Patchwork-Tutorial: Szenencheck, -typ und Spannungskurve

Gastartikel von Martin Danesch

PatchworkMit diesem Tutorial begeben wir uns ein wenig in die Lüfte. So, als ob wir, wie von einer Wolke aus, die Landschaft unseres Texts betrachten würden. Die drei in der Überschrift erwähnten Fähigkeiten sind über ein einziges Fenster zugänglich. Doch es handelt sich um zwei Themen: den Szenentyp mit der daraus resultierenden Spannungskurve hier und den Szenencheck dort.

Die Funktionen Szenencheck, -typ und Spannungskurve sind nicht nur ein reizvolles Feature, sondern sie bringen uns dazu, uns auf einer anderen Ebene mit den Szenen zu beschäftigen – und das, ohne dass es groß auffällt. In der Folge tragen sie erheblich dazu bei, den zukünftigen Leser besser an die Szenen zu binden, was wiederum stark zum Erfolg unseres Werks beiträgt. Dies sind Funktionen in Patchwork, die zu Unrecht ihr Dasein meist unerkannt oder doch nur im Verborgenen fristen. Weiterlesen

KeepWriting – die virtuelle Schreibmaschine

Ich liebe gutes Arbeitswerkzeug. Das geht von Stiften, Blöcken und Notizbücher über PC-Hardware (ich kann beim Kauf eines Laptops Stunden damit verbringen, die Tastaturen unterschiedicher Modelle zu testen und zu vergleichen, bevor ich mich für ein Modell entscheide) bis hin zu Schreibprogrammen.

So bin ich kürzlich beim Stöbern im Internet wieder mal auf ein interessantes Schreibtool gestoßen, das ich mir direkt einmal näher ansehen musste: KeepWriting – eine Simulation einer klassischen Schreibmaschine am PC.

Gerade unter den Programmen für ablenkungsfreies Schreiben wie WriteMonkey gibt es einige, die einen „Schreibmaschinenmodus“ eingeführt haben. Üblicherweise versteht man darunter, dass im Schreibmaschinenmodus alle Editierfunktionen wie Löschen, Entfernen, alle Copy&Paste-Funktionen und natürlich auch das Überschreiben deaktiviert sind. Sämtliche anderen Funktionen des Schreibprogramms wie der automatische Zeilenumbruch, der ein angefangenes Wort, das nicht mehr komplett in die laufende Zeile passt, automatisch in die nächste Zeile verschiebt, funktionieren weiterhin wie gewohnt.

Doch KeepWriting geht einen anderen Weg und simuliert das Schreiben an einer klassischen Schreibmaschine mit all seinen Vor- und Nachteilen. Mit „klassisch“ meine ich wirklich wie zu Zeiten von Charles Dickens, lange vor der Erfindung des Korrekturbands oder auch nur der guten alten Tipp-Ex-Korrekturstreifen – jener kleinen weißen Blättchen, die man von Hand über dem zu löschenden Buchstaben positionieren und dann nochmal denselben Buchstaben mit Tipp-Ex drüber hämmern musste.

KeepWriting (das es übrigens nur für Windows gibt) können Sie als kleine ZIP-Datei von gerade mal 353 KB herunter laden – weniger als 10% der Größe eines durchschnittlichen MP3-Songs. Entpacken Sie die ZIP-Datei (die ohnehin nur das Programm selbst und eine ReadMe-Datei enthält) in ein beliebiges Verzeichnis, starten Sie die kw.exe und schon kann es los gehen!

Der richtige Zoomfaktor für den richtigen Bildschirm

Zunächst können Sie mit STRG und „BILD HOCH“/“BILD RUNTER“ den Zoomfaktor (also die Größe, in der die Seite am Bildschirm dargestellt wird) beliebig anpassen und mit dem Scrollbalken am unteren Rand die Seite mittig auf Ihrem Bildschirm ausrichten.

Wenn Sie KeepWriting auf einem großen 24″-Widescreen-Monitor verwenden, können Sie den Zoomfaktor so einstellen, dass drei komplette Seiten nebeneinander dargestellt werden. Dabei wird die Seite, auf der Sie momentan schreiben, stets zentriert in der Mitte des Bildschirms angezeigt.

KeepWriting

Wenn Sie auf einem kleineren Gerät wie einem Laptop oder gar einem Netbook arbeiten, können Sie den Zoomfaktor entsprechend größer einstellen – beispielsweise so, dass Sie Ihre aktuelle Seite fast in Bildschirmbreite sehen und so wie bei anderen Schreibprogrammen den kompletten Bildschirm zum Schreiben nutzen können.

Stapel und Seiten – eine Alternative zur klassischen Datei

KeepWriting organisiert die Manuskripte nicht in klassischen Dateien, sondern in „Stacks“, also in Stapeln von Blättern. Denn hier schreiben Sie wirklich Seite für Seite, und zwar mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Sie können den Cursor jederzeit an jede beliebige Position auf der Seite manövrieren, genau wie Sie früher bei einer Schreibmaschine mit der Walze und der Leertaste (beispielsweise beim Ausfüllen von Formularen mit der Schreibmaschine) mit etwas Übung sehr präzise jede beliebige Stelle auf dem Blatt ansteuern konnten.

Dieses Ansteuern einer bestimmten Position ist bei KeepWriting deutlich einfacher gelöst, da Sie nicht nur die Cursortasten verwenden können, sondern den Cursor auch einfach per Mausklick an die gewünschte Stelle setzen können.

Mit „Bild runter“ und „Bild hoch“ wechseln Sie zwischen den einzelnen Seiten Ihres Manuskripts hin und her. Blättern Sie dabei über die letzte Seite hinaus, wird automatisch eine neue leere Seite ans Manuskript angehängt.

Sie können auch Seiten aus Ihrem Manuskript entfernen (also löschen), aber Sie können keine Seiten nachträglich einfügen. Das liegt auch daran, dass KeepWriting intern jede Schreibmaschinenseite als eigene Datei behandelt.

Wenn Sie also einen Manuskript-Stapel „Mein Roman“ anlegen, legt KeepWriting einen Ordner namens „Mein Roman“ im Unterverzeichnis „stacks“ (also Stapel) an, der dann für jede Seite eine separate Textdatei enthält – also beispielsweise „2.txt“ für die zweite Seite.

Durch diesen pragmatischen Ansatz kann das Programm auch auf älteren Rechnern mit wenig RAM umfangreiche Manuskripte mit hunderten von Seiten in Sekundenbruchteilen öffnen, da immer nur die aktuellen Seiten geladen werden müssen.

Retro-Writing: Ausixen statt korrigieren und manueller Zeilenumbruch

Wie Sie beim Schreiben mit KeepWriting schnell feststellen werden, fehlen (logischerweise) die ganzen nützlichen Funktionen wie das Zentrieren von Überschriften und anderer „moderner Schnickschnack“ wie ein automatischer Zeilenumbruch.

Wenn Sie also beispielsweise eine Überschrift auf der Seite zentrieren wollen, müssen Sie diese wie früher durch mehrfaches Drücken der Leertaste einrücken und dabei abschätzen, an welcher Position Sie mit dem Tippen anfangen müssen, um Ihre Überschrift ungefähr zu zentrieren.

So richtig fällt einem auf, das man an einer virtuellen Schreibmaschine arbeitet, wenn man am Ende der Zeile ankommt. Es ist zwar nicht so, dass Sie wie bei einer mechanischen Schreibmaschine nicht eher weiter tippen können, bis Sie Return gedrückt haben (bei einer klassischen Schreibmaschine wäre das das TSCHING!, wenn man mit dem Hebel den Wagen zum Anfang der nächsten Zeile vorschiebt), doch das angefangene Wort bleibt unvollständig am rechten Bildschirmrand kleben.

Beim Schreiben muss man also stets im Auge behalten, ob das nächste Wort noch komplett in die aktuelle Zeile passt. Wenn nicht, sollte man rechtzeitig mit der RETURN-Taste in die nächste Zeile wechseln.

Beim Schreiben fällt einem auch schnell auf, dass es keine Rückwärts-Taste mehr zum Löschen des bzw. der letzten Buchstaben gibt. Diese Taste funktioniert wie „Cursor links“ und positioniert den Cursor nur über dem bereits geschriebenen Buchstaben, ohne ihn zu löschen. Denn bei KeepWriting kann man Buchstaben nur „übertippen“ und dadurch unlesbar machen. Wie bei einer echten Schreibmaschine überlagert der neu getippte Buchstabe den zuvor geschriebenen und macht ihn unlesbar – aber er bleibt als hässlicher schwarzer Klumpen auf der Seite stehen.

Beim späteren Export des Textes ins reine Textformat wird jeweils nur der letzte Buchstabe exportiert, den Sie an eine bestimmte Position der Seite geschrieben haben. Ich würde daher empfehlen, zum Überschreiben von Tippfehlern das # zu verwenden: So können Sie später im exportierten Text alle # per Suchen/Ersetzen ersatzlos löschen und so sämtliche überschriebenen Passagen auf einen Schlag bereinigen.

Ein nettes und zeitgemäßes Feature von KeepWriting ist der Live-Wordcount am unteren Bildschirmrand, durch den Sie jederzeit im Blick haben, wie lang Ihr aktuelles Manuskript bereits ist.

Export fertiger Manuskripte

Fertig geschriebene Manuskripte bzw. „Stapel“ können Sie mit F5 jederzeit ins HTML- und ins Text-Format exportieren.

Beim Bearbeiten dieser exportierten Texte werden Sie merken, dass Sie am Ende jeder Zeile des ursprünglichen Manuskripts wie bei einer klassischen Schreibmaschine einen festen Zeilenumbruch haben, den Sie beim Überarbeiten von Hand entfernen müssen. Das ist zwar etwas lästig, aber durchaus zu verschmerzen.

KeepWriting in der Praxis

Das Schreiben mit KeepWriting ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Das Anlegen neuer Dokumente/Stapel funktioniert über die Funktion „Öffnen“ mit STRG+O: Gibt man hier den Namen eines bereits vorhandenen Manuskripts/Stapels an, wird dieses geöffnet; ist das Manuskript noch nicht vorhanden, wird es unter diesem Namen neu angelegt.

Beim Schreiben dürfte man in den ersten Stunden ziemlich häufig fluchen, da man instinktiv gewohnt ist, Tippfehler direkt korrigieren zu können und auch „on the fly“ Passagen umzuformulieren und abzuändern. All das geht mit KeepWriting nicht – aber das ist gerade die Stärke dieses Programms. Gerade zu Beginn wird man sehr häufig Tippfehler und ganze Textpassagen ausixen, bis die Seiten schließlich aussehen wie Kraut und Rüben.

Doch je länger man mit KeepWriting arbeitet, desto mehr merkt man, wie sich dadurch die eigene Arbeitsweise ändert – und zwar zum Besseren.

Zunächst einmal lernt man, seinen inneren Korrektor ruhigzustellen. Gerade wenn man gewohnt ist, ansonsten mit einer Office-Textverarbeitung wie Microsoft Word zu arbeiten, die selbst die Rohfassung eines Manuskripts direkt im sauber formatierten Buch-Layout anzeigt, passiert es einem schnell, dass man das Schreiben der Rohfassung und deren Überarbeitung gedanklich miteinander vermischt. Ein großer Fehler, der sich aber in der Praxis schnell einschleicht, da es ja so einfach ist, Tippfehler oder unsaubere Formulierungen, die einem bereits während des Schreibens ins Auge springen, direkt zu korrigieren.

KeepWriting zwingt einen dazu, die Rohfassung als solche zu akzeptieren. Man kann zwar Tippfehler und ganze Passagen ausixen und neu schreiben, doch das Blatt sieht dann aus wie Kraut und Rüben. Mit KeepWriting sieht Ihr Manuskript wesentlich sauberer aus, wenn Sie gar nicht erst versuchen, Fehler schon während des Schreibens der Rohfassung zu korrigieren, sondern sich dies ganz bewusst für die spätere Überarbeitung aufheben. Diese Ruhe und Gelassenheit, die man durch die Arbeit mit KeepWriting entwickelt, ist allein schon Gold wert.

Der zweite Effekt ist, dass man bereits nach kurzer Zeit ganz automatisch damit beginnt, seine Sätze gedanklich vorzuformulieren, bevor man sie in die Maschine tippt. Man kann eben nicht einen angefangenen Satz einfach nochmal löschen und neu beginnen, wenn man erst beim Schreiben merkt, dass man sich gedanklich verzettelt hat.

Dieses gedankliche Vorformulieren bremst einen während der ersten Stunden etwas aus – aber nur, weil es ungewohnt ist. Schon nach den ersten Stunden mit KeepWriting merkt man, dass der eigene „innere Erzähler“ und die Finger, die alles in die Maschine hämmern, sich langsam aber sicher auf einen gemeinsamen Rhythmus einspielen. Während man mechanisch noch den letzten Satz in die Tasten hämmert, arbeitet der „innere Erzähler“ bereits am nächsten Satz, so dass man ohne große Verzögerungen weiter schreiben kann.

Das muss ein ähnliches Schreibgefühl sein wie das der früheren Groschenroman-Autoren, die Anfang des 20. Jahrhunderts oft innerhalb weniger Tage die Rohfassung eines neuen Groschenromans in ihre mechanischen Schreibmaschinen hämmerten und nur deshalb von der mageren Bezahlung nach Wörtern leben konnten, weil sie immer nur eine Rohfassung schrieben, die dann bereits vom Verlag ohne größere Änderungen übernommen und gedruckt wurde.

Auch mit KeepWriting merkt man, dass sich die Qualität der Rohfassung durch den Zwang zum gedanklichen Vorformulieren innerhalb weniger Wochen deutlich verbessert, ohne dass man dabei wesentlich langsamer würde. Dieses scheinbare Paradoxon resultiert daraus, dass man die Zeit für die „schnellen Korrekturen“ einspart, die einen mit einer normalen Textverarbeitung bisher immer wieder aus dem Schreibfluss gerissen haben.

Schreibmaschinengeräusche gefällig?

Der einzige Punkt, der mir persönlich noch bei KeepWriting fehlt, sind zuschaltbare Schreibmaschinen-Geräusche – ähnlich wie es das bei WriteMonkey, Patchwork und Q10 gibt.

Doch wer so ein Feature gerne nachrüsten möchte, kann immer noch zum kostenlosen Programm Qwertick (http://www.nattyware.com/qwertick.php) greifen, das ebenfalls portabel ist und auf Wunsch direkt vom USB-Stick läuft.

Wenn man zum Schreiben ohnehin schon eine mechanische Tastatur verwendet, braucht man natürlich keine zusätzlichen Schreibmaschinengeräusche. Es geht doch nichts über das angenehme Klicken der blauen Mikroschalter einer guten mechanischen Tastatur. ;-)

Fazit

Als ich KeepWriting mehr oder weniger durch Zufall entdeckt hatte, habe ich es mehr aus Neugier ausprobiert, als um es wirklich zum Schreiben zu benutzen. Doch trotz (oder gerade wegen?) der pragmatischen und minimalistischen Funktionalität des Programms hat sich meine Meinung während des Tests gründlich geändert.

Ich kann mir durchaus vorstellen, KeepWriting auch in Zukunft zum Schreiben mancher Rohfassungen zu verwenden. Probieren Sie es einfach selbst einmal aus. Vielleicht stellen ja auch Sie fest, dass der Verzicht auf moderne Korrekturmöglichkeiten für mehr Ruhe und Gelassenheit und zugleich für ein fokussierteres, qualitativ besseres Schreiben sorgt.

Wenn Sie neugierig geworden sind, finden Sie KeepWriting unter http://keepwriting.boxjar.com. Viel Spaß beim Ausprobieren!


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Weg vom PC: Warum ein Tablet das optimale Werkzeug zum Überarbeiten von Manuskripten ist

Revision am Tablet

„Schreiben ist Umschreiben“ – das bekannte Zitat von Sol Stein bringt die Sache auf den Punkt. Bei den meisten Texten steckt mindestens doppelt so viel Zeit in der Überarbeitung des Textes wie im Schreiben der Rohfassung, bis man selbst mit der Qualität des Geschriebenen vollauf zufrieden ist.

Grund genug, sich Gedanken darüber zu machen, wie man seine Texte am effektivsten überarbeiten kann.

Ich plädiere generell dafür, Schreiben und Überarbeitung strikt voneiander zu trennen. Schreiben ist – unabhängig davon, ob man nun Romane, Kurzgeschichten oder Blogposts schreibt – eine kreative, „rechtshirnige“ Tätigkeit. Das Überarbeiten hingegen ist eine überwiegend logische und damit „linkshirnige“ Aufgabe.

Genauso wenig, wie man beim Auto gleichzeitig auf Gas und Bremse tritt, sollte man also beim Schreiben alle paar Wörter oder Sätze innehalten, um das Geschriebene kritisch zu hinterfragen oder gar bereits zu überarbeiten. Das endet meist mit dem „zwei Schritte vor und einen zurück“-Effekt – oder gar „zwei Schritte vor und zwei zurück“. Unterm Strich kommt man also nur sehr langsam voran.

Es ist wesentlich effektiver, sich selbst die Gehemigung zu geben, erst einmal eine grottenschlechte Rohfassung zu schreiben. Erst beim Umschreiben, der Revision, wird nach und nach ein richtiger Text daraus, den man auch anderen Menschen mit gutem Gewissen zeigen kann.

Für das eigentliche Schreiben am PC verwende ich gerne das Zenware-Schreibprogramm WriteMonkey. Dafür gibt es zwei Gründe: Zunächst mal hilft mir die ablenkungsfreie, schlichte Oberfläche von WriteMonkey dabei, mich beim Schreiben ausschließlich auf den Text zu konzentrieren – also auf das, was wirklich zählt. Nicht auf Schriftarten, Absatzformate oder sonsigen Spielereien. Der zweite Vorteil ist, dass WriteMonkey im reinen Textformat speichert, das somit auch von jedem beliebigen anderen Schreibprogramm gelesen werden kann.

Warum ein anderes System für die Revision?

Für die Überarbeitung meiner Texte verwende ich allerdings niemals WriteMonkey. Warum das?

In erster Linie geht es darum, dem eigenen Unterbewusstsein das Umschalten zwischen „Schreiben“ und „Überarbeitung“ so einfach wie möglich zu machen. Wenn ich in WriteMonkey arbeite, bin ich im Schreibmodus. Hier geht es nur um den Output eriner Rohfassung. Der fertige Text wird in der Dropbox gespeichert und steht mir damit über die Cloud auf sowohl auf dem PC als auch am Laptop oder auf dem Android-Tablet zur Weiterbearbeitung zur Verfügung.

Während ich früher die Revision zwar am selben PC, jedoch in einem anderen Schreibprogramm mit anderer Schriftart, anderen Farben und anderem Bildschirmlayout (Signal ans Unterbewusstsein: Überarbeitungsmodus – der innere Lektor darf von der Leine!) durchgeführt hatte, bin ich fürs Überarbeiten mittlerweile völlig vom PC abgekommen. Stattdessen überarbeite ich meine Texte fast ausschließlich auf meinem Android-Tablet.

Bevor Sie mit dem Argument abwinken, dass man an einem solchen Tablet mit seiner Bildschirmtastatur überhaupt nicht vernünftig schreiben kann – darauf kommt es nicht an.

Für die Revision verwende ich ein 10″ Android-Tablet, einen Tablet-Ständer und eine separate Bluetooth-Tastatur.

Das 10″-Tablet hat den Vorteil, dass es durch seine recht große Bildschirmdiagonale im Hochformat Platz für eine Seite im DIN-A5-Format bietet. Ein 7″-Tablet ginge zwar auch gerade noch so, aber hier leidet doch die Übersichtlichkeit. 10″ ist besser. Für die Revision von Texten muss es natürlich kein teures High-End-Gerät sein – ein Billig-Tablet für knappe 100 Euro genügt voll und ganz.

Beim Überarbeiten verwende ich das Tablet zunächst wie einen eReader: Ich starte JotterPad (ein praktisches Android-Schreibprogramm mit Dropbox-Zugriff und Unterstützung für Markdown-Formatierungen), öffne meinen zuvor in WriteMonkey geschriebenen Text und lese mir diesen erst noch mal komplett durch, bevor ich mit der eigentlichen Überarbeitung beginne.

Sobald ich mit der Überarbeitung starte, stelle ich das Tablet senkrecht (also im Hochformat, wie auf dem Foto) in meinen Tablet-Ständer und schalte auf die Bluetooth-Tastatur um.

So kann ich einerseits schnell per Touchscreen an jede Stelle des Textes springen und andererseits über die Bluetooth-Tastatur auch größere Änderungen schnell und komfortabel einpflegen.

Fünf Argumente, warum ein Tablet zum Überarbeiten besser als ein Laptop ist

Die Arbeit mit dem Tablet hat gegenüber dem PC oder dem Laptop eine ganze Reihe von Vorteilen:

  1. Das Tablet muss nicht erst hochgefahren werden, sondern ist jederzeit per Knopfdruck einsatzbereit. Ideal, wenn man nur mal zwischendurch ein paar Minuten Zeit hat.
  2. Das Scrollen durch den Text und das Markieren von Stellen ist mit dem Touchscreen schneller und komfortabler als mit der Maus oder gar mit dem Touchpad eines Laptops oder Netbooks.
  3. Das Tablet ist mobil. Wenn ich irgendwo ungestört arbeiten will, nehme ich mir Tablet, Ständer und Tastatur einfach mit.
  4. Das Tablet ist handlich. Wenn ich abends in der Couch noch mit der Überarbeitung eines Textes weiter machen will, habe ich nicht den schweren Laptop auf dem Schoß, sondern nur die kleine Bluetooth-Tastatur. Das Tablet selbst steht vor mir auf dem Couchtisch.
  5. Bei späteren Revisions-Durchgängen, bei denen nicht mehr so viel geändert werden muss, kann ich das Tablet wie ein Buch ganz bequem auf dem Schoß liegen lassen. Muss ich irgendwo eine Kleinigkeit ändern, kann ich die Stelle über den Touchscreen markieren und die Änderung über die Bildschirmtastatur vornehmen. Auch hier bewährt sich wieder die 10″-Diagonale, da bei kleineren Tablets die Bildschirmtatatur im Hochformat einfach zu klein für Menschen mit großen Händen ist.

Natürlich können Sie nicht nur reine Textdateien am Tablet überarbeiten. Wenn Sie am PC lieber in Word schreiben, können Sie Ihre Texte auf Ihrem Android-Tablet beispielsweise mit dem kostenlosen WPS Office bearbeiten.

Probieren Sie es einfach einmal aus. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie die Flexibilität eines Tablets zum Überarbeiten Ihrer Manuskripte schnell zu schätzen lernen.


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Wie lange sollten Sie mit der Überarbeitung Ihres Manuskripts warten?

Jeder Autor kennt diese Situation. Irgendwann ist es endlich so weit und man schreibt das magische Wörtchen „ENDE“ unter seine Geschichte. Oder einen anderen, adäquaten Schlußsatz, wenn man keinen Roman, sondern ein Sachbuch o.ä. geschrieben hat.

Und natürlich ist einem klar, dass damit zwar der Schlußstrich unter das eigentliche Manuskript gezogen wurde – aber fertig ist es damit noch lange nicht. Denn schließlich kommt ja noch die Revision bzw. Überarbeitung – und die kann von Aufwand und Umfang her das reine Schreiben der Rohfassung bei weitem in den Schatten stellen.

Doch wann sollte man mit der Überarbeitung seines Manuskripts beginnen? Direkt nach der Fertigstellung? Oder doch lieber erst ein wenig warten? Und wenn ja: wie lange?

Wie meistens im Leben gibt es auch hier keine allgemeingültige Antwort, die in jedem Fall passt. Aber es gibt ein paar Dinge, die man bei seiner Entscheidung beachten sollte.

Zunächst mal sollte man meiner Erfahrung nach niemals direkt nach dem Schreiben mit der Überarbeitung beginnen. Nicht einmal bei einer so einfachen Sache wie einem simplen Blogpost. Bevor man mit der Überarbeitung beginnt, sollte man zunächst ein wenig Abstand zum eigenen Text gewinnen. Und je umfangreicher und komplexer der Text ist und je mehr Zeit man bereits damit verbracht hat, desto größer sollte auch der zeitliche Abstand ausfallen.

Das absolute Minimum für einen kurzen Text wie einen einfachen Blogpost sind ein paar Stunden. So einen Text kann man beispielsweise morgens schreiben, abends überarbeiten und dann zur automatischen Veröffentlichung am nächsten Morgen einstellen. Besser ist jedoch selbst hier, zumindest eine Nacht darüber zu schlafen und den Text erst am nächsten Tag noch einmal mit frischem Kopf durchzulesen und zu überarbeiten.

Das ist auch der Grund, warum ich beim Bloggen (zumindest für „nebenberufliche“ Blogger) nicht mehr als einen Blogpost alle drei Tage empfehlen würde. Am ersten Tag den Blogpost planen, am zweiten schreiben, am dritten überarbeiten und veröffentlichen bzw. für einen späteren Termin vorplanen.

Bei Kurzgeschichten würde ich eher ein paar Wochen Distanz empfehlen, bei Romanen bis zu einem Vierteljahr. Jedenfalls, wenn es keinen dringenden Abgabetermin gibt, der eingehalten werden muss. Wenn natürlich der Einsendeschluss für eine bestimmte Anthologie schon Ende nächster Woche ist oder der Verlag das überarbeitete Manuskript Ihres Romans bis spätestens Ende nächsten Monats erwartet, bleibt selbstverständlich nicht viel Zeit, das Manuskript erst einmal ruhen zu lassen und etwas Abstand zu gewinnen.

Warum Abstand zum eigenen Werk so wichtig ist

Abstand zum eigenen Werk ist wichtig, um dieses zumindest halbwegs objektiv beurteilen zu können. Bei der Revision gilt die alte Regel „Kill your darlings“. Man muss also den inneren Lektor, den man während der Rohfassungs-Phase aufgrund seiner wenig hilfreichen, kritischen Kommentare in eine abgeschiedene Kellergruft verbannt hatte, wieder von der Leine lassen. Und um ihn erbarmungslos den Rotstift ansetzen zu lassen, müssen wir versuchen, unser eigenes Manuskript mit den neutralen, unvoreingenommenen Augen eines Dritten zu sehen – des späteren Lesers.

Natürlich ist uns das in der Praxis niemals hundertprozentig möglich. Wir können nicht ganz aus unserer Haut, aber ein Abstand von ein paar Wochen bis ein paar Monaten ist doch äußerst hilfreich, wenn es darum geht, das eigene Manuskript objektiv zu betrachen.

Objektiv heißt in diesem Fall „so, wie es ist“. Nicht besser, aber auch nicht schlechter.

Wenn man einen Text oder eine bestimmte Passage gerade erst geschrieben hat, tendiert man (je nach Schriftsteller und persönlicher Tagesform) oft zu einem der beiden Extreme: Entweder glaubt man, dass einem der Text ganz hervorragend gelungen ist und eigentlich kaum noch überarbeitet werden muss – oder man flucht innerlich zähneknirschend über diesen hölzern klingenden, miserablen, holprigen Stuss, den man sich da mal wieder aus den Fingern gequetscht hat.

In der Praxis stimmt meist weder das eine noch das andere Extrem. Üblicherweise ist unsere Rohfassung nicht so gut, wie wir im ersten Überschwang gedacht hatten – aber glücklicherweise auch nicht so schlecht, wie wir an anderen Tagen glauben. Die Wahrheit liegt meist irgendwo dazwischen.

Wenn wir später mit einem gewissen emotionalen Abstand an die Revision gehen, stellen wir fest, dass noch jede Menge Handlungsbedarf besteht – aber immer wieder bleiben wir auch an einzelnen Formulierungen oder ganzen Passagen hängen, bei denen wir uns mit einem zufriedenen Lächeln fragen: „Das habe wirklich ich geschrieben? Liest sich klasse!“

Mit zu wenig zeitlichem Abstand besteht die Gefahr, dass man noch zu genau das Idealbild des Romans oder der Geschichte vor seinem geistigen Auge hat. Dieses Idealbild müssen wir aus zwei Gründen während unserer Auszeit zwischen dem Beenden der Rohfassung und dem Beginn der Revision so gründlich wie möglich verdrängen:

Zunächst einmal können wir diesen Idealzustand auf dem Papier niemals erreichen. Unsere Worte und Formulierungen werden nie ausreichen, um das, was wir uns vor unserem geistigen Auge in allen prächtigen Details ausgemalt haben, genau so zu Papier zu bringen. Es ist so, wie die Schriftstellerin Iris Murdoch sagte: „Jedes Buch ist das Wrack einer perfekten Idee.“

Das macht in der Praxis jedoch nichts, denn unsere späteren Leser kennen das idealisierte Bild nicht, das wir beim Schreiben vor unserem geistigen Auge hatten. Sie kennen nur das, was auf dem Papier steht – und wenn ihnen das gefällt, hat der Autor gewonnen. Egal, wie groß die Diskrepanz zwischen dem ursprünglichen Traum und seiner papiergewordenen Gestalt sein mag.

Und damit sind wir auch schon beim zweiten Grund, warum wir Abstand zum eigenen Werk und die Perspektive eines unvoreingenommenen Lesers brauchen. Jeder Schriftsteller sollte sich während der Revision seiner Geschichten diesen Satz in großen, fetten Lettern über seinen Bildschirm kleben: „Es ist in deinem Kopf, aber ist es auch auf dem Papier?“

Sie wissen genau, wie die Charaktere Ihrer Geschichte aussehen. Aber reichen die Details auf den Seiten Ihres Romans auch aus, damit sich Ihre Leser ein zutreffendes Bild von ihnen machen können? Oder ziehen Sie mitten im Buch, wenn der Leser bereits eine ganz bestimmte Vorstellung vom Aussehen der Charaktere hat, nochmal neue Details aus dem Ärmel, die mit Pech überhaupt nicht zur bisherigen Vorstellung des Lesers passten?

Dasselbe gilt für Hintergrundinformationen, Vorgeschichte und Hinweise, die zur Auflösung rätselhafter Ereignisse benötigt werden. Haben alle benötigten Informationen wirklich den Weg aufs Papier gefunden oder müssen Sie hier noch nacharbeiten?

Ach ja: Die Zeit, während derer Sie Ihren Roman oder Ihre Kurzgeschichte in der realen oder virtuellen Schublade liegen lassen, um den notwendigen Abstand für die Überarbeitung zu gewinnen, ist natürlich keine verlorene Zeite. Nutzen Sie diese Auszeit, um währenddessen etwas komplett anderes zu schreiben oder ein ganz anderes, neues Projekt zu beginnen. Je weniger Gemeinsamkeiten es zwischen Ihrem gerade abgeschlossenen Manuskript und Ihrem neuen Projekt gibt, desto schneller, leichter und gründlicher werden Sie sich auch gedanklich von Ihrem alten Manuskript lösen.

Harte Fälle und misslungene Laborexperimente

Manchmal gibt es natürlich auch Manuskripte, bei denen man froh ist, sie endlich fertig zu haben und die man am liebsten nie mehr anfassen würde. Das sind die verkorksten, verkrüppelten Bücher oder Geschichten, die wir nur aus Stolz und Hartnäckigkeit überhaupt zu Ende geschrieben haben – und, um daraus zu lernen.

Auch solche Manuskripte sollte man aufheben, auch wenn man momentan keinerlei Motivation hat, daran weiter zu arbeiten, oder es sich nicht zutraut, diesen strukturlosen Handlungsklumpen nachträglich noch in eine ansprechende Form zu meißeln. Analysieren Sie diese Manuskripte so, wie ein Wissenschaftler seine misslungenen Laborexperimente analysiert. Warum hat diese Handlung nicht funktioniert? Warum hassten Sie am Schluss Ihren eigenen Protagonisten so sehr, dass Sie insgeheim eher seinem Gegenspieler die Daumen gedrückt hatten? Jeder solche Fehler, den wir klar erkennen können und den wir bis zum Punkt seiner Entstehung zurückverfolgen können, ist eine Lektion – ein Fehler, der uns beim nächsten Mal bestimmt nicht nochmal passieren wird.

Legen Sie solche Manuskripte ruhig länger zur Seite. Tragen Sie sich einen Termin für in einem halben Jahr oder in einem Jahr in Ihren Kalender ein (oder nutzen Sie FutureMe, um eine Erinnerungsmail an Ihr zukünftiges Ich zu schicken), sich das Manuskript noch einmal vorzunehmen.

Manchmal hat man bis dahin eine gute Idee, wie man das Manuskript mit viel Arbeit doch noch retten könnte – schließlich arbeitet unser kreatives Unterbewusstsein rund um die Uhr. Und wenn nicht, schicken Sie es nochmal für ein weiteres halbes Jahr in den Winterschlaf.

Betrachten Sie auch diese Manuskripte nicht als endgültig aufgegeben, sondern ähnlich wie jene todkranken Menschen, die sich einfrieren lassen, da ihnen mit dem heutigen Stand der medizinischen Technik noch nicht geholfen werden kann. Genau wie sie darauf hoffen, dass sie irgendwann in der Zukunft jemand auftauen wird, wenn es eine Möglichkeit gibt, ihre heute noch als tödlich geltende Krankheit zu heilen, dürfen auch Ihre Manuskripte darauf hoffen, irgendwann reanimiert zu werden, wenn Sie die Fähigkeiten oder Ideen dazu haben, alle strukturellen und konzeptionellen Fehler von damals gerade zu biegen.

Vielleicht wird dieser Tag niemals kommen – aber man sollte die Hoffnung niemals zu früh aufgeben.


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„Enjoy the ride“ oder: Der Weg ist das Ziel

Es ist eine verbreitete Unsitte, sich in Gedanken mehr mit der Zukunft als mit der Gegenwart zu beschäftigen. Während wir unser aktuelles Buch schreiben, beschäftigen wir uns in Gedanken schon mit dem nächsten Projekt – oder zumindest mit dem Coverdesign, dem Videotrailer oder dem Marketing-Plan für das Buch, das wir gerade schreiben. Nichts gegen eine solide Vorplanung – aber man sollte, wie die alte Redensart so schön sagt, das Fell des Bären erst dann verkaufen, wenn man ihn bereits erlegt hat.

Wenn man sich gedanklich bereits zu sehr mit den nächsten Schritten oder gar dem nächsten Projekt beschäftigt, steigert das unsere Ungeduld. Es führt dazu, dass wir nicht mehr schreiben wollen, sondern lieber bereits geschrieben haben wollen.

Beim Schreiben eines Buchs gilt ebenso wie bei allen anderen zeitaufwändigen und langfristigen Projekten: Der Weg ist das Ziel. Wer nicht in der Lage ist, den Weg (also das Hier und Jetzt) zu genießen, sondern stets ein Auge in der Zukunft hat und daher ständig enttäuscht ist, dass das Ziel noch nicht erreicht (bzw. noch nicht einmal in greifbarer Nähe) ist, hat auf lange Sicht erheblich schlechtere Chancen, bis zum erfolgreichen Abschluss des Projekts durchzuhalten, als jemand, der seine Arbeit genießen und als Selbstzweck empfinden kann.

Wer immer nur auf das Ziel starrt, kann den Weg dorthin nicht genießen, sondern empfindet ihn eher als ein lästiges Hindernis auf dem Weg zum ersehnten Ziel. Natürlich ist ein gelegentlicher Blick in Richtung Ziel wichtig, um sicher zu stellen, dass wir uns noch auf dem richtigen Kurs befinden. Aber schneller kommt man dadurch auch nicht an – genauso wenig, wie die Familie auf dem Weg in den Urlaub schneller ankommt, wenn die Kinder nur oft genug quengeln „Sind wir gleich da?“

Es ist wie mit der Geschichte aus dem alten Griechenland, in der ein Wanderer einen Philosophen fragte: „Wie komme ich am schnellsten zum Olymp?“ Der Philosoph lächelte und antwortete: „Indem du sicher stellst, dass jeder deiner Schritte dich in die richtige Richtung führt.“

Genauso ist es mit dem Schreiben. Auch hier gibt es keine Abkürzung zum Ziel, die uns wie ein Wurmloch im Weltraum ohne Zeitverlust direkt ans Ziel führt. Wir können lediglich zusehen, dass wir auf dem Weg zum Ziel – also zum fertigen Buch – keine unnötigen Umwege machen.

Die einzelnen Phasen, von der soliden Planung und Recherche über das Schreiben der Rohfassung bis hin zu den einzelnen Revisions-Durchgängen, können wir nicht abkürzen – jedenfalls nicht, ohne die Qualität des fertigen Buchs dadurch zu gefährden.

Da wir diesen Weg also ohnehin zurücklegen müssen, tun wir gut daran, ihn zumindest zu genießen – und zwar jede der unterschiedlichen Etappen. Natürlich hat jeder Autor seine persönlichen Vorlieben, welche Phasen eines Projekts er am liebsten mag und welche er am liebsten überspringen oder von jemand anders erledigen lassen würde.

Manche Autoren lieben die Planung und das Worldbuilding und können sich geradezu in den Tiefen ihrer virtuellen Romanwelten verlieren, bevor sie auch nur die erste Seite ihres eigentlichen Manuskripts geschrieben haben, während andere diesen Gedanken eher schaurig finden und sich viel lieber Hals über Kopf ins Schreiben einer neuen Idee stürzen möchten, um sich gemeinsam mit ihrem Protagonisten überraschen zu lassen, in welche Richtung sich die Handlung wohl entwickelt. Manche Autoren lieben es, Geschichten zu schreiben und dabei ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen – aber die eher strukturierte, logische Überarbeitung ist ihnen ein Graus. Andere sind froh, wenn sie endlich die lästige Rohfassung fertig geschrieben haben und sich endlich daran machen können, diese wie ein Diamantenschleifer zu bearbeiten und sie nach und nach auf Hochglanz zu polieren.

Am besten ist immer derjenige Autor dran, der jeder Phase der Entstehung seines Romans etwas Positives abgewinnen und diese aufrichtig genießen kann. Wenn einem die Arbeit Spaß macht, fühlt sie sich nicht mehr wie Arbeit an – und als positive Nebenwirkung wird zugleich auch die Qualität der Ergebnisse besser, als wenn man sie als lästige Pflicht betrachtet, die man so schnell wie möglich „abhaken“ möchte.

Beschränken Sie daher Ihren „Blick in die Zukunft“ auf einen gelegentlichen Kursabgleich und heben Sie sich später kommende Arbeitsschritte oder gar völlig neue Projekte für später auf – später, wenn Sie Ihr laufendes Projekt erfolgreich abgeschlossen haben.


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Warum Wordcount nicht alles ist

Wenn es um das Setzen von Zielen und das Messen ihrer persönlichen Produktivität geht, ist es in den letzten Jahren unter Schriftstellern mehr und mehr in Mode zu kommen, alles am Wordcount zu messen – also an der Anzahl der (neuen) Wörter, die man in einem bestimmten Zeitraum geschrieben hat. Die Messgröße „Wordcount“ hat es sogar geschafft, als Anglizismus in unseren alltäglichen Wortschatz einzuziehen, da es hier ebenso wie z.B. für das „Meeting“ im Deutschen kein einzelnes, ebenso prägnantes und allgemeingültig verwendbares Wort gibt.

Dazu haben natürlich auch die Aussagen diverser hauptberuflicher Schriftsteller über ihre persönliche Arbeitsweise beigetragen. Wenn z.B. Stephen King in seinem Buch „Das Leben und das Schreiben“ sagt, dass er jeden Tag 2.000 Wörter schreibt, betrachten viele nebenberufliche oder hobbymäßige Schriftsteller eine solche Aussage wie die Offenbarung eines Propheten. Schließlich funktioniert das bei Stephen King doch blendend und ermöglicht es ihm, routiniert und zuverlässig ein Buch nach dem anderen zu schreiben.

Und auch wenn sie sich aufgrund ihrer knappen Zeit (zu Recht!) nicht zutrauen, Stephen Kings straffe Vorgabe 1:1 zu übernehmen, setzen sie sich dennoch eine herunterskalierte Form von Kings persönlicher Messlatte als Ziel – zum Beispiel 1.000 Wörter pro Tag. Aber ist das wirklich der richtige Weg?

Fakt ist, dass die meisten Schriftsteller ein solches Ziel nicht allzu lange durchhalten. Vielleicht ein paar Wochen, maximal ein paar Monate – dann geht ihnen (Gewohnheit hin oder her) die Puste aus und der eigentlich gut gemeinte Vorsatz geht denselben Weg wie der, sich gesünder zu ernähren oder mehr Sport zu treiben. Jedenfalls bei denen, die neben dem Schreiben auch noch einen Vollzeit-Job, einen Haushalt, eine Familie, Freunde etc. haben.

Natürlich gehört der Wordcount zu den wenigen klar messbaren Größen unter Schriftstellern, Journalisten und Bloggern.

Man kann ohne viel Aufwand ermitteln, wie viele Wörter man z.B. innerhalb der letzten Stunde geschrieben hat. Schließlich hat so ziemlich jedes Textverarbeitungsprogramm eine Funktion wie „Wörter zählen“ oder „Textstatistiken“, die einem auf Knopfdruck die aktuelle Länge des eigenen Manuskripts ausspuckt. Und seit Word 2007 haben auch die Microsoft-Schreibprogramme (ebenso wie Zenware-Schreibprogramme wie WriteMonkey, FocusWriter oder Q10) einen „Live-Wordcount“, der sich automatisch aktualisiert und stets am unteren Bildschirmrand die aktuelle Länge des Manuskripts zeigt, ohne dass man ihn jedes Mal manuell aktualisieren müsste.

Journalisten und Autoren von Fachartikeln werden oft nach Wörtern bezahlt und für die meisten Publikationen von der Kurzgeschichte für eine Anthologie bis hin zum Roman gibt es längenmäßige Vorgaben. Insofern macht es natürlich durchaus Sinn, beim Schreiben den Wordcount des eigenen Manuskripts im Auge zu behalten.

Doch abgesehen davon, dass immer mal etwas dazuwischen kommen kann, das unseren geplanten Schreib-Zeitplan durcheinander würfelt, ist das Problem zu hoher, womöglich täglicher Wordcount-Ziele, dass das „Schreiben“ von Büchern, Kurzgeschichten, Artikeln oder Blogposts nun mal nicht dasselbe ist wie die rein mechanische Tätigkeit des „Schreibens“ am PC oder von Hand.

Das „Schreiben“ im Gegensatz zum „Tippen“ besteht aus kreativen Ideen, Recherche, Planung und Struktur, dem Schreiben der Rohfassung, der inhaltlichen, strukturellen und stilistischen Überarbeitung, der Veröffentlichung und schließlich auch der Vermarktung der eigenen Texte. Ganz zu schweigen von dem administrativen Drumherum.

Das reine Schreiben, das wir anhand unseres Wordcounts messen können, ist also nur ein Puzzlesteinchen im großen Gesamtbild. Zwar ein wichtiges Steinchen, denn ohne zu schreiben können wir niemals unsere Ideen in greifbare Form bringen, und ohne zu schreiben haben wir auch nichts, was wir überarbeiten und letztendlich veröffentlichen können – aber dennoch ist es lediglich ein Teil des Ganzen.

Wer also ausschließlich auf den Wordcount schielt und den größten Teil seiner knappen Schreibzeit dafür verplant, möglichst viele Wörter zu schreiben, ist mit Vollgas auf dem Holzweg in Richtung einer Sackgasse ohne Wendemöglichkeit unterwegs.

Egal, wie viele gute Ideen Sie noch in der Schublade liegen haben und wie gut Sie Ihr aktuelles Buchprojekt vorgeplant haben – früher oder später geht Ihnen der Stoff aus und Sie geraten in den Nebel mangelhafter Planung.

Das Tückische an diesem Nebel ist, dass dieser sich so langsam um Sie zusammen zieht, dass Sie es anfangs kaum merken. Sie sind halt nicht mehr ganz so gut wie sonst vorbereitet und müssen ein bisschen mehr als sonst improvisieren. Aber das ist ja nicht schlimm, denn auch so bekommen Sie immer noch Ihren angepeilten täglichen Wordcount zu Papier. Vielleicht nicht mehr ganz so mühelos wie am Anfang, aber immerhin.

Und während Sie von Tag zu Tag fast unmerklich tiefer in jene Grauzone vordringen, in der die Improvisation einen immer größeren Anteil einnimmt, lässt die Qualität Ihres Outputs langsam nach. Wenn Sie Sachbücher, Artikel oder Blogposts schreiben, sind diese nicht mehr so gut durchdacht, strukturiert und recherchiert wie früher, sondern werden allgemeiner, schwammiger und weniger originell. Romanautoren werden von strategischen Plottern und Outlinern mehr und mehr zu „Pantsern“, die sich ohne Vorplanung durch ihre Romanhandlung tasten, stets in der Hoffnung, irgendwann an einem sinnvollen Ende anzukommen.

Diese Improvisation rächt sich spätestens dann, wenn Sie die Rohfassung Ihres Manuskripts fertig geschrieben haben. Denn als Faustformel können Sie davon ausgehen, dass jede bei der Planung fehlende/eingekürzte Stunde in 2-3 Stunden zusätzlichem Zeitaufwand für die Überarbeitung resultiert. Ohne solide Planung müssen Sie sich bei der Revision nicht mehr nur um Ihren Schreibstil und einzelne Formulierungen kümmern, sondern ganz oben bei Struktur und Inhalt ansetzen. Das kann wiederum dazu führen, dass Sie umfangreiche Passagen Ihres Manuskripts rauswerfen und ersetzen oder zumindest so gründlich überarbeiten müssen, dass dabei kaum ein Stein auf dem anderen bleibt.

Sobald es an die Revision geht, sind Sie mit der Wordcount-Rechnung ohnehin am Ende. Denn gerade bei längeren Texten wie Kurzgeschichten oder ganzen Büchern müssen Sie für die Revision mindestens ebensoviel Zeit wie für das Schreiben der Rohfassung einplanen – eher sogar noch deutlich mehr. Jedenfalls, wenn Sie Wert darauf legen, am Ende ein fertig überarbeitetes Manuskript zu haben, das auch professionellen Ansprüchen gerecht wird. Oder wie Schreibpapst Sol Stein es formuliert hat: „Schreiben ist Umschreiben!“

Wer nun „nebenher“ weiter versucht, seine selbst gesetzte tägliche oder wöchentliche Wordcount-Messlatte einzuhalten, vernachlässigt fast automatisch die Überarbeitung des letzten, bereits fertig geschriebenen Manuskripts. Entweder bekommt man dieses also erst sehr viel später (oder nie) auf einen veröffentlichungsreifen Stand – oder man begnügt sich mit einem zu niedrigen Level und veröffentlicht letztendlich ein kaum oder zumindest unzureichend überarbeitetes Manuskript.

Wenn ich mir manche selbstverlegten Bücher anschaue, habe ich den Eindruck, dass diese „Augen zu und raus damit“-Mentalität gar nicht so selten ist. In der Praxis ist das natürlich der schnellste Weg, nicht nur das eigene Buch, sondern auch den eigenen guten Ruf als Autor gründlich zu verbrennen. Denn wenn erst einmal die ersten 1- oder 2-Sterne-Rezensionen eintrudeln, die nicht durch eine vielfache Übermacht begeisterter 4- oder 5-Sterne-Rezensionen ausgeglichen werden können, wird kaum noch jemand so risikofreudig sein, das Buch trotz der schlechten Bewertungen zu kaufen. Selbst eine später nachgeschobene, gründlich überarbeitete und lektorierte Fassung kann die schlechten Bewertungen nicht mehr ungeschehen machen. Denn kaum einer der verärgerten Leser wird sich das Buch in der überarbeiteten Fassung neu herunterladen, nochmals lesen und dann seine damalige Kritik wohlwollend abändern.

Aber, werden jetzt manche fragen, wenn Wordcount-Ziele tatsächlich fast von vorneherein zum Scheitern verurteilt sind, warum funktionieren sie dann für Autoren wie Stephen King? Die Antwort ist einfach. Vollzeit-Autoren wie Stephen King haben theoretisch fast den ganzen Tag Zeit zum Schreiben. Wenn jemand wie King sich vornimmt, jeden Tag 2.000 Wörter zu schreiben, macht das für ihn (abhängig von seiner Schreibgeschwindigkeit) irgendwas zwischen zwei und vier Stunden am Tag aus. Während das für die meisten nebenberuflichen Schriftsteller schon fast die gesamte Zeit ist, die sie fürs Schreiben freischaufeln können, hat der Vollzeit-Autor anschließend immer noch locker das Doppelte dieser Zeit zur Verfügung, um für die nächsten Tage vorzuplanen oder bereits geschriebene Texte zu überarbeiten.

Der nebenberufliche oder hobbymäßige Autor, der nach einer kurzen Pi-mal-Daumen-Schätzung zu dem Schluss kommt, dass auch er 1.000 oder gar 2.000 Wörter pro Tag schreiben kann, vernachlässigt bei seiner Kalkulation das ganze Drumherum: Für einen Vollzeit-Autor beschreibt die Aussage „2.000 Wörter am Tag“ nicht seinen Arbeitstag, sondern einen kleinen Ausschnitt daraus. Solange wir also nicht auch den ganzen Tag zu unserer freien Disposition haben, brauchen wir gar nicht darüber nachzudenken, es ihnen gleich zu tun. Das ist wie der zum Scheitern verurteilte Versuch, eine ganze Flasche Bier in ein Schnapsglas zu füllen – ohne zwischendurch abzutrinken.

Der Weg zu einem realistischen Wordcount-Ziel

Wenn Sie sich trotz meiner oben geäußerten Bedenken dennoch ein Wordcount-Ziel als Maßstab für Ihre persönliche Schreib-Produktivität setzen wollen, sollten Sie zumindest die folgenden Tipps beherzigen:

  1. Setzen Sie sich kein tägliches, sondern lediglich ein wöchentliches Ziel. Also nicht „täglich 500 Wörter“, sondern lieber „jede Woche 3.500 Wörter“. Es kann immer etwas dazwischen kommen, was Sie einen Tag am Schreiben hindert – aber mit einem Wochenziel haben Sie zumindest noch die Chance, eventuelle Rückstände am Wochenende aufzuholen.
  2. Setzen Sie Ihr Wordcount-Ziel so niedrig an, dass Sie es in maximal 20% der Zeit bewältigen können, die Sie insgesamt zum Schreiben zur Verfügung haben. Halten Sie Ihre Schätzung lieber realistisch niedrig als zu optimistisch hoch. Wenn Sie also je nach Tagesform in einer Stunde zwischen 500 und 1000 Wörtern schreiben können, sollten Sie nur mit 500 Wörtern kalkulieren. Wenn Sie mehr schaffen, umso besser. Falls nicht, haben Sie sich das Hemd aber auch nicht zu eng gemacht. Maximal sollten Sie mit dem Durchschnittswert (also 750 Wörter als Mittelwert) kalkulieren.

Wenn Sie in der Woche 20 Stunden Zeit zum Schreiben haben (z.B. werktags jeden Morgen zwei Stunden und an Wochenendtagen jeweils fünf Stunden), sollten Sie nur 20% davon, also vier Stunden, mit Ihrer stündlichen Quote multiplizieren. Bei 750 Wörtern wären das 3.000 Wörter pro Woche.

Ein solcher Wert erscheint Ihnen vermutlich geradezu lächerlich gering. Nur 3.000 Wörter pro Woche, obwohl Sie 20 Stunden pro Woche Zeit für Ihre Schreibprojekte haben? Das wären ja gerade mal 150 Wörter pro Stunde. Stimmt – aber so sollten Sie nicht rechnen.

Zunächst einmal sind 3.000 Wörter pro Woche alles andere als wenig. Das entspricht ungefähr 10-12 Taschenbuchseiten, was aufs Jahr gerechnet 500-600 Buchseiten ausmacht. Das wäre entweder ein richtig dicker Wälzer oder zwei etwas schlankere Taschenbücher mit 250-300 Seiten – z.B. für Krimis ein guter Umfang.

Außerdem lässt Ihnen dieser Plan genug Luft zum Atmen – bzw. für die anderen Phasen des Schreibens. Wenn Sie wöchentlich vier Stunden fürs reine Schreiben einplanen, bleiben Ihnen bis zu 16 Stunden, um beispielsweise parallel bereits Ihr nächstes Buch zu planen, Ihr zuletzt fertig geschriebenes Manuskript gründlich zu überarbeiten und sich um die Veröffentlichung und Vermarktung Ihrer bereits fertig überarbeiteten Bücher zu kümmern.

Dazu noch ein letzter Tipp: Teilen Sie Ihre Zeiten so auf, dass Sie rechtzeitig mit der Planung Ihres nächsten Buchs fertig sind, bevor Sie mit Ihrem aktuellen Buch beim magischen Wörtchen „ENDE“ ankommen. So können Sie nach der Fertigstellung Ihres aktuellen Manuskripts nahtlos mit dem Schreiben weiter machen und so auch weiterhin Ihr wöchentliches Wordcount-Ziel einhalten.


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Kreatives Schreiben mit Stift und Papier statt am Computer?

Ich habe kürzlich den Bericht einer amerikanischen Schriftstellerin gelesen, die ihrem Mac den Rücken gekehrt hat und fürs Schreiben wieder zu Papier und Stift zurückgekehrt ist.

Durch den Artikel bin ich auch noch einmal ins Grübeln gekommen, ob das Schreiben am PC wirklich immer das Optimum ist – aber nicht unbedingt aus denselben Gründen.

Die Störungen durch Mails kann man mit etwas Disziplin abstellen, indem man vor dem Schreiben sein Mailprogramm, seinen Browser und andere eventuell störende Programme kurzerhand schließt. Auch die Verlockung, mit Schriftarten und Formatierungen herumzuspielen, statt wirklich an seinem Manuskript weiter zu schreiben, lässt sich mit Zenware-Schreibprogrammen wie WriteMonkey oder FocusWriter bekämpfen.

Meine Argumente dafür, dass der Computer doch nicht das unschlagbare Schreibwerkzeug ist, kommen aus einer anderen Richtung.

Natürlich haben wir in den vergangenen Jahrzehnten die Vorteile des Computers kennen und schätzen gelernt:

  • Man kann (zumindest, wenn man das Zehnfingersystem beherrscht), am PC wesentlich schneller schreiben als von Hand.
  • Man kann das fertige Manuskript direkt am PC überarbeiten und korrigieren. Es ist also nicht mehr erforderlich, bei jeder Änderung die ganze Seite oder gar das ganze Kapitel nochmal von Hand abzutippen oder abzuschreiben.

Doch hat das Schreiben am PC wirklich nur Vorteile? Oder gibt es nicht auch Punkte, die dafür sprechen, doch wieder von Hand auf gutem, altmodischem Papier zu schreiben?

Zugegeben – die Frage klingt schon etwas seltsam, wenn sie von jemandem gestellt wird, der seit über einem Vierteljahrhundert tagtäglich mit Computern arbeitet und seinen Lebensunterhalt damit verdient. Doch es gibt tatsächlich Punkte, die einen zum Nachdenken bringen können:

Früher sind Schriftsteller auch ohne Computer ausgekommen – und viele von ihnen waren wesentlich produktiver als die meisten heutigen Schriftsteller. Man denke nur an den unglaublichen Output von Schriftstellern wie William Shakespeare oder Anthony Trollope.

Margaret Mitchell hat „Vom Winde verweht“ in linierte Schulhefte geschrieben und auch ich habe das Manuskript meines ersten Romans „Die Verschwörer von Styngard“ in den 90er Jahren noch in A5-Notizbüchern begonnen. Damals habe ich meist während meiner Mittagspause in der Firma daran weiter geschrieben, da wir dort damals noch keine Windows-PCs hatten, sondern lediglich AS400-Terminals (heutzutage steinzeitlich wirkende Trümmer mit monochromem Monitor, auf denen selbst keine Programme liefen, sondern die direkt am zentralen Hauptrechner hingen).

Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass es eine ganz besondere Verbindung zwischen Hirn und Hand gibt, wenn wir nicht am Computer tippen, sondern tatsächlich mit Stift und Papier schreiben. Das mag unter anderem auch daran liegen, dass man automatisch langsamer und mit mehr Bedacht schreibt.

Wenn man weiß, dass man nicht einfach die Delete-Taste drücken kann, um einen voreilig aufs Papier geworfenen Satz zurückzunehmen, legt man sich den Satz komplett im Kopf zurecht, bevor man den Stift auch nur ansetzt. Die Rohfassung eines so geschriebenen Textes hat daher meist schon eine bessere Qualität als eine, die am Computer entstanden ist.

Diese Endgültigkeit – was geschrieben ist, ist geschrieben und wird erst bei der Revision des fertigen Textes nochmal angepackt – ist wohl auch einer der Gründe, warum manche Schriftsteller auch heute noch eine altmodische Schreibmaschine ohne Korrekturband statt eines modernen Computers bevorzugen.

Natürlich sehen handschriftliche Texte nicht so schön und sauber aus wie solche, die man am Computer getippt hat – aber auch darin sehe ich eher einen Vor- als einen Nachteil. Am Computer getippte Texte sehen – besonders, wenn man sie schon gleich im endgültigen Buchlayout tippt – schon in der Rohfassung sehr professionell und „druckreif“ aus. Natürlich sind sie das in der Praxis nicht. Wie schon Ernest Hemingway so drastisch gesagt hat: „Die erste Fassung ist immer Mist.“

Einer handschriftlichen Rohfassung sieht man auf den ersten Blick an, dass sie nichts anderes als das ist: ein erster, roher Entwurf, der von einem fertigen Buch noch meilenweit entfernt ist. Auf diese Weise unterliegt man auch nicht der Selbsttäuschung, dass man diese Rohfassung mit ein paar kleineren, oberflächlichen Korrekturen schon als Buch veröffentlichen könnte.

Bei der Überarbeitung von Hand geschriebener Manuskripte hat man natürlich das Handicap, dass man diese bei der Übertragung in den Computer Wort für Wort abtippen muss, statt in dieser Phase einfach auf die bereits im Computer gespeicherte Rohfassung zurückgreifen zu können.

Doch auch das muss bei genauerer Betrachtung nicht unbedingt ein Nachteil sein. Es zwingt einen eher dazu, jeden einzelnen Satz bei der Überarbeitung noch einmal kritisch zu überdenken und zu überlegen, ob man ihn nicht doch anders und besser formulieren könnte. Abschreiben muss man ihn ja sowieso.

Hat man die Rohfassung hingegen bereits im Computer, fördert das die Bequemlichkeit, einen bestenfalls mittelmäßigen Satz dennoch als „gut genug“ ins endgültige Buch zu übernehmen, statt die einmalige Gelegenheit zu nutzen, ihn bei der Revision zu glätten und auf Hochglanz zu polieren.

So ist beispielsweise der Bestsellerautor Ken Follett („Die Säulen der Erde“) dafür bekannt, dass er bei der Revision seiner Bücher die Rohfassung Satz für Satz abschreibt und dabei ggf. überarbeitet. Geschadet hat es seinen Büchern und seinem Erfolg mit Sicherheit nicht. ;-)

Besonders nützlich ist das Schreiben von Hand meiner Meinung nach bei Romanen und Kurzgeschichten. Im Gegensatz zu Sachbüchern, Fachartikeln oder Blogposts, bei denen der Schwerpunkt auf der Vermittlung von Informationen, Ideen, Konzepten und Inhalten liegt, geht es bei Romanen oder Kurzgeschichten mehr darum, Stimmungen, Gefühle und Emotionen zu vermitteln – etwas, das einem beim Schreiben auf Papier meiner Meinung nach leichter und intuitiver „von der Hand geht“, als beim Schreiben am Computer.

Ich würde also nicht unbedingt empfehlen, Blogposts oder Sachbücher zukünftig von Hand zu schreiben – aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich die Rohfassung meiner nächsten Kurzgeschichte zur Abwechslung mal wieder von Hand und nicht am Computer schreibe.

Das Schreiben mit Stift und Notizbuch hat auch noch einen weiteren Vorteil: Stift und Notizbuch brauchen im Gegensatz zu Laptop, Netbook oder Tablet-PC keinen Strom und müssen nie aufgeladen werden, sondern sind jederzeit einsatzbereit. Außerdem kann man auch im Sommer auf der Terrasse, im Freibad oder im Biergarten schreiben, wo man durch das helle Tageslicht auf einem Computermonitor kaum noch etwas erkennen könnte.

Natürlich ist das Schreiben auf Papier am Anfang eine ziemliche Umgewöhnung, wenn man zuvor Jahre lang gewöhnt war, längere Texte ausschließlich am Computer zu schreiben. Tintenflecken, Druckstellen an den Fingern und verkrampfte Handgelenke sind am Anfang ganz normal. Aber auch daran gewöhnt man sich recht schnell und schon nach kurzer Zeit ist man wieder so gut geübt wie früher in der Schule.

Lassen Sie es einfach mal auf einen Versuch ankommen: Schreiben Sie zwei Szenen – eine mit Papier und Block und eine wie gewohnt am PC. Tippen Sie anschließend die handschriftliche Rohfassung ab (ohne sie dabei zu überarbeiten), damit optisch kein Unterschied zu erkennen ist, und geben Sie beide Szenen einem neutralen Testleser zum Lesen. Fragen sie ihn, welche der Szenen ihm vom Schreibstil her besser gefällt – und warum. Die Ergebnisse könnten sehr aufschlussreich sein.


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