Wie Sie gezielt mit den Erwartungen Ihrer Leser spielen

Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die man als Romanautor lernen und trainieren sollte, besteht darin, mit den Erwartungen der Leser zu spielen, ohne ihn zu enttäuschen.

Wenn ein Leser ein Buch kauft, hat er je nach Genre unterschiedliche Erwartungen. Bei einer Romanze geht er davon aus, dass die beiden Hauptcharaktere sich am Ende kriegen. Beim Krimi erwartet er üblicherweise, dass die Gerechtigkeit am Ende siegen wird.

Natürlich gibt es immer wieder Romane, bei denen die Autoren ganz bewusst auf ein solches Ende verzichten – und oft sind es gerade diese Romane, die uns durch das für uns völlig überraschende ‘böse’ Ende noch lange über die letzte Seite hinaus in Erinnerung bleiben. Der Schurke kommt davon, der Held stirbt (z.B. im Film “Arlington Road”). Das Liebespaar kommt nicht zusammen und es ist klar, dass beide dies für immer bedauern werden, oder einer der beiden stirbt am Ende und der andere weiß, dass er nie wieder jemanden so sehr lieben können wird.

Manche Autoren wie Nicholas Sparks haben ihren Ruf auf solchen Enden aufgebaut – und mittlerweile ist es genau das, was die Leser von ihnen erwarten. Womit wir wieder bei dem Punkt wären, an dem auch sie die Erwartungshaltung ihrer Leser (also z.B. nach einem bittersüßen, tragischen Ende mit Taschentuchgarantie) erfüllen müssen, um diese nicht zu enttäuschen.

Doch wenn das Ende eines Romans zu vorhersehbar ist und der Leser schon recht früh in der Handlung ahnt, wie das Ende ausfallen wird, hat man sich als Autor sein eigenes Grab geschaufelt. Kaum jemand liest Bücher, deren Ende er schon kennt oder bei denen die Handlung wie auf Schienen auf ein vorhersehbares Ende zusteuert.

Um das zu vermeiden, muss man als Autor mit den Erwartungen der Leser spielen wie ein Torero, der dem Stier das rote Tuch hinhält, nur um es in letzter Sekunde zur Seite zu ziehen und den Stier ins Leere laufen zu lassen.

Dieses “ins Leere laufen lassen” sind bei einem Roman die überraschenden Entwicklungen und Wendungen, die den Leser völlig unerwartet treffen und ihn zwingen, sich gedanklich immer wieder neu zu orientieren, statt auf ausgetretenen Pfaden in Richtung eines bekannten Endes zu schlendern.

Oder anders formuliert: Die Kunst besteht darin, dem Leser zwar das zu geben, was er für sein Geld erwartet – aber auf eine Art und Weise, mit der er nicht gerechnet hätte.

Damit diese Technik optimal funktioniert, gilt es, den Leser möglichst lange im Ungewissen zu halten, ob sein Wunschende tatsächlich wahr wird.

Auch wenn unsere Leser damit rechnen, dass der Held es überleben wird und am Ende gewinnt, dürfen sie sich ihrer Sache niemals zu sicher sein. Also nach Möglichkeit kein Ich-Erzähler, durch den schon klar ist, dass der Held überlebt (sonst könnte er dem Leser schließlich nicht mehr davon erzählen).

Denken Sie nur an die Spannung und die steigende Erwartungshaltung bei den Harry-Potter-Romanen, als vor Erscheinen des letzten Bandes das Gerücht aufkam, dass Harry Potter im finalen Kampf gegen Voldemort den Heldentod sterben würde. Ein nicht ganz unbegründetes Gerücht, das durch zahlreiche Andeutungen in der Handlung der früheren Bücher untermauert wurde. Wohl jeder, der sich direkt nach Erscheinen den siebten und letzten Band der Serie kaufte, fieberte beim Lesen bis zum dramatischen Finale mit – nicht obwohl, sondern gerade weil bis zum Schluss nicht klar war, ob der Held am Ende überleben würde.

Um eine ähnliche Spannung in Ihren eigenen Romanen zu erzeugen, skizzieren Sie zunächst mindestens zwei, möglichst jedoch drei unterschiedliche Enden: Erstens das Ende, das sich der Leser wünscht. Zweitens das Ende, vor dem sich der Leser fürchtet. Und drittens ein Ende, das Sieg und Niederlage miteinander verknüpft.

Beispiel: Die Freundin des Protagonisten wurde von Gangstern entführt, die ihn damit zwingen wollen, für sie ein Verbrechen zu begehen.

Ende Nr. 1 (das, was sich der Leser wünscht): Der Protagonist trickst die Gangster aus, vereitelt das geplante Verbrechen, befreit seine Freundin und sorgt dafür, dass die Gangster ihre gerechte Strafe erhalten.

Ende Nr. 2 (das, vor dem sich der Leser fürchtet – also im Stil von “Arlington Road”): Der Protagonist begeht das Verbrechen und wird von der Polizei dafür verhaftet. Die Gangster töten seine Freundin, da sie keine Zeugen gebrauchen können, und tauchen unerkannt unter.

Ende Nr. 3 (das halbtragische Ende): Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, wenn man einzelne Aspekte von Ende 1+2 miteinander kombiniert.

a) Der Protagonist schafft es zwar, die Gangster aufzuhalten und das Verbrechen zu vereiteln, kann aber die Ermordung seiner Freundin nicht verhindern, sondern nur noch ihren Tod rächen.

b) Der Protagonist kann zwar seine Freundin retten und die Gangster ausschalten, musste aber das von den Gangstern geforderte Verbrechen begehen und befindet sich daher am Ende auf der Flucht vor der Polizei oder sogar hinter Gittern.

c) Der Protagonist schafft es, das Verbrechen zu vereiteln, seine Freundin zu befreien und die Gangster auszuschalten, aber musste dabei selbst so skrupellos und brutal vorgehen, dass seine Freundin nichts mehr mit ihm zu tun haben will und ihn am Ende verlässt.

Für jedes dieser möglichen Enden fallen Ihnen mit Sicherheit einige Szenen oder Handlungswendungen ein, die dem Leser genau dieses Ende wahrscheinlicher erscheinen lassen. Das sind Ihre Karten, die Sie geschickt miteinander kombinieren und im Laufe der Handlung ausspielen können.

Wenn der Leser gerade denkt, dass alles auf ein Happy End hinaus läuft, werfen Sie Ihrem Protagonisten einen üblen Knüppel zwischen die Beine, der ihn ins Straucheln bringt und ihn auf das Verhängnis zu stolpern lässt – und kurz vor dem Sturz in den Abgrund lassen Sie ihn einen Rettungsanker finden, den Sie rechtzeitig vorher dort platziert hatten.

Wichtig ist, dass Sie diese überraschenden Wendungen ganz gezielt vorbereiten. Wenn Sie wissen, dass Ihr Protagonist später einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Fähigkeit benötigen wird, bereiten Sie dies rechtzeitig vor – und zwar so dezent, dass der Leser es anfangs als nebensächlich ignoriert und erst dann wieder daran denkt, wenn Sie diese Karte ausspielen.

Vielleicht kennen Sie den Begriff “Chekhov’s Gun”. Dieser Begriff basiert auf einem Zitat des Schriftstellers Anton Chekhov: Entferne alles, was keine Bedeutung für die Handlung hat. Wenn du im ersten Kapitel erwähnst, dass ein Gewehr an der Wand hängt, muss dieses Gewehr im zweiten oder dritten Kapitel unbedingt losgehen. Wenn es nicht abgefeuert wird, sollte es nicht dort hängen.

Auch wenn Chekhov damit eigentlich darauf hinaus will, dass man auf unnötige Details verzichten soll, die mit der Handlung nichts zu tun haben, gilt auch der Umkehrschluss: Alles, was später in der Handlung von Bedeutung sein soll, muss rechtzeitig vorher eingeführt werden.

Mit diesem Kunstgriff können Sie auch die abenteuerlichsten Wendungen plausibel erscheinen lassen. Wenn Ihr Protagonist im Finale in der Lage sein muss, innerhalb von 60 Sekunden eine Hightech-Alarmanlage zu deaktivieren, können Sie zu Beginn der Handlung beispielsweise einfließen lassen, dass er früher für den Hersteller dieser Alarmanlagen gearbeitet hat und dort entlassen wurde, weil er auf gravierende Sicherheitslücken bei diesen Anlagen hingewiesen hatte.

Das Spiel mit den Erwartungen der Leser können (und sollten!) Sie sogar bis auf Szenenebene herunter brechen. Wenn Sie eine Szene planen, sollten Sie sich nicht nur ein Ende für diese Szene überlegen, sondern mindestens(!) fünf.

Beispiel: Der Privatdetektiv Maddox will den Mechaniker Harper in seiner Wohnung aufsuchen, da er glaubt, dass dieser die Bremsen am Wagen des Industriellen Branley manipuliert und so dessen Unfalltod verursacht hat.

Option 1: Maddox setzt Harper unter Druck, bis dieser bereit ist, auszupacken. Doch bevor Harper den Namen seines Auftraggebers nennen kann, wird er durchs Fenster erschossen.

Wer das für überraschend hält, hat vermutlich fast alle Krimis der letzten sechzig Jahre verschlafen. ;-) Also sammeln wir besser ein paar Alternativen…

Option 2: Maddox findet die Tür von Harpers Wohnung angelehnt vor. Als er die Wohnung betritt, sieht er Harper tot am Boden liegen. In diesem Moment wird er von hinten niedergeschlagen. Als er wieder zu sich kommt, hat er die Pistole in der Hand, mit der Harper erschossen werden, und unten auf der Straße heulen schon die Sirenen der rasch näher kommenden Polizei.

Auch nicht viel besser und genau wie die erste Option schon hundert Mal dagewesen. Meist ist es so, dass die ersten zwei oder drei Ideen, die einem einfallen, alles andere als kreativ sind. Es sind die ‘Ideen’, die wir selbst schon in anderen Filmen und Büchern gesehen haben, und die unsere Leser daher mit Fug und Recht als abgegriffen und langweilig empfinden würden.

Also suchen wir weiter nach möglichen Alternativen. Überlegen Sie, was schiefgehen könnte oder was Ihr Perspektivcharakter nicht weiß.

Option 3: Harper ist verschwunden, offenbar untergetaucht. Seine Schubladen sind aufgerissen, als ob er in aller Eile seinen Koffer gepackt hätte. Maddox durchsucht die Wohnung und findet neben dem Telefon einen Notizblock. Auf dem obersten Blatt kann Maddox mit Bleistift die durchgedrückten Buchstaben der letzten Telefonnotiz sichtbar machen: eine Adresse in Boston.

Option 4: Harper ist verschwunden, hat offenbar seine Koffer gepackt und sich abgesetzt. Als Maddox gerade die Wohnung nach Hinweisen auf Harpers Ziel durchsucht, hört er Schritte im Flur und sieht den Schatten eines Mannes mit einer Pistole. Ist der Fremde hinter ihm her oder wollte er Harper als unliebsamen Mitwisser umlegen?

Schon etwas besser – aber da geht noch mehr.

Option 5: Der Mann, den Maddox in Harpers Wohnung vorfindet und nach einem Handgemenge an der Flucht hindern kann, ist nicht Harper, sondern der totgeglaubte Branley. Es stellt sich heraus, dass Branley seinen Tod mit Harpers Hilfe inszeniert hat, um unterzutauchen. Doch wer ist wirklich in Branleys Wagen am Fuß der Klippen verbrannt? War es Harper, der als Mitwisser aus dem Weg geschafft werden sollte?

Diese Variante wäre schon recht überraschend und würde mir von persönlich von den ersten fünf Alternativen am besten gefallen.

Natürlich ist es kein Zufall, dass dies die letzte Alternative ist, auf die ich bei meinem Brainstorming gestoßen bin. Die ersten Optionen dienen quasi nur dazu, zunächst die klischeehaften und abgegriffenen 08/15-Ideen aus dem Kopf zu bekommen. Erst nach dieser Aufwärmphase erwacht die eigene Kreativität und liefert uns wirklich neue Ideen, mit denen wir auch unsere Leser überraschen und verblüffen können.

Manche der Ideen, die Sie auf diese Weise sammeln, werden zwar überraschend und unverbraucht sein (was schon mal äußerst positiv ist), würden aber Ihre Handlung in eine völlig falsche Richtung lenken und kommen daher in der Praxis nicht in Frage.

Doch selbst wenn Sie nur bei jeder zweiten oder dritten Szene eine für den Leser wirklich unerwartete Entwicklung einbringen können, werden Sie es damit schaffen, Ihre Leser auf eine spannende Reise mitzunehmen, deren wahres Ende kaum einer Ihrer Leser im Voraus erahnen wird.


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Warum die erste Szene Ihres Romans stets in einem ungewohnten Umfeld spielen sollte

Es ist eine altbekannte Regel, dass man bereits in der ersten Szene eines Romans versuchen sollte, den Leser an die Angel zu bekommen und ihn zum Weiterlesen zu motivieren.

Dafür gibt es eine ganze Reihe guter Tipps: So sollte man den Protagonisten direkt in der ersten Szene einführen, ihn direkt in Probleme stürzen und aktiv handeln lassen und dabei Fragen aufwerfen, auf die der Leser unbedingt eine Antwort wissen will.

Das ist alles gut und richtig, aber es gibt noch eine weitere wichtige Technik, mit der man den Leser von Anfang an tief in die Handlung hineinziehen kann. Der Kunstgriff besteht darin, den richtigen Ort für die erste Szene des Romans auszuwählen – den Ort, an dem der Leser Ihrem Protagonisten zum ersten Mal begegnet.

Es ist ein wenig wie bei einem ersten Date: Auch da verabredet man sich meist nicht einfach irgendwo oder lädt denjenigen gar nach Hause in die unaufgeräumte Wohnung ein, sondern sucht für das erste Treffen ein schönes Restaurant oder einen anderen besonderen Ort aus. Schließlich soll wirklich alles stimmen – es soll ja eine Verabredung werden, die dem anderen noch lange in angenehmer Erinnerung bleibt.

Warum sollten Sie also, wenn Sie einen Roman schreiben, den Ort für das erste Treffen Ihres Lesers mit Ihrem Protagonisten mit weniger Bedacht auswählen?

Damit will ich natürlich nicht sagen, dass die erste Szene Ihres Romans in einem guten Restaurant spielen sollte – wenngleich das, wie Sie gleich sehen werden, nicht die schlechteste Option wäre.

Denn um den Leser bereits von der ersten Seite an tief in Ihre Romanhandlung hinein zu ziehen und zu verhindern, dass er das Buch gelangweilt zur Seite legt, sind Spannung, Konflikt und offene Fragen nicht ausreichend. Die Welt auf den Seiten Ihres Romans muss glaubwürdig wirken, um den Leser in die Handlung zu ziehen und ihn vorübergehend vergessen zu lassen, dass er nur eine fiktionale Geschichte liest. Dafür ist es wichtig, dass Sie mit allen Sinnen schreiben und die Welt Ihres Romans mit sorgsam ausgewählten Details im Kopf des Lesers zum Leben erwecken. Und das funktioniert am besten an einem Ort, der auch für Ihren Protagonisten fremd oder zumindest ungewohnt ist.

Warum das? Ganz einfach: Wenn Sie eine Szene aus der Perspektive Ihres Protagonisten schreiben, sind Sie an seine Wahrnehmungen gebunden. Sie können nichts beschreiben, was hinter seinem Rücken oder hinter verschlossenen Türen im Nebenraum vor sich geht. Ebenso können Sie zwar mutmaßen, aber niemals wirklich wissen, was der Gesprächspartner Ihres Protagonisten denkt oder fühlt. Und Sie können nichts detailliert beschreiben, was Ihrem Protagonisten überhaupt nicht auffallen würde.

Sie kennen das bestimmt: Wenn man in der eigenen Wohnung ist, fallen einem viele Dinge überhaupt nicht mehr auf. Weder die seit Jahren unveränderte Dekoration noch die Bücher im Regal oder das schöne Bild im Flur. Sie registrieren lediglich, wenn etwas anders als gewohnt ist – wenn also zum Beispiel eine fremde Lederjacke auf Ihrer Couch liegt, als Sie nach Hause kommen.

Laden Sie hingegen einen Fremden in Ihre Wohnung ein, wird er viele Details registrieren, die Sie selbst als gewohnt und altbekannt ausfiltern. Je nachdem, welches Umfeld er gewohnt ist, werden das andere Details sein. Gehört der Fremde zu jenen Menschen, die nur dann zu einem Buch greifen, wenn ein Tischbein kippelt, wird er Ihr volles Bücherregal registrieren. Ist er hingegen ein penibler Ordnungsfanatiker, werden ihm herumliegende bzw. nicht ordentlich weggeräumte Gegenstände ins Auge springen – oder der Staub auf den Türrahmen.

Um also wirklich mit allen Sinnen agieren zu können, suchen Sie für den ersten Auftritt Ihres Protagonisten einen Ort aus, den er entweder noch nicht kennt oder den er lange nicht mehr gesehen hat. Bei einem Ort, an dem er lange nicht mehr war, wird er sowohl fast schon vergessene Details registrieren als auch die Dinge, die sich seit damals verändert haben. Vielleicht werden Erinnerungen an frühere Ereignisse in ihm hochkommen – positive oder negative?

Optimal ist es, wenn der Ort viele Sinneswahrnehmungen bietet. Denken Sie an eine italienische Piazza, in der knatternde Mopeds sich zwischen mit lebhafter Gestik und Mimik lautstark diskutierenden Fußgängern hindurch drängen, während aus dem kleinen Ristorante an der Ecke Musik, das Klappern von Geschirr und appetitliche Essensgerüche dringen. Je mehr Sinne Sie mit Ihrer Szene ansprechen können, desto besser. Lassen Sie Ihren Protagonisten das Brennen der Mittagssonne auf seiner Haut spüren oder die kühle Brise vom Hafen, die den Geruch nach Fischen und Meer mit sich bringt.

Denken Sie dabei immer daran, dass er in erster Linie die Dinge wahrnehmen wird, die für ihn nicht alltäglich, sondern fremdartig und ungewohnt sind. Einem Stadtbewohner wird Verkehrslärm weit weniger auffallen als das Zirpen der Zikaden, die auf der knorrigen Borke eines Olivenbaums sitzen.

Doch je spannender die Szene ist, desto mehr müssen Sie beim Schreiben darauf achten, realistisch zu bleiben. Denn in erster Linie konzentrieren wir uns stets auf das, was wir in diesem Augenblick als wichtig erachten. Solange wir ganz entspannt sind und die Gedanken treiben lassen können, werden uns all die oben genannten Details auffallen – doch wenn plötzlich ein betrunkener englischer Tourist pöbelnd auf einen zu kommt, sind die Zikaden und die leise italienische Musik aus dem Kofferradio auf der Fensterbank sofort vergessen. Auf einmal registrieren wir nur noch das von Hitze und Alkohol gerötete Gesicht des Fremden, seinen stieren Blick und seine Alkoholfahne, während wir nach einer Möglichkeit suchen, einer Konfrontation mit dem Betrunkenen aus dem Weg zu gehen.

Je angespannter Ihr Protagonist also ist, desto mehr müssen Sie darauf achten, wie Sie die Details ins Spiel bringen, mit denen Sie die Szene vor dem geistigen Auge Ihres Lesers zum Leben erwecken wollen. Sie müssen sie für Ihren Perspektivcharakter und seine Ziele relevant machen: Wenn Ihr Protagonist in einer atemlosen Hetzjagd durch die überfüllten Straßen eines Basars vor seinen Verfolgern flieht, die ihm dicht auf den Fersen sind, wird er nur sehen, was direkt vor ihm passiert. Er wird in erster Linie die Dinge registrieren, die ein mögliches Hindernis sein könnten, oder eventuelle Möglichkeiten, um seine Verfolger abzuhängen. Kann er den Stand mit den Vasen umreißen, um seine Verfolger vorübergehend aufzuhalten oder womöglich rasch in die schmale, dunkle Gasse zwischen den Ständen abbiegen?

Wenn Sie hingegen alle Details des Basars schildern wollen, müssen Sie die Regeln ändern. Keine atemlose Hetzjagd mit Tunnelblick, sondern ein Katz- und Maus-Spiel. Drei Feinde sind irgendwo auf dem Basar unterwegs, um Ihren Protagonisten aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Er hat sie zuvor nur kurz gesehen und hat jetzt Mühe, sie unter all den fremdartigen Gesichtern auf dem Basar zu erkennen. Seine Feinde können überall sein: vor ihm, hinter ihm – oder vielleicht gleich neben ihm im Schatten eines Türeingangs.

Jetzt haben Sie die Voraussetzungen geschaffen, dass Ihr Protagonist alles registriert. Er wird die Balkons und Fenster der umliegenden Häuser im Auge behalten – schließlich könnte dort bereits der Scharfschütze auf ihn lauern. Er wird jeden um die Ecke biegenden Passanten mit ungefähr passender Größe und Statur argwöhnisch mustern, ob dieser die wulstige Narbe am Kinn hat, die er bei einem seiner Verfolger gesehen hatte. Und er wird sofort – und eventuell falsch – reagieren, wenn ihn jemand im Gedränge anrempelt.

Eine solche Szene (auch wenn sie in der Praxis natürlich nicht so extrem ausfallen muss) bringt fast alles ein, was bei einem Thriller den Leser in die Handlung ziehen kann: der Protagonist wird direkt in einer spannenden Szene eingeführt und hat gravierende Probleme, die ihn seine Stärken ausspielen lassen. Es gibt genügend offene Fragen, um den Leser bei der Stange zu halten, und durch das auch für den Protagonisten ungewohnte Setting können Sie das Szenario mit allen Sinnen im Kopf des Lesers zum Leben erwecken.

Wenn Sie also einen Roman haben, der etwas schwer in Gang kommt, kann es bereits helfen, die erste Szene mit Ihrem Protagonisten umzuschreiben. Selbst wenn Sie die Handlung selbst nicht ändern möchten, können Sie dennoch überlegen, ob Sie diese nicht an einen anderen Ort mit mehr Potential verlagern können: Wenn Ihr Protagonist in der ersten Szene einen wichtigen Anruf erhält, der alles ins Rollen bringt, lassen Sie die Szene nicht in seinem Wohnzimmer spielen. Lassen ihn den Anruf stattdessen mitten in einer überfüllten Straßenbahn oder während einer Theateraufführung entgegen nehmen. Eine kleine Änderung – aber eine mit großer Wirkung.


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Style or Story? Was wirklich zählt, wenn Sie Leser fesseln wollen

Kürzlich hatte ich mit einem befreundeten Schriftsteller eine interessante Diskussion darüber, was wichtiger für den Erfolg eines Romans ist: die Geschichte selbst oder der Stil, in dem sie geschrieben ist.

Natürlich kann man in der Praxis beides nicht hundertprozentig voneinander trennen. Ein guter Roman kann nur aus dem Zusammenspiel von Stil und Story entstehen. Doch welche der beiden Seiten der Medaille ist wichtiger – und was bedeutet das für Autoren?

Wenn man gedanklich Stil und Story auf die Waagschalen einer altmodischen Waage legt, wiegt meiner Meinung nach die Story schwerer.

Stil ist sehr stark Geschmackssache. Jeder Autor hat seinen eigenen Schreibstil, seine individuelle Autorenstimme, die sich im Laufe der Jahre mit zunehmender Übung und Erfahrung immer mehr herauskristallisiert. Manche Autoren schreiben blumig und detailverliebt, andere knapp und pragmatisch wie Hemingway.

Es ist ein wenig wie bei Malern. Während der eine mit wenigen minimalistischen Pinselstrichen eine stimmungsvolle Landschaft auf die Leinwand zaubert, die den Betrachter fasziniert, entwirft ein anderer detailverliebte Kunstwerke, die erst aus dem Zusammenspiel von Farbe, Textur, Licht und Schatten ihre ganze Faszination entwickeln. Während man im zweiten Fall das handwerkliche Können des Künstlers bewundert, lässt der minimalistische Stil des ersten Künstlers der Phantasie des Betrachters mehr Spielraum. Ob man nun das eine oder das andere bevorzugt, ist eine Frage der persönlichen Vorlieben.

So sind beispielsweise die Romane des Autorenduos Douglas Preston / Lincoln Child äußerst erfolgreich. Ich finde ihre Thriller wirklich spannend, doch mit dem Schreibstil kann ich mich absolut nicht anfreunden. Dennoch lese ich weiter, weil mich die Handlung einfach fesselt und ich nach den ersten paar Seiten unbedingt erfahren will, wie es weiter geht. Und je mehr die Handlung an Tempo zunimmt, desto weniger empfinde ich den Schreibstil noch als störend.

Oder nehmen wir die Romane von Dean Koontz. Koontz ist einer meiner Lieblingsautoren, ein echter Künstler, der seine Szenen mit stimmungsvollen Wortgemälden vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig werden lässt. Ich genieße seinen Schreibstil, doch in den letzten Jahren bin ich beim Lesen seiner neueren Bücher des Öfteren ins Stocken geraten. Es lag nicht am Stil, der weiterhin unverändert gut ist. Es waren die Geschichten, die mich nicht mehr wirklich fesseln konnten.

Dieser Kontrast macht eines deutlich: Wenn die Handlung gut ist, ist man als Leser eher bereit, einen Schreibstil zu akzeptieren, der einem perönlich nicht so gut gefällt. Aber auch der beste Stil kann einen nicht dazu verleiten, ein Buch weiter zu lesen, dessen Handlung einen nicht wirklich interessiert.

Auch wenn natürlich die Kombination aus einer spannenden Story und einem packenden Schreibstil die Idealvorstellung ist, sollte man beim Schreiben eines Romans dennoch den Schwerpunkt auf die Story legen.

Die Story ist das Skelett des Romans, das alles aufrecht hält. Während man bei der Überarbeitung  nachträglich immer noch am Stil und den einzelnen Formulierungen feilen kann, muss das Grundgerüst stimmen. Hier nachträgliche Änderungen vorzunehmen bedeutet oft, ganze Szenen oder gar Kapitel rauszuwerfen und neu zu schreiben – selbst wenn diese stilistisch äußerst gelungen waren.

Die Story-Seite eines Romans hat drei Eckpfeiler:

  • Faszinierende Charaktere, mit denen der Leser mitfiebert und denen er die Daumen drückt.
  • Große Konflikte, bei denen es für die Charaktere viel zu gewinnen und noch mehr zu verlieren gibt.
  • Eine realistisch wirkende Romanwelt mit einer in sich geschlossenen Logik, die der Leser akzeptieren kann.

Zwischen diesen Eckpfeilern spinnt man als Autor ein dichtes Netz aus Plot und offenen Fragen.

Der Plot ist die konkrete, durch Ursache und Wirkung verknüpfte Abfolge der Ereignisse. Für jede Szene der Haupthandlung stellt man sich als Autor die Fragen:

  • Was ist das Ziel / der Plan des Protagonisten?
  • Wer oder was steht ihm im Weg / auf welche Probleme stößt er dabei?
  • Was geht schief bzw. wie erreiche ich es, dass der Protagonist anschließend noch mehr Probleme als vorher hat?
  • Wie kann ich den Einsatz erhöhen und so noch mehr Druck und Spannung aufbauen?
  • Welchen neuen Plan fasst der Protagonist, um auf diese neue Entwicklung zu reagieren?

Um den Leser zusätzlich zur spannenden Handlung noch tiefer in Ihr Buch zu ziehen, durchziehen Sie die Handlung mit offenen Fragen, auf die der Leser unbedingt die Antwort erfahren möchte. Machen Sie den Leser neugierig. Hierfür reicht nicht die zentrale Frage “Wird der Held es am Ende schaffen, sein Ziel zu erreichen?”, sondern Sie müssen dafür sorgen, dass es zu jedem Zeitpunkt der Handlung mindestens drei bis fünf offene Fragen gibt, die dem Leser unter den Nägeln brennen. Bevor Sie eine davon im Verlauf Ihrer Handlung auflösen, werfen Sie eine neue Frage auf, so dass der Leser ständig vor neuen Fragen und Rätseln steht.

Wenn Ihnen das gelingt, wird Ihr Schreibstil für den Leser zweitrangig. Damit will ich nicht sagen, dass er unwichtig wird. Aber es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass Ihr Stil niemals allen Lesern gefallen kann – dafür sind die persönlichen Vorlieben der Leser einfach zu unterschiedlich. Was der eine liebt, das lässt den anderen kalt.

In Sachen Schreibstil sollten Sie daher in erster Linie darauf achten, dass Ihr Stil den Leser nicht beim Lesen stolpern lässt oder ihn gar aus der Handlung heraus reißt. Korrekte Rechtschreibung und Grammatik sind dafür natürlich eine Grundvoraussetzung. Ansonsten gilt: Im Zweifelsfall lieber kürzere Sätze als lange, in sich verschachtelte Bandwurmsätze. Möglichst wenig Adjektive und erst recht Adverbien.

Vermeiden Sie lange Beschreibungen und arbeiten Sie Details lieber dynamisch in die Handlung ein. Gerade bei Details ist weniger oft mehr. Lieber drei charakteristische, aussagekräftige Details, die dafür sorgen, dass sich der Rest des Bildes wie von Zauberhand vor dem geistigen Auge des Lesers ergänzt, als ihn mit langen Beschreibungen zu langweilen – egal wie malerisch diese geschildert werden.

Als letzte und wichtigste Stilprüfung sollte man sich seinen eigenen Text laut vorlesen. Die Stellen, die sich beim Vorlesen holprig anfühlen oder an denen man selbst hängen bleibt, sind die Stolpersteine, an denen sich später auch Ihre Leser stören würden. Schleifen Sie diese Stolperstellen glatt, bis sich Ihr Text flüssig liest.

Damit haben Sie eine gute Basis erreicht: einen Schreibstil, der unaufdringlich im Hintergrund bleibt und es dem Leser erlaubt, Ihre Romanhandlung zu entdecken und zu genießen. Und ab diesem Zeitpunkt zählt in erster Linie, ob Sie ein guter Geschichtenerzähler sind, der seine Leser mit einer spannenden Geschichte, interessanten Charakteren und überraschenden Wendungen bei der Stange halten kann.


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