ich zum Schreiben benötige, nehme ich nur in Papierform in meinen Schreibraum mit.

Der PC ist so konfiguriert, dass er beim Hochfahren direkt WriteMonkey startet und mein aktuelles Manuskript lädt, so dass ich sofort mit dem Schreiben loslegen kann.

Was WordStar 4.0 für George R.R. Martin ist, ist WriteMonkey für mich: eine ablenkungsfreie Schreibumgebung, die genau das kann, was ich zum Schreiben von Artikeln, Sachbüchern, Kurzgeschichten und Romanen brauche, und die auf unnötige Spielereien verzichtet.

Diese Konfiguration hat für mich gleich mehrere Vorteile:

Das Schreiben im Stehen ist nicht nur gut für die Gesundheit (wenn Sie mehr hierüber lesen möchten, empfehle ich Ihnen meinen Kompaktratgeber „(M)ein Platz zum Schreiben„), sondern auch für die Konzentration. Es ist wesentlich leichter, im Sitzen zu faulenzen, als im Stehen. ;-)

Das Fehlen jeglicher Internetverbindung (ich nehme üblicherweise nicht einmal einen Tablet-PC oder mein Smartphone mit in meinen Schreibraum) sorgt dafür, dass ich mich hier ausschließlich aufs Schreiben konzentrieren kann.

Als ich noch versucht habe, meine Manuskripte an meinem normalen Internet-PC zu schreiben, war die Versuchung immer groß, nur noch schnell nach Mails zu schauen, ein wenig bei Amazon oder bei eBay zu stöbern, ein neues Simons-Cat-Video anzusehen oder etwas an meiner Webseite herum zu basteln, statt wirklich an meinem aktuellen Manuskript zu arbeiten. Nur noch fünf Minütchen, bis der Kaffee wirkt oder bis ich den richtigen Ansatz habe, wie ich diesen Artikel oder jene Szene angehen könnte… Unnötig zu sagen, dass aus den „fünf Minütchen“ nur allzu oft eine halbe oder gar eine ganze Stunde wurde.

Mit dem reinen Schreib-PC habe ich dieses Problem nicht mehr. Erstens ist das Faulenzen und Herumtrödeln im Stehen nicht mehr so gemütlich und entspannend wie im Sitzen, und zweitens fehlen die Ablenkungen und Alternativen. Wenn man nur das geöffnete Manuskript vor sich hat, dauert es nicht lange, bis man tatsächlich mit dem Schreiben beginnt – und wie bei fast allen Dingen ist es auch hier so, dass das Anfangen eigentlich das Schwerste ist. Ist man erst einmal dran, läuft es fast von alleine.

Wenn mir beim Schreiben eine Information fehlt, die ich erst recherchieren müsste, habe ich offenbar schlecht vorgeplant. Aber schlimm ist das auch nicht. Allein der Aufwand, in einen anderen Raum gehen zu müssen, um „mal schnell“ etwas zu googeln, sorgt schon dafür, dass man beim Schreiben eher einen Platzhalter einsetzt (z.B. [hier Name des Erzbischofs von Köln im Jahr 1782 einsetzen]) und die fehlenden Informationen später bei der Überarbeitung des Manuskripts in einem Aufwasch recherchiert und nachträgt.

Probieren Sie es einfach einmal aus. Sie müssen natürlich nicht unbedingt im Stehen schreiben, aber ein billiger, altmodischer Schreib-PC ohne Internetzugang (bekommt man gebraucht schon unter 50 Euro) mit einer relativ simplen Schreibsoftware könnte sich durchaus auch für Sie als wahre Produktivitäts-Geheimwaffe erweisen – sozusagen auf den Spuren von George R.R. Martin. Sie befinden sich also in guter Gesellschaft.


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Buchtipp (englisch): „When Every Month Is NaNoWriMo“

In wenigen Tagen beginnt der diesjährige NaNoWriMo: der „National Novel Writing Month“ – unter Nicht-Roman-Autoren eher als „November“ bekannt. Grund genug für mich, diesmal ein Buch vorzustellen, dessen Fokus ganz klar auf dem NaNoWriMo liegt: „When Every Month Is NaNoWriMo“ von Larry Brooks.

Wer gerne englischsprachige Schreibratgeber (oder Blogs übers Schreiben) liest, kennt Larry Brooks vermutlich als den Autor von Büchern wie „Story Engineering“, „Story Physics“ und „Story Fix“ oder aus seinem Blog Storyfix.com, in dem er regelmäßig interessante Artikel über die Struktur und Planung von Romanen veröffentlicht.

Aber widerspricht ein so strukturierter Ansatz, der den Fokus auf die Konstruktion einer Geschichte legt, nicht dem Gedanken des NaNoWriMo, innerhalb von nur 30 Tagen einen kompletten Roman (wenngleich nur als Rohfassung) herunter zu schreiben?

Um zu beweisen, dass Struktur und Geschwindigkeit keinen Widerspruch in sich darstellen, veröffentlichte Larry Brooks Ende 2011 in seinem Blog eine 31-teilige Artikelserie darüber, wie man einen kompletten Roman innerhalb einer knappen Deadline (wie der des NaNoWriMo) schreiben kann.

Aus dieser Serie von Blogposts wurde (mit kleineren Änderungen) der Schreibratgeber „When Every Month is NaNoWriMo“. Auch wenn die ursprünglichen Blogposts für das Buch überarbeitet und in manchen Passagen klarer formuliert wurden, handelt es sich dennoch nicht um ein so strukturiertes Werk wie Brooks andere Schreibratgeber.

Beim Lesen springen einem immer wieder Passagen ins Auge, die wenig mit dem eigentlichen Fokus des Buchs zu tun haben. Solche Abschweifungen sind bei Blogposts nicht unüblich, reißen einen aber hier immer wieder etwas aus dem Lesefluss heraus. Auch die einzelnen Artikel enthalten mehr Wiederholungen und redundante Informationen als ein normaler, sauber strukturierter Schreibratgeber. Und last not least fehlt dem Buch ein übersichtliches Inhaltsverzeichnnis, mit dem man direkt zu bestimmten Themen springen kann. Stattdessen ist das Buch darauf angelegt, in fester Reihenfolge von vorne nach hinten gelesen zu werden.

Wenn man Brooks bereits kennt, weiß man im Groben, was einem in diesem Buch erwartet: Struktur, Struktur und nochmals Struktur als der allein selig machende Weg zu einem guten Roman. Wer sich selbst als ‚Pantser‘, ‚Gärtner‘ oder ‚organischen Schriftsteller‘ sieht und keine Lust hat, sich von Brooks zu missionieren und zum Outliner konvertieren zu lassen, wird an Brooks Werk (ebenso wie an seinen anderen Schreibratgebern) vermutlich relativ wenig Spaß haben.

Doch wenn man dem Ansatz etwas abgewinnen kann, einen Roman erst aus der Vogelperspektive zu planen, bevor man sich auf die eigentliche Reise begibt, ist „When Every Month Is NaNoWriMo“ eine wertvolle Ergänzung der eigenen Schreibbibliothek.

Gerade wenn man noch keinen der Schreibratgeber von Larry Brooks gelesen hat, ist dieses verglichen mit seinen anderen Büchern recht günstige eBook ein recht guter Einstieg, um einen Eindruck von Brooks Ansatz zu bekommen und die Konzepte kennenzulernen, die Brooks in seinen anderen Schreibratgebern ausführlicher und mehr in die Tiefe gehend erklärt.

Kurzum: Wenn einem „When Every Month Is NaNoWriMo“ gut gefällt, kann man sich recht sicher sein, dass einem auch „Story Engineering“, „Story Physics“ und „Story Fix“ gefallen werden. Das macht dieses eBook zu einem guten Einstieg in die Storyfix-Schreibrategeber.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Buch anlässlich des NaNoWriMo auf 99 Cent reduziert – also ein echter „No Brainer“, bei dem man ohne zu zögern zugreifen kann. Wenn das Buch nach dem Ende der Aktion wieder zum vollen Preis verkauft wird, würde ich die Kaufempfehlung hingegen relativieren und eher empfehlen, sich zunächst einmal die Original-Blogposts auf Storyfix.com durchzulesen. Im direkten Vergleich haben die Blogposts gegenüber der eBook-Version den Vorteil, dass man sich hier auch die oft recht interessanten Leserkommentare zu den einzelnen Artikeln zu Gemüte führen kann.

Sie finden die Kindle-Version bei Amazon unter: https://www.amazon.de/When-Every-Month-NaNoWriMo-English-ebook/dp/B0064IE896

Alternativ finden Sie den ersten Blogpost der dem eBook zugrundeliegenden Artikelserie von Larry Brooks auch heute noch in seinem Blog unter http://storyfix.com/nail-your-nanowrmo. Von hier aus können Sie sich über die Links (rechts oberhalb des schwarzen Überschrift-Balkens) der Reihe nach durch die einzelnen Artikel der Serie hangeln.


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Schreibsprints mit WriteMonkey

Gerade im NaNoWriMo ist es wichtig, innerhalb der knappen Zeit, die einem zum Schreiben zur Verfügung steht, möglichst gut voran zu kommen. Schließlich will man innerhalb von nur 30 Tagen ein komplettes Roman-Manuskript von mindestens 50.000 Wörtern in den Computer hämmern.

Ein probates Mittel, um einen gleichbleibend hohen Output zu erzielen, sind Schreibsprints. Dabei stellt man einen Timer auf eine bestimmte Zeit (beispielsweise 10 Minuten) und versucht dann, innerhalb dieser Zeit möglichst viel zu schreiben – mindestens jedoch eine bestimmte Anzahl von Wörtern.

Gerade während des NaNoWriMos sind Schreibsprints praktisch, um sicherzustellen, dass man tatsächlich so gut wie geplant vorankommt. Sagen wir, dass Sie Ihren NaNoWriMo-Roman recht gut vorgeplant haben und die Rohfassung mit mindestens 1.200 Wörtern pro Stunde runterreißen wollen, damit Sie in 90 Minuten pro Tag Ihr statistisches Tagessoll (50.000 Wörter / 30 Tage = 1.667 Wörter pro Tag) nicht nur erreichen, sondern sich sogar noch einen kleinen Puffer aufbauen.

Es ist wesentlich einfacher, über den Tag verteilt immer wieder mal zwischendurch 10 Minuten Zeit fürs Schreiben zu finden, als 90 Minuten am Stück freizuschaufeln. Wenn Sie die 1.200 Wörter pro Stunde also auf sechs Schreibsprints á 10 Minuten aufteilen, müssten Sie je Schreibsprint 200 Wörter schaffen.

Doch wie sehen Sie während des Schreibens, ob Sie gut im Plan liegen? Dies ging früher sehr gut mit dem Programm „Write Or Die“ von Dr. Wicked, doch während die erste Version zwei sich langsam füllende Balken für Wordcount und Zeit zeigte, an denen man jederzeit exakt ablesen konnte, ob man gut im Rennen liegt, wurde dieses nützliche Feature leider bei der ansonsten optisch aufgewerteten Version 2.0 weggelassen

Es gibt allerdings die Möglichkeit, das Schreibprogramm WriteMonkey so zu konfigurieren, dass es für Schreibsprints perfekt geeignet ist. Ich zeige Ihnen in diesem kurzen Tutorial, welche Einstellungen Sie vornehmen müssen, um WriteMonkey zum perfekten Tool für Schreibsprints zu machen.

Screenshot WriteMonkey

Aktivieren Sie in den Optionen im Reiter „Bildschirmelemente“ den grafischen Fortschrittsbalken. Wie breit dieser Balken dargestellt werden soll, können Sie direkt darunter einstellen.

Durch diese Option wird der Wordcount des aktuellen Dokuments nicht mehr nur als Zahl, sondern zusätzlich auch als Balken in Relation zur geplanten Länge des Dokuments angezeigt.

Vor dem Start eines neuen Schreibsprints drücken Sie in WriteMonkey F6 (= Segmentfokus aktivieren), um den bisher geschriebenen Text auszublenden. Egal, wie lang Ihr Manuskript bereits ist – der bisherige Text wird nun ausgeblendet und beim Wordcount nicht mehr mitgezählt. Sie beginnen also mit jedem neuen Schreibsprint wieder bei null.

Wenn Sie erneut F6 drücken, wird der Segmentfokus aufgehoben und das komplette Manuskript wieder eingeblendet. Es besteht also nicht die Gefahr, durch den Segmentfokus Daten zu verlieren – hierbei wird wirklich nur der zuvor geschriebene Text ausgeblendet.

Nachdem Sie mit F6 den Segmentfokus aktiviert haben (der Bildschirm ist also leer, der komplette Text ausgeblendet), drücken Sie F12 für die Textstatistiken.

Screenshot WriteMonkeyHier können Sie den Fortschrittszähler aktivieren (oberer roter Rahmen) und die Anzahl der Wörter festlegen, die Sie innerhalb des kommenden Schreibsprints schreiben wollen.

Im unteren Bereich „Schnellschreiben“ aktivieren Sie den Countdown-Zähler (Häkchen setzen, Zeit auf beispielsweise 10 Minuten einstellen).

Sobald Sie so weit sind, dass Sie mit dem Schreibsprint beginnen wollen, klicken Sie auf „Start“ und schließen das Fenster mit OK.

Screenshot WriteMonkeyWährend Sie nun konzentriert an Ihrem Manuskript schreiben, füllt sich langsam der Fortschrittsbalken am unteren Rand. Sobald Sie Ihr Soll (in unserem Beispiel 200 Wörter) erreicht haben, beginnt der Balken am linken Bildschirmrand von vorne – diesmal allerdings in Rot, um zu zeigen, dass Sie das Ziel nicht nur erreicht, sonderns sogar schon überschritten haben).

Die kleine Markierung über dem Fortschrittsbalken (siehe Pfeil) ist der Countdown-Uhrzeiger, der langsam in Richtung des rechten Bildschirmrands wandert. Erreicht der Zeiger den rechten Rand, ist die Zeit um.

Durch diesen kleinen Trick sehen Sie jederzeit auf einen Blick, wie Sie im Rennen liegen. Solange der Countdown-Uhrzeiger den Balken für den Wordcount nicht überholt, liegen Sie gut im Rennen. Hängt dieser Sie ab und wandert schneller nach rechts, als Ihr Wordcount-Fortschrittsbalken wächst, sind Sie zu langsam und müssen einen Zahn zulegen.

Nach Ende des Schreibsprints drücken Sie wieder F12 und klicken zum Abschluss auf den Button „Stop/Zurücksetzen“.

Um direkt nach Ablauf der Zeit den nächsten Schreibsprint zu starten, können Sie die Sache abkürzen: Falls Sie kein neues Manuskript begonnen hatten, sondern anfangs mit F6 Ihr bisheriges Manuskript ausgeblendet hatten, drücken Sie F6, um alles wieder einzublenden. Drücken Sie anschließend erneut F6, um den Segmentfokus wieder für den nächsten Schreibsprint zu aktivieren. Der Bildschirm müsste anschließend wieder leer sein und der Wordcount auf 0 stehen.

Drücken Sie F12 für die Textstatistiken, Stoppen Sie den Timer mit „Stop/Zurücksetzen“ und starten Sie ihn anschließend direkt wieder mit „Start“ neu. Verlassen Sie das Fenster mit „OK“ – und der nächste Schreibsprint beginnt sofort.

Probieren Sie es einfach einmal aus – es ist äußerst motivierend. Sie können diese Technik auch nutzen, um beispielsweise Anthony Trollope nachzueifern, der dafür bekannt war, während seiner morgendlichen Schreibsessions alle 15 Minuten 250 Wörter (also eine Seite) seines aktuellen Roman-Manuskripts zu schreiben. In diesem Sinne: Do the Trollope! ;-)


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Definieren Sie Ihren Protagonisten durch seine Werte

In der vorletzten Woche haben wir uns angeschaut, wie man nach der Methode von Lajos Egri einen Protagonisten als ‚dreidimensionale‘ Figur konstruieren kann, indem man sowohl seine physiologische und seine soziologische als auch seine psychologische Dimension berücksichtigt.

Doch es gibt noch eine weitere sehr effektive Methode, die einem nicht nur dabei hilft, seinen Protagonisten ‚von innen nach außen‘ zu konstruieren, sondern die es zugleich auch viel leichter macht, den Protagonisten beim Planen der Romanhandlung und beim späteren Schreiben des Romans glaubwürdig und konsistent handeln zu lassen: die Verwendung eines hierarchisch aufgebauten Wertesystems.

Unsere Entscheidungen und Handlungen werden durch unsere Werte bestimmt – also dadurch, was uns wichtiger (oder weniger wichtig) als andere Dinge ist. Daher sollten wir auch die Werte unseres Protagonisten kennen, um beurteilen zu können, was für ihn die logische Entscheidung oder Reaktion auf eine bestimmte Entwicklung, ein Angebot oder eine sich bietende Gelegenheit wäre.

Das klingt im ersten Moment vielleicht etwas theoretisch, wird aber gleich klarer werden. Es gibt viele Werte, die unser Leben bestimmen. Nehmen Sie beispielsweise Werte wie Ehrlichkeit, Familie, Macht, Loyalität, Gesundheit, Sicherheit, Freiheit, Anerkennung, Liebe, Religiosität, Abenteuer, Status oder Abwechslung, um nur einen kleinen Ausschnitt aus der Liste zu wählen. Je nachdem, in welche hierarchische Reihenfolge Sie diese Werte bringen (also diese ihrer Bedeutung für die Person nach in absteigender Reihenfolge sortieren), ergeben sich allein daraus schon vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten.

Stellen Sie sich eine Person vor, für die Sicherheit, Familie und Liebe ganz oben stehen, und eine andere, deren höchste Werte Freiheit, Abenteuer und Gesundheit sind. Egal, in welcher Reihenfolge die anderen beispielhaft aufgeführten Werte in ihrer persönlichen Wertehierarchie stehen, kann man sich jetzt schon vorstellen, wie unterschiedlich diese beiden Personen sich in bestimmten Situationen verhalten werden.

Während die erste Person jemand ist, der vermutlich in einer festen Beziehung lebt oder nach einer solchen sucht, könnte man sich die zweite eher als Single vorstellen oder als jemanden, der stets nur offene, unverbindliche und nicht auf lange Sicht angelegte Beziehungen führt.

Solche unterschiedlichen Charakterprofile sind bestens geeignet, um eine spannende, konfliktreiche Handlung zu erhalten. Stellen Sie sich vor, der freiheits- und abwechslungsliebende Charakter verliebt sich bis über beide Ohren in jemanden, für den Sicherheit und Familie am wichtigsten sind. Egal, wer von beiden der Mann und wer die Frau ist – es dürfte keine einfache Beziehung werden und für einiges an Spannung sorgen, bis sich entscheidet, ob beide wirklich eine gemeinsame Zukunft haben können.

Genauso können Sie eine spannende Handlung mit einem interessanten Protagonisten erhalten, indem Sie das seit Jahren oder Jahrzehnten bestehende Wertesystem einer Person durch ein einschneidendes Ereignis auf den Kopf stellen. Stellen wir uns jemanden vor, für den Sicherheit und Ehrlichkeit ganz oben stehen. Vielleicht ist derjenige ein korrekter Buchhalter oder ein Programmierer in einer Bank. Eines Tages bekommt dieser ehrliche, korrekte Mensch beim Arzt die Diagnose, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Plötzlich rückt der Wert „Gesundheit“ in seiner persönlichen Wertehierarchie ganz nach oben, denn bekanntlich weiß man ja erst dann zu schätzen, was man hat, wenn man es zu verlieren droht. Was könnte passieren, wenn dieser Mann hört, dass es in den USA eine experimentelle Therapie gibt, die ihn heilen könnte, die aber von seiner Krankenkasse nicht bezahlt wird und zudem eine hohe sechsstellige Summe kosten würde? Genau wie Walter White, der anfangs harmlose Chemielehrer in „Breaking Bad“, nach seiner lebensbedrohlichen Erkrankheit zum skrupellosen Drogenbaron mutiert, dürfte auch das Leben dieser Person sich durch die erschütternde Nachricht von Grund auf ändern.

Einen stoischen Protagonisten, der das Schicksal einfach akzeptiert und treu und brav seinen Job weiter macht, bis die Krankheit ihn ans Bett fesselt und schließlich dahin rafft, können wir für einen Roman nicht gebrauchen. Nein, unser Protagonist (nennen wir ihn Frank) will leben. Wenn Gesundheit und Überleben plötzlich die obersten Werte seiner persönlichen Wertehierarchie darstellen und danach erst mal ganz lange nichts kommt, wird er sowohl auf Ehrlichkeit als auch auf Sicherheit pfeifen, wenn es eine Entweder-Oder-Entscheidung ist. Er wird überlegen, wie er möglichst schnell zu so viel Geld kommen kann, dass er sich die experimentelle Behandlung für seine Krankheit leisten kann. Ein Banküberfall wäre eine riskante Kurzschlussreaktion, aber wenn Frank wie eben angedacht Buchhalter oder Programmierer in einer Bank ist, eröffnen sich ihm ganz andere Möglichkeiten, mit seiner neu erwachten kriminellen Energie rasch zu Geld zu kommen.

Im Gegensatz zu jemandem, der sich mit Betrug ein angenehmes Leben machen will und daher darauf achtet, dass ihm möglichst langfristig niemand auf die Schliche kommt, kann Frank auf Risiko gehen und den Aspekt ‚Sicherheit‘ vernachlässigen. Sobald er sich die lebensrettende Operation leisten konnte, ist es für ihn zweitrangig, ob er später geschnappt wird. Besser lebendig und gesund hinter Gittern als zwei Meter unter der Erde.

Oder vielleicht ist es die Frau oder die Tochter des Protagonisten, die unter einer lebensbedrohlichen Krankheit leidet und nur durch eine astronomisch teure Behandlung gerettet werden kann. Wenn Liebe und Familie für ihn ganz oben stehen, wird auch er in einer solchen Situation vermutlich Werte wie Ehrlichkeit und Sicherheit über Bord werfen, um die zu schützen und zu retten, die ihm alles bedeuten.

Werte bestimmen auch, was eine Person tun würde. Sie bestimmen, was ihre erste Wahl wäre, wozu sie sich überwinden könnte und was sie um keinen Preis der Welt tun würde. Das können Sie auf zweierlei Weise für Ihre Romanhandlung nutzen.

Zunächst einmal kann man sich das Duell zwischen Protagonist und Antagonist im zentralen Konflikt eines Romans ein wenig wie ein Tauziehen vorstellen, bei dem es vor und zurück geht. Jeder spielt abwechselnd seine Karten und Trümpfe aus, die er entweder durch seinen Charakter, seine Fähigkeiten oder seine Kontakte von vorneherein auf der Hand hat oder die er im Laufe der Handlung zugespielt bekommt, um mit einem Ruck in die richtige Richtung die Handlung zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen. Doch das Wertesystem des Protagonisten bestimmt, welche Karten er auszuspielen bereit ist.

Stellen Sie sich zwei Abenteurer vor, die beide auf der Suche nach einem Schatz sind. Es ist ein Wettlauf: wer den Schatz zuerst findet, hat gewonnen, der andere geht leer aus. Wenn unser Protagonist nun die Gelegenheit erhält, durch eine ‚kleine Falschaussage‘ seinem Gegner die Polizei auf den Hals zu hetzen und sich so einen Vorsprung zu sichern – würde er es tun? Was wäre, wenn er einen Flug mit einer alten klapprigen Maschine angeboten bekommt, die so aussieht, als ob sie nur noch durch Rost und Klebeband zusammengehalten würde? Und was, wenn es auch noch erforderlich wäre, mit dem Fallschirm über dem Amazonas-Dschungel abzuspringen? Dies alles sind Entscheidungen, die durch das Wertesystem des jeweiligen Protagonisten bestimmt werden.

Auch die Frage, was Ihr Protagonist niemals tun würde, ist von essentieller Bedeutung. Geben Sie sich hier nicht mit einem Punkt zufrieden, sondern finden Sie mindestens drei Dinge, die dermaßen gegen seine persönlichen Werte verstoßen, dass er sie niemals tun würde. Führen Sie ihn im Laufe der Handlung mehrfach in Versuchung, indem Sie ihm eine mögliche einfache Lösung für ein ganz konkretes, gravierendes Problem offerieren, für die er „nur“ gegen seine Werte verstoßen müsste.

Die Entscheidung Ihres Protagonisten angesichts einer solchen Versuchung zeigt Ihrem Leser, aus was für einem Holz Ihr Protagonist geschnitzt ist. Lassen Sie ihn widerstehen und den schwererern, aber mit seinen zentralen Werten konformen Weg gehen – aber nur bis kurz vor Schluss.

Wenn Ihr Protagonist es schafft, als „strahlender Held“, der bis zum Schluss seinen Werten und Normen treu bleibt und ohne einen dunklen Fleck auf seiner strahlend weißen Weste, das Ziel zu erreichen, haben Sie als Autor etwas falsch gemacht. Zwingen Sie Ihren Protagonisten stattdessen ganz zum Schluss, eine schwere Entscheidung zu treffen, die man nur als die Wahl zwischen zwei Übeln bezeichnen kann. Er kann siegen – doch dafür muss er ein persönliches Opfer bringen. Zwingen Sie Ihn, eine Grenze zu überschreiten, von der er sich geschworen hat, sie niemals zu überschreiten.

Nehmen wir als Beispielhandlung einen Technothriller, in dem der Protagonist ein Agent ist, der eine Bedrohung durch einen tödlichen Biokampfstoff beseitigen soll, der von Terroristen aus einem geheimen Forschungslabor gestohlen wurde – nennen wir ihn Jeff.

Machen wir aus ihm keinen 08/15-Action-Bond-Verschnitt, sondern sagen wir, dass Jeff niemals einen Menschen töten würde – außer vielleicht in absoluter Notwehr, wenn ein zu allem entschlossener Angreifer sein Leben oder das Anderer bedroht und auf andere Weise nicht gestoppt werden kann. Bringen Sie ihn im Laufe der Handlung mehrfach in Schwierigkeiten, weil er einen Gegner verschont hat, statt ihn endgültig auszuschalten. Erst ganz zum Schluss manövrieren Sie ihn in eine Situation, in der die Konsequenzen zu gravierend wären, wenn er seinem Grundsatz treu bleiben würde.

Diese finale und schwerste Entscheidung, zu der wir unseren Protagonisten zwingen, hat maßgeblichen Einfluss darauf, wie lange nach der letzten Seite die Handlung dem Leser noch in Erinnerung bleibt.

Sagen wir, dass Jeff im Laufe der Handlung die Wissenschaftlerin Elsa kennengelernt und sich während der Mission in sie verliebt hat. Bis kurz vor Schluss sieht alles so aus, als ob es ein Happy End für Jeff und Elsa geben würde: das Hauptquartier der Terroristen ist zerstört, ebenso ihr Labor mit dem tödlichen Biokampfstoff. Jeff und Elsa haben es lebend heraus geschafft – doch dann erkennt Jeff, dass Elsa sich durch eine kleine Verletzung mit dem Erreger infiziert hatte. Es ist nur noch eine Frage von Minuten, bis die Erkrankung ausbricht und Elsa mit jedem Hustenanfall tödliche Viren verbreitet, die innerhalb weniger Tage ganze Großstädte entvölkern könnten. Wenn Jeff die Seuche noch aufhalten will, muss er Elsa töten, bevor die Krankheit ausbricht, und ihren Körper mitsamt dem Erreger verbrennen. Es gibt kein Gegenmittel, kein Quarantänelabor, in das er Elsa noch rechtzeitig bringen könnte – nur noch die Entscheidung, die Frau zu töten, die er liebt, oder das Schicksal von Millionen Menschen zu besiegeln.

Egal, was man von einer solchen Romanhandlung hält – es ist definitiv ein Ende, das kein Leser so schnell vergisst und das nur durch das frühzeitig eingeführte Wertesystem des Protagonisten und die Grenze, die er niemals überschreiten will, so effektiv wird. Denken Sie sich dieselbe Handlung mit einem abgebrüht pragmatischen Protagonisten vom Schlag eines Jack Bauer aus „24“, der gewohnt ist, im Interesse „der guten Sache“ auch amoralisch, skrupellos und brutal zu handeln. Dasselbe Ende wäre nicht mehr dramatisch, sondern würde aufgesetzt und überflüssig wirken.

Überlegen Sie sich daher im Vorfeld nicht nur, was die wichtigsten Werte im Leben Ihres Protagonisten sind, sondern auch, was er niemals tun und welche Grenze(n) er niemals überschreiten würde. Allein das wird Ihren Protagonisten nicht nur zu einer abgerundeteren Persönlichkeit machen, sondern Ihnen auch ganz neue Optionen für eine spannende und dramatische Romanhandlung eröffnen.


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Der kompetente Protagonist: Superheld oder Alltagsheld?

Eine der wichtigsten Eigenschaften des Protagonisten ist, dass er kompetent ist – also besonders gut in einer ganz bestimmten Sache. Auch im wahren Leben lieben wir es, echten Könnern ihres Fachs bei der Arbeit zuzusehen – egal, ob es sich um Jongleure und andere Artisten, Maler wie Bob Ross, die innerhalb weniger Minuten beeindruckende Kunstwerke erschaffen, Meisterköche, Musiker oder um Zauberkünstler handelt.

Wir schätzen und honorieren Kompetenz, und darum ist es eine bewährte Taktik, den Protagonisten eines Romans in einer bestimmten Sache besonders kompetent zu machen. Die Frage ist nur, was für eine Art von Protagonist wir erschaffen wollen: einen ‚Superhelden‘ oder einen ‚Alltagshelden‘?

Wer bei ‚Superheld‘ direkt an diverse maskierte/kostümierte Comichelden denkt, die durch die Comics und deren Verfilmungen von Marvel und DC fliegen, schweben oder schwingen – keine Sorge: das ist nicht das, was ich mit einem ‚Superhelden‘ meine.

Ein ‚Superheld‘ ist nach meiner Definition jemand, der für die Lösung eines Problem prädestiniert ist und die passenden Fähigkeiten, Kenntnisse und Ausrüstungsgegenstände gleich mitbringt.

Ihm gegenüber steht als Kontrast der ‚Alltagsheld‘, der zwar ebenfalls kompetent ist – nur eben nicht in den Dingen, die man üblicherweise für die Lösung eines solchen Problems benötigen würde. Weiterlesen

KeepWriting – die virtuelle Schreibmaschine

Ich liebe gutes Arbeitswerkzeug. Das geht von Stiften, Blöcken und Notizbücher über PC-Hardware (ich kann beim Kauf eines Laptops Stunden damit verbringen, die Tastaturen unterschiedicher Modelle zu testen und zu vergleichen, bevor ich mich für ein Modell entscheide) bis hin zu Schreibprogrammen.

So bin ich kürzlich beim Stöbern im Internet wieder mal auf ein interessantes Schreibtool gestoßen, das ich mir direkt einmal näher ansehen musste: KeepWriting – eine Simulation einer klassischen Schreibmaschine am PC.

Gerade unter den Programmen für ablenkungsfreies Schreiben wie WriteMonkey gibt es einige, die einen „Schreibmaschinenmodus“ eingeführt haben. Üblicherweise versteht man darunter, dass im Schreibmaschinenmodus alle Editierfunktionen wie Löschen, Entfernen, alle Copy&Paste-Funktionen und natürlich auch das Überschreiben deaktiviert sind. Sämtliche anderen Funktionen des Schreibprogramms wie der automatische Zeilenumbruch, der ein angefangenes Wort, das nicht mehr komplett in die laufende Zeile passt, automatisch in die nächste Zeile verschiebt, funktionieren weiterhin wie gewohnt.

Doch KeepWriting geht einen anderen Weg und simuliert das Schreiben an einer klassischen Schreibmaschine mit all seinen Vor- und Nachteilen. Mit „klassisch“ meine ich wirklich wie zu Zeiten von Charles Dickens, lange vor der Erfindung des Korrekturbands oder auch nur der guten alten Tipp-Ex-Korrekturstreifen – jener kleinen weißen Blättchen, die man von Hand über dem zu löschenden Buchstaben positionieren und dann nochmal denselben Buchstaben mit Tipp-Ex drüber hämmern musste.

KeepWriting (das es übrigens nur für Windows gibt) können Sie als kleine ZIP-Datei von gerade mal 353 KB herunter laden – weniger als 10% der Größe eines durchschnittlichen MP3-Songs. Entpacken Sie die ZIP-Datei (die ohnehin nur das Programm selbst und eine ReadMe-Datei enthält) in ein beliebiges Verzeichnis, starten Sie die kw.exe und schon kann es los gehen!

Der richtige Zoomfaktor für den richtigen Bildschirm

Zunächst können Sie mit STRG und „BILD HOCH“/“BILD RUNTER“ den Zoomfaktor (also die Größe, in der die Seite am Bildschirm dargestellt wird) beliebig anpassen und mit dem Scrollbalken am unteren Rand die Seite mittig auf Ihrem Bildschirm ausrichten.

Wenn Sie KeepWriting auf einem großen 24″-Widescreen-Monitor verwenden, können Sie den Zoomfaktor so einstellen, dass drei komplette Seiten nebeneinander dargestellt werden. Dabei wird die Seite, auf der Sie momentan schreiben, stets zentriert in der Mitte des Bildschirms angezeigt.

KeepWriting

Wenn Sie auf einem kleineren Gerät wie einem Laptop oder gar einem Netbook arbeiten, können Sie den Zoomfaktor entsprechend größer einstellen – beispielsweise so, dass Sie Ihre aktuelle Seite fast in Bildschirmbreite sehen und so wie bei anderen Schreibprogrammen den kompletten Bildschirm zum Schreiben nutzen können.

Stapel und Seiten – eine Alternative zur klassischen Datei

KeepWriting organisiert die Manuskripte nicht in klassischen Dateien, sondern in „Stacks“, also in Stapeln von Blättern. Denn hier schreiben Sie wirklich Seite für Seite, und zwar mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Sie können den Cursor jederzeit an jede beliebige Position auf der Seite manövrieren, genau wie Sie früher bei einer Schreibmaschine mit der Walze und der Leertaste (beispielsweise beim Ausfüllen von Formularen mit der Schreibmaschine) mit etwas Übung sehr präzise jede beliebige Stelle auf dem Blatt ansteuern konnten.

Dieses Ansteuern einer bestimmten Position ist bei KeepWriting deutlich einfacher gelöst, da Sie nicht nur die Cursortasten verwenden können, sondern den Cursor auch einfach per Mausklick an die gewünschte Stelle setzen können.

Mit „Bild runter“ und „Bild hoch“ wechseln Sie zwischen den einzelnen Seiten Ihres Manuskripts hin und her. Blättern Sie dabei über die letzte Seite hinaus, wird automatisch eine neue leere Seite ans Manuskript angehängt.

Sie können auch Seiten aus Ihrem Manuskript entfernen (also löschen), aber Sie können keine Seiten nachträglich einfügen. Das liegt auch daran, dass KeepWriting intern jede Schreibmaschinenseite als eigene Datei behandelt.

Wenn Sie also einen Manuskript-Stapel „Mein Roman“ anlegen, legt KeepWriting einen Ordner namens „Mein Roman“ im Unterverzeichnis „stacks“ (also Stapel) an, der dann für jede Seite eine separate Textdatei enthält – also beispielsweise „2.txt“ für die zweite Seite.

Durch diesen pragmatischen Ansatz kann das Programm auch auf älteren Rechnern mit wenig RAM umfangreiche Manuskripte mit hunderten von Seiten in Sekundenbruchteilen öffnen, da immer nur die aktuellen Seiten geladen werden müssen.

Retro-Writing: Ausixen statt korrigieren und manueller Zeilenumbruch

Wie Sie beim Schreiben mit KeepWriting schnell feststellen werden, fehlen (logischerweise) die ganzen nützlichen Funktionen wie das Zentrieren von Überschriften und anderer „moderner Schnickschnack“ wie ein automatischer Zeilenumbruch.

Wenn Sie also beispielsweise eine Überschrift auf der Seite zentrieren wollen, müssen Sie diese wie früher durch mehrfaches Drücken der Leertaste einrücken und dabei abschätzen, an welcher Position Sie mit dem Tippen anfangen müssen, um Ihre Überschrift ungefähr zu zentrieren.

So richtig fällt einem auf, das man an einer virtuellen Schreibmaschine arbeitet, wenn man am Ende der Zeile ankommt. Es ist zwar nicht so, dass Sie wie bei einer mechanischen Schreibmaschine nicht eher weiter tippen können, bis Sie Return gedrückt haben (bei einer klassischen Schreibmaschine wäre das das TSCHING!, wenn man mit dem Hebel den Wagen zum Anfang der nächsten Zeile vorschiebt), doch das angefangene Wort bleibt unvollständig am rechten Bildschirmrand kleben.

Beim Schreiben muss man also stets im Auge behalten, ob das nächste Wort noch komplett in die aktuelle Zeile passt. Wenn nicht, sollte man rechtzeitig mit der RETURN-Taste in die nächste Zeile wechseln.

Beim Schreiben fällt einem auch schnell auf, dass es keine Rückwärts-Taste mehr zum Löschen des bzw. der letzten Buchstaben gibt. Diese Taste funktioniert wie „Cursor links“ und positioniert den Cursor nur über dem bereits geschriebenen Buchstaben, ohne ihn zu löschen. Denn bei KeepWriting kann man Buchstaben nur „übertippen“ und dadurch unlesbar machen. Wie bei einer echten Schreibmaschine überlagert der neu getippte Buchstabe den zuvor geschriebenen und macht ihn unlesbar – aber er bleibt als hässlicher schwarzer Klumpen auf der Seite stehen.

Beim späteren Export des Textes ins reine Textformat wird jeweils nur der letzte Buchstabe exportiert, den Sie an eine bestimmte Position der Seite geschrieben haben. Ich würde daher empfehlen, zum Überschreiben von Tippfehlern das # zu verwenden: So können Sie später im exportierten Text alle # per Suchen/Ersetzen ersatzlos löschen und so sämtliche überschriebenen Passagen auf einen Schlag bereinigen.

Ein nettes und zeitgemäßes Feature von KeepWriting ist der Live-Wordcount am unteren Bildschirmrand, durch den Sie jederzeit im Blick haben, wie lang Ihr aktuelles Manuskript bereits ist.

Export fertiger Manuskripte

Fertig geschriebene Manuskripte bzw. „Stapel“ können Sie mit F5 jederzeit ins HTML- und ins Text-Format exportieren.

Beim Bearbeiten dieser exportierten Texte werden Sie merken, dass Sie am Ende jeder Zeile des ursprünglichen Manuskripts wie bei einer klassischen Schreibmaschine einen festen Zeilenumbruch haben, den Sie beim Überarbeiten von Hand entfernen müssen. Das ist zwar etwas lästig, aber durchaus zu verschmerzen.

KeepWriting in der Praxis

Das Schreiben mit KeepWriting ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Das Anlegen neuer Dokumente/Stapel funktioniert über die Funktion „Öffnen“ mit STRG+O: Gibt man hier den Namen eines bereits vorhandenen Manuskripts/Stapels an, wird dieses geöffnet; ist das Manuskript noch nicht vorhanden, wird es unter diesem Namen neu angelegt.

Beim Schreiben dürfte man in den ersten Stunden ziemlich häufig fluchen, da man instinktiv gewohnt ist, Tippfehler direkt korrigieren zu können und auch „on the fly“ Passagen umzuformulieren und abzuändern. All das geht mit KeepWriting nicht – aber das ist gerade die Stärke dieses Programms. Gerade zu Beginn wird man sehr häufig Tippfehler und ganze Textpassagen ausixen, bis die Seiten schließlich aussehen wie Kraut und Rüben.

Doch je länger man mit KeepWriting arbeitet, desto mehr merkt man, wie sich dadurch die eigene Arbeitsweise ändert – und zwar zum Besseren.

Zunächst einmal lernt man, seinen inneren Korrektor ruhigzustellen. Gerade wenn man gewohnt ist, ansonsten mit einer Office-Textverarbeitung wie Microsoft Word zu arbeiten, die selbst die Rohfassung eines Manuskripts direkt im sauber formatierten Buch-Layout anzeigt, passiert es einem schnell, dass man das Schreiben der Rohfassung und deren Überarbeitung gedanklich miteinander vermischt. Ein großer Fehler, der sich aber in der Praxis schnell einschleicht, da es ja so einfach ist, Tippfehler oder unsaubere Formulierungen, die einem bereits während des Schreibens ins Auge springen, direkt zu korrigieren.

KeepWriting zwingt einen dazu, die Rohfassung als solche zu akzeptieren. Man kann zwar Tippfehler und ganze Passagen ausixen und neu schreiben, doch das Blatt sieht dann aus wie Kraut und Rüben. Mit KeepWriting sieht Ihr Manuskript wesentlich sauberer aus, wenn Sie gar nicht erst versuchen, Fehler schon während des Schreibens der Rohfassung zu korrigieren, sondern sich dies ganz bewusst für die spätere Überarbeitung aufheben. Diese Ruhe und Gelassenheit, die man durch die Arbeit mit KeepWriting entwickelt, ist allein schon Gold wert.

Der zweite Effekt ist, dass man bereits nach kurzer Zeit ganz automatisch damit beginnt, seine Sätze gedanklich vorzuformulieren, bevor man sie in die Maschine tippt. Man kann eben nicht einen angefangenen Satz einfach nochmal löschen und neu beginnen, wenn man erst beim Schreiben merkt, dass man sich gedanklich verzettelt hat.

Dieses gedankliche Vorformulieren bremst einen während der ersten Stunden etwas aus – aber nur, weil es ungewohnt ist. Schon nach den ersten Stunden mit KeepWriting merkt man, dass der eigene „innere Erzähler“ und die Finger, die alles in die Maschine hämmern, sich langsam aber sicher auf einen gemeinsamen Rhythmus einspielen. Während man mechanisch noch den letzten Satz in die Tasten hämmert, arbeitet der „innere Erzähler“ bereits am nächsten Satz, so dass man ohne große Verzögerungen weiter schreiben kann.

Das muss ein ähnliches Schreibgefühl sein wie das der früheren Groschenroman-Autoren, die Anfang des 20. Jahrhunderts oft innerhalb weniger Tage die Rohfassung eines neuen Groschenromans in ihre mechanischen Schreibmaschinen hämmerten und nur deshalb von der mageren Bezahlung nach Wörtern leben konnten, weil sie immer nur eine Rohfassung schrieben, die dann bereits vom Verlag ohne größere Änderungen übernommen und gedruckt wurde.

Auch mit KeepWriting merkt man, dass sich die Qualität der Rohfassung durch den Zwang zum gedanklichen Vorformulieren innerhalb weniger Wochen deutlich verbessert, ohne dass man dabei wesentlich langsamer würde. Dieses scheinbare Paradoxon resultiert daraus, dass man die Zeit für die „schnellen Korrekturen“ einspart, die einen mit einer normalen Textverarbeitung bisher immer wieder aus dem Schreibfluss gerissen haben.

Schreibmaschinengeräusche gefällig?

Der einzige Punkt, der mir persönlich noch bei KeepWriting fehlt, sind zuschaltbare Schreibmaschinen-Geräusche – ähnlich wie es das bei WriteMonkey, Patchwork und Q10 gibt.

Doch wer so ein Feature gerne nachrüsten möchte, kann immer noch zum kostenlosen Programm Qwertick (http://www.nattyware.com/qwertick.php) greifen, das ebenfalls portabel ist und auf Wunsch direkt vom USB-Stick läuft.

Wenn man zum Schreiben ohnehin schon eine mechanische Tastatur verwendet, braucht man natürlich keine zusätzlichen Schreibmaschinengeräusche. Es geht doch nichts über das angenehme Klicken der blauen Mikroschalter einer guten mechanischen Tastatur. ;-)

Fazit

Als ich KeepWriting mehr oder weniger durch Zufall entdeckt hatte, habe ich es mehr aus Neugier ausprobiert, als um es wirklich zum Schreiben zu benutzen. Doch trotz (oder gerade wegen?) der pragmatischen und minimalistischen Funktionalität des Programms hat sich meine Meinung während des Tests gründlich geändert.

Ich kann mir durchaus vorstellen, KeepWriting auch in Zukunft zum Schreiben mancher Rohfassungen zu verwenden. Probieren Sie es einfach selbst einmal aus. Vielleicht stellen ja auch Sie fest, dass der Verzicht auf moderne Korrekturmöglichkeiten für mehr Ruhe und Gelassenheit und zugleich für ein fokussierteres, qualitativ besseres Schreiben sorgt.

Wenn Sie neugierig geworden sind, finden Sie KeepWriting unter http://keepwriting.boxjar.com. Viel Spaß beim Ausprobieren!


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Schreibziele: Warum „Was“ wesentlich wichtiger ist als „Wie“

Die meisten Menschen sind sich darüber einig, dass es wichtig ist, Ziele zu setzen – jedenfalls, wenn man etwas ändern oder erreichen möchte. Schließlich ist es mit dem Erreichen von Zielen ähnlich wie mit dem Bogenschießen: man kann kein Ziel treffen, das man nicht sehen kann.

Auch beim Schreiben sind Ziele wichtig. Ziele sagen uns, was wir erreichen wollen, und sorgen dafür, dass wir diese Ziele in der Hektik und dem Stress des Alltags nicht aus den Augen verlieren.

Doch viele Schriftsteller begehen beim Setzen Ihrer Schreibziele einen entscheidenden Fehler – und das, obwohl sie glauben, es gerade damit besonders gut zu machen. Dieser sehr verbreitete Fehler besteht darin, sich zu sehr auf das „Wie“ zu konzentrieren, statt den Fokus auf dem wesentlich wichtigeren „Was“ zu belassen.

Ein „Was“-Ziel gibt an, was ich erreichen möchte – beispielsweise: „Ich will innerhalb der nächsten 12 Monate einen kompletten Roman schreiben, überarbeiten und veröffentlichen.“

Solange man bei diesem Ziel davon ausgeht, dass man seinen Roman als Selfpublisher veröffentlichen wird, ist das ein durchaus machbares Ziel. Um ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen, sind wir nicht auf die Hilfe oder Zustimmung anderer angewiesen. Ob wir ein solches Ziel erreichen, liegt also voll und ganz in unserer Macht.

Natürlich muss man ein solches Ziel planen, um die Erfolgschancen möglichst weit zu erhöhen. Wenn ich innerhalb eines Jahres einen kompletten Roman planen, schreiben und überarbeiten will, brauche ich einen soliden Plan. Um zu prüfen, ob das Ziel realistisch ist, muss ich den ungefähren Zeitaufwand ermitteln und diese Summe mit den Stunden vergleichen, die mir (ebenso realistisch betrachtet) pro Woche zur Verfügung stehen. Wenn ich also 500 Stunden für die Entstehung des Romans rechne und im Schnitt zehn Stunden pro Woche für die Arbeit an diesem Roman einplanen kann, bin ich in dieser Beziehung schon mal auf der sicheren Seite.

Doch hier ist man schon gefährlich nah an dem Punkt, an dem man vom „Was“-Ziel zum „Wie“-Ziel übergeht. Es mag auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen, wenn man das große Ziel „Ich will innerhalb der nächsten 12 Monate einen kompletten Roman schreiben, überarbeiten und veröffentlichen“ in ein kleines, überschaubares Wochenziel wie „Ich werde jede Woche zehn Stunden an meinem Roman arbeiten, um ihn innerhalb der nächsten 12 Monate fertigzustellen“ herunterbricht. Oder womöglich gar: „Ich werde jede Woche von Montag bis Freitag morgens von 4:30 – 5:30 Uhr und an den Wochenenden von 6:00 – 8:30 Uhr an meinem Roman arbeiten, um ihn innerhalb der nächsten 12 Monate fertigzustellen.“

Ein solches „Wie“-Ziel, das neben dem eigentlichen Ziel auch den exakten Weg zur Erreichung dieses Ziels beinhaltet, erscheint einem auf den ersten Blick weitaus besser. Doch in der Praxis limitieren wir uns damit nur selbst, legen uns viel zu eng geschnürte geistige Scheuklappen an und legen zugleich den Grundstein für Frustration, Schreibblockaden und ein mittelfristiges Scheitern.

Straff formulierte „Wie“-Ziele haben in der Praxis gleich drei Nachteile:

1. „Wie“-Ziele fördern den inneren Widerstand. Als Schriftsteller sind wir kreativ und wollen keine rigiden Vorgaben erfüllen. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich verwende für meine Notizen nicht einmal liniertes oder gar kariertes Papier, weil ich das Gefühl habe, dass sie mich in meiner Kreativität einengen. Ich verwende lieber die deutlich teureren Oxford-Collegeblöcke mit ihrem dicken, rein weißen Papier, auf dem sich die Ideen auch mal in die unterschiedlichsten Richtungen ausbreiten können.

Wenn ich präzise Vorgaben habe, wie ich ein Ziel erreichen soll, verliere ich mit fast hundertprozentiger Sicherheit relativ bald den Spaß daran. Es ist wie im Büro: Auch hier haben die meisten Vorgesetzten mittlerweile erkannt, dass es viel effektiver und für die Mitarbeiter wesentlich motivierender ist, wenn man ihnen nicht als Micromanager jeden Schritt vorgibt, sondern lediglich Zielvorgaben gibt und dem Mitarbeiter (innerhalb eines gewissen Rahmens, der durch Richtlinien abgegrenzt wird) die Freiheit lässt, auf welche Weise er das gesetzte Ziel erreichen will.

2. „Wie“-Ziele machen es leichter, zu scheitern. Wenn ich morgens verschlafe oder aus anderen Gründen nicht dazu komme, wie geplant von 4:30 – 5:30 Uhr an meinem Roman zu arbeiten, bin ich in dieser Hinsicht gescheitert – selbst wenn ich die versäumte Stunde später am Tag nachhole. Oder vielleicht komme ich an diesem Tag gar nicht mehr dazu, die Stunde nachzuholen, habe aber während der Fahrt ins Büro eine so tolle Idee für meine Romanhandlung, dass mich das unterm Strich wesentlich besser voran bringt, als wenn ich morgens wie geplant eine Stunde lang am Schreibtisch gesessen hätte.

Jedes kleine Scheitern und jede kleine Niederlage untergräbt unser Selbstbewusstsein und unsere Motivation und treibt damit einen weiteren Nagel in den Sarg des Schreibprojekts. Wenn wir das Gefühl haben, zu oft gescheitert zu sein, neigen wir dazu, das ganze Ziel aufzugeben und zu begraben. Das muss nicht sein – aber dazu gleich mehr…

3. „Wie“-Ziele machen uns blind für andere Chancen und Möglichkeiten. Wenn wir gemäß unserem „Wie“-Ziel morgens eine Stunde am PC gesessen und an der Handlung unseres Romans gearbeitet haben, haben wir das Gefühl, diese Aufgabe für den heutigen Tag abhaken zu können (unabhängig davon, wie gut oder wie schlecht wir innerhalb dieser Stunde voran gekommen sind).

Dabei kann es durchaus sein, dass sich uns im Laufe des Tages noch mehrere gute Gelegenheiten bieten, die wir dazu nutzen könnten, an unserem Roman zu arbeiten. Doch der Fokus auf dem „Wie“ macht uns für diese Gelegenheiten oft blind – und selbst wenn wir sie erkennen, haben wir vielleicht das Gefühl, sie nicht nutzen zu müssen, da wir durch unsere morgendliche Arbeit ja schon im Plan liegen. Eine gefährliche Fehleinschätzung.

Arbeiten Sie stattdessen lieber mit „Was“-Zielen und einer „CanDo-Liste“ statt einer klassischen „ToDo-Liste“.

Da das große „Was“-Ziel „Ich will innerhalb der nächsten 12 Monate einen kompletten Roman schreiben, überarbeiten und veröffentlichen“ zu unhandlich ist, um damit in der Praxis zu arbeiten, wird man dieses ohnehin (je nachdem, in welcher Phase der Entstehung des Romans man sich gerade befindet) durch ein kleineres Meilenstein-Ziel ersetzen. Wobei wir natürlich darauf achten, auch dieses Ziel als offene „Was“-Vorgabe zu formulieren.

Ein solches Meilenstein-Ziel könnte sein: „Ich werde bis Ende nächsten Monats die Planung meines Romans so weit abgeschlossen haben, dass ich mit dem Schreiben der Rohfassung beginnen kann.“

Daraus ergibt sich dann das Tagesziel „Ich werde heute an der Handlung meines Romans arbeiten“.

Das klingt vielleicht zu unpräzise, um wirklich effektiv damit arbeiten zu kommen, doch da kommt die bereits erwähnte „CanDo-Liste“ ins Spiel. Eine solche Liste gibt uns im Gegensatz zu einer klassischen „ToDo-Liste“ nicht vor, was wir machen MÜSSEN, sondern zeigt uns sinnvolle Möglichkeiten auf, was wir machen KÖNNTEN.

Ich verwende für meine „CanDo-Liste“ gerne linierte Karteikarten im Format A6. Frei nach David Allens „Getting Things Done“ schreibe ich mir die „beweglichen Teile“ meines laufenden Projekts heraus und lege für jedes dieser „beweglichen Teile“ eine eigene Karteikarte an.

Das klingt zugegebenermaßen etwas theoretisch, ist in der Praxis aber ganz einfach. Für das Beispiel-Ziel „Ich werde bis Ende nächsten Monats die Planung meines Romans so weit abgeschlossen haben, dass ich mit dem Schreiben der Rohfassung beginnen kann“ gibt es verschiedene „bewegliche Teile“, die nicht in einer festen Reihenfolge in Angriff genommen werden müssen, sondern zwischen denen ich ganz nach Lust und Laune hin und her wechseln kann:

  • Struktur der Handlung (also alles von der klassischen 3-Akt-Struktur bis hin zu detaillierten Notizen zu einzelnen Szenen).
  • Charaktere (Vorgeschichte, Ziele und Konflikte, Charakterfiles, Beziehungen zu anderen Romanfiguren…)
  • Setting und Worldbuilding (Karten zeichnen, Recherche, Story-Wiki aufbauen, Kulturen und Organisationen entwickeln, Sprache und Schrift…)

Jedes dieser „beweglichen Teile“ bekommt seine eigene Karteikarte. In die oberste Ziele schreibe ich mit Fineliner oder Kugelschreiber (da sich hieran nichts mehr ändert) die Bezeichnung der Teilaufgabe (also z.B. „Setting und Worldbuilding“). In die Zeilen darunter notiere ich mit Bleistift die einzelnen Aufgaben, offenen Fragen et cetera. Hierfür verwende ich einen Bleistift, da ich erledigte Aufgaben einfach ausradiere und damit auf der Karteikarte Platz für neue Ideen / Ansatzpunkte schaffe. Meist lasse ich links einen freien Rand von ungefähr einem Zentimeter. Diesen Platz nutze ich, um mit einem kleinen Bleistiftkreuz maximal drei „Favoriten“ pro Karte zu markieren – die Aufgaben, die mich momentan am besten voran bringen würden oder die mich schlicht und einfach momentan besonders reizen.

Diese Karteikarten habe ich immer in der Jackentasche dabei und ich nutze tagsüber jede passende Gelegenheit, um die Karten durchzusehen, neue Ideen zu notieren oder an einzelnen Aufgaben von der Liste zu arbeiten.

Natürlich habe ich trotz dieses flexiblen Ansatzes weiterhin meine festen Projektzeiten. Ich versuche, nach Möglichkeit jeden Morgen von 4:30 bis 5:30 Uhr am PC zu sitzen, um dort an meinem aktuellen Projekt zu arbeiten. Was genau ich in dieser Zeit mache, picke ich mir meist schon am Vorabend aus meinen „CanDo-Karteikarten“ heraus und markiere meine Favoriten.

Aber wenn mir morgens etwas dazwischen kommt und ich statt einer Stunde vielleicht nur 30 Minuten zum Schreiben komme, ist das nicht tragisch. Schließlich habe ich kein „Wie“-Ziel, sondern ein „Was“-Ziel: Mein Ziel ist nicht, morgens 60 Minuten am PC zu sitzen, sondern, mit der Planung meines Romans voran zu kommen. Und dafür werden sich bis abends noch genügend andere (und vielleicht sogar bessere) Gelegenheiten ergeben.

Probieren Sie es ruhig selbst einmal aus. Nicht nur, dass dieser Ansatz wesentlich stressfreier ist – oft werden Sie sogar überrascht feststellen, dass Sie mit dieser offenen Zielsetzung weitaus besser als zuvor mit Ihren Schreibprojekten voran kommen.


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