Wie viele Protagonisten kann ein Roman vertragen?

Eine der häufigsten Fragen rund um Protagonisten ist, wie man Romane mit mehreren Protagonisten schreibt. Die Antwort auf diese Frage gefällt den meisten allerdings nicht: “Nach Möglichkeit gar nicht.”

Diese etwas launisch klingende Antwort hat einen Grund. Die meisten Romane werden besser und stärker, wenn man sich auf einen einzigen Protagonisten beschränkt.

Aber wird das nicht langweilig? Man braucht doch eine große Besetzung, um eine spannende und abwechslungsreiche Romanhandlung zu schreiben, oder etwa nicht? Eher “etwa nicht”. Auf je weniger zentrale Charaktere (wir reden hier also nicht über Nebenfiguren oder gar Statisten, sondern nur über Protagonisten und Antagonisten!) man sich beschränkt, desto intensiver kann man sich innerhalb seines Romans mit diesen Charakteren beschäftigen. Ein Protagonist und ein Antagonist, die durch einen packenden zentralen Konflikt aneinander gebunden sind – das ist alles, was wir im Normalfall brauchen.

Buddy-Teams und Heldengruppen

Aber was ist mit den berühmten Buddy-Filmen, in denen es meist um zwei ungleiche Charaktere geht, die sich im Laufe der Handlung erst zusammen raufen müssen, um dann gemeinsam mit vereinten Kräften das Problem zu lösen oder den gemeinsamen Feind zu besiegen? Denken Sie beispielsweise an “Rush Hour”, “Lethal Weapon”, “Nur 48 Stunden” oder auch “Shanghai Noon”. Haben diese Filme etwa nicht zwei Protagonisten?

Eigentlich nicht. Bei genauerer Betrachtung der Handlungen solcher Filme (oder Romane) wird man meist feststellen, dass es einen ‘echten’ Protagonisten und einen Partner/Sidekick gibt.

Die beste Methode, den wahren Protagonisten eines Romans oder Films zu identifizieren, ist die Frage, wessen Geschichte hier erzählt wird. Dazu muss man zunächst Plot und Geschichte voneinander trennen. Der Plot ist, was passiert – die äußerlichen Ereignisse. Die Geschichte ist, was mit dem Protagonisten passiert und wie er sich dadurch verändert. Erst wenn man beides zusammen betrachtet, wird daraus eine vollständige Handlung.

Wenn Sie versuchen, die Geschichte eines Romans oder Films für jemanden zusammenzufassen, der diesen noch nicht kennt, werden Sie vermutlich kaum sagen: “Es ist die Geschichte von einem Vulkanausbruch, bei dem eine halbe Stadt verwüstet wird und viele Menschen umkommen”, sondern eher: “Es ist die Geschichte eines Mannes, der erst durch eine Naturkatastrophe erkennt, was ihm im Leben wirklich wichtig ist, und so wieder mit der Frau zusammen kommt, deren Liebe er vor Jahren durch eine falsche Entscheidung verloren hatte.”

Wie heißt es so schön: Wir können nicht immer kontrollieren oder auch nur beeinflussen, was geschieht, aber wir haben jederzeit die Kontrolle darüber, wie wir die Ereignisse interpretieren und wie wir darauf reagieren. Jemand, der seinen Job verliert, kann zu dem Schluss kommen, dass er ruiniert ist, da er in seinem Alter keinen neuen Job mehr finden wird. Er verliert sich in Selbstmitleid, beginnt zu viel zu trinken und seine Probleme werden immer größer. Eine andere Person in derselben Situation kann das eigentlich negative Ereignis des Jobverlusts als Fingerzeig und Chance interpretieren und beschließen, sich endlich selbstständig zu machen.

Die Differenzierung zwischen dem Ereignis und unserer Interpretation/Reaktion hierauf bringt die Sache recht gut auf den Punkt. Der Plot ist, was passiert. Die Geschichte ist, wie der Protagonist diese Ereignisse interpretiert, wie er darauf reagiert und wie er sich hierdurch im Laufe der Handlung verändert.

Auch wenn es in einem Roman natürlich durchaus mehrere Charaktere geben kann, die sich aufgrund der Ereignisse (also des Plots) verändern, sollten wir uns im Normalfall immer für eine einzige Person entscheiden, deren Geschichte wir erzählen wollen.

Alle anderen Figuren sollten wir zunächst einmal als “zweite Garde” betrachten. Dazu gehören Archetypen wie der Mentor, der Sidekick oder die Liebesbeziehung des Protagonisten. Sie sind durchaus wichtig für die Handlung, aber sie sind keine Protagonisten.

Bei den oben erwähnten Buddy-Stories ist es meist so, dass einer der beiden Partner der Protagonist ist, während der andere entweder die Rolle des Mentors oder des Sidekicks annimmt – je nachdem, was eher gebraucht wird, um die Geschichte des Protagonisten (also seine Veränderung / sein Wachstum im Laufe der Handlung) zu erzählen.

Auch bei ganzen Heldengruppen (“Die Kanonen von Navarone”, “Der Herr der Ringe”…) gibt es üblicherweise einen Protagonisten, dem die zentrale Rolle zukommt, während die anderen Angehörigen der Gruppe sich auf “zweite Garde” und “Nebenfiguren” verteilen. Der Protagonist muss dabei nicht zwangsläufig der Anführer der Gruppe sein, auch wenn dies in relativ vielen Handlungen so ist. Manchmal startet der Protagonist als normales Mitglied einer Gruppe und muss im Laufe der Handlung erst zum ‘Helden’ heran reifen, wobei in solchen Handlungen der Anführer der Gruppe oft die Rolle des Mentors übernimmt. Denken Sie beispielsweise an die Abenteurergruppe aus “Der Hobbit” und den Einfluss, den die beiden Anführer der Gruppe, Gandalf und Thorin, im Laufe der Handlung auf Bilbos Charakterwachstum haben.

Sonderfall Liebesgeschichten

Liebesgeschichten sind ein Sonderfall. Hier hat man scheinbar zwei Protagonisten (nämlich die beiden Liebenden, die zueinander finden müssen), doch meist ist es auch hier nur eine der Personen, die sich wirklich ändern muss, damit es zum “Happy End” kommen kann – und diese ist dann der Protagonist, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt werden sollte.

Filme sind hier für eine Analyse weniger geeignet als Romane, da es dort weniger einfach ist, den Haupt-Perspektivcharakter zu erkennen. Da im Film in erster Linie die Ereignisse gezeigt werden, während man im Roman auch die Gedanken (und damit die Entwicklung) der Charaktere mitbekommt, ist die Differenzierung, wer nun der Protagonist ist, oft nicht ganz so einfach.

Nehmen wir als Beispiel den Film “Pretty Woman”: Wessen Geschichte ist es – die der Prostituierten Vivian Ward oder die des Corporate Raiders Edward Lewis? Beide verändern sich im Laufe der Handlung: Vivian wird zur selbstbewussten, weltgewandten Frau und Edward krempelt sein Leben um, trennt sich von seinem unsympathischen Geschäftspartner, verarbeitet seine traumatische Beziehung zu seinem Vater und setzt sein Geld produktiv ein, um eine Firma zu retten, statt sie zu zerschlagen und in Teilen zu verkaufen.

Wenngleich Vivian, die titelgebende “Pretty Woman” auch durch die Präsenz ihres Mentors (des Hotelmanagers Bernard Thompson) als Protagonistin in den Mittelpunkt gerückt wird, sehe ich in der Figur des Edward Lewis die größere charakterliche Veränderung. Wäre “Pretty Woman” ein Roman, hätte sich der Autor entscheiden müssen, wessen Geschichte er wirklich schreiben will: die von Edward, dessen Leben durch eine außergewöhnliche Frau verändert wird, oder die Aschenputtel-Geschichte von Vivian.

Dennoch sieht man an diesem Beispiel, dass Liebesgeschichten auch mit zwei ‘echten’ Protagonisten funktionieren, wenn beide sich im Laufe der Handlung verändern, um am Ende zusammenkommen zu können.

Epische Romane mit mehreren Protagonisten

Natürlich gibt es auch Romane mit mehreren ‘echten’ Protagonisten, doch hierbei handelt es sich meist um wahrhaft epische Geschichten wie beispielsweise “Game of Thrones” (eigentlich: “Das Lied von Eis und Feuer”) von George R. R. Martin. Je mehr ‘echte’ Protagonisten man in einer Romanhandlung hat, desto mehr Platz braucht man als Schriftsteller, um die Geschichte jedes dieser Protagonisten (also ihre persönliche Heldenreise bzw. Entwicklung) in der angemessenen Ausführlichkeit zu erzählen.

Solche epischen Handlungen sind meist mehrere Geschichten in einem, die lediglich dadurch miteinander verbunden sind, dass sie sich parallel zueinander ereignen und dass die Schicksale der einzelnen Protagonisten durch gemeinsame Handlungsstränge und oft entgegengesetzte Ziele miteinander verknüpft sind.

Handlungen mit mehreren Protagonisten haben sowohl Vor- als auch Nachteile. Ob man den großen Umfang, den eine solche Story erfordert, als Vor- oder Nachteil betrachtet, muss jeder Schriftsteller für sich entscheiden. Manche Autoren lieben es, epische Geschichten zu erzählen, doch läuft man dabei leicht Gefahr, sich zu verzetteln. Gerade, wenn man wie George R. R. Martin nicht alles im Voraus plant, sondern die Handlung erst während des Schreibens entdeckt, entwickeln derartige Handlungen oft ihre Eigendynamik: neue Protagonisten tauchen auf (oft, indem bisherige Nebenfiguren plötzlich ihren eigenen Handlungsstrang und ihre eigene ‘Geschichte’ bekommen) und ehe man sich versieht, steckt man mitten in einer mehrbändigen Romanserie, die zur Lebensaufgabe mutiert.

Wenn Sie mir nicht glauben, denken Sie nur an das bereits erwähnte “Lied von Eis und Feuer” von George R. R. Martin. Als er 1991 (also vor einem Vierteljahrhundert!) mit dem Schreiben des ersten Bandes begann, plante er die Handlung als Trilogie. Mittlerweile ist er bereits bei fünf Bänden (von denen jedes so umfangreich ist, dass sie in Deutschland jeweils aufgeteilt auf zwei Bücher veröffentlicht wurden) und geht mittlerweile davon aus, dass er noch mindestens zwei weitere Bücher brauchen wird, um seine Romanserie abzuschließen. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass Martin an jeden Band über fünf Jahre schreibt und mit Jahrgang 1948 auch nicht mehr der Jüngste ist, kann man hier wirklich ohne Übertreibung von einer Lebensaufgabe sprechen.

Natürlich hat ein Epos mit zahlreichen ‘echten’ Protagonisten auch Vorteile. Es ist leichter, den Leser bei der Stange zu halten, indem man immer an den spannendsten Stellen, an denen der Leser unbedingt erfahren möchte, wie es weiter geht, auf den Handlungsstrang eines anderen Protagonisten umschaltet und auch diesen bis zu einer besonders dramatischen Stelle weiter schreibt, bevor man das Spielchen wiederholt. Wer also gerne mit Cliffhangern arbeitet, wird Romane mit mehreren Protagonisten lieben. ;-)

Der zweite Vorteil ist, dass man bei mehreren Protagonisten nicht unbedingt jede der Geschichten gut enden lassen muss – auch wenn man nicht gleich wie George R. R. Martin regelmäßig die durch neue Charaktere und ‘aufgewertete’ Nebencharaktere anwachsende Protagonisten-Garde auf bitterböse und für den Leser meist völlig unerwartete Weise ausdünnen muss. Wenn man in einer epischen Handlung mehrere Protagonisten hat, kann man durchaus eine oder mehrere davon tragisch enden lassen. Solange es für andere Protagonisten ein positives Ende gibt, werden Leser dies meist eher akzeptieren, als wenn der eine ‘echte’ Protagonist des Romans am Ende scheitert oder stirbt.

Fazit

Versuchen Sie nach Möglichkeit, sich bei der Planung Ihres Romans auf einen einzigen Protagonisten festzulegen, dessen Geschichte Sie erzählen wollen. Nehmen Sie nur dann weitere Protagonisten dazu, wenn Ihre Handlung so komplex ist, dass Sie diese beschädigen würden, indem Sie diese Figur in die ‘zweite Garde’ herunter stufen.

Jeder weitere Protagonist braucht ausreichend Platz auf den Seiten Ihres Romans, um seine Geschichte in der angebrachten Ausführlichkeit zu erzählen, und bringt die Gefahr mit sich, den Leser zu verwirren. Die meisten Leser bevorzugen einen klar definierten Protagonisten, dem sie die Daumen drücken und mit dem sie mitfiebern können. Aber letztendlich ist es natürlich allein Ihre Entscheidung, wie viele ‘echte’ Protagonisten Sie für Ihre Handlung brauchen.


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7 Gedanken zu „Wie viele Protagonisten kann ein Roman vertragen?

  1. Ich kann bestätigen, dass eine Liebesgeschichte mit zwei Protagonisten viel umfangreicher zu schreiben ist. Menschen sind komplizierte Wesen. Romanfiguren machen da keine Ausnahme :-)

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