Verlassen Sie sich niemals auf Ihre Inspiration

Ich unterhalte mich sehr gerne mit anderen Schriftstellern über ihre Arbeitstechniken und unterschiedlichen Ansätze. Viele Wege führen nach Rom: Manche planen akribisch, andere schreiben einfach drauflos; manche schreiben nicht am Computer, sondern lieber von Hand oder diktieren sogar ihre Texte; manche brauchen zum Arbeiten die Stille ihres Arbeitszimmers, während andere sich in der lebhaften Atmosphäre eines Cafés am kreativsten fühlen. Alles bestens, solange es für einen selbst funktioniert. Aber immer wieder kann ich mich nur wundern, wenn bei einem Autorenstammtisch o.ä. ein Schriftsteller erzählt, dass er sich beim Schreiben auf seine Inspiration (oder auch „auf seine Muse“) verlässt.

Diese Schriftsteller teilen meist mehrere Charakteristika:

  • Sie schreiben nach eigener Aussage nur, wenn sie sich inspiriert fühlen.
  • Sie leiden häufig unter Schreibblockaden.
  • Sie haben selten mehr als ein Buch veröffentlicht. Die meisten gar keines. Sie werkeln seit Jahren an ihrem einen Magnus Opus und warten immer noch auf die göttliche Inspiration, die die Worte durch ihre Finger aufs Papier bzw. auf den Bildschirm fließen lässt. Darum lieben sie Filme wie „Shadows in the Sun“, in denen der geniale Schriftsteller sein ebenso geniales Manuskript innerhalb kürzester Zeit im kreativen Fieberrausch in seine alte Schreibmaschine hämmert, nachdem endlich bei ihm der gordische Knoten der Schreibblockade geplatzt ist.

Entschuldigung, wenn ich hier vielleicht ein wenig sarkastisch klinge, aber für mich passt das alles zusammen.

Nichts gegen Inspiration – eine feine Sache, genau wie Rückenwind beim Fahrradfahren. Doch man darf sich niemals darauf verlassen. Man muss auch dann ans Ziel kommen, wenn einem der Wind kalt und rauh entgegen bläst, statt einen anzuschieben.

Über Inspiration und ihre Rolle im Leben eines Schriftstellers gibt es genügend gute Zitate, von Jack London („Du kannst nicht auf Inspiration warten. Du musst sie mit einem Knüppel jagen.“) bis hin zu Peter De Vries („Ich schreibe, wenn ich inspiriert bin und ich achte darauf, dass das jeden Morgen um 9:00 Uhr passiert.“).

Für mich hat Inspiration Ähnlichkeit mit einem guten Bluff beim Poker: Es macht einen diebischen Spaß, wenn man es schafft, mit einem Paar Buben jemanden zum Aussteigen zu bewegen, der ein Full House hat. Doch allein mit Bluffen und einem guten Pokerface kommt man auf Dauer nicht weit, sondern wird eher früher als später gnadenlos untergehen. Zum Pokern gehören auch eine gute Strategie und logisches Denken – genau wie zum Schreiben.

Mit der Inspiration verhält es sich ähnlich: Manchmal kommt einem scheinbar aus dem Nichts eine ganz tolle Idee für eine Geschichte, die einen nicht mehr loslässt und die einem ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Doch wenn man regelmäßig und kontinuierlich schreiben will, kann man sich nicht auf diese zufälligen Eingebungen verlassen, sondern muss lernen, auch ohne Inspiration mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks bei Bedarf eine neue Idee nach der anderen zu generieren.

Diese ‚fabrizierten‘ Ideen erscheinen einem selbst oft nicht so brillant wie die, die einem unerwartet aus dem Nichts kommen, aber das muss nicht stimmen. Auch dem Koch schmeckt sein eigenes Essen oft nicht so gut wie seinen Gästen und kein Zauberkünstler kann über seine eigenen, hundertfach einstudierten Tricks ebenso staunen wie das überraschte Publikum. Der Koch weiß, durch welche Gewürze und Zubereitungsschritte der Geschmack zustande kommt, den seine Gäste sich genüsslich auf der Zunge zergehen lassen, genau wie der Zauberkünstler nur zu genau weiß, woher das Kaninchen im Zylinder wirklich kommt und mit welchen Spiegeltricks er das Auto vor den Augen seines Publikums verschwinden lassen konnte.

Unsere ‚fabrizierten‘ Ideen haben für uns selbst nicht denselben Zauber wie jene, die uns die Inspiration oder die Muse eingegeben haben. Wir sehen das Räderwerk in ihrem Inneren und wissen, woraus sie bestehen und wie wir sie zum Laufen gebracht haben. Doch unsere Leser wissen es nicht, und für sie spielt es auch keine Rolle.

Der andere Punkt ist, dass Inspiration niemals ausreicht, um aus einer Idee einen kompletten Roman zu machen. Vielleicht eine Kurzgeschichte – das kann klappen. Die Idee zu „Spiegelschatten“ hatte ich auf einer nächtlichen Autofahrt und konnte zuhause nicht eher Ruhe finden, bevor ich nicht die komplette Geschichte zu Papier gebracht hatte. Doch ein Roman ist etwas völlig Anderes.

Wenn wir uns bei einem Mammutwerk wie einem ganzen Roman ausschließlich auf die gelegentlichen Blitzeinschläge der Inspiration verlassen, sind Schreibblockaden (im Klartext: „das Fehlen von Inspiration“) vorprogrammiert und das Romanprojekt mutiert zur Lebensaufgabe.

Die ursprüngliche Idee, die uns vielleicht die Inspiration eingegeben hat, ist oft nicht mehr als das Samenkorn, aus dem sich die Geschichte entwickelt. Manchmal entpuppt sie sich auch als das Herz der Geschichte, doch genau wie ein menschlicher Körper aus weitaus mehr als einem Herz besteht, braucht auch ein spannender, lesenswerter Roman weit mehr als nur eine brillante zentrale Idee.

Bewahren Sie die inspirierenden Ideen, die Ihnen Ihre Phantasie scheinbar aus dem Nichts eingibt, und lernen Sie, diese als zentrales Element in ein viel größeres Ganzes einzubetten, das Sie wie ein Architekt oder Ingenieur um Ihre ursprüngliche Idee herum konstruieren. Im großen Mosaik Ihres Romans kann das eine rote Juwel, das Ihre Inspiration Ihnen geschenkt hat, zum Auge des Drachen werden, der das Gesamtkunstwerk dominiert.

Abgesehen davon, dass Sie die Ideen, die Ihnen die Inspiration oder die Muse einflüstert, gut aufbewahren, hegen, pflegen und wachsen lassen, sollten Sie sich allerdings von der Inspiration lossagen, statt sich von ihr abhängig zu machen.

Trainieren Sie, jeden Tag zu schreiben, ob Sie sich nun „inspiriert“ fühlen oder nicht. Glauben Sie mir: im Nachhinein wird es sogar Ihnen selbst schwer fallen, bei der Überarbeitung die Passagen, die Sie an ‚uninspirierten Tagen‘ geschrieben haben, von denen zu unterscheiden, die Sie ‚inspiriert‘ zu Papier gebracht haben.

Doch das Erstaunlichste ist: Sobald Sie gelernt haben, auch ohne Inspiration genauso produktiv und kreativ zu schreiben, werden Sie merken, dass die Anzahl der tollen, ‚inspirierten‘ Ideen, die Ihnen Ihr Unterbewusstsein eingibt, ständig ansteigt.

Es ist überall im Leben das Gleiche: Wenn man arbeitslos ist, gibt einem niemand einen Job – doch wenn man sich aus einer ungekündigten Stellung heraus bewirbt, erscheint man den Firmen gleich viel interessanter. Ist man Langzeitsingle, ist man für das andere Geschlecht so gut wie unsichtbar – doch befindet man sich in einer festen Beziehung, erscheint man manchen dadurch erst richtig attraktiv. Genauso ist es mit der Inspiration: Bettelt man verzweifelt um Ideen, um seine Schreibblockade zu besiegen, lässt die Muse einen eiskalt am langen Arm verhungern. Doch wenn sie sieht, dass man auch ohne sie fröhlich und produktiv weiter schreibt, springt sie wie ein vernachlässigter Welpe um einen herum und versucht, mit Kunststückchen und tollen Ideen unsere Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen. ;-)

Die unerwartete Flut an ‚inspirierten‘ Ideen, wenn man sie eigentlich gar nicht mehr braucht, kann natürlich auch damit zu tun haben, dass man sich ja bereits angewöhnt hat, tagtäglich als Rohmaterial fürs eigene Schreiben mittels Kreativitätstechniken neue Ideen zu fabrizieren.

Und genau wie Kinder aus lose herumliegenden Legosteinen die phantasievollsten Gebilde bauen, hat auch unser Unterbewusstsein mit den Resten unserer ‚Ideenproduktion‘, die wir bisher nicht verwenden konnten, genügend Rohmaterial, das es miteinander kombinieren kann, um uns mit den daraus entstandenen Ergebnissen zu verblüffen.

Und das Schöne ist: diese Ideen können Sie mit der beruhigenden Gewissheit verwenden, dass Sie niemals darauf angewiesen sein werden, auf ‚inspirierten‘ Ideen-Nachschub zu warten.


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Denken Sie schriftlich

Einer der besten Tipps, den ich jedem Schriftsteller ans Herz legen kann, ist dieser: Gewöhnen Sie sich an, schriftlich zu denken.

Schriftlich denken? Ganz genau. Es ist zweitrangig, ob Sie lieber handschriftlich (und insofern automatisch etwas bedächtiger) arbeiten oder doch lieber die Finger über die PC-Tastatur fliegen lassen. Wichtig ist nur, dass Sie sich angewöhnen, nicht mehr nur über ein Thema nachzudenken, sondern Ihre Gedanken, Ideen und Erkenntnisse gleichzeitig schriftlich festzuhalten.

Es geht dabei keinesfalls darum, jeden Gedanken druckreif auszuformulieren, bevor man ihn zu Papier bzw. auf den Bildschirm bringt, sondern einfach nur, nichts verloren gehen zu lassen.

Zum Thema „schriftlich denken“ gibt es zwei ausgezeichnete Zitate, die die Vorteile und den Nutzen dieser Technik auf den Punkt bringen:

  • „Ohne zu schreiben, kann man nicht denken; jedenfalls nicht in anspruchsvoller, anschlussfähiger Weise.“ Niklas Luhmann (deutscher Soziologe und Schriftsteller)
  • „Docendo disco, scribendo cogito“ (lateinisches Sprichwort, übersetzt: „Ich lerne, indem ich lehre, und denke, indem ich schreibe.“)

Außer dem unschätzbaren Vorteil, dass einem auf diese Weise kein potentiell wichtiger Gedanke mehr verloren geht, sondern man im Nachhinein immer noch einmal das Protokoll seiner Denkprozesse und Ideen durchgehen und wichtige Ansatzpunkte herausziehen kann, ist das „schriftliche Denken“ übrigens auch ein ausgezeichnetes Mittel gegen Schreibblockaden und falschen Perfektionismus.

In unserem Wortschatz kennen wir zwar die von Schriftstellern gefürchtete Schreibblockade, aber (außer vielleicht in scherzhaftem Zusammenhang) weder eine Denkblockade noch eine Redeblockade. Wir denken den ganzen Tag über dies, das oder jenes nach und reden mit Freunden, Familie und Kollegen über alles, was uns gerade so durch den Kopf geht, ohne dabei großartig über Form und hochgestochene Formulierungen nachzudenken.

Genauso sollte man beim „schriftlichen Denken“ vorgehen: Schreiben Sie einfach ungefiltert alles mit, was Ihnen bei der Planung einer Kurzgeschichte, eines Artikels oder einer Romanhandlung durch den Kopf geht. Ungefiltert und ganz bewusst unperfekt. Was Sie hier aufschreiben, muss außer Ihnen selbst nie irgend ein Mensch zu Gesicht bekommen. Es ist lediglich Rohmaterial, bei dessen späterer Durchsicht Sie allerdings häufig mehr als nur eine einzelne Perle entdecken werden, die Ihnen zwischen den Fingern hindurch gerutscht wäre, wenn Sie nicht alles im selben Augenblick aufgeschrieben hätte.

Natürlich erfordert es ein wenig Übung, den inneren Kritiker in seine Schranken zu verweisen und einfach „mitzuschreiben“, was Ihnen beim Nachdenken über ein bestimmtes Thema durch den Kopf geht. Doch wenn Ihr ‚innerer Kritiker‘ erst einmal merkt, dass dies wirklich nichts anderes als Notizen sind, die gar nicht den Anspruch haben, später in irgendeinem Zusammenhang veröffentlicht zu werden, wird er Sie schließlich in Ruhe lassen.

Das „Schriftliche Denken“ können Sie für jedes Schreibprojekt einsetzen: ob Sie sich nun über die Motivation einer bestimmten Romanfigur, ihre Vergangenheit oder ihre Pläne Gedanken machen oder eine bestimmte Szene in Ihrem „Kopfkino“ durchspielen – gewöhnen Sie sich an, alles mitzuschreiben.

Diese „Mitschrift“ Ihrer Gedanken können Sie (auch wenn Sie das natürlich nicht müssen) anschließend ausdrucken und mit Textmarker oder farbigen Finelinern die wichtigsten Gedanken, Punkte und Anregungen markieren, die Sie weiter verfolgen wollen.

Das „schriftliche Denken“ ist natürlich keinesfalls auf Schreibprojekte beschränkt. Auch wenn Sie sich Gedanken machen, was für ein Auto oder Smartphone Sie sich kaufen sollten oder was Sie im kommenden Sommerurlaub unternehmen wollen – eine Mitschrift Ihrer Gedanken hilft Ihnen mehr als alles andere, Klarheit zu gewinnen und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Probieren Sie es einfach einmal aus. Ich bin sicher, dass Sie schon bald nicht mehr darauf verzichten möchten.


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Schreiben als Weg zu passivem Einkommen?

Wenn man die Einnahmen, die man als Autor aus dem Schreiben von Büchern erhält, auf die investierten Arbeitsstunden umlegt, ist das Ergebnis in den meisten Fällen recht ernüchternd – besonders für Autoren, die erst wenige Bücher geschrieben haben und noch keine „alten“ Bücher in der Hinterhand haben, die in einem gewissen Rahmen weiterhin Einnahmen erzielen und so die Bilanz ein wenig zu ihren Gunsten verändern.

Mal im Ernst: Für einen durchschnittlichen Roman von 300-400 Seiten muss man im Schnitt von der ersten Idee bis zum fertigen, veröffentlichungsreifen Manuskript mindestens 400-600 Stunden Arbeit rechnen. Und das ist noch eine recht optimistische Schätzung – je nach Buch kann der Aufwand in Stunden durchaus auch mal im vierstelligen Bereich landen.

Doch selbst mit „nur“ 500 Stunden reden wir von einer üppigen Zeitinvestition. Selbst wenn man diese Stunden nur mit dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 € multipliziert, kommt man auf über 4.000 €, die ein solcher Roman einbringen müsste, um den Autor für seine Arbeit zu entlohnen. Vergleicht man das mit den realen Tantiemen, die im Laufe der ersten Monaten nach und nach eintrudeln, ist einem meist nicht gerade zum Jubeln zumute.

Doch in der Praxis tut man sich mit einer solchen Betrachtungsweise keinen Gefallen – schließlich will man sich ja nicht mit Gewalt demotivieren. Besser ist, das Schreiben von Büchern als „Zeitinvestition“ zu betrachen, ähnlich wie man Geld auf die hohe Kante legt, um dafür später von der Bank Zinsen zu erhalten. Wobei das mit den Zinsen für reales Geld in letzter Zeit ja alles andere als rosig aussieht: Nicht nur, dass man so gut wie keine Zinsen für sein Guthaben mehr bekommt, Firmen müssen teils sogar „Strafzinsen“ zahlen, wenn sie ihr Geld auf der Bank liegen lassen. Verkehrte Welt…

Im Gegensatz zu Geld kann man Zeit normalerweise nicht ansparen – jedenfalls nicht in der Form, dass man sein Guthaben irgendwann einmal abheben könnte und dann „mehr Zeit“ zur Verfügung hätte. Doch als Autor kann man seine Zeit zumindest investieren und dafür nach und nach Zinsen in Form von Geld erhalten.

„Passives Einkommen“ für Autoren – Traum oder Realität?

In den letzten Jahren ist das Schlagwort „passives Einkommen“ in aller Munde – oft auch im Zusammenhang mit dem Schreiben von Büchern. Die Idee dahinter ist ganz einfach: Man schreibt ein Buch und veröffentlicht es, um anschließend lebenslänglich Tantiemen dafür zu kassieren, ohne dass man dafür noch einen Finger krumm machen muss – also „passives“ Einkommen im Gegensatz zum normalen Brotjob, in dem man nur bezahlt wird, solange man weiterhin tagtäglich für den Chef bzw. die Firma arbeitet.

Die schlechte Nachricht vorab: Tantiemen sind nicht wirklich passiv, da man als Autor permanent Werbung in der einen oder anderen Form machen muss, um Bücher zu verkaufen. Selbst die besten Bücher verkaufen sich nicht von alleine – vielleicht von wenigen Ausnahmen abgesehen, die mittlerweile so bekannt sind, dass sie auch ohne Werbung in aller Munde bleiben.

Und es gibt in Sachen „passives Einkommen für Autoren“ noch eine weitere schlechte Nachricht: Bücher zu verkaufen ist wie das Auspressen einer Zitrone. Egal, wie saftig diese anfangs sein mag – irgendwann ist sie ausgepresst und man braucht immer mehr Kraft, um zumindest noch ein paar Tropfen herauszukitzeln.

Beim Buch ist das der Fall, wenn der Markt gesättigt ist und ein immer größerer Anteil der Zielgruppe das Buch bereits gekauft hat. Natürlich kommen immer neue Leser nach, aber das geht zu langsam, um den Kohl wirklich fett zu machen.

Also muss man als Autor kontinuierlich neue Bücher schreiben und veröffentlichen, die noch frisch und saftig sind und mit wenig Druck (= Marketing) viel Saft abgeben.

Wenn die neuen Bücher auf dieselbe Zielgruppe wie die bisherigen Bücher des Autors ausgerichtet sind, lassen sie sich leichter verkaufen, da die Leser bereits den Autor, seinen Stil und die Qualität seiner Bücher kennen. Außerdem bietet jedes zusätzliche Buch weitere Chancen, neue Leser zu finden, die dann mit Glück auch noch zu den älteren Büchern des Autors greifen, die sie bisher noch nicht kannten.

Wie jedes Produkt haben auch Bücher einen Lebenszyklus: Ausgehend vom Nullpunkt (das Buch ist ganz frisch erschienen, niemand kennt es und niemand hat es bisher gekauft) erfolgt durch gezieltes Marketing anfangs ein starker Anstieg, den man als Autor durch weitere Marketingmaßnahmen möglichst lange am Abflachen zu hindern versucht. Doch egal, wie sehr man sich bemüht: irgendwann folgt das Absinken auf einen niedrigen Stand, auf dem man dann das Marketing auf ein Minimum reduzieren sollte, da es schlicht und einfach den Aufwand nicht mehr lohnt.

Das Marketing für die alten Bücher, die nur noch auf einem niedrigen Stand vor sich hin dümpeln, übernehmen idealerweise die bis dahin erschienenen neueren Bücher des Autors – beispielsweise durch eine Auflistung „Weitere Bücher des Autors“ am Ende jedes Buchs oder auch die AuthorCentral-Seite des Autors, auf der er all seine Bücher präsentieren kann.

Das Erscheinen eines neuen Buchs, das (noch) in seiner Umsatz-Blüte steht, kann alten Titeln vorübergehend nochmal neues Leben einhauchen, auch wenn es sie üblicherweise nicht mehr auf den alten Stand anheben kann. Die einzige Ausnahme wäre ein eher erfolgloses erstes Buch, das durch den Bestseller-Nachfolgeband erst richtig bekannt wird.

Da sich auch die alten Bücher gegenseitig fördern, wird der niedrige „Dümpelstand“ im Laufe der Jahre immer höher. Das kann man als Autor sogar noch forcieren, indem man ab und zu eine überarbeitete Neuauflage seiner alten Bücher veröffentlicht, in der man Querverweise (selbst wenn es nur durch eine aktualisierte und erweiterte Auflistung „Weitere Bücher des Autors“ ist) zu den neueren Titeln einarbeitet.

Je mehr parallel erhältliche (also noch bestellbare) Bücher man als Autor auf dem Markt hat, desto mehr wird das Marketing bei gleichbleibender Qualität und zufriedenen Lesern von den Büchern selbst übernommen und man kommt somit dem Ideal eines „passiven Einkommens“ etwas näher.

Dennoch darf man sich als Autor natürlich auch dann nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, sondern muss weiterhin kontinuierlich immer wieder neue Titel schreiben und veröffentlichen. Denn wer nichts Neues mehr veröffentlicht, gerät bei den Lesern rasch in Vergessenheit – und das hat auch negative Auswirkungen auf die Verkaufszahlen der bereits erschienenen Bücher.

Tantiemen als Zinsen für die investierte Zeit

Die motivierendste (und daher beste) Sichtweise ist, die Einnahmen aus dem Schreiben nicht als Verkaufserlös, sondern als Zinsen für die investierte Zeit zu betrachten. Denn bei dieser Betrachtung muss man sich nicht unbedingt als „Billiglöhner“ betrachten, sondern kann durchaus mit seinem normalen „Stundenlohn“ kalkulieren.

Ein kleines Rechenbeispiel: Anja Autor ist in ihrem Beruf als Exportkauffrau recht erfolgreich. Mit einer 40-Stunden-Woche verdient sie im Monat 4.000 €, also umgerechnet ca. 25 Euro pro Stunde. Für ihren neuen Roman hat sie von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung 400 Stunden gebraucht. Wenn man diese 400 Stunden mit ihrem normalen Stundenlohn aus ihrem „Brotjob“ bewertet, hat sie 400 x 25 €, also 10.000 € in die Entwicklung ihres Roman investiert.

Bei einem eBook-Verkaufspreis von 2,99 € und 70% Tantiemen müsste Anja ca. 6.000 Exemplare ihres Romans verkaufen, um ihre Investition wieder hereinzuholen. Das schaffen allerdings leider die wenigsten Romane, bevor der erste Erfolg abflacht und die Bücher nur noch auf einem eher niedrigen Verkaufsniveau vor sich hin dümpeln.

Betrachten wir die 10.000 € also lieber als eine Kapitalanlage, die man festverzinslich anlegt. Ein Zinssatz von 5% wäre für eine solche Kapitalanlage schon sehr gut – das entspräche Zinsen in Höhe von 500 Euro pro Jahr. Üblicherweise kann man mit 2-3% schon sehr zufrieden sein – in der aktuellen Niedrigzinsphase gehen die realen Zinsen sogar eher gegen Null.

Wenn Anja langfristig (also auch nach Jahren, wenn der erste Boom abgeflacht ist) noch 500 € pro Jahr mit ihrem Roman verdient (entspricht bei 2,99 € und 70% Tantiemen ca. 300 verkauften Exemplaren, also knapp einem Buch pro Tag), hat sie mit dem Schreiben ihres Romans ihr geistiges Kapital gut investiert.

Bei einer solchen Kalkulation sollte man natürlich die ersten Erfolge von der investierten Zeit abziehen. Wenn Anja beispielsweise im ersten Jahr 1000 Exemplare ihres Romans verkauft, wären das Tantiemen in Höhe von ca. 1750 € – bleiben also nur noch 8.250 €, die als „Investition“ über die nächsten Jahre weiter verzinst werden müssen. Entsprechend weniger Bücher müsste sie in den folgenden Jahren noch verkaufen, um die gewünschten 5% Zinsen auf ihr „geistiges Kapital“ zu erhalten.

Ich habe mal spaßeshalber eine kleine Tabelle aufgebaut, aus der man ablesen kann, welchem „Zinssatz für geistiges Kapital“ es entspricht, wenn Anja aufgrund ihrer Zeitinvestition von 400 Stunden in den folgenden Jahren jeweils X Bücher pro Jahr mit Tantiemen in Höhe von 1,75 € (also 70% von 2,99 € abzgl. MwSt) verkauft:

100 Bücher pro Jahr = 175,00 € (entspricht 1,8% Zinsen)
150 Bücher pro Jahr = 262,50 € (entspricht 2,6% Zinsen)
200 Bücher pro Jahr = 350,00 € (entspricht 3,5% Zinsen)
250 Bücher pro Jahr = 437,50 € (entspricht 4,4% Zinsen)
300 Bücher pro Jahr = 525,00 € (entspricht 5,3% Zinsen)
350 Bücher pro Jahr = 612,50 € (entspricht 6,1% Zinsen)
400 Bücher pro Jahr = 700,00 € (entspricht 7,0% Zinsen)
450 Bücher pro Jahr = 787,50 € (entspricht 7,9% Zinsen)
500 Bücher pro Jahr = 875,00 € (entspricht 8,8% Zinsen)

Fazit

Natürlich ist auch eine solche Betrachtung nichts anderes als ein Gedankenspiel, aber dennoch ein recht motivierendes.

Wenn wir 400 Stunden (oder wievielen Stunden Ihrer persönlichen Zeit 10.000 € entsprechen mögen) investieren, um in dieser Zeit ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen, kommen uns Verkaufszahlen von 30 Büchern im Monat ziemlich gering vor. Bei dem Tempo dauert es ja fast ein ganzes Jahr, bis auch nur Einnahmen in Höhe von 500 € zusammen kommen. Das ist natürlich Welten von den gerne in der Öffentlichkeit präsentierten Verkaufszahlen einer Amanda Hocking, eines James Patterson oder einer J.K. Rowling entfernt und erscheint einem schon fast als „Peanuts“.

Doch wenn wir uns klar machen, dass wir mit diesen Verkaufszahlen Zinsen in Höhe von stolzen 5% auf unser „geistiges Kapital“ ausbezahlt bekommen, erscheint einem das schon gar nicht mehr so gering.

Ganz im Gegenteil: Es motiviert einen, ein weiteres Buch zu schreiben und zu veröffentlichen und damit weitere 10.000 € virtuelles geistiges Kapital auf die hohe Kante zu legen, damit die in Form von Tantiemen ausbezahlten Zinsen im nächsten Jahr mit etwas Glück schon doppelt so hoch sind.

Lassen Sie sich diese Sicht mal in aller Ruhe durch den Kopf gehen. Rechnen Sie mal in Ruhe aus, wie viel Tantiemen Sie zur Zeit pro Jahr aus den Verkäufen von Büchern erhalten, die Sie bereits vor mehr als einem Jahr veröffentlicht haben. Wenn Sie diesen Betrag mit 20 multiplizieren, erhalten Sie den aktuellen Kontostand Ihres „geistigen Kapitals“, auf das Sie zur Zeit 5% Zinsen in Form von Tantiemen erhalten.

Notieren Sie sich ab jetzt, wie viele Stunden Sie in Ihre neuen Buchprojekte investieren. Sobald das Buch fertig geschrieben und veröffentlicht ist, dürfen Sie die für das Schreiben dieses Buchs aufgewendeten Stunden mit Ihrem kalkulatorischen Stundenlohn multiplizieren und als Einzahlung zu Ihrem „geistigen Kapital“ dazu addieren.

Vielleicht werden auch Sie feststellen, dass dieses Gedankenspiel Sie motiviert, noch fokussierter als bisher an Ihren Buchprojekten zu arbeiten und diese konseqent bis zur Veröffentlichung durchzuziehen, statt sie auf halbem Wege zur Veröffenltichung in der Schublade oder in einem Ordner auf Ihrer Festplatte verstauben zu lassen – denn nur veröffentlichte Bücher, die auch Tantiemen einbringen können, zählen zu Ihrem „geistigen Kapital“. ;-)


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Defragmentieren Sie Ihren Alltag

Wenn man sich unter Schriftstellern umhört und fragt, was ihr größtes Problem beim Schreiben ist, hört man fast immer „Zu wenig Zeit“.

Es könnte alles so schön sein, wenn wir nur mehr Zeit zum Schreiben hätten. Aber unser Alltag ist nun mal so hektisch, so stressig und so geschäftig, dass uns unterm Strich kaum Zeit zum Schreiben bleibt. Woche um Woche geht ins Land, ohne dass wir am Ende der Woche maßgebliche Erfolge bei unseren aktuellen Schreibprojekten verbuchen können. Doch muss das wirklich so sein?

Wofür geht denn unsere Zeit wirklich drauf? Jeder einzelne von uns hat exakt 168 Stunden pro Woche – warum also bleibt für die meisten von uns scheinbar kaum etwas davon zum Schreiben übrig?

Selbst wenn wir die Zeiten zum Schlafen, für die Arbeit (inklusive Hin- und Rückweg), Mahlzeiten, Kochen, Haushalt et cetera abziehen, dürften den meisten von uns unterm Strich noch runde 40 Stunden verbleiben, die wir ziemlich frei aufteilen können.

Natürlich ist das beileibe nicht alles Zeit, die wir zum Schreiben verplanen können oder sollten, aber es ist die Zeit, die wir nach unseren persönlichen Vorlieben und Prioritäten zwischen Hobbys, Erholung, Sport, Zeit mit Freunden und Familie, Fernsehen, sonstigen Unternehmungen und eben auch dem Schreiben aufteilen können.

Wenn Sie mir nicht glauben, rechnen Sie selbst einmal nach. Ich würde vermuten, dass auch Sie zu einem ähnlichen Ergebnis kommen.

Doch in der Praxis kommt es uns natürlich nicht so vor, als ob wir 40 Stunden pro Woche zu unserer freien Verfügung hätten – ähnlich viel Zeit, wie die meisten von uns jede Woche im Büro bzw. auf der Arbeit verbringen.

Dass es uns so vorkommt, als ob wir wesentlich weniger Zeit zu unserer freien Verfügung hätten, liegt einerseits an einer schlechten Planung und andererseits daran, dass unser Alltag oft fürchterlich fragmentiert ist.

Mit ’schlechter Planung‘ meine ich, dass wir unsere Freizeit nicht so sorgfältig planen wie unsere Arbeitszeit. Würden wir im Büro planlos in den Tag hinein arbeiten und täten immer nur das, was uns gerade in diesem Moment spontan in den Sinn kommt, würden wir unsere Arbeit nicht geschafft bekommen und eher früher als später ziemlichen Ärger bekommen.

Aber Freizeit braucht man doch nicht zu verplanen, oder? Schließlich ist das ja die Zeit, die man zum Ausspannen und zur Erholung zur Verfügung hat – eben „freie Zeit“. Oder etwa nicht?

Wie würde in den alten Witzen Radio Eriwan antworten? „Im Prinzip ja, aber…“

Im Prinzip können Sie Ihre Freizeit rein zur Entspannung nutzen – ob das für Sie nun einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher, Ausgehen mit Freunden, lang ausschlafen oder Lesen bedeutet. Aber dann sollten Sie sich auch weder wundern noch beschweren, dass Sie scheinbar keine Zeit zum Schreiben haben.

Das Hauptproblem dabei ist unser ‚fragmentierter‘ Alltag. Den Begriff ‚fragmentiert‘ kennen Sie vermutlich in erster Linie von der Festplatte in Ihrem PC. Hier bedeutet ‚fragmentiert‘, dass große Dateien nicht am Stück gespeichert sind, sondern dass kleinere Fragmente dieser Dateien in freie Lücken auf der Festplatte gequetscht werden. Eine fragmentierte Festplatte bremst den Computer aus, da er beim Zugriff auf die Datei zig Mal zwischen unterschiedlichen Stellen auf der Festplatte hin und her springen muss, bis er schließlich die komplette Datei eingelesen hat.

Genauso ist es mit einem fragmentierten Alltag: Wenn wir nur fünf oder zehn Minuten haben, bevor wir aufbrechen müssen, bevor unsere Lieblingsfernsehsendung beginnt oder bevor das Essen auf dem Tisch steht, neigen wir dazu, diese Wartezeiten ungenutzt verstreichen zu lassen. Wenn man diese Mini-Zeitfenster über eine ganze Woche aufaddiert, kommen rasch mehrere Stunden zusammen, die einem an anderer Stelle fehlen. Daher ist es an der Zeit, unseren Alltag zu ‚defragmentieren‘.

Wenn Sie Ihre PC-Festplatte ‚defragmentieren‘ schaufelt der PC die Daten so lange hin und her und sortiert sie um, bis schließlich alle Dateien ‚am Stück‘ gespeichert sind und somit schneller gefunden und bearbeitet werden können.

Genauso können Sie Ihren Alltag ‚defragmentieren‘ und so größere, zusammenhängende Zeitfenster schaffen, die Sie zum Schreiben (oder für andere Hobbys und Aktivitäten, für die Sie ansonsten keine Zeit finden) nutzen können.

Dazu ist es erforderlich, dass Sie sich einmal pro Woche (der Sonntagnachmittag ist dafür ideal) mit einem Block und einem Stift hinsetzen und alles notieren, was Sie in der nächsten Woche machen müssen oder wollen.

Achten Sie bereits beim Notieren darauf, dass Sie ähnliche Aufgaben gruppieren/untereinander notieren. Teilen Sie das Blatt daher in verschiedene Bereiche wie Haushalt, Einkaufen, Unternehmungen, Hobby etc. auf.

Wenn Sie beispielsweise einmal wöchentlich planen, was Sie nächste Woche essen bzw. kochen wollen und was Ihnen dafür in Vorratskammer, Tiefkühltruhe oder Kühlschrank fehlt, können Sie einen Wocheneinkauf planen, mit dem Sie unterm Strich wesentlich schneller fertig sind, als wenn Sie über die Woche verteilt drei oder vier Mal loshfahren müssen, um noch schnell etwas fürs Abendessen o.ä. zu besorgen.

Alle Aufgaben, die Sie gruppieren und ‚en bloc‘ an einem Stück abarbeiten können, schaufeln nicht nur zusammenhängende Zeitblöcke frei, sondern gehen unterm Strich sogar meist schneller von der Hand, als wenn man mehrfach damit anfinge.

Wochenplaner

Planen Sie die „Muss-Blöcke“ fest ein: Schlafen, Arbeit, den Wocheneinkauf oder notwendige Arbeiten im Haushalt. Kalkulieren Sie dafür, wie viel Zeit Sie vermutlich für die einzelnen Blöcke brauchen und planen Sie diese fest in Ihren Kalender für die nächste Woche ein.

Verplanen Sie natürlich möglichst nicht ausgerechnet die freien Zeiten für eher anspruchslose Arbeiten wie Haushalt oder Aufräumen, während derer Sie sich erfahrungsgemäß besonders ausgeruht und produktiv fühlen und vermutlich wunderbar mit dem Schreiben voran kommen könnten.

Wochenplaner2

Wenn Sie sich anschließend Ihren Terminkalender für die nächste Woche ansehen, werden Sie eine Menge großer, weißer Flächen entdecken: unverplante Zeiten.

Gerade in den ersten Wochen bekommt man bei dieser Wochenplanung dasselbe tolle Gefühl, als wenn man in der Tasche einer alten Jacke einen Fünfzig-Euro-Schein gefunden hätte, an den man schon überhaupt nicht mehr gedacht hatte.

Ach ja: Für neue Aufgaben/Tätigkeiten, die sich erst während der laufenden Woche ergeben oder die Ihnen spontan in den Sinn kommen, sollten Sie sich die „Mañana“-Haltung angewöhnen – das spanische Wort für „morgen“. Wenn es also nichts Dringendes ist, um das Sie sich wirklich schon heute oder zumindest diese Woche kümmern müssten, verschieben Sie es lieber auf nächste Woche. Schreiben Sie es auf einen Zettel, damit Sie es am Sonntag für die nächste Woche einplanen können. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich die mühsam erarbeiteten freien Zeitfenster schneller schließen, als einem lieb ist.

Verplanen Sie noch nicht die ganzen freien Zeitfenster in Ihrem Kalender, sondern bereiten Sie sich lediglich auf diese vor. Das mag auf den ersten Blick unlogisch klingen. Sollten Sie diese Zeiten nicht fest zum Schreiben oder für andere Dinge reservieren?

Können Sie, müssen Sie aber nicht. Es ist durchaus sinnvoll, sich täglich zur selben Zeit freie Zeitfenster zu schaffen und diese fürs Schreiben zu reservieren – beispielsweise eine Stunde morgens vor der Arbeit. Feste Zeiten haben den Vorteil, dass sich unser Unterbewusstsein daran gewöhnt und schon nach ein paar Wochen um diese Zeit automatisch auf ‚Kreativität‘ umschaltet.

Aber die restlichen freien Zeitblöcke sollten Sie nicht fest verplanen. Das nimmt Ihnen die Freiheit und das wundervolle Gefühl, Zeit zu haben. Wenn Sie jetzt schon alle Zeiten verplanen, haben Sie wieder das Gefühl, sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag verplant zu sein. Das ist das Rezept für Stress und Frustration, nicht für Zufriedenheit und entspannte Kreativität.

Bereiten Sie sich lediglich vor, indem Sie für all Ihre Hobbys und Freizeitaktivitäten, die Sie noch nicht fest eingeplant haben, Listen mit den Dingen anlegen, die Sie während dieser Zeitblöcke gerne tun möchten.

Im Zeitblock „Lesen“ können Sie Bücher, Artikel, Blogs o.ä. notieren, die Sie bei Gelegenheit mal in aller Ruhe lesen wollen. Im Zeitblock „Draußen“ notieren Sie Dinge wie Rasenmähen, Spaziergänge, Geocaching oder andere Dinge, die Sie gerne bei gutem Wetter machen möchten. Und im Zeitblock „Schreiben“ notieren Sie alle Dinge, die Sie bei Ihren aktuellen Schreibprojekten als Nächstes angehen sollten oder die das Potential haben, Sie dabei besonders gut voran zu bringen.

Wenn Sie nun während der Woche auf einen dieser wunderbaren, unverplanten Zeitblöcke zusteuern, können Sie sich rechtzeitig überlegen, was Sie jetzt machen möchten. Wenn draußen strahlender Sonnenschein ist, haben Sie vielleicht viel mehr Lust fürs Geocaching oder zum Joggen, als sich zum Schreiben hinzusetzen – also warum sollten Sie das nicht mit gutem Gewissen tun?

Wenn es hingegen draußen schon dunkel und ungemütlich ist, Sie sich aber zu müde und erledigt zum Schreiben fühlen, können Sie mit ebenso gutem Gewissen zu Ihrer „Entspannung“-Liste greifen und sich einen der Filme von dieser Liste einlegen, den Sie schon lange nochmal schauen wollten, oder sich gemütlich mit einem guten Buch zurückziehen.

Doch wenn Sie sich produktiv fühlen und Lust zum Schreiben haben, haben Sie jetzt die Zeit und die Gelegenheit, endlich wieder mal an Ihrem aktuellen Schreibprojekt weiter zu arbeiten.

Vielleicht gibt es trotzdem Wochen, in denen Sie nicht oder kaum zum Schreiben kommen, aber dafür dennoch zu einer Menge anderer Dinge, die Sie schon lange vor sich her schieben und zu denen Sie bisher nicht gekommen waren. Auch das ist wichtig, weil es Ihnen hilft, geistigen Ballast abzubauen und offene Enden zu schließen – die Grundvoraussetzung für einen freien Kopf und die entspannte Muße, die man fürs kreative Schreiben braucht.

Probieren Sie es einfach mal ein paar Wochen lang aus. Glauben Sie mir: Sie werden den Unterschied merken und schon bald nicht mehr darauf verzichten wollen.


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„Nicht ohne meinen Mentor!“

Ein wichtiges Hilfsmittel für Autoren beim Schreiben von Romanen ist der gekonnte Einsatz von Archetypen – keinesfalls zu verwechseln mit Klischee-Charakteren.

Während ein Klischee-Charakter ein hundertfach dagewesenes Abziehbild darstellt (der korrupte und zynische Polizist, die Hure mit dem Herz aus Gold, der hagere alte Magier mit wallender Mähne und ebensolchem Bart) sind Archetypen recht allgemein gehaltene Vorlagen, die sich hauptsächlich über ihre Funktion innerhalb der Handlung definieren – beispielsweise der Sidekick / beste Freund des Helden oder auch der Mentor, auf den ich an dieser Stelle näher eingehen möchte.

Eine spannende Romanhandlung setzt üblicherweise ein Wachstum des Helden voraus. Der Held muss sich ändern und über sich hinauswachsen: Er beseitigt eine Bedrohung, der er anfangs noch chancenlos gegenüber gestanden hätte, erreicht ein Ziel, das aus seiner anfänglichen Situation heraus wie ein unrealistischer Traum erscheinen musste oder muss sich in einer für ihn fremden, unbekannten Welt zurechtfinden und durchsetzen.

All diese Handlungsvarianten setzen voraus, dass der Held seine Komfortzone verlässt und Dinge vollbringt, die er üblicherweise nicht tut und die er sich vermutlich auch gar nicht zugetraut hätte.

Doch um dieses Wachstum des Helden realistisch zu schildern, brauchen wir meist einen Katalysator, der ihn in die richtige Richtung lenkt und ihm die benötigten Informationen und Fähigkeiten vermittelt – den Mentor.

Der Mentor ist üblicherweise jemand, der sich im ‚unbekannten Land‘ außerhalb der Komfortzone des Helden auskennt und ihn somit auf seine Mission vorbereiten kann.

Ein solcher Mentor muss nicht unbedingt der weise alte Ratgeber vom Schlage eines Gandalf in „Der Herr der Ringe“ oder eines Obi Wan Kenobi in „Star Wars“ sein. Was ein geeigneter Mentor ist, hängt in erster Linie vom Ziel Ihres Helden ab und von der unbekannten Welt, in die er sich begeben muss, um dieses Ziel zu erreichen.

Im Film „72 Stunden – The Next Three Days“ ist der Mentor des Protagonisten John Brennan der ehemalige Verbrecher und Ausbrecherkönig Damon Pennington, dem sieben Mal die Flucht aus einem Gefängnis gelungen war. Für Brennan, der seine unschuldig zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilte Frau aus dem Gefängnis befreien will, ist Pennington der ideale Mentor. Nach dem Motto „Been there, done that“ hat er praktische Erfahrungen, die für Brennan unschätzbar wertvoll sind und ohne die er nicht die geringste Chance hätte, sein Ziel zu erreichen.

Die Motivation des Mentors, Ihrem Protagonisten zu helfen, kann ganz unterschiedlicher Natur sein. Vielleicht ist ihm Ihr Protagonist schlicht und einfach sympathisch. Vielleicht erkennt er etwas von sich selbst und seinen früheren Träumen, Zielen und Idealen im Protagonisten wieder oder er hat aus anderen Gründen Interesse daran, dass Ihr Protagonist sein Ziel erreicht. Vielleicht sieht er ja in Ihrem Protagonisten das Potential, jenes Ziel zu erreichen, an dem er selbst einst gescheitert war. Oder er lässt sich wie Pennington in „72 Stunden“ schlicht und einfach für seine Hilfe bezahlen. ;-)

Doch egal wie die Motivation Ihres Mentors ist und in welcher Form er Ihren Helden unterstützt – eine eherne Regel sollten Sie beim Schreiben Ihres Romans niemals verletzen: Den letzten Kampf muss Ihr Protagonist ganz allein und ohne die Hilfe seines Mentors bestehen.

Bis zu diesem Punkt muss Ihr Protagonist dem Leser beweisen, dass er seine Lektionen gelernt hat und nun auf eigenen Beinen stehen kann.

Was wäre das Finale von „Star Wars“, wenn Obi Wan den Todesstern vernichtet oder Luke zumindest Darth Vader und die angreifenden Tie-Fighter vom Hals gehalten hätte? Was wäre „72 Stunden“, wenn Pennington mit in Brennans Wagen gesessen und ihm während der spannenden Flucht vor der Polizei geholfen hätte? Und was wäre das Finale von „Harry Potter“, wenn Harry den finalen Kampf gegen Voldemort und seine Todesser an der Seite und mit Hilfe des mächtigen Zauberers Albus Dumbledore bestritten hätte? Nein, der Mentor hat im großen Finale nichts verloren – und daher müssen Sie als Autor ihn rechtzeitig aus dem Weg schaffen.

Dafür haben Sie verschiedene Möglichkeiten. Besonders dramatisch ist es natürlich, wenn der Mentor stirbt – möglichst durch dieselbe Bedrohung, der sich der Protagonist am Ende selbst stellen muss.

Wenn Sie noch eine Schippe Dramatik drauf legen wollen, können Sie es so einrichten, dass sich der Mentor opfert, um den Helden (oder den Erfolg der gemeinsamen Mission) zu retten. Denken Sie an Obi Wan in „Star Wars“, der es zwar noch schafft, den Traktorstrahl abzuschalten und so die Flucht der Helden zu ermöglichen, aber anschließend von Darth Vader gestellt und im Kampf getötet wird.

Wenn Sie Ihrem Helden einen noch schmerzhafteren Tiefschlag versetzen wollen, als es der Verlust seines Mentors ohnehin schon ist, können Sie die Situation, die zum Tod seines Mentors führt, durch eine Fehlentscheidung des Protagonisten herbeiführen.

Beispiel: Der Protagonist greift den Antagonisten gegen den Rat seines Mentors voreilig in dessen Hauptquartier an, um seinen besten Freund aus der Gewalt des Feindes zu retten. Dabei gerät er in eine Falle des Antagonisten und wird in letzter Sekunde durch das beherzte Eingreifen des Mentors gerettet, der dabei allerdings selbst ums Leben kommt.

Eine solche Kombination ist bestens geeignet, wenn Sie den Tod des Mentors auf den „dunkelsten Moment“ kurz vor dem Übergang zum vierten und letzten Akt Ihres Romans legen wollen: Der Protagonist sieht nicht nur, dass er seinen Feind unter- und seine eigenen Fähigkeiten überschätzt hat, sondern hat auch seinen Mentor verloren und muss sich selbst auch noch die Schuld für dessen Tod geben. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um anschließend auf sich allein gestellt im großen Finale alles auf eine Karte zu setzen.

Natürlich können Sie den Mentor auch auf weniger dramatische Art und Weise aus dem Spiel nehmen. Hauptsache, Sie sorgen auf die eine oder andere Weise dafür, dass er dem Helden im großen Finale nicht beistehen kann.

Ein gutes Beispiel dafür sind Boxerfilme wie „Rocky“. Der Trainer des Boxers war vielleicht früher selbst ein großer Box-Champion, doch sobald er dem Helden alles beigebracht hat, was er ihm vermitteln konnte, muss er in den Hintergrund treten. Den großen Titelkampf gegen den ungeschlagenen Weltmeister muss der Held alleine austragen, während sein Mentor machtlos außerhalb des Rings steht und seinem Schützling bestenfalls noch zwischen den Runden ein paar Tipps für seine weitere Taktik geben kann.

Dass der Mentor überwiegend zu Beginn der Handlung wichtig ist, während der Held später in erster Linie auf eigenen Beinen stehen muss, sieht man auch an Serien wie „The Shannara Chronicles“, die momentan auf Amazon Prime Video ausgestrahlt wird. Während die Helden in den ersten Folgen teils nur durch das tatkräftige Eingreifen des kampfstarken Druiden Allanon (dem Mentor des Haupthelden Will Ohmsford) überleben, zeichnet sich jetzt nach der vierten Folge ab, dass Allanon sich um die Verteidigung des Ellcrys kümmern muss, während das jugendliche Helden-Trio alleine auf die gefährliche Suche nach dem Blutfeuer machen muss.

Ein perfider Sonderfall ist, wenn Sie den Mentor des Helden gegen Ende des Romans zum Antagonisten machen – zu dem Gegner, dem sich Ihr Held im großen Finale stellen muss. Das, was Ihr Held von seinem Mentor gelernt hat, wird er kaum gegen diesen einsetzen können. Üblicherweise ist der Mentor dem Helden immer noch weit überlegen, da er dem Helden zwar all das beigebracht hat, was dieser weiß, aber keinesfalls alles, was er selbst weiß. Wenn Ihr Held also gegen seinen früheren Mentor bestehen will, muss er andere Stärken ausspielen und eine unerwartete Taktik verwenden, mit der sein früherer Lehrmeister nicht rechnet – die optimale Voraussetzung für ein spannendes und überraschendes Finale.

Um den Mentor zum Antagonisten zu machen, gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten:

  • Der Mentor hat den Protagonisten zwar anfangs großmütig gefördert, doch mittlerweile wird er eifersüchtig auf den Erfolg seines Schützlings, der seinen eigenen Ruhm zu überflügeln droht. Schließlich plant er, seinen Schützling zu sabotieren und „zurecht zu stutzen“, damit dieser seinen eigenen legendären Ruhm nicht übertrifft und somit in den Schatten stellt.
  • Der Protagonist beginnt auf der „falschen Seite“ und wechselt erst im Laufe der Handlung auf die „gute Seite“. Um das begangene Unrecht wieder gut zu machen und dem Guten zum Sieg zu verhelfen, muss er sich seinen früheren Verbündeten stellen – unter anderem seinem früheren Lehrmeister, einer wahren Legende.
  • Der Mentor hat zwischenzeitlich die Seiten gewechselt und steht nun auf der Seite des Antagonisten oder ist sogar der Antagonist, den der Held die ganze Zeit zu entlarven versucht. Diese Variante findet man häufig in Geheimdienst-Thrillern, in denen der ehemalige Lehrmeister des Agenten mittlerweile zum Verräter/Überläufer geworden ist oder auf eigene Rechnung arbeitet.
  • Der Mentor verfolgt von Anfang an seine eigenen Pläne, für die er den Helden lediglich eingespannt hat. Sobald der Protagonist die wahre Natur seines vermeintlichen Helfers und dessen wahre Ziele durchschaut, muss er sich gegen diesen stellen und dadurch vielleicht sogar sein bislang verfolgtes Ziel aufgeben.
  • Der Mentor hilft anfangs eventuell aus aufrichtigen Motiven, entscheidet sich aber irgendwann dafür, den Protagonisten auszubooten und selbst den großen Preis zu erringen. Ein Beispiel wäre ein Flirtcoach, der sich selbst in die Angebetete seines Klienten verliebt und diesem schließlich gezielt schlechte Ratschläge gibt, um die Frau von ihm weg und in seine eigenen Arme zu treiben.

Die Figur des Mentors lässt sich unabhängig vom Genre auf so ziemlich jede Handlung anwenden. Ob in Romanzen wie „I.Q. – Liebe ist relativ“, in der der Albert Einstein als Mentor des jungen Automechanikers Ed diesem dabei hilft, das Herz seiner Nichte Catherine zu erringen oder Komödien wie „Nur über meine Leiche“, in der die tote Mutter des Protagonisten ihn in der Gestalt eines sprechenden Truthahns (!) auf den rechten Weg bringen will – Mentoren können in so ziemlich jeder Gestalt auftreten.

Ebenso unterschiedlich können die Arten ausfallen, auf die Sie Ihren Mentor aus dem Spiel nehmen und Ihren Protagonisten zwingen, den Rest des Weges alleine zu gehen. Sobald Sie wissen, wer in Ihrem Roman als Mentor des Helden fungieren soll, sollten Sie bereits überlegen, wie Sie Ihren Helden zwingen, sich dem finalen Konflikt ohne die Hilfe seines Mentors zu stellen. Und dafür müssen Sie den Mentor nicht einmal vorzeitig aus seinem imaginären Leben reißen, wenn Sie das nicht möchten.

Vielleicht hat er bis dahin seine Nützlichkeit verloren, weil im großen Finale ganz andere Fähigkeiten gebraucht werden als jene, die der Mentor Ihrem Helden vermitteln konnte und die ihn bis dorthin gebracht haben.

Vielleicht kann Ihr Mentor dem Helden nicht dorthin folgen, wo dieser sich seiner letzten Herausforderung stellen muss. Der Boxtrainer darf nicht mit in den Ring steigen und der im Rollstuhl sitzende Geheimdienst-Chef kann nicht zusammen mit dem Agenten das steile Bergmassiv zur feindlichen Festung erklimmen.

Nach Protagonist und Antagonist ist der Mentor üblicherweise die dritte Figur, die Sie bei der Planung eines Romans ausarbeiten sollten, da er die Entwicklung des Helden maßgeblich beeinflusst. Nehmen Sie sich die Zeit dafür, den besten Mentor für Ihren Protagonisten zu finden und ihn in die Handlung einzubinden, bevor Sie den Mittelteil Ihres Romans im Detail planen. Es erleichtert Ihnen nicht nur den Aufbau der Handlung, sondern macht Ihren Roman zugleich stärker.


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Der Name als Privileg

Ein verbreiteter Fehler unter Romanautoren ist, zu verschwenderisch mit Namen umzugehen. Das betrifft nicht nur den Überschwang, mit dem manche Fantasy-Autoren jedem Ort, Stock und Stein in ihren Romanen exotische Namen geben, die sich kaum einer der Leser merken kann, sondern Autoren aller Genres. Ob in Krimis, Romanzen, Horror-Romanen oder Fantasy-Epen – überall stößt man auf Autorinnen und Autoren, die dem inneren Drang nachgeben, jeder noch so unbedeutenden Nebenfigur in ihrem Roman einen Namen zu verpassen.

Nicht, dass dieser Drang unverständlich wäre. Wir gebrauchen Namen als Etiketten, um Dinge und Personen eindeutig zu adressieren. Es ist einfacher und schneller, im Gespräch unter Freunden “Marvin“ zu sagen, als “der junge Mann aus der Wohnung schräg unter mir“ – oder höchstens “Marvin Schuster“, wenn es mehrere Marvins im gemeinsamen Bekanntenkreis gibt.

Doch im Roman ist das der falsche Weg. Denn Namen verleihen einer Figur eine Bedeutung, die sie innerhalb der Romanhandlung nicht unbedingt verdient hat. Es sind die Namen, die aus einer Person eine Persönlichkeit machen – und sogar aus einem Tier. Das kann man gut an unseren geliebten Haustieren wie Hund und Katze erkennen, die man schon fast wie ein weiteres Familienmitglied betrachtet (das uns manchmal sogar lieber ist als manche zweibeinigen Verwandten, die man sich nicht aussuchen konnte).

Aber nicht jedes Tier hat in unseren Augen einen Namen verdient. Den einzelnen Fischen in seinem Aquarium wird kaum jemand Namen geben – höchstens vielleicht dem einen besonders prächtigen, wertvollen oder auffälligen Fisch, der ihm besonders ans Herz gewachsen ist. Und wer als Landwirt Tiere hält, die später geschlachtet und gegessen werden sollen, wird diesen Hühnern, Kaninchen oder Ferkeln auch eher selten Namen geben – nur den Tieren, die bleiben, weil sie eine wichtige Bedeutung für den Hof haben: der wertvolle Zuchtbulle Kuno oder das Pferd Luzie, das den Einspänner zieht.

Personen haben im Gegensatz zu Tieren zwar Namen, doch das bedeutet noch lange nicht, dass wir diese kennen oder sie uns gar merken. Wir machen uns üblicherweise nicht die Mühe, den freundlichen Passanten, der uns den Weg zum Bahnhof gezeigt hat, nach seinem Namen zu fragen (was diesen vermutlich auch ziemlich irritieren würde).

Wir merken uns auch nicht die Namen von Personen, die uns gleichgültig sind. Oder kennen Sie den Namen der Aushilfs-Putzfrau in der Firma oder des Müllmanns in der Fußgängerzone? Vermutlich eher nicht. Und selbst den Namen der Verkäuferin an der Supermarktkasse werden wir uns, obwohl sie für alle sichtbar ein Namensschild am Revers trägt, nur in seltenen Fällen merken.

Wir sollten uns daher schon sehr genau überlegen, welchen Personen in unserem Roman wir wirklich einen Namen geben wollen. Denken Sie daran, welche Botschaft Sie Ihren Lesern vermitteln, wenn Sie bestimmen Nebenfiguren in Ihrem Roman Namen geben. Je länger oder außergewöhnlicher ein Name ist, desto wichtiger erscheint der Träger dieses Namens dem Leser.

Frau Müller wirkt noch relativ unbedeutend. Eliza Müller wirkt schon etwas wichtiger. Eliza Ricarda Müller fällt durch den zweiten Vornamen noch mehr ins Auge und ist fast nur noch von Professor Dr. Eliza Ricarda Müller-Habsburg zu toppen. ;-)

Wenn also in Ihrem Roman besagte Dr. Eliza Ricarda Müller-Habsburg auftritt, wird der Leser direkt vermuten, dass diese Person eine recht wichtige Rolle in der Handlung spielt und nicht nur einen flüchtigen Gastauftritt in einer einzelnen Szene hat. Sollte sie dennoch in der weiteren Handlung nicht mehr auftauchen, wird sich der Leser vermutlich verladen vorkommen oder das Gefühl haben, dass der Autor irgendwo unterwegs einen seiner Handlungsstränge aus den Augen verloren hat. Lassen Sie es nicht so weit kommen.

Eine gute Probe aufs Exempel ist oft die Frage, wie Ihr Perspektivcharakter diese Person nennen oder bezeichnen würde. Wenn Ihr Protagonist ein Taxi heran winkt, dürfte er den Namen des Fahrers normalerweise nicht kennen. Der Mann hinterm Steuer dürfte also für ihn zumindest vorerst nur “der Taxifahrer“ sein. Erst wenn beide während einer längeren Fahrt miteinander ins Gespräch kommen, kann es sein, dass Ihr Protagonist den Vornamen des Fahrers erfährt – was es Ihnen ermöglicht, ihn ab diesem Zeitpunkt auf den Seiten Ihres Romans als Sergej zu erwähnen.

Mit dieser Faustregel sind Sie üblicherweise auf der sicheren Seite und vermeiden auch Missverständnisse und Irritationen beim Leser.

Wenn Sie eine Szene aus der Perspektive des Vertreters Robert Hafner schildern, dürfen Sie bekanntlich auch nur die Dinge erwähnen und einfließen lassen, die Hafner bekannt sind bzw. von ihm wahrgenommen werden. Wenn Hafner ein Kunstbanause ist, sollten Sie das Bild an der Wand nicht als Monet bezeichnen, da Hafner kaum in der Lage wäre, einen Monet von einem Munch zu unterscheiden.

Dasselbe gilt bei Namen: Wenn Sie die Frau, die Hafner im Vorzimmer des Kunden begrüßt, direkt als „Clara“ oder als „Frau Schäfer“ bezeichnen, muss auch der Leser davon ausgehen, dass der Perspektivcharakter Robert Hafner diese Frau bereits kennt – wie sollte er sonst ihren Namen kennen, bevor sie sich ihm vorgestellt hat? Wobei beides beim Leser unterschiedliche Erwartungen wecken würde – denn während die Erwähnung als „Frau Schäfer“ zwar zeigt, dass er ihren Namen bereits kennt, würde die Erwähnung als „Clara“ andeuten, dass beide auf privater Ebene sehr gut bekannt oder gar befreundet sind.

Wenn Sie diese Faustregel beachten bzw. während der Revisionsphase Ihre Szenen noch einmal unter diesem Gesichtspunkt überarbeiten, dürften Sie bereits die meisten Stolpersteine, die Ihre Leser irritieren oder falsche Erwartungen wecken könnten, elegant umschifft haben.


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Wie Sie gezielt mit den Erwartungen Ihrer Leser spielen

Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die man als Romanautor lernen und trainieren sollte, besteht darin, mit den Erwartungen der Leser zu spielen, ohne ihn zu enttäuschen.

Wenn ein Leser ein Buch kauft, hat er je nach Genre unterschiedliche Erwartungen. Bei einer Romanze geht er davon aus, dass die beiden Hauptcharaktere sich am Ende kriegen. Beim Krimi erwartet er üblicherweise, dass die Gerechtigkeit am Ende siegen wird.

Natürlich gibt es immer wieder Romane, bei denen die Autoren ganz bewusst auf ein solches Ende verzichten – und oft sind es gerade diese Romane, die uns durch das für uns völlig überraschende ‚böse‘ Ende noch lange über die letzte Seite hinaus in Erinnerung bleiben. Der Schurke kommt davon, der Held stirbt (z.B. im Film „Arlington Road“). Das Liebespaar kommt nicht zusammen und es ist klar, dass beide dies für immer bedauern werden, oder einer der beiden stirbt am Ende und der andere weiß, dass er nie wieder jemanden so sehr lieben können wird.

Manche Autoren wie Nicholas Sparks haben ihren Ruf auf solchen Enden aufgebaut – und mittlerweile ist es genau das, was die Leser von ihnen erwarten. Womit wir wieder bei dem Punkt wären, an dem auch sie die Erwartungshaltung ihrer Leser (also z.B. nach einem bittersüßen, tragischen Ende mit Taschentuchgarantie) erfüllen müssen, um diese nicht zu enttäuschen.

Doch wenn das Ende eines Romans zu vorhersehbar ist und der Leser schon recht früh in der Handlung ahnt, wie das Ende ausfallen wird, hat man sich als Autor sein eigenes Grab geschaufelt. Kaum jemand liest Bücher, deren Ende er schon kennt oder bei denen die Handlung wie auf Schienen auf ein vorhersehbares Ende zusteuert.

Um das zu vermeiden, muss man als Autor mit den Erwartungen der Leser spielen wie ein Torero, der dem Stier das rote Tuch hinhält, nur um es in letzter Sekunde zur Seite zu ziehen und den Stier ins Leere laufen zu lassen.

Dieses „ins Leere laufen lassen“ sind bei einem Roman die überraschenden Entwicklungen und Wendungen, die den Leser völlig unerwartet treffen und ihn zwingen, sich gedanklich immer wieder neu zu orientieren, statt auf ausgetretenen Pfaden in Richtung eines bekannten Endes zu schlendern.

Oder anders formuliert: Die Kunst besteht darin, dem Leser zwar das zu geben, was er für sein Geld erwartet – aber auf eine Art und Weise, mit der er nicht gerechnet hätte.

Damit diese Technik optimal funktioniert, gilt es, den Leser möglichst lange im Ungewissen zu halten, ob sein Wunschende tatsächlich wahr wird.

Auch wenn unsere Leser damit rechnen, dass der Held es überleben wird und am Ende gewinnt, dürfen sie sich ihrer Sache niemals zu sicher sein. Also nach Möglichkeit kein Ich-Erzähler, durch den schon klar ist, dass der Held überlebt (sonst könnte er dem Leser schließlich nicht mehr davon erzählen).

Denken Sie nur an die Spannung und die steigende Erwartungshaltung bei den Harry-Potter-Romanen, als vor Erscheinen des letzten Bandes das Gerücht aufkam, dass Harry Potter im finalen Kampf gegen Voldemort den Heldentod sterben würde. Ein nicht ganz unbegründetes Gerücht, das durch zahlreiche Andeutungen in der Handlung der früheren Bücher untermauert wurde. Wohl jeder, der sich direkt nach Erscheinen den siebten und letzten Band der Serie kaufte, fieberte beim Lesen bis zum dramatischen Finale mit – nicht obwohl, sondern gerade weil bis zum Schluss nicht klar war, ob der Held am Ende überleben würde.

Um eine ähnliche Spannung in Ihren eigenen Romanen zu erzeugen, skizzieren Sie zunächst mindestens zwei, möglichst jedoch drei unterschiedliche Enden: Erstens das Ende, das sich der Leser wünscht. Zweitens das Ende, vor dem sich der Leser fürchtet. Und drittens ein Ende, das Sieg und Niederlage miteinander verknüpft.

Beispiel: Die Freundin des Protagonisten wurde von Gangstern entführt, die ihn damit zwingen wollen, für sie ein Verbrechen zu begehen.

Ende Nr. 1 (das, was sich der Leser wünscht): Der Protagonist trickst die Gangster aus, vereitelt das geplante Verbrechen, befreit seine Freundin und sorgt dafür, dass die Gangster ihre gerechte Strafe erhalten.

Ende Nr. 2 (das, vor dem sich der Leser fürchtet – also im Stil von „Arlington Road“): Der Protagonist begeht das Verbrechen und wird von der Polizei dafür verhaftet. Die Gangster töten seine Freundin, da sie keine Zeugen gebrauchen können, und tauchen unerkannt unter.

Ende Nr. 3 (das halbtragische Ende): Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, wenn man einzelne Aspekte von Ende 1+2 miteinander kombiniert.

a) Der Protagonist schafft es zwar, die Gangster aufzuhalten und das Verbrechen zu vereiteln, kann aber die Ermordung seiner Freundin nicht verhindern, sondern nur noch ihren Tod rächen.

b) Der Protagonist kann zwar seine Freundin retten und die Gangster ausschalten, musste aber das von den Gangstern geforderte Verbrechen begehen und befindet sich daher am Ende auf der Flucht vor der Polizei oder sogar hinter Gittern.

c) Der Protagonist schafft es, das Verbrechen zu vereiteln, seine Freundin zu befreien und die Gangster auszuschalten, aber musste dabei selbst so skrupellos und brutal vorgehen, dass seine Freundin nichts mehr mit ihm zu tun haben will und ihn am Ende verlässt.

Für jedes dieser möglichen Enden fallen Ihnen mit Sicherheit einige Szenen oder Handlungswendungen ein, die dem Leser genau dieses Ende wahrscheinlicher erscheinen lassen. Das sind Ihre Karten, die Sie geschickt miteinander kombinieren und im Laufe der Handlung ausspielen können.

Wenn der Leser gerade denkt, dass alles auf ein Happy End hinaus läuft, werfen Sie Ihrem Protagonisten einen üblen Knüppel zwischen die Beine, der ihn ins Straucheln bringt und ihn auf das Verhängnis zu stolpern lässt – und kurz vor dem Sturz in den Abgrund lassen Sie ihn einen Rettungsanker finden, den Sie rechtzeitig vorher dort platziert hatten.

Wichtig ist, dass Sie diese überraschenden Wendungen ganz gezielt vorbereiten. Wenn Sie wissen, dass Ihr Protagonist später einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Fähigkeit benötigen wird, bereiten Sie dies rechtzeitig vor – und zwar so dezent, dass der Leser es anfangs als nebensächlich ignoriert und erst dann wieder daran denkt, wenn Sie diese Karte ausspielen.

Vielleicht kennen Sie den Begriff „Chekhov’s Gun“. Dieser Begriff basiert auf einem Zitat des Schriftstellers Anton Chekhov: Entferne alles, was keine Bedeutung für die Handlung hat. Wenn du im ersten Kapitel erwähnst, dass ein Gewehr an der Wand hängt, muss dieses Gewehr im zweiten oder dritten Kapitel unbedingt losgehen. Wenn es nicht abgefeuert wird, sollte es nicht dort hängen.

Auch wenn Chekhov damit eigentlich darauf hinaus will, dass man auf unnötige Details verzichten soll, die mit der Handlung nichts zu tun haben, gilt auch der Umkehrschluss: Alles, was später in der Handlung von Bedeutung sein soll, muss rechtzeitig vorher eingeführt werden.

Mit diesem Kunstgriff können Sie auch die abenteuerlichsten Wendungen plausibel erscheinen lassen. Wenn Ihr Protagonist im Finale in der Lage sein muss, innerhalb von 60 Sekunden eine Hightech-Alarmanlage zu deaktivieren, können Sie zu Beginn der Handlung beispielsweise einfließen lassen, dass er früher für den Hersteller dieser Alarmanlagen gearbeitet hat und dort entlassen wurde, weil er auf gravierende Sicherheitslücken bei diesen Anlagen hingewiesen hatte.

Das Spiel mit den Erwartungen der Leser können (und sollten!) Sie sogar bis auf Szenenebene herunter brechen. Wenn Sie eine Szene planen, sollten Sie sich nicht nur ein Ende für diese Szene überlegen, sondern mindestens(!) fünf.

Beispiel: Der Privatdetektiv Maddox will den Mechaniker Harper in seiner Wohnung aufsuchen, da er glaubt, dass dieser die Bremsen am Wagen des Industriellen Branley manipuliert und so dessen Unfalltod verursacht hat.

Option 1: Maddox setzt Harper unter Druck, bis dieser bereit ist, auszupacken. Doch bevor Harper den Namen seines Auftraggebers nennen kann, wird er durchs Fenster erschossen.

Wer das für überraschend hält, hat vermutlich fast alle Krimis der letzten sechzig Jahre verschlafen. ;-) Also sammeln wir besser ein paar Alternativen…

Option 2: Maddox findet die Tür von Harpers Wohnung angelehnt vor. Als er die Wohnung betritt, sieht er Harper tot am Boden liegen. In diesem Moment wird er von hinten niedergeschlagen. Als er wieder zu sich kommt, hat er die Pistole in der Hand, mit der Harper erschossen werden, und unten auf der Straße heulen schon die Sirenen der rasch näher kommenden Polizei.

Auch nicht viel besser und genau wie die erste Option schon hundert Mal dagewesen. Meist ist es so, dass die ersten zwei oder drei Ideen, die einem einfallen, alles andere als kreativ sind. Es sind die ‚Ideen‘, die wir selbst schon in anderen Filmen und Büchern gesehen haben, und die unsere Leser daher mit Fug und Recht als abgegriffen und langweilig empfinden würden.

Also suchen wir weiter nach möglichen Alternativen. Überlegen Sie, was schiefgehen könnte oder was Ihr Perspektivcharakter nicht weiß.

Option 3: Harper ist verschwunden, offenbar untergetaucht. Seine Schubladen sind aufgerissen, als ob er in aller Eile seinen Koffer gepackt hätte. Maddox durchsucht die Wohnung und findet neben dem Telefon einen Notizblock. Auf dem obersten Blatt kann Maddox mit Bleistift die durchgedrückten Buchstaben der letzten Telefonnotiz sichtbar machen: eine Adresse in Boston.

Option 4: Harper ist verschwunden, hat offenbar seine Koffer gepackt und sich abgesetzt. Als Maddox gerade die Wohnung nach Hinweisen auf Harpers Ziel durchsucht, hört er Schritte im Flur und sieht den Schatten eines Mannes mit einer Pistole. Ist der Fremde hinter ihm her oder wollte er Harper als unliebsamen Mitwisser umlegen?

Schon etwas besser – aber da geht noch mehr.

Option 5: Der Mann, den Maddox in Harpers Wohnung vorfindet und nach einem Handgemenge an der Flucht hindern kann, ist nicht Harper, sondern der totgeglaubte Branley. Es stellt sich heraus, dass Branley seinen Tod mit Harpers Hilfe inszeniert hat, um unterzutauchen. Doch wer ist wirklich in Branleys Wagen am Fuß der Klippen verbrannt? War es Harper, der als Mitwisser aus dem Weg geschafft werden sollte?

Diese Variante wäre schon recht überraschend und würde mir von persönlich von den ersten fünf Alternativen am besten gefallen.

Natürlich ist es kein Zufall, dass dies die letzte Alternative ist, auf die ich bei meinem Brainstorming gestoßen bin. Die ersten Optionen dienen quasi nur dazu, zunächst die klischeehaften und abgegriffenen 08/15-Ideen aus dem Kopf zu bekommen. Erst nach dieser Aufwärmphase erwacht die eigene Kreativität und liefert uns wirklich neue Ideen, mit denen wir auch unsere Leser überraschen und verblüffen können.

Manche der Ideen, die Sie auf diese Weise sammeln, werden zwar überraschend und unverbraucht sein (was schon mal äußerst positiv ist), würden aber Ihre Handlung in eine völlig falsche Richtung lenken und kommen daher in der Praxis nicht in Frage.

Doch selbst wenn Sie nur bei jeder zweiten oder dritten Szene eine für den Leser wirklich unerwartete Entwicklung einbringen können, werden Sie es damit schaffen, Ihre Leser auf eine spannende Reise mitzunehmen, deren wahres Ende kaum einer Ihrer Leser im Voraus erahnen wird.


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Einfacher und schneller schreiben dank Checklisten-Plotting

Wenn es ums Schreiben von Romanen geht, kommt immer wieder die alte Diskussion zwischen „Plottern“ und „Pantsern“ auf. Während die „Plotter“ (oft auch als Planer, Outliner oder als Architekten bezeichnet) ihre Romanhandlungen stets bis ins letzte Detail vorplanen, bevor sie mit dem eigentlichen Schreiben beginnen, stürzen sich klassische „Pantser“ (auch als Gärtner, als ‚organische Schriftsteller‘ oder als ‚entdeckende Schriftsteller‘ bekannt) auf Basis einer interessanten Grundidee ins Schreiben und lassen sich zusammen mit ihren Romancharakteren überraschen, wohin sie die Handlung führt.

In der Praxis gibt es natürlich kaum einen ‚lupenreinen‘ Plotter oder Pantser, sondern die meisten Schriftsteller bewegen sich irgendwo in den unendlich vielen Graustufen zwischen diesen beiden Extremen. Ein klein wenig plant auch der eingefleischteste Pantser und selbst der hartgesottenste Plotter ist üblicherweise durchaus bereit, das Ende seiner Romanhandlung noch einmal anzupassen, wenn ihm auf halbem Wege eine noch bessere Idee kommt.

Beide Ansätze haben ihre individuellen Vor- und Nachteile: Plotter haben üblicherweise eine gut strukturierte Rohfassung, die wesentlich weniger Überarbeitung benötigt als die eines Pantsers. Dafür spart sich der Pantser den Zeitaufwand für die Planung und bewahrt sich die kreative Freiheit, beim Schreiben jeder neuen Idee zu folgen und jede interessante Abzweigung zu nehmen. Im Allgemeinen haben die Romane von Pantsern oft zu wenig Struktur und plätschern oft recht lange ziellos vor sich hin, während die Romane von Plottern manchmal etwas zu sehr am Reißbrett entworfen und daher „zu konstruiert“ wirken.

Doch es gibt einen guten Kompromiss zwischen den beiden Extremen, der einerseits für eine gewisse durchgängige Struktur sorgt, andererseits aber dem Schriftsteller genügend kreative Freiheiten lässt, um die Handlung unterwegs an neue Erkenntnisse und Ideen anzupassen: das „Checklisten-Plotting“.

Sagt Ihnen überhaupt nichts? Macht nicht. Sie brauchen auch gar nicht erst zu versuchen, diesen Begriff zu googeln – er ist von mir erfunden worden. Aber jede Technik braucht nur einmal einen passenden und griffigen Namen. ;-)

Beim Checklisten-Plotting plant man lediglich den Anfang und das Ende eines Romans, lässt aber den großen Mittelteil offen und hält stattdessen nur die wichtigsten Punkte, die bis zum Ziel erreicht werden müssen, als formlose Checkliste fest. Beim eigentlichen Schreiben des Romans hakt man diese Punkte dann ab, sobald man sie „erledigt“ hat.

Das klingt jetzt natürlich noch ziemlich abstrakt, aber ein kleines Beispiel verdeutlicht die Sache recht schnell: Wenn ich nach einem tiefen Griff in die Klischee-Kiste eine weitere Version der alten Geschichte „Junger Bauernbursche zieht aus, um den bösen Drachen zu erschlagen, der das Land terrorisiert“ schreiben möchte, sind Anfang und Ende ziemlich schnell klar.

Anfang: Der Protagonist – nennen wir ihn Max – startet als junger, unerfahrener Bauernbursche, dessen väterlicher Hof gerade vom Drachen in Schutt und Asche gelegt wurde.

Ende: Max stellt den Drachen zum finalen Kampf, erschlägt ihn mit dem magischen Schwert, das allein in der Lage ist, die Schuppen des Drachen zu durchdringen, rettet damit das Land, erbeutet den Schatz des Drachen und erhält vom König zum Dank die Hand der Prinzessin.

Klappen wir also die Klischeekiste wieder zu und überlegen uns, was zwischen der Ausgangssituation und dem geplanten Ende mindestens passieren müsste, um das Ende plausibel zu gestalten. „Mindestens“ deswegen, weil wir zu diesem Zeitpunkt wirklich nur die Punkte festhalten, die wirklich passieren müssen – nicht die optionalen Dinge, die Max unterwegs noch erleben könnte.

In dieser Phase notiert man zunächst einmal alles, was einem hier in den Sinn kommt, ohne sich großartig über die logische Reihenfolge der Ereignisse Gedanken zu machen oder gar konkrete Szenen zu planen.

Checkliste für „Max, der Drachentöter“:

  • Max erhält das magische Schwert
  • Max findet heraus, wo das Versteck des Drachen ist
  • Max lernt, wie man mit einem Schwert kämpft
  • Max erfährt, welche Schwachstellen ein Drache hat und wie man sie bekämpfen kann
  • Max erfährt, dass der König demjenigen, der das Land vom Drachen befreit, die Hand der Prinzssin versprochen hat
  • Max erfährt, dass eine normale Waffe die Haut des Drachen nicht durchdringen kann
  • Max zieht vom Hof seines Vaters los
  • Max erhält einen Schild, der ihn vor dem Feueratem des Drachen schützen kann

Sie sehen schon, dass diese Liste vorerst noch absolut unstrukturiert ist und keine logische Reihenfolge hat. Es ist mehr wie das Schreiben einer Einkaufsliste, auf der Sie alles notieren, was Sie benötigen, um ein mehrgängiges Menü für Ihre Freunde zu kochen.

Tatsächlich hat das Schreiben eines Romans mit dem Checklisten-Plotting etwas von einem Großeinkauf im Supermarkt: Man hat zwar seine Einkaufsliste dabei, auf der man sich alles notiert hat, was man besorgen möchte, doch sind diese Dinge üblicherweise nicht in derselben Reihenfolge aufgelistet, in der man letztendlich auf seinem Weg durch die Gänge an ihnen vorbei kommt.

Und natürlich kommt man beim Einkaufen auch noch auf spontane Ideen, was man auch noch (oder statt anderer Zutaten von der ursprünglichen Einkaufsliste) besorgen könnte. Auch das ist ähnlich wie beim Schreiben: Wenn einem während des Schreibens plötzlich die Idee kommt, dass es doch viel besser wäre, wenn Max sich mit einem Tarnumhang unentdeckt an den Drachen heranschleichen könnte, kann man den Schild von der Checkliste streichen und dort stattdessen den Tarnumhang notieren.

Genau wie beim Einkaufen entweder das Fassungsvermögen des Einkaufswagens (bzw. des heimischen Kühlschranks) oder aber das Haushaltsbudget das Limit des Einkaufs definieren, ist es beim Schreiben der geplante Umfang des fertigen Romans: Wenn man beim Einkaufen den Wagen schon halb voll hat, aber noch kaum etwas von seiner ursprünglichen Einkaufsliste abhaken konnte, läuft der Einkauf offenbar etwas aus dem Ruder. Dasselbe gilt fürs Schreiben: Wenn man schon mehr als die Hälfte des geplanten Umfangs seines Romans geschrieben hat und noch fast keinen der Punkte von seiner Checkliste abhaken konnte, läuft auch hier etwas ziemlich schief.

Damit einem das nicht passiert, sollte man beim Schreiben stets die aktuelle Länge seines Manuskripts im Auge behalten. Wenn man einen Roman von ca. 100.000 Wörtern (also runden 400 Normseiten) plant, und eine Checkliste mit 20 Punkten hat, die man bis zum großen Finale abhaken muss, sollte man Pi mal Daumen alle 5.000 Wörter bzw. alle 20 Seiten einen dieser Punkte als erledigt von seiner Liste streichen können.

Der große Vorteil des Checklisten-Plottings ist seine Flexibilität: Ich kann beim Schreiben improvisieren und jeder spontanen Idee folgen, solange ich dabei meine Checkliste nicht aus den Augen verliere.

Verschlägt es Max nach einem Schiffbruch in eine Hafenstadt voller zwielichtiger Gestalten, kann ich mich nach einem raschen Blick auf die Checkliste dafür entscheiden, dass Max dort den einbeinigen Drachentöter Knut trifft, von dem er viel über Drachen und ihre effektive Beseitigung erfährt. Oder vielleicht könnte Max in der Hafenstadt auf die Spuren eines unsichtbaren Einbrechers stoßen, der offenbar über einen Tarnumhang verfügt?

Solange ich weiß, welche Punkte ich bis zum großen Finale noch abhaken muss, kann ich mir jederzeit einfach den nächsten Punkt herauspicken, der sich von der logischen Entwicklung her recht gut in die Handlung einpassen ließe. Und gleichzeitig stelle ich sicher, dass sich Max nicht am Ende mit dem Schwert in der Hand in der Drachenhöhle wiederfindet und ihm noch nie jemand erklärt hat, wie man mit einer solchen Waffe kämpft oder wo sich die verwundbare Stelle des Drachen befindet. ;-)

Je nachdem, wie umfangreich Ihre Checkliste ist, ist es manchmal sinnvoll, die aktuell bereits relevanten Punkte mit einem auffälligen X am Rand zu markieren.

Wenn ich beispielsweise einen Krimi schreibe, macht der Punkt „Peter sucht im Haus von Dr. Weller nach Beweisen für seine Unschuld und findet den Geheimgang zur Kanalisation“ keinen Sinn, solange das Verbrechen nicht geschehen ist und Peter noch nicht in Verdacht geraten ist. Selbst wenn Peter Dr. Weller bereits vor dem Verbrechen kennen lernt, hätte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht den geringsten Grund, heimlich in dessen Haus einzudringen und es zu durchsuchen.

Wenn Sie also immer nur die Punkte mit einem X markieren, die zum jetzigen Zeitpunkt bereits Sinn machen, ist es wesentlich leichter, die Übersicht zu behalten. Wichtig ist allerdings, dass Sie jedes Mal, wenn Sie einen Punkt als erledigt von Ihrer Checkliste abhaken, alle noch unmarkierten Punkte durchgehen und all jene Punkte mit einem X versehen, die durch die Erreichung dieses Meilensteins relevant / akut geworden sind.

PS: Das Checklisten-Plotting lässt sich übrigens wunderbar mit der „Ja, aber…“/“Nein, und zusätzlich…“-Technik aus meinem Artikel „Eine Alternative zu klassischen Romanstrukturen“ kombinieren.


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Eine Alternative zu klassischen Romanstrukturen

Wenn es darum geht, einen Roman zu planen, bekommt man als Autor in Schreibratgebern meist die klassischen Romanstrukturen vorgebetet: von der klassischen 3-Akt-Struktur über die 8-Sequenzen-Struktur der Drehbuchautoren, Joseph Campbells ‚Monomythos‘ (besser bekannt als „Die Reise des Helden“) und die 7-Punkte-Struktur von Dan Wells bis hin zu genrespezifischen Modellen, die die einzelnen Phasen einer ‚klassischen Handlung‘ auflisten und für diese teils sogar noch prozentuale Angaben oder konkrete Seitenvorgaben machen.

Strukturen sind gut, solange sie ein stützendes Gerüst darstellen, aber sie schießen über das Ziel hinaus, sobald sie zu einem einengenden Korsett oder gar zu einer Zwangsjacke werden.

Es ist durchaus hilfreich, sich mit Romanstrukturen zu beschäftigen und ihre Elemente kennenzulernen, doch für die eigentliche Planung oder gar das Schreiben eines Romans sind sie meiner Meinung nach eher ungeeignet.

Je mehr Regeln man glaubt, beachten zu müssen, desto mehr wird das Planen und Schreiben eines Romans zu einem Hindernisparcours, bei dem man den Luftballon seiner kreativen Idee durch einen wahren Irrgarten aus rasiermesserscharfen Regeln hindurch zu manövrieren versucht. Der kreativen Entfaltung ist das nicht gerade zuträglich. Und die ist es doch gerade, auf die es uns beim Schreiben ankommt, oder?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Struktur ist keinesfalls unwichtig, sondern ganz im Gegenteil ein wichtiges Fundament für einen guten Roman. Genau wie man bei einem Haus nachträglich nur schwer das Fundament austauschen oder das Haus gar nachträglich unterkellern kann, ist es sehr schwer und extrem aufwändig, die Struktur eines fertig geschriebenen Romans nachträglich noch zu ändern, ohne einen großen Teil der Handlung neu schreiben zu müssen.

Aber Struktur muss glücklicherweise gar nicht kompliziert sein. Nehmen wir als Beispiel ein Sandwich oder einen Burger: Jedes Sandwich hat oben und unten jeweils ein Toastbrot, genau wie jeder Burger oben und unten eine Brötchenhälfte hat. Wie viele Lagen unterschiedlicher Zutaten sich in welcher Reihenfolge dazwischen befinden, ist pure Geschmackssache. Vom dünnen Hamburger ohne alles bis zum Riesenburger, den man nur noch mit Maulsperre oder mit Meser und Gabel essen kann, ist alles möglich.

Genauso ist es auch bei Romanen. Auch hier wird der Großteil der Handlung zwischen Einleitung und Finale eingebettet. Was sich dazwischen befindet, ist bei jedem Roman anders.

Damit sind wir wieder mal bei der klassischen 3-Akt-Struktur, die auf dem Werk „Poetik“ des griechischen Philosophen Aristoteles beruht. Der erste Akt ist die Einleitung (sozusagen die untere Brötchenhälfte). Hier stellen wir die Charaktere vor und definieren den zentralen Konflikt – also das Problem, das unseren Protagonisten bis zum großen Finale auf Trab halten wird. Sobald unser Protagonist einsieht, dass er handeln muss, können wir zum Mittelteil übergehen.

Hier überhäufen wir unseren Protagonisten mit immer neuen und immer schwierigeren Problemen und Herausforderungen, bis es schließlich zum großen Finale kommt. Der Mittelteil ist sozusagen ein Dampfkochtopf, in dem wir so lange den Druck erhöhen, bis der Protagonist gar ist.

Das Finale (also die oberere Brötchenhälfte, um beim Burger-Vergleich zu bleiben) beginnt mit dem ‚dunkelsten Moment‘ aus Campbells Heldenreise – also dem Moment, in dem der Held sich in einer so aussichtslosen Lage befindet, dass er keine Chance mehr sieht, sein Ziel noch zu erreichen. Alles sieht danach aus, als ob der Antagonist gewinnen würde. Doch natürlich hat man als Autor noch eine gut vorbereitete Idee in der Hinterhand, die man zum Ende hin aus dem Ärmel ziehen kann, um das Blatt in letzter Sekunde doch noch zu wenden.

So weit, so gut, so einfach. Die meisten Autoren haben kein Problem damit, einen spannenden Anfang oder ein spannendes Ende zu schreiben. Der Mittelteil ist es, der den meisten von uns solche Probleme bereitet. Denn schließlich ist dieser Mittelteil üblicherweise mindestens ebenso lang wie die Einleitung und das Finale zusammen – oft sogar noch deutlich länger.

Viele Romane leiden daher unter der berüchtigten ‚durchhängenden Mitte‘. Das kann man sich vorstellen wie eine lange Wäscheleine oder eine Stromleitung, die zwischen zwei weit voneinander stehenden Pfosten/Masten gespannt ist. Wenn diese nicht absolut straff gespannt ist oder sich im Sommer durch Wärme ausdehnt, hängt sie in der Mitte durch.

Bei einem Roman ist dies das Niemandsland, wo wir schon so weit von der spannenden Einleitung entfernt und noch ebenso weit vom dramatischen Finale entfernt sind, dass die Handlung an Fahrt verliert. Die Spannung lässt nach, die Handlung hängt durch und mehr und mehr Leser legen das Buch gelangweilt zur Seite und lesen niemals weiter.

Das ist der Punkt, an dem viele Schriftsteller wieder nach Strukturen schielen, die ihnen dabei helfen sollen, die durchhängende Mitte mit zusätzlichen Pfosten abzustützen und hoch zu halten.

Dabei geht es viel einfacher. Sehr viel einfacher.

Die Lösung heißt „Ja, aber… / Nein, und zusätzlich…“. Die bisher beste Erläuterung zu diesem Ansatz habe ich in einer Video-Reihe der beiden amerikanischen Autoren John Brown und Larry Correia gesehen, doch auch andere bekannte Autoren wie Brandon Sanderson arbeiten mit dieser Methode.

Das dahinter liegende Prinzip ist ganz einfach: Sobald Sie mit Ihrer Einleitung fertig sind, das Problem definiert und Ihren Protagonisten mit einem Schubs in die richtige Richtung zum Handeln motiert haben, schreiben Sie Ihre Handlung „lagenweise“, um beim Burger-Vergleich (oder dem Sandwich, wenn Ihnen das lieber ist) zu bleiben.

Genau wie dort jede Lage unterschiedlich dick sein kann und natürlich auch möglichst abwechslungsreich sein sollte (nicht drei Scheiben Käse übereinander und dann fünf Salatblätter, sondern mal eine dicke Frikadelle, mal Käse, mal Salat und dann wieder ein paar Zwiebelringe), können auch die einzelnen Sequenzen, aus denen Sie den Mittelteil Ihres Romans ‚aufschichten‘, unterschiedlich lang bzw. umfangreich sein.

Ganz allgemein gesagt beginnt jede Sequenz mit einem Ziel und einem zugehörigen Plan und endet mit dem Ergebnis dieser Aktion. Dieses Ergebnis führt dann zu einem neuen Ziel, einem dazu gehörigen neuen Plan und damit zur nächsten Sequenz.

Jede dieser Sequenzen lässt sich durch eine Frage definieren, die man entweder mit „Ja, aber…“ oder mit „Nein, und zusätzlich…“ beantworten kann.

Bei der „Ja, aber“-Variante schafft es der Protagonist zwar, sein aktuelles (kurzfristiges) Ziel zu erreichen, aber jetzt zeichnet sich am Horizont ein neues, größeres Problem ab.

Dieses neue Problem sollte natürlich nach Möglichkeit mit der Lösung des bisherigen Problems zu tun haben bzw. sich daraus herleiten: Der Protagonist schafft es zwar, den Computer in der Villa des Syndikatsbosses zu hacken und die Identität des Maulwurfs in den eigenen Reihen aufzudecken, aber er erkennt, dass der Verräter ausgerechnet der Scharfschütze ist, der ihm vom Dach des Nebengebäudes aus Feuerschutz geben soll. Nun muss er befürchten, dass dieser Scharfschütze alles daran setzen wird, dass er das Gebäude nicht mehr lebend verlassen wird.

Bei der „Nein, und zusätzlich“-Variante scheitert der Protagonist und hat am Ende noch größere Probleme als zuvor: Wird der unter falschem Verdacht stehende Protagonist es schaffen, den einzigen Zeugen für seine Unschuld aufzuspüren und ihn zu einer Aussage bei der Polizei zu überreden? Nein, er kommt ein paar Minuten zu spät und findet nur noch die Leiche des Zeugen in dessen Wohnung vor – zusätzlich wird er beim Verlassen des Tatorts beobachtet und wird nun von der Polizeit auch noch wegen Mordes gesucht.

Man kann fast jede beliebige Sequenz sowohl mit einem „Ja, aber…“ als auch mit einem „Nein, und zusätzlich…“ enden lassen. So kann man beim Schreiben für Abwechslung sorgen und dem Protagonisten zwischendurch durchaus mal einen Pyrrhussieg gönnen, der in Wahrheit seine Situation sogar noch verschlechtert.

Hier ein kleines Beispiel:

Ausgangssituation: Ihr Protagonist überrascht einen Dieb, der in sein Hotelzimmer eingedrungen ist und dort gerade die Schubladen und Koffer durchwühlt. Der Dieb schnappt sich die Laptoptasche Ihres Protagonisten, stößt ihn zur Seite und flieht.

Ziel/Plan: Ihr Protagonist nimmt die Verfolgung des Diebs auf, um ihn zu stellen und ihm die Tasche wieder abzunehmen.

Frage: Wird es dem Protagonisten gelingen, den Dieb einzuholen und sich die Laptoptasche zurückzuholen?

Antwort, Variante A: Ja, aber bei der Verfolgung des Diebs durch die halbe Stadt ist er in einem heruntergekommenen Viertel gelandet. Er hat die Orientierung verloren und allmählich wird es schon dunklel. Eine Gruppe zwielichtiger Gestalten kommt auf ihn zu und umringt ihn. Einer von ihnen zückt ein Messer.

Antwort, Variante B: Nein, und zusätzlich büßt er auch noch seine Brieftasche und sein Handy ein, als der flüchtige Dieb ihm hinter einer einer Ecke auflauert und ihn mit einem herumliegenden Kantholz niederstreckt. Jetzt hat er eine gebrochene Nase, kein Geld für ein Taxi und kein Telefon mehr, um Hilfe zu rufen.

Egal, ob der Protagonist sein Ziel erreicht (Variante „Ja, aber…“) oder ob er scheitert (Variante „Nein, und zusätzlich…“) – seine Situation hat sich gerade verschlimmert.

Mit jeder solchen Sequenz, die Sie schreiben, bringen Sie Ihren Protagonisten in immer größere Schwierigkeiten, erhöhen den Druck und den Einsatz und versorgen ihn direkt mit einem neuen, noch größeren Problem, um das er sich kümmern muss.

Die Faustregel ist: Egal, wie die Sequenz ausgeht – Ihr Protagonist muss sich am Ende in einer noch schlechteren Situation als am Anfang befinden.

Achten Sie allerdings stets darauf, dass Sie den Druck nur langsam steigern. Wenn Sie ihm direkt bei der ersten Komplikation fast unlösbare Probleme um die Ohren hauen, ist im weiteren Verlauf der Handlung kaum noch eine Steigerung möglich.

Ihr Protagonist muss nicht senkrecht ins Chaos fallen. Es genügt, wenn er langsam und unaufhaltsam darauf zu rutscht und jeder noch so gut erdachte Plan ihn letztendlich doch nur weiter abrutschen lässt.

Achten Sie auch darauf, dass Sie sich (bzw. Ihren Protagonisten) niemals so in die Ecke schreiben, dass Ihnen selbst keine Lösung mehr einfällt, wie Sie ihn dort wieder mit halbwegs heiler Haut herausholen können.

Behalten Sie dafür immer das große Finale im Auge, das Sie zumindest ansatzweise skizziert haben sollten. Wenn das „Ja, aber / Nein, und zusätzlich“-Ende, das Sie für eine Sequenz angedacht haben, Ihnen das Ende verbaut, sollten Sie entweder umdisponieren oder zumindest eine Idee für ein anderes, mindestens ebenso gutes Ende im Hinterkopf haben, das zu dieser neuen Richtung der Handlung passt.

Spätestens, wenn Sie bei ca. 75-80% der Ziellänge Ihres Romans angekommen sind, sollten Sie Kurs auf den „dunkelsten Moment“ nehmen, also den Augenblick, in dem alles für Ihren Protagonisten wahrhaft hoffnungslos aussieht. Jetzt kommt die Sequenz, in der Sie Ihrem Protagonisten wirklich den Boden unter den Füßen wegziehen und ihn auf die Bretter gehen lassen.

Und damit haben Sie dann den perfekten Übergang zu Ihrem großen Finale erreicht. Dieser Teil schreibt sich dann wieder fast von alleine, zumal die Handlung jetzt nochmal deutlich an Fahrt aufnimmt. Und ehe Sie sich versehen, können Sie das magische Wörtchen ENDE unter das letzte Kapitel Ihres Romans schreiben.

Probieren Sie es einfach selbst einmal aus. Es lohnt sich.


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1 x wöchentlich: Rezept für Schriftsteller

Wann darf man sich eigentlich als Schriftsteller bezeichnen? Wenn man ein Buch veröffentlicht hat – oder zehn? Wenn man eine bestimmte Anzahl Bücher verkauft hat? Wenn man es mit einem seiner Bücher in die Bestsellerlisten geschafft hat? Oder gar erst dann, wenn man ausschließlich vom Schreiben leben kann?

Gerade in der heutigen Zeit, in der Verlage ihre Funktion als „Torwächter“ vor einer erfolgreichen Veröffentlichung eingebüßt haben und jeder seine Bücher und Geschichten kurzerhand per Print-on-Demand, als eBook, über Portale wie Wattpad oder über die eigene Autorenhomepage selbst veröffentlichen kann, tun sich viele schwer damit, diese Frage für sich selbst zu beantworten.

Denn wenn vorher eine Veröffentlichung in einem klassischen Publikumsverlag ein Zeichen dafür war, dass man „es geschafft hat“ und sich nun mit Fug und Recht als Schriftsteller bezeichnen darf, leben wir heute in einer Zeit, in der sich sogar frühere Verlagsautoren bei ihren neuen Werken ganz bewusst für die Veröffentlichung im Selbstverlag entscheiden und erfolgreiche Selfpublisher teils sogar Verlagsverträge ausschlagen, da sie ihnen finanziell nicht mehr als lohnend erscheinen.

Was wiederum dazu führt, dass klassische Verlage sich mit erfahrenen Dienstleistern im Selfpublishing-Segment zusammentun, um besser mit den Selfpublishern zusammenarbeiten zu können. So kaufte Bastei Lübbe Mitte letzten Jahres Bookrix auf und erst kürzlich haben BoD und die Verlagsgruppe Random House den gemeinsamen Verlag Twentysix vorgestellt – einen Verlag ohne Schwellen, über den jeder Selfpublisher seine Werke veröffentlichen kann.

Das Kriterium der Veröffentlichung, auch in Zusammenarbeit mit einem klassischen Verlagshaus, ist also auch keine feste Größe mehr, wenn es darum geht, die Frage zu beantworten, ab wann man sich als Schriftsteller bezeichnen darf – und zwar weder in die eine noch in die andere Richtung.

Wenn auch Sie sich diese Frage schon gestellt haben, kann ich Ihnen nur einen Tipp geben: Legen Sie die Messlatte nicht unnötig hoch. Machen Sie es sich selbst einfach, zu gewinnen.

Nutzen Sie die einfachste Definition: Ein Schriftsteller ist jemand, der schreibt – und zwar regelmäßig. Das ist für mich der große Unterschied zwischen Schriftsteller und Autor. Ein Autor ist jemand, der ein oder mehrere Werke verfasst hat – ein „Autor von Spionagethrillern“ oder die „Autorin von ‚Der Weg der schwarzen Steine‘„.

Es kann allerdings durchaus sein, dass ein solcher Autor schon lange nichts Neues mehr veröffentlicht hat und sogar seit geraumer Zeit nichts mehr geschrieben hat – vielleicht schon seit einigen Jahren. Natürlich bleibt so jemand ein Autor – die Zuordnung Autor zu geschriebenem Werk geht ja nicht irgendwann verloren.

Doch ist jemand wirklich immer noch ein Schriftsteller, wenn er nichts mehr schreibt? Es geht mir dabei nicht um die Schriftsteller, die zehn oder  zwanzig Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung immer noch im stillen Kämmerlein zumindest gelegentlich an ihrem Magnus Opus weiter schreiben, sondern um die, die das Schreiben wirklich an den Nagel gehängt haben oder bei denen es seit Jahren so in den Hintergrund geraten ist, dass sie schon ewig lange nichts mehr geschrieben haben.

Auch wenn es vielleicht ein wenig provokativ klingen mag: für mich ist so jemand ein ehemaliger Schriftsteller. Das ist aus meiner Sicht dasselbe wie bei Sportlern: Wenn ein Boxer seit zehn Jahren nicht mehr in den Ring gestiegen ist und auch nicht mehr trainiert, sondern nur noch von seinem früheren Ruhm lebt, ist er ein Ex-Boxer. Wenn jemand seinen Beruf (egal, ob er Koch, Steinmetz oder Steuerberater war) an den Nagel gehängt oder in den Ruhestand gegangen ist, ist er ein ehemaliger Koch, ehemaliger Steinmetz oder ehemaliger Steuerberater. Und wenn ein Schriftsteller nichts Neues mehr schreibt, ist er eben ein ehemaliger Schriftsteller. Das bedeutet nicht, dass er nicht wieder zum Schreiben zurückkehren könnte – George Foreman war ja auch nach zehn  Jahren im Ruhestand wieder zum Boxen zurückgekehrt und schaffte es 1994 sogar, sich nach 20 Jahren seinen Weltmeistertitel zurück zu holen. Aber solange ein früherer Schriftsteller nicht zum Schreiben zurückkehrt, ist und bleibt er ein ‚ehemaliger‘ Schriftsteller. Das ist absolut nichts Unrühmliches – es bedeutet lediglich, dass er nichts Neues mehr schreibt.

Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass man ein Schriftsteller ist, sobald man regelmäßig schreibt. Im Prinzip ist diese Aussage gar nicht so verkehrt, doch ich würde sie gerne noch etwas präzisieren. Für mich ist ein Schriftsteller jemand, der mit dem Ziel schreibt, das Geschriebene zu veröffentlichen. In welcher Form er das tut, spielt eine untergeordnete Rolle.

Die Möglichkeiten dafür sind gerade heute quasi unbegrenzt: Ob Veröffentlichung über einen klassischen Publiskumsverlag, per Print-on-Demand oder als eBook im Selbstverlag, ob über Zeitungen und Zeitschriften, über Literaturportale oder über die eigene Autorenhomepage.

Wenn Sie sich selbst als Schriftsteller fühlen wollen – unabhängig davon, ob Sie bereits Autor eines oder mehrerer Werke sind – würde ich Ihnen daher eine zweistufige Herausforderung empfehlen:

1. Schreiben Sie täglich

Ich weiß nicht, wie Ihr Tagesablauf aussieht. Vermutlich ziemlich stressig, aber das ist er bei anderen auch. Benutzen Sie Ihren stressigen Alltag daher nicht als Ausrede, warum Sie nicht zum Schreiben kommen und es immer wieder auf „später“ verschieben.

„Später“ neigt ebenso wie „morgen“ dazu, sich zur konstanten Größe zur entwickeln: Wir reden heute davon, „morgen“ zu schreiben, und morgen und übermorgen werden wir uns ebenfalls wieder vornehmen, „morgen“ endlich wieder ans Schreiben zu gehen. In Spanien gibt es eine schöne Redensart, die die Sache auf den Punkt bringt: „‚Morgen‘ ist meist der stressigste Tag der Woche.

Gewöhnen Sie sich daher an, jeden Tag zumindest ein bisschen zu schreiben. Ich rede nicht von festen Quoten, sondern lediglich davon, dass Sie keinen Tag verstreichen lassen, ohne zumindest einen Satz an Ihrem aktuellen Projekt weiter zu schreiben. Egal, wie stressig und anstrengend der Tag war, wie müde wir sind und wie spät es schon ist – einen Satz kann man immer schreiben. Man kann zwar vielleicht nicht jeden Tag Bäume ausreißen, aber Gras geht immer. ;-)

Dafür müssen Sie nicht einmal Ihren PC hochfahren, wenn Ihnen das zu viel Arbeit ist. Schreiben Sie den Satz in das Email-Programm auf Ihrem Smartphone und schicken Sie ihn sich selbst zu, damit Sie ihn am nächsten Tag in Ihr Manuskript übernehmen können, oder lassen Sie an Ihrem Tablet stets eine Schreib-App wie JotterPad geöffnet, die dann mit einem Knopfdruck einsatzbereit ist.

Natürlich werden Sie meist in der Praxis nicht nur einen Satz schreiben. Wenn Sie sich erst einmal zum Schreiben hingesetzt haben, werden es oft mehrere Seiten, bevor Sie sich wieder von Ihrem Text losreißen können. Aber wenn die Zeit wirklich mal nur für einen oder zwei Sätze reicht, ist es eben auch nicht schlimm. Hauptsache, Sie haben heute zumindest ein bisschen was geschrieben.

Wenn Sie wollen, können Sie zur Selbstmotiviation auch denselben Trick verwenden, den Comedian Jerry Seinfeld benutzte, um zu einem der erfolgreichsten TV-Comedians aller Zeiten zu werden: Seinfeld fasste den festen Vorsatz, jeden Tag mindestens einen neuen Gag zu schreiben. Sobald er das geschafft hatte, machte er ein rotes Kreuz unter dem jeweiligen Tag auf seinem Wandkalender. Und ab dann versuchte er nur noch, die Kette der roten Kreuze niemals abreißen zu lassen.

Probieren Sie es ruhig selbst einmal aus: ein rotes Kreuz für jeden Tag, an dem Sie zumindest einen Satz an Ihrem aktuellen Projekt geschrieben haben. Schreiben Sie die Anzahl der Tage darunter, die Sie bereits durchgehalten haben – ähnlich wie die Schilder, die man oft der Fertigung sieht: „Seit 117 Tagen unfallfrei“. Je höher die Zahl wird, desto mehr sind alle motiviert, nicht wieder auf Null zurück zu fallen. Das klappt auch fürs Schreiben.

2. Veröffentlichen Sie wöchentlich

Der zweite Teil der Herausforderung klingt schon etwas schwieriger: jede Woche etwas veröffentlichen. Aber keine Sorge: ich rede nicht davon, dass Sie jede Woche ein Buch oder ein ähnlich umfangreiches Werk veröffentlichen sollen. Nur davon, dass Sie jede Woche „etwas“ veröffentlichen sollen.

Veröffentlichen ist dabei ein relativer Begriff. Alles, was Sie nicht ausschließlich für sich selbst bzw. „für die Schublade“ geschrieben haben, sondern das Sie „öffentlich machen“, also anderen zum Lesen zur Verfügung stellen, gilt bei dieser Herausforderung als Veröffentlichung.

Das kann alles Mögliche sein:

  • Die Veröffentlichung eines neuen Blogposts in Ihrem Autorenblog
  • Eine Kurzgeschichte, die Sie als eBook oder in Ihrem Blog veröffentlichen oder die Sie für einen Wettbewerb / eine Anthologie einsenden. Einsendungen für Wettbewerbe o.ä. gelten nach dieser Regel als „Veröffentlichung“ – egal, ob die Geschichte bei dem Wettbewerb einen der Preise gewinnt oder in der Anthologie veröffentlicht wird. Sie haben es der Jury zum Lesen geschickt und damit „öffentlich gemacht“.
  • Die Veröffentlichung eines neuen Kapitels einer Fortsetzungsgeschichte über Wattpad.

Es gibt bei diesem Teil der Herausforderung keine Mindestlänge und keine Vorgaben, was Sie veröffentlichen. Wichtig ist nur, dass Sie etwas veröffentlichen, das von Fremden (also nicht nur von wohlmeinenden Familienangehörigen und guten Freunden, die ohnehin alles über den grünen Klee loben, was man schreibt) gelesen und ggf. kommentiert werden kann.

Natürlich setzen Sie sich damit möglicher Kritik aus – ob in Form von Kommentaren unter einem Blogpost, Bewertungen und Feedback bei Wattpad oder Ablehnungsschreiben. Aber gerade das ist wichtig, da man sich nur so im Laufe der Zeit ein dickes Fell antrainieren und die Angst vor Kritik ablegen kann. Erstens sind die Kommentare oft positiv und motivieren einen dazu, weiter zu machen. Und selbst an kritischen Kommentaren kann man wachsen. Manche von ihnen sind berechtigt und bieten einem Ansatzpunkte, wie man zukünftig noch besser werden kann – also eine nützliche Hilfestellung, die man niemals erhalten hätte, wenn man nicht veröffentlicht hätte. Und sogar aus unsachlichen, rein destruktiven Kommentaren kann man etwas lernen: Nur ein toter Hund wird nicht getreten – und jeder Nadelstich und jeder Nackenschlag sorgen nur dafür, dass wir im Laufe der Zeit eine Hornhaut entwickeln, auf die so manches Nashorn stolz wäre. ;-)

Solange Sie diese zweiteilige Herausforderung für sich persönlich annehmen und meistern, können Sie sich meiner Auffassung nach mit Fug und Recht als „Schriftsteller“ bezeichnen – unabhängig davon, was Sie bereits an Büchern veröffentlicht haben und ob Sie bereits kommerzielle Erfolge vorzuweisen haben.

Was denken Sie über diese Thematik? Was bedeutet es für Sie, ein Schriftsteller zu sein und was sehen Sie als die Kriterien, die man dafür erfüllen muss? Es würde mich freuen, Ihre Ansichten in den Kommentaren zu lesen.


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