Eine Alternative zu klassischen Romanstrukturen

Wenn es darum geht, einen Roman zu planen, bekommt man als Autor in Schreibratgebern meist die klassischen Romanstrukturen vorgebetet: von der klassischen 3-Akt-Struktur über die 8-Sequenzen-Struktur der Drehbuchautoren, Joseph Campbells ‚Monomythos‘ (besser bekannt als „Die Reise des Helden“) und die 7-Punkte-Struktur von Dan Wells bis hin zu genrespezifischen Modellen, die die einzelnen Phasen einer ‚klassischen Handlung‘ auflisten und für diese teils sogar noch prozentuale Angaben oder konkrete Seitenvorgaben machen.

Strukturen sind gut, solange sie ein stützendes Gerüst darstellen, aber sie schießen über das Ziel hinaus, sobald sie zu einem einengenden Korsett oder gar zu einer Zwangsjacke werden.

Es ist durchaus hilfreich, sich mit Romanstrukturen zu beschäftigen und ihre Elemente kennenzulernen, doch für die eigentliche Planung oder gar das Schreiben eines Romans sind sie meiner Meinung nach eher ungeeignet.

Je mehr Regeln man glaubt, beachten zu müssen, desto mehr wird das Planen und Schreiben eines Romans zu einem Hindernisparcours, bei dem man den Luftballon seiner kreativen Idee durch einen wahren Irrgarten aus rasiermesserscharfen Regeln hindurch zu manövrieren versucht. Der kreativen Entfaltung ist das nicht gerade zuträglich. Und die ist es doch gerade, auf die es uns beim Schreiben ankommt, oder?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Struktur ist keinesfalls unwichtig, sondern ganz im Gegenteil ein wichtiges Fundament für einen guten Roman. Genau wie man bei einem Haus nachträglich nur schwer das Fundament austauschen oder das Haus gar nachträglich unterkellern kann, ist es sehr schwer und extrem aufwändig, die Struktur eines fertig geschriebenen Romans nachträglich noch zu ändern, ohne einen großen Teil der Handlung neu schreiben zu müssen.

Aber Struktur muss glücklicherweise gar nicht kompliziert sein. Nehmen wir als Beispiel ein Sandwich oder einen Burger: Jedes Sandwich hat oben und unten jeweils ein Toastbrot, genau wie jeder Burger oben und unten eine Brötchenhälfte hat. Wie viele Lagen unterschiedlicher Zutaten sich in welcher Reihenfolge dazwischen befinden, ist pure Geschmackssache. Vom dünnen Hamburger ohne alles bis zum Riesenburger, den man nur noch mit Maulsperre oder mit Meser und Gabel essen kann, ist alles möglich.

Genauso ist es auch bei Romanen. Auch hier wird der Großteil der Handlung zwischen Einleitung und Finale eingebettet. Was sich dazwischen befindet, ist bei jedem Roman anders.

Damit sind wir wieder mal bei der klassischen 3-Akt-Struktur, die auf dem Werk „Poetik“ des griechischen Philosophen Aristoteles beruht. Der erste Akt ist die Einleitung (sozusagen die untere Brötchenhälfte). Hier stellen wir die Charaktere vor und definieren den zentralen Konflikt – also das Problem, das unseren Protagonisten bis zum großen Finale auf Trab halten wird. Sobald unser Protagonist einsieht, dass er handeln muss, können wir zum Mittelteil übergehen.

Hier überhäufen wir unseren Protagonisten mit immer neuen und immer schwierigeren Problemen und Herausforderungen, bis es schließlich zum großen Finale kommt. Der Mittelteil ist sozusagen ein Dampfkochtopf, in dem wir so lange den Druck erhöhen, bis der Protagonist gar ist.

Das Finale (also die oberere Brötchenhälfte, um beim Burger-Vergleich zu bleiben) beginnt mit dem ‚dunkelsten Moment‘ aus Campbells Heldenreise – also dem Moment, in dem der Held sich in einer so aussichtslosen Lage befindet, dass er keine Chance mehr sieht, sein Ziel noch zu erreichen. Alles sieht danach aus, als ob der Antagonist gewinnen würde. Doch natürlich hat man als Autor noch eine gut vorbereitete Idee in der Hinterhand, die man zum Ende hin aus dem Ärmel ziehen kann, um das Blatt in letzter Sekunde doch noch zu wenden.

So weit, so gut, so einfach. Die meisten Autoren haben kein Problem damit, einen spannenden Anfang oder ein spannendes Ende zu schreiben. Der Mittelteil ist es, der den meisten von uns solche Probleme bereitet. Denn schließlich ist dieser Mittelteil üblicherweise mindestens ebenso lang wie die Einleitung und das Finale zusammen – oft sogar noch deutlich länger.

Viele Romane leiden daher unter der berüchtigten ‚durchhängenden Mitte‘. Das kann man sich vorstellen wie eine lange Wäscheleine oder eine Stromleitung, die zwischen zwei weit voneinander stehenden Pfosten/Masten gespannt ist. Wenn diese nicht absolut straff gespannt ist oder sich im Sommer durch Wärme ausdehnt, hängt sie in der Mitte durch.

Bei einem Roman ist dies das Niemandsland, wo wir schon so weit von der spannenden Einleitung entfernt und noch ebenso weit vom dramatischen Finale entfernt sind, dass die Handlung an Fahrt verliert. Die Spannung lässt nach, die Handlung hängt durch und mehr und mehr Leser legen das Buch gelangweilt zur Seite und lesen niemals weiter.

Das ist der Punkt, an dem viele Schriftsteller wieder nach Strukturen schielen, die ihnen dabei helfen sollen, die durchhängende Mitte mit zusätzlichen Pfosten abzustützen und hoch zu halten.

Dabei geht es viel einfacher. Sehr viel einfacher.

Die Lösung heißt „Ja, aber… / Nein, und zusätzlich…“. Die bisher beste Erläuterung zu diesem Ansatz habe ich in einer Video-Reihe der beiden amerikanischen Autoren John Brown und Larry Correia gesehen, doch auch andere bekannte Autoren wie Brandon Sanderson arbeiten mit dieser Methode.

Das dahinter liegende Prinzip ist ganz einfach: Sobald Sie mit Ihrer Einleitung fertig sind, das Problem definiert und Ihren Protagonisten mit einem Schubs in die richtige Richtung zum Handeln motiert haben, schreiben Sie Ihre Handlung „lagenweise“, um beim Burger-Vergleich (oder dem Sandwich, wenn Ihnen das lieber ist) zu bleiben.

Genau wie dort jede Lage unterschiedlich dick sein kann und natürlich auch möglichst abwechslungsreich sein sollte (nicht drei Scheiben Käse übereinander und dann fünf Salatblätter, sondern mal eine dicke Frikadelle, mal Käse, mal Salat und dann wieder ein paar Zwiebelringe), können auch die einzelnen Sequenzen, aus denen Sie den Mittelteil Ihres Romans ‚aufschichten‘, unterschiedlich lang bzw. umfangreich sein.

Ganz allgemein gesagt beginnt jede Sequenz mit einem Ziel und einem zugehörigen Plan und endet mit dem Ergebnis dieser Aktion. Dieses Ergebnis führt dann zu einem neuen Ziel, einem dazu gehörigen neuen Plan und damit zur nächsten Sequenz.

Jede dieser Sequenzen lässt sich durch eine Frage definieren, die man entweder mit „Ja, aber…“ oder mit „Nein, und zusätzlich…“ beantworten kann.

Bei der „Ja, aber“-Variante schafft es der Protagonist zwar, sein aktuelles (kurzfristiges) Ziel zu erreichen, aber jetzt zeichnet sich am Horizont ein neues, größeres Problem ab.

Dieses neue Problem sollte natürlich nach Möglichkeit mit der Lösung des bisherigen Problems zu tun haben bzw. sich daraus herleiten: Der Protagonist schafft es zwar, den Computer in der Villa des Syndikatsbosses zu hacken und die Identität des Maulwurfs in den eigenen Reihen aufzudecken, aber er erkennt, dass der Verräter ausgerechnet der Scharfschütze ist, der ihm vom Dach des Nebengebäudes aus Feuerschutz geben soll. Nun muss er befürchten, dass dieser Scharfschütze alles daran setzen wird, dass er das Gebäude nicht mehr lebend verlassen wird.

Bei der „Nein, und zusätzlich“-Variante scheitert der Protagonist und hat am Ende noch größere Probleme als zuvor: Wird der unter falschem Verdacht stehende Protagonist es schaffen, den einzigen Zeugen für seine Unschuld aufzuspüren und ihn zu einer Aussage bei der Polizei zu überreden? Nein, er kommt ein paar Minuten zu spät und findet nur noch die Leiche des Zeugen in dessen Wohnung vor – zusätzlich wird er beim Verlassen des Tatorts beobachtet und wird nun von der Polizeit auch noch wegen Mordes gesucht.

Man kann fast jede beliebige Sequenz sowohl mit einem „Ja, aber…“ als auch mit einem „Nein, und zusätzlich…“ enden lassen. So kann man beim Schreiben für Abwechslung sorgen und dem Protagonisten zwischendurch durchaus mal einen Pyrrhussieg gönnen, der in Wahrheit seine Situation sogar noch verschlechtert.

Hier ein kleines Beispiel:

Ausgangssituation: Ihr Protagonist überrascht einen Dieb, der in sein Hotelzimmer eingedrungen ist und dort gerade die Schubladen und Koffer durchwühlt. Der Dieb schnappt sich die Laptoptasche Ihres Protagonisten, stößt ihn zur Seite und flieht.

Ziel/Plan: Ihr Protagonist nimmt die Verfolgung des Diebs auf, um ihn zu stellen und ihm die Tasche wieder abzunehmen.

Frage: Wird es dem Protagonisten gelingen, den Dieb einzuholen und sich die Laptoptasche zurückzuholen?

Antwort, Variante A: Ja, aber bei der Verfolgung des Diebs durch die halbe Stadt ist er in einem heruntergekommenen Viertel gelandet. Er hat die Orientierung verloren und allmählich wird es schon dunklel. Eine Gruppe zwielichtiger Gestalten kommt auf ihn zu und umringt ihn. Einer von ihnen zückt ein Messer.

Antwort, Variante B: Nein, und zusätzlich büßt er auch noch seine Brieftasche und sein Handy ein, als der flüchtige Dieb ihm hinter einer einer Ecke auflauert und ihn mit einem herumliegenden Kantholz niederstreckt. Jetzt hat er eine gebrochene Nase, kein Geld für ein Taxi und kein Telefon mehr, um Hilfe zu rufen.

Egal, ob der Protagonist sein Ziel erreicht (Variante „Ja, aber…“) oder ob er scheitert (Variante „Nein, und zusätzlich…“) – seine Situation hat sich gerade verschlimmert.

Mit jeder solchen Sequenz, die Sie schreiben, bringen Sie Ihren Protagonisten in immer größere Schwierigkeiten, erhöhen den Druck und den Einsatz und versorgen ihn direkt mit einem neuen, noch größeren Problem, um das er sich kümmern muss.

Die Faustregel ist: Egal, wie die Sequenz ausgeht – Ihr Protagonist muss sich am Ende in einer noch schlechteren Situation als am Anfang befinden.

Achten Sie allerdings stets darauf, dass Sie den Druck nur langsam steigern. Wenn Sie ihm direkt bei der ersten Komplikation fast unlösbare Probleme um die Ohren hauen, ist im weiteren Verlauf der Handlung kaum noch eine Steigerung möglich.

Ihr Protagonist muss nicht senkrecht ins Chaos fallen. Es genügt, wenn er langsam und unaufhaltsam darauf zu rutscht und jeder noch so gut erdachte Plan ihn letztendlich doch nur weiter abrutschen lässt.

Achten Sie auch darauf, dass Sie sich (bzw. Ihren Protagonisten) niemals so in die Ecke schreiben, dass Ihnen selbst keine Lösung mehr einfällt, wie Sie ihn dort wieder mit halbwegs heiler Haut herausholen können.

Behalten Sie dafür immer das große Finale im Auge, das Sie zumindest ansatzweise skizziert haben sollten. Wenn das „Ja, aber / Nein, und zusätzlich“-Ende, das Sie für eine Sequenz angedacht haben, Ihnen das Ende verbaut, sollten Sie entweder umdisponieren oder zumindest eine Idee für ein anderes, mindestens ebenso gutes Ende im Hinterkopf haben, das zu dieser neuen Richtung der Handlung passt.

Spätestens, wenn Sie bei ca. 75-80% der Ziellänge Ihres Romans angekommen sind, sollten Sie Kurs auf den „dunkelsten Moment“ nehmen, also den Augenblick, in dem alles für Ihren Protagonisten wahrhaft hoffnungslos aussieht. Jetzt kommt die Sequenz, in der Sie Ihrem Protagonisten wirklich den Boden unter den Füßen wegziehen und ihn auf die Bretter gehen lassen.

Und damit haben Sie dann den perfekten Übergang zu Ihrem großen Finale erreicht. Dieser Teil schreibt sich dann wieder fast von alleine, zumal die Handlung jetzt nochmal deutlich an Fahrt aufnimmt. Und ehe Sie sich versehen, können Sie das magische Wörtchen ENDE unter das letzte Kapitel Ihres Romans schreiben.

Probieren Sie es einfach selbst einmal aus. Es lohnt sich.


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1 x wöchentlich: Rezept für Schriftsteller

Wann darf man sich eigentlich als Schriftsteller bezeichnen? Wenn man ein Buch veröffentlicht hat – oder zehn? Wenn man eine bestimmte Anzahl Bücher verkauft hat? Wenn man es mit einem seiner Bücher in die Bestsellerlisten geschafft hat? Oder gar erst dann, wenn man ausschließlich vom Schreiben leben kann?

Gerade in der heutigen Zeit, in der Verlage ihre Funktion als „Torwächter“ vor einer erfolgreichen Veröffentlichung eingebüßt haben und jeder seine Bücher und Geschichten kurzerhand per Print-on-Demand, als eBook, über Portale wie Wattpad oder über die eigene Autorenhomepage selbst veröffentlichen kann, tun sich viele schwer damit, diese Frage für sich selbst zu beantworten.

Denn wenn vorher eine Veröffentlichung in einem klassischen Publikumsverlag ein Zeichen dafür war, dass man „es geschafft hat“ und sich nun mit Fug und Recht als Schriftsteller bezeichnen darf, leben wir heute in einer Zeit, in der sich sogar frühere Verlagsautoren bei ihren neuen Werken ganz bewusst für die Veröffentlichung im Selbstverlag entscheiden und erfolgreiche Selfpublisher teils sogar Verlagsverträge ausschlagen, da sie ihnen finanziell nicht mehr als lohnend erscheinen.

Was wiederum dazu führt, dass klassische Verlage sich mit erfahrenen Dienstleistern im Selfpublishing-Segment zusammentun, um besser mit den Selfpublishern zusammenarbeiten zu können. So kaufte Bastei Lübbe Mitte letzten Jahres Bookrix auf und erst kürzlich haben BoD und die Verlagsgruppe Random House den gemeinsamen Verlag Twentysix vorgestellt – einen Verlag ohne Schwellen, über den jeder Selfpublisher seine Werke veröffentlichen kann.

Das Kriterium der Veröffentlichung, auch in Zusammenarbeit mit einem klassischen Verlagshaus, ist also auch keine feste Größe mehr, wenn es darum geht, die Frage zu beantworten, ab wann man sich als Schriftsteller bezeichnen darf – und zwar weder in die eine noch in die andere Richtung.

Wenn auch Sie sich diese Frage schon gestellt haben, kann ich Ihnen nur einen Tipp geben: Legen Sie die Messlatte nicht unnötig hoch. Machen Sie es sich selbst einfach, zu gewinnen.

Nutzen Sie die einfachste Definition: Ein Schriftsteller ist jemand, der schreibt – und zwar regelmäßig. Das ist für mich der große Unterschied zwischen Schriftsteller und Autor. Ein Autor ist jemand, der ein oder mehrere Werke verfasst hat – ein „Autor von Spionagethrillern“ oder die „Autorin von ‚Der Weg der schwarzen Steine‘„.

Es kann allerdings durchaus sein, dass ein solcher Autor schon lange nichts Neues mehr veröffentlicht hat und sogar seit geraumer Zeit nichts mehr geschrieben hat – vielleicht schon seit einigen Jahren. Natürlich bleibt so jemand ein Autor – die Zuordnung Autor zu geschriebenem Werk geht ja nicht irgendwann verloren.

Doch ist jemand wirklich immer noch ein Schriftsteller, wenn er nichts mehr schreibt? Es geht mir dabei nicht um die Schriftsteller, die zehn oder  zwanzig Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung immer noch im stillen Kämmerlein zumindest gelegentlich an ihrem Magnus Opus weiter schreiben, sondern um die, die das Schreiben wirklich an den Nagel gehängt haben oder bei denen es seit Jahren so in den Hintergrund geraten ist, dass sie schon ewig lange nichts mehr geschrieben haben.

Auch wenn es vielleicht ein wenig provokativ klingen mag: für mich ist so jemand ein ehemaliger Schriftsteller. Das ist aus meiner Sicht dasselbe wie bei Sportlern: Wenn ein Boxer seit zehn Jahren nicht mehr in den Ring gestiegen ist und auch nicht mehr trainiert, sondern nur noch von seinem früheren Ruhm lebt, ist er ein Ex-Boxer. Wenn jemand seinen Beruf (egal, ob er Koch, Steinmetz oder Steuerberater war) an den Nagel gehängt oder in den Ruhestand gegangen ist, ist er ein ehemaliger Koch, ehemaliger Steinmetz oder ehemaliger Steuerberater. Und wenn ein Schriftsteller nichts Neues mehr schreibt, ist er eben ein ehemaliger Schriftsteller. Das bedeutet nicht, dass er nicht wieder zum Schreiben zurückkehren könnte – George Foreman war ja auch nach zehn  Jahren im Ruhestand wieder zum Boxen zurückgekehrt und schaffte es 1994 sogar, sich nach 20 Jahren seinen Weltmeistertitel zurück zu holen. Aber solange ein früherer Schriftsteller nicht zum Schreiben zurückkehrt, ist und bleibt er ein ‚ehemaliger‘ Schriftsteller. Das ist absolut nichts Unrühmliches – es bedeutet lediglich, dass er nichts Neues mehr schreibt.

Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass man ein Schriftsteller ist, sobald man regelmäßig schreibt. Im Prinzip ist diese Aussage gar nicht so verkehrt, doch ich würde sie gerne noch etwas präzisieren. Für mich ist ein Schriftsteller jemand, der mit dem Ziel schreibt, das Geschriebene zu veröffentlichen. In welcher Form er das tut, spielt eine untergeordnete Rolle.

Die Möglichkeiten dafür sind gerade heute quasi unbegrenzt: Ob Veröffentlichung über einen klassischen Publiskumsverlag, per Print-on-Demand oder als eBook im Selbstverlag, ob über Zeitungen und Zeitschriften, über Literaturportale oder über die eigene Autorenhomepage.

Wenn Sie sich selbst als Schriftsteller fühlen wollen – unabhängig davon, ob Sie bereits Autor eines oder mehrerer Werke sind – würde ich Ihnen daher eine zweistufige Herausforderung empfehlen:

1. Schreiben Sie täglich

Ich weiß nicht, wie Ihr Tagesablauf aussieht. Vermutlich ziemlich stressig, aber das ist er bei anderen auch. Benutzen Sie Ihren stressigen Alltag daher nicht als Ausrede, warum Sie nicht zum Schreiben kommen und es immer wieder auf „später“ verschieben.

„Später“ neigt ebenso wie „morgen“ dazu, sich zur konstanten Größe zur entwickeln: Wir reden heute davon, „morgen“ zu schreiben, und morgen und übermorgen werden wir uns ebenfalls wieder vornehmen, „morgen“ endlich wieder ans Schreiben zu gehen. In Spanien gibt es eine schöne Redensart, die die Sache auf den Punkt bringt: „‚Morgen‘ ist meist der stressigste Tag der Woche.

Gewöhnen Sie sich daher an, jeden Tag zumindest ein bisschen zu schreiben. Ich rede nicht von festen Quoten, sondern lediglich davon, dass Sie keinen Tag verstreichen lassen, ohne zumindest einen Satz an Ihrem aktuellen Projekt weiter zu schreiben. Egal, wie stressig und anstrengend der Tag war, wie müde wir sind und wie spät es schon ist – einen Satz kann man immer schreiben. Man kann zwar vielleicht nicht jeden Tag Bäume ausreißen, aber Gras geht immer. ;-)

Dafür müssen Sie nicht einmal Ihren PC hochfahren, wenn Ihnen das zu viel Arbeit ist. Schreiben Sie den Satz in das Email-Programm auf Ihrem Smartphone und schicken Sie ihn sich selbst zu, damit Sie ihn am nächsten Tag in Ihr Manuskript übernehmen können, oder lassen Sie an Ihrem Tablet stets eine Schreib-App wie JotterPad geöffnet, die dann mit einem Knopfdruck einsatzbereit ist.

Natürlich werden Sie meist in der Praxis nicht nur einen Satz schreiben. Wenn Sie sich erst einmal zum Schreiben hingesetzt haben, werden es oft mehrere Seiten, bevor Sie sich wieder von Ihrem Text losreißen können. Aber wenn die Zeit wirklich mal nur für einen oder zwei Sätze reicht, ist es eben auch nicht schlimm. Hauptsache, Sie haben heute zumindest ein bisschen was geschrieben.

Wenn Sie wollen, können Sie zur Selbstmotiviation auch denselben Trick verwenden, den Comedian Jerry Seinfeld benutzte, um zu einem der erfolgreichsten TV-Comedians aller Zeiten zu werden: Seinfeld fasste den festen Vorsatz, jeden Tag mindestens einen neuen Gag zu schreiben. Sobald er das geschafft hatte, machte er ein rotes Kreuz unter dem jeweiligen Tag auf seinem Wandkalender. Und ab dann versuchte er nur noch, die Kette der roten Kreuze niemals abreißen zu lassen.

Probieren Sie es ruhig selbst einmal aus: ein rotes Kreuz für jeden Tag, an dem Sie zumindest einen Satz an Ihrem aktuellen Projekt geschrieben haben. Schreiben Sie die Anzahl der Tage darunter, die Sie bereits durchgehalten haben – ähnlich wie die Schilder, die man oft der Fertigung sieht: „Seit 117 Tagen unfallfrei“. Je höher die Zahl wird, desto mehr sind alle motiviert, nicht wieder auf Null zurück zu fallen. Das klappt auch fürs Schreiben.

2. Veröffentlichen Sie wöchentlich

Der zweite Teil der Herausforderung klingt schon etwas schwieriger: jede Woche etwas veröffentlichen. Aber keine Sorge: ich rede nicht davon, dass Sie jede Woche ein Buch oder ein ähnlich umfangreiches Werk veröffentlichen sollen. Nur davon, dass Sie jede Woche „etwas“ veröffentlichen sollen.

Veröffentlichen ist dabei ein relativer Begriff. Alles, was Sie nicht ausschließlich für sich selbst bzw. „für die Schublade“ geschrieben haben, sondern das Sie „öffentlich machen“, also anderen zum Lesen zur Verfügung stellen, gilt bei dieser Herausforderung als Veröffentlichung.

Das kann alles Mögliche sein:

  • Die Veröffentlichung eines neuen Blogposts in Ihrem Autorenblog
  • Eine Kurzgeschichte, die Sie als eBook oder in Ihrem Blog veröffentlichen oder die Sie für einen Wettbewerb / eine Anthologie einsenden. Einsendungen für Wettbewerbe o.ä. gelten nach dieser Regel als „Veröffentlichung“ – egal, ob die Geschichte bei dem Wettbewerb einen der Preise gewinnt oder in der Anthologie veröffentlicht wird. Sie haben es der Jury zum Lesen geschickt und damit „öffentlich gemacht“.
  • Die Veröffentlichung eines neuen Kapitels einer Fortsetzungsgeschichte über Wattpad.

Es gibt bei diesem Teil der Herausforderung keine Mindestlänge und keine Vorgaben, was Sie veröffentlichen. Wichtig ist nur, dass Sie etwas veröffentlichen, das von Fremden (also nicht nur von wohlmeinenden Familienangehörigen und guten Freunden, die ohnehin alles über den grünen Klee loben, was man schreibt) gelesen und ggf. kommentiert werden kann.

Natürlich setzen Sie sich damit möglicher Kritik aus – ob in Form von Kommentaren unter einem Blogpost, Bewertungen und Feedback bei Wattpad oder Ablehnungsschreiben. Aber gerade das ist wichtig, da man sich nur so im Laufe der Zeit ein dickes Fell antrainieren und die Angst vor Kritik ablegen kann. Erstens sind die Kommentare oft positiv und motivieren einen dazu, weiter zu machen. Und selbst an kritischen Kommentaren kann man wachsen. Manche von ihnen sind berechtigt und bieten einem Ansatzpunkte, wie man zukünftig noch besser werden kann – also eine nützliche Hilfestellung, die man niemals erhalten hätte, wenn man nicht veröffentlicht hätte. Und sogar aus unsachlichen, rein destruktiven Kommentaren kann man etwas lernen: Nur ein toter Hund wird nicht getreten – und jeder Nadelstich und jeder Nackenschlag sorgen nur dafür, dass wir im Laufe der Zeit eine Hornhaut entwickeln, auf die so manches Nashorn stolz wäre. ;-)

Solange Sie diese zweiteilige Herausforderung für sich persönlich annehmen und meistern, können Sie sich meiner Auffassung nach mit Fug und Recht als „Schriftsteller“ bezeichnen – unabhängig davon, was Sie bereits an Büchern veröffentlicht haben und ob Sie bereits kommerzielle Erfolge vorzuweisen haben.

Was denken Sie über diese Thematik? Was bedeutet es für Sie, ein Schriftsteller zu sein und was sehen Sie als die Kriterien, die man dafür erfüllen muss? Es würde mich freuen, Ihre Ansichten in den Kommentaren zu lesen.


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„NaNoWriMo – nichts für mich“? Ein alternativer Ansatz

Der Countdown zu „dem“ Monat für Schriftsteller läuft – dem November, bei der schreibenden Zunft auch als „NaNoWriMo“ bekannt. Der „National Novel Writing Month“, der weltweit hunderttausende Schriftsteller an ihre Tastaturen strömen lässt, um innerhalb von nur 30 Tagen die mindestens 50.000 Wörter lange Rohfassung eines neuen Romans zu schreiben.

Wie sehen Sie den allgemeinen Trubel um den NaNoWriMo? Gehören Sie zu denen, die (fast) jedes Jahr aufs Neue mit all den anderen Marathon-Schreibern am Start stehen und dem Startschuss entgegen fiebern? Oder haben Sie irgendwann für sich entschieden, dass der NaNoWriMo nichts für Sie ist? Zu stressig? Zu sehr auf Quantität statt auf Qualität fokussiert? Oder generell nicht passend, da Sie keine Romane, sondern Kurzgeschichten, Drehbücher oder Sachbücher schreiben?

Doch selbst wenn der ‚traditionelle‘ NaNoWriMo nichts für Sie ist, bedeutet das noch lange nicht, dass Sie den Kreativitäts- und Produktivitätsschub, den der NaNoWriMo in den teilnehmenden Romanautoren auslöst, nicht auch für sich nutzen könnten – wenn auch auf andere Art und Weise.

Im Laufe der Jahre haben sich schon verschiedene „Gegenveranstaltungen“ gebildet – zum Beispiel „Write Nonfiction in November„, ein Gegenangebot anderer Veranstalter, das sich an Sachbuchautoren richtet und sie motivieren möchte, im November ein Sachbuch zu schreiben.

Doch warum sollten Sie sich auf bestehende Veranstaltungen und Konzepte beschränken? Schließlich sind Sie Schriftsteller und als solcher ausgesprochen kreativ. Überlegen Sie doch einfach, was eine für Sie passende Herausforderung wäre, die Sie bei Ihren persönlichen Projekten und Zielen voran bringen würde.

Aus meiner Sicht liegt der Nutzen des NaNoWriMo (oder allgemeiner gesprochen: des Novembers als „Schreibmonat“) in erster Linie darin, dass man sich einen Monat lang aufs Schreiben fokussiert. Während das Schreiben das ganze Jahr über viel zu oft durch alle anderen Prioritäten, Zwänge und Aufgaben zu sehr in den Hintergrund gedrängt wird, haben wir im November mit dem NaNoWriMo eine Ausrede / ein gutes Argument dafür, uns einen Monat lang in erster Linie ums Schreiben zu kümmern. Ein Monat, in dem das Schreiben im Mittelpunkt steht, statt zwischen all den anderen Verpflichtungen ein Nischendasein zu fristen.

Da wird vorgekocht oder die Tiefkühltruhe mit Fertiggerichten aufgefüllt, die Festplatte des SAT-Receivers freigeschaufelt, um Filme und Serien für später aufzuzeichnen, statt sie live anzusehen und Familie und Freunde schonend darauf vorbereitet, dass man die nächsten 30 Tage deutlich weniger Zeit als sonst für sie haben wird. Andere Hobbys und Freizeitveranstaltungen werden zurückgeschraubt und auf später verschoben, was durch das trübe Spätherbstwetter des Novembers noch erleichtert wird. Im November gibt es nichts mehr im Garten zu tun, keinen Rasen zu mähen – und zu langen Spaziergängen und Wanderungen lädt das nasstrübe Novemberwetter meist ohnehin nicht ein.

Sollen Sie sich diese Vorteile entgehen lassen, nur weil Sie keinen NaNoWriMo-Roman schreiben wollen?

Definieren Sie doch einfach Ihren eigenen November-Schreibmarathon mit Regeln und einer Herausforderung, die genau auf Sie und Ihre persönlichen Ziele zugeschnitten ist. Egal, ob Sie Blogger, Sachbuchautor oder Kurzgeschichtenautor sind, ob Sie gerne mit oder ohne Planung, langsam oder schnell schreiben.

Fragen Sie sich einfach: Wenn ich nur während eines einzigen Monats des Jahres zum Schreiben käme, mich dafür aber während dieses Monats (abgesehen von der Arbeit und bestimmten lebensnotwendigen Aufgaben) fast ausschließlich aufs Schreiben konzentrieren könnte – wie würde ich diesen Monat nutzen?

Würden Sie…

  • …mindestens 52 Blogposts auf Vorrat für Ihr Blog schreiben, damit Sie für den Rest des Jahres keinen Stress mehr haben, sondern Woche für Woche einen Ihrer vorgeschriebenen Artikel aus dem Hut zaubern können?
  • …ein Sachbuch oder einen Ratgeber zu einem Thema schreiben, zu dem Sie Ihr Wissen und Ihre persönlichen Erfahrungen schon lange mal in Buchform bringen wollten?
  • …einen ganzen Stapel Kurzgeschichten schreiben – vielleicht sogar genug, um eine eigene Kurzgeschichten-Anthologie veröffentlichen zu können?
  • …täglich mindestens ein Gedicht schreiben?
  • …ein Drehbuch oder Theaterstück schreiben?

Oder vielleicht haben Sie auch eine ganz andere Idee, wie Sie gerne den November nutzen würden. Setzen Sie sich Ihr eigenes Ziel. Ein Ziel, für das Sie sich strecken müssen, um es zu erreichen, aber das Ihnen ein breites, zufriedenes Lächeln ins Gesicht zaubern würde, wenn Sie es erreicht haben.

Und dann definieren Sie sich Ihren ganz eigenen Schreibmonat. Noch haben Sie fast zwei Wochen, um Ihre persönlichen Regeln zu definieren und alle erforderlichen Vorbereitungen zu treffen. Nutzen Sie diese Zeit. Anfang Dezember werden Sie sich freuen, dass Sie es getan haben.


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NaNoWriMo 2015 – Countdown zum Schreibmarathon…

Der November naht mit großen Schritten – und mit ihm der diesjährige NaNoWriMo: der National Novel Writing Month.

Wie jedes Jahr werden auch 2015 wieder hunderttausende Autoren weltweit an den Start gehen, um die Rohfassung ihres Romans in gerade mal 30 Tagen zu schreiben. Und genau wie in den vergangenen Jahren wird es wohl auch 2015 nicht einmal jeder fünfte von ihnen über die Ziellinie schaffen.

Wenn Sie also vorhaben, dieses Jahr am NaNoWriMo teilzunehmen, sollten Sie jetzt schon daran arbeiten, Ihre Erfolgschancen zu verbessern.

Seit Donnerstag Morgen ist die Webseite für den diesjährigen NaNoWriMo live, so dass Sie jetzt schon Ihren Benutzeraccount anlegen bzw. auf den neuesten Stand bringen und alle Daten für Ihr geplantes Romanprojekt eintragen können – also den Arbeitstitel, eine Kurzbeschreibung und eventuell ein selbstgestaltetes Buchcover-Mockup.

Planen Sie Ihren Erfolg…

„Moment mal: ‚geplantes‘ Romanprojekt?“ wird jetzt so mancher Leser irritiert fragen. Liegt nicht das Ziel des NaNoWiMo darin, einen Roman ganz ohne Planung von Null auf Hundert innerhalb von 30 Tagen in die Tasten zu hämmern?

Dies ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Auch wenn der NaNoWriMo-Gründer Chris Baty beim ersten NaNoWriMo 1999 ohne jegliche Vorplanung mit seinem Romanprojekt startete, worüber er auch in seinem Buch „No Plot? No Problem!“ schreibt, ist eine gründliche Vorplanung keinesfalls tabu, sondern wird von den Veranstaltern sogar ausdrücklich empfohlen.

Sie dürfen lediglich vor dem 01.11.15 nicht mit dem eigentlichen Schreiben der Rohfassung zu beginnen. Solange Sie „nur“ Notizen zu Charakteren, Worldbuilding, Handlungssträngen, Szenen etc. sammeln, ist alles bestens.

Sie haben also noch volle drei Wochen Zeit, um Ihren Roman zu planen und so gut vorzubereiten, dass Sie nach dem Startschuss am ersten November direkt losschreiben können und in den darauf folgenden Wochen optimal mit Ihrem Roman voran kommen.

Wie detailliert Sie Ihren Roman im Vorfeld planen, ist natürlich eine Sache der persönlichen Präferenzen. Manche Autoren fühlen sich am wohlsten, wenn sie mit einer präzisen Gliederung für jede einzelne Szene loslegen können, während andere sich lieber kopfüber und lediglich mit ein paar groben Notizen bewaffnet ins kalte Wasser stürzen.

Wenn Sie noch keine Idee für eine Romanhandlung haben, kann ich Ihnen zwei effektive Techniken empfehlen, mit denen Sie noch an diesem Wochenende den Grundstock für eine gelungene Romanhandlung legen können:

  1. Tag-Team-Plotting: Mit dem von mir entwickelten Tag-Team-Plotting können Sie nicht nur innerhalb weniger Stunden das Grundgerüst für eine spannende Romanhandlung zusammen zimmern, sondern sorgen zugleich dafür, dass diese innovativ und weitab der üblichen Klischees verläuft. Alle Details und eine ausführliche Anleitung finden Sie hier.
  2. Die Casting-Kiste: Bei dieser Erweiterung zur Assoziativen Ideen-Matrix aus meinem Buch „Kreativ mit der Matrix“ starten Sie ausschließlich mit möglichen Romancharakteren und lassen mit den Regeln der Assoziativen Ideen-Matrix die Funken zwischen diesen Charakteren sprühen. Alle Details samt Anleitung finden Sie in der Ausgabe Juli 2013 des WritersWorkshop E-Zines. Alle weiterführenden Details zur Assoziativen Ideen-Matrix finden Sie im Buch „Kreativ mit der Matrix„.

Egal, welche von beiden Techniken Sie verwenden, um das Fundament für Ihren NaNoWriMo-Roman zu legen – innerhalb weniger Stunden dürfte sich die Handlung schon ziemlich genau abzeichnen.

Wenn Sie nach dieser ersten Phase noch mehr Ideen für Ihre Romanhandlung benötigen (was mit Sicherheit der Fall sein wird – egal ob jetzt oder erst während des NaNoWriMo ;-)) kann ich Ihnen die Assoziative Ideen-Matrix aus meinem Buch „Kreativ mit der Matrix“ ans Herz legen. Regelmäßige Leser meines Blogs und des WritersWorkshop E-Zines dürften das Buch bereits in ihrem virtuellen Bücherregal haben – allen anderen kann ich diese äußerst effektive Ideenfindungs-Technik nur empfehlen.

„Die Sterne stehen günstig…“

Auch wenn ich nicht an Astrologie glaube, sind die Voraussetzungen für einen erfolgreichen NaNoWriMo in diesem Jahr optimal: Der erste November ist ein Sonntag, so dass Sie (unabhängig davon, in welchem Bundesland Sie wohnen und arbeiten) direkt mit Volldampf loslegen können, ohne dass dies mit Ihrer Arbeit kollidiert – und auch danach geht es optimal weiter.

Vom 02.11.15 bis zum 29.11.15 haben Sie vier volle Kalenderwochen zum Schreiben Ihrer Rohfassung zur Verfügung, da der November in diesem Jahr nicht mitten in einer Kalenderwoche beginnt. Das passt natürlich optimal zur klassischen 4-Akt-Struktur: also ein Akt pro Kalenderwoche.

Versuchen Sie, von Montag bis Freitag jeweils mindestens 1.800 Wörter zu schreiben (50.000 Wörter Ziellänge / 28 Tage = 1.786 Wörter). Solange Sie darauf achten, dass Sie immer schon wissen, was Sie schreiben wollen, wenn Sie sich zum Schreiben an den PC setzen, sind 1.000 Wörter pro Stunde durchaus machbar (entspricht nicht mal 20 Wörtern pro Minute). Wir reden hier also von knapp zwei Stunden pro Tag, die Sie fürs eigentliche Schreiben Ihres Romans einplanen müssen – vielleicht eine Stunde morgens vor der Arbeit und eine Stunde abends statt einer langweiligen Fernsehsendung.

Damit haben Sie optimale Voraussetzungen geschaffen, um am Wochenende den jeweiligen Akt (siehe unten) erfolgreich abzuschließen. Meist hat man ja am Wochenende mehr Zeit zum Schreiben als werktags – das rein mathematische Wochenziel von mindestens 12.500 Wörtern pro Woche sollte also locker zu erreichen sein, wenn man mengenmäßig bis Freitag im Plan liegt. Und selbst wenn Sie am Wochenende feststellen, dass Sie noch ein paar tausend Wörter mehr schreiben müssen, um den aktuellen Akt Ihres Romans sauber abzuschließen, ist das Wochenende der perfekte Zeitpunkt, um eine kleine „Sonderschicht“ einzulegen. ;-)

Achten Sie lediglich darauf, dass Sie am Ende der Woche nicht weniger als 12.500 neue Wörter geschrieben haben. Wenn möglich sollten Sie versuchen, besonders die beiden mittleren Akte Ihres Romans auf jeweils mindestens 15.000 Wörter auszubauen, da der vierte Akt (das große Finale) erfahrungsgemäß oft etwas kürzer und rasanter ausfällt und man hier mit Pech nicht auf die vollen 12.500 Wörter kommt. In dem Fall haben Sie natürlich eine bessere Ausgangssituation, wenn Sie für Ihren vierten Akt nur noch runde 7.500 Wörter (= ca. 30 Seiten) brauchen, um das Gesamtsoll von 50.000 Wörtern für Ihren NaNoWriMo-Roman voll zu machen.

Hier finden Sie eine kurze Auflistung der vier Akte, von denen Sie sich einen pro voller Kalenderwoche vornehmen sollten. Dabei handelt es sich natürlich nur um ein grobes Gerüst, doch gerade dadurch ist es so flexibel, dass es sich auf fast alle Genres anwenden lässt.

Woche 1 (02.11-08.11): Einführung der Hauptcharaktere und des zentralen Konflikts bis zum „Punkt ohne Wiederkehr“, an dem der Protagonist bereits bis zum Hals im Abenteuer steckt.

Woche 2 (09.11-15.11): Ansteigende Spannung und Erhöhung des Drucks auf den Protagonisten bis zum Wendepunkt an der Mitte des Romans. Meist bestimmt in der ersten Hälfte des Romans der Antagonist die Handlung, während der Protagonist in erster Linie auf die Bedrohung reagiert. Rund um den Mittelpunkt des Romans kommt dem Protagonisten (meist durch eine mittlere Katastrophe) die Erkenntnis, dass er den Spieß umdrehen und das Spiel aktiv nach seinen eigenen Regeln spielen muss, wenn er gewinnen will.

Woche 3 (16.11-22.11): Es geht weiter bis zum „dunkelsten Moment“, dem größten Rückschlag für den Protagonisten, an dem es wirklich so aussieht, als ob er keine Chance mehr hätte, sein Ziel zu erreichen. Die Niederlage muss so heftig sein, dass sie dem Protagonisten regelrecht den Boden unter den Füßen wegzieht.

Woche 4 (23.11-29.11): Der Protagonist rappelt sich wieder auf und startet einen letzten, verzweifelten Versuch, bei dem er alles auf eine Karte setzt. Oft erkennt er erst durch die schwere Niederlage am Ende des dritten Akts, was wirklich wichtig ist und wo seine wahre Stärke liegt, mit der er das Blatt in letzter Minute noch einmal wenden kann. Großes Finale, Showdown, Ende!

Wenn Sie ganz auf Nummer Sicher gehen wollen, planen Sie bereits jetzt für den 30.11.15 einen Tag Urlaub ein. Wenn Sie rechtzeitig mit der Rohfassung Ihres Romans fertig sind, können Sie diesen Tag nutzen, um sich vom stressigen NaNoWriMo zu erholen und sich mal eine gemütliche Auszeit zu gönnen. Doch wenn Sie auf Ihrer eigenen Heldenreise wegen unerwarteter Umstände zurückgeworfen wurden, können Sie den 30.11 noch für einen letzten Endspurt nutzen, um es doch noch rechtzeitig über die 50.000-Wörter-Ziellinie zu schaffen und Ihr fertiges Manuskript hochzuladen.

Ich wünsche allen diesjährigen NaNoWriMo-Teilnehmern viel Spaß bei den Vorbereitungen und viel Erfolg im November!


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Wo wollen Sie als Schriftsteller in zehn Jahren sein?

Das Schreiben von Büchern ist nichts für ungeduldige Menschen. Autoren, die sich in erster Linie als Blogger oder als Kurzgeschichten-Autoren sehen, können ihre Projekte auf relativ kurzfristiger Basis betrachten: Einen guten Blogpost hat man inklusive Recherche, Planung und Überarbeitung innerhalb von ein paar Stunden geschrieben und veröffentlicht, und auch eine Kurzgeschichte kann man meist innerhalb von 1-2 Wochen fertigstellen.

Doch ein Roman oder ein Sachbuch ist schon eine ganz andere Sache. Je nachdem, wie viel (oder wie wenig) Zeit man pro Woche für die Arbeit an seinem Buch einplanen kann, kann ein solches Projekt durchaus ein Jahr oder noch länger dauern. Und da braucht man schon einen langen Atem, damit einem unterwegs nicht die Puste ausgeht.

Wer das Schreiben als reines kreatives Hobby, ähnlich wie Töpfern oder Malen, betrachtet, ist hier im Vorteil – schließlich steht für ihn der Prozess des Schreibens im Mittelpunkt, nicht das fertige Buch oder gar dessen Veröffentlichung bzw. Vermarktung.

Doch wer das Schreiben zumindest semiprofessionell betreiben will, braucht einen Plan, der ihn auf Kurs hält. Das Problem dabei ist, dass wir eine solche Planung meist auf einer viel zu niedrigen Ebene ansetzen. Wir planen unsere Arbeit auf Tages- oder Wochenebene, unsere Finanzen auf Monatsebene und größere Projekte oder Ziele maximal auf Jahresebene.

Doch für die Planung unserer kreativen Tätigkeit ist ein Jahr ein viel zu kurzer Horizont – jedenfalls, wenn man realistisch bleibt. Die meisten Menschen überschätzen deutlich, was sie innerhalb eines Jahres schaffen und erreichen können – aber zugleich unterschätzen sie, was sie in fünf oder zehn Jahren schaffen können.

Vergessen wir mal die zahlreichen Ratgeber und Kurse, die ambitionierten und etwas blauäugigen Autoren mit Versprechungen locken, wie man ein ganzes Buch innerhalb weniger Wochen schreiben und veröffentlichen kann. Hastig heruntergeschriebene und übereilt veröffentlichte Geschichten sind nicht nur eine Verschwendung guter Ideen, sondern schaden dem eigenen Ruf als Autor eher, als sie einem nützen. Als produktiver Autor mit einem hohen Output zu gelten ist eine feine Sache – aber nur, wenn auch die Qualität der Bücher stimmt.

Der jährliche NaNoWriMo ist eine andere Sache: Zwar schreibt man auch hier einen (relativ kurzen) Roman in nur einem Monat, doch handelt es sich hier definitiv nur um eine Rohfassung. Die meisten erfolgreichen NaNoWriMo-Autoren planen ihre Handlung schon vorher und stecken später noch jede Menge Arbeit in die Überarbeitung ihres Romans, bevor Sie diesen als veröffentlichungsreif erachten.

Fakt ist, dass man als Autor mit einem normalen Vollzeit-Job (und dazu zähle ich auch den ‚Beruf‘ Hausfrau und Mutter) nur mit guter Planung und eiserner Arbeitsmoral einen kompletten Roman von der ersten Idee über Rohfassung und Revision bis hin zur Veröffentlichung innerhalb eines einzigen Jahres durchziehen kann.

Wenn jemand wie Nora Roberts bis zu acht Bücher in einem einzigen Jahr veröffentlicht, liegt das weit außerhalb dessen, was ein ’normaler‘ Autor schaffen kann. Nora Roberts hat nicht nur jahrzehntelange Erfahrung und Routine (die als Nebenwirkung dazu führen, dass ihre Romane immer mehr nach ‚Schema F‘ ausfallen), sondern auch den kompletten Tag Zeit zum Schreiben. Wo sie täglich 8-10 Stunden an ihren Romanprojekten arbeiten kann, haben wir meist nicht mehr als 1-2 Stunden pro Tag zur Verfügung.

Nein, ein Roman pro Jahr ist für einen Schriftsteller mit einem Vollzeit-Brotjob ein engagiertes, aber noch realistisches Ziel. Aber was ist das schon? Die allerwenigsten Autoren schaffen es, mit einem einzigen Roman bekannt und erfolgreich zu werden. Je mehr Bücher man als Autor am Markt hat, desto größer ist die Chance, von neuen Lesern entdeckt zu werden – und desto mehr Bücher kann jeder dieser neuen Leser von uns kaufen, wenn das erste Buch ihm gefallen hat.

Das ist der Punkt, an dem wir mit unserer mittel- und langfristigen Planung ansetzen sollten: Wo wollen Sie als Schriftsteller in zehn Jahren stehen?

Die meisten Menschen schrecken davor zurück, in derart langen Intervallen zu planen. Zehn Jahre sind noch so lange hin – und wie alt bin ich dann eigentlich? Aber das Schreiben von Romanen ist nun einmal kein Hundert-Meter-Sprint, sondern ein Marathon-Lauf.

Wenn Ihnen zehn Jahre zu lang erscheinen, denken Sie an die Erfolgsautorin J.K. Rowling. Wie lang, schätzen Sie, hat J.K. Rowling für die Harry-Potter-Saga gebraucht, die sie weltbekannt und steinreich gemacht hat? Fast siebzehn (!) Jahre. Rowling erfand die Figur des Harry Potter bereits 1990, stellte den siebten und letzten Band der Saga aber erst 2007 fertig – und das, obwohl sie bereits seit dem dritten Buch als Vollzeit-Autorin an ihren Romanen arbeitete.

Oder denken Sie an George R. R. Martin mit seiner Fantasy-Saga „Das Lied von Eis und Feuer“ (in Deutschland besser bekannt unter dem Titel der Serien-Verfilmung „Game of Thrones“): Martin schreibt bereits seit zwanzig Jahren an seiner Saga und hat dennoch erst fünf der anvisierten sieben Mammut-Bände fertiggestellt.

Erscheinen Ihnen jetzt zehn Jahre immer noch so lang? Überlegen Sie, was Sie in dieser Zeit schaffen können, wenn Sie ’nur‘ einen Roman pro Jahr veröffentlichen können. Zehn Jahre = zehn Bücher mit Ihrem Namen. Aber welche zehn Bücher sollen das sein?

Auch J.K. Rowling nahm sich die Zeit, erst alle Bücher ihrer Harry-Potter-Serie durchzuplanen, bevor sie mit dem Schreiben des ersten Bandes begann. Nur so konnte sie sicherstellen, dass alle Handlungselemente der einzelnen Bände tatsächlich wie gut geölte Zahnräder ineinander greifen.

Nehmen auch Sie sich die Zeit, strategisch zu planen, welche Bücher Sie in den nächsten zehn Jahren veröffentlichen wollen, um ein konsistentes Portfolio aufzubauen. Wenn Sie keine Serie, sondern voneinander unabhängige Einzelromane schreiben, muss diese Planung natürlich noch keine detaillierten Handlungsentwürfe enthalten, sondern lediglich die Richtung festlegen: In welchem Genre schreiben Sie und was sind die Punkte, durch die sich Ihre Romane auszeichnen / von den Romanen anderer Autoren unterscheiden?

Diese Positionierung ist wichtig, wenn Sie auf lange Sicht Erfolg haben möchten. Wenn Sie (womöglich sogar unter unterschiedlichen Pseudonymen) zwischen mehreren Genres hin und her wechseln, kann das zwar abwechslungsreich sein und eine Menge Spaß machen – aber wenn Sie sich kommerziellen Erfolg und eine große Leserschaft wünschen, bringt Sie das dem Ziel nicht wirklich näher.

Überlegen Sie, wie sich andere Autoren positioniert haben: Dan Brown schreibt Verschwörungs-Thriller mit historischem Hintergrund und kirchlichen/religiösen Bezügen. Wer ein Buch von Dan Brown zur Hand nimmt, weiß, was ihn erwartet – und das bringt begeisterte Leser seiner bisherigen Bestseller dazu, auch zukünftige Abenteuer von Professor Robert Langdon zu kaufen.

Nehmen Sie sich daher die Zeit, Ihre Wunsch-Positionierung zu finden. Nicht nur hinsichtlich des Genres, sondern auch der Elemente, die Ihre Bücher ausmachen. Was lieben Sie besonders an Romanen? Ist es eine bestimmte Art von Helden? Eine bestimmte Art von Konflikten und Herausforderungen?

Ihre Positionierung kann alles enthalten – eine bestimmte Art von Romanwelt (wie die Scheibenwelt bei den Romanen von Terry Pratchett), eine besonderen Schreibstil (wie die humorvolle Art von Terry Pratchett oder Douglas Adams) oder bestimmte Konflikte (ob Liebes-Drama, Verschwörungs-Thriller oder dystopische Science-Fiction).

Das ist nichts, was man übers Knie brechen sollte. Nehmen Sie sich ruhig einige Wochen Zeit, um eine Position zu finden, die Ihnen wirklich gut gefällt und die Ihnen genügend kreative Freiheit lässt – und natürlich eine Positionierung innerhalb der zahlreichen Roman-Genres, von der Sie wissen, dass es für diese Art von Romanen genügend Leser gibt.

Sobald Sie Ihre Position definiert und ein Ziel für die nächsten zehn Jahre festgelegt haben (z.B. „zehn Romane im Genre […] veröffentlichen“, „drei Trilogien im Genre […] veröffentlichen“ oder „zehn einzelne Romane rund um die Hauptfigur […] veröffentlichen“) haben Sie etwas, auf das Sie fokussiert hin arbeiten können.

Das ist nicht nur extrem motivierend, sondern kann auch die eigene Produktivität deutlich steigern. Denn nun, wo das langfristige Ziel definiert und in weiter Entfernung als winziger Punkt am Horizont sichtbar ist, können Sie Ihre Arbeitszeit noch viel freier als bisher zwischen unterschiedlichen Projekten aufteilen: Während Sie an Ihrem aktuellen Roman schreiben, können Sie ungenutzte Pausen abseits des PCs nutzen, um schon die Handlungen für die nächsten paar Romane vorzubereiten und immer weiter auszufeilen. Da einem erfahrungsgemäß immer mehr Ideen kommen (und zwar deutlich schneller, als man diese umsetzen kann), können Sie sich stets die besten und ausgereiftesten dieser Ideen aussuchen, wenn Sie wieder mal ein Buch fertiggestellt haben und an das nächste gehen wollen.

Solange Sie am Ball bleiben und Woche für Woche fokussiert an Ihrem Plan arbeiten, haben Sie alle Trümpfe in der Hand und können davon ausgehen, dass Sie Ihr Zehn-Jahres-Ziel tatsächlich erreichen werden.

Wichtig ist natürlich, dass Sie sich nur Ziele setzen, deren Erreichung tatsächlich in Ihrer Macht steht. Sie können sich beispielsweise vornehmen, im Laufe der nächsten zehn Jahre zehn gut konstruierte und spannende Fantasy-Romane zu schreiben. Ob Sie das schaffen, liegt allein in Ihrer Hand. Sie können planen, was Sie für die Vermarktung Ihrer Bücher tun wollen. Aber Sie können nicht planen, dass Sie einen Bestseller landen oder dass Sie in zehn Jahren vom Schreiben leben können. Das sind vielleicht die heimlichen Wünsche im Hintergrund, die Sie motivieren, und je besser Ihre Romane werden und je effektiver und effizienter Sie Ihre Romane vermarkten, desto größer werden die Chancen, dass sich diese Wünsche vielleicht sogar erfüllen – aber als Ziel ist so etwas denkbar ungeeignet: Was ist, wenn Sie in zehn Jahren die geplanten zehn Bücher geschrieben und veröffentlicht haben und zwar begeisterte Rezensionen zahlreicher Leser vorweisen können, aber der kommerzielle Erfolg der Bücher Ihnen dennoch ’nur‘ ein paar hundert Euro im Monat beschert? Haben Sie dann Ihr Ziel etwa nicht erreicht?

Sobald Ihr Ziel nicht mehr ausschließlich von Ihnen abhängig ist, sondern auch von anderen Personen oder gar von unwägbaren Zufällen und zukünftigen Entwicklungen, bringen Sie eine Unsicherheit ins Spiel, die auf Dauer extrem demotivierend ist.

Sorgen Sie also mit Ihrer Zielsetzung dafür, dass Sie nicht verlieren können, solange Sie konsequent und fokussiert am Ball bleiben. Dazu brechen Sie Ihr Zehn-Jahres-Ziel in kleinere Häppchen herunter – zum Beispiel ein neues Buch pro Jahr, damit Sie in zehn Jahren die geplanten drei Fantasy-Trilogien fertig geschrieben und veröffentlicht haben.

Diesen Jahresplan können Sie dann weiter herunterbrechen: drei Monate für die Planung, Recherche und Vorbereitung, drei Monate für das Schreiben der Rohfassung, drei Monate für die Revision und die letzten drei Monate für die Testleserphase, den Feinschliff und schließlich die Veröffentlichung.

Gehen Sie Stufe für Stufe tiefer, bis Sie schließlich einen exakten Plan für jede einzelne Woche haben – zum Beispiel „mindestens 7.500 Wörter pro Woche schreiben, um innerhalb von 12 Wochen die Rohfassung mit ca. 90.000 Wörtern fertigzustellen“.

Diese Kombination aus einem langfristigen Ziel und einer ganz konkreten, kurzfristigen Planung sorgt dafür, dass Sie jederzeit wissen, dass Sie in die richtige Richtung unterwegs sind, und dass Sie Ihr Ziel in der geplanten Zeit erreichen werden, solange Sie nur Woche für Woche Ihr geplantes Arbeitspensum schaffen.

Es ist wie in der Geschichte, in der ein Wanderer den griechischen Philosophen Sokrates fragte: „Wie komme ich am schnellsten zum Olymp?“ Sokrates lächelte und antwortete: „Indem du sicher stellst, dass jeder deiner Schritte dich in die richtige Richtung führt.“

Wenn auch Sie sicherstellen wollen, dass jeder Ihrer Schritte als Autor Sie in die richtige Richtung führt, sollten Sie sich also rechtzeitig Gedanken darüber machen, wo Sie als Schriftsteller in zehn Jahren stehen wollen. Glauben Sie mir: Es lohnt sich.


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Warum die erste Szene Ihres Romans stets in einem ungewohnten Umfeld spielen sollte

Es ist eine altbekannte Regel, dass man bereits in der ersten Szene eines Romans versuchen sollte, den Leser an die Angel zu bekommen und ihn zum Weiterlesen zu motivieren.

Dafür gibt es eine ganze Reihe guter Tipps: So sollte man den Protagonisten direkt in der ersten Szene einführen, ihn direkt in Probleme stürzen und aktiv handeln lassen und dabei Fragen aufwerfen, auf die der Leser unbedingt eine Antwort wissen will.

Das ist alles gut und richtig, aber es gibt noch eine weitere wichtige Technik, mit der man den Leser von Anfang an tief in die Handlung hineinziehen kann. Der Kunstgriff besteht darin, den richtigen Ort für die erste Szene des Romans auszuwählen – den Ort, an dem der Leser Ihrem Protagonisten zum ersten Mal begegnet.

Es ist ein wenig wie bei einem ersten Date: Auch da verabredet man sich meist nicht einfach irgendwo oder lädt denjenigen gar nach Hause in die unaufgeräumte Wohnung ein, sondern sucht für das erste Treffen ein schönes Restaurant oder einen anderen besonderen Ort aus. Schließlich soll wirklich alles stimmen – es soll ja eine Verabredung werden, die dem anderen noch lange in angenehmer Erinnerung bleibt.

Warum sollten Sie also, wenn Sie einen Roman schreiben, den Ort für das erste Treffen Ihres Lesers mit Ihrem Protagonisten mit weniger Bedacht auswählen?

Damit will ich natürlich nicht sagen, dass die erste Szene Ihres Romans in einem guten Restaurant spielen sollte – wenngleich das, wie Sie gleich sehen werden, nicht die schlechteste Option wäre.

Denn um den Leser bereits von der ersten Seite an tief in Ihre Romanhandlung hinein zu ziehen und zu verhindern, dass er das Buch gelangweilt zur Seite legt, sind Spannung, Konflikt und offene Fragen nicht ausreichend. Die Welt auf den Seiten Ihres Romans muss glaubwürdig wirken, um den Leser in die Handlung zu ziehen und ihn vorübergehend vergessen zu lassen, dass er nur eine fiktionale Geschichte liest. Dafür ist es wichtig, dass Sie mit allen Sinnen schreiben und die Welt Ihres Romans mit sorgsam ausgewählten Details im Kopf des Lesers zum Leben erwecken. Und das funktioniert am besten an einem Ort, der auch für Ihren Protagonisten fremd oder zumindest ungewohnt ist.

Warum das? Ganz einfach: Wenn Sie eine Szene aus der Perspektive Ihres Protagonisten schreiben, sind Sie an seine Wahrnehmungen gebunden. Sie können nichts beschreiben, was hinter seinem Rücken oder hinter verschlossenen Türen im Nebenraum vor sich geht. Ebenso können Sie zwar mutmaßen, aber niemals wirklich wissen, was der Gesprächspartner Ihres Protagonisten denkt oder fühlt. Und Sie können nichts detailliert beschreiben, was Ihrem Protagonisten überhaupt nicht auffallen würde.

Sie kennen das bestimmt: Wenn man in der eigenen Wohnung ist, fallen einem viele Dinge überhaupt nicht mehr auf. Weder die seit Jahren unveränderte Dekoration noch die Bücher im Regal oder das schöne Bild im Flur. Sie registrieren lediglich, wenn etwas anders als gewohnt ist – wenn also zum Beispiel eine fremde Lederjacke auf Ihrer Couch liegt, als Sie nach Hause kommen.

Laden Sie hingegen einen Fremden in Ihre Wohnung ein, wird er viele Details registrieren, die Sie selbst als gewohnt und altbekannt ausfiltern. Je nachdem, welches Umfeld er gewohnt ist, werden das andere Details sein. Gehört der Fremde zu jenen Menschen, die nur dann zu einem Buch greifen, wenn ein Tischbein kippelt, wird er Ihr volles Bücherregal registrieren. Ist er hingegen ein penibler Ordnungsfanatiker, werden ihm herumliegende bzw. nicht ordentlich weggeräumte Gegenstände ins Auge springen – oder der Staub auf den Türrahmen.

Um also wirklich mit allen Sinnen agieren zu können, suchen Sie für den ersten Auftritt Ihres Protagonisten einen Ort aus, den er entweder noch nicht kennt oder den er lange nicht mehr gesehen hat. Bei einem Ort, an dem er lange nicht mehr war, wird er sowohl fast schon vergessene Details registrieren als auch die Dinge, die sich seit damals verändert haben. Vielleicht werden Erinnerungen an frühere Ereignisse in ihm hochkommen – positive oder negative?

Optimal ist es, wenn der Ort viele Sinneswahrnehmungen bietet. Denken Sie an eine italienische Piazza, in der knatternde Mopeds sich zwischen mit lebhafter Gestik und Mimik lautstark diskutierenden Fußgängern hindurch drängen, während aus dem kleinen Ristorante an der Ecke Musik, das Klappern von Geschirr und appetitliche Essensgerüche dringen. Je mehr Sinne Sie mit Ihrer Szene ansprechen können, desto besser. Lassen Sie Ihren Protagonisten das Brennen der Mittagssonne auf seiner Haut spüren oder die kühle Brise vom Hafen, die den Geruch nach Fischen und Meer mit sich bringt.

Denken Sie dabei immer daran, dass er in erster Linie die Dinge wahrnehmen wird, die für ihn nicht alltäglich, sondern fremdartig und ungewohnt sind. Einem Stadtbewohner wird Verkehrslärm weit weniger auffallen als das Zirpen der Zikaden, die auf der knorrigen Borke eines Olivenbaums sitzen.

Doch je spannender die Szene ist, desto mehr müssen Sie beim Schreiben darauf achten, realistisch zu bleiben. Denn in erster Linie konzentrieren wir uns stets auf das, was wir in diesem Augenblick als wichtig erachten. Solange wir ganz entspannt sind und die Gedanken treiben lassen können, werden uns all die oben genannten Details auffallen – doch wenn plötzlich ein betrunkener englischer Tourist pöbelnd auf einen zu kommt, sind die Zikaden und die leise italienische Musik aus dem Kofferradio auf der Fensterbank sofort vergessen. Auf einmal registrieren wir nur noch das von Hitze und Alkohol gerötete Gesicht des Fremden, seinen stieren Blick und seine Alkoholfahne, während wir nach einer Möglichkeit suchen, einer Konfrontation mit dem Betrunkenen aus dem Weg zu gehen.

Je angespannter Ihr Protagonist also ist, desto mehr müssen Sie darauf achten, wie Sie die Details ins Spiel bringen, mit denen Sie die Szene vor dem geistigen Auge Ihres Lesers zum Leben erwecken wollen. Sie müssen sie für Ihren Perspektivcharakter und seine Ziele relevant machen: Wenn Ihr Protagonist in einer atemlosen Hetzjagd durch die überfüllten Straßen eines Basars vor seinen Verfolgern flieht, die ihm dicht auf den Fersen sind, wird er nur sehen, was direkt vor ihm passiert. Er wird in erster Linie die Dinge registrieren, die ein mögliches Hindernis sein könnten, oder eventuelle Möglichkeiten, um seine Verfolger abzuhängen. Kann er den Stand mit den Vasen umreißen, um seine Verfolger vorübergehend aufzuhalten oder womöglich rasch in die schmale, dunkle Gasse zwischen den Ständen abbiegen?

Wenn Sie hingegen alle Details des Basars schildern wollen, müssen Sie die Regeln ändern. Keine atemlose Hetzjagd mit Tunnelblick, sondern ein Katz- und Maus-Spiel. Drei Feinde sind irgendwo auf dem Basar unterwegs, um Ihren Protagonisten aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Er hat sie zuvor nur kurz gesehen und hat jetzt Mühe, sie unter all den fremdartigen Gesichtern auf dem Basar zu erkennen. Seine Feinde können überall sein: vor ihm, hinter ihm – oder vielleicht gleich neben ihm im Schatten eines Türeingangs.

Jetzt haben Sie die Voraussetzungen geschaffen, dass Ihr Protagonist alles registriert. Er wird die Balkons und Fenster der umliegenden Häuser im Auge behalten – schließlich könnte dort bereits der Scharfschütze auf ihn lauern. Er wird jeden um die Ecke biegenden Passanten mit ungefähr passender Größe und Statur argwöhnisch mustern, ob dieser die wulstige Narbe am Kinn hat, die er bei einem seiner Verfolger gesehen hatte. Und er wird sofort – und eventuell falsch – reagieren, wenn ihn jemand im Gedränge anrempelt.

Eine solche Szene (auch wenn sie in der Praxis natürlich nicht so extrem ausfallen muss) bringt fast alles ein, was bei einem Thriller den Leser in die Handlung ziehen kann: der Protagonist wird direkt in einer spannenden Szene eingeführt und hat gravierende Probleme, die ihn seine Stärken ausspielen lassen. Es gibt genügend offene Fragen, um den Leser bei der Stange zu halten, und durch das auch für den Protagonisten ungewohnte Setting können Sie das Szenario mit allen Sinnen im Kopf des Lesers zum Leben erwecken.

Wenn Sie also einen Roman haben, der etwas schwer in Gang kommt, kann es bereits helfen, die erste Szene mit Ihrem Protagonisten umzuschreiben. Selbst wenn Sie die Handlung selbst nicht ändern möchten, können Sie dennoch überlegen, ob Sie diese nicht an einen anderen Ort mit mehr Potential verlagern können: Wenn Ihr Protagonist in der ersten Szene einen wichtigen Anruf erhält, der alles ins Rollen bringt, lassen Sie die Szene nicht in seinem Wohnzimmer spielen. Lassen ihn den Anruf stattdessen mitten in einer überfüllten Straßenbahn oder während einer Theateraufführung entgegen nehmen. Eine kleine Änderung – aber eine mit großer Wirkung.


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Warum Sie sich als Schriftsteller ein Smartphone-Projekt zulegen sollten

Ich weiß ja nicht, wie es bei Ihnen ist, aber bei den meisten Schriftstellern ist die Zeit zum Schreiben am PC ein knappes und wertvolles Gut und damit das Nadelöhr, das bestimmt, wie gut wir mit unseren Schreibprojekten vorankommen. Wenn man am PC sitzt, arbeitet man meist an seinem Hauptprojekt; alles andere wird auf irgendwann später verschoben.

Doch es gibt gerade in der heutigen Zeit noch eine sinnvolle Alternative: ein „Smartphone-Projekt“, an dem Sie parallel zu Ihrem ’normalen‘ Buchprojekt arbeiten.

Vermutlich fragen Sie sich jetzt, was denn ein „Smartphone-Projekt“ sein soll. Ganz einfach: Die Zeit am heimischen PC ist wie bereits anfangs erwähnt knapp – vielleicht morgens eine Stunde vor der Arbeit und etwas länger am Wochenende.

Sich in dieser ohnehin knappen Zeit zu verzetteln und zu versuchen, parallel an mehreren unterschiedlichen Projekten zu arbeiten, wäre kontraproduktiv. Lieber erst ein Projekt abschließen und sich erst danach mit voller Konzentration dem nächsten Projekt widmen.

Doch wenn wir unseren Tagesablauf genauer unter die Lupe nehmen, gibt es durchaus noch zeitliche Reserven, die wir bisher weitgehend ungenutzt verstreichen lassen. Zeiten, in denen wir durchaus etwas schreiben könnten – nur eben nicht am PC. Und da kommt das bereits erwähnte „Smartphone-Projekt“ ins Spiel.

Es ist eine unbestreitbare Tatsache: Smartphones sind auf dem Vormarsch. Die meisten von uns besitzen bereits eines, egal ob es sich um ein Android-Phone, ein iPhone oder ein Windows-Phone handelt. Sie alle haben eines gemeinsam: unsere Smartphones sind äußerst leistungsfähige kleine Computer, die wir über die Apps, die wir installieren, maßgeschneidert an unsere eigenen Bedürfnisse anpassen können.

Doch während die meisten Menschen ihr Smartphone nur bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit zücken, um ihre Mails zu checken, ziellos bei Facebook oder Twitter zu surfen, Selfies oder Fotos ihres Essens zu posten oder simple Casual-Games zu spielen, können Schriftsteller ihre Smartphones wesentlich produktiver nutzen – nämlich zum Schreiben von Blogposts, Kurzgeschichten oder sogar ganzen Romanen.

Das Prinzip des „Smartphone-Projekts“ beruht darauf, dass Sie mit Ihrem Smartphone ansonsten ungenutzte Zeiten dazu nutzen können, um an anderen Schreibprojekten als Ihrem Hauptprojekt zu arbeiten. Das können Blogposts für Ihr Autorenblog sein, Kurzgeschichten oder sogar ein Roman. Falls Sie bei dem Gedanken schaudern, auf einem vergleichsweise winzigen Gerät wie einem Smartphone längere Texte als eine WhatsApp-Nachricht oder eine kurze Mail zu schreiben – keine Sorge. Das geht, und sogar recht komfortabel.

Prinzipiell kann man dafür so ziemlich jedes Smartphone nutzen, wenngleich die Auswahl der zur Verfügung stehenden Apps je nach Betriebssystem ziemlich unterschiedlich (und unter Windows zugegebenermaßen recht mager) ist. Ich selbst bin bekennender Android-Fan, weshalb sich die konkreten App-Empfehlungen in diesem Artikel auch auf Android konzentrieren. Manche der empfohlenen Apps gibt es auch für iOS und Windows, in anderen Fällen muss man sich selbst eine passende Alternative suchen.

Tipps zur Smartphone-Auswahl

Wenn man sein Smartphone fürs Schreiben nutzen will, sollte man lediglich auf eine vernünftige Bildschirmdiagonale und Bildschirmauflösung achten. Optimal sind meiner Erfahrung nach Smartphones mit einer Diagonale von 5″ und einer Bildschirmauflösung von 1280×720 Punkten. Größer ist natürlich schön, aber nicht erforderlich – nur kleiner als 4,5 Zoll sollte der Smartphone-Bildschirm nicht sein. Wer schon mal versucht hat, auf einem 4″-Smartphone im Hochformat über die Bildschirmtastatur einen längeren Text einzugeben, weiß, was ich meine. Da braucht man schon sehr schlanke und zierliche Finger, um zumindest meistens die richtigen Buchstaben zu erwischen.

Ein fürs Schreiben geeignetes Smartphone muss übrigens gar nicht teuer sein. Man braucht dafür kein nobles High-End-Smartphone für über 600 Euro, sondern lediglich ein solides Mittelklassegerät wie beispielsweise das Honor Holly für knapp 120 €, das ich selbst seit Ende Februar benutze und mit dem ich äußerst zufrieden bin: 5″ Display, 1280×720 Bildschirmauflösung, ein schneller Quad-Core-Prozessor, Dual SIM, 16GB Speicher und Android 4.4. Passt – mehr braucht man nicht zum Schreiben. Ebenfalls empfehlenswert sind die Handys des französischen Herstellers Wiko wie das Wiko Rainbow, das mit ähnlichen Leistungsdaten überzeugen kann, aber unterm Strich etwas teurer als das noch etwas besser ausgestattete Honor Holly ist.

Man muss übrigens nicht befürchten, dass man sich mit einem 5″-Gerät einen klobigen Klotz zulegt, der nicht mehr gut in der Hand liegt. Meine Frau hat sehr kleine und zierliche Hände und verwendet schon seit anderthalb Jahren ein 5″-Smartphone. Auch sie könnte sich nicht mehr vorstellen, nochmal auf ein kleineres Gerät zurück zu wechseln.

Aber genug von der Hardware – zurück zum eigentlichen Schreiben… ;-)

Warum sollte man unterwegs am Smartphone schreiben?

Am Smartphone zu schreiben hat eine ganze Reihe von Vorteilen:

  1. Das Smartphone hat man im Gegensatz zu Laptop, Netbook oder Tablet quasi immer und überall dabei. Man kann also jede Gelegenheit spontan nutzen, um ein paar Wörter oder Sätze an seinem aktuellen Smartphone-Projekt weiter zu schreiben – egal ob in der Frühstückspause im Büro, im Wartezimmer beim Zahnarzt, während man darauf wartet, dass sich alle zum Essen am Tisch einfinden oder während der Werbepause im Fernsehprogramm.
  2. Das Smartphone ist immer einsatzbereit. Im Gegensatz zum PC oder Laptop, den man erst hochfahren muss, braucht man sein Smartphone nur zu entsperren und auf die bereits geöffnete Schreib-App umzuschalten – und schon kann man loslegen.
  3. Da die Leute gewohnt sind, dass jeder bei jeder Gelegenheit mit seinem Smartphone herumspielt, stellt einem niemand neugierige Fragen, wenn man an seinem Smartphone schreibt. Das ist ideal, wenn man im Büro die Frühstücks- oder Mittagspause zum Schreiben nutzen möchte. Am Büro-PC könnte einem jeder über die Schulter schauen und wenn man in der Pause seinen privaten Laptop auspackt, sind neugierige Fragen vorprogrammiert. Was Sie jedoch an Ihrem Smartphone machen, interessiert erfahrungsgemäß niemanden – Sie werden höchstens als Technik-Freak belächelt, der jede freie Minute mit seinem Smartphone herumspielt.

Die besten Apps fürs mobile Schreiben

Fürs eigentliche Schreiben kann ich Ihnen die App JotterPad empfehlen. Sie können damit Texte lokal auf Ihrem Smartphone bearbeiten oder diese direkt in Ihrer Dropbox speichern. JotterPad hat alles, was man zum Schreiben braucht wie eine Wordcount-Funktion und eine sehr gute Markdown-Unterstützung (inklusive Export als RTF-Datei). Alles, was man in JotterPad geschrieben hat, wird beim Verlassen des Programms automatisch gespeichert.

Alternativ können Sie natürlich auch die beliebte Notizenverwaltung Evernote zum Schreiben nutzen. Da alle Evernote-Daten automatisch zwischen Ihren unterschiedlichen Rechnern synchronisiert werden, finden Sie alles, was Sie unterwegs in Evernote geschrieben haben, im entsprechenden Notizbuch auf Ihrem PC wieder, ohne dass Sie die Texte von Hand übertragen müssten.

Schreiben am Smartphone ist produktiver, als die meisten Leute denken. Natürlich können Sie an Ihrem Smartphone nicht annähernd so schnell tippen wie an einem PC mit einer vollwertigen Schreibmaschinentastatur, aber das ist auch gar nicht erforderlich. Mit der Bildschirmtastatur des Smartphones kommen Sie mit etwas Übung locker auf 20 Wörter pro Minute – besonders, wenn Sie eine moderne Bildschirmtastatur mit Wischeingabe wie Swype, Swiftkey oder die aktuelle Google-Tastatur verwenden. Auch damit könnten Sie also theoretisch auf über 1.000 Wörter in der Stunde kommen.

Aber in der Praxis geht es gar nicht so sehr darum, neue Geschwindigkeitsrekorde beim Schreiben aufzustellen, sondern darum, eigentlich wunderbar fürs Schreiben nutzbare Zeiten nicht einfach ungenutzt verstreichen zu lassen, nur weil gerade kein PC oder Laptop zum Schreiben verfügbar ist.

Fazit: die Vorteile eines ‚Smartphone-Projekts‘

Wenn Sie sich erst einmal angewöhnen, während ansonsten unnützer Wartezeiten rasch zum Smartphone zu greifen und ein paar Wörter oder Sätze zu Papier zu bringen, hat dies gleich zwei positive Auswirkungen:

  1. Innerhalb weniger Wochen entwickeln Sie einen Blick für solche kleinen, aber feinen Zeitfenster. Sie lernen einzuschätzen, wie viele Minuten Sie wohl zur Verfügung haben, und nutzen diese dann entweder zum Nachdenken über Ihr Schreibprojekt oder zum Schreiben. Haben Sie mindestens 3-5 Minuten am Stück, lohnt es sich definitiv, das Smartphone rauszuholen. Selbst wenn es nur 1-2 Sätze sind, die Sie zu Papier bringen, sind das immer noch 1-2 Sätze mehr, als Sie sonst hätten.
  2. Dadurch, dass Sie über den Tag verteilt immer wieder ein klein wenig an Ihrem Smartphone-Schreibprojekt arbeiten, bleibt es permanent im Fokus Ihres Unterbewusstseins. Spätestens nach ein paar Tagen merken Sie, dass Ihr Unterbewusstsein Ihnen über den Tag verteilt so viele neue Ideen eingibt, dass Sie jede sich bietende Gelegenheit zum Schreiben nutzen können, ohne dass Ihnen der Stoff ausgeht.

Auch wenn Sie anfangs vielleicht das Gefühl haben, am Smartphone kaum voran zu kommen, täuscht das in den allermeisten Fällen. Viele ‚Wenigs‘ ergeben zusammen bekanntlich ein ‚Viel‘: Selbst wenn Sie im Schnitt nur 250 Wörter pro Tag schreiben, ergibt das aufs Jahr gerechnet die Rohfassung eines kompletten Romans – oder 52 Blogposts á 800 Wörter + 10 Kurzgeschichten á 5.000 Wörter.

Und wäre es nicht schön, wenn Sie sich in Ihrer knappen Schreibzeit zuhause z. B. voll und ganz auf Ihr aktuelles Romanprojekt konzentrieren könnten, während die wöchentlichen Blogposts für Ihr Autorenblog und die Kurzgeschichten, die Sie auch noch gerne schreiben möchten, quasi nebenbei entstehen?

Probieren Sie es doch einfach selbst einmal ein paar Wochen lang aus und ziehen Sie anschließend Bilanz, was Sie in dieser Zeit so ganz nebenbei an neuen Texten aus dem Ärmel schütteln konnten. Vielleicht können auch Sie sich danach nicht mehr vorstellen, auf ein Smartphone-Projekt zu verzichten.


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Schreibstil und Wortschatz im Alltag verbessern

Es gibt eine Handvoll Punkte, an denen man als Schriftsteller permanent arbeiten sollte, um stetig zu wachsen und immer besser zu werden.

Einer dieser Punkte ist der eigene Wortschatz und die Fähigkeit, sich klar und abwechslungsreich auszudrücken. Das gilt für Romanschriftsteller mindestens ebenso sehr wie für Sachbuchautoren.

Als Romanschriftsteller kann man diese Fähigkeit nicht nur beim eigentlichen Schreiben üben, sondern auch im Alltag – und das ganz ohne zusätzliche Zeit investieren zu müssen.

Das mag auf den ersten Blick unrealistisch klingen, doch die Lösung ist verblüffend einfach. So einfach, dass kaum jemand darauf kommt.

Es geht darum, wie man ungenutzte Pausen und langweilige Momente nutzt. Natürlich kann man diese Zeiten nutzen, um beispielsweise über offene Fragen rund um die eigene Romanhandlung nachzudenken oder die nächste Szene im Kopfkino ablaufen zu lassen, um diese am nächsten Morgen besser und flüssiger schreiben zu können.

All das ist gut, richtig und empfehlenswert – aber offen gestanden hat man auch dazu nicht immer Lust. Manchmal fällt einem partout nichts ein, über das man nachdenken müsste – und wenn man beispielsweise zurzeit an der Revision eines Manuskripts arbeitet, hat das Kopfkino für neue Szenen ohnehin Sendepause.

Nutzen Sie diese ansonsten ungenutzten Zeiten daher, um alles, was Sie sehen, hören, riechen, fühlen und empfinden, gedanklich zu formulieren.

Sagen wir, Sie gehen durch die Fußgängerzone Ihrer Stadt, weil Sie etwas abholen müssen. Beschreiben Sie gedanklich, was Sie sehen, hören und riechen – und zwar so, wie Sie es auf den Seiten eines Romans beschreiben würden.

Beschreiben Sie die Bewegungen der Tauben, die sich in der Nähe des Imbissstands um Brötchenkrümel und runtergefallene Pommes Frites streiten.

Beschreiben Sie die ältere Dame, die mit ihrem Mann neben Ihnen an der Fußgängerampel steht. So, wie Sie sie in einem Roman beschreiben würde, um mit wenigen, aussagekräftigen Attributen die Figur vor dem geistigen Auge Ihrer Leser zum Leben zu erwecken.

Wählen Sie drei besonders charakteristische Eigenschaften bzw. Details, anhand derer ein Fremder diese Frau unter hundert anderen Passanten eindeutig erkennen würde.

Bleiben Sie nicht allgemein, sondern werden Sie spezifisch. Wenn sie eine auffällige Bluse anhat – wie würden Sie das Muster und/oder die Farbe ihrer Bluse kurz und knapp beschreiben?

Diese Übung mag auf den ersten Blick banal erscheinen, doch das ist sie keinesfalls. Wenn Sie es in der Praxis ausprobieren, werden Sie sehr schnell merken, wie oft Sie an Ihre Grenzen stoßen und länger über eine passende Formulierung nachgrübeln müssen, als Sie dafür Zeit haben. Die Fußgängerampel wird grün, alle strömen hastig über die Straße – und Sie überlegen immer noch, wie man diesen Farbton nennt oder wie man jene Frisur beschreiben könnte.

Das ist eine frustrierende Sache – aber nur zu Beginn. Es ist wie bei allem, mit dem man neu beginnt: anfangs ist man derartig schlecht, dass es einen selbst ärgert und einem absolut keinen Spaß macht. Doch das sollte einen keinesfalls dazu verleiten, vorschnell aufzugeben.

Das bildliche Beschreiben einer Szene mit allen Sinnen ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die man als Schriftsteller lernen kann. Nicht umsonst ist „Show, don’t tell!“ (Also „Zeige, statt zu erzählen“) die wohl bekannteste Schreibregel.

Je öfter und intensiver Sie diese Fähigkeit im Alltag trainieren, desto schneller werden Sie im Laufe der Zeit beim eigentlichen Schreiben.

Dafür gibt es gleich zwei Gründe.

Zunächst mal entwickeln Sie durch diese neue Angewohnheit rasch einen Blick für Details, die Ihnen ansonsten entgangen wären. Sie werden zum besseren und aufmerksameren Beobachter, der Details, Geräusche und Gerüche wie ein Schwamm in sich aufsaugt. Sie leben intensiver und bewusster als bisher. Allein das ist schon ein unschätzbarer Gewinn.

Der zweite, ebenso wichtige Grund ist, dass Sie Ihren aktiven Wortschatz ausbauen und trainieren. Sie lernen, speziellere und aussagekräftigere Wörter statt allgemeiner Oberbegriffe zu verwenden und so lebendiger zu schreiben.

Und Sie merken dabei sehr schnell, wo Sie noch Schwächen und Defizite haben. Es ist ein verbreiteter Scherz, dass Männer nur wenige Farben unterscheiden: etwas ist grün, blau, rot oder gelb – vielleicht noch dunkelgrün, metallicrot oder hellblau.

Doch die Farbvielfalt ist viel größer – und hier merken wir den Unterschied zwischen passivem und aktivem Wortschatz besonders stark. Wir können uns recht genau vorstellen, was jemand mit Farbnuancen wie taubenblau, magenta oder cyan meint – aber wir verwenden diese Begriffe selbst nicht oder zumindest so selten, dass sie uns nicht automatisch in den Sinn kommen.

Eine gute Übung hierfür ist, sich einen RAL-Farbenfächer zu besorgen und gezielt zu üben, die Farben auswendig zu lernen und korrekt zu benennen. Wichtig ist, dass dieser nicht nur die RAL-Nummern, sondern auch die Namen der Farbtöne enthält – schließlich wollen Sie in einem Roman nicht schreiben, dass der Himmel kurz vor dem Einbruch des Unwetters in RAL 1016 leuchtete, sondern eher, dass er schwefelgelb war. ;-)

Auch eine Online-Tabelle wie http://www.ral-farben.de/inhalt/anwendung-hilfe/alle-ral-farbnamen/uebersicht-ral-classic-farben.html kann Ihnen helfen, die wichtigsten Farben auswendig zu lernen.

Natürlich eignen sich nicht alle Farbbezeichnungen dafür, beim kreativen Schreiben verwendet zu werden. Kaum jemand außer einem Grafiker oder Farbspezialisten wird beispielsweise etwas als „hellrotorange“, „perlorange“ oder „verkehrsblau“ bezeichnen, doch Farbtöne wie „saphirblau“, „karminrot“ oder „kastanienbraun“ kann man gut verwenden.

Ganz abgesehen davon können Sie gerade bei Farben äußerst kreativ werden und Farben eigene, sprechende Namen verpassen. Auch wenn Sie diese Farbbezeichnungen wohl nie in einer offiziellen Farbtabelle finden werden, kann sich doch fast jeder etwas unter Farbbezeichnungen wie „eitergelb“, „madenweiß“ oder „nazibraun“ vorstellen. ;-)

Ein Farbfächer, den Sie in der Jackentasche dabei haben können, hat noch einen weiteren Vorteil: Sie können Dinge, die Sie unterwegs sehen, mit dem RAL-Farbfächer identifizieren und so trainieren, wie man eine bestimmte Farbe nennt. Und wenn Sie eine bessere, aber aussagekräftigere Bezeichnung für eine bestimmte Farbe gefunden haben, können Sie diese auf der Rückseite der jeweiligen Farbkarte notieren, bis der Farbfächer so nach und nach zu Ihrem persönlichen Farb-Thesaurus wird.

Egal, ob Sie den Vorschlag mit dem Farbfächer verwenden oder sich darauf beschränken, einfach nur das Formulieren Ihrer Alltags-Beobachtungen als ‚gedankliche Erzählung‘ zu üben – lassen Sie sich auf eine 14-Tage-Herausforderung ein. Wenn Sie dieses ‚Spielchen‘ zwei Wochen lang durchhalten und täglich zumindest ein paar Minuten lang üben, werden Sie gegen Ende der zwei Wochen bereits feststellen, dass es Ihnen immer leichter fällt, die passenden Formulierungen und Beschreibungen aus dem Ärmel zu schütteln.

Auch beim Schreiben der Rohfassung Ihrer nächsten Geschichten werden Sie merken, dass Sie nicht nur schneller werden, sondern auch, dass die Qualität Ihrer Rohfassung noch besser als bisher wird. Da Sie nun die Szenen, die Sie vorher in Ihrem Kopfkino durchgespielt haben, mit noch mehr lebendigen Details zu Papier bringen können, reduziert sich zugleich der Aufwand für die spätere Überarbeitung der Texte. Und da diese Übung Sie wie gesagt unterm Strich keine zusätzliche Zeit kostet – was haben Sie zu verlieren? ;-)


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Warum Improvisation beim Schreiben gute Planung erfordert

Immer wieder flammt zwischen Schriftstellern die ewige Diskussion auf, ob nun das Vorplanen oder das Drauflosschreiben der bessere Ansatz ist, um einen guten Roman zu produzieren. Während manche etablierten Bestsellerautoren wie Stephen King oder Lee Child darauf beharren, dass sie niemals einen ihrer Romane vorplanen, stehen auf der anderen Seite hunderte ebenfalls erfolgreicher Autoren, die niemals einen Roman ohne eine ausreichend detaillierte Vorplanung beginnen würden.

Gerade unerfahrenen Autoren erscheint dieser Disput ziemlich paradox: Zwei Gruppen, die auf scheinbar völlig gegensätzliche Ansätze schwören und dennoch beide mit ihren Methoden erfolgreich sind.

Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo in der Grauzone zwischen den Extremen. Das kann man besonders gut am Beispiel des Worldbuildings sehen.

Nehmen wir beispielsweise an, Sie wollen einen Fantasy-Roman schreiben. Reine Improvisation wird Sie hier nicht ans Ziel bringen. Wenn Sie Ihre Fantasy-Welt erst nach und nach während des Schreibens aufbauen, sind Inkonsistenzen und Widersprüche vorprogrammiert.

Dazu zählen beispielsweise Dinge, die Sie gegen Ende des Romans als neue Idee einbringen, die aber bei genauer Betrachtung bereits auf den Beginn der Handlung so großen Einfluss gehabt hätten, dass eigentlich die ganze Geschichte völlig anders hätte verlaufen müssen. So etwas bei der Überarbeitung des Romans im Nachhinein glattzuziehen ist eine wahre Sisyphusarbeit, die einem den Spaß am eigenen Roman gründlich austreiben kann.

Wenn Sie also beim Schreiben Ihres Romans improvisieren wollen und Ihre Charaktere die Handlung bestimmen lassen wollen, müssen Sie die Welt schon verdammt gut kennen, in der Sie Ihre Romanfiguren von der Leine lassen wollen. So steckte auch Tolkien zunächst einige Jahre in die Konstruktion der Welt von Mittelerde, bevor er den Hobbit und die Herr-der-Ringe-Trilogie schrieb.

Wenn Sie seit etlichen Jahren in Berlin leben und die Stadt wie Ihre Westentasche kennen, könnten Sie vermutlich einen Roman improvisieren, der in Berlin spielt. Sie wissen, wie Ihr Protagonist am besten vom Flughafen Berlin-Tegel in die Innenstadt kommt oder in welchem China-Restaurant er die geheimnisvolle Unbekannte vom Flughafen wieder treffen könnte.

In diesem Fall sind es Ihre Kenntnisse über den Handlungsort, die Ihnen neue Ideen für die Handlung eingeben. Für einen Roman, der in Ihrer langjährigen Heimat spielt, ist das schön und gut. Aber wenn Ihr Roman in einer fiktiven, fremdartigen Welt spielt, die gerade erst in Ihrem Kopf zu entstehen beginnt, tasten Sie sich hier halbblind durch dichten Nebel – und da gibt es mehr Fallgruben und Stolpersteine, als gut für Sie und Ihren Roman ist.

Sie können also erst einmal ein paar Wochen oder Monate investieren, um eine komplexe, realistisch anmutende Fantasy-Welt mit unterschiedlichen Rassen, Religionen, Sprachen et cetera zu erschaffen. Erst dann, wenn Sie selbst Ihre fiktionale Welt so gut kennen wie Ihre Westentasche, können Sie damit beginnen, in dieser Welt improvisierte und trotzdem schlüssige Romane zu schreiben.

Dieser Ansatz ist gut, wenn Sie vorhaben, in Ihrer fiktiven Welt mehrere Romane oder gar eine ganze Serie anzusiedeln. Doch wenn Sie nur einen einzelnen Roman in dieser Welt schreiben wollen, werden Sie einen großen Teil der Welt, die Sie über Wochen und Monate mühevoll konstruiert haben, niemals verwenden können.

Wenn Sie umgekehrt die Handlung Ihres Romans zuerst planen, reduziert sich der Zeitaufwand für das Worldbuilding extrem. Dann genügt es, die Welt in groben Zügen zu skizzieren und lediglich die Teile und Aspekte genauer ausarbeiten, die Sie für Ihre aktuelle Romanhandlung wirklich brauchen.

Unterm Strich sparen Sie daher, so paradox das auch klingen mag, einiges an Zeit, wenn Sie Ihre Handlung zunächst in groben Zügen planen und sich dann beim Worldbuilding (oder der Recherche) auf die Aspekte konzentrieren, die wirklich für Ihre Romanhandlung von Bedeutung sind.

Wenn Sie beispielsweise bei einem Berlin-Krimi wissen, dass es Ihren Protagonisten niemals an den Flughafen verschlägt, müssen Sie keine Details hierüber recherchieren. Und wenn Sie wissen, dass die Handlung Ihres Fantasy-Romans ausschließlich im Gebirge und im bewaldeten Landesinneren spielt, brauchen Sie sich keine allzu großen Gedanken über die Küstenregionen oder die vorgelagerten Inseln zu machen.

Dass Sie Ihre Handlung grob vorplanen bedeutet natürlich noch lange nicht, dass Sie sich später auch an diesen anfänglichen Plan halten müssen. Da gibt es ein gutes Zitat von Winston Churchill: „Pläne sind unwichtig, aber die Planung ist unverzichtbar.“

Der Planungsprozess zeigt Ihnen, was wichtig ist und was nicht. Er zeigt Ihnen, worauf Sie hauptsächlich Ihr Augenmerk richten sollten. Er hindert Sie jedoch nicht daran, aus gutem Grund und nach gründlichem Abwägen doch noch umzudisponieren und den ursprünglichen Plan über den Haufen zu werfen: Wenn Sie also während des Schreibens Ihres Fantasy-Romans erkennen, dass sich die Handlung entgegen Ihrer ursprünglichen Planung doch in Richtung Küste verlagert, können Sie immer noch ans Reißbrett zurückkehren und auch noch die Küstenregion und den Weg dorthin ausarbeiten, damit Sie auch diese in Ihrem Roman glaubwürdig beschreiben können.


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In Medias Res: Warum Sie Ihren Protagonisten und Ihren Leser ins kalte Wasser werfen sollten

Als Schriftsteller hat man heutzutage nicht allzu viel Zeit, um in einem Roman den Haken auszuwerfen und den Leser „an Land zu ziehen“. Eine Seite, maximal. Eher weniger.

Wenn ein Leser, der in das Buch hinein blättert und testweise die ersten Absätze liest, nicht spätestens bis zum Ende der ersten Seite am Haken hängt und neugierig ist, wie es weiter geht, ist die Wahrscheinlichkeit recht gering, dass er weiter liest oder gar das Buch kauft.

Das sind schlechte Karten, denn schließlich teilt die klassische Romanstruktur die Handlung eines Romans ja in drei Akte auf: Einleitung, Mittelteil und Ende, wobei der Mittelteil üblicherweise so lang wie Einleitung und Ende zusammen ist.

Auch für den ersten Akt (also das erste Viertel des Romans) gibt es Empfehlungen: Zu Beginn führt man den Protagonisten in seinem bisherigen Alltag ein, der dann ungefähr in der Mitte des ersten Akts durch das „auslösende Ereignis“ aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Während des Rests des ersten Akts versucht der Protagonist, auf die geänderte Situation (auch bekannt als „das Problem“) zu reagieren, was ihn gegen Ende des ersten Akts an den „Punkt ohne Wiederkehr“ bringt – jene Stelle, an der es für ihn kein Zurück mehr gibt und an der er bereits bis zu den Hüften im Abenteuer steckt.

Die meisten Klassiker der Weltliteratur bauen auf diesem Schema auf und führen erst langsam den Protagonisten mit seiner Vorgeschichte ein, bevor sich am Horizont der zentrale Konflikt des Romans abzeichnet. Da gehen schnell mal 10.000 Wörter oder mehr ins Land, bevor es wirklich spannend wird.

Natürlich gibt es auch heute noch literarische Romane, deren Handlung einfach vor sich hin plätschert und die der Leser allein wegen ihres Stils, der Dialoge oder der ungewöhnlichen Charaktere liest, doch die meisten Leser wollen unterhalten werden. Sie wollen Spannung und Konflikt – wenn nicht gar handfeste Action.

Wenn man hier wie anno dazumal Charles Dickens mit einer langatmigen Vorgeschichte und einer akribischen Beschreibung der Lebensumstände aller wichtigen Personen beginnt, hat man die meisten potentiellen Leser schon lange verloren, bevor es wirklich spannend wird.

Das Gegenmittel ist im Prinzip ganz einfach: Starten Sie „in medias res“ – lateinisch für „mitten im Geschehen“. Im Klartext: Bereits die erste Szene Ihres Romans sollte Ihren Protagonisten mitten in einer spannenden oder sogar dramatischen Szene zeigen, die den Leser direkt in die Handlung hinein zieht.

Sie lassen Ihren Protagonisten also nicht langsam ins Wasser waten und sich behutsam akklimatisieren, sondern werfen ihn direkt ins kalte Wasser und setzen mit Ihrer ersten Szene dort an, wo die Wellen über ihm zusammen schlagen.

Bezogen auf die klassische Romanstruktur streichen Sie also die erste Hälfte des ersten Aktes komplett und beginnen entweder mit oder sogar kurz nach dem „auslösenden Ereignis“.

Dafür brauchen Sie allerdings ein wenig Fingerspitzengefühl. Wenn Sie das „mitten im Geschehen“ zu wörtlich nehmen und Ihre erste Szene beispielsweise mitten in einer Verfolgungsjagd oder während des Angriffs der Barbarenhorde auf das friedliche Dorf des Protagonisten beginnen, besteht die Gefahr, dass Sie Ihre Leser überrumpeln und überfordern.

Sie als Autor wissen natürlich genau, was gerade passiert und wer wer ist – doch Ihr Leser muss sich erst einmal einen Überblick über die Situation verschaffen und herauslesen, um wen es hier eigentlich geht und was auf dem Spiel steht.

Sie müssen also in diese spannende Szene immer noch so viele Hintergrundinformationen einfließen lassen, dass der Leser weiß, was Sache ist. Je rasanter und actionlastiger die Szene ist, desto schwieriger gestaltet sich das. Absätzelange Infodumps oder gar Rückblenden sind hier natürlich tabu.

Als Faustformel kann man sagen, dass Sie bei einem Einstieg „in medias res“ dem Leser genau so viele Informationen geben sollten, dass er die Szene verstehen kann – und kein bisschen mehr. Manche Dinge brauchen Sie nicht explizit zu erwähnen, da der Leser sie sich anhand der Bröckchen, die Sie ihm hinwerfen, zusammenreimen kann. Sie sollten allerdings achtgeben, dass das sich daraus ergebende Bild dennoch so eindeutig ist, dass der Leser die Puzzlestücke nicht völlig falsch interpretiert und sich eine ganz andere Handlung zusammenreimt.

Wenn beim Leser einige Fragen offen bleiben (die ihn aber nicht daran hindern, die Handlung weiter zu verfolgen), ist das sogar gut. Offene Fragen, Rätsel und Geheimnisse sorgen dafür, dass der Leser weiter liest. Schließlich will er nicht nur erfahren, wie es weiter geht, sondern er will auch Antworten auf seine offenen Fragen. Und die können Sie ihm nach und nach in mundgerechten Häppchen servieren – spätestens dann, wenn er diese Information braucht, um die aktuelle Szene oder die Handlungen und Entscheidungen der Charaktere zu verstehen.

Bei einem Romananfang „in medias res“ haben Sie hauptsächlich zwei Handicaps. Zunächst einmal besteht die Gefahr, dass sich der Leser ein paar Seiten braucht, um sich nach und nach zusammenzureimen, wer alles in der Szene vorkommt, in welcher Beziehung diese Charaktere zueinander stehen und worum es hier eigentlich geht.

Wenn der Einstieg zu unübersichtlich und verwirrend ist, nützt auch die spannendste und dramatischste Handlung nichts. Wenn der Leser nicht gespannt und neugierig, sondern völlig verwirrt ist, wird er kaum weiter lesen, sondern das Buch frustriert und genervt zur Seite legen. Und das ist natürlich das Letzte, was man als Autor will.

Doch selbst wenn Sie Ihre spannende und dramatische Einstiegsszene noch so gekonnt strukturieren, haben Sie immer noch ein weiteres Problem: Der Leser kennt Ihren Protagonisten noch nicht und tut sich daher naturgemäß eher schwer damit, bereits von der ersten Seite an mitzufiebern und ihm begeistert die Daumen zu drücken.

Diese Einführung des Protagonisten, die zu einer Identifikation des Lesers mit ihm führen soll, ist normalerweise die Aufgabe der ersten Hälfte des ersten Akts – und auf die müssen wir ja verzichten, wenn wir direkt „mitten im Geschehen“ beginnen wollen.

Was also tun, wenn Sie feststellen, dass Sie Ihre Leser mit einem zu rasanten Einstieg überfordern und sie damit schon auf den ersten Seiten zu verlieren drohen?

In diesem Fall schalten Sie einen Gang zurück – genauer gesagt, eine Szene. Beginnen Sie kurz vor dem Punkt, an dem es so richtig rasant und damit für Außenstehende unübersichtlich wird.

Statt mitten in der Verfolgungsjagd zwischen Polizei und Gangstern durch den dichten Großstadtverkehr zu beginnen, starten Sie mit den beiden Polizisten, die per Funkspruch zum Ort des Banküberfalls gerufen werden. Die Fahrt zum Bankgebäude gibt Ihnen genügend Gelegenheit, die beiden Polizisten genauer einzuführen und dem Leser zu zeigen, was für sie auf dem Spiel steht.

Optimal ist, wenn Sie den Protagonisten eine verhängnisvolle Entscheidung fällen lassen, die für den Leser glaubwürdig und unvermeidbar wirkt, aber die Handlung in ihrer späteren Form erst so richtig in Gang bringt.

Im Fall der beiden Polizisten, die zum Ort des Banküberfalls gerufen werden, könnte das so aussehen: Die Polizisten wissen, dass ihr Streifenwagen der einzige in der Nähe der Bank ist und dass sie wohl mehrere Minuten vor den anderen Wagen dort eintreffen werden. Der erfahrene, besonnene Partner des Protagonisten gibt zu bedenken, dass sie vielleicht doch besser auf Verstärkung warten sollten, bevor sie sich den bewaffneten und vermutlich zahlenmäßig überlegenen Bankräubern in den Weg stellen. Doch dem Protagonisten ist bereits bei dem Funkspruch ein eisiger Schauer über den Rücken gelaufen – denn er weiß genau, dass seine Frau heute mit seinem kleinen Sohn zu genau dieser Bank wollte, um dort ein Sparbuch für den Jungen einzurichten. Er weiß zwar nicht, ob seine Familie sich tatsächlich als Geiseln in der Gewalt der Bankräuber befindet, aber er weiß genau, dass er es sich niemals verzeihen kann, wenn er durch sein Zögern das Leben seiner Familie gefährdet.

Wenn Sie jetzt die beiden Polizisten genau zu dem Zeitpunkt die Bank erreichen lassen, zu dem die bewaffneten Bankräuber mit mehreren Geiseln die Bank verlassen und in einem Transporter fliehen, ist dem Leser klar, was auf dem Spiel steht.

Der Protagonist konnte einen flüchtigen Blick auf die Geiseln werfen, bevor diese in den Transporter getrieben wurden und die Bankräuber mit quietschenden Reifen davon rasten und glaubt, seine Familie unter ihnen erkannt zu haben.

Er kann die Gangster keinesfalls entkommen lassen, da er befürchten muss, dass sie ihre Geiseln kaltblütig erschießen, sobald sie in Sicherheit sind – schließlich werden sie keine Zeugen am Leben lassen, die sie später bei einer Gegenüberstellung identifizieren könnten. Aber er weiß auch, dass er nicht einfach das Feuer auf den Wagen mit den flüchtenden Gangstern eröffnen kann, ohne damit zugleich das Leben der Geiseln zu gefährden.

Sie sehen, was dieser kleine Schritt zurück für Ihre Handlung tut: Auf einmal sind es für den Leser nicht mehr zwei namenlose Polizisten, die ein paar ebenso namen- und gesichtslose Bankräuber durch das Straßengewühl verfolgen, sondern jetzt fiebert er mit einem Vater mit, der seine Frau und seinen Sohn aus den Händen eiskalter Verbrecher befreien will.

Probieren Sie diese Technik selbst einmal aus, wenn Sie eine Romanhandlung haben, die sich zu langsam anlässt und auf den ersten Seiten Probleme hat, so richtig in Schwung zu kommen. Vielleicht ist ein Start „in medias res“ in diesem Fall genau der richtige Ansatz.



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