Wer darf was wann wissen – und was weiß der Leser?

Die Kunst beim Schreiben von Romanen ist, den Leser langsam in eine Romanwelt eintauchen zu lassen, die oft fremdartig und ganz anders als die Alltagswelt des Lesers ist. Das betrifft nicht nur Fantasy und Science-Fiction, sondern auch historische Romane oder Romane, die auf einem anderen Kontinent oder in einem außergewöhnlichen sozialen oder beruflichen Umfeld spielen.

Bis man mit dem eigentlichen Schreiben beginnt, hat man oft umfangreiche Ordner und Dokumente mit Recherche, Planung und Notizen zur Vorgeschichte des Settings, der Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander.

Lässt man diese ganzen Informationen direkt zu Beginn des Romans in Form des berüchtigten “Infodumps” auf den Leser einprasseln, kommt erstens die Handlung nicht in Schwung (da ja eigentlich noch nicht viel passiert) und zweitens wird der Leser von der Fülle an Informationen halb erschlagen und halb zu Tode gelangweilt.

Die Kunst besteht also darin, die Informationen nach und nach unauffällig in die Handlung einfließen zu lassen, ähnlich wie man Puddingpulver nach und nach in die Milch einrührt, damit es nicht klumpt.

Doch in welcher Reihenfolge und wann sollte man die  Informationen in die Handlung einfließen lassen? Wie viel muss der Leser über die Hintergrundgeschichte des Settings, die Vergangenheit der Romancharaktere, ihre Geheimnisse und wahren Ziele und ihre komplexen Beziehungen zueinander wissen?

Allgemein gesagt: Gerade zu Beginn eines Romans sollte der Leser gerade mal so viel wissen, dass er die aktuellen Szenen versteht und der Handlung folgen kann. Aus den wenigen Puzzlesteinen, die man ihm als Autor zur Verfügung stellt, reimt sich der Leser schon ein Gesamtbild zusammen – auch wenn er die Lücken erkennt und diese nach und nach mit Fakten aufzufüllen versucht. Man muss dabei natürlich achtgeben, dass das sich aus den wenigen Fakten und Andeutungen ergebende Bild zumindest so eindeutig ist, dass der Leser dieses nicht völlig falsch interpretiert und gedanklich eine völlig andere Handlung daraus konstruiert.

Gerade Punkte wie Vorgeschichte, Motivation und die wahren Pläne aller Personen außer den Perspektivcharakteren sollte man nur so weit andeuten, dass dadurch die Neugier des Lesers geweckt wird – und die verborgene Wahrheit so lange zurückhalten, dass der Leser unbedingt weiter lesen will, um zu erfahren, was dahinter steckt.

Wie sagt man so schön: Die Aufgabe des Autors ist es, Fragen aufzuwerfen, auf die der Leser unbedingt die Antwort erfahren möchte, und ihn dann möglichst lange auf die Folter zu spannen. ;-)

Informationen über den Perspektivcharakter (bzw. die Perspektivcharaktere) zurückzuhalten, ist schon deutlich schwieriger, da man als Leser in den aus ihrer Perspektive geschilderten Szenen meist so tief im Kopf des jeweiligen Perspektivcharakters steckt, dass auch ihre Gedanken (und damit auch jene Geheimnisse, die sie niemals anderen gegenüber offen aussprechen würden) den Weg aufs Papier finden.

Doch mit ein wenig Fingerspitzengefühl kann man schon überlegen, welche Erinnerungsfragmente und Gedankenfetzen einer Person in einer bestimmten Situation durch den Kopf gehen würden – und wie man als Autor die entscheindenden Schlüsselinformationen höchstens andeutet, wenn man sie schon nicht ganz im Dunkeln lassen kann.

Natürlich darf man es mit dem Zurückhalten von Informationen auch nicht übertreiben. Wenn der Leser das Gefühl hat, dass der Autor die Fakten und Hintergründe unnötig lange zurückhält, nur um ihn neugierig zu machen und ihn auf die Folter zu spannen, kommt er sich irgendwann manipuliert vor und verliert den Spaß an diesem Buch.

Ein guter Ansatzpunkt ist, eine Liste mit allen Hintergrundinformationen aus der Vorgeschichte und allen ‘Geheimnissen’ anzulegen – idealerweise in einer Tabellenkalkulation wie Excel, da man die Liste so leichter ergänzen und auch nachträglich noch Zeilen an den richtigen Stellen einfügen kann. Die anderen Spalten der Tabelle stehen für alle wichtigen Charaktere des Romans. Hier trägt man ein (wahlweise mit Datum/Uhrzeit oder als laufende Nummer der Szene des Romans), wann eine bestimmte Person diese Information erhalten hat. Alles, was diese Charaktere bereits vor Beginn des Romans wissen, kann man einfach mit einem X markieren. Eine weitere Spalte ist für den Leser. Hier trägt man ein, wann (bzw. in welcher Szene) der Leser diese Information / dieses Puzzlesteinchen erhalten hat.

Tabelle InformationenEine solche Liste hat den Vorteil, dass man beim Schreiben jederzeit weiß, wer welche Informationen bereits hat (wichtig, um Logikfehler zu vermeiden), und welche Informationen man noch als Brotkrumen auf dem Weg verteilen muss, damit der Leser dem Handlungsverlauf weiterhin folgen kann.

Je komplexer die Geschichte ist, desto mehr lohnt sich der Aufwand mit einer solchen Tabelle. Allein das Aufstellen der Tabelle während des Planungsprozesses zeigt einem, was man unbedingt früher oder später in die Handlung einfließen lassen muss. Ansonsten besteht die große Gefahr, dass zwar dem Autor selbst die Handlung völlig logisch erscheint (da er schließlich alle Informationen im Kopf hat), während der Leser den ansonsten gut geschriebenen Roman als unlogisch und voller Logiklöcher abtut, da der Autor es schlicht und einfach versäumt hat, die entscheidenden Informationen auch tatsächlich auf den Seiten des Romans auftauchen zu lassen (“Es ist in deinem Kopf – aber ist es auch auf dem Papier?”).

Falls auch Sie bei einem Romanprojekt vor der Herausforderung stehen, umfangreiche und komplexe Hintergrundinformationen in die Handlung einzuarbeiten, können Sie es ja auch einmal mit einer solchen Tabelle versuchen. Es erleichtert einem die Arbeit ungemein.


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2 Gedanken zu „Wer darf was wann wissen – und was weiß der Leser?

  1. Ein interessanter Post.
    Die Informations-Dump am Anfang empfinde ich immer als ziemlich nervig, weshalb ich sie vermeide und versuche, den Leser alles so nach und nach erfahren zu lassen.

    Die Sache mit der Wer-Weiß-Was-Wann-Tabelle gefällt mir sehr gut, ich glaube, das probiere ich mal aus :)

  2. Pingback: Patchwork-Tutorial: Kontexte und Figurenwissen | Richard Norden

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