yWriter – kostenlose Konkurrenz für Scrivener?

yWriter, ein Schreibprogramm aus der Feder des australischen Science-Fiction-Autors Simon Haynes (“Hal Spacejock”), stellt das meines Wissens einzige kostenlos erhältliche komplette Schreibsystem für Schriftsteller dar. Sein Funktionsumfang geht weit über den eines normalen Textverarbeitungssystems hinaus und unterstützt die komplette Entwicklung eines Romans von der Planung über das Schreiben und die Revision bis hin zum Export für eine spätere Veröffentlichung.

Als “Komplettsystem” tritt es in direkte Konkurrenz zu kommerziellen Programmen wie Scrivener, Patchwork, Papyrus oder WritersCafe 2. Und eins muss man sagen: yWriter schlägt sich im Vergleich zur Konkurrenz äußerst wacker.

Eine kurze Vorbemerkung: yWriter enthält nicht nur eine, sondern gleich zwei deutschsprachige Übersetzungen. Leider ist die eine so unvollständig wie die andere, so dass auch bei einer auf “Deutsch” umgestellten Benutzeroberfläche dennoch recht gelegentlich Befehle und ganze Menüpunkte auf Englisch erscheinen. Da ich in dieser Beziehung eine “Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität” habe, lasse ich yWriter lieber auf Englisch eingestellt und verwende daher auch in diesem Artikel die englischen statt der deutschen Befehle/Menüeinträge.

Die Hauptvorteile von yWriter gegenüber einer “normalen” Textverarbeitung wie Microsoft Word oder OpenOffice Writer liegen in der mehrstufigen Organisation größerer Texte und im Verwalten von Notizen.

Auch wenn yWriter nicht wie Scrivener beliebig viele Gliederungsebenen zulässt, kann man seinen Text dennoch zunächst in Kapitel und innerhalb der Kapitel in Szenen unterteilen.

Dass man nicht mehr als zwei Ebenen (Kapitel/Szene) in die Tiefe gehen kann, mag einem anfangs noch als Handicap erscheinen. Schließlich kann man z.B. in Scrivener jedes Projekt so tief auseinanderbröseln, wie man das möchte. Auf der anderen Seite zwingt einen yWriter dadurch dazu, das eigene Schreibprojekt klarer zu durchdenken. Kapitel und Szenen – braucht man in der Praxis wirklich darüber hinaus noch andere Unterteilungen?

Sowohl für Kapitel als auch für Szenen kann man in yWriter bereits in der Planungsphase ausführliche Notizen hinterlegen, die man sich auch während des Schreibens als nützliche Gedankenstütze anzeigen lassen kann.

Der Bildschirm von yWriter ist dazu in vier Sektoren aufgeteilt, deren Größe sich mit der Maus beliebig an die Bildschirmgröße und die eigenen Vorlieben anpassen lässt.

Screenshot yWriter 6Links oben befindet sich die Übersicht der bereits angelegten Kapitel. Neue Kapitel können jederzeit über die rechte Maustaste und “Create New Chapter” angelegt werden. In dem nun aufpoppenden Fenster kann man dem Kapitel einen Namen verpassen und in der Beschreibung hinterlegen, worum es in dem Kapitel gehen soll. Nachdem man das Kapitel mit OK gespeichert hat, steht es zunächst am Ende der Kapitelliste, kann aber ggf. einfach per Drag&Drop an eine andere Stelle innerhalb der Handlung verschoben werden.

Durch Anklicken eines Kapitels in der Kapitelübersicht (einzelner Mausklick), wird im zweiten Sektor (links unten) die Beschreibung (also der Inhalt) des Kapitels angezeigt und im dritten Sektor (rechts oben) erscheint eine Liste aller Szenen innerhalb dieses Kapitels.

Auch hier ist das Handling ähnlich: Über die rechte Maustaste und “Add Scene” können neue Szenen angelegt werden, deren Beschreibung später jederzeit im vierten Sektor (rechts unten) nicht nur einsehbar, sondern auch änderbar ist.

Praktisch ist in diesem Zusammenhang, dass man pro Szene nicht nur eine Beschreibung hinterlegen kann, sondern auch davon unabhängige Notizen.

Damit sind die Möglichkeiten von yWriter aber noch nicht einmal annähernd aufgelistet: Wie es sich für ein auf das Schreiben von Romanen spezialisiertes Schreibprogramm gehört, können Sie auch eine Liste aller Figuren, Handlungsorte und wichtigen Objekte Ihres Romans anlegen und diese den einzelnen Szenen zuordnen.

Für jede Szene können Sie auch einen Perspektivcharakter (Viewpoint) festlegen, aus dessen Perspektive die jeweilige Szene erzählt werden soll. So können Sie später jederzeit prüfen, wieviel Szenen eine bestimmte Figur hat und wie sich die Gesamtlänge Ihres Romans auf die einzelnen Perspektivcharaktere verteilt.

Auf diese Weise können Sie frühzeitig erkennen und vermeiden, dass am Ende Ihres Romans einer Ihrer Lieblings-Nebencharaktere mehr Szenen und einen größeren Anteil an der Handlung als Ihr eigentlicher Protagonist hat.

Pro Szene können Sie unter “Details” auch angeben, wie weit Sie bereits mit dieser Szene sind, indem Sie ihr einen Status von “Outline” (also Gliederung/Planung) über “Draft” (Rohfassung), “1st Edit” (Erste Revision) und “2nd Edit” (Zweite Revision) bis hin zu “Done” (fertig) verpassen. So sehen Sie jederzeit, wo noch Handlungsbedarf ist und wie viel Arbeit noch vor Ihnen liegt.

Sehr nützlich ist auch der automatische Wordcount von yWriter. Während des Schreibens sehen Sie jederzeit die Länge Ihres kompletten Manuskripts sowie die Info, wie viele Wörter Sie heute geschrieben haben.

Das fertige Manuskript können Sie schließlich über die Export-Funktion in diversen Formaten (HTML zur Weiterverarbeitung in Sigil, RTF oder auch als eBook) zur weiteren Bearbeitung und Veröffentlichung exportieren.

Fazit: yWriter6 ist das wohl beste und vielseitigste kostenlose Schreibprogramm für Romanautoren. Auch wenn es im direkten Vergleich mit Scrivener nicht ganz mithalten kann, sollte man nicht vergessen, dass yWriter kostenlos angeboten wird, während Scrivener 40 Dollar kostet – und dass man yWriter im Gegensatz zu Scrivener sogar auf einem USB-Stick installieren und unterwegs benutzen kann. Falls Sie yWriter noch nicht kennen, kann ich Ihnen nur empfehlen, es mal auszuprobieren.

Sie finden yWriter6 auf der offiziellen Seite von Simon Haynes unter http://www.spacejock.com/yWriter6.html

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3 Gedanken zu “yWriter – kostenlose Konkurrenz für Scrivener?

    • Danke für den Tipp, aber leider funktioniert der Link nicht mehr. Auf der Hauptseite von Calligra.org findet man auch nichts mehr über das ‘Calligra Author’ Tool – sieht für mich so aus, als ob Calligra das Tool, das wohl noch in einer relativ frühen Entwicklungsphase war, gecancelt und aus dem Portfolio gestrichen hätte.

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