Warum Sie Ihren Roman mit dem Klappentext beginnen sollten

Wer das Schreiben nicht nur als reines Hobby betrachtet, sondern seine Bucher auch veröffentlichen und vermarkten möchte, weiß, dass das Schreiben eines Buchs nur die halbe Miete ist: Das Buch ist fertig geschrieben, überarbeitet und die Prosa auf Hochglanz poliert – und was nun? Neben dem Buchcover – sozusagen dem Gesicht Ihres Buchs – muss auch noch ein Klappen- bzw. Werbetext her, den man als Buchbeschreibung bei Amazon und anderen Online-Buchhändlern veröffentlichen kann.

Mir ist in diesem Kontext die Bezeichung „Klappentext“ wesentlich sympathischer als „Werbetext“, auch wenn es bei Taschenbüchern und erst recht bei eBooks mangels Schutzumschlags natürlich keinen Klappentext in seiner ursprünglichen Bedeutung mehr gibt. Allerdings muss ich bei „Werbetext“ eher an die Werbung für Waschmittel oder Zahnpasta als an die publikumswirksame Kurzbeschreibung eines Romans denken. Ich bleibe daher bei „Klappentext“ – egal, ob dieser nun auf der Rückseite Ihres Taschenbuchs abgedruckt wird oder als Buchbeschreibung für Ihr eBook fungiert.

Doch unabhängig davon, wie man das Kind nun nennen will – wenn schon das Schreiben einer Synopsis (also der Zusammenfassung der Romanhandlung auf wenigen Seiten) schwierig ist, ist es das Schreiben eines guten Klappentextes umso mehr. Hier bleibt einem nicht viel Platz, um die Neugier des Lesers so weit zu wecken, dass er einen „Blick ins Buch“ wirft (bzw. sich die Leseprobe herunterlädt) oder – noch besser – das Buch direkt kauft.

Wer schon einmal versucht hat, die Handlung eines Romans von 300+ Seiten appetitanregend in wenigen Sätzen zu verpacken, weiß, was für eine Herausforderung dies darstellen kann. Und selbst wenn man es endlich geschafft hat, die Essenz des Buchs zu einem Klappentext von 100-200 Wörtern einzudampfen, liest sich dieser oft so dröge und unoriginell, dass sogar man selbst als Autor sich fragt, worin sich das eigene Buch von den thematisch ähnlichen Büchern anderer Autoren unterscheidet und warum ein Leser sich ausgerechnet für unser Buch entscheiden sollte.

Wenn auch Ihnen diese Problematik nur allzu bekannt vorkommt, würde ich Ihnen für Ihr nächstes Projekt einen anderen Ansatz empfehlen. Zäumen Sie das Pferd scheinbar von hinten auf: Beginnen Sie die Entstehung Ihres nächsten Buchs mit einem zugkräftigen (Arbeits-)Titel, eventuell einem Mockup-Cover … und dem Klappentext.

Auf den ersten Blick mag einem dieser Ansatz unsinnig erscheinen: Wie soll man ein Buch zusammenfassen, das es noch gar nicht gibt? Doch in der Praxis ist es so herum wesentlich einfacher. Genau wie Sie beim Design eines Buchcovers bereits darauf achten sollten, wie dieses später als briefmarkengroße Miniatur-Abbildung in den Suchergebnissen von Amazon & Co aussieht, können Sie die Miniaturansicht Ihrer Handlung umso besser entwerfen, solange Ihre Sicht auf das Wesentliche (sozusagen das Skelett Ihres Romans) nicht durch zu viele Details verstellt wird.

Sobald sich also während der Planung Ihres Romans die grobe Handlung herauszukristallisieren beginnt, schreiben Sie zunächst die Rohfassung Ihres Klappentextes.

Warum das? Ganz einfach: Wenn Ihr Klappentext so gut ist, dass sogar Sie selbst als Autor das Buch allein aufgrund dieser Beschreibung spontan kaufen würden, haben Sie ein Ziel, auf das Sie hinschreiben können – sozusagen das Leuchtfeuer am Horizont. Egal, was sich an Ihrer Handlung bei der Planung und später während des Schreibens im Detail noch ändern mag – die Eckpunkte, die Sie in Ihrem Klappentext „festgenagelt“ haben, sind gesetzt.

Beim Schreiben Ihres Klappentextes sollten Sie nicht kleckern, sondern klotzen. Der Klappentext ist der Haken, den Sie auswerfen – und schließlich wollen Sie, dass die Leser anbeißen. Je besser Sie Ihre Zielgruppe und Ihre „idealen Leser“ kennen, desto leichter dürfte es Ihnen fallen, jene Punkte aufzulisten, die Ihre Leser an anderen Bestsellern Ihres Genres so lieben.

Damit meine ich natürlich nicht, dass Sie Ihre Handlung verbiegen sollten, um nur ja möglichst marktgerecht zu schreiben. Dennoch sollten Sie überlegen, welche dieser „Zutaten“ Sie verwenden könnten, um Ihre Romanhandlung aufzupeppen und noch interessanter zu gestalten – oder welche bereits vorhandenen / angedachten Punkte Sie beim Schreiben Ihres Klappentextes werbewirksam in den Vordergrund rücken sollten.

Sie werden feststellen, dass es wesentlich einfacher ist, das Buch so zu schreiben, dass es dem packenden Klappentext gerecht wird, als im Nachhinein die Essenz des Buchs in einem Klappentext einzufangen. Es wird beim Schreiben immer wieder Situationen geben, in denen Sie Entscheidungen über den weiteren Verlauf der Handlung treffen müssen. Ihr Klappentext kann dann als Orientierungshilfe dafür sorgen, dass Sie nicht die falschen Entscheidungen treffen und so womöglich auf halbem Weg auf den Holzweg geraten.

Auch wenn die „Zutaten“ für einen guten Klappentext fast immer dieselben sind, ist die Gewichtung dieser Zutaten je nach Genre sehr unterschiedlich. Statt zu versuchen, eine „Passt-auf-alles-Formel“ zu finden, sollten Sie sich beim Schreiben Ihres Klappentextes lieber an den Klappentexten bereits erfolgreicher Romane Ihres Genres orientieren.

Damit meine ich natürlich nicht, dass Sie von diesen abkupfern sollten, sondern, dass Sie diese ganz gezielt analysieren und versuchen, daraus eine Formel mit Platzhaltern abzuleiten, in die Sie dann Ihre eigenen Zutaten einsetzen können. Wohlgemerkt „eine Formel“, nicht „die Formel“ – denn trotz aller Ähnlichkeiten werden die Klappentexte, die Sie studieren, dennoch so unterschiedlich sein, dass Sie lediglich eine grobe Faustformel ermitteln können.

Das ist ein wenig wie der Versuch, Tiere zu klassifizieren. Wenn „Tier“ ein so allgemeiner Oberbegriff wie „Roman“ ist, sind Sie beim Genre bereits bei Klassifizierungen wie „Vogel“, „Katze“ oder „Fisch“. Und genau wie Sie so ziemlich jeden Vogel mit einer allgemeinen Beschreibung wie „zwei Beine, zwei Flügel, ein Schnabel und Federn“ von einer Katze oder einem Fisch abgrenzen können, werden Sie auch bei den erfolgreichen Klappentexten Ihres Genres bestimmte Gesetzmäßigkeiten erkennen. Welche Details des Settings werden erwähnt? Welche Figuren des Romans werden im Klappentext erwähnt und mit welchen Attributen werden sie beschrieben? Was erfährt der Leser über den zentralen Konflikt des Romans und über das, was auf dem Spiel steht?

Wenn Sie eine solche Analyse für ein gutes Dutzend Bestseller Ihres eigenen Genres durchgeführt haben, haben Sie meist schon ein recht gutes Gefühl dafür, welche Elemente ein Klappentext in welchem Mischungsverhältnis enthalten sollte und wie man diese dem Leser appetitanregend präsentieren kann.

Als kleine Checkliste liste ich Ihnen nochmal die wichtigsten „Zutaten“ für einen Klappentext auf: Sie brauchen…

  • Ihren Protagonisten (also den Helden / die Heldin Ihres Romans),
  • Ihren Antagonisten (also den Gegenspieler bzw. Widersacher),
  • das Setting (Wo und wann spielt Ihr Roman?)
  • den Auslöser der Handlung (Welches Ereignis setzt die Dinge in Bewegung?),
  • das Ziel Ihres Protagonisten (Wie will er das Problem lösen?),
  • das größtes Hindernis (Warum ist das nicht so einfach?) und
  • die negativen Konsequenzen, die drohen, wenn er sein Ziel nicht erreicht.

Bonuspunkte gibt es, wenn Sie zusätzlich noch eine überraschende Wendung einbringen können (die im Klappentext natürlich nur angedeutet wird).

Wenn Sie beim Notieren dieser Punkte bereits ins Stocken geraten, macht das überhaupt nichts. Es ist im Gegenteil sogar gut, da Sie bereits in dieser sehr frühen Phase auf die noch vorhandenen Lücken stoßen und nicht erst hundert Seiten tief in der Handlung feststellen, dass Sie sich in eine Sackgasse geschrieben haben oder dass Ihrem zentralen Konflikt auf halbem Wege der Dampf ausgeht.

Sobald Sie alles zusammen haben, wenden Sie Ihre Erkenntnisse aus der Klappentext-Analyse an und basteln aus Ihren Zutaten einen packenden Klappentext nach bewährtem Muster. Nehmen Sie sich dafür genügend Zeit und übereilen Sie nichts. Es macht nichts, wenn Sie ein paar Wochen an diesem Text feilen, bis Sie selbst vom Ergebnis begeistert sind und beim Lesen Ihres eigenen Klappentextes kaum abwarten können, das fertige Buch in den Händen zu halten.

Dann erst beginnen Sie damit, die Handlung genauer zu planen und so die Basis für einen Roman zu schaffen, der nicht nur die Versprechungen Ihres Klappentextes erfüllt, sondern sogar noch eine ganze Schippe drauf legt.

Diese Methode eignet sich übrigens nicht nur für „Planer“, sondern auch für „Discovery Writer“, die sich beim Schreiben ihres Romans ihres Romans selbst davon überraschen lassen, in welche Richtung sich die Handlung entwickelt und wie alles enden wird. Im Gegensatz zu einer Synopsis, die die komplette Handlung bis zum großen Finale beinhaltet, baut der Klappentext nur auf der Ausgangssituation und dem zentralen Konflikt aus, ohne zu viel über die Details der Handlung oder gar das Ende zu verraten. Damit bewahren Sie sich beim Schreiben die Flexibilität, die Ihnen so wichtig ist.

Probieren Sie es einfach mal für Ihr nächstes Buchprojekt aus. Ich würde vermuten, dass das Ergebnis Sie überzeugen wird.


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6 Gedanken zu „Warum Sie Ihren Roman mit dem Klappentext beginnen sollten

  1. Kein Muss, aber sicherlich eine Möglichkeit. Ich persönlich halte allerdings nichts davon, Klappentexte (oder auch ganze Geschichten) nach irgendeinem Muster zu verfassen, auch wenn es noch so allgemein und übertragbar erscheint. Ein Klappentext soll den Appetit des Lesers anregen und nicht einfach ein paar quasi fixe Elemente herunterleihern, einfach weil man das eben so macht. Je häufiger das geschieht, desto mehr ähneln sich die Ergebnisse, bis hin zu der unerträglich langweiligen Uniformität, die man bei all den ewig gleichen Teenager-Romanzen sehen kann.

    • Hier liegt anscheinend ein Missverständnis vor: Es geht keinesfalls darum, „Klappentexte (oder auch ganze Geschichten“ nach irgendeinem Muster zu verfassen„, um für eine „unerträglich langweilige Uniformität, wie bei all den ewig gleichen Teenager-Romanzen“ zu sorgen. Der Entwurf des Klappentextes vor dem Schreiben des eigentlichen Romans hat denselben Zweck wie der Bau eines verkleinerten Modells einer Brücke durch einen Architekten, bevor etliche Tonnen Stahl und Beton bewegt werden. Genau wie der Auftraggeber des Architekten anhand des Miniatur-Modells bereits beurteilen kann, ob das geplante Gebäude ihn in dieser Form überzeugt und seinen Vorstellungen entspricht, und der Architekt die Statik des geplanten Gebäudes überprüfen kann, kann man als Autor bereits vor dem eigentlichen Schreiben des Romans mit einem vorab geschriebenen Klappentext feststellen, ob das Konzept des Romans in dieser Form „tragfähig“ ist.
      Für dieses Konzept-Modell (also den Vorab-Klappentext) muss man die wichtigsten Elemente des Romans zusammenstellen und zueinander ins geplante Verhältnis setzen. Wenn das Ergebnis überzeugt, kann man ans Schreiben gehen – wenn nicht, geht es eben nochmal zurück ans Reißbrett. Ob man den Klappentext bei der späteren Veröffentlichung des Romans (der in dieser frühen Phase noch in ganz weiter Zukunft liegt) an diesen ersten Konzeptentwurf anlehnt oder nicht, steht auf einem völlig anderen Blatt.

      • Ausgezeichnet! Ich sehe es ganz genau so. Sie haben den zuvor geposteten Text noch einmal wundebar untermauert! Eine echte Hilfe und auch Inspiration! Macht Lust darauf, es einmal auszuprobieren!

  2. Ich bin durch Zufall auf diesen Beitrag gestoßen, bin „hängen geblieben“, habe andere Seiten Ihres Blogs gelesen und ihn jetzt auch „gebookmarked“. Ich selbst schreibe im Moment (noch) nicht mit konkreter Veröffentlichungsabsicht, nehme es aber trotzdem soweit ernst, dass ich Dinge schreiben möchte, die als Literatur auftreten könnten (unabhängig von dem Prozess, der ein Manuskript auf den Schreibtisch eines Lektors bringt). „Klappentexte“ (von manchen Autoren und Verlegern tatsächlich auch als „Waschzettel“ bezeichnet) nutze ich dabei auch, allerdings aus einem anderen Grund als den, den Sie hier beschreiben, was nicht heißen soll, dass Ihre Gründe keine guten Gründe wären; meine hier zu posten, sehe ich daher als eine Art Ergänzung: Wenn ich etwas schreibe, beginnt das meistens mit einem Einfall. Ein paar Minuten (Tage, Wochen…) später schaue ich mir den Einfall noch mal an, ob er denn auch als Idee taugt, also etwas, was man weiterverfolgen und ausbauen könnte. Ist dies der Fall, ist der nächste Schritt der Klappentext, und zwar als weiteres Kriterium dazu, um herauszufinden, ob die Idee etwas taugt, im Sinne davon, ob es sich lohnt, daran weiterzuarbeiten. Wenn es mit einem überzeugenden Klappentext nicht klappt (was häufig genug passiert), ist dies für mich ein in den meisten Fällen zutreffendes Argument, die Sache nicht weiterzuverfolgen. Wenn ich den für gescheitert oder unzureichend gehaltenen Text in einem Ordner abspeichere, kann ich dennoch später wieder darauf zurückkommen, und dann sieht die Sache vielleicht anders aus…

    • Das ist ein auch sehr guter Ansatz. Die erste Stufe entspricht meinem Ideenarchiv (einem Karteikasten mit Notizen zu unterschiedlichen Projektideen), in dem die Karten regelmäßig ‚umgewälzt‘ und dabei um neue Notizen ergänzt werden, bis sie ‚reif zum Schreiben‘ sind. Konzepte, die sich in der ‚Klappentext-Phase‘ als nicht tragfähig genug erwiesen haben, für später zurück zu stellen, ist der richtige Ansatz. Bei mir kommen solche Ideen erst einmal ganz nach hinten in den Karteikasten, sodass es ein paar Monate dauert, bis man beim nächsten Durchgang wieder auf sie stößt. Und bis dahin hat man oft schon wieder ein paar neue, frische Ideen. Wichtig ist nur, dass man sich die Punkte (offene Fragen, Logikfehler, Schwächen im Konzept) notiert, die einen damals dazu bewogen haben, die Idee vorerst auf Eis zu legen.

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